die Puppe

Als ich durch das Zimmer schaue und überlege, welches kleine Nähprojekt einfach und erfolgversprechend sein könnte, fällt mein Blick auf unsere Baby Born Puppe. „Dir kann man echt nichts, aber auch gar nichts in die Hand geben. Alles machst du kaputt.“
Ich will nähen, weil es mir gerade hilft, Erinnerungen an schwierige Erfahrungen zu distanzieren. Und die Kinderinnens. Ich kann das immer noch nicht mit einer hübschen Idee von einem super sicheren Ort ganz für sie allein und seit einer Weile versuchen wir auch, sie nicht einfach immer wieder in das weiße Nichts des Schwans zu schieben, also eiere ich durch den Alltag. Tue kleine erfolgversprechende Dinge, arbeite mich müde und zufrieden und hoffe auf Nächte, die verkraftbar sind.

„Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
Die Puppe klappert, als ich sie hochnehme. „Du sollst mich angucken, wenn ich mit dir rede!“ Ich halte sie fest, verlasse das Schlafzimmer und die Erinnerung. Ich schaue aus dem Fenster und denke daran, dass ich später noch die Pflanzen gießen muss.
„Eigentlich mache ich gar nicht immer alles kaputt“ denke ich und bleibe ein bisschen länger in dem Gefühl des Schaffens, das der Garten in uns auslöst. Es hat sich schon viel darin verändert und das unter anderem deshalb, weil der Freund nicht glaubt, dass man uns nichts in die Hand geben kann.

Ich google nach Schnittmustern für Puppenkleidung und finde eins, das für Anfänger_innen geeignet ist. Die Puppe, die nie einen Namen hatte und nie mehr als ein Trainingsgerät für die Tätigkeiten war, die allgemein erwartet wurden, liegt in meinem Schoß und starrt in die Luft. Sie ist ziemlich verstaubt und dreckig. Auf dem Kopf sind Farbstreifen, die Kuppe eines Zeigerfingers fehlt, nachdem Fingernägelschneiden daran geübt wurde.

Während der Drucker röchelnd und ächzend das Schnittmuster aus sich rauswürgt, gehe ich in die Küche, wo die Nähsachen stehen. Sie wiegt vielleicht 400 Gramm und besteht komplett aus Kunststoff. Als ich sie aus dem selbstgestrickten Pullover friemele, klappert sie wieder. „Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
„Ja, was soll ich damit gemacht haben, du Arsch. Vermutlich habe ich damit gespielt. Mit diesem 100% Kunststoffscheiß, der doch ganz logisch irgendwann irgendwie auf jeden Fall kaputtgehen musste.“ Ich schüttle sie nochmal. Und nochmal. Und nochmal sehr kräftig. Es ist schon so lange her und immer noch so eine ungerechte Kackscheiße. „Arschloch bescheuertes“, denke ich und lege die halbnackte Figur auf den Küchentisch. Ich leuchte in die Löcher auf ihrer Rückseite und sehe, dass es Kreuzschlitzschrauben sind, die sie zusammenhalten .

Der Drucker ist längst fertig. Draußen zwitschert die Sperlingsgang, die Sonne scheint. Mir ist schlecht und ungreifbarer Erinnerungsmüll wabert mir entgegen wie eine Algenpest aus der Hölle. Ich schraube die Puppe auf und finde das Stück Plastik sofort. Einer der stabilisierenden Pfeiler im Korpus war offensichtlich nicht gut genug mit der Schale verklebt. Das war unmöglich unsere Schuld. Egal, was wir mit der Puppe gemacht hätten, wäre das passiert. Wir hätten sie natürlich auch nie anrühren können, klar. Aber das wäre sicherlich auch wieder als Zeichen von Undankbarkeit, Gefühlskälte oder was weiß ich gedeutet worden. „Beknacktes, dämliches Scheißarschloch.“ denke ich und schraube die Teile wieder zusammen. „Für die 4 Schrauben hats bei dir dann nicht gereicht. Aber sie zu schlagen und fertig zu machen schon. Das war drin.“

Wie sie so da liegt, macht mich fertig. So steif und starr, nackt und einfach nur präsent, weiter nichts. Man kann alles mit ihr machen. Alles, was man will. Sie wird nie irgendetwas sagen, nie irgendetwas ausdrücken, immer nur da sein und starren und Plattform für alles mögliche sein.
In einer Anwandlung fange ich an, sie sauberzumachen. Das hat etwas von Heilmachen und fühlt sich merkwürdig an. Ich bin gegenüber toten Gegenständen nicht fürsorglich, merke aber, dass ich hier gerade etwas Fürsorgliches tue, das ich so konkret nach innen nicht tun kann.

Einen Tag später sind Hose und Shirt fertig.
1992 ist 28 Jahre her. Unsere Baby Born Puppe klappert nicht mehr.

Fundstücke #74

„So will ich nicht sein.“ Das sagt Hannah immer wieder. Obwohl die Situation, in der sie das sagen wollte und auch gesagt hat, schon seit gut 3 Stunden vorbei ist. Draußen regnet es, eine große Fliege versucht sich durch die Schlafzimmerfenster zu bohren. Müdigkeit liegt wie eine Bleischürze auf mir. „So will ich nicht sein.“
Das sagt sie, weil sie nicht verletzen, irritieren, überraschen, überfordern, will. Weil sie „keine Situation entstehen lassen will“.
Ich hatte am Vormittag für unser nächstes Buch aufgeschrieben, wie Hannah entstanden war. Musste weinen, weil ihr keine Traumatisierung mit Todesgeschmodder und dramatische Szenen der Gewalt voranging, sondern einfach nur unsere Angst zu sterben, weil wir von jetzt auf gleich absolut allein auf der Welt waren. In der absoluten Frei_von_heit, wie sie viele Aussteiger_innen erleben, wenn ihre Verbündeten oder, wie in unserem Fall, Behandler_innen, nicht mehr (für sie) da sind oder sein können/wollen/dürfen.

Hannah kann Menschen. Sie ist unsere beste soziale Rechenmaschine und die einzige, die Ver_Bindungen nicht nur ertragen, sondern auch herstellen und gestalten kann. Was unser Leben nach der Gewalt angeht, trägt sie am meisten der Last, die damit einhergeht, es auch zu erhalten. Niemand von uns anderen hat Freund_innen. Niemand von uns kann Menschen. Wir haben Angst und können Menschen aushalten. Manche jedenfalls. Dass unsere Therapie einen anderen Menschen erfordert, war und ist bis heute eine der größten Barrieren der Traumatherapie für uns. Dass wir das Bedürfnis nach menschlicher Nähe, Verbundenheit und Kontakt haben, ist für manche von uns der schlimmste Verrat voreinander. Dass der Freund in unserem Leben ist, liegt an Hannah und ihrem Brückenschlag zwischen ihm und uns.

Warum Hannah so ist, wie sie ist und wir nicht, können wir nicht verstehen. Aber sie ist da und ohne sie wären wir es nicht mehr.

„So will ich nicht sein.“, das fühle ich wie etwas, das von innen durch meinen Kehlkopf nach außen will. Als die Fliege neben dem Lichtkegel der Leselampe landet, rinnt es mir aus den Augen. „Du solltest nie sein“, denke ich in ihre Richtung. Weine fertig, gehe ins Bad, wasche mir das Gesicht.
„Und doch sind wir hier.“

Maskenpflicht und Todesangst

Maskenpflicht.
Finden wir gut, wichtig, überfällig.
Und anstrengend, überfordernd, triggernd.

Für uns gibt es an der Stelle keine Diskussion. Kein “Ich will eine Ausnahmeregelung für mich, weil…” versus “Es muss auch andere Wege geben.”, denn es gibt andere Wege und in Kombination mit einer allgemeinen Maskenpflicht steigert sich deren Effizienz.

Ein Problem, das ich habe, ist, dass wir Gewalterfahrungen gemacht haben, an die wir erinnert werden, wenn wir etwas im Gesicht haben bzw. haben sollen und andere Leute uns dabei anschauen.
Und Asthma. Das obendrauf.  Jede Irritation der üblichen Atmung (die schon nicht “normal” ist, weil Asthma zu chronischer Hyperventilation durch unbewusste Anpassung der Atmung an die Erkrankung führen kann) bringt uns aus dem Tritt und damit einen Schritt näher an eine Attacke oder die Überblähung.
Und widersprüchliche Informationen. Hier lese ich dies, hier lese ich das, der Freund, der Krankenpfleger war, sagt jenes und draußen im Laden, auf der Straße passiert noch ganz anderes.
Und Autismus. Die Pandemie hat unsere Wochenroutinen zerstört. Wir brauchten und brauchen Zeit, um das zu realisieren und zu prozessieren. Und Kraft, um neue Routinen zu entwickeln, die sich nicht unsicher anfühlen, weil sie ja nur einen Übergang schaffen. Für uns ist die Pandemie aber eigentlich kein Übergang, sondern der Anfang von etwas Neuem, auf das wir uns nicht vorbereiten konnten, zu dem wir uns nicht entscheiden konnten, das wir in seinem Umfang und seiner Bedeutung für uns noch gar nicht erfassen können. Wir müssen uns davon lösen anzunehmen, dass wir bald wieder montags in der Schule Bücher binden und abends die Therapeutin sehen, dienstags mit C. arbeiten, beim Bäcker “unser Brot” kaufen und ein süßes Teilchen essen, während wir mit NakNak* auf dem Schoß im Zug nach Hause sitzen. Das ist alles vorbei. Es wird so sehr lange nicht mehr passieren. Selbst dann nicht, wenn alle schon fertig sind mit Lockdown und Abstand halten. Wir werden zu den letzten gehören, die sich ohne Ansteckungssorge in Bus und Bahn, Supermarkt oder Arztpraxis begeben können. Jetzt ist alles anders. Wir müssen uns daran anpassen und das kostet uns Kraft.  Der Übergang ist eigentlich nur die Zeit, die wir brauchen, um das zu akzeptieren.

Wir schauen uns deshalb genau an, was wir warum wie verändern sollen. Letzte Woche war eine Maske zu tragen noch freiwillig, jetzt soll es eine Pflicht sein. Wo die Masken für alle herkommen sollen, ist unklar. Zu lernen wie man eine Maske richtig und sicher trägt, pflegt und desinfiziert, gehört nicht zur Pflicht, wird auch nicht breit kommuniziert. Für mich sieht das nicht effizient aus. Eher wie etwas, das mir Kraft wegfrisst, die ich zum Ausgleich der Folgen der Ineffizienz brauche. Auch wie etwas, mit dem weiterhin konsequent zwischen “gesund” und “krank”, “arm” und “reich”, “be.hindert” und “be.hinderungen problemlos kompensieren können”, getrennt wird.

Es sieht mir auch nach etwas aus, das meine Probleme der Anpassung individualisiert und damit auch alle Verantwortung und weiter auch Schuld für mögliches Scheitern und dadurch eventuell entstehende Gefährdung Dritter. Und ja, sicherlich sind all die Dinge, die mir das Tragen einer Maske erschweren individuell – dass es mir schwerfällt eine zu tragen, ist es jedoch nicht. Damit sind aktuell eine ganze Menge Menschen konfrontiert und überfordert.
Es gibt im Moment so wenig, das hilft, sich anzupassen. Sich irgendwie einzufinden. Alle, die ich kenne, wurschteln sich irgendwie da durch, können gar nicht so richtig sagen, was ihnen hilft und was nicht. So oft enden unsere Gespräche mit der Feststellung, dass es ist, wie es ist, wir es akzeptieren und gucken müssen, wie wir durchkommen. Sie enden nie damit, dass wir mehr als symbolisch zusammenstehen müssen. Nie damit, dass man einander sagt, dass man Angst hat zu sterben. Man tröstet sich nicht. Man redet nicht über den Tod und die Angst davor. Immer noch nicht. Man redet darüber, wo man Masken kaufen kann. Dass man eine positive Einstellung haben muss. Dass es anderen viel schlechter geht. Dass man sehen wird, wie sich das alles entwickelt.

Die Angst ist für uns in allem. Unsere Gewalterfahrungen waren mit Todesangst verbunden. Jede Asthmaattacke ist mit Todesangst verbunden. Jeder Routinenbruch ist für uns mit der Angst verbunden, die Welt könnte zerbrochen sein und wir dadurch in Lebensgefahr. Eine Maske, eine Abstandsregel, eine Desinfektionsvorschrift berührt diese Angst nicht, eigentlich lenkt sie nur davon ab, verschiebt den Schwerpunkt der Vermeidung. Man hat einen Gesprächspunkt mehr, durch den man einander nicht sagen muss: “Ich weiß, dass du Angst hast, ich habe auch Angst. Mein Umgang damit ist…”

Wir trainieren uns das Tragen einer Maske jetzt an. Aus Gründen, die weniger mit Corona als damit zu tun haben, dass wir es für eine relevante Fertigkeit halten, eine Maske im Gesicht tolerieren zu können.
5 Minuten-YouTube-Video = 5 Minuten Maske im Gesicht aushalten. Das geht. Die Erinnerungen kommen, mit dem Ende des YouTube-Videos, enden auch sie. Imagination ist nichts anderes als gezielte Dissoziation. Es ist okay, sich durch die Tragezeit einer Maske zu dissoziieren. Es ist okay, Angst zu haben. Die Tragezeit ist begrenzt. Ihr Ende kann man sich deutlich machen, ihren Anfang kann man sich deutlich machen. Man kann kontrollieren, wann und wo und warum man sich ihr aussetzt. Und, ob es das wert ist. Die eigentliche Angst ist immer da. Ob mit oder ohne Maske, die triggert, die Atmung erschwert, den Ausnahmecharakter der Gesamtsituation extrem unterstreicht.

Gegen die Angst hilft nicht, sich gegen eine Maske zu entscheiden oder einfach nicht mehr rauszugehen (wenn man diese Option überhaupt (wirklich) hat). Gegen die Angst hilft nur Beruhigung, durch Sicherheit(sgefühl), durch Versorgung aller Bedürfnisse.
Wie immer.

Autismus, Trauma, Kommunikation #8

Ich hing gestern gut 6 Stunden im Support meines Webhosters, um die E-Mail-Adresse, die ich hier seit Jahren verwende, um über Blog, Podcast und darüber hinaus erreichbar zu sein, zu retten.
Es war das Ende einer langen Kette von Miss- und Unverständnissen, die ich in diesem Text nicht weiter ausbreiten will, unter anderem, weil sie nicht sind, die mich belasten oder jetzt, einen Tag später endlich meine Erschöpfung von allem spürend, auch unfassbar schmerzlich berühren.

Worüber ich hier schreiben will ist, warum es mich so schmerzt. Warum es ein Trigger für uns ist. Was genau der Punkt ist, wo sich Autismus und Trauma bei uns so vermischen, das die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion in jeder Situation eine retraumatisierende sein kann.

Im Blog von Vielen haben wir die Textkategorie „Die Helfer_innen und die Hilfe“.
Entstanden ist sie aus der Erkenntnis, dass Helfer_innen und Hilfe schaden können. Aber auch aus dem Wunsch zu erfassen, was uns hilft und wieso. In dieser Kategorie finden sich auch Texte aus der Zeit vor der Autismusdiagnose, in der wir dachten, dass wir einfach unverständlich sind. In der wir dachten: „Wir machen das halt einfach immer falsch mit dieser Hilfe. Wir müssen die richtigen Worte finden, wir müssen uns genau abgucken, wie andere sich verhalten, damit sie Hilfe bekommen und wir müssen das nachmachen (, um dann zu merken, dass wir selbst das noch falsch machen, weil unser Blick auf Menschen dazu führt, dass wir die falschen Verhaltensweisen in falschen Reihenfolgen kopieren).“

Missverständnisse zu vermeiden, den richtigen Eindruck zu vermitteln, das Richtige im richtigen Moment zu sagen, oder zu verschweigen, war in meiner Kindheit über.lebenswichtig. Dabei  außerhalb der familiären Gewaltkontexte immer wieder zu scheitern, zum Beispiel in der Schule, im Hort, im Sportverein, in Chor und Band und was wir nicht alles noch besuchten, ist das Eine.
Es bestätigte die Traumawahrheit, dass niemand hilft, niemand glaubt und auch niemand versteht. Das AußerhalbderFamilie wurde mir immer wieder als unwürdig, falsch, schlecht, dumm dargestellt und so erschien die Botschaft auch valide.
Diese Dynamik beschreiben viele Menschen, die als Kinder in gewaltvollen Familien, in Sekten und organisierten Gewaltkontexten, auswachsen mussten. Es gibt ein Außen auf das du nicht zählen kannst und es gibt ein Innen, das immer für dich da ist – die Familie/Sekte/Gruppe/die Anderen.

Als autistisches Kind hatte ich das nicht.
Autismus greift in jede Interaktion und in jede Kommunikation hinein. Die gleichen Miss- und Unverständnisse, die ich im Außen erlebte, erlebte ich auch im Innen. Nur dort in seinen Auswirkungen erheblich brutaler, einfach schon, weil ich ein Kind war. Abhängig auf allen Ebenen und dadurch schlicht nicht in der Lage, überhaupt meiner Sicht auf die Dinge die Be_Achtung einzufordern, die nötig ist, um Miss- und Unverständnisse aufzuzeigen oder zu klären.

Wer durch ein Minenfeld laufen muss, aber nicht, wie alle anderen Leute auf Merkmale der Minen achtet, wird verletzt. Ganz zwangsläufig. Und so – auf diese Art gehen wir durchs Leben. Immer wieder und wieder und wieder und wieder. Ohne, dass unsere Gesprächpartner_innen das merken. Ohne, dass wir ihnen das immer so begreiflich machen können, dass sie sich nicht als Person gekränkt, bedrängt, abgewertet oder irritiert erleben. Ohne, dass sie uns den Schmerz nehmen oder uns trösten können. Ohne, dass sie ~ einfach mal eben so, ohne jede Anleitung und Herumprobieren und der dazu nötigen Konsequenz ~ etwas dagegen tun können.

Nun ist die Metapher natürlich nicht ganz passend. Die Merkmale einer einzelnen Mine kann man auswendig lernen. Man kann sich zwingen, sich selbst gegenüber brutal restriktiv dazu bringen immer, zu jeder Zeit auf den Boden zu schauen und auf Minen zu achten. Zwischenmenschlichkeit ist aber kein fester Gegenstand. Kommunikation verläuft nicht immer gleich, nicht immer vorhersehbar. Interaktion wird von so einer großen Zahl von Faktoren beeinflusst, dass sie einfach nicht in allem immer berechnet oder angenommen werden kann. Schon gar nicht von einem Kind, das zusätzlich dazu noch in einem sozialen Umfeld aufwächst, das unvorhersehbar und immer unnachvollziehbar in Gründen und möglichen Konsequenzen absichtlich irreführend kommuniziert.

Was sich für uns aus diesem Umstand (und vielleicht noch anderen, bisher nicht bekannten Faktoren) entwickelt hat, ist, dass es für uns ein Außerhalbvonuns, ein AußerhalbderFamilie und das InderFamilie gibt.
„Autismus“ als Wort kommt laut Wikipedia von altgriechisch „autós“ – also „selbst“. Die meisten Autist_innen, die ich bisher kennenlernen durfte, kennen diese Trennung von sich. Es gibt sie und gibt alle anderen. Und immer stehen dahinter ähnlich schwierige Kommunikations- und Interaktionserfahrungen. Ich persönlich sehe das nicht darin begründet, dass alle Menschen speziell autistischen Menschen gern das Leben zur Hölle machen wollen, sondern darin, dass die meisten Menschen eben nicht autistisch sind oder die autistische Wahrnehmung und Einordnung nicht von sich selbst kennen und also nicht nachvollziehen und also nicht beachten können.
Das macht Autismus für mich zu einer Behinderung, die noch einmal mehr als bei anderen Behinderungen, nicht als etwas Individuelles angenommen und behandelt werden darf, da auch nicht autistische oder anders neurodivergente Menschen in ihrer Kommunikation mit autistischen Menschen die Barrieren der Kommunikation und Interaktion zu kompensieren gezwungen sind.

Die im wahrsten Sinne des Wortes herrschende Ansicht ist allerdings eine andere und so ergibt sich für mich eine immer wieder auftauchende Dynamik der Traumatisierung (s. „seelische Verwundung“) in meinem Alltag, die sich auch noch einmal verschärft hat, seit ich weiß, dass ich autistisch bin.
Meine Bemühungen um Verstehen und Verstandenwerden passieren in aller Regel einseitig, weil mein autistisch sein als meine Behinderung angenommen wird. Etwas, das ich überwinden muss, um mit nicht autistischen und anders als ich neurodivergenten Menschen in einander verstehender Kommunikation „richtig“ zu funktionieren. Ich werde da mit etwas auf eine Art allein gelassen, die im Umfang ihrer Implikationen für mich unermesslich ist. Die Welt – das Außerhalbvonmir – ist damit eine nie versiegende Quelle von Schmerz, von Überforderung, von Not, von Ohnmacht und Hilflosigkeit und gleich meiner mich jahrelang quälenden Misshandlungsfamilie in ihrer Anmutung.

Und das tut weh.
Das tut wirklich weh und ist im Ausmaß nicht zu beschreiben.

Denn auch wenn ich weiß, dass ich am glücklichsten allein bin; dass ich weiß, dass ich mir selbst am meisten Vergnügen bereite und auch sonst immer und immer alles irgendwie auch allein schaffe (mich durch alles durch dissoziieren kann) so will ich doch auch vertrauen können, andere Perspektiven als meine er_leben, von anderen lernen, meine Kräfte schonen, indem ich Herausforderungen mit Unterstützung anderer Menschen bewältige und so weiter und so fort. Ich will leben. Nicht überleben.

Missverständnisse bedeuten für mich oft, von jetzt auf gleich völlig auf mich allein gestellt über_leben zu müssen. Sie sind mir Trigger für Erinnerungen an Vergangenes und reales Jetztgeschehen gleichzeitig und weil das so ist, hat dieser Text keine Punchline am Ende, die zu einem Like oder einem Klick auf den Share-Button führt, sodass mehr autistische traumatisierte Leute davon lesen können. Es ist wieder einfach nur gesagt. Aufgeschrieben. Ums zu sagen. Zu erklären. Zu zeigen, dass es passiert und dass es weh tut und ich nichts dagegen tun kann, weil grad einfach alles so ist, wie es ist und ich mittendrin bin und nichts und niemand – weder mein Wissen zu Trauma, Autismus, Menschen und ihrem Ableismus, noch irgendjemand, der helfen will, helfen kann.
Denn der Schmerz passiert in mir allein und alles andere ist Außerhalbvonmir.

zum Weltautismustag 2020

Weltautismustag.
Wir gehen ins fünfte Diagnosejahr. In der letzten Podcastfolge „Viele-Sein“ haben wir erzählt, was sich alles für uns geändert hat, seit wir dem ersten Verdacht nachgingen.
Wir haben gesagt, dass es uns vorkam, als hätten wir unser Leben lang versucht, mit einem Hammer zu schaffen, was alle mit einem Hammer schaffen, obwohl wir einen Schraubenschlüssel brauchten. In Bezug auf den Weltautismustag erscheint es uns inzwischen, als würde auch in Sachen „Öffentlichkeitsarbeit zu Autismus“ mit den falschen Werkzeugen gearbeitet.

Schon einen einzelnen Tag im Jahr für die Thematik freizumachen ist absurd. Das wirkt wie ein Gedenktag, an Autismus wird aber nicht gestorben, sondern an dem Ableismus, dem Saneismus und der damit begründeten Gewalt, die autistischen Menschen angetan wird. Damit meine ich nicht nur Eltern, die ihren Kindern Bleichmittel einflößen, sie mangelhaft und einseitig ernähren oder direkt töten, sondern auch Konversionstherapien, der Zwang zu Anpassungsleistungen, die weit über die jeweiligen Kompensationsfähig- und -fertigkeitsoptionen gehen und das Verwehren von Teilhabe und Selbstvertretung.

Ironischerweise steht der diesjährige Weltautismustag für Autismus Deutschland e. V. unter dem Motto „I can learn I can work“. Für mich sieht es nicht so aus, als würden große Organisationen, die sich zu den Leben autistischer Menschen äußern, lernen. Denn eigentlich sollte nun, nach so vielen Beiträgen von autistischen Selbstvertreter_innen im Netz, wie auch in Funk und Fernsehen, endlich klar sein, dass auch in Sachen Autismus nichts über uns ohne uns geht.
Doch wie man heute wieder vielfach sieht: Da wurde nichts gelernt.
Immer noch sieht man Puzzleteile, immer noch stehen Erziehungs- und Förderungskonzepte im Vordergrund, nach wie vor geht es überwiegend um autistische Kinder.
Die Lebensrealität autistischer Erwachsener wird unter Aspekten der Produktivität und Anpassungserfolge dargestellt, wiederum oft nur um Spenden zu sammeln oder ins Leere zu klagen – nicht, um zu mobilisieren oder gar politische Bewegungen anzutreiben.

Stichwort politische Bewegung – wir werden oft über den Autismus vereinzelt, wie wir über die DIS vereinzelt werden.
Unsere Erfahrungen werden individualisiert, also zu etwas gemacht, dass allein uns betrifft und nicht auch den Rest der Welt. Die Folge dessen ist, dass unserer Stimme weniger politisches Gewicht gegeben wird. Da heißt es: „Ja, für dich ist XY eine Barriere, aber für die meisten Leute nicht, deshalb ändern wir das nicht. Wir ändern nichts nur wegen einer Einzelperson.“ Der Schritt zu dem Bewusstsein, dass beim Vorliegen einer oder vieler Barrieren nichts wegen einer Einzelperson, sondern wegen der Grundrechte auf freie Entfaltung und Teilhabe für alle Menschen gleich, etwas verändert werden muss, der wird deshalb oft gar nicht möglich.

Auch an der Stelle versagt der Weltautismustag. Dieses Problem kann in einem Tag nicht einmal vollständig erklärt werden, geschweige denn Lösungsprozesse anstoßen – was also soll dieser Tag machen?
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Und zwar nicht für neue interessante Projekte, die (erwachsene) Autist_innen im Lauf des letzten Jahres auf die Beine gestellt haben (so wie „Neuro(r)evolution“ zum Beispiel) oder so etwas, sondern für Organisationen, die ableistische Menschenbilder und saneistische Wohlfahrtsgedanken weiterhin für sich ausnutzen. Und zwar nicht nur auf Kosten der autistischen Menschen, sondern auch deren Familien, Freund_innen und Verbündete. Letztlich also alle Menschen.

Wir entziehen uns dem, was uns in folge von Kritik oft begegnet, nämlich der Anspruch, eine Alternative vorzuschlagen oder es besser zu machen.
Es geht uns nicht um Alternativen zu ableistischer Gewalt oder saneistischen Haltungen – es geht um Ableismus und Saneismus an sich. Es geht darum, dass autistische Menschen nach wie vor nicht als Menschen (wie andere auch) angenommen und akzeptiert werden, einfach nur, weil sie autistisch sind.
Wir glauben nicht, dass es unsere Aufgabe sein muss, Menschen ~der Öffentlichkeit~ zu erklären oder zu zeigen, wie vielfältig Menschen sind. Auch diesem Take liegt ein schlimmes Menschenbild zugrunde, das uns sehr fern liegt.

Wir glauben, dass wir klarmachen müssen, was Menschenrechte sind und was Gleichheit in allen Rechten bedeutet.
Schlimm genug, dass wir annehmen müssen, dass den meisten Menschen nicht ganz und gar klar ist, was das bedeutet und wir jedes Jahr im April ganz besonders daran erinnert werden.

nichts ist wie sonst

Und dann war die Therapeutin in unserem Büro. Psychotherapie übers Internet.
Ich erzählte ihr, dass wir zum ersten Mal eine Podcastaufnahme neu anfangen mussten, weil ich nicht aus einem Gefühl heraus kam. Sorge, Angst, die Therapie und alles, was wir bisher darin erarbeiten konnten durch die Epidemie wieder zu verlieren. Und darüber natürlich grundfeste Panik, dass wieder alles so wird wie früher. Früher, als Suizidalität normal, Angst und Verzweiflung der einzige Motor für alles war. Sie sagte aus dem kleinen Browserfenster, dass man Erlebtes nicht verlieren kann. Dass das für unsere Gewalterfahrungen genauso wie für die Therapieerfahrungen gilt.
Ein beruhigender Gedanke.

Bis ich heute Morgen aufwachte und keinen richtigen Gedanken fassen konnte.
Ich konnte nicht arbeiten, konnte mir keine Meinung bilden, verwirrte mich selbst mit dem, was ich dann aber doch an halbwegs konsistentem Zeug von mir geben konnte.
Bis ich merkte, dass ich die Pizza nicht abholen konnte, weil mich das Wissen um die Veränderung im Ablauf ängstigte. Bis ich gerade verstand, dass ich innerlich so total verklemmt und verdreht bin, weil sich um mich herum alles verdreht und verklemmt.
Es ist echt nicht viel, was sich für uns verändert. Es ist nur das Einkaufen gehen und dass wirklich dauernd das Handy vibriert, weil uns Leute schreiben und es Arbeitschats gibt. Aber das ist für uns, so in der Form, in dem Rahmen und dieser Unmöglichkeit die Dauer einschätzen zu können, schon zu viel. Und selbst, wenn man daran jetzt etwas ändern könnte, wäre diese Änderung ja auch wieder eine neue Änderung.

Und Ostern. Das auch noch. Auch diese Konstante – weg. Auf ein Mal. Jetzt. JETZT kommt da Kontakt zu den Dunkelbunten zustande. Nach 18 Jahren. Jetzt kommt da an: Dinge sind anders und gelten für alle. Auch DIE. Und klar sind die jetzt panisch. Nicht nur irritiert oder verunsichert. Scheißpanisch. Nicht nur, doch sicherlich auch, weil wir ihnen nicht sagen können, was das jetzt bedeutet. Wie das denn jetzt läuft. Und sie können ja auch nicht einfach fragen oder beobachten, was die anderen machen. Sie brauchen Halt. Und den gibts nicht. Für niemanden. ALLE müssen jetzt durch.halten, aus.halten und diesen Zustand Tag für Tag er.tragen.

Es hilft zu wissen, dass wir nichts anders machen als sonst.
Andererseits machen wir gerade alles anders als sonst. Wir sind keine Einzelperson mit Hund mehr. Wir sind ein_e Partner_in in einem Team. Wir leben uns nach wie vor in einer neuen Gegend ein. Wir wachsen in den neuen Namen rein. Wir haben gerade unser erstes gemeinsames Zuhause mit jemanden angefangen. Nichts ist wie sonst.
Außer der Angst.

die Kinder, das Trauma, die erstaunlich schöne Merkwürdigkeit

“Vielleicht ist es das andere Level der Dissoziation.”, damit beende ich einen Gedankengang, den ich nicht einmal wirklich richtig abgelaufen bin, als ich von der Bushaltestelle nach Hause laufe.
Wir haben die neue Bekannte in der nächsten Kleinstadt besucht. In ihrem Haushalt leben zwei kleine Kinder.
Ich mag den Kontakt, weil er mitteltiefe Gespräche beinhaltet. Die Kinder und ihre Belange unterbrechen uns immer wieder – so kommen wir gar nicht an Abgründe heran, alles kann angefangen irgendwie liegen bleiben und uns später nochmal auffallen und dann mit einem schnellen Abschluss bedacht werden.

Ich fühle mich normal in dem Kontakt. Begrenzt wie andere Menschen auch, bedürftig, wie andere Menschen auch. Das durchgehende Begleiten der Kinder bei der Bedarfskommunikation und ihrer Erfüllung macht bei mir eine Reduktion auf. Nichts ist mehr wichtiger als der Moment. Jetzt muss geklärt werden, ob und wenn ja welche Süßigkeiten gegessen werden. Jetzt muss rausgefunden werden, was das Kleine zum Einschlafen braucht. Jetzt muss mal der Tisch abgewischt werden. Jetzt sortieren wir die Rosinen aus dem Studentenfutter. Jetzt können wir mal über Beetumrandungen und das Anziehen von Blumenkohl sprechen. Jetzt muss ich mal überlegen, ob ich auch was essen muss.
Ich merke, dass es nicht leicht ist, so zu funktionieren. Es ist anstrengend, sicherlich auch zehrend, vor allem über Jahre hinweg. Ich merke aber auch: Ich habe keine Angst. Ich bin handlungskompetent, mein Kampf um Wörter und Sprechenkönnen ist nicht da. Ich bin mir meiner selbst sicher. Ich bin ich und ich bin da.
In meinem Leben gibt es ansonsten keinen Bereich, der dieses Gefühl einfach so in mir auslöst. Überall sonst muss ich mir das erarbeiten, der Dissoziation abtrotzen, mich ganz bewusst in die Selbstwahrnehmung reindrängeln und dran festketten, in der Hoffnung, das irgendwann mit weniger Angst im Backend laufen zu haben.

Im Bus nach Hause dachte ich kurz darüber nach, was unsere Gewalterfahrungen als Kind in diesen Situationen mit uns machen. Sind wir besonders achtsam? Sind wir besonders empfindlich? Denken wir den sogenannten “Missbrauch” der Kinder immer mit? Werden wir stark getriggert? Verhalten wir uns deshalb irrational und merkwürdig?
Ich glaube, ja. Ja wir sind besonders achtsam. Ja, als die Bekannte uns mit dem älteren der beiden Kinder schon mal vor auf den Heimweg geschickt hat, habe ich gedacht: “Ja, und wenn ich jetzt eine Täter_in wäre, wäre das genau der Zeitraum, in dem ich DAS DA mit dem Kind tun könnte.”.
Ja, wir sind besonders empfindlich. Als die Bekannte das jüngere Kind vor uns wickelte, dachte ich an Grenzverletzung, denn es war vor uns entblößt, ohne irgendeinen Entscheidungsspielraum.
Also, ja, wir denken immer mit, dass diesen Kindern passieren könnte, was uns passiert ist und, dass wir die Person sein könnten, die ES tut. Es ist keine Handlungsoption – da springen keine Täter_innenintrojekte in uns auf und wollen etwas tun. Aber ja, wir sind stark getriggert und es springen Täter_innenintrojekte auf und beobachten ganz genau, was da gerade passiert. Was ich tue, was die Mutter tut, wie miteinander umgegangen wird, wie angstbefreit die ganze Situation ist und – und ich glaube, dass ist das Nachlassen der Dissoziation bei uns – wie viele Kinderinnens die Situation auch beobachten. Das ist für uns merkwürdiges Verhalten – für alle um uns herum aber ganz normal.
Ich merke, wie ich mich in Angstkreisel hineinsteigern könnte, weil da ja Täter_innenintrojekte sind und die ja böse sind und ich die ja im Grunde eigentlich abtöten muss, weil sie böse sind und scheiße und und und – das aber gar nicht tun muss, weil es trotz der für mich heftigen Merkwürdigkeit irgendwie doch auch völlig in Ordnung ist.
Sie machen nichts anderes als die (anderen) Kinderinnens und die machen nichts anderes als ich, wir Rosenblätter.
Da passiert nichts Besonderes und das ist total besonders. Für uns alle gleich.

Erstaunlich. Merk_würdig.
Schön.

R.

Erstaunlich ist, wie klar sie ist.
Ganz eindeutig ist Verzweiflung, die als Aggression gelesen wird, ihr Motor. Ohne Umschweife sagt sie, was sie aus_sagen will. Da ist kein Zögern, keine Pause, um die (soziale) Lage zu prüfen.
Wir sitzen der Therapeutin gegenüber, bis sie sich rausschält und sagt was ist, während ich noch nach Gedanken fingere, beobachte und überlege, mich in alle Richtungen absichere, keine Situation zu produzieren.

Ich habe schon oft gedacht, dass es merkwürdig ist, wie schief die frühen Hilfen gegangen sind. Sie hat nie irgendwas verschwiegen, hat nie irgendwas versteckt. Nie irgendwas verklausuliert oder anders gesagt, als sie das meint.

„Wie gut können Sie denn GoogleMaps – ich dacht, vielleicht brauchen Sie ewig, um da was einzugeben“. Während sie mit der Therapeutin über frühere gute Orte spricht, berührt mich das Trauma, das mich, uns Rosenblätter, hervorgebracht hat. Ich merke, dass ich ein Pflaster über viele von R.s Wunden bin. Dass sie es ohne mich nicht einmal ertragen könnte, ganz bewusst zu spüren, dass sie gerade mit „einem dieser Therapiemenschen“ spricht.

Zwischen unseren Leben liegen ungefähr 8 Jahre. 1, wenn ich mich nur auf die Rosenblätter als kompensatorisches System beziehe. Und doch ist es eine ganze Welt. Für sie ist jede Hoffnung auf Verstehen und Verstandenwerden tot. Sie sucht keine Freund_innen mehr, sie hat abgehakt, jemals nicht mehr (verlassen) alleinverantwortlich zu sein. Es ist gesetzt, dass nichts, was von ihrem „uns“ kommt, außen okay ist. Weder sie noch andere sind erwünscht, sie weiß das und spuckt auf die schmerzende Stelle. Sie kommt klar.

Wieder denke ich, dass es viel mit Performance zu tun hatte. Aggressiv gelesene Opfer sind schwerer als solche anzuerkennen. Es bietet keinerlei Raum für Mitleid oder Mit-Schmerz-Empfinden, wenn ein Opfer auf Rettung und Hilfe besteht, anstatt darum zu bitten und betteln.
Die Enttäuschung über den Entzug einer Unterstützung oder Hilfe und die folgende Überforderung und ihr Trigger in die Todesangst, bleibt viel eher unbemerkt. Jedes Helferversagen ist eine bestätigte Traumawahrheit mehr. Und zwar eine, die genauso nicht reflektiert und aufgelöst werden kann, wie jene, die in der ursprünglich traumatischen Situation nicht reflektiert und aufgelöst werden kann.

Die Erwachsenen haben an R. versagt. Das Hilfesystem hat an R. und ihren Schatten versagt. Jede Instanz außer sie selbst.

Die Therapeutin fragt, wie R. zu ihrem Ort kam und diese sagt, dass sie einfach über die Straße gelaufen ist. Die vierspurige Bundesstraße in der Nähe ihres damaligen Wohnortes. Und dass das ja das Ding war. Nach links war die Straße, nach rechts Bahngleise. Niemand außer ihr, war jemals da. Und würde jemand kommen, dann … – ich denke das nicht weiter, mir reicht es zu spüren, wie grundlegend gut sich diese Möglichkeit für sie anfühlt. Wie sicher.
Die Therapeutin sagt Dinge, die R. überfordern, da ihr Erfahrungswerte zur Analyse fehlen. Ich merke wie R. ihren, meinen, unseren Autismus nicht kompensieren kann. Sie nimmt, was die Therapeutin sagt, kann nichts damit anfangen und weiß sofort, dass es mal wieder nichts war, von ihr mal wieder nichts kam, was okay ist, weil es hilfreich ist. Ich kann keine Übersetzung zaubern, die ihr diesen Aspekt erleichtert. Weiß auch nicht genau, was die Therapeutin jetzt sagen wollte und was wir machen sollen. Die Stunde ist um, wir gehen nach Hause.

R. kommt klar, ich komme nicht mit. Merke, wie ich wieder als einzige Option übrig bleibe.
Sie ist weg und mit ihr alle Erinnerungen an die Gegend damals.

Notfallkontakte

„Falls mir was passiert.“ Damit leitet der Freund im letzten Sommer eine Aufzählung von 5 Kontakten ein, die wir nach oben in den WhatsApp-Himmel fliegen lassen.
Falls ihm was passiert, passiert uns auch was. Ob wir seine Kontakte dann anrufen können, wissen wir nicht einmal, weil: Was, wenn es weh tut? Was, wenn ihm was passiert und es uns weh tut.
Ein so erschreckender Gedanke, dass wir uns dem nicht mehr nähern.
Die Kehrseite der Katastrophierungsmedaille.

4 Monate später.
Wir sitzen im Wartezimmer der kieferchirurgischen Praxis. Wir werden gleich sediert, um behandelt werden zu können. Harmlos. Aber was, wenn uns dabei doch etwas passiert?
U., die neben uns sitzt und mit uns das Wartezimmer-TV belächelt, weiß nicht mal, wo wir jetzt wohnen. Den Freund hat sie nie getroffen. Sie, die uns seit so vielen Jahren Untersützer_in ist, kennt nur unsere Ausnahmesituationen. Wenn uns etwas passiert, ist sie da, wem aber außer ihr etwas passiert, wenn uns etwas passiert, kann sie gar nicht abschätzen.

Neujahrsmorgen.
Der Nebel ums Haus gibt mir ein Gefühl von Grenzenlosigkeit und hilft mir, mehr „Waswärewenns“, als die gefährlichsten anzunehmen.
Ich setze ein neues bullet journal auf.

3 Wochen später.
Ich ziehe einen Grafikrahmen auf und tippe die Notfallkontakte des Freundes hinein.
Ich ziehe einen Grafikrahmen auf und tippe unsere Notfallkontakte hinein.
Der Drucker streikt, ich kann sie nicht ins journal einkleben und greifbare Option werden lassen.

Am Tag danach fährt der Freund nach Berlin.
Wenn ihm was passiert, gibt es 2 von unseren 5 Notfallkontaktpersonen, die ihn überhaupt mal gesehen haben.

An dem Tag merke ich, dass wir in einer dieser Personen wohl eine Freundin haben.
Die erste, die uns einfach so ins Leben reingewachsen ist.

Autismus und Trauma(therapie)

Unsere Form der Orientierung passiert am Handeln anderer Menschen.
Die Traumakomponente dabei ist die Furcht vor dem Fehler, da der Fehler als Ursache von Gewalt und damit Schmerz, (Lebens)Gefahr und Mangel erlernt wurde.
Die Autismuskomponente ist, dass zu Handeln für uns aktiv und bewusst eingeübtes Copy & Paste ist. Immer noch. Während die meisten Menschen diese Strategie anwenden, wenn sie neue Dinge lernen und einüben, wenden wir das bei praktisch allen Tätigkeiten an. Dabei geht es – besonders heute, wo keine akute Gewalt mehr droht – nicht um den Versuch ein „richtiges“ oder „perfektes“ Ergebnis zu erreichen, sondern darum, es richtig zu machen. Denn auch mit der Art, wie man handelt kommuniziert man mit anderen Menschen. Aus unserer Sicht kommuniziert man darüber besonders Zugehörigkeit und Anerkennung, manchmal sogar Wertschätzung, für den Umstand der Zugehörigkeit oder auch der Notwendigkeit von Zugehörigkeit in diesem Kontext.

Die fragmentierte Selbst- und Umweltwahrnehmung mit der wir leben, stellt bei diesem Unterfangen oftmals die eigentliche Behinderung dar. Wir brauchen länger als andere Menschen, um komplette Handlungsstränge zu erfassen, zu prozessieren, mit unseren Fähig- und Fertigkeiten abzugleichen und sie 1 zu 1 zu kopieren. Sich selbst nicht kontinuierlich spüren, erfassen und reflektieren zu können, bedeutet zusätzliche Zeit- und Raumaufwendung. Noch mehr, wenn es um Aktivitäten geht, die kritischer Prüfung bedürfen, weil sie MIssbrauchspotenziale enthalten oder zu direkten und indirekten Schäden an uns oder anderen führen.

Anpassung ist ein Vorteil in evolutionären Prozessen. Anpassung geht über „Unauffälligkeit“ weit hinaus.
Anpassung kann auch bedeuten so auffällig zu sein, wie andere eine_n haben wollen oder (für ihr Gewaltkonzept) brauchen. Anpassung kann auch bedeuten, immer weiter leben, überleben zu wollen und Sterben zu verhindern, weil sonst niemand anderes in der direkten Umgebung sterben will, sterben erlaubt oder Suizid duldet.
Es ist nicht zu unterschätzen, an wie vielen Punkten Zugehörigkeit und dazu nötige Anpassungsleistungen zutiefst menschliche Instinkte überblenden. Vor allem dann nicht, wenn man es mit Opfern von (organisierter) Gruppengewalt zu tun hat.

Auch hier müssen wir uns mit zwei Seiten befassen.
Auf der Traumaseite steht ein abhängiges Kind, das instinktiv (aber vielleicht doch auch sehr sehr früh bewusst) weiß, dass es Bezugspersonen braucht, um zu üb.er_leben und sich an die Gruppengewalt (die Familiengewalt)-Kontexte anpasst, um das eigene Leben zu schützen und auf der Autismusseite steht ein Kind, das diese Anpassung nicht schafft, weil es nicht alle sozialen Hinweise, nicht jede Ebene der Kommunikation und Interaktion so erfasst, dass die Anpassung zufriedenstellend (im Sinne von umfassend, „nahtlos“) passiert.

Man darf nicht vergessen, dass Anpassung an soziale Kontexte, zwischenmenschliche Interaktionsmuster und -praktiken die Zugehörigkeit kommuniziert. Und auch, ob man diese Zugehörigkeit stärken, wertschätzen oder herausfordern will. Zugehörigkeit trägt in nicht unerheblichem Maße zur Identitätsentwicklung bei. Wer zur Familie gehört, ist Familie. Wer zur Gruppe gehört, ist Gruppe.

Zugehörigkeit kann man gut vorzeigen. Vor allem mit einem umfassenden Repertoire von verbalen Skripten und Handlungsabfolgen in einem sozialen Kontext, dessen Kommunikation von Unschärfe und Ungenauigkeit geprägt ist. Häufig reichen nachgemachte Gesten ohne jede eigene, innere, emotionale Verbindung, damit sie ihre Funktion bei anderen Menschen (unbewusst) erfüllen. In der Regel reicht eine bestimmte Begrifflichkeit zu verwenden, um etwas zu beschreiben und dem Gegenüber damit zu sagen: „gleicher Kontext“, „gleiches Thema“, „Ich weiß, was du meinst“, „Ich weiß, wo du (inhaltlich) bist.“

Die Einsamkeit, die wir oft empfinden, speist sich aus genau diesem Umstand.
Wir fühlen uns nicht zugehörig. Wir fühlen uns wenn überhaupt verbunden. Und diese Verbundenheit produzieren wir über Kognition.
Die Person hat mich geboren – sie ist meine Mutter. Diese Person hat meine Mutter schwanger gemacht – das ist mein Vater. Diese Personen dürfen Dinge über mich bestimmen, die ganz konkret und direkt meine Er_Lebensqualität auf einem Spektrum von angenehm, gut, nährend bis unangenehm, schlecht, mangelnd beeinflussen und das ist (in wechselndem Rahmen) ausschließlich über folgende Gesten, Worte, Wortabfolgen, Mimiken steuerbar.

Als Kind und Jugendliche mussten wir mehr leisten als heute, weil wir mehr Autoritäten unterworfen waren. Die ganze Welt bestand für uns aus Menschen, die wir in ihrem Bezug zu uns erfassen und ertragen mussten. Heute als erwachsene Person dürfen wir Unverbundenheit mit Fremdheit synonym verwenden und unsere Energien in den Ausbau unserer Kontakte und Bindungen fließen lassen.

Das erscheint uns an manchen Stellen, wie ein Entwicklungsschritt, den andere Menschen in der Zeit zwischen 10 und 20 Jahren machen. „Hier bin ich, ich bin so, ich gehöre zu dem und dem und das das und das nicht.“.
Wir sind in einigen (psychischen) Entwicklungsschritten erheblich verzögert. Schon der Umstand erst mit 21 zu erfassen und zu begreifen, dass jeder Mensch einen eigenen inneren Kosmos hat, der bei allen anders ist und es entsprechend gar nicht unser Ziel sein muss, unseren zu verändern, um weniger einsam und fremd mit ihnen zu sein, deutet darauf hin.
Die Trauma-Erklärung dafür ist: „Abgrenzung – ihr habt gelernt, dass ihr nichts eigenes haben dürft und deshalb habt ihr nie eine Grenze zugelassen (durftet keine Grenzen entwickeln) zwischen euch und denen, die euch überlegen waren (also allen/der ganzen Welt)“
Unsere Erklärung damals: „Da ist ein Unterschied, der uns trennt, was uns gefährdet und wo wir, egal was wir mit welchem Drive versuchen, nicht drüber kommen, sondern nur überdecken können. Wir gehören nicht dazu, aber alle Kognition sagt, dass wir es tun. Hier passiert ein unaushaltbarer Widerspruch, den wir weder kommunizieren noch auflösen können.“ blieb unverstanden, weil sie immer wieder von „autistisch“ zu „neurotypisch“ zu „traumatisiert“ übersetzt wurde.
Bibel-religiöse Menschen können verstehen, was für fatale Probleme dadurch entstehen, wenn etwas zu oft in zu weit auseinanderliegende Sprachen übersetzt wurde.

Unsere Geschichte enthält lange Abschnitte psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Es hat nicht geholfen die eigene Alexithymie niemals ausdrücken zu dürfen bzw. nicht als solche anerkannt zu wissen, weil die allgemeine Übersetzung ausschließlich „Bedrohung für andere“ (krasser Fall von Psychopathie/ verletzt ohne Mit_Gefühle/ wurde auf Gefühlskälte programmiert (traumatisiert)) oder „absolute Zerstörung des Eigenen“ (armes traumatisiertes Huschi ist völlig zerstört/dissoziiert von den eigenen Gefühlen/darf (durfte) nicht mal was empfinden) für ihre Auswirkungen bereithält.

Die Anpassung an die Lebensumstände der Psychiatrie und der Behandlungskontexte der Psychotherapie decken wir noch heute an unerwarteten Stellen auf.
Zuletzt am Begriff der Reorientierung.
Da wir schon so lange in Therapie sind, schon so viele Fremdwörter benutzen, um bestimmte Themen zu umreißen und Gespräche schneller an ihren Punkt zu bringen, wird schnell vergessen, dass wir in der Regel skripten, wenn wir Lautsprache verwenden. Das bedeutet, dass wir (Fremd)Wörter verwenden und das auch inhaltlich angemessen, sie aber mitnichten auch immer mit uns in Verbindung bringen können, wo die Verbindung auch wirklich ist.

Am Beispiel der Reorientierung ist das meiner Ansicht nach besonders fatal, macht doch die Re_Orientierung einen erheblichen Teil dessen aus, was nötig ist, um erfahrene Traumatisierungen zu verarbeiten und zu integrieren.
Erst nach bald 18 Jahren Traumatherapie zu verstehen, dass Re_Orientierung nicht nur meint, dass alle von uns wissen, welches Datum wir haben und, dass wir der Familie*° nicht mehr ausgeliefert sind – als Information! – ist eine solche unerwartete Stelle.
Eine mit erheblichen Auswirkungen und Krisenpotenzial.