Fundstücke #74

„So will ich nicht sein.“ Das sagt Hannah immer wieder. Obwohl die Situation, in der sie das sagen wollte und auch gesagt hat, schon seit gut 3 Stunden vorbei ist. Draußen regnet es, eine große Fliege versucht sich durch die Schlafzimmerfenster zu bohren. Müdigkeit liegt wie eine Bleischürze auf mir. „So will ich nicht sein.“
Das sagt sie, weil sie nicht verletzen, irritieren, überraschen, überfordern, will. Weil sie „keine Situation entstehen lassen will“.
Ich hatte am Vormittag für unser nächstes Buch aufgeschrieben, wie Hannah entstanden war. Musste weinen, weil ihr keine Traumatisierung mit Todesgeschmodder und dramatische Szenen der Gewalt voranging, sondern einfach nur unsere Angst zu sterben, weil wir von jetzt auf gleich absolut allein auf der Welt waren. In der absoluten Frei_von_heit, wie sie viele Aussteiger_innen erleben, wenn ihre Verbündeten oder, wie in unserem Fall, Behandler_innen, nicht mehr (für sie) da sind oder sein können/wollen/dürfen.

Hannah kann Menschen. Sie ist unsere beste soziale Rechenmaschine und die einzige, die Ver_Bindungen nicht nur ertragen, sondern auch herstellen und gestalten kann. Was unser Leben nach der Gewalt angeht, trägt sie am meisten der Last, die damit einhergeht, es auch zu erhalten. Niemand von uns anderen hat Freund_innen. Niemand von uns kann Menschen. Wir haben Angst und können Menschen aushalten. Manche jedenfalls. Dass unsere Therapie einen anderen Menschen erfordert, war und ist bis heute eine der größten Barrieren der Traumatherapie für uns. Dass wir das Bedürfnis nach menschlicher Nähe, Verbundenheit und Kontakt haben, ist für manche von uns der schlimmste Verrat voreinander. Dass der Freund in unserem Leben ist, liegt an Hannah und ihrem Brückenschlag zwischen ihm und uns.

Warum Hannah so ist, wie sie ist und wir nicht, können wir nicht verstehen. Aber sie ist da und ohne sie wären wir es nicht mehr.

„So will ich nicht sein.“, das fühle ich wie etwas, das von innen durch meinen Kehlkopf nach außen will. Als die Fliege neben dem Lichtkegel der Leselampe landet, rinnt es mir aus den Augen. „Du solltest nie sein“, denke ich in ihre Richtung. Weine fertig, gehe ins Bad, wasche mir das Gesicht.
„Und doch sind wir hier.“

One thought on “Fundstücke #74

  1. Da ist einiges sehr vertraut. Nicht so sein wollen, puh, ich weiß nicht, wie oft ich das bei uns schon gelesen, gehört, gedacht habe. Also würde es etwas ungeschehen machen oder die aktuelle Situation schlagartig mega verbessern, würd ich einfach nur anders sein. Aber manchmal braucht es wohl diese Illusion. augenroll

    „Menschen können“ ist eine schöne Beschreibung.
    Wir haben oft formuliert, dass sich wer soziale Kontakte übernimmt hauptsächlich darüber entscheidet, wer das noch am besten kompensieren kann. Dass da trotzdem sowas wie ein Bedürfnis nach Verbindung existiert, ist nur schwer zu ertragen und zu gleich ist das etwas,was sich kaum formulieren oder gar kommunizieren lässt. Bildlich gesprochen, ist das wohl auch so _das Thema was uns immer wieder schreiend voreinander wegrennen oder aufeinander losgehen lässt.

    Ganz besonders dieser letzte Absatz trifft mich grad sehr. Genau so ist es. Kurz war ich versucht zu schreiben, dass es traurig oder bitter ist, aber nein, so eine Wertung passt nicht… es _ist eben einfach.

    Ach… danke für euren Blog und dafür, dass ihr eure Worte hier teilt. ❤

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