Schlagwort: Systemsprenger

“gut gemeint” schützt nicht

Die Betreuerin will nicht mehr unsere Betreuerin sein.
Die Mail, in der sie mit uns Schluss macht, kommt nach einer Nacht, die von Angst und Flashbackrestschmerzen geprägt war. Wir sind nicht arbeitsfähig, hängen mit dem Freund auf dem Sofa, spielen später Phase 10. Während er mischt, lese ich, dass sie am Abend lange darüber nachgedacht hat und es nicht für sinnvoll hält.

Ich verstehe nicht, was sie nicht für sinnvoll hält. Die Arbeit mit und in meinen Angelegenheiten? Den Kontakt, der von viel Anstrengung in der Kommunikation für uns beide geprägt ist? Den Versuch zu verstehen und sich für mich verständlich zu machen? Oder zu kompensieren, dass mir egal ist, von wie viel Gutgemeint ihre Interaktion und Kommunikation angetrieben ist?

Wir wurden oft genug von Helfer_innen verlassen, um nicht weiter dran festzuhalten. Das würde wehtun. Altes mit Gegenwärtigem vermischen. Es ist okay loszulassen. Ausatmen und gehen lassen.
Wir gewinnen Phase 10 und rufen beim Gericht an, um zu erfahren, wie viel wir im weiteren Verlauf der Betreuer_innensuche jetzt bestimmen können. Es gibt keine Liste von Betreuer_innen, die rausgegeben werden darf. Wir werden Besuch bekommen und mit dem Mitarbeiter sprechen. Wir legen auf und schlucken mit Presslufthammerkraft die Furcht runter, einen Marathon der Sozialkontakte vor uns zu haben, bei dem wir immer wieder uns, unseren Fall, unsere Angelegenheiten ausbreiten müssen. Ins Leere raten müssen, ob die Person es packt oder nicht, ob sie viel oder wenig Eiei von uns abverlangt, um bei Laune zu bleiben. Ob sie flexibel oder starr ist, ob sie fähig ist, im richtigen Moment zu schalten, um unseren Schutz aufrechtzuerhalten oder nicht.

Dann kommt die Mail der Betreuerin, dass sie zufällig den Gerichtsmitarbeiter in der Stadt getroffen hat und ja jetzt alles klar ist. In mir öffnet sich eine Klappe und lässt mich ins Bodenlose fallen.
Klar, sie hat keine Peilung. Sie hat es in 10 Monaten nicht gerafft. Und wir haben ihr 10 Monate lang wichtige Aspekte unseres Schutzes anvertraut. Sie meint es gut und macht gleichzeitig sowas. Deshalb liebe Kinder, ist es manchmal scheiß egal, wie intensiv das Gutgemeint ist. Es schützt nicht.

Worte und Taten gut zu meinen, ist nichts Besonderes. Immer, wenn wir nicht schaden wollen, meinen wir es gut. Und wann will man schon schaden? Das ist sehr selten und noch seltener bewusst der Fall. Man muss also nicht permanent sagen, dass man irgendetwas gut meint, es sei denn, man braucht die Versicherung von außen darüber. Braucht zu hören: “Ja, ich sehe, dass du mir gut gesonnen bist und mir ohne böse Absicht begegnest.” oder braucht vielleicht sogar: “Ja, ich sehe, dass du ein guter Mensch bist.” Als würde das bei Anwesenheit von etwa 7,8 Milliarden anderen guten Menschen auf der Welt irgendetwas bedeuten.

Ich werde oft als misstrauisch und aggressiv wahrgenommen, weil ich nicht ständig sage, dass ich die guten Absichten anderer Menschen wahrnehme. Ich, wir können sie nicht ablesen, oder uns aus irgendwelchen Signalen ableiten – ich nehme sie einfach nicht wahr und lüge Menschen nicht an. Also sage ich, sagen wir, nicht ständig: “Ja, du meinst es ja gut. Du bist ja ein guter Mensch.” oder machen automatisch die sozialen Gesten und Gebräuche, um das verknörgelt auszudrücken.
Ich habe irgendwann verstanden, dass jeder Mensch so gut ist, wie er das für sich selbst, das direkte Umfeld und die gesamte Mitwelt ist. Mehr Information brauchte ich nie, um zu verstehen, dass die Gewalt an mir und uns, nicht im Kontext von Gut- oder Bösegemeint besprochen und die Welt mit ihrem sozialen Geschehen auch nicht daran beurteilt werden sollte. Selbst Menschen, die mir schaden oder geschadet haben, können gute Menschen sein und mir nicht geschadet haben wollen. So ist das, Punkt.

In der Betreuung war das noch nie ein Problem. Bis jetzt. Sie war die erste Betreuerin, die es so gut gemeint hat und gleichzeitig so einen Fehler machte.
Rechtliche Betreuung ist keine soziale Betreuung. Es geht nicht darum, wie ich mich mit Dingen fühle. Meine Anträge ans Jobcenter, an Ämter und Behörden müssen korrekt sein und im Bearbeitungsverlauf für mich erklärt werden, auch wenn ich keinen Dank kommuniziere oder sage:”Hey, ich habe nicht verstanden, du erklärst nicht gut genug für mich.” Das bedeutet keinen “Arschlochfreifahrtschein”, wie viele Menschen bei so einer Aussage vermuten. Es bedeutet für mich, für uns, dass wir in unserer Kommunikation und Interaktion so sein können, wie wir sind, um nicht enorm viel Kraft auf Kompensationsverhalten verwenden zu müssen und so mehr Kraft haben zu verstehen, was uns erklärt wird. Uns zu erlauben diese Ebene so rauszulassen, wie sie für uns draußen ist, ermöglicht es uns zu Wissen und Kompetenzen zu kommen, die eine Unterstützung langfristig obsolet macht. Und wenn sie obsolet ist, dann haben wir auch die Kapazitäten uns dieser Ebene für die Leute, denen sie sehr wichtig ist, zu widmen.

Der Begleitermensch hat uns mal gesagt, dass er schätzt, dass wir uns diese Mühe für andere Menschen machen, obwohl es für uns keine Rolle spielt. Für mich hat sich das gut angefühlt. Es war das erste Mal, dass ich mich getraut hatte das “zuzugeben”, denn ich habe es immer wieder verleugnet, weil die meisten Menschen uns deshalb für gefühlskalt, sozio- oder psychopathisch oder bis in die soziale Verkrüppelung gefoltert halten, was alles nicht wahr ist.
Es hat sich auch deshalb gut angefühlt, weil ich so wusste, dass er meine, unsere, Mühe bemerkt und als solche anerkennt und, weil er Wertschätzung für dieses Verhalten geäußert hat. Etwas, das die meisten Menschen nicht tun, weil es für sie weder Mühe noch (bewusstes) aktives Handeln ist. Etwas, das ihnen erst dann als Ausnahme vorkommt, wenn sie es ganz bewusst tun, um anderen ein gutes Gefühl zu machen.
Für viele Leute, mit denen wir bisher in egal welchen Kontexten zu tun hatten, sind wir die erste Person gewesen, die diese Ebene rauslässt. Wenn wir nicht als aggressiv und misstrauisch gelten, dann als erfrischend direkt, witzig naiv, schockierend ehrlich, entwaffnend analytisch oder schlicht einschüchternd “klug”.
Wir sind nie lieb. Nie “ein_e Gute_r”. Kein Kumpeltyp, kein “herzlicher Mensch”. Unsere Wärme zu erkennen ist Arbeit. Unsere liebevolle Zuneigung zu sehen, zwingt die Einnahme einer – unserer – Perspektive ab. Und zwar immer wieder und immer wieder mit genau der Mühe, die wir uns für andere Menschen machen. On the go. Jeden Tag. Egal, wie es uns geht. Egal, ob es uns “etwas bringt” oder nicht.

Ich will darüber nicht heroisch wirken – das zu machen ist unser Alltag und wir sind oft genug völlig überlastet damit, weshalb wir auch vertreten, das Autismus eine Behinderung ist.
In unserer Betreuung erst recht, denn dort gibt es nichts, was einfach ist oder wenig Mühe bedeutet. Nicht mal auf der sachlichen Ebene.
Wir sind vom Gesetz nicht gut geschützt, wir sind gleichzeitig arbeitsunfähig und chronisch erkrankt und schwerbehindert und arbeiten 2 bis 3 Stunden am Tag, wovon manches vergütet ist und manches nicht und manches über Aufwandsentschädigung und manches über Honorar und ach obendrauf trifft diese Lage auf eine Behördenlandschaft, die flexibel ist wie Stahlbeton.
Wer uns betreut, macht mehr als Formulare auszufüllen, die immer gleichen Verlängerungsanträge zu formulieren und uns in groben Zügen zu umreißen, was da läuft. Wir stellen Fragen, wir wollen mit_bestimmen, wir wollen verstehen, um später selbst zu können.
Wir sprengen.
Ob wir wollen oder nicht, ob wir lieblieb machen oder nicht, ob wir hudeln und mudeln oder nicht.

Ich glaube, dass unsere letzte Betreuerin uns nicht geglaubt hat, als wir ihr das gesagt haben. Als wir sie vorgewarnt haben. Ich glaube, dass sie sich das nicht vorstellen konnte. Und dass sie geglaubt hat, es würde reichen, wenn wir gut miteinander können.
Ich, wir können aber nicht gut mit anderen Menschen. Wir können angestrengt, wir können achtsam, wir können analytisch herleitend, wir können bemüht, wir können so gut wie wir können und das ist anders als bei den meisten anderen Menschen. Ja, auch wenn sie das nicht glauben, weil sie den Unterschied bei uns in aller Regel weder sehen, noch hören, riechen, schmecken oder fühlen können.

Deshalb braucht es mehr Bewusstsein, mehr Aufklärung, mehr Zeigen, was Autismus ist, was er aus_macht und was es bedeutet. Auch bei Leuten, die ganz viel mit behinderten Menschen zu tun haben.
Uns normal finden und alles immer gut meinen reicht einfach nicht.

“Systemsprenger”– vom Glotzfaktor, Gewalt und Realität

Ich wusste, dass es hart wird und ich wusste, dass es auch weh tun wird. “Systemsprenger” gucken.
Der Film ist jetzt bei Netflix verfügbar und wir hatten es nicht geschafft, ihn im Kino anzusehen. Jetzt, gut einen Tag nachdem wir ihn angeschaut haben, sind wir froh darum.
Wir hätten es im Kino nicht ausgehalten.

Schon die Szene am Anfang, an deren Ende Benni, die Hauptperson des Films, allein im Hof wütet – völlig außer sich ist – und alle glotzen. Lachen, höhnen, glotzen.
Nein, der Film ist wohl für niemanden, die_r wenigstens durch Erzählungen um den Zustand der deutschen Hilfe- und Helfer_innenlandschaft weiß, leichte Kost, tröstlich, inspirierend oder in irgendeiner Form angenehm zu sehen. “Systemsprenger ist ganz klar ein Film für alle, die keine Ahnung haben. Für alle, die denken, es gäbe für alles und alle Lösungen oder Orte, an denen Lösungen gefunden werden können. Alle diejenigen, die glauben, es gäbe immer von irgendwoher Mittel und Wege, um eine Antwort auf die Frage zu finden, was man mit Menschen macht, die nicht nur außer sich, sondern auch aus Familie und Gesellschaft raus sind.

Es ist der Glotz-Faktor, der mich auch heute noch beschäftigt.
Ich kann nicht schreiben, dass ich mich easypeasy von dem Film abgrenzen konnte. Das konnte ich nicht, denn ich bin noch lange nicht an dem Punkt, an dem ich meine eigenen Erfahrungen des ängstlichen Angeglotztwerdens verarbeitet habe.
Ich kann das Glotzen bis heute fühlen. Auch dann, wenn ich es nicht will, denn es gibt bis heute Situationen, die mich daran erinnern. Wie das war, nichts gegen die Flashbacks tun zu können, die mich zu einem Risiko für mich und andere gemacht haben. Wie das war, zu wissen, dass niemand auf der ganzen Welt etwas anderes dagegen tun konnte, als mich, uns, “auszuknipsen”, einzusperren und letztlich: zu warten. Wie das war, über Stunden in der 5-Punkt-Fixierung zu liegen und durch eine Scheibe angeglotzt zu werden. Angeglotzt von Hilflosigkeit im Gewaltausübungsauftrag. Angeglotzt von Leuten, die ja auch nichts dafür können. Angeglotzt von Leuten, die sich irgendwann später in der Raucherecke Tränen aus den Augen blinzeln und sagen, dass sie selber auch nicht verstehen. Dass sie selber auch nicht weiter wissen. Dass sie keinen Unterschied zwischen uns sehen, aber übermächtig deutlich spüren. In ihrem Arbeitsauftrag, in den Strukturen, in ihrem eigenen Innern.

Als Erwachsene mit einigen Jahren guter Traumatherapie und Auseinandersetzung mit Gewalt hinter mir, kann ich die Traumaspirale, den Gewalttransit daran erkennen. Weiß, dass es genau diese Situationen sind, die dazu führen, dass man als bereits traumatisiertes Kind oder jugendliche Person re_traumatisiert wird, obwohl doch alle nur helfen (wollen).
Es fällt mir noch heute schwer zu akzeptieren, dass wir diese Erfahrungen auch nie aufarbeiten können werden, wie wir die Gewalt in der Herkunftsfamilie und den Ausbeutungskontexten aufarbeiten können. Du kannst die Gewalt des Systems nicht in genau dem System als Trauma aufarbeiten, ohne das System in irgendeiner Form zu verändern. Die Konvention zu verlassen, Professionalität neu zu definieren und Grenzen aufzuweichen, die gleichzeitig aber so nötig sind.
Was das System als Wunde in dir hinterlässt, kann das System nicht als Wunde behandeln, ohne sich selbst als Verletzenden anzuerkennen. Und genau das kann es nicht, weil es sonst in seiner Hauptfunktion in frage gestellt wäre. Was nicht passieren darf. Ohne das System gibt es ja nur noch Individuen.

“Systemsprenger” wirft bei vielen Menschen die Frage auf, was man mit einem Kind wie Benni macht. Für mich ist das irritierend, denn es wird mit dem Film beantwortet, was man mit solchen Kindern macht und damit aufgezeigt, dass das die falsche Frage ist.
Man muss fragen, was man für Kinder wie Benni macht. Man muss fragen, was man für sie tun kann und darf, während es so vieles zu sollen gibt. Fragen, wie man etwas für sie tun darf und kann und soll und muss.

Aus unserer Auseinandersetzung mit unserem Projekt “das Nachwachshaus” weiß ich: Man soll als (potenzielle_r) Helfer_in/Unterstützer_in immer mehr, als man darf, als man kann, als man will.
Und: Der Bedarf ist größer als in etablierte Rahmen hineinpasst. Eigene, neue Rahmen zu erschaffen, ist aber nicht vorgesehen. Nicht einfach so. Nicht bedingungslos. Schon gar nicht das.

Ich würde diesen Text gern mit einer versöhnlichen Note beenden. Ich bin aber nicht versöhnt mit all dem.
Und ich schreibe das hier auch nicht auf, um irgendjemanden zu trösten oder zu befrieden. Ich bin die_r Letzte an die_n man solche Ansprüche überhaupt richten sollte. Denn ich bin die Person, die Trost bedarf und Wieder_gut_machung ins Leere fordern muss. Die Entschuldigungen und Entschädigungen erwartet und das zu Recht.
Ich hatte als Jugendliche nie die Chance mich gegen Hilfe zu entscheiden, nie die Chance mich vor der Gewalt in diesem Kontext zu schützen. Die Hilflosigkeit und Ohnmacht anderer wurde zu Maßnahmen an und mit mir, die in ihrer Wirkung so nie vorgesehen war und doch eintrat. Mit allen Konsequenzen, die damals wie heute kaum jemand überhaupt sieht und anerkennt.

Ich würde das hier gern lieblich enden lassen, weil ich mir das für mich wünsche. Ich würde gerne schreiben, dass das vergangen ist und nie wieder passiert. Doch das ist nicht die Realität. Weder ist es meine noch die von anderen Menschen, die, so wie sie sind, als “Zerstörer”, als “Sprenger” – und nicht als “Erweiterer”, “Eröffner” eingeordnet und behandelt werden.