Rückblick #2

Ein bisschen ratlos halte ich dieses triefende, durchlöchert und zerfetzte letzte Jahr in meinen Händen und merke wie mein Blick zwischen betrachten und wahr_nehmen hastige, zuweilen panische Haken schlägt.

“Wir haben viel geschafft.”, sage ich mir mechanisch. Fast wie unsere Bundesregierung. Obwohl die braune Scheiße durch Deutschlands Innenstädte quoll.
Häuser brennen. Menschen ihre Leben riskieren. Trotz der Scheiße.
Trotz all dieser braunen Scheiße.

Im Jahr 2015 sah ich das Foto vom ertrunkenen Aylan Kurdi und fing an zu weinen. Vor Scham. Vor Trauer. Vor Wut um die Ohnmacht, die Ignoranz, all die Ego’s, die um ihretwillen, die Leben von Millionen von Menschen ausliefern.
Und was habe ich getan?
Kleider gesammelt. Gespendet. Werbung gemacht. Vereine unterstützt. Und zwischendurch geheult. Weil kein einziger Tag verging und bis heute vergeht, ohne, dass sich Meldungen über weitere hundert ertrunkener Menschen im Mittelmeer mit Meldungen von brennenden Geflüchtetenunterkünften abwechseln.

Man kann nicht alle retten. Man kann sich aber dafür einsetzen, dass niemand mehr gerettet werden muss.
Denke ich.

Und wundere und erschrecke mich, wie fast hinterhältig anmutend unsere Politik jeden einzelnen Terroranschlag weiter ausnutzt, um mehr und mehr Überwachung zu legitimieren. Bereits jetzt sind wir alle in unseren Grundrechten beschnitten und vielleicht ist das die erbärmlichst mögliche Art, die das deutsche Angstvolk in Sachen “Gleichheit aller Menschen” dieses Jahr geschafft hat.
Vielleicht habe ich aber auch irgendeine gute politische Entwicklung verpasst.

Das kann sein, denn ich war beschäftigt. Mit Angst haben. Traurig und wütend sein. Mit politischem und sozialem Diskurs. Mit uns und dem neuen Wort für unser Denken. Damit, Menschen an Krisen, Not, Gewalt zu verlieren und in Zeiten der Krise, Not und Gewalt als Unterstützer_innen und Wegbegleiter_innen zu gewinnen.
Ich musste verdauen, was für eine tolle Jugendliche wir mal waren und woher sie kommt, die spontane Bereitschaft in Tränen auszubrechen, wann immer wir erfahren, dass Menschen ihre Flucht nicht überlebt haben. Wie wir.

Wir haben uns getraut an der Musik- und Kunstschule ein Vorstudium anzufangen. Und es auf das eine Fach zu reduzieren, das für uns am barrierenärmsten ist. “Inklusion – ja aber…”, ist ein Satzanfang von dort und vielleicht haben mir wenige Umfelder, in denen wir uns 2015 bewegt haben, die furchtbar selbstverständlich hingenommene kognitive Dissonanz, Unwissenheit und Ignoranz der sogenannten “Mitte der Gesellschaft” krasser aufgezeigt als dieses.

Neben dem Umstand einfach nicht zu diesem Teil der Gesellschaft dazu zugehören. Auch wenn diese Menschen mit Nachdruck in der Stimme sagen: “Ja aber du bist doch hier! Bist du denn jetzt ausgeschlossen?” und damit eine Art Mimikry an mir veranstalten, die ihnen abgrundtief peinlich wäre, wäre ihnen klar, was sie da tun.

“Arme dumme privilegierte Arschnasen.”, habe ich oft gedacht in diesem Jahr. Immer dann wenn jemand meinte, es wäre nötig gendersensible Sprache und Umgangsformen lächerlich zu machen. Immer dann, wenn jemand meinte empowernde Initiativen von diskriminierten und minorisierten Personen(gruppen) untergraben zu dürfen.
Vielleicht mache ich das auch weiterhin. Bis mir eine Alternative einfällt, die nicht idealistisch aber sinnlos ist.

Stichwort Idealismus.
Fiel nach dem ersten Austausch- und Vernetzungstreffen zum Nachwachshaus. Interessant, wie man zu solchen Rückmeldungen kommt. Dann irgendwann.
Lustig, wie Menschen vergessen, dass Idealismus ist, was wir als eine der positiven Ressourcen unbegrenzt für dieses Projekt haben.
Während andere Ressourcen nachwievor unmöglich zu erschließen sind. Vermutlich auch noch länger.

Auch wenn unsere Langzeithaterin und sicher auch andere Menschen denken, wir bekämen ja “dauernd was zugesteckt” und “wir uns ja auch jederzeit weiter durchschnorren können”, haben wir 2015 über mehrere Monate von <100€  gelebt. Weil das war, was übrig blieb von diesem “viel zu aktiv für unsere Krankheit” sein.
”Fuck you, du dumme kleingeistige Arschwarze.” hab ich irgendwann gedacht. Und merke selbst jetzt im Niederschreiben des Gedanken, wie schal der Geschmack von Beleidigungen am Ende ist.

Unsere Arbeitsgruppe gibt es aber. Immer noch. Trotz allem. Und wir haben viel geschafft.
Und Raul hat uns ermutigt. Das macht mich froh und lässt uns hoffen, 2016 noch mehr Idealist_innen zu treffen, die mitarbeiten wollen.
Wir haben sogar ne Webseite. Hust.

Apropos Webseite.
Das Blog von Vielen.  Wir wollten die 1000 Artikel in diesem Jahr schaffen.
Sind dann leider suizidal gewesen. Und irgendwie geblieben. Viele Worte gabs da nicht mehr. Am Ende gar keine mehr.
Suizid ist eine Wahl. Das ist auch der Titel des am meisten aufgerufenen Artikels in diesem Jahr.

Wir haben uns für das Leben entschieden. Das weiter, aber nicht ohne Unterschied zu vorher, leben. So lange bis wir nichts mehr lernen wollen oder gelernt haben, warum wir nur verlieren können. Win-Win könnte man sagen.

Das Podcast ist auch ein Win. Aber darüber wollen wir nicht schreiben. Wir möchten niemandem weh tun. Nicht mehr jedenfalls.
Als schon passiert.

Ein anderes Win waren die Handvoll Artikel, die wir bei der Mädchenmannschaft veröffentlichen durften.
Die zart anklopfenden Emails, die ihre warmen Wogen um unser Herz fließen lassen und die wir beantworten durften.
Wie wir es geschafft haben. Und schaffen.
Die Gespräche beim Inklusionscamp. Bei allen Tagungen, Konferenzen, Veranstaltungen, Versammlungen und Treffen, denen wir in diesem Jahr beiwohnen durften. Als Speakerin, als Teilnehmende, als Teilgebende. Als Fremde. Als Hannah.
Als wir.

Nun rappelt und zappelt 2016 in seinem Versteck vor sich hin.
Darüber schreibe ich später.

zurück sein

Das Ende ihrer flammenden Rede für unser Recht auf Zustandsverbesserung quillt aus dem Telefonhörer in unser Ohr hinein und schubst uns ein letztes Mal an.
Es ist etwa 5 Uhr morgens. Vor einer halben Stunde sind wir durch ein offenes Kellerfenster zurück in die Wohnung geklettert und außer einem unregelmäßig aufbrandendem Impuls den Kopf zurück zulegen und sich sämtliche Organe aus dem Bauch zu schreien, ist da nichts weiter als kalte Haut unter nasser Kleidung.

“Es kann doch nicht okay für euch sein, dass ihr euch immer wieder in so einem Zustand jwd wiederfindet.”, schiebt sie nach. “Es ist auch nicht okay für uns.”, antworte ich ihr und betrachte die schlammtriefenden Fußenden der Strumpfhose in meiner Hand.
Inmitten unseres Schweigens stecke ich meine Finger in die frischen Löcher und verharre auf ihren Rändern.

“Was war denn los?”. Sie stellt die Frage in den Raum und lässt uns damit allein.

Ich merke, wie es hinter mir vor Wut zittert und sich eine Nebelbank in feinen Schlieren vor meinem Blick ankündigt. Sie macht mich so traurig mit dieser Frage und ich weiß einmal mehr nicht, wie es kommt, dass sie es bis heute vielleicht nicht richtig verstanden hat, wie das ist dissoziative Amnesien zu haben und viele zu sein.
Dass es eben auch bedeutet nicht zu wissen, was los war. Dass es bedeutet, dass selbst meine Annahme, dass ein Innen weggelaufen ist und wir uns deshalb in Schlafsachen auf einem Acker wiedergefunden haben, irgendwas zwischen “vage fühlen” und “mutig geraten” ist.
Ich sehe mich unter Druck ihr eine Ahnung, eine Idee oder eine Theorie liefern zu müssen – obwohl diese, selbst wenn wir eine hätten, im Moment überhaupt keinen konkreten Zweck für uns erfüllen würde.

Eine Andere bringt es statt meiner mit einem Glimmen in der Stimme auf den Punkt: “Die Frage ist zu groß und gerade unangemessen. Wir haben selbst kein festes Wissen und können dir jetzt nichts in die Hand geben, um das Geschehene greifbar zu machen.”. Sie schaltet den Wasserkocher an und holt einen Teebeutel aus der Schachtel. “Sie hat dich angerufen, weil du etwas zum Festhalten geben solltest.”.

“Und wer bist du?”. Die Worte klemmen sich an die Andere und legen sich wie eine Schraubzwinge um ihren Hals. “Ich.”, antwortet sie und drückt auf die rot leuchtende Taste am Telefonhörer.

“Du hast ihr nicht gesagt, dass du jetzt auflegen wirst.”, erinnere ich sie. “Sie wird gleich nochmal anrufen.”.
Sie gießt das aufgekochte Wasser in die Teetasse und in die Wärmflasche. Schlägt mit der Faust auf den großen Oberschenkelmuskel und spürt nach. “Ich weiß.”, antwortet sie und löst sich mit dem Schmerz auf.

Ich halte die Tasse in der einen Hand und wähle mit der anderen. “Entschuldigung – war nicht geplant.”, schmeiße ich in den Hörer noch bevor ich überhaupt weiß, ob es auch wirklich unsere Gemögte ist, die den Anruf angenommen hat.
“Ich war auch zu forsch – tut mir leid.“. Wir atmen gleichzeitig tief ein.

“Liest du mir was vor?”, frage ich sie und merke, wie sich die Müdigkeit Stück für Stück mehr von mir und dem Körper nimmt. “Ich würd mich gern in deine Stimme legen.”. Sie kichert “Ach – mehr nicht?”. “Eh eh, nee”, antworte ich und merke wie leicht es plötzlich dann doch ist, ihr zu sagen, was uns gerade gut tun würde.
Sie wühlt nach “unserem Buch” und fängt an.
Wir liegen unter drei Decken im Bett, schauen dem Seidentuch-Feenreigen in seinen sachten Bewegungen zu. Trinken Tee durch einen Strohhalm. Hören ihr zu. Legen auf, als die Geschichte zu Ende ist.

Und hoffen, dass unsere Gefühle von Entspannung und Sicherheit auch dort angekommen sind, wo wir selbst nichts wahrnehmen können.

Rückblick #1

das sind unsere beliebtesten Instagramfotos von 2015

therosenblatts_full
– eine Schnecke am Bordstein des Weges, den wir fast jeden Tag mit NakNak* entlang laufen
– eine flauschige Hummel, auf einer flauschigen Blume, an einem flauschigen Tag
– ein Sonnenuntergang mit Wald an den Füßen
– ein Grashalm mit Sonnenuntergang im Rahmen
– der kleine Vogel aus der Inktoberchallenge
– der See in Berlin, den wir mit Renèe besucht hatten, nachdem wir uns für einen Sonnenaufgang über der Stadt um halb 5 aus dem Bett gehievt haben
– ein Frühlingsmorgen im Wald
– ein Sonnenuntergang mit Feuergluthimmel
– ein Pollenkonstrukt vom Wegesrand

und das sind die Instagramfotos, die uns 2015 am meisten gefallen haben


– der Blick auf die Uhr am Abend nach dem ersten Austausch- und Vernetzungstreffen der Arbeitsgruppe „das Nachwachshaus“
– ein Handyfoto von einem der ersten Fotokurse am Anfang des Vorstudiums an der Kunstschule
– ein Foto einer „Jungfer im Grünen“ nach einem Regenguss
– ein einzelne Tropfen auf einem blauem Blütenblatt
– Tropfen auf einem Gewächs mit knallgelben Blättern und knallroten Ästen
– eine Nachaufnahme vom „Haus“ der größten Weinbergschnecke, die je unseren Waldweg gekreuzt hat
– ein Herzblatt auf Schaum – in Bremen – was für eine Geschichte hinter diesem Foto ^^
– eine Feder, in unserem liebsten Rosenbusch der Nachbarschaft
– der Hundenüschel mit dem weichsten Flauschflaum der Welt unter der Nase

nur ein Was

„Und was machen Sie so Hannah?“. Ich stelle den Fingerhut mit Henkel in meiner Hand bedächtig auf die für ihn vorgesehene winzig kleine Stelle auf der absurd großen Tischplatte und lasse die Ideen in meinem Kopf an meinem Blick vorbeirauschen.

„Okay okay – keine Panik – ich bin nicht faul, ich bin nicht dumm, ich bin nur ein Was aus der Unterschicht.“, denke ich mir selbst gut zu und lasse meine Gedanken zum Panzer um das Ertappt in mir werden.
„Ich abeite als freie Autorin und Künstlerin.“, ziehe ich mir unter diesem speziellen Blick aus dem Hals und hoffe, mich wieder der Scheibe Stollen auf dem zierlichen Tellerchen vor mir widmen zu dürfen.
Mit einer Gabel in der Hand natürlich. Weil Stollen hier kein Trockenobstbrot ist, sondern Tradition.

„Aha und welcher Natur ist ihre Arbeit?“. Die Frage kommt mir irgendwie rassistisch vor und kurz merke ich, dass es an dem Begriff „entartete Kunst“ liegt, der mir vor Augen schwirrt, nachdem die in mein Denken geschüttete Frage in meinem Begreifen ankommt.
„Schreiben Sie für ein Kunstmagazin? Oder im Kulturressort?“, schiebt er seiner ersten Frage hinterher.

Ich sitze am Tisch einer Familie, die man früher wohl „Industrieellenfamilie“ genannt hätte.
Es ist ungemütlich und auf diese komplizierte Art locker, die man nur hinkriegt, wenn man völlig selbstvergessen ist. Der Nahmensch, der uns eingeladen hat, spricht vor mir: „Gibt es heute überhaupt noch Kunstmagazine?“.
„Ja, gibt es schon noch. Aber ich arbeite frei und in erster Linie um zu arbeiten und um ehrenamtliche oder gemeinnützige Gruppen zu unterstützen.“, antworte ich. Meine Haut fängt an zu brennen und ich würde das Gespräch gern zurück auf die Notwendigkeit ökologisch nachhaltiger Gartenpflege lenken.

Doch es kommt, wie es kommen muss:“Ach, das ist ja interessant. Und können Sie davon leben?“.
Ich frage mich, ob ich vielleicht weniger ein Problem mit Small Talk habe, als damit wie dieser sich in jeder Gesellschaftsschicht verändert und nach oben hin, zumindest für mich, verschlimmert.

Small Talk ist für mich kein „kleines Gespräch“. Ehrlich gesagt, ist es für mich eher so etwas wie eine konzentrierte Einheit von Dominanzgebaren verbunden mit allen dazu gehörigen Mikroaggressionen, die dazu nötig sind.
Die Höflichkeit (die sicher mal irgendwas mit einem könglichen Hof zu tun hatte) gebietet Antworten auf gestellte Fragen. Dabei ist klar, dass die jeweils sowieso dominierende Person die Fragen stellt und unhöfliches oder gar kein Antworten zur Folge hat, dass ein unangenehmes Loch in die Konvention, welche die Dominanz des Fragenden letztlich legitimiert, gerissen wird.

So wird es zum Beispiel unhöflich, wenn man private Fragen nicht oder auch ehrlich, doch nicht den Erwartungen der Person entsprechend beantwortet. Ja – „unhöflich“ und nicht „selbstfürsorglich“ oder „seine eigenen Grenzen wahrend“ oder – nun ja – „offen und ehrlich“.

Ich lenke den Blick in die Nähe seines Gesichtes und antwortete „Wie sie sehen, lebe ich.“ und zerre in meinem Gesicht herum, um ein sympathisches Lächeln hineinzugraben.
„Chapeau!“, lächelt er zurück und widmet sich wieder seinen Familienmitgliedern.

Später sitzen wir mit dem Nahmenschen im Auto auf dem Weg zurück ins Bullergeddo.
„Das hat ja wunderbar geklappt, findest du nicht?“, fragt er.
„Hattest du Sorge, ich könnte mich nicht benehmen, oder was meinst du?“.

Er druckst und schwafelt.
Ich wusste, dass die Hoffnung war, ich würde das als Unhöflichkeit wahrnehmen und nicht als Bestätigung einer Idee von mir, die so viel mehr mit meiner sozialen Herkunft zu tun hat, als mit mir selbst.
Erst daran habe ich bemerkt, dass ich gerade von einem Nahmenschen benutzt worden war.

„Ich wünsche dir alles Gute für deine Zukunft, S.“, sagte ich und schloß die Beifahrertür, ohne auf eine Reaktion zu warten.
Er öffnete das Fenster auf seiner Seite. „Ich dir -„, setzte er an, meinem Rücken zu antworten.

„Wag es ja nicht.“, sagte ich, während mein Blick dem Schlüssel auf seinem Weg ins Schloß folgte, „Sieh zu, dass du hier verschwindest.“. Ich stieß die Tür mit dem Schwung auf, den meine Ohrfeige für ihn hätte haben können und ließ sie in ihren Rahmen donnern.

24. 12. 2015

In diesem Jahr haben wir gelernt, dass es in Ordnung ist, wenn man auf einem Foto nicht einfach abbildet, was angesehen werden soll, sondern immer genau das, was man selbst sieht und sehen möchte.

Erst das Zeigen eines Bildes bedeutet seine Teilung.

 

bisschen mehr zu #Diätkacke

Ich habe vorhin den #Diätkacke erfunden.
Weil mit voranschreitendem Welken eines jeden Jahres auch eine häufigere Darbietung selbiger auf so ziemlich jeder frei verfügbaren Plattform zu verzeichnen ist. Und, weil es mich ernsthaft wenig wundern würde, wären in Slimfast, Almased und Co mehr Inhalts- und Nährstoffe, als in einem mittelgroßen Kackeklops.

Diäten sind vielschichtig und pauschal nicht zu kritisieren. Letztlich steht das Wort nur für eine bestimmte Komposition von Nahrungsmitteln, die man zu sich nimmt. Nicht jede Diät zielt auf Gewichtsverlust ab, doch ist dies das Ding, das vorm Weihnachtsfest und vor der Freibadzeit in unsere Konsument_innenköpfe gedrückt wird.

Wir haben hier schon oft über unser Leben mit „Anxiety“ geschrieben und davon, wie gnadenlos und doch auch angenehm sie sich so zeigt.
Seit der großen Krise, in der wir in wenigen Monaten viel Gewicht verloren haben, haben wir uns stabilisiert. Wir haben ein Mal am Tag gegessen – immer irgendwas zwischen 1000 und 1800 Kalorien. Bis wir irgendwann keine Zahlen mehr brauchten und die Lebensmittel wieder mehr die Bausteinchen in der Tätigkeit „essen“ wurden, wie es zum Beispiel Kleidungsstücke in der Tätigkeit „anziehen“ sind.

Das haben wir mit Routine und Menschen, die uns emotional unterstützen, zu mehr Sicherheit und Gefühl für unseren Kontrollbereich verhalfen, geschafft.
Aber der Zauber ist nicht vorbei.

Gerade Feiertage sind eine prädestinierte Zeit für das Gefühl wenig unter Kontrolle zu haben und immer mehr oder weniger mit sich machen lassen zu müssen.
Unsere Gemögten und Nahmenschen feiern alle keine jüdischen Feste – sie feiern die christlichen. Das heißt für uns aktuell: wir erholen uns noch von Chanukka und bekommen Weihnachtsgeschenke und Weihnachtsbesuchseinladungen und Weihnachtspartymitkommwünsche und hier ein Kekschen und da ein Glühweinchen und hier ein Schokoweihnachtsmann und da ein Nüsschen …

Wir verstehen diese sozialen Gesten und freuen uns darüber.
Und hoffen, diese Menschen besuchen uns in den nächsten 4 bis 5 Monaten nicht, weil sie sehen könnten, dass die Sachen häufig noch eine Weile liegen bleiben, weil sie nicht besonders gut mit den aktuellen Essensplänen zusammenpassen oder für Fressanfälle gebunkert werden.
Ja – wir nutzen Süßigkeitengeschenke für die Planung unserer Fressanfälle. Immernoch.
Weil Fressanfälle teuer sind und, weil es die Demütigung perfekt macht, wenn man Geschenke frisst wie ein Monsterschwein, obwohl sie geschenkt wurden, um zu geniessen wie ein Mensch.

In der akuten Krise vor 2 Monaten konnten wir bis zur Klinikeinweisung weder mehr als 3-4 Stunden schlafen, noch einmal am Tag essen ohne vom Plan abzuweichen. Die Welt klapperte in ihren Angeln und wir torkelten in ihr umher.
Der neue Plan sieht zwei Mahlzeiten vor, weil wir ein Medikament einnehmen, das gesteigerten Appetit zur Folge hat.
Es gibt Uhrzeiten, von denen wir nicht abweichen dürfen, Marken und Geschmacksrichtungen die wir nicht spontan wechseln können, es gibt Mischverhältnisse, die nicht übermäßig abweichen dürfen, es gibt innerhalb der Woche einen Freiraum für Abweichungen (zum Beispiel, wenn ein Termin in die Esszeit fällt und man evtl. nicht kochen kann) und einen für geplanten Genuss.
Alles andere bringt uns durcheinander und löst Ängste aus, die noch nicht bewortbar sind.

Das hat weniger mit „Anxiety“ selbst zu tun, als mit der Reaktion, auf die hin sie wieder angestoßen wird. Einen spannenden Talk zum Thema „Reaktion auf Lebensmittel und Essstörungen“ hat übrigens Dr. Laura Hill gegeben.
Sie empfiehlt, dass ihre Klient_innen ein Ausweichessen mitbringen, wenn es eine besondere Situation ist und dies mit einem Umgang einer Reaktion in sich zu erklären.

Ich finde diese Idee gut. Es kann vielleicht entlasten, wenn so ungeplante oder auch sozial kolossal überladene Essenssituationen bevor stehen. (Wenn man es denn schafft, das zu erklären und ein Umfeld hat, das in der Lage ist, so etwas zu akzeptieren)

Daneben aber, halte ich es für wichtig nicht permanent „Diät = Abnehmen“, „wenig Körpergewicht = schlank/dünn = gesund“,  „schlank/dünn = schön“ und „schön = okay“ zu verknüpfen.
Für mich bedeutet meine Diät sowohl mich selbst, als auch mein Körpergewicht als auch meine Reaktionen auf soziale Ereignisse jeder Art halbwegs stabil zu halten und das ist nach so vielen Jahren mit „Anxiety“ ein echtes Arbeitsergebnis.

Übrigens habe ich über Diätkacke auch geschrieben, weil die wenigsten mit einer Essstörung im Leben mal über ihre Kackprobleme reden.
Wenn man wochenlang nur Wasser und Brot zu sich nimmt, folgt die Verstopfung auf dem Fuß. Wenn man sich über Monate hinweg ausschließlich von Putenbrust und Hühnereiern ernährt, ebenso. Nicht wenige, die ihre Umstellung von omnivor auf vegetarisch oder vegan umstellen (was im Fall einer Essstörung dann bedeutet ein Blättchen nach einem Gräschen zu knuspern und genau nicht das überlegte und ausgewogene Zusammenstellen einer bedarfsgerechten Ernährung ohne Fleisch bzw. tierische Produkte) quälen sich Schafdrops raus und stellen innerhalb von ein paar Wochen auf Abführmittel um, weils halt anders kaum aushaltbar ist.
Abführmittel werden zur Nebenwirkungsbehandlung der kruden Diät und dann dauerts nicht mehr lange zum treuen Freund und Begleiter, wann immer man am Abkacken mit sich selbst, seinem Körper und dem Leben an sich ist.

Wir haben noch immer 3 Großpackungen im Kleiderschrank stehen.

Unsere Ausschlußdiagnose vom Reizdarmsyndrom und auch die Zuckerproblematik konnte erst passieren, als wir ein ernstes extrem peinliches Gespräch mit unserem Arzt übers Kacken, die Kacke und das was sie vorher mal war, geführt haben.
Wir waren dankbar, als wir erfuhren, dass wir uns den Bauch nicht irreparabel kaputt gemacht haben, sondern, dass er eine bestimmte Diät braucht um problemlos zu funktionieren.
(Natürlich hat es auch dazu geführt, dass wir nun wissen, welches Essen zuverlässig furchtbare Schmerzen bereitet – aber das ist wieder ein anderes Thema.)

So – ich sag jetzt „Ende“, weil mir keine andere gute Ausleitung einfällt.

hö hö
Verstehste? – Ausleitung
höhöhö

Gesprächstherapie

„Irgendwie ist sie ja schon cool!“, raunt die Feuerhaarige , die sich auf meinem Scheitel abstützt und durch meine Augen auf die Therapeutin schaut, die gerade sagte, es gäbe für sie keinerlei Grund den Antrag nicht endlich los zu schicken. „Guck dir das mal an“. Das Mädchen auf meinem Kopf patscht mit der flachen Hand auf mich und unterbricht mein leichtes Dämmern.

Ich mag dieses Thema nicht. Ich schäme mich nicht, aber es ist mir peinlich so über mich und uns zu reden. Ich tue, was ich immer tue, wenn der Blick auf mich und uns als Einsmensch so konkret ist und ich weiß, dass ich ihn mit allem, was ich sage, nur noch klarer, schärfer, gezielter mache: Ich sammle die Worte und legte sie extra langsam und bewusst vor mich. Wickle sie ein und gebe sie extra langsam in mein Denken hinein. Das beruhigt mich. Macht mich dämmern und wenig berührbar von diesem Blick.

Wie eine Quecksilberlache breitet sich die Stunde vor mir aus und während viele verschiedene Innens aus meinem Gesicht hervorbrechen um ihre Brocken und Bröckchen zu dem Thema in das Gespräch zu halten, wickelt sich mir eine Wörterkette um den Hals und zieht sich in ihrer Bewegung ins Außen immer weiter zu.
Ich bleibe sitzen. Stoße meine Fingerspitzen wie Widerhaken in den Rand der Dunkelbunten. Weiß, wie sie es nie zulassen würden, dass diese Kette das Außen berührt.

Meine Haut wird kalt. Ein Puls flattert wie ein Schmetterling unter der Haut an meinem Hals. Es rauscht als stünden wir in einem Sturm, doch kein Wind berührt mich.
Und dann ist es vorbei.
Ich schaue den Schuhen der Therapeutin in ihrem Auf und Ab zu. Frage mich, ob sie mich ansieht. Frage mich, was sie sieht. Frage mich, wie wirklich das ist, worüber wir sprechen.

„Sie haben den Antrag gelesen?“, ihre Stimme wankt der Therapeutin entgegen. Unschlüssig zwischen Erleichterung und unerwartetem Grund zur Angst. „Ja. Sollte ich das nicht?“, fragt sie.
Mir werden die Worte entrissen und die Löwin schleicht sich mit ihnen durchs hohe Gras, das in unserem Kopf raschelt und rauscht wie die Brandung unter einen hohen Felsklippe.
Sie müsste antworten „Nein, aber ja.“ doch sie beißt mit geschlossenen Augen in die Wortmassen und wirft sich damit zurück ins Gespräch.

Irgendwann habe ich mein Wort. „Unaufrichtig“.
Es schmiegt sich an meine Wange. Ist so nah, dass ich es selbst zu sein scheine. Ist soviel von mir, dass es fast schade ist, es in eine Kette hängen zu müssen, um es mit der Therapeutin zu teilen.
„Ich würde umknicken, wenn sie den Antrag ablehnen.“. Ich hebe die Hand und knicke sie nach hinten. „Ich könnte das nicht durchkämpfen, wenn …“, mir geht auf halben Weg die Kraft verloren und die andere findet vor meinen Füßen Platz. „Wenn die Krankenkasse irgendwas nicht zahlen würde oder sowas ähnliches – wäre das kein Ding. Da würden wir Kraft aufbringen können, weil Sie da ja auch mit dran hängen. Aber nur für uns allein und …“
Ihre Energie fühlt sich an wie ein Gerüst um mich herum. „Und ich habe doch kein Wissen, ob man sich auf Innenkinder verlassen kann. Es fühlt sich unaufrichtig an, etwas sagen und vertreten zu müssen, dessen man sich nicht sicher ist.“.

Ich fühle mich blutleer und lasse wieder los.
Mein Wort hängt in dem Raum wie ein Bleigewicht und ich nagle es fest. Ich habe keine Kraft mehr mich weiter zu beteiligen. Bin erschöpft und kann das Ziehen im Zwerchfell nicht weiter ausblenden.
Als wir die Praxis verlassen, fällt mir auf, dass die Therapeutin mit uns umgegangen ist wie sonst auch. Obwohl sie jetzt etwas über ES und DAS DA weiß. Und zwar von uns. Obwohl sie weiß, wie wacklig meine (unsere) Überzeugung, ob der Wahrhaftigkeit dessen ist.

Wir stopfen uns die Ohren mit Kopfhörern zu und drehen „Cello-Wars“ voll auf.
Tun so, als wären wir Raumschiffrennfahrer_innen, als wir uns durch die Weihnachtsmarktbesucher_innengruppen schlängeln, ohne die Ränderplatten der Fußgängerzone zu berühren und uns von den Lichtern blenden zu lassen.Von der Straßenbahn lassen wir aufnehmen und klettern durch die blonden Dreadlocks eines Skate-Menschen vor uns.

Als wir später im Bett liegen und dem Feenreigen über unserem Kopf in seinen Bewegungen folgen, seufzt das Mädchen mit dem Feuerhaar: „Das ist alles ganz schön krasser Scheiß, ey“.