Jobcenter like its 2015 (and back into Hierjetztheute)

“Seit wann sind Sie denn im Leistungsbezug?”
“Seit es Hartz 4 heißt, also 2005.”
”Ouh. Das ist lange.”

Ja. Das ist lange.
Und, jetzt, wo ich mit unserem neuen Sachbearbeiter beim Jobcenter rede, kommt das alles wieder bei mir an. Auf die Umzugserschöpfung, die Anpassungsanstrengungserschöpfung, die 3 Wochen ohne gesetzliche Betreuerin und die 2 Wochen ohne Therapie-Erschöpfung, die Überforderungsgefühle, dieses Telefonat überhaupt so unvorbereitet und allein führen zu müssen, obendrauf.
Ich könnte heulen, stattdessen depersonalisiere ich. Höre jemand anderem zu, wie er für mich redet, bin zu entfernt, um irgendetwas beizutragen.

Als das Gespräch zu Ende ist, rufe ich bei der Neurologin an. Aus irgendeinem Grund denke ich, dass sie ans Telefon geht und ich an ihr abprallen kann, um in mir selbst zu landen. Quatschidee, sie ist in 15 Jahren, die wir ihr_e Patient_in sind, genau 1 Mal am Telefon gewesen, wenn wir da angerufen haben und wer weiß, wieso das so war. Etwas von mir und etwas von jemand anderem, vereinbaren einen Termin mit der Sprechstundenhilfe. Im Oktober.

Ich erlebe einen Flashback ins Jahr 2015. Wo sich so viel für uns verändert hat, aber das Jobcenter am Arsch zu haben und die Notwendigkeit von regelmäßigen Terminen bei ihr, so viel alltäglicher, normaler waren, als jetzt.
Der Tee in meiner Hand, die beiden Hundenasen, die mich anstupsen und zu weichen Flanken werden, die gestreichelt werden wollen, erden mich.
Aus der fremden Hasswut auf die Umstände, wird mein emotionales Sumpfgebiet mit Steinen aus Selbsthass, die als einzige Halt unter den Füßen bieten.

Ich bin es nicht mehr gewohnt. Diese Jobcenterscheiße. Dieses Gepule in meinem Leben, meiner Privatsphäre. Diese ständige Frage darum, ob und wenn ja in welchem Umfang, ich berechtigt bin zu leben.
Ich habe keine Haut mehr für diese spezielle Form der strukturellen Demütigung, das bürokratische Muskelspiel, das mich klein machen soll.

In den letzten 3 Jahren ist mir eine Haut gewachsen, um auch unter Zeitdruck kreativ zu bleiben, um inmitten von Leuten, die helfen wollen, diejenige zu bleiben, die sich effektiv auch helfen kann. Ich habe Schulausbildungshaut, Zuhausearbeitenhaut, Schriftsteller_innenhaut, ein bisschen Buchbinder_innenhaut, Hobbyfotograf_innenhaut. Haut, die mich als Subjekt umschließt, schützt und stärkt.
Für den Umgang mit mir als Objekt ist da nachwievor nur meine Traumahaut und davon habe ich in den letzten Jahren viel zu viel abgebaut, um das jetzt hier ohne Schmerz, – Leid – , zu empfinden.

Daneben zeichnet sich schon jetzt ab, dass es wird wie immer.
Wir sind widersprüchlich, falsch behindert, können nicht so, wie es der Arbeitsmarkt will.
Medizinische Gutachten folgen auf psychologische Gutachten, es gibt einen weiteren Zettel auf dem steht, was auf den Zetteln von 2005 bis 2015 schon steht: 70% schwerbehindert, Merkmal B, dissoziative Krampfanfälle, DIS, Ängste und Depressionen gemischt,( ASS wird dann neu da stehen), nicht arbeitsfähig.
Obwohl wir arbeiten. Obwohl wir wirklich hart arbeiten und tun und machen.

Ich selbst muss diesen Widerspruch nie aushalten. Ich lebe ihn und ich denke manchmal, dass die DIS dabei sehr hilft. Ich merke meine Arbeitsunfähigkeiten nicht, wie ich meine Arbeitsfähigkeit merke. Ich arbeite meine Sachen ab, bin zu Hause, mache meinen Kram, bereite mich vor auf Arbeiten, die außerhalb von zu Hause sind – kann mich in unseren Kosmos hineinspalten und stückeln, solange niemand konstante Verfügbarkeit von mir erwartet.
Das zu erklären ist so schwierig.

Vor allem, weil ja selbst die Erklärung in einen Rahmen passen muss, wo sie überhaupt nicht reinpassen kann.
Ich muss einerseits sagen: “Hey, ich kann nicht in die 10km entfernte Jobcenter-Filiale kommen, weil ich noch keine Assistenz habe.” und andererseits: “Hey ich bin im Oktober für eine Woche allein in Wien, um aus meinem Buch zu lesen und mir Dinge anzugucken.”

Muss sagen, dass ich es nicht schaffen kann, jeden Tag 3, 4 oder 8 Stunden zu arbeiten, während ich jede Woche eine Podcastepisode produziere, was mindestens 3 Mal 8 Stunden in der Woche sind. Während ich an Buchprojekten arbeite, Buchbindeunterricht habe, meine Kunst mache und meine Ehrenämter bespiele.

Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich etwas nicht schaffe oder kann.
Es ist auch nicht so, dass mir nicht selbst auffällt, wie viel wir eben doch schaffen.

Es ist eben einfach so widersprüchlich, nicht linear, anders.
So bin ich, so ist mein Leben, so ist mein Funktionieren. Es gibt nun mal einfach Menschen, die so sind.
Das bin nicht nur ich, weil wir autistische viele mit Spezialinteressen, die produktiv nutzbar sind, sind.
Wir können nichts für einen Arbeitsmarkt, an dem teilzunehmen alle quasi zwangsverpflichtet sind, obwohl ebenjener Arbeitsmarkt auf Talente und Kräfte, wie unsere scheißt, sobald sie nicht unbegrenzt zur Verfügung gestellt werden können.
Wir können nichts für Arbeitsbedingungen und –umstände, die Menschen, wie uns mehr und tiefgreifender schaden, als anderen.
Das macht das Jobcenter und sein Handeln immer wieder zu einer Strafinstanz für uns. Wir können nichts dafür, müssen versagen, rausfallen, “alles falsch machen” und werden dafür mit Drohungen, Leistungskürzungen und anderem bestraft.

Daneben sind wir heute privilegiert. Im Vergleich zu 2015 geht es uns heute sehr sehr gut. Wir sind sehr sicher, sind sehr geschützt, unterstützt, geliebt, gemocht, gehalten und wenn nötig, würde man uns sogar tragen.
Das macht die Erfahrung jetzt etwas anders. Wir wissen mehr über unseren Autismus, wissen mehr über unsere dissoziative Mechanik, uns als Subjekt. Das macht viel aus, hilft mir jetzt, mich hier aufs Schreiben konzentrieren zu können. Ganz sicher zu spüren, dass es okay und wichtig ist, mit diesen Gedanken und Gefühlen nicht allein zu bleiben, wenigstens virtuell nicht.

Ich kann mich dem Ärger, der Wut annähern, sie teilen. Die spontane Spaltung wieder schließen.
Ich kann mich jetzt aber vor allem mit zwei lieben, warmen Hunden ins Bett legen, Tee trinken, ausruhen und nichts Schlimmes wird passieren, denn am Ende hängt eben doch nicht mehr wirklich unser Leben am Jobcenter, wie noch 2015.

übers Ankommen, tote Natur und Jagdhundrealitäten

„Das Ankommen beginnt vielleicht mit dem Finden von Hunderunden.“
Das dachte ich gestern so bei mir.

Hier auf dem Land gibt es wenige organisierte Parks oder Erholungsgebiete nur für Fußgänger_innen, weil die Felder, Wiesen und Wäldchen im Privatbesitz zu Natur erklärt werden.
Man steht irgendwo und schwenkt den Arm, sagt: “Hier ist doch alles voller Natur. Hier passiert doch nix – hier kann man doch prima entspannen.” Während im Hintergrund jemand die Landstraße unter sich wegfrisst und dank Glyphosat und Co weder Wildkraut noch Insekten zu finden sind.
Mich entspannt das nicht. Ehrlich gesagt macht es mir sogar Angst, weil es bedeutet, dass so vieles nicht gesehen und wahrgenommen wird, dass es zu “nichts” erklärt wird.

Natur ist nicht nichts. Nie.
Das Entspannende an Naturerlebnissen ist, dass man die eigene Aufmerksamkeit breiter aufstellen kann als in der Stadt. Du musst nicht auf Schritte hinter oder neben dir achten, auf mechanisches Klicken oder die Bewegungen im Umkreis von 2 bis 3 Metern, sondern auf Dinge Umkreis von bis zu 10 Metern. Knacken im Unterholz, Rascheln im Gras, Vogelstimmen, die Bodenbeschaffenheit. Darauf, von wo der Wind kommt und was für Gerüche er zu dir trägt. Nirgendwo bekommt man potenzielle Gefahren so deutlich und offensichtlich mitgeteilt wie draußen in funktionierender, heiler, balancierter Natur.
Man bekommt mehr Raum zwischen sich und dem, wovor man sich eventuell schützen muss. Das macht viel aus, bedeutet auf eine Art, von einem Korsett befreit zu sein.

Dieses Empfinden zu haben, macht uns weicher. Flexibler. Also genau das, was wir gerade brauchen, um uns anzupassen. Zu der neuen Wohnung, der neuen Umgebung und allem ist nämlich auch ein neuer Begleiter gekommen. Bubi. Ein großer schwarzer Rauhhaarschnurzel mit ausgeprägtem Jagdtrieb und einem sagen wir mal, eher losem Bezug zu Kommandos wie “Komm”. Er ist toll. Und für uns eine echte Herausforderung.
Hunde wie Bubi sind sehr selbstständig, die gehen nicht so in Beziehung wie Hütehunde, was NakNak* ist.
Das bedeutet, dass man den Hund sehr genau beobachten, völlig anders bespielen und beschäftigen muss und, dass man das beobachtete Verhalten noch weniger durch eine menschlich-soziale Brille einordnen darf, als man es sowieso schon nicht tun sollte, wenn man auf Hunde schaut.

Mit beiden Hunden hier als reine_r Fußgänger_in unterwegs zu sein, ist nicht einfach für uns.
Denn trotz quasi überwiegender Insektenfreiheit gibt es hier Mäuse, Rehe, Fasane.
Nach 30 Minuten laufen auf Beton tun uns die Füße weh, wir sind durchbrutzelt von der Sonne zwischen Feldern, wir haben die Hunde schon drei Mal in den Graben führen müssen, weil ein überbreites Landwirtschaftsgerät oder jemand, der die 90 auf seinem (sic) Tachometer mit den 50 auf den Schildern für vereinbar hält, auf uns zu kam. Wir selbst können überhaupt nicht abschalten. Wir müssen Bubi beobachten, seine Leine festhalten. Wenn er hier abhaut, um einem Reh nachzuspringen, sind wir am Arsch. Wenn er jemandem vors Auto läuft noch einmal mehr. Er wiegt 30 Kilo, wenn er sich verletzt, können wir ihn nicht weit tragen.

Es ist nicht angenehm, diese Empfindungen zu haben und diese Szenarien immer mitzudenken. Aber sie sind real und realistisch. Wir würden auch gern zwischen Feldern stehen und locker lässig denken, wir würden schon mit allem was kommt klarkommen – hier is ja nix, was soll schon passieren.
Wir würden den dödeligen Schnurzkoppbubi vom Garten gern auch beim Spazierengehen haben, haben wir aber nicht. Wir hätten auch gern ein Mindset, das uns auf uns zu rasende Autos und eine im Grunde tote Umgebung nicht als etwas tief Beunruhigendes empfinden lässt, haben wir aber nicht. Und das ist auch gut so, denn es ist nicht dissoziiert. So zu empfinden und zwar ganz bewusst, ist ein total gesunder Anteil von uns. Den haben wir uns erarbeitet, wir verlassen uns auf ihn.

Eine Strecke zu haben, die wir mit den Hunden gehen können, wo wir wenigstens NakNak* an zwei Abschnitten laufen lassen können, um mehr Energie für Bubi freizuhaben, hilft sehr. Es entspannt, verbindet uns mit diesem gesunden Anteil, gibt uns die Möglichkeit uns neu auszutarieren. Denn es kommt nicht in Frage nur mit NakNak* oder nur mit Bubi spazieren zu gehen oder den Auslauf komplett dem Freund zu überlassen, weil er ein Auto hat und zu einer Stelle fahren kann, wo NakNak* die ganze Zeit frei laufen kann.

Wir wollen hier alles können, was wir im alten Zuhause auch konnten.
Jetzt mit der neu gefunden Hunderunde, können wir eine Sache mehr. Das ermöglicht uns das Ankommen und sich einfinden. Es tut gut zu merken, dass es geht, auch wenn es nicht so einfach ist, weil Realitäten so real sind.

das „Was würdest du deinem 14jährigen Ich heute sagen?“-Meme

Einige Tage vor meinem 33sten Geburtstag las ich einen Tweet mit der Frage, was man seinem 14 jährigen Ich heute sagen würde. Das hat mich eine Weile umgetrieben, denn ich erinnere mein 14 Jahre alt sein nicht so richtig.
Das war wieder so ein Moment, in dem mir einmal mehr bewusst wurde, dass das etwas ist, was viele andere Menschen so gar nicht haben. Also, so wirklich jetzt.
Und, dass das, was sie als damals vielleicht schwer oder unangenehm oder vielleicht sogar quälend einordnen, für sie eigentlich gar nicht mehr der Rede wert ist. Sie sagen „Pubertät“ und meinen eine schwierige Lebensphase, die nun glücklicherweise hinter ihnen liegt. Viele wollen ihrem 14 jährigen Ich sagen, dass es vorbei geht; dass es besser wird; dass es okay ist; dass es heute nichts mehr bedeutet.

Und ich feiere meinen 33sten Geburtstag und spüre sehr sehr deutlich, dass alles auch heute noch etwas bedeutet. Dass es besser, aber nicht gut ist. Dass es vergangen, aber nicht vorbei ist.

Ich weiß, dass mein 14 jähriges Ich nicht mehr leben will. Dass es sich zum Leben zwingt, weil es noch nicht genug Kraft für den Suizid aufbringen kann. Ich weiß, dass mein 16 jähriges Ich innerhalb von 2 Jahren 3 Mal gehört hat, dass es keine 20 Jahre alt werden wird und das glaubt, weil sein_ihr Leben die Hölle ist, die niemand sieht, niemand versteht, niemand beendet.

Ich weiß, dass ich, dass wir einfach nicht den Abstand zur Gewalt, zum Trauma haben, um die Ebene zu erreichen, von der aus andere Menschen auf sich schauen. Vielleicht ist es auch überhaupt nicht erstrebenswert als Erwachsene_r in die eigene Jugend zu schauen und zu denken, dass das alles in Wahrheit ja eh nur spinnerter Killefitt war, den man viel zu ernst nahm, weil man noch sehr jung war. Aber, es wird nicht so weh tun. Nicht so schwer sein.

Wenn man so lebt und tickt, dann feiert man die eigenen Geburtstage anders.
Da hat man keine Angst davor, ob es okay ist, wenn Menschen gratulieren. Da ist man nicht den ganzen Tag hintergründig damit beschäftigt, sich noch einmal mehr als sonst darin zu versichern, dass es okay ist immer noch zu leben; dass es auch ein Geburtstag ist, wenn Mutti und Vati nicht dabei sind; dass es im Grunde nur bedeutet, dass sich der Tag jährt, an dem man geboren wurde – und weiter nichts. Null. Absolut gar nichts.

Am Ende meines Geburtstages lag ich im Bett und fühlte viel Dankbarkeit der Kinder- und Teenagerinnens. Für den Kuchen, für das Playstation spielen, für die Pizza und die vielen Glückwünsche über Twitter. Meine eigene Dankbarkeit galt dem Umstand, dass wir noch leben. Dank der 14, der 15, 16 17 jährigen Ichs. Mehr hatte ich ihnen, in dem Moment, nicht zu sagen.

Dissoziation ist einfach eine mächtige Kackpottsau. Isso.

Der Druck steigt und mit ihm die Momente, in denen Widersprüche auffällig werden.
Ich starte in die Woche mit einem Bein im Nervenzusammenbruch, weil mich die Strukturierung der Umzugsorganisation überfordert. Am Abend des gleichen Tages stehen 6 Kisten im Schlafzimmer, zwei im Büro, ein Ablaufplan für die gesamte Woche liegt auf meinem Tisch. Und das 30 Minuten nach einer Therapiestunde, die ich mit dem Gefühl verlasse, gar nicht mehr so viel Zeit im Alltag zu verlieren – obwohl ich, wie mir später klar wird, einige Zeitfenster des Alltags benannt habe, die nachwievor nicht (so richtig) zugänglich für mich sind.

Was bedeutet das?
Bin ich das Innen, das für eine Einschätzung über uns alle taugt? Wie läuft das eigentlich in einer Diagnostik – wenn ich sage, dass mir viel fehlt, bedeutet das dann, dass ich die DIS habe, aber ein anderes Innen, das ebenjene meiner Löcher er_lebt, nicht? Nie drüber nachgedacht in gut 16 Jahren DIS-Diagnose. Wow einfach.

Mich stören solche Widersprüche nicht, daneben macht es mich total unruhig, wenn Außenmenschen solche Dinge auffallen und sie mich dazu befragen. Denn meistens ist das ein Abchecken – eine Versicherung, eine Einordnung. Mal gucken, ob das so richtig ist, klar geht, “normal “ ist. Als würde der Umstand, dass ich lebe und alles gut ist, nicht reichen. Auch kränkend sowas.
Und irgendwie ja aber, was die DIS eben macht: Dass alles läuft, obwohl nichts laufen dürfte oder könnte – nach Meinung all jener, die sich und ihre Umwelt kontinuierlich und kongruent erleben, denn für sie ist die von mir jeden Tag erlebte Brüchigkeit von Zeit und Raum nichts Übliches.

Im Moment schlafe ich nicht sehr gut. Im Grunde: kaum. Beim Einschlafen rutsche ich in Traumascheiß und mein Aufwachen hat mehr von einem Senkrechtstart, ausgelöst vom ersten Vogelzwitschern draußen. Wenige, viel zu wenige Stunden nach einer Reorientierungsrunde von 1-2 Stunden.
Und dann geht alles seinen Gang.
Aufstehen, Dinge tun, essen, Dinge regeln, ansprechbar sein, reagieren, arbeiten.
Aus dem gelegentlichen Zucken des linken Augenlids während der Prüfungsphase, ist ein physiognomisches Festival geworden. Am Mittwochmorgen hab ich mir zum ersten Mal seit längerem wieder durch einen nervösen Tick ins Gesicht gehauen. Bäng, in my face. Ohne Sterne.
Und gleichzeitig ist da diese emotionale Nulllinie. Wie weißes Rauschen. Manchmal überlagert von einer echten Emotion, aber immer da, als wäre sie manifest gewordene Wahrheit. Einzig und unverrückbar.

Am Mittwoch haben wir unseren Personalausweis ändern lassen.
Ich saß  in der Halle und twitterte irgendwie halbwegs humorig darüber, wie kurz vorm Heulen und Kotzen ich war, aber angesehen hat man mir das sicher nicht. Selbst mir kam das irgendwie mehr wie eine sehr wahrscheinliche Option meiner emotionalen Verfassung vor, als denn einer echten Empfindung. Selbst in dem Moment, als ich wegen der Notwendigkeit eines neuen Passbildes von jetzt auf gleich in Tränen ausbrach, ohne irgendwas vorher wegatmen oder querschieben zu können. Selbst da dachte ich noch, dass das irgendwie doch nur die Wahrscheinlichkeit für eine spezifische Emotion erhöht, aber noch lange nicht wirklich richtig in echt jetzt so ist. Weil ja eigentlich alles gut ist. Alles so, wie es soll. Tutti palletti sozusagen.

Dissoziation ist einfach eine mächtige Kackpottsau. Kannste nichts gegen sagen. Isso.

Wenn wir heute mit Leuten übers Vielesein sprechen, dann sagen sie manchmal sowas wie, dass sie sich nicht vorstellen können, wie man so ein Gewaltleben er_leben kann und niemand merkts. Weil das so ein Widerspruch ist.
Phasen, wie die, die wir jetzt gerade durchmachen, sind ziemlich genau so.
Ich sitze hier und schreibe eloquent und reflektiert, was los ist – obwohl ich nicht weiß, was los ist und selbst, die Ahnung, die ich haben könnte, nicht mehr ist, als eine möglicherweise zutreffende Einschätzung, die aber nicht von mir prüfbar ist, denn ich bin sowas von weit weg von mir, von uns, dass da einfach nirgendwo ein festes Stückchen ist, um einen Punkt zu machen.
Ich weiß, dass hier richtig was zieht und reißt – aber ich kann nicht fassen was, weiß nicht wo, verstehe nicht warum. Und obendrauf passiert es IN WAHRHEIT nicht einmal WIRKLICH mir. Und: Ich kann niemanden um Hilfe bitten – ich wüsste nicht wobei, denn ich kriege ja doch irgendwie alles alleine hin und jeder Hilfeversuch von außen kann nur falsch sein oder an einer falschen Stelle ansetzen, denn es kann nur geraten werden. Und Hilfe an der falschen Stelle raubt Kraft, die im Moment nur kleckerweise wieder reinkommt.

Ich merke, wie oft ich fast wie aus Gewohnheit im Dissoziationsmodus bleibe, selbst über schwierige Momente hinaus. Einfach, weil es sich gut anfühlt. Neblig, wattig, bisschen schweberig. So als wäre alles von mir in Luftpolsterfolie gepackt, um mich vor Dingen zu schützen, die mir nicht einmal mehr Angst machen, nachdem auch sie auf der anderen Seite der Polsterung sind.

Ich merke aber auch wie gleichermaßen gewohnheitlich ich da auch wieder rausgehe. Wie routiniert ich mir Anspannung rausschüttle, wegatme, auf dem Fahrrad in die Pedale presse, um mich vom Fahrwind ins Er_leben zurückpusten zu lassen.
Alles was bleibt ist dieses vage Derealisationserleben. Doch das ist okay.
Ich muss wirklich nicht alles von dieser krass heftigen Zeit als real empfinden. Wirklich nicht.

Lebensaufgaben

“Man nennt es manchmal “Lebensaufgabe”. Das, womit man im Leben immer wieder konfrontiert ist, bis es vorbei ist. Interessanterweise ist, die Lebensaufgabe zu schaffen selten das, wofür man irgendwann eine Lebenswerk-Ehrung erhält. “

Und dann ist mein Gedanke auch schon wieder vorbei.
Wir sitzen in der neuen Wohnung. Unserem neuen Büro.
Es ist viel lauter als bei uns, unten vor dem Fenster fahren Laster und Kleinwagen von links nach rechts, von hinten zwitschern Vögel dagegen an. Der Freund telefoniert unten und das Klicken meiner Tastatur platscht von Wand zu Wand, denn hier ist noch nichts, außer dem Sofakissen auf dem ich sitze und dem Fußhocker auf dem das Laptop auf dem umgedrehten Besteckkasten steht. Und der beißende Kampfergeruch von dem Polsterreinigungsschaum, den der Freund gestern auf dem Futonbezug verteilt hat.

Hier ist nichts wie zu Hause und das ist anstrengend.
Es ist anstrengend zu zweit, zu viert und obendrein noch mitten in der PMS-Phase des Zyklus zu sein.
Nach 3 Tagen Podstock, nach 6 Wochen Prüfungsphase, nach 3 Wochen Prüfungsvorbereitungsphase. Manchmal merke ich ganz dicht hinter mir, wie es etwas kippelt und ausrasten könnte, aber keine Energie aufbauen kann. Das ist noch schlimmer als wenn es einfach ausbrechen würde, denn es bleibt und wabert und zieht und zieht und zieht an meiner Kraft, statt sich einmal einfach zu entladen und dann wieder abtauchen zu können.

Vorne in der Hecke stecken Gespinstmottennester. Gestern haben wir Brennnesseln aus dem Boden gezogen, die uns bis zur Schulter reichten. Wir haben den Rasen gemäht und gemotorsenst. Wenn wir hier wohnen, wird es neue Routinen geben und ich freue mich auf den Moment, in dem sie einfach da sind.
Im Moment bringt jeder Tag etwas Neues und es ist spürbar schlimmschön.
Wir würden es nicht anders haben wollen, aber wir brauchen es anders und das in der Art zu spüren und im Innen als real zu erleben ist krass. Neu. Schlimm.
Und schön, denn um dahin zu kommen haben wir viele Jahre an uns gearbeitet.

Wir haben noch 6 Wochen vor uns, in denen einfach gar nicht mehr so sein wird, wie in den letzten Jahren.
Ich habe Angst vor einer Erschöpfungsdepression im August/September. Weiß, dass sie kommen wird. Weiß, was ich dann machen muss. Weiß, dass es trotzdem schlimm sein wird und gleichzeitig nicht zu verhindern ist.

Niemand krempelt das ganze Leben um und ist hinterher nicht tief erschöpft.
Niemand schafft eine Lebensaufgabe und ist dann nicht überfordert vor der nächsten.

Fundstücke #70

Ich habe einen amerikanischen DIS-Podcast im Podcatcher, in dessen Beschreibung steht, dass sie dissoziative Symptomatiken und Wechsel nicht rausschneiden. Für die Authentizität.
Das und anderes haben mich dazu gebracht, mich zu fragen, wie authentisch wir hier sind. Und ob das überhaupt geht – authentisch sein, ganz man selbst sein, wenn man gar nicht so recht weiß, wie man denn ist.

Wenn ich einen Podcast aufnehme, dann will ich ihn gut machen, denn ich mache das auch für andere. Und wenn ich etwas gut machen will, dann schneide ich raus, was mir ungut erscheint. Heulen zum Beispiel, weil ein Thema so unfassbar berührt und traurighilflos macht. Wechsel zu Innens, deren Emotionalität ein Thema in den Hintergrund drängen würden. Oder auch Wort- und Sprachlosigkeit, deren Stille zu einer großen Anstrengung für Hörer_innen werden würde.
Vermutlich bin ich also nicht authentisch in der Sache. Vielleicht ist dabei nur authentisch, dass ich das überhaupt mache und so viele andere Betroffene nicht. Denn irgendwie sind wir, bin ich, immer irgendwie die Person, die Dinge tut, obwohl und obwohl.

Das war auch Thema neulich.
Obwohl.
Bloggen, podcasten, workshoppen, für Geld monologisieren vortragen, ein Buch veröffentlichen, rausgehen und Dinge machen, Leute treffen – obwohl bei uns nicht alles gut ist. Obwohl wir auch Angst haben. Obwohl wir auch nicht von uns denken, dass wir die beste Person für das sind, was wir bewirken möchten. Obwohl es schwer ist.

Das sind keine Dinge, die uns abhalten etwas zu tun. Ehrlich gesagt sind das sogar Dinge, die so tief in mich hineingefräst sind, dass sie zu kompensieren ein Teil meines Ich, unseres Rosenblätter-Ich, sind.
Aber sie haben den gleichen Stellenwert wie den Ärger darüber, dass ich meine Schreibfehler in den Texten immer erst Stunden nach der Veröffentlichung sehe oder wie das Gefühl aus der DIS-Blog-Szene ausgeschlossen zu sein, weil mehr als “Gut gemacht”, “Danke” oder Quark von dem klar sein muss, dass wir ihn nicht freischalten, bei uns nicht kommentiert wird.

Es gibt so viele hätte würde könnte wenn’s in unserem Leben. Wir kommen nicht hinterher damit und die Konsequenz dieser Unübersichtlichkeit und unserer Unzulänglichkeit Dinge anders zu machen ist, die Dinge zu machen, die wir machen wollen und zwar so wie wir wollen.
Das ist die Authentizität, die wir leben. Glaube ich.
Dass wir Dinge tun, um sie zu tun, nachdem wir uns entschlossen haben sie zu tun. Nicht trotz oder obwohl da auch Angst, Unzulänglichkeits- und Isolationsgefühle sind, sondern, weil sich diese Gefühle nicht damit verändern, dass wir nichts tun.

Wir machen sie nicht (mehr), damit Dinge besser werden. Wir machen sie, um sie gut zu machen. So gut wir das eben hinkriegen.

Und ja, ich glaube unsere Flashback-Reaktionen aufzunehmen, emotionale Innens andere Leute anpöbeln zu lassen oder Kinderinnens an PC und Handy zu lassen, führt nicht dazu, dass wir etwas gut machen.

Ich glaube auch, dass viele Leute Authentizität mit Nahbarkeit verwechseln.
Viele bezeichnen Menschen authentisch, mit denen sie sich verbunden fühlen. In denen sie sich selbst irgendwie erkennen können. Wir erkennen uns selten in anderen Menschen, und wenn dann nur in Stückchen. Wir ver.binden uns bewusst und auf Grundlage von wohlüberlegten Entscheidungen. Gefühle haben dabei keine leitende Funktion, sondern eher eine beratende.
Wir haben noch nie einen Podcast oder ein Blog abonniert, weil wir authentische Leute lesen oder anhören wollen, sondern, weil wir gut präsentierte Inhalte lesen/anhören wollen.

Vielleicht macht uns das komisch und unnahbar. Vielleicht sind wir auch so.
Keine Ahnung.
Es ist auch nicht relevant.

Wir sind nicht, was wir machen.
Wir sind angstvoll, unzulänglich und oft einsam – und wir machen Dinge.
Gleichzeitigkeit zu leben ist authentisch.

mit freundlichen Grüßen, eine “vermeidende ANP”

Nach manchen Therapiestunden mache ich mir Sorgen darüber, ob wir ~das~ jemals ~richtig~ hinkriegen werden.
Vor allem nach Stunden, wie den letzten, in denen das Vermeiden wieder deutlich spürbar als Verb im Raum stand nicht als das Ich, das in dem Moment da war.

Ich weiß nicht, ob wir unsere Kaputtness irgendwie falsch eingeordnet haben oder auch dort wieder Vermeidung eine Rolle spielt. Vielleicht ist das so, vielleicht ist aber auch der Umstand, dass wir viele Jahre lang als ein zusammenhängendes System gesehen und angesprochen (und entsprechend therapiert) wurden ein Faktor dabei.

Auf der “Fakt-Seite” ist mir klar, dass der strukturelle Aufbau der anderen Funktionssysteme in uns nicht sehr anders ist als der von uns Rosenblättern. Es gibt Innens, die das Trauma direkt an sich erlebten, Innens, die es beobachteten, Innens, die versuchten es zu kommunizieren, Innens, die amnestisch für das Trauma sind und allgemein eher einen Fokus auf die Aufrechterhaltung dessen haben, was sie als funktional und dem eigenen Überleben dienlich oder notwendig einordnen. Und ja, letztere sind bei uns in der Regel die, die – wie ich – mit enormen Fremdheitsgefühlen gegenüber anderen Innens zu kämpfen haben.

Und das ist die Basis. Damit ist noch nicht einmal gemeint, was andere Innens machen oder mögen oder wollen oder finden. Oder, was sie erlebt haben. Es ist schon furchtbar fremd und fern, dass sie da sind – so furchtbar und fremd, dass man es vermeidet, sie genauer zu erspüren.

Das ist die “Fühl-Seite”. Die, auf der ich mich jeden Tag damit konfrontieren muss, dass ich den Impuls einen Schritt zurückzugehen, auszuweichen, mich wegzuducken oder dem Gefühl eines Kontrollverlustes nachzugehen, unterdrücken oder umleiten muss, weil ich ja damit vermeide.
Mir passieren gruselige Dinge an und mit mir selbst – aber Angst haben darf ich nicht davor, denn das bin ja alles ich. Ich erlebe mich so oft so viel kleiner, zarter, durchlässiger, als ich bin – aber das darf mir nicht das Herz in die Hose rutschen lassen, mich ohnmächtig und schutzlos fühlen lassen, denn das bin ja alles ich – das ist ja alles mein Gefühl zu irgendwas und aber in Wahrheit ist ja alles ganz anders.
In Wahrheit bin ich erwachsen und kann meine Dinge tun. Nichts kann mich treffen. Mich berührt gar nichts – außer dieses fremde, in mir drin wühlende Sein der anderen. Und das soll ich irgendwie genuin in mich reinbringen. Dass das in Wahrheit alles gar nicht fremd ist, sondern ich. Obwohl es sich nicht so anfühlt.

Dabei soll ich sonst alles so machen, wie es sich für mich richtig anfühlt. Grenzen beachten, schauen was geht und was nicht. Bei allen möglichen Dingen soll ich das so machen – nur nicht, wenn es um mich und mein Gefühl für mich und meine Vergangenheit geht. Da ist, was sich für mich richtig anfühlt “Vermeidung” und damit die Aufrechterhaltung der Dissoziation. Und also, so fühlt es sich manchmal an, die Sabotage der gesamten Therapie.

Wie ungerecht das ist, habe ich in den letzten Therapiestunden verstanden. Einfach, weil ich es zum ersten Mal mit einem Innen tun hatte, dessen innerer Kosmos absolut nachvollziehbar, ja sogar nach-, mit-, ichlich fühlbar für mich ist. Und die Therapeutin ihm im gleichen spezifisch konfrontativen Ton wie mir sagte, es würde vermeiden, als sei das eine aktive Tätigkeit und nicht der Reflex als den sowohl ich als auch das Innen das erleben.

Für mich ist es nicht mehr die Art von Reflex, die aus Todesangst heraus greift. Das ist vielleicht ein Unterschied. Ich bin nicht so jung wie dieses andere Innen, lebe in unserem Alltag, mir fehlen die Erinnerung an unser Erwachsenwerden nicht. Meine Angst zu sterben ist eine andere als die dieses Innens.
Der Mechanismus hinter unserer Vermeidung ist aber der gleiche: Wir wissen nicht wie wir leben sollen, wenn wir nicht tun, was wir tun oder sind, wie wir sind.

Jedes Mal, wenn ich versucht habe Erinnerungen oder Sein anderer Innens als meines anzunehmen, hatte ich das Gefühl zu lügen und nach einigen Tagen des Aushaltens dessen, bin ich zerfallen. Ob ich wollte oder nicht, ob ich mich tiefenspecial darauf eingelassen habe, dass das alles ich bin und alles zu mir gehört und la la la Es hat mich verdisst, mir fehlten einige Tage und erst irgendwann Monate später in irgendeiner anderen Therapiestunde merkte ich an irgendeiner Kleinigkeit, dass mir die Erinnerungen und Bezüge, die ich doch annehmen wollte, komplett fehlen. Ja, dass ich manchmal nicht einmal mehr weiß, worum es grob dabei ging und in welchem Zusammenhang ich versucht habe, das anzunehmen.

Das ist jedes Mal ein Moment von Versagen für mich. Und jedes Mal denke ich an die ganze Zeit, in der wir schon arbeiten, die ganze Kraft, die es sowohl mich und uns als auch die Therapeutin gekostet hat und möchte im Boden versinken vor Scham.
Obwohl ich weiß, dass das – genau das – das ist, was die DIS zu einer Diagnose macht und, dass es so etwas wie eine Entscheidung zur Vermeidung oder Dissoziation nicht gibt. Ich weiß das und ich ziehe viel Kraft, die Therapie überhaupt weiter zu machen daraus, denn diese “Krankheit” ist ein Zustand. Die Diagnose bezieht sich auf die Zustände und die Desintegration dessen in einer einzelnen Person – ich bin ein Zustand. Ein Ich-Zustand. Die anderen sind ein anderer Ich-Zustand – von mir oder von jemand, die_n es jetzt vielleicht noch gar nicht gibt, weil da einfach nichts genug miteinander verbunden ist, um Selbst zu sein.
Zustände sind veränderlich. Ich kann mich ändern. Ich will mich verändern. Ich weiß nur nicht, wie ich “anders sein” machen muss oder kann. Als Tätigkeit.

Es ist ungerecht das auszublenden, nur weil es nicht der gleiche Lerninhalt ist, wie der mit dem Innens, die nie etwas anderes als Gewalt und Not erlebt haben, zu kämpfen haben.
Ich lerne hier auch gerade, wie man ohne Todesangst haben zu müssen, lebt.

der Song, das Jetzt, das tote Kind

Als ich mein Rad abstelle, setzt einige Meter neben mir der Song “Sweat” ein. Inner Circle, 1992. Sommerhit. Mir schießen Tränen in die Augen. Das Kind, das diesen Sommer erlebt hat, wird von uns seit dem Antrag auf Namensänderung zu Grabe getragen. Jeden Tag einen Millimeter weiter.
Die Sonne scheint. Ich mache meine Beine hart und versuche mein inneres Wanken innen zu lassen. Hier und jetzt in dieser Stadt wohnen wir. Damals war damals. Heute ist heute, ist hier und jetzt. Aaahaa haa haa

Seit der Unterschrift auf dem Zettel stelle ich mir vor, was wir mit dem alten Namen machen. Wir werden ihn nicht verlieren. Und natürlich ist auch die Idee, etwas von uns, das uns, das wir früher, zum Beispiel 1992, waren, zu beerdigen absurd. Das geht nicht, wird nie gehen. Und trotzdem werden wir das tun. Wir müssen das tun. Irgendwie fühlt sich das sicherer an. So, wie die ewige Ruhe, die wir uns an der Stelle einfach wünschen und anders vielleicht auch gar nicht herstellen können.

Und ja, es ist auch wie etwas endlich wirklich sterben zu lassen, an dem wir so lange und immer und immer und immer noch fest gehalten haben. Weil wir uns eben doch seit 17, 18 und in ehrlichster Wahrheit dann doch schon seit mehr als 25 bis vielleicht sogar 27 Jahren mit der Idee bescheißen, irgendwann würde doch alles wieder gut, wieder heil, wieder so, dass man es ohne Zweifel, Zögern, Zagen leben kann. Ohne alles das, was irgendeine Form der Ruhe verhindert.

Es ist Realität, dass wir zu viel in der Herkunftsfamilie gelassen haben, um heute sagen zu können, es sei einfach nur ein Namenswechsel. Das ist einfach nicht. Es ist auch Kapitulation. Eine Kapitulation vor der Tatsache, dass wir niemals in unserem Leben erfahren werden, wer das war. Wer dieses Kind war, das nur 14, vielleicht noch ein bisschen 15 Jahre alt werden konnte und dann da bleiben musste. Für immer. Schlicht und einfach unrettbar.
Nicht nur abdissoziiert und irgendwie verschüttet, sondern wirklich wie das Stück Seele, das man opfern muss, weil sich das Leben zu retten manchmal eben doch so viel kostet.

1992 waren wir 6 Jahre alt. Die Erinnerungen mit dem Song haben einen Sommer mit dichter Wärme, klebrige Teerwürste, Straßenplatten, das Fahren auf der Rückbank eines Autos sich drin. Luft, die nach Staub, nach Gräsern und Zigarettenrauch riecht. Und das überfordernde Angstkippeln zwischen einstürzendem Weinen und vibrierender Steifheit, die sich dagegen auflehnt, an der Aaaaah-Stelle des Songs.
Der Gedanke als 6 jähriges Kind mit so einem Kampf um, gegen, mit Emotionen belastet zu sein, macht mich fertig.

Nicht, weil es ist oder vielleicht war, sondern, weil es wirklich niemals Trost, niemals wieder gut, niemals ganz wieder heil geben wird. Nicht, weil die Wunde so groß ist, sondern weil das Kind schon tot ist. Schon länger, als wir uns das eingestehen wollten. Kinder wie dieses kriegt man mit keiner Traumatherapie wiederbelebt. Solche Kinder setzen sich nicht aus den Erinnerungsplittern zusammen, die man sich Stück für Stück zusammenerinnert.
Die sind tot. Gestorben. Abgenippelt. Verreckt. Abgekratzt. Ausgehaucht. Zu Ende.
Egal, wie toll man um ein Leben danach aufgearbeitet hat.

Die Musik stoppt.
Ich gehe zur Sparkasse. Die Fotokopie des Geburtseintrags im Standesamt der Geburtsstadt kostet 10 Euro, die wir an dem ganzen Wasser im Gesicht vorbei überweisen. Der Geburtsort verbindet uns mit der Mutterfrau genauso wie der Geburtseintrag. Wieso ist sie nicht einfach allein geblieben, so wie sie da allein drin steht. Keine Antwort. Jemals. Irgendwie geht es uns ja auch überhaupt nichts an. Es war ihre Entscheidung, wir waren noch nicht, das Kind damals auch einfach nur da. Zufällig quasi mit aus Versehen reingeschliffen.

Jetzt gehe ich durch meine Heutestadt und schwappe bei jedem Schritt aus dem Kopf auf die Brust auf den Boden ins Hier von 2019. In mir drin rascheln Federn. “Deshalb heißt es ‘Trauerjahr’ und nicht ‘Trauermoment’, mein Herz.”.
Ich denke, dass da was dran ist und verstehe, wieso ich über alles das gerade so vergleichsweise großzügig weinen kann. Denn das Leben danach ist ja auch immer nur Leben, und doch ein anderes Leben. Ein anderes Vorsichhinleben. Man muss alles ein erstes Mal machen. Ein neues weiteres erstes Mal, in dem man tut, was man immer tut, während alles anders ist. Neu. Fremd. So noch nie gewesen.

Das bewusste Loslassen der Hoffnung auf einen Originalzustand, so wie das Kind, das war, bevor wir uns in die Erwachsenheit überlebt haben, ist so noch nie gewesen. Das Gefühl seine unsichtbare Leiche auf uns drauf durch die Gegend zu tragen, während wir darüber nachdenken, wo wir es beerdigen, auch nicht.

Es ist ein zweites Danach.
Ein gutes. Ein wichtiges. Aber auch eins, in dem wieder etwas Unersetzbares für immer fehlt.

der formale Antrag auf Vor- und Nachnamensänderung

Die Sonne schien, NakNak* wuselte mit uns im Bett herum, als das Telefon klingelte.
“Unsere Standesbeamtin” war dran. Einige Tage nachdem wir schon dachten sie würde sich nicht melden, weil unsere Begründung nicht ausgereicht hat.
Wir vereinbarten einen Termin, keine zwei Stunden später. Kamen an, saßen rum, traten ein und stellten den formalen Antrag auf Änderung des Vor- und Zunamens. Bei Ausstellung des neuen Personalausweises würde auch der Künstler_innenname eingetragen werden.
Jetzt ist es nur noch ein Führungszeugnis und eine Kopie des Geburtseintrags, dann werden wir anders heißen. Wenn alles glatt geht bereits auf dem Abschlusszeugnis.

Wir kamen aus dem Rathaus, machten gleich einen Termin für das Führungszeugnis, völlig Banane nächste Woche, da sind wir gar nicht da. Kauften uns ein Brötchen, obwohl wir gar nicht hungrig waren. Auch interessant so ein Übersprung in der Schüssel.

Unsere Behördenkrambetreuerin sagte erst am Montag, dass das ja alles auch kathartisch werde würde.
Der Abschluss, der Umzug, der neue Name. Große Befreiung, als weg, alles raus. Neuanfang, weiße Weste trallala
Sie weiß nicht so viel über strukturelle Dissoziation, vielleicht hat sie es deshalb als etwas Positives erwähnt.
Für uns ist genau das eher zu verhindern. Alles hier lassen, ganz neu im neuen Zuhause starten, alles loslassen, bei 0 anfangen. Das hatten wir schon oft und jedes Mal ist ein neues Alltagssystem aufgetaucht, das keinen oder nur spezifisch Bezug zum Vorher hatte.

Sicherlich, wird sich das jetzt heute nicht so wiederholen. Wir sind abgesichert, gestützt, gehalten, sind in uns so viel konsistenter als früher, wir denken nicht, dass es diesmal zu so einer Spaltung kommt, aber mitdenken müssen wirs.
Deshalb haben wir bereits jetzt Monatsmülltüten. Ein Mal im Monat schmeißen wir kreuz feldein weg, was wir nur behalten, weil wir es nicht ersetzen können. Oder weil wir denken, man könne uns verübeln, dass wir es nicht behalten. Oder weil wir denken, unsere Herkunftsfamilie würde das mitbekommen.
Alles weg damit, warten, nachfühlen, merken: Alles ist wie immer, alles ist an seinem Platz.

Das könnten wir nach dem Umzug noch nicht so schnell sagen, denn dort muss alles erst einmal an den richtigen Platz gelebt werden. Deshalb machen wir es jetzt. So lange bis nur noch da ist, was uns das Gefühl gibt, dass alles okay ist. Denn genau das werden wir im neuen Zuhause brauchen. Nicht mehr, nicht weniger.
Ein Vorgehen, das nicht lauter HALLO GESUNDES VORGEHEN brüllen könnte. Nicht antidissoziativer wirken könnte.

Und der neue Name?
Wir haben den alten schon weggeschmissen. Schon vor 19 Jahren.
Er ist eine Hülle, die das Außen auf uns drauf wirft, uns aber nie benennt. Uns schmerzt, nie nutzt.
Wir heißen nun schon seit Jahren für alle ‘Hannah’, das muss sich nicht ändern, nur weil ein neuer Ausweisname da ist. Alles bleibt gleich, alles bleibt an seinem Platz.

Außer der Schmerz.
Der bleibt im Standesamt der Stadt aus der wir wegziehen.

oh scheiße

Zwischen zwei Abgaben und einer überschrittenen Deadline war der Krampfanfall. In der Schule. Das haben wir lange vermeiden können, aber Notenvergabezeit ist Stresszeit, keine Zeit für einen Schritt nach dem anderen.

Die Lehrer_innen, die da waren, wussten viele Dinge nicht so recht. Entschieden für einen Notarzt. Der kam und britzelte uns seine Neonkleidung ins Hirn. Schob den Pulli am Handgelenk hoch und sagte: “Oh scheiße.”.
Und irgendwie war das gut. Es hat sich gut angefühlt, dass er das so gesagt hat. Oh scheiße, dieses Handgelenk ist einfach mal zu einem Drittel Suizidversuchsnarbengewebe und das andere auch.
Oh scheiße oh scheiße oh scheiße das alles. Dass das so ist, dass das so nötig war, dass es nie anders ging, dass man es für immer sehen wird. Oh scheiße, dass man da keinen Puls mehr fühlen kann, aber, wenn man sich Mühe gibt, unsere Not vor 18, 17, 16, 15 Jahren.

Oh scheiße, das Leben ist so fragil, aber gleichzeitig kannst du dein Blut aus dem Handgelenk wie aus einem Springbrunnen hüpfen sehen und doch nicht daran sterben. Das Leben ist nicht zwangsläufig, was man erlebt und trotzdem alles, was man leben kann. Und oh scheiße, wie schlimm das manchmal ist.

Ich mochte den Notarzt. Er hat mein Nochnichtwiedersprechenkönnen nicht zu brechen versucht. Hat alles angekündigt, hat uns allein gelassen, nachdem die Lage gesichert war.
Er hat die Scheiße gesehen und daran geglaubt, dass wir damit umgehen, damit leben können.

Das war toll, denn so ist das Leben auch.
Zeit, Prozess.
Scheiße in der Vergangenheit und Umgang damit für immer.