Fundstücke #86

Am Ende hielt ich ein kleines Polaroid von der ganzen Gruppe in der Hand. Ganz so wie Leute, die zu anderen Leuten gehören und sich für ein Foto zusammenstellen, weil man das eben so macht. Klick – ein gemeinsames Erlebnis dokumentiert, Zugehörigkeit markiert.

Vielleicht hätte ich unter anderen Umständen geweint. Oder nachgefragt, ob ich das Bild wirklich behalten darf. Ob es wirklich für mich ist.
So waren die Umstände aber das Ende eines Drehtages in Köln, nach einem ersten zweiten Realtreffen mit Felice, nach einer verknörgelten Anreise mit dem Zug, nach einer Therapiestunde, die mich fast umgeworfen hatte, nach zwei Tagen für die Initiative Phoenix mit Mitgliederversammlung in Mainz, nach dem Sprechen und Arbeiten auf der Performativen Buchmesse in Hamburg, nach schwierigen Arbeitstagen und vergessenen Terminen zu Hause, nach zwei Tagen Arbeiten und Lesen auf der Leipziger Buchmesse. Vor weiteren intensiven Stunden mit der Deutschen Bahn. Vor meiner Lesung gestern. Vor der Arbeit, die ich diese Woche nicht geschafft habe. Vor allem, was ich in einer neben mir herlaufenden Spur bearbeite und überlege, um es in der Therapie zu besprechen.

Am Abend lag ich im Bett und schichtete alle Decken über mich. Drückte mich an die Wand und versuchte mich in die Ruhe zu atmen. Die Eindrücke des Tages der letzten Wochen hagelten bedrohlich auf mich ein. Taten weh, erschreckten mich, ließen mich ohne Begreifen zurück. „Ich muss unbedingt schwimmen nächste Woche“, dachte ich. „Vielleicht sogar jeden Tag.“

Aufgaben im System überdenken

Und wieder eine Sprachfalle.
Meine Aufgabe im System. Jemand, ein Anteil von mir – nicht ich, aber nun mal ja doch ich irgendwie – soll mal über die Aufgabe im System nachdenken. Natürlich ohne Angabe, von welchem System die Rede ist. Selbstverständlich ohne Antwort auf die Frage, wer die Aufgabe vergibt.

Es ist schwierig für mich das zur Seite zu stellen.
Obwohl ich weiß, dass das vermutlich ✨nur so✨ gesagt ist. Gemeint ist sehr wahrscheinlich keine vergebene Aufgabe. Nicht: „Überleg mal, was du hier eigentlich für wen machst.“
Sondern: Dein Empfinden, Denken und Handeln, dein Sein, erfüllt eine oder viele Funktionen. Welche sind das? Bist du zufrieden damit? Wie wirkt es sich auf andere Aspekte deines Lebens als Einsmensch aus?
Aber es bleibt Unsicherheit. Denn es ist eine Übersetzung. Meine Annahme darüber, was meine Therapeutin mit der größten Wahrscheinlichkeit gemeint haben könnte. Ich habe gerade keine Möglichkeit, mich darin zu versichern und bin abgelenkt von den Ängsten, die das bei mir auslöst. Alle schon tausendmal durchlebt und überstanden. Reflektiert, geprüft, bewusst aufgelöst, orientiert, aber weiter da wie ein abgefräster Baumstumpf.

Ich bin mir meiner Funktion bewusst. Weiß, dass ich so wie ich damit umgehe, schon alles genau richtig mache für mein Alltagssystem. Ich kaue das einfach nur so Gesagte durch, übersetze mir die diffuse Masse in feste Formen und arbeite damit weiter, obwohl ich jagende Angst habe, weil ich praktisch nie sicher sein kann, ob das so gut geht. Ob ich richtig liege. Ob das nicht doch irgendwie falsch ist. Ich etwas vergessen oder übersehen habe. Ob ich nicht doch etwas ignoriert oder fälschlicherweise außer Acht gelassen habe. Ich habe Angst, weil ich Fehler machen könnte – um weniger Fehler zu machen. Um mir den Stoff zu liefern, den ich brauche, um meine exekutiven Dysfunktionen zu kompensieren: Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Die Stresshormone, die mich zu einem „guten Opfer“ machen, weil es den Arsch hochkriegt, statt für immer malad dem Siechtum anheimzufallen.

Was ich höre, wenn mir jemand sagt, dass ich mal über meine Aufgabe Funktion nachdenken soll, ist oft: „Das ist so schlimm/nicht okay/krank/falsch/schlecht. Lass das mal. Hör mal auf damit. Ist doch krass anstrengend. Mach mal weniger – Mir egal wie – du wirst das schon rausfinden. Du bist kompetent, das seh ich ja. Du bist aktiv und kriegst alles irgendwie hin – Wenn du es nicht packst, würd mich das schon sehr wundern, also ich hab da schon andere Erwartungen an dich – Die Konsequenzen – dein Ding. Da bin ich raus, das ist ja nicht meine Verantwortung.“
Ich erlebe es also nicht wirklich als Anreiz, ergebnisoffen darüber nachzudenken, was ich eigentlich finde oder möchte oder will. Sondern viel mehr als offene Ansage darüber wie ich sein soll oder in welche Richtung ich mich entwickeln oder verändern dürfte, wenn ich wollte.
Und könnte.

Mein Alltagssystem ist ein Angst-Kompensier-und-Nutz-System. Kein Aus-Angst-irgendetwas-anderes-mach-System. Mein Rahmen daran etwas zu ändern ist von meinem System begrenzt. Dem System, das mich in meiner Funktionalität entwickelt hat.
Das heißt nicht, dass ich nie etwas ändern kann – ich kann es aber nicht über meine Systemfunktion hinaus.
Alle Schritte aus dem traumareaktivem Angstfunktionieren heraus habe ich zum Beispiel nur machen können, weil ich kompatible Beruhigungsmechanismen angeboten bekommen habe. Die ich unterstützt ausprobieren konnte. Die anzupassen mir gezeigt wurde. Die kleinen Inseln, in denen ich heute ohne übermäßige Angst funktionieren kann, habe ich entdeckt, weil andere Menschen mir vorgemacht haben, wie das geht. Wie ich das machen muss. Womit ich rechnen muss. Wie ich damit umgehe, wenn es nicht klappt. Weil ich nicht damit alleingelassen wurde, herauszufinden, wie und wer ich bin, wenn ich nicht permanent im größten Angststress bin – obwohl ich Angst habe.

Im Moment geht es in meiner Therapie nicht um mein System und mich, sondern um Wut und ein jugendliches System.
Meine Funktion für uns als Einmensch-System ist es, Systeme wie dieses zu kompensieren, genauer gesagt zu unterdrücken. Wut ist saugefährlich in unserer Gesellschaft. Vor allem in Kontexten wie unserer Herkunftsfamilie, aber auch den Hilfesystemen, in denen wir jugendlich waren und erwachsen wurden. Da gab es nie eine andere Möglichkeit als Angst vor der eigenen Wut – völlig egal wie gerechtfertigt oder rational begründet sie war – zu entwickeln. Sie war immer genauso lebensgefährlich wie die falschen Fragen, die falschen Worte zu den falschen Menschen.
Und sie war oft ein unterstelltes Empfinden oder eine angenommene Empfindung, um Melt- und Shutdowns mit der Annahme eines nicht-autistischen Erlebens verknüpfen zu können. Mir wurde also vielfach auch dann Wut unterstellt, wenn ich schon jenseits jeder Emotionswahrnehmung war – was dazu führte, dass ich mich selbst oft als wütend dachte, obwohl ich es nicht war. Was meine Angst vor Gefühlen ins Extrem generalisiert hat. Ich bin so schon nicht gut darin zu wissen, was ich fühle, wenn es um mehr als Grundemotionen geht – mein Außen hat das aber nicht gewusst und teils auch nicht glauben wollen. Wie mir gespiegelt wurde, was man an mir für Gefühle sieht und annimmt, konnte entsprechend nur selten nicht verwirren und verunsichern – und ist auch heute noch kein Feld, auf dem ich mich sicher fühlen kann. Wer Angst hat, kann halt schlecht nochmal genau über den Anlass drüberfühlen, um sich selbst Klarheit zu verschaffen.
Was das angeht, muss ich immer schneller sein als meine Angstkurve. Immer immer immer. Bei egal was. Im Laden, auf einer Veranstaltung, im Gespräch mit Freund_innen, in der Therapie. Folgerichtig habe ich im Leben auch immer Angst vor der Angst – obwohl und wahrscheinlich gerade weil ich anders überhaupt nicht funktionsfähig (und also ich selbst, Hannah) bin.

Wie ich nun also eine nicht kompensierende Verbindung zu diesem wütenden jugendlichen Innen und seinem System herstellen soll, weiß ich noch nicht sicher. Es hilft zu merken, dass sie nicht mehr die Gefahr wie früher darstellen. Es hilft auch zu merken, dass es im Kontakt mit der Therapeutin zu Zustandsveränderungen kommt, die ihr System ähnlich destabilisieren wie sich meins destabilisiert (und verändert) hat, als ich in Kontakt mit ihr ging und bleiben konnte. Es ist leichter zu erkennen, wer was wie aus.macht, wenn ein System nicht mehr perfekt funktioniert. Ich kann jetzt also leichter anfangen zu schauen, welche Funktion dieses wütende Innen für sein System hat und dann überlegen, ob ich diese Information für etwas nutzen kann, das Verbindung herzustellen hilft.

Also, wenn ich fertig bin mit der Angst vor dem Falschmachen, weil ich nicht über eine Aufgabe nachdenke, sondern eine Funktion.

Rückzug

Vor 4 Wochen ist mir etwas passiert.

So wie dieser Satz ist, fühlt es sich an. Banal und undefiniert konkret.
Ich glaube nicht, dass ich je öffentlich darüber schreibe oder spreche. Aber es ist passiert, es wirkt und auch das schreibe ich hier auf.
Auch, weil es zeigt, dass viel über Trauma und seine Folgen zu wissen im Fall einer erneuten Traumatisierung bzw. einer Re-Traumatisierung wenig zu Entlastung beiträgt einerseits und andererseits eine Reflexion ermöglicht, die eine Kontextualisierung erleichtert. Also dann doch – irgendwie – entlastet.

Zum Beispiel war mir schon in der Situation klar, dass ich traumareaktiv reagiere.
Dass ich auf Ressourcen zugreife, die mich geistig („frontalhirnig“) an meine gegenwärtige soziale Umgebung binden, weil sie eine gewisse Identität (im Sinne einer Übereinstimmung) haben. Ich habe mich absolut darauf konzentriert, dass ich erwachsen bin, weil ich weiß, dass die Menschen in meiner Umgebung daran keinen Zweifel haben. Ich wusste ganz genau, dass ich, wenn ich mich daran halte und dementsprechend erwartungsgemäß re.agiere, mit mehr Empathie, Hilfsbereitschaft und Fürsorge rechnen kann, als wenn ich re.agiere, wie ich kongruent mit meinem Selbstgefühl bin.

Mir war aber auch klar: Wenn ich „erwachsen re.agiere“ können andere Menschen nicht mehr erkennen, dass ich in Bezug auf die Erfassung der Situation, die Einordnung und die Anbahnung eines Handlungsablaufs hilflos bin.
Sie sprechen mich nicht an, als hätte ich eine wie auch immer gelagerte Verletzung. Sie bieten mir keine Unterstützung an, sondern fragen mich, warum ich welche von ihnen brauche. Wenn es vorbei ist, bietet mir niemand Fürsorge für mich an. Wund_Pflege.

Nun war mein Partner zu dem Zeitpunkt noch auf der Intensivstation und erlebte einen ganz eigenen verletzenden, todes.ängstigenden Horror. Keine_r meiner Freund_innen oder Gemögten konnte zu mir kommen. Nicht allen konnte ich überhaupt davon schreiben. Meine Therapeutin war im Urlaub – und krank. Sie telefonierte kurz mit mir, das ging fürchterlich schief und schon beim Auflegen war ich innerlich absolut blank.

Die nächste Traumareaktion.
Ich habe mich nicht mehr nach außen orientiert. Keine Kongruenz mehr gesucht, kein Trauen und auch keine Kraft mehr für die Angleichung gehabt.
Ich wurde von traumatischen Erinnerungen geflutet und das war die Kongruenz, die ich in mir selbst haben konnte. Gewissermaßen hat in der Situation also die Tatsache, dass ich nicht zum ersten Mal so unversorgt verletzt geblieben bin, mehr zu innerem Zusammenhalt (Assoziation) beigetragen als alle Skills, alles empowernde Wissen, auf das ich zugreifen hätte können.
Weird.

Dieses traumabedingte „nur in sich selbst zu Hause sein“ ist die Schnittstelle, die viele Menschen mit Autismus in Verbindung bringen, weil man über autistische Menschen bis heute noch denkt, sie wären in ihrem Körper oder einer inneren Welt gefangen.
Ich habe da eine Grenze.

Nach traumatisierenden Erfahrungen ist der Rückzug eine bio.logisch absolut perfekte Strategie. Das gesamte System „Körper“ war mehr oder weniger lange überfordert und wurde verletzt. Die Energiereserven sind aufgebraucht. Alle. Sich auszuruhen, ist zwingend notwendig. Es ist wichtig, dass man im Anschluss mehr von allem bekommt als sonst. Mehr Zuwendung, mehr Nahrung, mehr Schutz, mehr Unterstützung. Kein Körper kann aus „nichts“ „etwas“ machen. Er braucht das Außen, er braucht den Input, um Output zu generieren. Gefühle und Gedanken sind Output. Sie sind Körperprodukte. Lebenszeichen.

In einer Gesellschaft, in der das unversorgte Verletztsein die Norm ist, wird Rückzug oft nicht mehr intuitiv als Marker für Fürsorgebedarf verstanden. Also als ein Hinweis darauf, dass eine Person andere Personen zum Überleben braucht. Viel häufiger wird er als Abgrenzung verstanden. Als Akt der Individualisierung, der Betonung des Selbst oder auch der Konzentration auf sich selbst.
Deshalb erscheint es logisch in so einer Phase zu sagen: „Komm erstmal klar – du musst nicht zur Arbeit kommen, du musst nicht zum gemeinsamen Hobby kommen, du musst nicht zum üblichen Treffen kommen – sei unbesorgt, krieg dich erstmal auf die Reihe, wenn was ist, melde dich.“ Was man sagen will ist: „Wir verstehen, dass du im Ausnahmezustand bist – wir warten hier auf dich, bis wieder alles in Ordnung ist.“ Was man aber miteinander macht ist, die Wiederherstellungsarbeit zu verwalten. Die soll der verletzte Körper aus sich selbst heraus schaffen. In vollem Bewusstsein dafür, dass andere Körper erreichbar sind, wenn sie denn erreicht werden können. Mit den richtigen Worten, zur richtigen Zeit, der richtigen Ressourcenlage. Man kann also die Fürsorge bekommen, die man braucht – aber nicht sicher und schon gar nicht bedingungslos.

Vor allem nicht als autistische Person.
Meine autistische Isolation begann schon 2 Minuten nach der Realisation, dass ich gerade von etwas verletzt wurde. Nämlich in dem Moment, in dem mir klar wurde, dass ich jetzt etwas tun musste, das ich noch nie getan hatte. Ich war noch nie in der Situation. Ich habe noch nie gefühlt, gedacht, gemacht, was in dem Moment alles da war. In dieser Konstellation. Der Partner im Krankenhaus, ich alleine mit den Hunden, auf dem Land, zig Kilometer von allen entfernt, zu denen mir der Kontakt nicht so schwerfällt. Ich hatte kein Skript dafür. Und das einzige Skript, das mir einfiel, wurde quasi sofort niedergeschlagen. Und als ich es dann doch anbahnen konnte, nicht erfolgreich im Sinne von wie erwartet, erwünscht und erhofft, abarbeiten. Was zu einer ganzen Reihe von Unklarheiten führt, die meine Rolle in der Situation, meine Pflichten, meine Verantwortungen betreffen und dem nicht-autistischen Außen jetzt mühsam vermittelt werden müssen. Ohne in Gänze geklärt werden zu können.
Es bleibt gewissermaßen ein offener Topf, eine unfertige Sache, wie das unfertig abgearbeitete Skript. Für mich ist auch das ein Stück „offene Wunde“. Denn ich weiß, dass ich mit bestimmten offenen Stellen immer übrig bleibe. Dass ich damit allein klarkommen muss, obwohl ich nicht kann. Und in Bezug auf manche Aspekte auch nicht will.

Die oft fast romantisierte autistische Isolation ist die spezielle Hölle des Minderheitenstresses. Der sich in traumatischen Situationen vervielfacht. Zum Erleben der traumatischen Situation selbst kommt die stets potenziell traumatisierende Interaktion und Kommunikation mit nicht-autistischen Menschen, die ohnehin schon tendenziell nicht erkennen können, was für Bedarfe bestehen. Auch deshalb habe ich in der Situation „erwachsen“ gehandelt. Und nicht „ich (in einer überfordernden Situation, die Unterstützung von Außen nötig macht)“. Ich brauchte die größtmögliche Annäherung an die Erwartungen und Lesbarkeiten der nicht-autistischen Umwelt. Und wie schon im Supermarkt, bei der Arbeit, beim Hobby, im Ehrenamt habe ich also umgeschaltet. Ich habe mich rausgeschnitten. Dissoziiert und in mir selbst isoliert. Nur krasser. Dringlicher. Todes_Ängstlicher. Kontakt_Unterstützungs_Hilfe_Bedürftiger.

Ich habe mich zurückgezogen in den letzten Wochen. Obwohl ich im Kontakt mit anderen Menschen war. Gearbeitet habe. Spaß hatte. Kurzkettenproduktiv war. Mich auf eine Reihe gekriegt habe. Nämlich die, in der diese Erfahrung keine Rolle spielt. Nichts weiter bedeutet. Und auch nichts weiter bedeuten muss, denn so leben wir ja schließlich alle irgendwie – weshalb es für mich gerade auch Kongruenz herstellt. Obwohl es mir überhaupt nicht guttut. Und auch nicht richtig ist. Es ist nur normal.

k.eine Lawine

Es ist Jahre her, dass mich mein Shampoo zum Kotzen gebracht hat. Und wie lange Jahre vorbei fühlt es sich an, dass ich zuletzt unter so einer massiven Lawine von Erinnerungen begraben wurde. Vorbei ist mein eitler Höhenflug, bald wäre ich durch. Nicht mehr lange. Bald bin ich fertig mit der Therapie. In Kürze nur noch little fires everywhere und ich wie Fiona Feuerwehr kompetent und alltagsnormal am Start.
Jetzt saß ich am Fenster, mein Telefon noch in der Hand. Meine schwere Decke auf den Beinen, müde, das Nachgespräch mit meiner Therapeutin prozessierend.
Ich kam mir so dumm vor, dass ich nicht damit gerechnet habe. Das Prinzip, dass man irgendwo rüttelt und aus dem Unsichtbaren fällt etwas runter, so unbemerkt ist meine Angst davor geschrumpft.

Aber „Lawine“ ist eigentlich das falsche Wort. Das Problem mit Lawinen ist, dass sie viele wichtige Dinge begraben. Sie rollen sich aus und die Arbeit danach ist restaurativ. Man verliert Dinge, die man kennt und bekommt jede Menge Material dazu, aus dem man sie sich nicht wiederherstellen kann.
Bei Erinnerungen an Erlebnisse in meiner Kindheit ist es eher so, dass ich ganz vorsichtig an einem Stück Erinnerung zupfe und dann durch den Boden breche. Tausend Jahre falle und in einer Dimension lande, über die mir niemand etwas sagen kann. Ich kann nicht wissen, ob das echt ist, nur ob es sich echt anfühlt. Ich kann nicht wissen, wie die Abläufe sind, nur wie ich sie verstehe. Keiner meiner üblichen Maßstäbe wird meinem Erleben gerecht, die Orientierung ist praktisch unmöglich. Es geht nur vorwärts oder weg. Bis man raus hat, wie man im Übergang stehen kann. Wenn es einen Übergang gibt.

Und dann das Material. Ich kann nichts damit anfangen. Vielleicht kam ich deshalb auf das Bild der Lawine.
Eine Bemerkung der Therapeutin war, dass niemand von uns Mitgefühl mit ihnen hat. Ihnen, Kindern, die wir nicht wie Kinder erleben, nicht wie Kinder fühlen, nicht wie Kinder denken. Die sie aber als Kinder identifiziert. Das ist die schwierige Ebene. Ich habe Erinnerungen bekommen. In Form von Traumascheißekonfetti. Wild umherwirbelnd, verwirrend in seiner Mischung der Emotionen, Impulse und Gedanken_reste_stücke_anfänge. Das ist etwas, was diese so eingeordneten Kinderinnens betrifft, aber nicht sie selbst sind. Das ist etwas, was ich wahrnehme, aber nicht ich bin.
Identität vs. Erfahrungshintergrund. Hat beides miteinander zu tun, ist aber nicht das Gleiche. Mitgefühl erfordert ein Miteinander, in dem man einander fühlt und das ist nicht da. Auch jetzt nicht. Ich kann die Gefühle nicht benennen und einordnen, ich kann die Gedankenfitzel nicht sinnig mit dem Erlebnis verbinden, fühle mich elend, verlassen und hilflos, wenn ich versuche Ordnung hineinzubringen und es nicht schaffe. Fühle mich von der Therapeutin abhängig, wenn ich denke, dass ich das lieber nur noch versuchen will, wenn sie dabei ist. Bekomme Angst während der Überlegung, wie ich das in einer Therapiestunde machen will, wenn sie immer wieder Fokus auf die Kinderinnens legt, während ich versuche deren Erinnerungen zu etwas zu ordnen, das Sinn ergibt und Bedeutung hat. Beides ist wichtig, ich weiß. Aber gleichzeitig? Das ist zu viel.

Zum Glück war es keine Lawine. Mein Alltag läuft weiter, praktisch unberührt von all dem. Manchmal flackert eine Geräuscherinnerung bis zu mir. Manchmal ein Bild. In der nächsten Zeit benutze ich wieder festes Shampoo. Mein nächster Therapietermin ist in 3 Wochen.
Vielleicht ist es eher eine Welle gewesen.

Schmerzfamilie

Ich habe mir einen Vortrag zum Zusammenhang von Schmerz und Trauma im Kontext von Traumafolgen angesehen.*
Neben mehr Ansätzen zur Erklärung meiner Schmerzen ging ich mit dem neuen Wort „Schmerzfamilien“. Damit sind Familien gemeint, in denen Schmerzen das einzige oder das effektivste Mittel der Kommunikation sind. Statt Dinge auszusprechen, haben einzelne oder auch alle Familienmitglieder unterschiedlich gelagerte Schmerzproblematiken und entwickeln mehr oder weniger effektive Strategien des Umgangs und der Ver_Bindung.

Ein jugendliches Innen reagierte auf meine Erklärung des Wortes: „Dann war meine Familie voll die Unschmerzfamilie, haha.“ Eine kleine Erinnerungsblase öffnete sich erneut für mich, etwas erweitert durch die Verbindung zu der Jugendlichen. Meine Mutter, wie sie sich vor Schmerzen in der Küche krümmt. Die Hände um den Bauch, schwer atmend, über ihr stechend brizzelndes Essen in der Pfanne. Ihr Kopf ohne Gesicht, die Anspannung im Raum, Zeitlupe und Lichtgeschwindigkeit. Das Innen im Heute neben mir sagt: „Sieht aus wie in „Alien“, ne?“
Ich gehe weiter. Sehe, wie die Mutter sich aufrichtet, wegdreht, die Pfanne schüttelt. Mich, die_r immer noch starr im Türrahmen steht, zur Seite schiebt und meinen Schmerz der Berührung genauso ignoriert wie ihren eigenen keine fünf Minuten vorher. Da ist die Verbindung zum Innen schon wieder weg.

Im Nachdenken über meine Schmerzwahrnehmung und Einordnung tauchten weitere Blasen auf. Wie ich in meinen Führerschein von der Legoland-Fahrschule unter „Überempfindlichkeiten“ „Schmerz (Weh-Wehchen)“ schreibe und es absolut ernst meine.
Wie stolz ich bin, meine Selbstverletzung zu schaffen, um mich anschließend mit Grund zu verbinden. Mit wie viel, ja, euphorischer Freude ich mich gegen Wände werfe, meinen Kopf anschlage, mich vom höchsten Punkt des Klettergerüsts fallen lasse, weil es sich so gut, so körperhaft – und eben nicht schmerzhaft – anfühlt. Obwohl ich doch so überempfindlich bin. Wenn mich jemand ganz ~“normal“~ berührt, einfach mal anspricht, ich mich an- oder ausziehe, wasche oder die Kleidung wechsle.

Was ich nach dem Vortrag denke ist, dass mein Körper einerseits gelernt hat, dass es von Vorteil ist, so schnell wie möglich zu erfahren, wann es potenziell gefährlich für ihn wird. Er ist sehr sensibilisiert und leitet alles schneller weiter, um entsprechend schneller in die Selbstschutzkaskade gehen zu können.
Andererseits kann mein Körper auch nur mit dem Input umgehen, der bei ihm als Schmerz ankommt bzw. von ihm als Schmerz erkannt wird. Entsprechend begreife ich einfach nur selten und wenn dann stark verzögert Verspannungsschmerzen oder so Dinge wie schmerzende, weil entzündete Organe. Aber lande praktisch sofort in – ich weiß, dass das übertrieben klingt, aber so ist es für mich – schlimmen Schmerzzuständen, wenn es sensorische Ausreißer in der üblichen Alltagskakophonie gibt. Ich also unerwartet angefasst oder angesprochen oder mit lauten Geräuschen (Sirenen, Klingeln, z. T. das Tuten beim Telefonieren) konfrontiert werde.

Irgendwie bin ich sowohl überempfindlich als auch unterempfindlich. Schon im Normalzustand. Kommt Stress dazu, verstärkt sich alles und löst dissoziative Mechanismen aus. Und wird unterscheidbar. Für mich jedenfalls. Ertauben, betäubt sein, ist sehr anders für mich als unempfindlich sein. Dissoziation verändert die Wahrnehmung, die man üblicherweise hat.
Ich habe gelernt, dass meine Wahrnehmung nicht richtig ist. Und ich kann an dieser Stelle nicht sagen: „Weil die Täter_innen das so wollten.“ Ich will es auch nicht. Denn viel häufiger war ich in meinem Leben mit einer ganz normalen, ganz alltagsgewaltvollen Abwehr meiner Empfindlichkeiten konfrontiert. Ganz üblich hat mir die Schulglocke den Schädel zersägt. Voll normal haben mir die Sockennähte die Zehen aufgeschnitten. Easypeasy mit Lächeln im Steingesicht habe ich mich jahrelang durch Händeschütteln, Freundschaftsumarmungen und mein ganz eigenes Desensibilisierungstraining gequält. Immer mit dem Gedanken: Irgendwann werde ich mich daran gewöhnen, dass es sich anfühlt, als würde meine Haut aufreißen. Weil ich nicht wusste, weil niemand in meinem Leben wusste, dass es bei den meisten Menschen anders ist als bei mir.

Bisschen paradox vielleicht – ich wollte gerade schreiben, dass die Gewalt an mir eigentlich immer eher die dankenswerte Ausnahme-Schmerzerfahrung war. Weil der Schmerz in diesen Situationen von allen Beteiligten erwartet war. Aber naja, „dankenswert“, hm. Das macht es irgendwie noch trauriger und schlimmer alles. Hm, hm, hm.

Jedenfalls.
Ich gehe auch mit dem Gefühl aus dem Vortrag, dass ich mit dem Schwimmen als Ausgleich und den Radtouren im Sommer tue, was sich therapeutisch an der Front anbietet. Defokussierung üben, andere Körpergefühle kennenlernen, die Schmerzerwartung aktiv reflektieren und beobachten, was passiert. Sich immer wieder darin verwurzeln, dass jetzt darauf reagiert wird und gut tuende Umgänge probiert werden können. Heute darf es sich auch gut anfühlen – es gibt einen Raum über „Schmerz“ und „Geht“ hinaus. Wir können ihn erforschen.
Und verteidigen. Gegen die Schmerzerwartungen anderer Menschen.

* der Vortrag wurde vom THZ München angeboten und ist Teil eines kontinuierlichen Angebotes – reinschauen lohnt!

spazieren

Ein Schritt, ein Schritt, ein Schritt.

Über mir knarzen Bäume aneinander, sie wiegen sich wie hohes Gras im Wind. Die Kälte zieht in meine Kleidung, es ist neblig. Die Hunde laufen unsichtbare Pfade ab, atmen Boden und Gras ein.
Zufällig hatte ich an den Geburtstag eines meiner Geschwister gedacht. Überlegt, wie dieser Mensch, der in mir nie älter als 14 wurde, heute wohl ist. In den Dreißigern. Nach so viel Leben, so vielen Erfahrungen. Das übliche Ende dieser Überlegungen legte sich über meine Gefühle wie zähes Gummi. Ich weiß gar nichts. Alles ist möglich. Vielleicht dies, vielleicht das, wir wissen es nicht und werden es mit großer Wahrscheinlichkeit nie erfahren. Schade. Gut. Richtig. Immer.

Vor uns schlägt sich etwas durch den Forst. Bubi stellt seine Ohren zu kleinen, im Rhythmus seines Pulses vibrierenden Dächern auf, NakNak* kann nichts mehr hören. Sie steht neben mir und fragt, ob wir nicht vielleicht langsam nach Hause gehen können. Wir waren gerade bei der Tierärztin. Eine Rückversicherung abholen. Die Hundefriseurin hatte mich tief beunruhigt. Zweifeln lassen, ob wir NakNak* die richtige Behandlung zukommen lassen. Also bat ich um einen Termin. 5 Minuten – eine Frage. Die Ärztin gab mir 25 Minuten und NakNak* eine gezielte Untersuchung. Versteckt mit Streicheln, Lob und Pansenkeksen fand sie nur ihr Alter. Ihre bald 15 Jahre und den Muskelabbau, der einfach passiert. Sie freute sich über einen so alten, so schönen Hund, ich freute mich über ihre Freude.

Ihr Tod hätte mir jetzt nicht gepasst. Ganz davon abgesehen, dass ich prinzipiell nicht damit einverstanden bin, dass das Leben meiner warmen Flauschmotte endlich ist, habe ich im Moment keine freie Zeit. Ich arbeite viel für die Arbeit und dann für mein Hobby und dann ist es dunkel draußen und ich arbeite gegen Erinnerungen. Mein typisches Novemberproblem vermischt mit anderen Bildern. Manchmal denke ich, es sei alles Eins, weil ich der eine Körper bin, dem es passierte und manchmal noch finde ich doch wieder mehr Ruhe in der Leugnung dessen.

Ein Schritt, ein Schritt, ein Schritt.

die schwere Decke in der Therapie

Kurz hatte ich doch Angst. Ging mit schnellen Schritten meinen Gedanken hinterher und prüfte sie auf Gefahren.

Ich hatte diese Erfahrung gemacht und wollte sie wiederholen. Das ist gefährlich. Auf so vielen Ebenen. Ich habe etwas gefühlt und ein Wollen entwickelt – schwierig. Und dann fand ich es auch noch gut und schön – hmm! Und als ob das nicht schon genug Sirenen aufschrillen lässt, folge ich meinem Wollen und bahne entsprechendes Handeln an – Katastrophe.
Doch alles blieb ruhig. Mein Körper nicht durchsichtig, mein Denken und Wollen weiterhin unsichtbar. Eine Bemerkung so klein und zart, dass ich sie erst überging.

Denn erst sammelte ich Mut. Über meine Scham hinweg. Entgegen der Sorge, mit 40 Kilo Mut in der Brust durch dünnes Eis zu brechen. Meine Therapeutin zu überfordern, mehr zu wollen als ich darf. Mit dem Wissen, dass das, was ich möchte, etwas ist, was die meisten Menschen nur deshalb nicht wollen, weil sie es einfach immer schon haben: Ich möchte sie hören können. Nicht als Geräuschmasse, als stückigen Eintopf, dessen Inhalt ich mir allein erarbeiten muss. Hoch konzentriert, während ich laufe, schwimme, in die Repetition meines Stimmings versunken. Danach, wenn ich nicht mehr zeitgerecht antworten kann und mit meinen emotionalen Reaktionen und Gedanken dazu allein bleibe.
Ich möchte sie hören können. Ihre Worte mit Reihenfolge. Verwoben zu Bedeutung, verbunden mit Kontexten, gesendet an mich als Teil davon. Möchte immer das Gefühl zu dem Gedanken haben: „Ich bin nicht allein (in diesem Gefühl, diesem Gedanken, dieser Erinnerung)“, weil ich sie vollständiger wahrnehmen kann. Weniger als Reizquelle, die ich mehr oder weniger diffus aufnehme und nur durch mein Wissen um die Welt zum Menschen denke; mehr als Individuum, das sich auf mich bezieht und mit mir in Kontakt geht. Mich erreichen kann und will.

Nach der Episode mit der toten Amsel in unserem Büro, hatten wir telefoniert. Ich lag unter der schweren Decke, R. hörte Musik auf den Noise Cancelling Kopfhörern über die wir auch telefonieren können. Es war Zufall. Und ohne diesen Zufall hätte ich nie erfahren, dass mein unsichtbares Verstehproblem so mysteriös gar nicht ist. Es ist eine Mischung aus Stressreaktionen auf Geräusche und allgemeiner sensorischer Sensibilität [1]. Total üblich unter autistischen Menschen.
Unter der schweren Decke kann ich mich entspannen, weil mein Körper aufhört, sich selbst zu suchen. Es werden mehr Verarbeitungskapazitäten für andere Kanäle frei. Zum Beispiel den auditiven Kanal. Dieses Prinzip habe ich in meinem Alltagsleben als erwachsener Mensch bereits an so vielen Stellen angewandt – doch immer mit meiner allgemeinen Beschissenheit Verquirktheit erklärt und aus Scham versteckt. Einfach, weil man das so nicht macht. Lektorieren und Bücher setzen mit absolut dichtem Gehörschutz, auf den Füßen sitzend, die schwere Decke auf dem Rücken. Duschen mit geschlossenen Augen. Kleidung anziehen ausschließlich im ruhigsten Zimmer der Wohnung. Man macht es nicht so, weil aus dem Nichts eine Hand, eine Faust, ein Fuß geflogen kommt. Jemand brüllt, an den Haaren zieht, zuschlägt. Man macht es nicht, weil man sonst verlassen wird. Von Mutti, die sich schämt, von Vati, zu dem eine Bindung überhaupt aufzubauen von unsichtbar verwirrenden Hürden geprägt ist. Man macht es nicht, weil niemand es so macht. Nirgendwo, wo andere sind.

Es war mein Gefühl von Randexistenz, das mir die Erlaubnis für meine ausgelebte Quirkness gab. 16 Jahre Hartz 4, niemand hat noch erwartet, dass ich irgendwie mal noch integriert werden würde. Arbeiten gehen würde. Mit jemandem zusammen leben würde. Jetzt kann ich meine Quirks in ihrer Funktion erkennen und sehen, dass ich in all den Jahren sehr wohl selbstfürsorglich mit mir war. Trotz Essstörung, trotz Sucht, trotz Selbstverletzung. Ohne diese vor den Augen anderer Menschen versteckten Verhaltensweisen hätte ich vielleicht genauso wenig überlebt wie ohne die Dissoziation. Denn ich nehme nicht wahr – ich nehme auf. Ohne diese stetige Verschiebung meiner Kapazitäten zur Reizverarbeitung würde ich weiter immer nur aufnehmen und einfügen, wie schon als Kind. Steuerung C und Steuerung V. Ohne Kontext. Ohne Bezug. Immer im Versuch so exakt wie möglich die vage verstandenen Lücken im Gespräch, im Moment des Handelns zu füllen. Immer wissend: „Es fehlt etwas. Aber ich weiß nicht was. Ich bin so allein. Aber die Verbindung kann ich mir nur herleiten. Nicht empfinden. Etwas fehlt, etwas ist nicht mit in der Gleichung für den letzten Klick.“

Meine Therapeutin konnte mich nicht sehen. Wie ich da so lag und an die Decke über meinem Bett schaute, während R. mit ihr sprach. Sie konnte es nicht sehen, nicht bewerten, nicht verhindern. Es war einfach so, wie es war und es war okay. Ich konnte sie nach 10 Jahren, die wir miteinander arbeiten, einfach hören. Einfach verstehen. Konnte einfach begreifen, was sie sagt und dass sie sagt, dass sie da ist. Und ich nicht mehr allein. Allein mit Erinnerungen an Gewalt, mit der Angst von früher, mit der Not, die immer noch empfunden wird.
Logisch, selbstverständlich, natürlich, klar! möchte ich das immer so haben. Total nachvollziehbar.
Aber.
Und.

Durch die lange Zeit zusammen hatte ich eigentlich mehr gewohnheitsmäßige Angst vor dem Beziehungsabbruch als wirklich freidrehende Panik von Kinderinnens, als ich ihr sagte, dass ich die schwere Decke in die Therapie einbauen möchte. Diesmal spielte viel mehr die Angst eine Rolle, ich könne durchsichtig für sie sein und sie würde etwas sehen, das ich nicht sehen kann, weil ich mit dieser Situation noch so neu bin. Mir kamen viele Erinnerungen an Situationen, in denen ich selig und froh um gute Gefühle war, meine direkte Umwelt sie mir jedoch als abstoßend, schlecht, abartig oder hinterlistig zurück rahmten.
In der Therapie ist das aber noch nie passiert. Vielleicht, weil meine Therapeutin meine mentale Durchsichtigkeit nicht ausnutzt. Vielleicht – vielleicht! – weil es so etwas wie mentale Durchsichtigkeit nicht gibt und die Menschen, die mich das haben glauben lassen, meine guten Gefühle zerstören wollten. Mit Unterstellungen, bösartigem Reframing, gaslighting, Urteilen entsprechend nicht-autistischer Normen und Werte.

Und dann habe ich mit einem Klick auf die Entertaste die Decke bestellt und zur Praxis schicken lassen.
Und dann haben wir den Einsatz der Decke einfach gemacht. Wie besprochen. Einfach so. Im mittleren Erregungsniveau, in einer Stunde wie immer. Fast immer. Noch nie.
Ich habe sie gehört, ich habe dazu Gefühle entwickelt, ich habe zum ersten Mal in der Therapie geweint.

 

[1] Kuiper MWM, Verhoeven EWM, Geurts HM. Stop Making Noise! Auditory Sensitivity in Adults with an Autism Spectrum Disorder Diagnosis: Physiological Habituation and Subjective Detection Thresholds. J Autism Dev Disord. 2019 May;49(5):2116-2128. doi: 10.1007/s10803-019-03890-9. PMID: 30680585; PMCID: PMC6483953.

zum Start von „Viele Leben“

Kalte feuchte Hände, Druck im Bauch, Schwindel. So glamourös war die Veröffentlichung der ersten Ausgabe von „Viele Leben“ gestern.

Vor 2 Jahren haben wir das Gespräch mit SomeOfMany aufgenommen. Dachten uns das ganze Projekt noch so leicht. So wenig viel anders als „Viele-Sein“. Bis mir klar wurde: „Ich bin verantwortlich für die Nummer.“ Bis in mir ankam: „Ich bin allein verantwortlich.“ Nachdem sich Förderanträge als praktisch nie passend und eigentlich immer als den ganzen Aufwand überhaupt nicht wert herausstellten. Als Unterstützer*innen keine Zeit oder keine Kraft mehr hatten. Als ich mit meinen Überlegungen und Plänen immer wieder auf Gesprächssandbänke auflief.

Ich hatte oft den Eindruck, das Projekt würde als verzichtbar gedacht werden. Dass sich viele dann doch irgendwie ganz wohl damit fühlen, wenn echte Journalist_innen, echte Psycholog_innen, echte Mediziner_innen irgendwas zum Leben mit DIS produzieren (lassen). Weil das einfacher ist. Einfacher mitzumachen, einfacher zu kritisieren. Einfacher, sich selbst davon abzugrenzen.
Und dann kam wieder so eine Dokumentation. Von einer echten Journalistin gemacht. Im echten Fernsehen. Und sie war nicht gut. Sie war für so viele Viele nicht gut, dass mein Aufruf sich für „Viele Leben“ bei mir zu melden, zu ordentlich Bewegung in meinem Mailpostfach führte.

Es waren keine tausenden, nicht mal hunderte, die sich gemeldet haben, aber genug, um mich in meinem täglichen Arbeitspensum zu überfordern. Und mir bewusst zu machen, dass ich mir mit dem Projekt sehr viel mehr auflade als den Druck, der mit einer Laienproduktion zu einem Thema von öffentlichem Interesse einfach einhergeht. – Perfekter Sound, perfekte Konsumierbarkeit, perfekter Fluss im Mainstream, das ist der oft unbewusste Anspruch. Eh schon. Und dann noch Erreichbarkeit, soziale Flexibilität, Verständnis. Emotionale Zuwendung, soziale Versicherung. Technik erklären, Reisen in der Pandemie. Trigger wegpacken, achtsam bleiben. Und das unausgesprochene Versprechen: „Das wird was. Was Gutes für dich. Ich strenge mich an, für dich und mich und alle. So gut ich nur kann. Wirklich.“ Und ohne es auszusprechen: „Vertrau mir.“

Ich musste mich fragen lassen, warum ich es denn mache, wenn es so schwer ist. Musste die Beschämung tragen, die damit einhergeht, wenn ich zugebe, dass es in meinem Leben nichts gibt, was nicht schwer für mich ist. Muss mich weiterhin von der Unterstellung abgrenzen, ich fände mich einfach cool als dauerüberforderter Mensch, als Märtyer_in für die Sache. Oder für eine Community, die sich nach wie vor nur schwer miteinander zusammentut.
Tatsächlich finde ich mich cool als verbindendes Element. Das treibt mich an. Die Idee, dass mein Projekt „die Multis mit Innies“, mit „den Menschen mit p/DIS/DSNND/kPTBS“, den „Vielen“ und ihren Verbündeten, Helfer_innen, Behandler_innen zusammenbringt. Dass man es wenigstens in und vielleicht sogar für diese Sache hinkriegt, dass die YouTube-Bubble mit der Insta-Bubble und die Blog-Bubble mit der Twitter-Bubble und der „heimlich Viele und Profi“-Bubble zusammenkommt. Also alle. Zusammen. Als Leute, die etwas gemeinsam haben und bestimmte Forderungen an diese Gesellschaft und Politik teilen, ob es ihnen bewusst ist oder nicht. Ob sie sich trauen es laut und radikal zu fordern oder nicht.
Das fänd ich geil. Wenn das klappen würde. Wenn ich das erleben könnte.

Ich bin mit dem Wunsch nicht allein und das hält mich. Gibt mir Kraft. Hält mich bei Laune, wenn mir der Arm weh tut und die Augen brennen nach zig Stunden am Computer.
Diese Verbundenheit trägt im Moment das ganze Projekt. Das erste dieser Art in Deutschland.

Vielleicht, so beruhige ich mich manchmal, muss es auch schiefgehen, damit jemand anderes es schaffen kann. Und so wenig wie mir das gefallen würde, so sehr entlastet es mich auch wieder.
Etwas ist mehr als Nichts. Etwas für alle muss von allen gestaltet werden. Wenn alle nicht mitmachen, dann kann es auch nichts für alle werden.
Ich bin nicht alle, ich möchte nur etwas für alle. Das ist ein Unterschied. Ein wichtiger.
An Möchten ist nichts falsch. Nur nicht alles erfüllbar.

Und so beobachten wir also, was jetzt passiert.
Wird die Ausgabe geteilt? Wird sie oft angehört? Finden sich viele Unterstützer_innen? Wie viele Mails an Vereine und Interessensgruppen sind wohl nötig, damit sie sich mit Projektspenden beteiligen? Wie wird das Feedback? Melden sich noch mehr Viele, die Teil davon sein wollen? Und wann kommt eigentlich die erste böse E-Mail, weil ich Geld für das Projekt brauche?

 

 

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flight

Später denke ich kurz, dass ich wie ein Kleinkind funktioniere. Irgendetwas ist schwierig, aber wenn sich mir etwas Neues zeigt, dann fühle ich mich gut. Ich sinke in diese neue Sache ein und weil ich Dinge richtig fertig haben muss, bevor ich sie beende, werden es immer mehr Dinge in meinem Leben. Und irgendwann sind „die Feiertage“ während denen die meisten meiner losen und engeren Kontakte halb oder ganz abgeschmiert sind, sich ausruhen oder in der Familie gegenseitig auf den Keks gehen und ich … arbeite. Weiter. An einem der vielen Dinge in meinem Leben.

Ich bin nicht taub für das, was in mir vorgeht. Das ist keine Betäubungsstrategie oder ein un.bewusst ausgenutzter Trigger für Alltagsdissoziation. Es geht einfach. Also mach ichs. Mit allem Spaß, allem Interesse, aller Neugier und Freude. Aller Bereicherung und Selbstbestimmung, die man sich wünschen kann. Einfach so. Immer weiter und weiter.

Gestern war ich dann endlich mit der Überarbeitung von vielesein.de fertig. Die war nötig geworden, weil meine Projekte endlich mal einen Knotenpunkt brauchten. Die Community-Workshops, die „Vielzimmerwohnung“, „Viele-Sein“ und die Interviewreihe „Viele Leben“ – mit allen Spendenoptionen und Episoden einzeln und trallalala.
Und weil ich ernst machen will. Mit meiner Positionierung als arbeitend in diesen Projekten. Auch tragend arbeitend. Relevant, in echt und tatsächlich verantwortlich für den ganzen Bumms, arbeitend. Vor meiner Arbeitszeit im Verlag und danach. Am Wochenende. Im Urlaub. Immer, wenn es geht. Wenn andere Projekte gerade keine Arbeit von mir brauchen.
Daraus ist in den letzten Monaten oft ein Obwohl geworden. Ich habe an diesen Projekten gearbeitet, obwohl ich auch zusätzlich Geld verdienen musste, um die Lektorin für mein Buch bezahlen zu können. Obwohl ich auch mein Cover, meine Werbetexte und die Anträge für Projektzuschüsse fertigkriegen musste. Das kam dann einfach danach. Mit Stressmagenschmerzen, mit Kopfschmerzen, mit nachlassender Kraft dafür, im Kontakt mit anderen Menschen auf ihre Gefühle zu achten, ihre Perspektive anzunehmen, nach ihren Wünschen zu fragen und zu prüfen, ob ich sie erfüllen kann, ohne meine Grenzen zu übergehen.

Ich hatte meinem Partner davon erzählt, dass mir Projekte gegen die Angst helfen. Immer wenn sich etwas auftut, das schwierig ist, ist es gut für mich schnell lösbare Probleme zu bearbeiten. Das verschafft mir Zeit und Selbstbewusstsein für das Problem, das mir Angst gemacht hat und oft löst es sich auch ohne mich. Nur offensiv abgrenzen musste ich mich dann nicht. Aufdecken, dass mir etwas Angst macht und damit andere verunsichern. Andere, die sich auf mich verlassen. Die darauf setzen, dass ich den Überblick habe, dass ich weiß, was zu tun ist, dass ich weiß, wann wirklich Grund zur Sorge, Furcht, Angst, Panik ist.
Niemand erfährt überhaupt davon, dass ich das alles – alles das hier, wie in meinem analogen Leben – mit so viel Angst mache und meine gesamte Funktionalität darauf beruht, dass ich, Hannah, einfach keinen „Freezemodus“ habe, sondern einen „Flightmodus“. Kein depressives Erstarren und alles aufschieben, sondern adrenalingetriebenes Machen und Verbrennen.
Das hat nichts mit „funktionalem Vielesein“ zu tun oder damit, dass meine Therapie mich schon so weit gebracht hat, dass ich jetzt endlich mehr kann als leiden oder dissen. Es hat nur mit Angst zu tun, die ich in ihrem Kern nach wie vor nicht erfasst kriege. Nicht verstehe, ja oft noch nicht einmal direkt bemerke, weil ich mich schneller vor dem Gefühl schütze, als ich es überhaupt begreife.
Im Scherz mit dem Partner entstand ein Kreisel. „Aha und was machst du, wenn dir das Angst macht?“ – „Dann arbeite ich an X“ – „Und wenn das schwer wird?“ – „Dann y.“ – „Aha und das reicht?“ – „Nein“ – „Und dann machst du was?“ – „Dann z.“ – „Ach nee komm, das kann doch nicht sein.“ – „Ja, deswegen mache ich ja dann a.“
Dann sagte er, dass ich bald damit aufhören muss. Ich stimmte zu.

Ohne eine Idee, was ich denn stattdessen tun würde.
Heute versuche ich es mal mit ein paar Stunden Sims. Und morgen auch.

weites Feld

„Stressmagen“ Das Wort poltert in meinem Kopfmund herum, als ich die Praxis meiner Hausärztin verlasse. Ich habe schon wieder eine Magenschleimhautentzündung, der Stress ist schuld. Und das Ibuprofen, obwohl ich es gar nicht mehr täglich und auch schon lange nicht mehr chronisch überdosiert nehme.
Mein Schmerzproblem bleibt. „Das ist ein weites Feld“, sagt meine Hausärztin, „Das ist zu unkonkret“ mein Partner. Das stresst mich, denn es fühlt sich an, als läge dieses weite, unkonkrete Feld zwischen uns. Als müsse ich akzeptieren, dass es ist, wie es ist und nie anders sein wird.

Seit einem halben Jahr habe ich die Webseite einer Schmerzambulanz in den Lesezeichen meines Browsers und genauso lange demotiviere ich mich selbst, mich dort vorzustellen.
Sehr viele Gewaltopfer leben mit chronischen Schmerzen; sehr viele Menschen mit Uterus durchleben die zyklischen hormonellen Veränderungen in ihrem Körper mit Schmerzphänomen; Stress ist ein Gift, dem viel zu viele Menschen jeden Tag über lange Zeit ihres Lebens ausgesetzt werden – m.eine (Er.)Lösung zu finden, wird sich in einem Aufwendigkeitsbereich bewegen, der nicht zu rechtfertigen ist. Ich bin in Traumatherapie, möchte meine Möglichkeiten Kinder zu gebären nicht verlieren und lebe nicht in einer Welt, in der ich irgendetwas ohne Stress machen kann.

Am nächsten Tag ziehe ich meine Bahnen im neuen Schwimmbad. Mein Magen tut weh, meine Oberschenkelknochen, meine Hüften, der untere Rücken tun weh, meine Muskulatur fühlt sich an, als versuche sie, sich von meiner Wirbelsäule abzulösen. Ich kämpfe mich ins High, werde warm und könnte heulen vor Selbstmitleid. Was ist das für eine beschissene Gesamtscheiße. Warum bin ich immer noch so trapped in Schmerz. Warum hört es nicht endlich auf.
Nach einer Stunde ist mir egal, dass mir alles weh tut. Alles ist wattiert, summt, ist lebendig und beweglich. Ich trinke einen Kaffee im Auto und höre dem frühen Vogelzwitschern zu. Mein Tag ist wieder ziemlich voll. Mit schönem, gewollten, mit sehr frei gewählten Projekten und Arbeiten. Lieben Kontakten, spannenden Themen, schaffbaren Aufgaben. Und keine 2 Millimeter dahinter eine grenzenlose Qual, die so diffus ist, so unkonkret, so viel NICHTS.

Jetzt versuchen wir ein anderes Schmerzmittel. Eine am Tag, immer um 10.
Es kommt mir vor, als würde ich eine Lüge schlucken, weil mir klar ist, dass mein Schmerz auch etwas mit Erinnerung zu tun hat. Aber wie genau, weiß ich nicht.
Auch das ist ein weites Feld.