Fundstücke #44

Sie hört sich fremd an. Unsere Gemögte, die ich anrufe, weil ich über den Text von vor 3 Jahren stolperte und plötzlich sehe, dass wahr wurde, was wir verhindern wollten: ein Kontakt, der ist, dann war und danach im Lauf der Dinge unterging, wie ein Boot aus Zeitungspapier.

“Wie geht es euch?”, fragt sie und es fühlt sich hohl an. Höflich.
Als nähme sie ein Stück Kuchen, das gerade verfügbar ist in die Hand und reiche es an uns, die gerade im Weg herumsteht.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Bin sowieso zurück in meinem dumpfen Brüten fern von allem, vor allem dem, was sie als “uns” kennt.
Ich frage mich, warum ich sie anrufe, wo ich die gleiche Kraft doch in Emails und Anrufe geben könnte, wo ich weniger erklären müsste.
Dann weint es Bäche aus mir heraus und ich denke: “Na gut, vielleicht dafür.” und warte bis es aufhört.

Sie sagt gar nichts. Vielleicht wartet sie auch.
Dann frage ich sie, ob ich zuerst fragen darf, weil doch ich es bin, die sich gefragt hat, wie es ihr geht. Was sie macht. Ob sie glücklich ist, oder wenigstens zufrieden.
Sie erzählt und ich höre zu.
Es ist ein fremder Alltag und doch ist sie es, die sich darin bewegt. Das merke ich und bin beruhigt.

Dann erzähle ich vom schwach sein, vom zum Opfer geworden sein und davon, was es mit mir macht, inzwischen einen Alltag zu leben, der für mich beinhaltet einmal ein Opfer gewesen zu sein, jedoch keinerlei Raum dafür in ihm zu haben.
Außer in der Therapie. Die ich im Moment aufgeben und kaputt machen will, gerade weil ich dort als Opfer gesehen werde.

Opfer-Talk – klar ist das das Einzige, was ich zu bieten habe. Nach gut einem Jahr, dass wir uns nicht gehört und gesehen haben, ist es das, was ich mit ihr teile und wieso ich mich noch gefragt habe, was unseren Kontakt hat austrocknen lassen, verstehe ich auch nicht mehr.
Ich ärgere mich schon wieder über mich selbst. Greife nach dem Wörterhahn, um ihn mir abzudrehen, denn what the fuck – es gibt doch so viel mehr als das.

Dann überrascht sie mich mit einem Dank und erzählt mir, dass es mein Opfer-Talk ist, der ihr heute immer wieder hilft Menschen zu verstehen, die früher mehr als ein Mal geschlagen, vergewaltigt, verkauft, ausgenutzt, verraten wurden.
Und plötzlich kann ich sie wieder fühlen. Spüren, wo sie steht und was es ist, was da so weit trennend zwischen mir und allem, was mich angucken kann, ist.

Es ist eben doch genau das. Das Opfer-Ding. Das Opfer-Ding, das schon so lange vorbei, aber doch in mir drin ist, wie in ihr das Vertrauen in Menschen, Welt und eigenes Wehe.

Ich werde es immer nur fühlen und anerkennen können. Selbst wenn mein Leben weiterhin so eine gute Wendung mit mir nimmt, werde ich immer wissen, woraus ich hervorgegangen bin. Auch dann, wenn ich mich dagegen entscheide, dem wie viel oder wie wenig Gewicht auch immer zu geben.

Meine Geschichte ist geschrieben. Und darin war ich Opfer.
Es gibt nichts, das ich dagegen tun kann.
Es gibt jedoch vieles, das ich dem hinzufügen kann.

Das Heute zum Beispiel. Und das, was ich über mich, uns und alle anderen in meiner Geschichte denke.
Was ich zunehmend erinnere. Und was ich mit mehr und mehr Erinnern über mich, uns und alle anderen denke.

Sie erinnert mich daran, dass ich nicht gezwungen bin, mich als Opfer zu sehen, nur weil ich eines war und wir lachen beide bitterlich, als wir wieder einmal merken, mit wie wenig Menschen man die Wahrheit, in dieser sich scheinbar widersprechenden Haltung, teilen kann, ohne Schaden zu nehmen.

Als wir uns von einander verabschieden, fühle ich mich anders. Ich fühle mein am Leben sein und spüre all die kleinen großen Quetschungen, die dieses unser neues Leben an mir macht, weil es mich darin nicht gibt. Nicht, weil man mich nicht will, sondern, weil es fremd ist so am Leben zu sein wie ich.

Ich sitze am Fenster und schaue auf ein Stückchen Welt, das mich nicht braucht und doch in sich trägt.
Das Heute bewegt sich ungerührt weiter.
Und ich bin immernoch da.

Fundstücke #43

Am Abend liege ich im Bett und komme nicht umhin zu spüren, dass es mich gibt.
Mich, meine Krise, mein Ge.Denken, meine Muskeln, die wie mit glühender Lava gefüllte Weintrauben an meinen Knochen hängen.

Ich liege da und denke darüber nach wie das so ist.
Wie weh es tut und doch kein Schmerz ist, den ich anderen zufügen kann.

Es ist dieser Punkt, den ich als turning point kenne und fürchte.
Ein Bein steht im Lauf der Dinge. Arbeitet. Funktioniert. Kreiert. Ist offen und reagibel.
Und ein Bein steht in der Stasis. Ist dumpf. Existiert. Nimmt für wahr, doch keinen Anteil an dem was passiert.

“Wir haben jetzt keine Zeit für eine suizidale Krise. Wir haben noch Hausaufgaben, eine Buchrezension und andere Dinge zu tun.”, sagt es im Innen und ich merke, wie sie versuchen sich aus dem Treibsand zu strampeln. Sie streiten sich über Freitod und ich bin froh, dass die Menschen um mich herum sie nicht hören, sehen, fühlen können wie ich.
Wie absurd das ist, denke ich und möchte lachen, aber es kommt nur weinen heraus, das mir noch absurder vorkommt.

Und wieder denke ich, dass die Linderung meines Leidens unter dem was ist, einem Eigentlich folgt, für das ich mich entscheiden kann. Muss. Soll. Darf.
Eigentlich geht es um Assoziationsprozesse dissoziierten Materials früherer Traumatisierungen.
Eigentlich geht es um Überforderung durch die Schule.
Eigentlich geht es um schwierige Lebensverhältnisse.
Eigentlich sind wir einfach nicht passend für diesen Lauf der Dinge.

Es gibt so viele Eigentlichs, die sein könnten, dass wir damit überfordert werden, überhaupt nur einen Schritt zu tun. Eine Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung zu treffen, sich zu entscheiden.

Es zieht in alle Richtungen.
Und wir ziehen uns in alle Richtungen.
Von mitten rein bis so weit raus, dass es uns nicht mehr gibt.

Jetzt in eine depressive Episode zu rutschen, ergibt so viel Sinn.
Neuronaler Selbstschutzkrisenüberlebensschlaf – ich kann ihn so nachvollziehen.

Selbstverständlichkeiten

Selbstverständlich reagieren wir auf Ansprache.
Selbstverständlich machen wir mit. In diesem Leben. Dieser Welt. Diesem Lauf der Dinge, in dem wir sind, obwohl wir nie wählen konnten, ob wir darin sein wollen.
Selbstverständlich, denn wir sind ja da.
Und wenn man schon mal da ist, dann gibt es auch keine Zweifel mehr daran zu haben, was man wie wann für wen ist.
Oder?

Ich habe heute Nacht davon geträumt, wie meine Freunde von jemandem getötet wurden, der mir in meinem Haus aufgelauert hat.
In diesem Traum sagte ich, was ich meinen Freunden immer sage, wenn sie wissen, dass etwas auf mich zukommt, das schwierig, gefährlich, bedrohlich ist.
“Ich krieg das schon hin. Ist ok.”.
Sie haben das wohl nicht gehört, oder verstanden oder schlicht nicht geglaubt und wurden entsprechend vor meinen Augen abgeschlachtet, weil sie mir in das Haus gefolgt sind.
Alles was ich ab dann noch für sie übrig hatte war Wut, Hass, Aggression, den Willen das Stück Welt um mich herum zu zerstören, um es gleich mit mir zu machen.
In meinem Traum tötete ich dann aus Versehen auch noch die Person, die mir aufgelauert hatte und wachte von meinen eigenen Geräuschen auf.

Den Rest der Nacht verbrachte ich zwischen Hass und Selbst_Mordlust auf dieses Leben.
Dieses Sein, diesen unbeachteten Zwang reagieren zu müssen und doch nie den gleichen Zwang auf gehört und verstanden werden ausüben zu können.
Diese Arroganz der Einweltigen, die eigene Realität als selbstverständlich und ohne jeden Zweifel gesehen und geteilt haben zu wollen.  Diesen Anspruch an uns, uns selbst in ihre Welt einzuordnen und zwar dort, wo sie uns sehen und sein lassen können.

Es ist unser Thema seit wir nicht mehr bei der Herkunftsfamilie leben und massiv verstärkt, seit wir ausgestiegen sind.
Wir gehören nicht dazu. Wir sind kein Teil dieser Gesellschaft. Kein Mitmensch wie alle anderen auch. Und zwar nicht, weil wir uns dazu entscheiden und das so geil finden ständig und in allen Aspekten weder Fisch noch Fleisch, eingekeilt zwischen Baum und Borke zu sein, sondern weil wir nicht in der Lage sind, das was ist, als alleinig gegeben anzunehmen.

Das ist wichtig. Es ist keine Wahl. Wir sind keiner dieser bunten Glitzerleute, die normal langweilig finden und sich in Abgrenzung dessen wer weiß wie special selbstdarstellen und nach ein paar Jahren die Krise kriegen, weil sie merken, wie sehr sich diese Normalität nicht ändern darf, weil sie dann nicht mehr special sind.

Wir erleben uns fremd, weil wir uns fremd sind. Weil uns die Konstruktionen um Wert und Welt der Menschen, mit denen wir heute jeden Tag zu tun haben, fremd sind.
Für uns ist es harte Arbeit jeden Tag neu zu akzeptieren und hinzunehmen, dass wir von heutigen Gegenübern als Mensch gesehen und gedacht werden.
Zu akzeptieren und hinzunehmen, dass wir entsprechend behandelt werden, ohne gefragt zu werden, ob wir das überhaupt mitmachen wollen oder es unserem Selbstbild entspricht.

Es gehört zu dieser Welt und diesem Lauf der Dinge, dass wir in unserem (früheren) Sein nicht akzeptiert und gnadenlos, 24/7, seit inzwischen 14-15 Jahren, ignoriert und missachtet werden. Für uns gehört es dazu den Zweifel über das eigene Menschsein, das eigene Sein überhaupt, weder frei und konsequenzlos artikulieren noch leben zu dürfen.
Denn sich nicht als Mensch zu fühlen in schwierigen Zeiten oder zumindest den Zweifel an der eigenen Menschlich- und Zugehörigkeit zu dieser Welt nicht ausblenden zu können in besseren Zeiten, müssen wir uns verbieten.
Vor den einen, weil sie es als narzisstischen Zug deuten, vor den anderen, weil sie es als von Täter_innen eingeredet sehen und vor den nächsten, weil sie uns mit ihrem Mitleid quälen. Und vor den ganz nächsten, weil sie uns sowieso am liebsten tot sehen wollen, weil wir sie mit unseren ständigen Zweifeln an allem, was sie täglich umgibt und ihr Weltbild ausmacht, stören und verängstigen.

Die bittere Erkenntnis ist, dass wir es hingenommen haben in unserer Präsenz gedeutet und vereinnahmt zu werden.
Dass es unser Fehler war, dem nicht von Anfang an vehement zu widersprechen bzw. in unserem Zweifel an der Richtigkeit sichtbarer zu sein.
Unser Fehler war, den Übergriff für selbstverständlich zu halten.
Für den Preis den es eben hat, wenn man sich wünscht Begleitung, Hilfe, Unterstützung, Miteinander in diesem Hier und Jetzt zu haben.

Unser Fehler war der Illusion aufzusitzen, wir könnten wirklich völlig unabhängig von dem was und wer oder wie wir sind, mit Menschen zu tun haben und in ihre Gesellschaft hineinwachsen, wie ein Fahrrad, das in einen Baum hineingewachsen wird.

Der Fehler war den Zweifel auszublenden, weil die Illusion so schön aussieht.

das ableistische „eigentlich“

Der neue gesetzliche Betreuer ist jung und Erziehungswissenschaftler.
Und er triggert in uns mit allem, was er sagt und fragt und tut und macht.

Es gehört zum Themenkreis Helfergewalt_folgen.
Und es gehört zum Themenkreis “der unbenannte Scheißejackpot von polytraumatisierten Menschen”.

Denn jetzt haben wir ihn erstmal an der Backe und knietief in unseren Angelegenheiten. Eine Person, die noch nicht weiß, was genau an dem Menschenbild, das sie mit ihrer Aus_Bildung verinnerlicht hat, problematisch ist. Eine Person, die uns unheimlich viel Kraft in der Kommunikation und der Selbstbeherrschung kostet. Eine Person, die wir mit dem, was in uns vorgeht überfordern würden.

Es sind keine offensichtlichen Fehler, die ihm passieren. Man sieht es nicht sofort.
Aber ich merke es. Und ich merke es so, dass ich nicht dran vorbei kann, wenn er zum Beispiel Nachrichten an uns so formuliert, als würde er Dinge entscheiden – oder mit entscheiden, die unser Leben betreffen. Wenn er Vorschläge macht, die diese eine Art im Voraus komplett durchdachte und geplante Rundum-Du-musst-eigentlich-gar-nichts-mehr-selbst-entscheiden/sagen/machen – Konstruktion erkennen lassen.

Ich hasse diese Konstruktion. Und ich hasse sie wirklich, weil sie der Klassiker aus dem Ohnmachtsrepertoire der Helfergewalt ist.
Auf keine andere Herangehensweise ist es schwieriger zu sagen, dass man sich herabgesetzt und entmachtet fühlt und/oder aus anderen Gründen eine andere Herangehensweise umsetzen will.

Um es ein bisschen einfacher zu erklären:
Es gibt einen Unterschied zwischen “es einer Person leicht machen” und “einer Person alles abnehmen, damit sie es leicht hat”.

Wenn mir eine helfende Person Kontexte erklärt, Vorgehen transparent macht, vielleicht noch meine Anliegen in Antragsdeutsch übersetzt und passend in Behördenstrukturen eingibt, dann macht sie es mir leichter, Entscheidungen zu treffen, Anliegen durchzusetzen, mich selbst zu vertreten und die Verantwortung für mich zu übernehmen.

Wenn mir eine helfende Person gar nichts erklärt, sondern einfach alles rausfindet, mir ein Ergebnis präsentiert und sagt, dass wir (SIC! (Rotlichtblinkanlage mit Sirenengheul!!!) uns für XY entscheiden sollten, dann hat sie mir alles genommen und mich in eine soziale Falle gequetscht aus der ich nur mit viel Kraft allein wieder herauskomme.

Denn meistens ist es bei “Abnehmer_innen” so, dass sie selbst glauben, alles richtig gemacht zu haben, weil ja schon alles fertig präsentiert da ist und ja nur noch zugegriffen werden muss, um das Beste oder Richtige zu tun. An dieses Gefühl alles richtig gemacht zu haben, ist dann bei vielen (und ja (sorry) gerade so jungschen) Anfängern auch noch der Punkte/Ergebnis/Erfolgskick aus der langen Schul- und Universitätszeit geknüpft.
Sie erwarten ein Erfolgserlebnis und erwarten folgend von mir mindestens Dankbarkeit und maximal klitzekleine Individualisierungen oder Kritiken.

Sie erwarten nicht zu hören, dass sie einen Teil der Absprachen mit mir gebrochen haben und sie mich damit massiv verunsichern, triggern und die gesamte Zusammenarbeit am liebsten sofort abbrechen lassen wollen.

Das Schlimme ist, dass “Abnehmer_innen” viel Zuspruch in ihrer Überzeugung erfahren.
Es ist für viele Menschen unverständlich, dass wir es uns “einfach nicht leicht machen” und uns nicht einfach völlig sorglos, vertrauensvoll und entspannt in solche scheinbar “gemachten Nester” fallen lassen.
Ist doch schön, wenn schon alles geklärt ist und wenigstens eine Person Bescheid weiß.
100% alles wissen kann man ja eh nie.
Und man hats doch woanders auch schon schwer genug.

Sowas denken diese Menschen und dann wenden sie sich ab, weil sie glauben, wir könnten uns dafür entscheiden wie leicht oder schwer die Lösung eines Problems bzw. die Annahme einer “Hilfe” sei.
”Abnehmer_innen” bleiben dann da stehen wie verschmähte Liebhaber oder weggeschickte Ritter. Die armen. Ganz bemitleidenswert. Da haben sie sich so eine Mühe gemacht und dann hat die/der böse kranke Klient_in sie nicht mal gelobt.

Eine beschissene Position ist das für Klient_innen.
Und wir waren schon so oft darin.
Und jedes jedes jedes Mal waren wir es, die dafür bezahlt hat.

Vor Kurzem versuchte ich ein Paper mit dem Titel “Polytrauma = Polyarschkarte, von der Unmöglichkeit Helfertraumatisierungen mit bewährten Hilfen aufzuarbeiten” zu schreiben. Darin versuchte ich solche Dynamiken und ihre Verquickungen und Wechselwirkungen in Psychotherapie und sozialen Betreuungen verschiedener Formen zu formulieren.
Ich finde das Thema wichtig – die Forschungslandschaft übrigens allerdings gar nicht.
So wurde nichts weiter aus meinem Text und am Ende auch wieder nichts aus einem Versuch uns ein Stück weiter daraus heraus zu bewegen.

Was mich nervt. Und auch in einem Aspekt erneut wiedererleben lässt, was ein Element der Helfertraumatisierungen immer wieder war.
Das damit allein bleiben müssen. Das keine sicheren Erkenntnisse haben (keine feste Wahrheit haben können). Das sich nicht wegbewegen können, weil es so viel zu nah dran ist, dass es sich anfühlt, als sei es innen drin.
Über allem das Wissen, dass man von außen betrachtet schon alles hat, was man braucht – für viele sogar mehr als man „eigentlich“ braucht.

Und da ist es wieder. Das ableistische „eigentlich“.
„Eigentlich“ haben wir doch jetzt mal langsam genug gute Erfahrungen gemacht, um jetzt nicht schon wieder völlig im Wind zu zerflattern, weil wir es mit jemandem zu tun haben, der so arbeitet, wie er es gerade tut.
„Eigentlich“ wissen wir doch, was wir alles tun können, um die Situation zu verbessern.
„Eigentlich“ haben wir doch schon genug Therapie gemacht, um besser mit Triggern im Alltagsleben umzugehen.
„Eigentlich“ brauchen wir das in Wirklichkeit doch alles überhaupt nicht.
„Eigentlich“ kommen wir doch auch so gut klar.

Und uneigentlich versuchen wir hier seit Jahren etwas, das überhaupt nicht funktionieren kann.
Uneigentlich befinden wir uns nachwievor in einer Situation, die man übertragen auf die Traumatherapie als zwecklos bzw. wenig erfolgversprechend bezeichnen würde.
Dort sagt man, dass eine Traumatherapie wenig greifen kann, wenn immer wieder Traumatisierungen passieren und Abhängigkeiten bestehen.

Uneigentlich ist unser Helfergewalterleben noch nie wirklich unterbrochen gewesen.
Beziehungsweise die Umstände, die es immer wieder möglich machten in so schwierige Situationen zu kommen.

Wir sind immernoch arm.
Wir sind immernoch behindert.
Wir sind immernoch nicht in der Lage die Verwaltung unseres Lebens zu durchblicken und zu unterhalten, während wir es aus eigener Kraft schützen und ausgestalten.

Das ableistische „Eigentlich“ hält Armut und Behinderung für Entscheidungen. Für überwindbare Eigenschaften wie Faulheit oder Bequemlichkeit.
Und hat Schwierigkeiten damit anzuerkennen, dass man von unblutigen Dingen wie bürokratischem Übergriffen, die gleichen Verletzungen davontragen kann, wie von körperlicher Misshandlung.

Das macht es schwierig zu überlegen, was wir jetzt tun.
Natürlich habe ich den Betreuer zurechtgewiesen und ihm geschrieben, dass „wir“ (also er und ich) gar nichts entscheiden, sondern ich. Und natürlich werde ich das Gespräch mit ihm suchen und ihm erneut sagen, dass er mir weder beibringen muss, wie mein Leben funktioniert noch eben dieses Leben statt meiner managen muss.
Natürlich mache ich das.
Aber natürlich frisst das wieder Zeit und Kraft, die nicht dafür aufgebraucht werden sollte.
Denn eigentlich haben wir schon Absprachen dazu gemacht. Eigentlich weiß er das alles schon.
Eigentlich gibt es keinen Grund, weshalb ich auf ihn zugehen sollte – außer meiner Abhängigkeit, als Klient_in, die mich dazu höflichkeitsverpflichtet, bevor ich das Betreuungsverhältnis beende.

Eigentlich sollte er selbst, da er schon in diesem Bereich arbeitet, seinen Ableismus reflektiert haben. Eigentlich sollte ihm, da er schon in diesem Bereich arbeitet, klar sein, dass er mit seinem Handeln in einem Macht (und damit Gewalt) verhältnis zu uns steht. Eigentlich, wo er schon so lange für diesen Beruf zur Schule und zur Uni gehen musste, müsste er Gelegenheit gehabt haben, zu verstehen, was es bedeutet mit traumatisierten Menschen zu tun zu haben.

Und in Wahrheit?
In Wahrheit verstehen die wenigsten, was Ableismus ist und wann er wirkt.
In Wahrheit werden Helfer_innen nicht darauf vorbereitet, dass das Machtverhältnis, in dem sie sich zu ihren Klient_innen befinden, mehr bedeutet als sehr achtsam und verantwortungsvoll mit ihrer Aufgabe umzugehen.

In Wahrheit sind es wieder Menschen wie ich, die Kraft und Zeit in die Aufklärung und quasi Weiterbildung der Menschen stecken, um die eigene Haut zu retten.

In Wahrheit ist es wieder unser Selbsterhaltungsprogramm, das jemand anderem nutzt.

jetzt ist die Zeit

Manchmal ist es einfach die Zeit.
Die Zeit, die ich verloren habe, ohne, dass ich Genaueres über sie weiß.
Die Zeit, die vergangen ist, bis alles so kommen konnte, wie es jetzt ist.

Ich habe einen 5 Jahresplan gemacht.
Ich, die am Ende des Tages froh ist, dass sie noch lebt und selbst den nächsten Morgen erst glauben kann, wenn die Mittagssonne auf der Haut keinen anderen Schluss mehr erlaubt. Irgendwie ist mir dieser Plan passiert und der Lauf der Dinge des Hier und Jetzt schiebt ihn mir jeden Tag ein bisschen fester an die Stelle, an der ich Trost finde, wenn wenn alles kippelt und schwankt.

Wir werden Deutschland verlassen.
Nicht jetzt, nicht morgen. Aber wenn die Ausbildung vorbei ist.
Wir werden den Appalachian Trail von Georgia nach Maine hochlaufen und von dort nach Kanada fliegen. Dort geben wir uns ein Jahr für die Frage, ob wir bleiben oder weiterziehen.
Wir werden dann 33 Jahre alt sein und 34 werden.
Das ist der letztmögliche Zeitraum für ein Holiday and Work-Visum in diesem Land.

“Warum?”, hatte eine Gemögte gefragt und mich überraschte die Frage danach.
Es ist ja nicht so, dass Deutschland mich braucht. Oder will. Oder Wert auf Menschen wie mich legt.
Es ist ja nicht so, dass meine Freundin nicht weiß, dass ich queer, alleinstehend, behindert und damit sagen wir: “unfreiwillig dauernonkonformistisch” bin, was zusätzlich zu unserem Gewalterfahrungshintergrund etwas ist, das die Lebensqualität nicht gerade steigert.

“Meine Familie werde ich nicht hier gründen und wachsen lassen können.”, dachte ich zu Beginn der Idee. Viele Tagtraumreisen durch ein Leben wo_anders als in Deutschland später sehe ich: Es wäre auch besser für diese Familie, würde sie so fern wie möglich von hier passieren. Unerreichbar für Menschen, die von meiner Ausbeutung profitiert haben. Fern von Strukturen, die mich nicht anerkennen und entsprechend dürftig schützen und stützen.

Wir werden in Deutschland zu den zwei Dritteln der Generation Y, die sich mit Selbstständigkeit aus eigenen Unternehmen zu finanzieren versuchen. Und das als schwerbehinderte Person. Diesen Stress können wir uns auch an einem Ort geben, an dem wir nicht auch noch unseren Opferschutz selbstständig balancieren und bewahren müssen.
Wir können es uns leichter machen.

Ich glaube, das ist eine Antwort auf das “Warum?”.
Weil wir unser Leben mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, einem Schulabschluss und einem Quäntchen Berufserfahrung aus diversen Quellen um den Faktor Schutz auf Kosten von Autarkie erleichtern können, wenn wir nicht mehr hier leben.
Weil es geht. Weil es für uns wo_anders auf eine Art leichter gehen kann, als für viele andere Menschen.

Auch wir werden uns all den Problemen und Dramen, die auf Auswandernde und Ausgewanderte zukommen stellen müssen. Natürlich. So wenig wie Deutschland mich braucht, braucht mich jedes beliebige andere Land.
Aber was ist, wenn eine Entfernung uns schützt, die wir nicht 24/7 so aktiv aufrechterhalten und sichern müssen, wie jetzt?
Was ist, wenn wir feststellen, dass wir entfernt von allem, was uns gemacht hat, Energien sparen, die uns zu einer völlig anders belasteten oder auch “anders beweglichen” Person manchen als jetzt?
Ich glaube, dass es wichtig ist, das wenigstens zu versuchen.
Wenigstens für ein Jahr.

Und zwar genau dann. In drei Jahren.
Denn in drei Jahren sind wir 33 und werden 34.

Das ist ein Umstand, den wir nicht vergessen dürfen.
Den ich aber gern vergessen würde.
Denn er tut weh.

Ich war nie jünger als 16 und als ich geboren war, war die Chance auf ein glückliches Leben im Kreise einer liebenden Familie, die mir Auslandserfahrungen zum Zwecke meiner Weiterentwicklung und Lebensperspektiven ermöglicht, schon vergangen.
Sollte sie überhaupt je bestanden haben. Wer weiß das schon.
Ich weiß es nicht. Mein Leben beginnt mit einem Einzelzimmer auf einer geschlossenen Station einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, ohne Kontakt zur Familie, ohne Aussicht auf mehr als das Nötigste zum Leben.
Ich habe meine Familie nie vermisst, denn ich habe sie nie kennengelernt.

In den letzten Wochen recherchiere ich nach und nach, was Auswandern bzw. ein längerer Auslandsaufenthalt erfordert.
Natürlich finde ich noch keine Informationen, die für behinderte Menschen passen. Natürlich finde ich noch keine Berichte von behinderten Menschen, die ausgewandert sind. Und natürlich komme nicht umhin sie zu sehen: Die jungen Menschen zwischen 18 und 25, die in die Kamera strahlen und nicht wissen, dass sie für mich aussehen wie Werbemodels eines Produktes, das ich nie im Leben auch repräsentieren werde.

Ich werde neidisch. Und wütend auf meinen Neid, denn er ist so unfair wie sein Grund.
Mir fehlen 16 Lebensjahre und eine Familie, die mich bedingungslos liebt, schützt und stützt – und mir so ein Strahlen vor dem Grand Canyon (mit)ermöglicht.

Es kann doch niemand etwas dafür, dass mir der eigene Grund und Boden in dieser Welt fehlt.

Das denke ich mir so, denn ich bin nicht der Typ für eine Anklage à là “Die Täter_innen haben mir alles genommen, was hätte würde wenn…”.
Ich weiß nichts von dem hätte würde wenn, das mir zusteht oder zustehen könnte. Oder zustehen sollte.
Ich bin erst seit ich habe, was mir zugestanden wird.

Was ich im Moment spüre ist: mir fehlen 16 Jahre und es fühlt sich nach einem unwiederbringlichen Verlust an.
Ich wünsche mir nicht wieder 16 zu sein. Ich wünsche mir Heute in “mein Anfang minus 16 Jahre”.
Ich wünsche mir einen anderen Anfang. Einen Anfang wie jetzt.

Ich werde von einer Therapeutin, die mir gut hilft, begleitet.
Habe den Begleitermenschen im Leben, der mich gut stützt.
Gemögte, Freunde, Gemochte, Gewohnte und Verbündete, die mich aus_halten und tragen, wenn ich allein nicht weiterkomme.
NakNak*, die mir hilft mich zu schützen.

Ich weiß, dass alles anders gekommen wäre, wäre es nicht gewesen wie es war.
Trotzdem. Es wäre schön gewesen und ich kann so ehrlich zu mir sein, dass ich weiß, warum es mir so leicht fällt, mir diesen Anfang zu träumwünschen, anstatt darüber nachzudenken und -zuspüren, warum mir meine Kindheit und Jugend so weit fehlt.

Ich weiß, dass ich, obwohl ich noch nicht weiß warum, in Trauer bin und auch die Idee überhaupt das Land zu verlassen, nicht nur aus rationalen Überlegungen heraus entstand.
Doch jetzt ist die Zeit für solche Ideen, Pläne und vielleicht auch Entscheidungen.

Vielleicht gibt es sie nur einmal.

normal ha ha

Wichtig ist, dass man diesen Basic-Kram ja immer machen kann. Gut essen, gut schlafen, sich gut versorgen und dann schauen, ob und wenn ja wie sich etwas verbessert.
Die Falle ist nämlich zu glauben, nur weil man “unnormale” Dinge erlebt hat und “unnormale” Lebensrealitäten daraus hervorgegangen sind, würden „normale“ Dinge nicht mehr reichen oder helfen.
Es wird erst kompliziert, wenn es sowohl hilft als auch nicht reicht.
Wenn aus A + B nichtgleich C wird, sondern ein anderes C. Ein “unnormales” C.

Ich war gestern um kurz nach 19 Uhr im Bett und schlief durch bis der Wecker um 7 klingelte. Als ich mich aufrichtete und der Schmerz meinen noch immer tief erschöpften Oberkörper zusammenpresste, wurde mir erst richtig bewusst, dass ich seit Freitag nicht geschlafen hatte.
Unsere Matratzensituation ist einfach ungut. Wir schlafen im Moment nicht gern, weil es Schmerzen macht zu schlafen.
Wir schlafen auch nicht gerne, weil es Erinnern macht zu schlafen. Weil es erinnerte Schmerzen macht zu schlafen.

Aber. Es waren fast 12 Stunden Schlaf und doch schaffte ich den Weg zur Schule nicht.
Ich hatte Schmerzen und einen detailreichen Artikel zu sexualisierter Gewalt an Kindern angelesen. Zonk – solche Fehler passieren mir eben doch auch noch manchmal. Die Schule ist anstrengend und ich schaffe es nachwievor nicht mich hineinfließen zu lassen. Da sind dissoziative Sollbruchstellen im Innen, gegen die ich ankämpfe. Da ist das Problem, dass die 90er ein Mode-Comeback erleben und der Anblick mancher meiner Mitlernenden mitunter ein Dauertrigger ist. Da ist mein Leistungsanspruch an mich und mein Kampf gegen die eigenen Grenzen.

Der Witz ist, dass A + B eben nie nur A + B ist.
A und B sind immer die Summe von etwas. Es reicht nicht, nur zu tun was A und B sind, um es zu einem “normalen” C werden zu lassen.
“Gut essen” und “gut schlafen” sind das Ergebnis von “gutes Lebensmittel” + “genug essen” und “gute Schlafmenge” + “gute Schlafumgebung”.
Ein normales C ist “gute Kompensationsfähigkeit”, während ein “unnormales” C mehr so etwas wie ein Bewusstsein ist. Ein Bewusstsein mit dem ich manches nicht wegkompensieren kann. Jedenfalls nicht bis zum “normalen Funktionieren” hin.

Jetzt steht hier so viel “normal”, dass ich fast schon wieder lachen muss. Weil mein Normal und meine Normierung ja nicht als normal gelten.
Was mir den letzten Stoß versetzt.
Zurück ins Bett. Wo ich doch wieder nur liegen und starren würde. Wie in den Nächten von Freitag bis Sonntag.

Vielleicht versuche ich doch noch irgendetwas zu tun, was mir die normale Tagesstruktur aufrecht erhält.

haha “normal”

hahaha

Traumascheiß

Und dann hatte ich gezielt und abgedrückt.
Den Anblick eingefangen. Die grau-blaue Hand mit den dunklen Fingernägeln, die an mir dranhing, obwohl sie jemand anderem gehört.

“Geht das schon wieder los”, dachte ich und versuchte mit genervtem Ausatmen genug Abstand zu gewinnen. Für meinen jagenden Puls. Die Enge im Oberkörper. Diese Starre im Kiefer. Im Nacken. Den Impuls wegzulaufen. “Was soll denn dieser Scheiß?!”, dachte ich und richtete mein Unverständnis wie eine Mauer vor diesen Übergriff auf mich. Diese Ansteckung. Diesen Virus, der sich etwas von mir nehmen will, was ich ihm nicht geben will.
Meine Anerkennung. Meinen Glauben an so etwas wie eine eigene Beteiligung an DEM DA

Vor ein paar Jahren habe ich aufgehört Armbanduhren zu tragen. Armbänder zu tragen.
Mein Haargummi am Handgelenk dabei zu haben.
Ich hatte jedes Mal unaushaltbaren Brechreiz empfunden, wenn ich etwas an meinen Handgelenken spürte. An einem Tag war das einfach so da. Von jetzt auf gleich.
Dabei bin ich auf eine jederzeit verfügbare Uhr angewiesen.
Dabei finde ich Armbänder ganz hübsch.

Das hat sich nicht verändert in den letzten Jahren.

Seit ein paar Monaten werden meine Hände plötzlich kalt.
Dann grau-blau. Dann taub. Einfach so.
Manchmal schrumpeln sie auch zusammen. Dann bleibt meine Haut stehen, als hätte ich seit Tagen nicht getrunken oder gegessen.
Ich kann sie bewegen. Es tut nicht weh. Mir geht es gut.

Ich wollte mich gegen Wände schmeißen und an ihnen hinunter rutschen, als es wieder passierte.
Außer dieses eine wehrhafte “Nein.” fällt mir nichts dazu ein. Dieses “Nein.”, das in seiner langen Version die Abwehr von Anerkennung und Glaube; in seiner kurzen Version das Schmerzmoment, durch das ich mich hindurchkrampfe, ist.

Ich wollte mich nicht verletzen.
Wollte die Stille in meiner Wohnung nicht mit diesem Inferno in mir verdrecken.
Ich machte ein Foto und rannte in den Wald.
Stopfte mir das Leben ins Maul und pumpte mich damit auf.

Da verschwand er wieder.
Dieser Traumascheiß.

Erinnern erinnern

“Vielleicht geht es darum, dass sie ein kleines Mädchen ist.”.
Der Satz hing wie ein Netz im Raum und blieb an mir kleben, als ich ihn verließ.

Ich habe sie nie als kleines Mädchen gesehen.
Klein, ja – aber nicht klein klein, sondern jung klein. Jung™ klein, weil sie schon sehr lange jung ist.
Innenkinder-jungklein eben.

Sie sagt, sie sei kein Mädchen und irgendwie tröstet mich das, weil es mich davon befreit, sie jetzt als ein “kleines Mädchen” zu sehen, wo mir klar wird, dass ich sie anders sehen könnte.

Es gab in der letzten Zeit schwierige Momente für sie und uns mit ihr in unserem gemeinsamen Er.Leben.
An einer Stelle ist es Entwicklung und an einer anderen ist es Erinnern.
Ich habe sie immer nur von der Entwicklungsseite aus gesehen.
Das erscheint mir logisch, denn auch Außenkinder sehe ich häufig so.
Kinder können viele Dinge noch nicht, die Erwachsene können und Kinder können noch viele Dinge, die Erwachsene verlernt haben.

Für mich ist sie eine Entwicklungshelferin für Kinderinnens, die mir soweit vorangegangen sind, dass ich sie weder höre, noch sehe, noch spüre.
Wenn ich sie sehe, sehe ich sie im Austausch. Sehe, wie sie Heute nach innen balanciert und die Wärme des Jetzt ausbreitet, wenn das nötig ist.
Ich glaube nicht, dass ihr mal jemand gesagt hat, sie müsse das tun. Ich glaube, das ist die Rolle, die ihr einfach zugefallen ist, weil sie mit ihrer zutraulichen Neugier in anderen Menschen die Hoffnung auf eine gute Entwicklung von uns als schwertraumatisierten Einsmenschen weckt und aufrechterhält.

Ich habe mich in den letzten Jahren zugegebenermaßen sehr daran gewöhnt, dass, wenn “irgendwas mit ihr ist”, es eigentlich dann doch nie um sie geht, sondern immer um eines der Kinderinnens, die weder sprechen noch kommunizieren können oder um Innens, die sie als Kanal nach Außen missbrauchen, weil das ihre Art ist, sich selbst zu spüren.
Jetzt klingt das seltsam, aber es hat für mich Sinn ergeben.
Schließlich ist es bei mir auch häufig so, dass ich eigentlich nie “irgendwas hab” (außer vielleicht ein paar Ego-Mimimis, die sich mit ein bisschen selbstkritischer Arschtreterei von selbst erledigen), sondern immer andere Innens hinter mir, die mich brauchen, wenn sie “irgendwas haben”.

Ich habe sie immer als eine Art Frontgängerin wie mich gesehen.
Und mich nie gefragt, warum sie immer noch jung ist.

Und jetzt fällt es mir auf. Und geht nicht mehr weg.
Plötzlich ist sie klein und jung und zart und “ein Kleines” – wie all die anderen Kleinen und Zarten und Jungen, um die ich mir immer nur dann Gedanken mache, wenn sie stören, weil sie nicht entwickelt oder in einem Erinnern sind, das mich nicht mitbeinhaltet.

Und gleichzeitig denke ich: “Scheiße – jetzt muss ich für sie da sein und damit irgendwie auch für alle, für die sie immer da ist.”
und merke, wie mich die Überforderung auf dem Frühstücksteller liegen hat.

Als ich mit der Therapeutin darüber spreche, sagt diese, es überrasche sie, wie ich darüber rede, als hätte all das, was mit der Kleinen zu tun hat, nichts mit mir zu tun.

Wieder kann ich darauf nur mit den Schultern zucken.
Die Kleine ist die Kleine und ich bin ich. Das war schon so, lange bevor ich wusste, dass sie ein Ich hat, das neben meinem passiert.

Es ist nicht überraschend für mich schon wieder etwas, was für die Therapeutin und andere Menschen vielleicht auch, so offensichtlich ist, nicht zu sehen, nicht greifen zu können und nur als gegeben anerkennen zu können, weil es mir gesagt wird.
Es ist nicht überraschend für mich, an dieser Stelle schon wieder zu versagen.
Schon wieder und immer noch.

Mit diesem Versagen kriecht mir der letzte Pfeil von (…) aus dem Bauchraum hoch in die Kehle. Diese Mischung aus „Du kriegst alles geschenkt und ruhst dich darauf aus“ und „Du bist so erbärmlich (wie du davor versagst, mit all der Hilfe) nichts Vernünftiges hinzukriegen“, die ich so gut kenne und so gut umwandeln kann, um überhaupt noch in Therapie und Unterstützungsersuchen zu bleiben.

Mir ist bewusst, dass mein Blick auf unser aller Entwicklungsseiten nicht mein eigener ist. Es ist einfach nur der, den ich am meisten verinnerlicht habe, weil er mir am meisten Material zum Handeln offenbart.
Erinnern macht mich ohnmächtig.
Erinnern macht mich klein, zart, zittrig. Zu schwach, um mich zu wehren, wegzulaufen, mich selbst zu tragen.

Erinnern macht mich zu einem kleinen Mädchen, das kein Mädchen ist und nicht genug Kraft aufbringen kann, um mehr als einen Namen um das eigene Ich zu spannen.
Erinnern macht mich passiv.
Wenn ich erinnere, werde ich zum Hassobjekt für andere.
Und bringe uns alle damit in Gefahr.
Verlassen zu werden, verletzt zu werden, einen Kampf ums eigene Leben führen zu müssen.

Das ist kein Denken. Keine Überlegung. Nicht das Ergebnis einer Berechnung.
Das ist Erfahrung und damit eine dieser Wahrheiten, die nicht durch Gegenbeweise oder G’ttertrauen veränderbar ist.

Manchmal hilft es mir, zu erkennen, dass es um Erinnerungen geht.
Dass auch Erinnern eine Erfahrung ist, die ich schon gemacht habe und an die ich mich erinnern kann.

Wie ich mich schon einmal erinnert habe und jemand da war.
Wie ich schon einmal erinnert habe und meinen Namen und Worte um m.Ich und eine Erfahrung spannen konnte.
Wie ich mich schon einmal erinnert habe und dann ganz allein durch ein Heute, das Heute ist, gehen konnte, um all die Dinge zu tun, die ich tun kann.

Es hilft mir, nicht zu vergessen, dass Aktivität und Passivität, Erinnern und Handeln keine absoluten Zustände sind.
Dass ich nicht weniger werde, wenn meine Aktivität weniger ist.

Dass ich bin, auch wenn ein anderes Ich erinnert.
Dass ich bin, auch wenn ich erinnere.

Fundstücke #40

In der Deutschklassenarbeit gab es eine Aufgabe,
die mir geholfen hat etwas über (Innen)Kinder zu verstehen.
Das will ich mit.teilen.

Die Aufgabe zeigte eine Zeichnung.
Die Zeichnung sah so aus:

Man sieht 2 Figuren, die auf unterschiedlichen Ebenen stehen.
Die Figuren werden durch einen Dialog verbunden.
Das sieht man, an der Form des Wortes “Dialog”.
Die Form soll an eine Leiter erinnern.

In der Aufgabe sollten wir erklären, warum es wichtig für gute Kommunikation ist,
wenn man auf der gleichen Ebene zueinander spricht.

Was ich über (Innen)Kinder verstanden habe,
zeige ich jetzt auch mit einer Zeichnung.
Die Zeichnung sieht so aus:

Man sieht eine kleine Figur und eine große Figur.
Die kleine Figur bedeutet ein (Innen)Kind.
Die große Figur bedeutet eine erwachsene Person.

Die Figuren werden durch den Dialog verbunden.
Das Wort sieht wieder wie eine Leiter aus.
Weil das Kind kleiner ist als die erwachsene Person.

Obwohl beide Figuren auf einer Ebene stehen
funktioniert jede Kommunikation zwischen ihnen wie eine Leiter.

Ich kenne Leitern.
Ich finde es anstrengend Leitern zu benutzen.
Man muss aufpassen
– dass man nicht daneben tritt
– dass man das Gleichgewicht behält
– dass man nicht vergisst, was man machen will
– dass jemand da ist, der die Leiter gut festhält

Wenn (Innen)Kinder einen Dialog mit erwachsenen Personen machen,
müssen sie auch aufpassen.
– Dass sie die richtigen Wörter benutzen
– Dass sie alles sagen, was sie wollen
– Dass sie beim Sprechen nicht vergessen,
dass sie laut genug sein müssen

Mir ist aufgefallen, dass viele Kinder, die mit erwachsenen Personen sprechen,
Hilfe beim Dialog machen bekommen.
Zum Beispiel:
– die erwachsene Person gibt Wörter, wenn dem Kind eins fehlt
– die erwachsene Person versucht alle Wörter zu verstehen
– die erwachsene Person macht leicht verständliche Dialoge mit dem Kind
– zum Beispiel mit leichten Wörtern
oder mit kurzen Sätzen

Mir ist aufgefallen, dass wir andere Dialoge machen.
Dafür habe ich eine Zeichnung gemacht.
Die Zeichnung sieht so aus:

Man sieht zwei Gesichter und zwei Sprechblasen.
In der oberen Sprechblase* steht:
“Monolog
– Einleitung/These
– Begründung/Beispiele
– Fazit/Spiegelfrage/Überleitung”

In der unteren Sprechblase steht:
“viele Wörter-Antwort”
Man sieht viele kleine Pünktchen und Linien,
die durcheinander sind.

Ein Pfeil zeigt auf die untere Sprechblase.
Dort steht:
“dazwischen verstecken sich die Wörter,
die man zum Überlegen einer Antwort braucht”

Das soll darstellen, dass wir ein festes Schema beim Reden haben.
Und, dass wir die Antworten von anderen Menschen nicht als Schema erkennen,
sondern als Aufgabe.
Oder als Rätsel.

Jetzt schreibe ich, was ich über Innenkinder verstanden habe.

Ich habe verstanden, dass sie einen Dialog immer wie eine Leiter machen müssen,
weil sie noch klein sind.
Und gleichzeitig die  Wörter für eine Antwort finden müssen,
und ihnen niemand hilft.
Weil die anderen Menschen eine erwachsene Person sehen
und anders mit Wörtern und Sprache umgehen,
als wir.

Ich habe verstanden, dass wir den Innenkindern helfen können,
damit es nicht so anstrengend für sie ist.
Zum Beispiel
– wenn wir unsere gesammelten Wörter mit ihnen teilen
– wenn wir bei ihnen sind, wenn sie einen Dialog mit einer erwachsenen Person machen
– wenn wir alles leicht verständlich für sie sagen
– wenn wir versuchen alles zu verstehen, was sie uns sagen wollen

Wir sind erwachsen.
Wir können für die Innenkinder gute An.Sprechpartner_innen sein.
Dann wird es weniger anstrengend für uns alle.

Dafür habe ich auch eine Zeichnung gemacht.
Weil ich Lust dazu hatte.


*Das Sprechschema ist von Innensystem zu Innensystem unterschiedlich starr bzw. wird unterschiedlich flexibel gehandhabt.