eye contact

heißt ein Fotowettbewerb, zu dem ich 4 Arbeiten eingereicht habe.
Mich beschäftigt die plötzliche Präsenz von Augenkontakt und seiner Bewertung in meinem Leben. Vor der Autismusdiagnostik habe ich nie darüber nachgedacht, ob und wie oft und wie wirklich ich Augenkontakt aufnehme und halte.
Ich mag es nicht angeguckt zu werden, weil es mich beklemmt. Das fremde Auge auf mir entfremdet und verzerrt mich. Ich werde zu dem, was ich abwerte und habe keinen Raum für das, was andere von mir sehen. Ich bin nicht mehr ich, wenn man mich betrachtet.
Ich mag es nicht Menschen anzugucken, weil es mich von mir abtrennt. Wenn ich Menschen anschaue, werde ich verwundbar als hätte ich keine Haut, die mich davor bewahrt in alle Winde verweht zu werden. Irgendwie fehlt mir etwas, das mich zusammenhält, wenn ich Menschen so nah komme.
Das ist kein neues Wissen für mich – aber, dieses Wissen mit dem Wort „Augenkontakt“ zu verbinden, ist neu für mich.

Der Wettbewerb hat mich gefordert. Ich wollte mir beweisen, dass ich auch Menschen portraitieren kann. Wenn man eine Feder bei Windstärke 4 und einen Bussard mit einem KIT-Objektiv ordentlich abgelichtet bekommt, dann muss das doch gehen.
Dachte ich.
Ich traf also Menschen und fotografierte sie.
Und traute mich nicht Vorgaben zu machen. Gestellte, konstruierte Bilder seien nicht gut, habe ich gehört, gelesen, bei YouTube gesehen. Man sollte locker ins Gespräch gehen, Witze machen, irgendwo sein, wo die zu fotografierende Person gut sein kann.
Also sollte man genau machen, was ich noch nie konnte und auch noch nicht richtig verstanden habe, wie das überhaupt gehen soll.

Ich habe keine schlechten Fotos gemacht. Keines ist unscharf, fehlbelichtet oder flach. Aber es sind nur zwei wirkliche “Hannah-Fotos” entstanden.
Zwei. Von über vierhundert.

Ich hatte die Kamera noch zwei Tage, bevor ich sie wieder in der Schule abgeben musste und dachte darüber nach, ob eines der gemachten Bilder wirklich das zeigt, was Augenkontakt für mich ist.
Es war keins dabei.

Und dann habe ich mich selbst fotografiert, kam mir awkward vor und hoffte meine Wohnung mit meiner selbst gebastelten Softbox* [*drei weiße Styroporboxen, in die ich eine Tageslichtleuchte gestellt hatte] nicht in Brand zu setzen.
Ich war nicht locker, hab keine Witze gemacht, war in meinem Arbeitszimmer. Es war so, wie ich es brauche: fast ganz dunkel, still und mit einem klaren Rahmen.

waagererechtes Schwarz-Weißfoto. drei Viertel der Fläche sind Haare (dunkler Grund mit hellen Strähnen drauf) die von oben links nach unten rechts in sachten Wellenlinien verlaufen. im unten linken Viertel ist der Gesichtsbereich mit einem offenen Auge, dessen Iris nach oben rechts gerichtet ist

Es ist mein Blick an etwas vorbei, über etwas drüber, auf etwas, das niemand außer mir sieht.
Nicht dominant, nicht versteckt. Präsent, doch nicht inmitten.
Das Foto erzählt keine Geschichte und zeigt auch keine tiefe Wahrheit. Es ist einfach nur mein Blick in dem Kontext, in dem er ist.
Es gefällt mir.
Für den Gewinn des Wettbewerbs hat es nicht gereicht.
Aber für ein Foto, das ich als erstes richtig hart erarbeitetes Werkstück in meine Mappe aufnehme.
Die Eröffnung der Ausstellung “eye contact” ist am 2. 11. 2015 um 19 Uhr im Projekthaus von PhotoWerk Berlin.

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