Autor: H. C. Rosenblatt
Geschichtenschnipsel #0
das unerwartete Klingeln
Es ist so wenig lange her, dachte ich. 9 Jahre. Nein, 10.
An dem Abend hatte es an der Haustür geklingelt.
Wochenende, später am Abend. Einfach so.
Irgendwer wird irgendwas von uns gewollt haben, das jetzt nicht mehr wichtig ist. Also wird es für uns unwichtig zu wissen, wer das war.
Das ist neu. Ein neuer Teil unserer Freiheitspraxis. Unwichtige Dinge, unwichtig bleiben zu lassen.
Dass jemand bei uns klingelt, am Wochenende, an einem späteren Abend, einfach so, ist heute etwas, das auch unwichtig sein und bleiben kann.
Es macht uns unruhig. Triggert uns in Erinnern. Es lässt uns alte Reaktionsimpulse fühlen.
Aber es ist auch unwichtig. Und das ist gut.
Es ist wichtiger, dass wir schon im Schlafanzug sind und nicht mit jemandem verabredet. Wichtiger, dass wir uns erinnern, dass heute heute ist und so viel anders. Guck der Hund, guck die Kleidung, guck die Haare, guck der Freund, die Freund_innen, die Schule… all die Leute – alles wichtiger als, dass da mal was war, das sich die meisten um uns herum, nicht mit uns zusammen denken können.
Natürlich saßen wir hier wie auf heißen Kohlen. Selbstverständlich war alles wieder da. Und ja, wir schlichen auf Zehenspitzen durch die Wohnung, um uns mit einem Cuttermesser in der Hand in den Wohnungstürwinkel zu stellen. Es ist unwichtig, wer da geklingelt hat – das macht den Gedanken, sich selbst für den eventuell doch eintretenden Fall, dass sich Jahre später noch einmal etwas wiederholt, zu schützen, nicht auch unwichtig.
Hätten wir diesmal etwas anders gemacht? Wirklich zugestochen? Nach unseren Nachbar_innen gerufen? Ich glaube nicht.
Das Denken in Worten war vorbei. Das Funktionieren in Reiz-Reaktionsmustern an. Nicht desorientiert und voller Angst, sondern völlig schörkellos und klar.
Es war das Stehen in der Stille, das Warten auf Schritte oder Geräusche im Treppenhaus, das langsam alles aufgelöst hat. Das Espassiertnichtmehr, das sich mit dem Moment vermischte und mich bewusster atmen ließ.
Am Montag sprachen wir mit der Therapeutin darüber. Darüber hinweg.
Wie das damals war, dieses Ding. Es klingelt und wir lassen alles stehen und liegen. Greifen nach der Handtasche und steigen in das Auto, das unten wartet. Ohne wenn, aber, wer wie was.
Nie, weil das nicht wichtig war, sondern, weil das wichtig war.
Niemals etwas zu fragen, bedeutet auch niemals etwas zu sagen zu haben.
Das ist effizient. Unpersönlich. Dissoziativ.
Um nichts anderes ging es dabei. Nicht um uns, nicht um irgendjemanden.
“Damals hatten ja auch alle Angst, dass wir bald tot sind.”, sagte eine und, “dass wir ja auch dauernd irgendwie auf Droge waren – entweder verschriebenen oder gegebenen.”. Und ich merkte, dass 10 Jahre eben doch ganz schön viel sind. Dass es eben doch eine ganz schön lange Zeit ist, überlebt zu haben. Zu entziehen. Clean zu bleiben. Nicht aufzuhören, nach dem zu greifen, was man sich gemeinhin so als “Leben” vorstellt.
Als wir nach der Stunde in die Wohnung treten, reißt die gebastelte Anwesenheitsnotiz vom Türrahmen. Zwei Stückchen Klebeband und dazwischen ein Bindfaden. Mit Trick 17 zum Realitätscheck. Niemand wird uns in der eigenen Wohnung erwarten. Niemand wird uns verletzen, bedrohen und dann seelenruhig die Tür hinter sich schließen, weil er weiß, dass er nichts zu befürchten hat.
10 Jahre sind eine lange Zeit.
Aber ein Klingeln zu ungewöhnlichen Zeiten, ist noch immer kein unerwartetes Klingeln allein.
was wir niemals wollten
Unsere Schullektüre ist “Die Bücherdiebin” und einmal mehr ist der Faschismus, der Nationalsozialismus, Hitler, der Krieg, Thema für mich.
Als ich noch zur Regelschule ging, war das Thema nicht viel mehr als Anne Frank, Massenmord und Hitler.
Nazi sein war scheiße. Nicht wegen Krieg und Hitler und den Juden, sondern weil es in meiner Umgebung üblich war, Nazis abzulehnen und Faschismus als Menschenverachtung einzuordnen. Heute frage ich mich, wie die Lage für mich wäre, würde ich noch dort leben, wo ich damals gelebt habe.
Mecklenburg Vorpommern ist wohl mehr als versprengte völkisch-nationalistische Aussteigerkommunen, aber doch viel weniger bunt und anders links bis antifaschistisch, als die Stadt in NRW, wo wir ein anderes Zuhause gefunden haben.
Hier geht man zu einer Gegendemo. Man ist nicht die Gegendemo. Jedenfalls empfinde ich das so.
Niemand will Nazi genannt werden, aber sich wie einer auszudrücken oder zuweilen problematisch zu handeln, das wird man ja wohl… – also ohne jemandem zu nahe treten zu wollen… Ach was, man kennt es doch, dieses unterschwellige, meist nicht einmal bewusste Saatgut des Hasses, das sich bis heute in Menschen hält und weiter verbreitet wird. Kleiner vielleicht. Maskiert. Verwässert. Aber da.
Niemand hier ist Nazi. Man macht nur einfach irgendwie mit.
So nehme ich das jedenfalls manchmal wahr.
Heute kommt niemand mehr umhin, Bilder der Toten und Gequälten zu sehen, wenn man sich Reportagen oder Dokumentationen über den Krieg anschaut. Für mich geht das nicht. Ich kann das nicht sehen, nicht hören, ohne selbst an die eigene Gewalt erinnert zu werden. Obwohl es bei mir nie um diese Art Faschismus ging oder dieses Thema aufgegriffen wurde.
Es ist das Leiden, die Todesangst, der Schmerz, die Ungerechtigkeit an sich, die mir diese Art der Zeugnisannahme zu den Opfern und Geopferten unmöglich macht, möchte ich mich selbst vor Schaden schützen.
Es ist mir wichtig, meine Geschichte nicht mit der anderer Menschen zu vermischen. Wenn mich die Erfahrungen anderer erreichen, dann muss ich hart sein. Da braucht es eine Panzerglasschicht um mich herum, die mir ermöglicht, die andere Person zu sehen und zu hören – auch selbst gesehen und gehört zu sein – aber doch weder emotional noch anders innerlich konsistent berührbar, vermischbar, verfälschbar zu sein.
Und doch wünsche ich mir manchmal das Gefühl mit jemanden in dieser Erfahrung verbunden zu sein. Bezeugt zu werden, in dem was mir passiert ist.
Obwohl ich mich frage, warum bei solchen Filmen die Würde der Gestorbenen, Getöteten, Ermordeten der Konzentrationslager nicht gewahrt wird, verstehe ich gerade sehr gut, dass es sich auch dabei um den Preis handeln kann, den Zeug_innenschaft und darüber Verbundenheit für manche Menschen kostet.
Die Fundamentreste von Buchenwald, sind eben nicht das Buchenwald gewesen, was es für diese Menschen war. Und kaum eines ihrer Worte wird dem Grauen je genug Form geben können, dass je ein anderer Mensch einen annähernd konsistenten Begriff davon bekommt. Aber ein Bild, gemacht von einem Gegenstand, von einem Retter, einer anders beteiligten Instanz, kann noch etwas dazugeben. Kann helfen. Obwohl der Preis so hoch ist. Obwohl es die Toten erneut opfert.
Ich habe diesen Text vor einigen Wochen begonnen und dann verworfen.
Wir haben einen Entschluss gefasst und konzentrieren gerade viel Zeit und Energie darauf, dem zu folgen. Wir wollen hier weg und wissen, dass wir uns in den nächsten zwei Jahren auf allen Ebenen dafür aufreiben müssen. Geld verdienen, sparen, eine Fremd- und zwei Programmiersprachen, Schulzeug und Berufshandwerk lernen, arbeiten, Zettelage klären.
Das lenkt gut ab. Produziert einen Tunnelblick mit hellem Licht am Ende.
Dann kamen die Wahlergebnisse aus Österreich. Wieder Gedanken an Faschismus, Krieg, staatlich legitimierte Diskriminierung.
Gerade als ich eine angenehme Lernroutine hatte und nicht mehr überwiegend mit diesem dumpfdrückenden Angstmotor im Nacken zu Motivation fand.
Eine Verwandte von uns hätte in den Dreißigern nach Kanada gehen können. Sie tat es nicht und wir werden vielleicht nie erfahren warum.
Wir denken, dass wir es tun werden, solange wir noch können. Solange man mit einem Personalausweis nach Island oder sonstwohin ins europäische Ausland kann, werden wir das tun und uns einen Ort suchen, wo es nicht besser, doch deshalb schwer ist, weil es fremd und fern und Neuanfang ist.
Weil wir nicht dieses Vertrauen in unsere Umgebung haben.
Und auch, weil wir wissen, was für Wesen noch in Menschen schlummern, wenn es um Leben und Tod, Angst und Schmerz geht.
Wir denken uns die Zeit, in der wir leben, als eine, deren natürlicher Verlauf keiner sein wird, der uns gut tut oder wenigstens: nicht schadet.
Die Verschiebung nach Rechts zusammen mit konservativen Einstellungen und Werten, verstärkt bestehende Probleme. Uns geht es besser als anderswo – doch es geht uns auch nicht gut. Es ist nicht so, dass wir ohne Schaden leben.
Für uns gibt es keinen Grund an “Es wird schon nicht so krass, wie damals als…” zu glauben. Es ist bereits krass und zu wenige, die es hören, sehen, vielleicht emotional empfangen, wollen es glauben.
Ich habe heute kein Buch über den Krieg gelesen, sondern eines über die Zwanziger und Dreißiger Jahre. Das Europa nach dem ersten Weltkrieg und den Alltag in Deutschland, der gar nicht, wie ich das immer dachte, so golden und frei war. Sondern ähnlich aufgeteilt wie heute. Hier die freien Eliten in goldenen Käfigen und da die Armen, die es bleiben, egal was sie tun.
Es war so leicht diese Gesellschaft zu entzweien und zu trennen. Zu selektieren und zu nazifizieren.
Es war so leicht, einander nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu hören und keinerlei Verbindung zueinander einzugehen.
Mit unseren Gewalterfahrungen, geht es uns bereits jetzt sehr ähnlich.
Niemand sieht es uns an. Und hören lassen wir es nur die Therapeutin.
Wir sind unsere eigene kleine Schweigeblase, die durch das Leben geht und darunter leidet, sich nirgendwo ganz und gar öffnen zu können. Zu verschmelzen, in Verbindung zu sein, ohne gleichzeitig an all die hundert Grenzfronten zu denken.
Aber das ist unsere Entscheidung. Nicht ganz und immer, aber doch: unsere.
Für uns geht es beim Weggehen nicht um das Retten des eigenen Lebens. Es geht um den Erhalt der Wahlmöglichkeiten und die Erschaffung einer Art von Freiheit, die hier nicht möglich ist. Denn Schutz für Gewalterfahrene ist hier nicht für alle da.
Nicht für alle, die hier geboren wurden. Nicht für alle, die sich hierhin gerettet haben. Nicht für alle, die hier leben und arbeiten. Nicht für alle, die ihn letztlich herstellen.
In meinen Social Media –Kanälen geht es im Moment viel um Nazis. Man schaut auf die AfD und wartet darauf, dass sie sich zerlegt.
Das hat man zu Zeiten der NSDAP auch getan.
Kann sein, dass sich in den nächsten Jahren noch ganz viel ändert und alles toll und bunt und supi wird. Ja, kann sein – und wenn es so wird, dann ist das super. Aber auch das ist etwas, das man sich anschauen muss.
Wird es super, weil hier niemand verhungert und nur noch Geflüchtete in Lagern Zentren konzentriert untergebracht werden? Wird es super, weil die deutsche Wirtschaft davon profitiert, nicht so zur Verantwortung gezogen zu werden, wie es angemessen wäre? Oder wirds einfach gut, weil wir uns das, was ist, normalisieren und denken, es könnte ja schlimmer sein?
Die AfD allein ist nicht das Problem.
Wir sind es – das Ding, in dem wir alle hier stecken, ist es. Und wie man sich das schön gestaltet – wie man auf die Idee kommen kann, sich das noch zu irgendetwas retten zu können, das irgendwie “gut und schön” genannt werden kann, ohne jemanden auszuschließen – ich komme nicht dahin. So weit weg erscheint mir das. So absurd.
So, als wäre ich kleine abgeschlossene Einheit, die durch die Gegend geht. Abgetrennt. Fremd.körperlich.
Die Bücherdiebin stiehlt Bücher in einer Zeit, in der die meisten an Essen und Überleben denken.
Wir konzentrieren uns auf uns und sammeln Kraft für etwas, das wir noch gar nicht so kommunizieren können, wie es uns ist. Umgeben von einem Lauf der Dinge, der sich noch auf Regierungsbildung, Normalisierung von Terror und hilflos wütend abwertendes Kopfschütteln über Trump konzentriert.
Es macht uns Angst. Diese Unverbundenheit damit.
Es ist die Insel, die wir niemals wollten: wir und unsere Geschichte, eine Zeugin und die Arbeit an einem Weggehen.
notes on #metoo
Me too – ein Hashtag, der eine Kampagne, gestartet von Tarana Burke, war und jetzt durch Netz und Medien geht.
Es geht um Empathie, sagt die Initiatorin. Darum, dass alle wissen, dass sie nicht allein sind. Darum, dass jene, die glauben, ES passiere nur wenigen, erleben: ES passiert vielen. Es geht um Kraft aus Gemeinschaftsgefühl. Um Veränderung durch Miteinander.
Dieses Blog – ein Blog von Vielen – heißt nicht nur deshalb so, weil es ein witziges Multiple Persönlichkeiten-Wortspiel ist.
Es ist ein Blog von Vielen. Eines, das unserer schon damals bewussten Ansicht nach, austauschbar ist, denn es erzählte nie eine besondere Geschichte oder skizziert ein unübliches Schicksal.
“Me too”, das haben wir vor inzwischen gut 9 Jahren schon gesagt. Ganz öffentlich und zugänglich. Dass unsere Gewalterfahrungen nicht einzig waren, wussten wir schon vor noch mehr Jahren. Dazu brauchte es kein feministisches Erweckungsmoment oder eine spezifische Politisierung. Es brauchte keine besondere Empathie, um zu wissen: Ich bin nicht allein mit diesen Erfahrungen.
Wofür unsere Politisierung wichtig war, war das Begreifen der Ignoranz. Des verlassen, verachtet, des gedemütigt werdens aufgrund der gemachten Gewalterfahrungen. Es war die Gewalt der Strukturen, die von der Gesellschaft, in der wir leben gemacht, getragen und verteidigt werden, die uns heute begreiflich macht, dass wir nicht nur eine_r von vielen sind, sondern von immer weiter, immer mehr und mehr.
Passend dazu: In der nächsten Episode “Viele-Sein” (coming soon) sprechen wir mit Renée ausführlich darüber, was sich an den Strukturen ändern muss.
Wir sprechen über die Strukturen, weil uns persönlich egal ist, wie viele Menschen in unserer Umgebung nach- oder mitempfinden können, dass wir ein Mensch sind, der Gewalt erfahren hat. Es ist uns egal, weil wir die Menschen in unserer Umgebung bereits als Menschen mitdenken, die Gewalt erfahren haben.
Ockhams Rasiermesser – in der Welt, in der wir leben, ist es wahrscheinlicher, dass ein Mensch in seinem Leben globale Ohnmachts-/Unterwerfungserfahrungen gemacht hat, als, dass er sein Leben lang selbstbestimmt und ohne Verletzung jedweder Grenzen verbrachte.
Wir können inzwischen damit aufhören zu glauben, es gäbe noch viele Ungeschlagene da draußen.
Wichtig ist geworden anzuerkennen, dass der Gewaltbegriff und der individuelle Umgang mit den eigenen Erfahrungen unterschiedlich ist. Für die eine Person beginnt Gewalt bereits bei einem Machtungleichgewicht – für die andere bei einer Prügelei. Für die eine Person steht Leiden im Vordergrund – für die andere Schaden.
An Me too und den Texten und Filmen und Beiträgen in diversen Medien merken wir, wie weit wir uns seit Aufschrei von dem Empathieansatz entfernt haben.
Wie fern es uns inzwischen ist, zum x-ten Mal einen Trost oder Kraft in dem Gedanken zu suchen, dass wir nicht die einzige_n sind – um erneut enttäuscht zu werden. Denn warme Mit-Gefühle von Fremden verändern nichts an unserer Not, unserem Leiden und dem strukturellen Loch, mit dem wir seit so vielen Jahren nach der Befreiung aus eigener Kraft umgehen müssen.
Es macht uns einfach nur noch traurig, wütend, bitter zu wissen, dass ES so vielen passiert. Und schon passiert ist. Und noch passieren wird. Jeden Tag. Immer weiter. Immer mehr.
Wir können Empathie dafür aufbringen, dass auch dieser Hashtag wieder Menschen ermutigt sich zu zeigen. In Worte zu kommen und sich selbst nicht zu verstecken. Viele werden sich damit gut fühlen. Manche werden sogar gestärkt.
Doch wieviel bleibt davon und wie viele gehen weiter in der Auseinandersetzung? Wie viele Forderungen bleiben? Und an wen werden diese Forderungen gerichtet? Worum geht es am Ende?
Gewalt erzeugt sich selbst. Gewalt gibt es nur für sich selbst.
Niemand wird am Ende der Auseinandersetzung mit diesem giftigen Stück Menschlichkeit zufrieden, glücklich, satt, warm und weich sein. Niemand. Immer wird da die Angst sein, dass man sie (wieder) selbst erlebt. Weil man weiß, dass es sie gibt und, dass sie kein anderes Ziel als sich selbst hat. Niemand kann an ihr gewinnen. Nicht einmal jene, die sich befriedigt daran fühlen.
Es ist ein egoistisches Scheißding, die Gewalt.
Und unsere Gefühle voneinander als Betroffene interessiert sie einen Scheiß.
Me too ist genau wie Aufschrei etwas, das sich, ob es will oder nicht, im Danach konzentriert. Es wird wieder über Opferzahlen berichtet, über Form und Farbe, Haptik und Optik von Gewalt an Menschen. Als wäre es etwas, das völlig außerhalb der Menschen selbst passiere. Ein Stoff. Eine Dynamik, die aus dem Himmel rieselt und etwas macht.
Aber so passiert sie nicht. Sie liegt allen Menschen gleichermaßen inne.
Und bis alle gleichermaßen die Verantwortung, die damit einhergeht, zu tragen verstehen, wird sie immer wieder und wieder wirken können.
Fundstücke #52
Und am Morgen taste ich nach mir. Fühle jemanden, spüre etwas. Zeit fließt vorbei, wie ein zäher, lavaner Strom. Ewigkeit ist aus diesem Gefühl gemacht.
Bin ich Körper, Geist und Schmerz oder der Kampf um Selbsterhalt?
Am Morgen bin ich wieder da. An diesem Punkt, den ich so oft verlassen, überwunden, verheilt zu haben glaubte. Dieser Punkt, an dem nicht mehr Ich als ich da ist. Nicht mehr Sicherheit, nicht mehr Gewissheit als der eigene Name.
Das ist kein Leben. Es ist Sein. Und wäre keine Kenntnis von Prozess, Entwicklung, Zeit und Raum, wäre es aushaltbarer.
Am Nachmittag frage ich mich, ob es denn kein deutsches Wort für Flashbacks gibt. „Wieder_Erinnern“, das erscheint mir falsch. Zu lieb. Zu ruhig. Zu lavazeitlich.
Es klingt nicht nach dem überwältigendem Moment, in dem Reflexe greifen, die kein Ziel mehr erreichen können. Nach dem Gefühl, das man sich aus dem Frontallappen saugen muss, um sich selbst zu glauben, dass man erinnert und nicht erlebt.
Am Abend bin ich froh um die Arbeit, die nicht aufhört und sich soviel von mir nimmt, dass ich all dies Zeitliche segnen kann. Danke für die Absorbtion. Danke für den Zeit_Raum außerhalb von mir und meiner Geschichte.
In der Nacht lausche ich dem Atem des Hundes an meinem Bauch. Ich versuche nicht mehr einzuschlafen. Ich warte bis mich die Erschöpfung in den Schlaf hineinstößt.
Fundstücke #51
Es kann wie ein Cello klingen. Schwingend. Vibrierend. Holzdunkel.
Hello from the other side.
Ein Puls, der an den Unterkiefer donnert.
Ein Brennen in der Kehle.
Noch einen Berg rauf. Keuchend, kämpfend, angestoßen vom Faustkampf im Innern, mitten durch die Oktoberkälte über der Stadt.
Und runter.
Und weiter.
I must have called a thousand times.
Es ist 3 Uhr 42 und ich fahre gegen Bilder an. Gegen Wörter. Gegen Gedanken. Gegen Zeit und Raum.
Bis der Schweiß zu Tränen zu dem erschreckend kläglichen Rotzwinseln einer anderen wird.
Hello from the outside.
“Hallo? – Ja, ich muss mich für heute vom Unterricht abmelden. Ich hab bis eben verschlafen und schaffe das nicht mehr zu meiner Stunde heute…”
At least I can say that I’ve tried.
bei einem Menstruationstässchen Tee …
Der Auslöser hats nicht verdient nochmal eine Plattform zu bekommen, finde ich.
Ich will mich auf die Sache konzentrieren. Menstruation und die Dinge, die Menschen benutzen, um damit klar zu kommen. Menstruation und der Umstand, dass nicht nur Frauen damit umgehen müssen. Menstruation und PMS.
Menstruation gehört in den Alltag vieler Menschen. Ganz üblich alle paar Wochen unterschiedlich stark, unterschiedlich belastend und auch unterschiedlich bewertet. Persönlich will ich mich darin üben, jeden Umgang damit zu akzeptieren. Und doch: was für mich gar nicht geht, ist die Menstruation grundsätzlich als eklig zu bezeichnen, geschweige denn als etwas einzuordnen, das willkürlich (gegen andere Menschen) einsetzbar ist und worüber letztlich sowieso einfach auch gar nicht gesprochen werden sollte.
Mich befremdet sowas. Nicht drüber reden sollen. In einer Zeit, in der ich einerseits Adblocker brauche, wenn ich mal eine Webseite besuchen will, ohne 50 eindeutig sexuelle Werbepop-ups aufgehen zu sehen und gleichzeitig bis zu 6 Monate Wartezeit für einen Termin bei meiner Gynäkologin habe, während sämtliche Reproduktionsrechte und -freiheiten ständig fremdbestimmt werden. Wir erinnern an Smartieboy Spahn und das aktuelle Hebammendesaster.
Ich habe vor Kurzem “Umgang mit PMS” gegoogelt und mich tierisch darüber geärgert, dass das “prämenstruelle Syndrom” im Internet überwiegend als Synonym für “temporär unfickbare Freundin” gilt. Erst auf Seite 3 meiner Googletreffer lande ich auf Seiten von – tada, dafür sind sie auch total wertvoll – Hebammen, die den Personen Tipps geben, die konkret betroffen sind.
Für mich war es seit Beginn der Berufsausbildung nämlich vorbei mit dem entspannten frei menstruieren und ich musste umsteigen auf die Dauernutzung der Menstruationstasse. Mit dem Stress kam der Murksizyklus, mit dem Murksizyklus die PMS. Und zwar ordentlich.
Bei mir gehts dabei nicht um Reizbarkeit und Brüste aus Stahlbeton – meine PMS ist ein depressiver Einbruch, der sich gewaschen hat. Und ja – wenn man am Ende einen Zyklus von 5-6 Wochen hat und sich davon gut 3 bis 4 Wochen fühlt wie ein traurigdumpfer Zombie mit gleichsam scheintoter Libido, dann ist das total belastend.
Der Witz: hätte ich keine Freund_innen und Bekannte, mit denen ich ab und zu so einfach mal eben so über Sex, Menstruation und Verhütung reden kann, wäre mir das nicht aufgefallen.
Menstruation passiert ja einfach so. Das ist ja nichts, was ich mir vorher überlege oder aktiv tue. Entweder blute ich oder nicht. Und wenn ich es vermurkst tue, dann merke ich das erst, wenn ich aktiv drüber nachdenke und zurückrechne. Doch auf die Idee komme ich nur durch Input von außen.
Das heißt: mal hier und mal da ein anlassloses Gespräch, kann helfen Probleme zu erkennen.
Auch das etwas, was ich wichtig finde. Sich das mal bewusst zu machen.
Schrieb doch heute noch jemand, kacken wär auch was natürliches, aber darüber müsse man ja auch nicht so offen reden.
Doch müsste man. Darmkrebs, colitis ulcerosa, morbus chron und Zöliakie sind ein Ding – und zwar für richtig viele Menschen, die manchmal schon sehr lange Symptome haben, ohne es zu wissen. Wie viele von euch wissen, wie “gute Kacke” aussieht und warum ist eine Grafik aus dem Internet die Quelle für so eine Information?
Vielleicht weil das Drüber reden gar nicht mal so einfach ist. Das muss man üben und vielleicht nicht erst dann, wenn man einen Hundewelpen oder ein Baby im Haushalt hat.
Menstruation ist so ein kleines Spezialthema von mir und ich will hier niemanden groß damit langweilen. Aber: das Schweigen wurde schon immer von Menschen, die menstruieren verlangt und es war schon immer eine Quatschforderung. Vor allem dann, wenn an ebenjene Menschen auch spezielle Ansprüche gerichtet werden. Zum Beispiel hygienisch rein, rituell rein, sozial rein zu sein. Oder bestimmte Produkte zu kaufen. Oder sich bestimmten Kontrollen auszusetzen – obwohl angeblich niemand etwas darüber wissen will und alles daran ach so ekelhaft ist.
Ja – so ein dicker Blutschleimblobb ist nicht, womit ich immer und überall konfrontiert sein will. Aber der Blobb allein ist eben nicht “die Menstruation”, genauso wenig wie eine Menstruationstasse, ein Symbol von “Weiblichkeit” ist, mit dem man andere Menschen so bedrängen kann, wie mit einem Dickpic, das als Symbol von “Männlichkeit” verschickt wird.
Worüber man also reden muss ist: Wie kann man drüber reden, ohne einander unangenehm zu berühren? Wie kann man individuelle Körperfunktionsalltage kommunizieren, damit sie füreinander Input zur Erfassung der eigenen Üblichkeit werden, statt fremd_beschämende Performances?
Wie kann man sich abgewöhnen “Eww – Menstruation/Kacken/Pinkeln/Popeln/Kotzen/Ficken/Masturbieren“ zu sagen und üben die eigenen Grenzen der Bereitschaft sich über als intim oder persönlich empfundene Dinge auszudrücken und wenn nötig, zu schützen (nach Möglichkeit ohne dabei anderen Menschen zu verbieten, überhaupt drüber zu reden)?
So eine Auseinandersetzung ist heute schwierig. Wir leben in einer Zeit nach vielen vielen Generationen des Schweigens und Verbergens. Und doch ist unser Wissens- und Wortschatz über die faszinierenden Körper, die uns von der Wiege bis zur Bahre umschließen, so groß wie noch nie zuvor.
Warum sich also nicht mal hier mal da – immer selbstfürsorglich und einander in allen Grenzen respektierend! – freigiebig darüber austauschen?
Vielleicht auch mal mit einem Augenzwinkern?
Vielleicht bei einem Menstruationstässchen Tee … oder Rotwein…

Danke an @Quatschmama für dieses Gif!
Und falls du noch ein paar Entscheidungshilfen für den Kauf einer Menstruationstasse brauchst – schau mal den (leider nicht sehr gendersensibel gestalteten, doch inhaltlich umfassenden) „Tassenfinder“ an.
Menstassen sind nicht so deine Welt?
Wir haben mal die Stoffbinden von Kulmine getestet – vielleicht sind die ja was für dich?
Stoffbinden sinds auch nicht? Dann aber vielleicht Naturschwämme?
Auch nicht? Vielleicht bist du ein_e Kanditat-in für die freie Menstruation – Caroline Oblasser hat darüber ein Buch geschrieben.
Bewerbungen nach Übersee
Merkwürdig ist es eine Bewerbung in englischer Sprache zu verfassen.
Die meiste Zeit denke ich: “Ey, hör doch auf so zu übertreiben”. Den Rest der Zeit: “Christian Lindner würde noch eins draufgeben und die Stelle kriegen”.
Also geb ich noch eins drauf und hoffe, dass die Leute, die meine Bewerbung lesen, mich dort, wo ich mich so fleißig hingestapelt hab, überhaupt noch sehen.
Heutzutage schreibt man nicht mehr auf, wo man überall ein freiwilliges Praktikum gemacht hat – heute besticht man durch die Ecken und Kanten, die man sich geschlagen hat. “Experience” und “Skills”. Wichtig wichtig diese Ecken und Kanten, denn nur eine 0 hat keine.
Ich unterschlage trotzdem die riesige Delle in meiner Bildung. Beginne mit der Kunstschule und Ende bei der aktuellen Ausbildung. Mehr für einen Beruf im Mediendesign relevantes ist eh nicht passiert in meinem Leben.
Was nicht stimmt und trotzdem nicht in meine Bewerbungsunterlagen kommt.
Keine Sau interessiert, wie toll ich gelernt hab, mich normal zu verhalten oder mich zumindest auf ein normalverträgliches Mindestlevel durchgeknallter Awkwardness runterzuregulieren. Und ja ach – von mir aus. Mich interessiert ja auch nicht so richtig, wie andere Leute es schaffen, sich Tag für Tag als so normal wie möglich zu verkleiden.
Aber eigentlich ist das doch schade.
Schade, dass ich keine der DBT-Skills in meinen Lebenslauf schreiben sollte, wenn ich eine Chance haben will, dass sie mich nehmen.
Denn Klapsenskills deuten auf ein Problem – während meine guten Gartenarbeits- und Arsch-abwisch-Skills nicht darauf deuten, wie ich mal monatelang eine bettlägerige Omi gepflegt hab, die sich keinen Gärtnerbesuch mehr leisten konnte.
Das ist doch schräg.
Während ich denke wie schräg das ist, sehe ich auch, wie lang meine Liste der Experience ist. Sie wird zu lang für Skills.
Aber vielleicht ist das eben so? Die weirde Awkwardness des Unausgewogenen, die meine Normalität so gut wie nichts anderes widerspiegelt und sich dort auf dem Papier verfangen hat. So viele Erfahrungen – so wenig “echte Skills” und so viel Schweigen.
Es ist doch schade, denke ich und formuliere im Kopf wie meine Lebensverläuflichkeit eigentlich aussehen müsste.
Meine Experience und Skills.
Ich bin Gewalt-erfahren. Mein größter Skill: überleben
Darin habe ich 21 Jahre kontinuierlich stabile Leistungen vollbracht.
Außerdem habe ich seit 2001 durchgehend an meinen sozialen und psychischen Kompetenzen gearbeitet – freiwillig und jahrelang, ohne etwas davon zu haben. Ich bin super durchhaltevermögend. Durchhalten, das kann ich heute mit vollen Händen aus dem Fenster schmeißen. Manchmal bau ich mir daraus auch – kreativ und eigenverantwortlich wie ich bin – die Strukturen und Hilfsmittel, die ich brauche, um die Behinderungen in meinem Leben zu kompensieren. Allein_verantwortlich. Selfadministrated sozusagen.
Hochmotiviert – denn von Motivation hab ich mehr als genug in jeder Hinsicht – arbeite ich nachwievor am Abbau meiner manchmal überzynischen Fatalistizität. Wenn das ein Wort ist, das auch noch andere Leute kennen, als die mit denen ich mir Denken und Leben, Klamotten und Freund_innschaften teile.
Würd ich an der Gestaltung der Zukunft arbeiten, ich würd jemanden wie mich sofort einstellen. Gerade wegen all der Arbeit, die ich gestemmt hab, um da anzukommen, wo ich jetzt bin.
Aber ich merks mal wieder an mir selbst. Selbst vor mir zählt es nicht als “echte Fähigkeit”, es seit inzwischen einigen Jahren geschafft zu haben, niemandem weh zu tun, weil sie_r mich einen Moment zu lange angeguckt, unvermittelt angesprochen oder berührt hat.
Wie toll wir das inzwischen schaffen, nicht mehr bei jeder Angst davon überzeugt zu sein, dass die Welt untergeht. Wie super wir unsere Impulse zur Selbstverletzung managen. Was für eine Leistung das ist, nicht mehr sterben zu wollen, weil man weiß, dass diese Probleme für immer und immer eine Rolle in unserem Leben spielen werden.
Noch stehts nicht im Bewerbungsgedöns. Was für ein_e Alltagsheld_in wir neben all dem, was wir in der Schule und Lebenswirklichkeit der letzten Jahre gelernt haben, auch noch sind. Da steht nicht: Hey von uns kannst du auch was lernen.
Aber ich denk: Genau das sollte da drin stehen.
Nicht nur um die Stelle zu kriegen.
Sondern, um sie zu kriegen und dann zu zeigen, dass wir noch so viel mehr können, als das, was auf eine Seite “Experience und Skills” draufpasst.
Erwartungen haben
Wir fuhren die Landstraße entlang und sahen das Auto, das uns keine 20 Sekunden später rammen würde, dem Fahrzeug vor uns ausweichen. Dann ein Knall. Rauch. Schmerzen, die sich vertraut und dennoch unangenehm ausbreiteten.
Das war vor ein paar Jahren. Ein Autofahrer war zu schnell unterwegs und hatte die Kontrolle über sein Auto verloren, weil er niesen musste.
Ich weiß noch, dass ich eher genervt als panisch “Scheiße” dachte. Dass ich den Aufprall, den Schmerz und die Notwendigkeit sich an den Erste Hilfe-Kurs, der schon länger her war, zu erinnern, erwartete. Und ich weiß noch, wie sehr ich mich dafür gehasst hatte, nicht handeln zu können. Wie ich mich dabei beobachtete von einem Baby-Sein verdrängt zu werden und um ein Leben zu schreien, das als solches gar nicht richtig bewusst ist.
Wie erbärmlich und wehleidig ich mir vorkam, meine Bewegungen so abzuzirkeln, dass es möglichst wenig weh tat.
Dieses Ereignis war keine traumatische Erfahrung für mich.
Ich hatte den Aufprall erwartet. Wusste zwar nicht, ob ich ihn überleben würde, ging aber davon aus, dass ich ihn auch überleben könnte. Ich hatte Schmerz erwartet. Wusste zwar nicht, welchen und in welchem Ausmaß, wusste aber, dass mein Körper schon viele Schmerzarten “weggesteckt” hatte.
Ich hatte erwartet, dass Ersthelfer_innen kommen würden. Sie kamen.
Ich hatte erwartet, dass andere Menschen mir ansehen können würden, dass mir dieser Unfall passiert war und mit mir darüber sprechen würden. Und sie konnten. Und sie sprachen. Manchmal auch mit mir.
Die Erwartungen, mit denen Menschen durchs Leben gehen, sind wichtig. Zu erwarten, dass bestimmte Dinge passieren, spielt maßgeblich in ihre Bewertung und in die Entscheidungen, die man trifft ein.
Erwartungen entstehen aus Erfahrungen mit Dingen, die passieren.
Die Lebenserfahrungen, die ein Mensch durchgemacht hat, helfen sich ein Bild von der Welt und sich selbst zu machen.
Je kongruenter und vielfältiger diese Bilder sind, desto besser sind Menschen davor geschützt, Abweichungen oder Widersprüche als irritierend oder nachhaltig verwirrend, verunsichernd oder sogar tiefgreifend schockierend, lebensbedrohlich und unaushaltbar zu erleben.
Das heißt nicht, dass jede_r schon einmal einen Autounfall gehabt haben muss, um den nächsten gut zu verarbeiten.
Das heißt, dass es hilft einen Autounfall gut zu verarbeiten, wenn man beispielsweise schon einmal Schmerzen hatte (diese Wahrnehmungsqualität und mögliche Umgänge damit kennt), schon einmal davon gehört hat oder einen gesehen hat und erlebt, dass dieses Wissen bzw. diese und ähnliche Erfahrungen auch bei den Menschen im direkten Umfeld vorhanden sind.
Es hilft, vieles zu erwarten. Je mehr man erwartet, desto mehr kann davon bestätigt werden. Wird von 50 Erwartungen eine enttäuscht, sind da immer noch 49, die bestätigt werden. Und obwohl menschliche Gehirne darauf ausgerichtet sind, sich besonders die Enttäuschungen, Schmerzen oder andere weniger angenehme Dinge zu merken und besonders zu verarbeiten, so sind es die angenehmen Erfahrungen und Bestätigungen, die diese Einordnung überhaupt erst möglich machen.
Man kann sich bestätigte Erwartungen wie einen Stoff vorstellen, der dem Gehirn Futter und Arbeitsanlass zugleich ist. Ein Gehirn, das in schöner Regelmäßigkeit leichte Arbeiten zu verrichten hat und dabei immer gut versorgt wird, kommt mit einem Zeitraum härterer Arbeit besser zurecht, als eines, das durchgehend überfordert ist und mangelhaft versorgt.
„Erwartung“, das ist ein Wort, das heute einen fast negativen Beigeschmack hat, weil es oft mit “Anspruch” übersetzt wird.
Eine Erwartung zu haben, sagt aber mehr über innere Er_Lebens:qualitäts:gewohnheiten aus, als darüber, was man im Zusammenhang mit dem Außen als legitim oder gerechtfertigt einordnet.
Wenn ich zum Beispiel erwarte, dass ich etwas sehe, wenn ich die Augen öffne, dann hat das etwas damit zu tun, dass ich mein Leben lang immer sehen konnte, sobald ich sie geöffnet hatte.
Wenn ich aber in einem dunklen Raum sitze, dann ist etwas sehen zu wollen ein Anspruch, den ich erhebe, weil mir die Gewohnheit meines Sehens legitim erscheinen lässt, auch hier etwas zu sehen.
Das heißt: Anspruch ist von Erwartung nicht zu trennen – es handelt sich aber um zwei unterschiedliche Dinge.
Und das ist wichtig im Hinterkopf zu haben, wenn man sich damit auseinandersetzt, warum manche Erfahrungen traumatisch sind und manche nicht. Und warum ein und dasselbe Ereignis für die eine Person traumatisch war und für eine andere nicht.
Und warum es für Menschen, die bereits als Säugling oder Kleinkind immer wieder Gewalt erfahren haben, noch einmal schwieriger ist, sich im Lebensalltag danach zurechtzufinden. Selbst dann, wenn sie keine posttraumatischen Belastungen im Sinne einer PTBS oder ähnliches erleben.
Der Autounfall, den ich zu Beginn schildere, war eine krasse Irritation für mich. Der Schmerz, die Hilflosigkeit und die Idee jetzt gleich sofort zu sterben, jedoch nicht. Schließlich bin ich 16 Jahre lang immer unfallfrei in Autos mitgefahren, hatte aber auch immer wieder Situationen erlebt, in denen ich mit unvorhersehbaren, unausweichlichen, unbeeinflussbaren Schmerzen, Todesangst und globaler Hilflosigkeit konfrontiert war.
Waren meine Gewalterfahrungen in dem Moment also ein Schutzfaktor von dem Autounfall traumatisiert zu werden?
Keine Ahnung – in jedem Fall haben sie mich davor bewahrt, diese Empfindungen bzw. Wahrnehmungsqualitäten gleichermaßen krass irritierend zu empfinden, wie den Umstand, dass da ein Auto in das Auto hineinfährt, in dem ich sitze.
Die Person, die damals das Auto gefahren hatte, hatte diesen Erfahrungshintergrund nicht. Und soweit ich das mitgekriegt habe, hatte sie erheblich mehr mit der Verarbeitung des Unfalls zu kämpfen, als ich. Für sie muss es sowohl um den Aspekt “da ist ein Auto in mein Auto gefahren – das ist aber gar nicht üblich” als auch “ich fühle etwas, womit noch nie oder bisher nur ein zwei Mal konfrontiert war” gegangen sein. Wenn nicht noch um mehr, denn sie war zum Zeitpunkt des Unfalls erwachsen, weiß, abliert, Elter eines Kindes, aufgrund des Berufs für mich in gewisser Hinsicht verantwortlich …
Die Person hat, soweit ich das weiß, diese Erfahrung am Ende doch gut verarbeitet.
Aber nehmen wir mal an, es wären für sie sehr viele Erwartungen an sich und die Autofahrt und eintreffende Ersthelfer und spätere Versorgungsinstanzen enttäuscht worden.
Nehmen wir mal an, es wäre ein Unfall auf der Route 66 mitten in der Wüste gewesen. Anderer Autofahrer tot (enttäuschte Erwartung: Menschen, mit denen man zu tun hat, leben), die Person selbst hat überlebt (enttäuschte Erwartung: ich sterbe jetzt).
Sie muss sich allein aus dem Auto befreien (enttäuschte Erwartung: wenn ich Hilfe brauche, bekomme ich sie).
Muss allein zu Menschen kommen, die helfen könnten und dafür sorgen, dass sie dies auch tun (enttäuschte Erwartung: wenn mir etwas passiert, wird jemand kommen/sehen, dass ich Hilfe brauche).
Da es keine Zeug_innen außer ihr für den Unfall gibt, ist sie die einzige Person auf der Welt von der sie sicher weiß, wie das ist, auf der Route 66 einen schweren Autounfall gehabt und überlebt zu haben. (enttäuschte Erwartung: ich bin nicht allein mit dem Wissen darum, dass es so etwas gibt und wie sich das anfühlt und wie genau diese Situation war)
Nehmen wir an, die Person lebt allein und hat eine gesellschaftliche Rolle inne, die bestimmte Anforderungen an sie legitimiert (weil es normalisiert ist diese zu haben).
Ist die Person ein Mann, können diese Anforderungen sein, allgemein “hart”, “taff”, “stark” zu sein (nicht verweichlicht wie eine Frau – wer wie eine Frau ist, ist kein “richtiger Mann”).
Ist die Person eine Frau, kann die Anforderung sein, aus dem Umstand sich allein um Hilfe bemüht zu haben, eine emanzipatorische Kraft zu entwickeln (welche die Erfahrung auf fast magische Weise in ihren Auswirkungen verwandelt (weil wer sich selber ganz toll stark um sich kümmert, ist ja fast schon ein ganz toll starker Mann und damit besser als eine “richtige Frau”) oder aus anderen Gründen bitteschön die Klappe über irgendwelche Gefühle zu halten.
Ist die Person behindert, arm, rassiert oder schon älter oder jünger, kann die Anforderung sein, sich in seinen Reaktionen und Kompensationsformen der (weißen, ablierten, ökonomisch unabhängigen mittelalten) Norm anzupassen, um überhaupt als NORMaler Mensch an.erkannt zu werden, der in der Lage ist bestimmte Gefühle oder Belastungen zu erleben.
Nehmen wir an, dass die Person diesen Anforderungen nicht entsprechen kann und in der Folge nicht mit anderen Menschen über die gemachte Erfahrungen sprechen kann. (enttäuschte Erwartung: Ich muss nicht allein mit der Erfahrung bleiben und muss sie nicht allein aus eigener Kraft verarbeiten)
Man soll ja keine Rezepte zu psychischen Belastungen schreiben. Doch wenn man eines suchen würde, so würde man es in dieser angenommenen Konstellation finden. Und zwar nicht nur, weil dieser Person etwas passiert ist, das außergewöhnlich war und vielleicht außergewöhnlich schrecklich, sondern, weil sie allein damit bleibt und diese Erfahrung mit einem gestressten (also auf eine spezifische Art zu funktionieren gezwungenem) Gehirn zu verarbeiten, das eine Menge enttäuschter Erwartungen zu verdauen hat.
Kommen wir mal weg von einzelnen Erfahrungen und gehen über zu Menschen, deren Erwartungen immer auch ein Szenario der Todesangst, Hilflosigkeit und wie auch immer gearteten Versehrung (die mit Schmerzen vom Körper gemeldet werden) beinhalten.
Wie gesagt speisen sich Erwartungen aus der Gewohnheit bestimmter Er_Lebens:qualitäten.
Wer immer wieder erlebt, dass schöne Situationen in schreckliche kippen, ohne, dass es vorher konkrete oder absehbare oder erkennbare Hinweise darauf gibt oder auch immer wieder mit bizarren sozialen Konstellationen konfrontiert wird oder auch immer wieder tiefgreifend im eigenen Verstehen von sich selbst und der Welt um sich herum verunsichert wird, hat am Ende andere Erwartungen an den Lauf der Dinge, als eine Person, bei der das nicht passiert.
Es kann normal werden, sich auf nichts verlassen zu können, außer darauf, dass viele und regelmäßig auch jede Erwartung enttäuscht wird.
Denn dafür sind Erwartungen wichtig.
Für das Zu- und Vertrauen in sich und die Welt, die Menschen um sich herum, den Lauf der Dinge, den man jeden Tag beobachten kann. Kann man die eigene Umgebung nicht abschätzen – nicht zuverlässig erwarten, was wann warum und wie und mit welchen eventuell absehbaren Folgen passiert, gibt es weder Chance noch Anlass über das Hier und Jetzt hinaus zu denken oder zu planen.
Erwartungen sind jedoch eine Art kleine Idee von Zukunft.
Und die Zukunft als konstante Idee ist, neben vielen anderen Dingen, etwas, das Menschen ganz konkret am Leben hält.
Menschen würden verhungern, hätten sie nicht (aufgrund vieler Erfahrungen des Sattseins und Sattwerdens) die Idee, dass sie nach (also in der Zukunft) dem Verzehr von etwas keinen Hunger mehr haben. Besonders Menschen als Wesen mit extrem langer Nesthockdauer, hätten keinen Anlass zur Fortpflanzung oder Nachwuchsversorgung, zu allgemein angenehmer sozialer Interaktion und ergo verstehbarer Kommunikation, hätten sie kein Verständnis von Ursache und Wirkung im Sinne einer Entwicklung, die über einen Moment oder mehrere einzelne Momente hinausgeht.
Wir halten also fest: es ist für Menschen schon ziemlich vorteilhaft einen breiten Blick auf die Zukunft in der Gegenwart wahrnehmen und als wahrscheinlich annehmen (erwarten) zu können.
Umgekehrt muss es also auch ziemlich ungünstig sein, wenn man so gewachsen ist, dass der Zukunftsblick nicht weiter als einige Minuten oder vielleicht Stunden oder Tage reicht, weil mehr einfach nicht verlässlich vorhersehbar (bestätigend erwartbar) ist.
Das Risiko für Menschen mit komplexer Traumatisierung durch zum Beispiel Gewalt in der Familie oder Krieg (also einem langen Zeitraum in chaotischen Umständen, die nicht selbst beeinflusst oder verlassen werden können), eine Problematik, wie eine Essstörung, eine Sucht oder eine chronische Suizidalität zu entwickeln, ist 7 Mal so hoch, wie für Menschen die diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Aus Gründen, die genau damit zu tun haben, dass bestimmte Erwartungen anzustellen nicht möglich war.
Diese Menschen haben manchmal über Jahrzehnte nicht die Möglichkeit gehabt, ihrem Gehirn das Planen und Erwarten über einen langen Zeitraum hinweg anzutrainieren. Und was Gehirne nicht trainieren, das verlernen sie oder lernen es nie. Solche Gehirne lernen “überleben und kompensieren” statt “überleben und spezialisieren” – ganz ganz ganz grob gesagt.
Ganz grob gesagt, weil natürlich auch traumatisierte Gehirne sich ausspezialisieren.
Nur eben an anderen Schaltstellen, die wiederum eine Ausentwicklung von zum Beispiel Süchten oder ähnlichem zu begünstigen scheinen – aber das Leben in der “Misshandlungsfamilie” oder anderen schwierigen Umfeldern, akut immer wieder gerettet und gesichert haben.
Ich habe diesen Artikel angefangen, weil ich mich im Moment viel mit meiner Zukunft auseinandersetze und merke, wie fremd sich das anfühlt.
Es erscheint mir nicht verlässlich, dass passiert, was ich mir überlege – es erscheint mir aber überhaupt und das ist der bemerkenswerte Aspekt.
Es erscheint mir möglich auch in einem Jahr noch zu leben. In zwei Jahren noch Wünsche und Ideen zu haben. Es ist mir greifbar, heute, morgen, nächste Woche, in zwei Monaten… noch daran arbeiten können, dass ich in zwei oder drei oder 10 Jahren etwas tun kann.
Es ist eine Annahme, die sich aus einer Erwartung, die ich ohne es zu merken habe, weil das, was sie beinhaltet eine Konstante in meinem jetzigen Leben ist. Ich habe ein relativ unangreifbares Jetzt und Heute und Morgen und nächste Woche.
Erschien mir vor 4-5 Jahren die Abschiedsworte meiner Therapeutin “Wir sehen uns nächste Woche” einigermaßen schräg, weil nicht zuverlässig, verabschiedete ich mich vor ein paar Wochen selbst sehr bewusst mit den Worten: “Tschüss – bis nächste Woche”.
Weil mir diese nächste Woche sehr zuverlässig erschien. Weil ich sehr klar hatte und auch mit einem gewissen aktiven Rückgriff auf meine in den letzten Jahren entwickelte Er_Lebens:qualitäts:gewohnheit fühlen konnte: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich nächste Woche noch lebe und hier ankomme und etwas sagen kann und etwas arbeiten kann. Sehr viel höher als, dass das nicht der Fall ist.
Das geht über einen bloßen Lernerfolg hinaus. Ein Lernerfolg war, dass ich überhaupt für jede Woche einen Termin vereinbarte. Denn einerseits machen das viele Therapeut_innen so (und ist es ja auch allgemein bei Leuten, die Leute über einen langen Zeitraum behandeln oder betreuen oder sonstwie begleiten wollen, so, dass sie lieber regelmäßige als spontane Treffen machen) – andererseits hatte ich auch schon die Erfahrung gemacht, dass die Termine nicht konstruktiv oder sonstwie hilfreich sind, wenn ich einfach irgendwie so eventuell vielleicht in einen Termin reinstolpere.
Was da jetzt besteht, ist, denke ich, das Ergebnis von Neuroplastizität.
Ich muss nicht mehr intensiv aus einer fest verankerten, weil x-fach bestätigten, Unsicherheit heraus darüber nachdenken, wie sehr ich darauf vertrauen kann, dass meine Annahme richtig ist, in der nächsten Woche noch am Leben zu sein und den Termin auch wahrnehmen zu können.
Irgendwie denke ich einfach, dass das so ist.
Einfach so. Kurzer Dienstweg. Automatische Annahme. Normalisierte Erwartung, dass das auch so eintreten wird.
Emotional ist sowas natürlich nachwievor “gefährlich” und mein traumatisiertes Gehirn erinnert mich auch immer wieder daran, dass Erwartungen enttäuscht werden können. Es hat einen Grund, weshalb ich der Therapeutin “Tschüss – bis nächste Woche” sagte und einen Grund, weshalb ich mir dessen ganz bewusst bin: Ich bekam ziemlich bald darauf Angst, sie könnte die Behandlung jetzt beenden. Könnte nächste Woche nicht mehr da sein – oder ich könnte nächste Woche nicht mehr da sein. Und überhaupt: nächste Woche – wie konnte ich denken, das sei ein überschaubarer, eingrenzbarer Zeit_Raum?!
Ich spürte, wie sich kompensatorische Dynamiken warmliefen. Wie mein Denken umklappte und mir den Horizont bis auf das akute Hier und Jetzt verdunkelte.
Daneben spürte ich aber auch, wie ich das spürte. Wie ich merkte, dass mein Funktionieren sich von jetzt auf gleich verkürzte, verknappte, wie sich in mir etwas ganz klein zusammenschrumpelte, hart machte, ängstlich anspannte und in dieses schreckliche rein reaktive Sein zu balancieren versuchte.
Ich konnte das als Unterschied wahrnehmen. Als etwas, dass so irgendwie aber eigentlich gar nicht sehr so üblich ist. Merkwürdig überraschenderweise. Irritierenderweise. Das will ich jetzt aber lieber so, wie sonst auch – weise.
Oh G’tt oh G’tt, was passiert mit mir-weise.
Die Oh G’tt oh G’tt, was passiert mit mir-Schleife aber, kenne ich. Die kenne ich schon ziemlich gut. Ich habe mich vielseitig und lange damit auseinandergesetzt, was mit mir los ist und glücklicherweise habe ich dazu einige Antworten gefunden, die mir valide und brauchbar sind.
Ich weiß, dass mir bestimmte Dinge Angst machen.
Ich weiß, dass das Bewusstsein jederzeit sterben zu können bzw. nicht mehr zu sein oder Menschen nicht mehr im Leben zu haben, in mir drin ganz besonders gut ausgebaute Reizautobahnen haben, die ganz gerne mal benutzt werden, um 100% sicher zu gehen, dass ich auch ganz wirklich echt und absolut sicher weiß, dass das passieren kann (oder: “WIRD!!11!1”, wie es das mir ins Hirn schreit) und eventuell vielleicht mein Leben bedroht.
Und ich weiß, dass gerade weil es diese Autobahnen gibt – ich noch etwas warten muss, bis das, was da im Volvo auf der Landstraße noch unterwegs ist, auch bei mir angekommen ist. Ich weiß, dass es die Zukunft gibt und ich kann sie er_warten.
In dem Fall der Angst darum, dass die Therapeutin die Behandlung beenden würde oder nächste Woche nicht mehr da sein könnte, ging es darum auf das Gefühl zu warten, das man hat, wenn man sich auf die Kontinuitäten der Vergangenheit besinnt.
Es hat mich beruhigt zu wissen, dass sie uns immer Bescheid gesagt hat, wenn ein Termin mal ausfallen muss (und das nie etwas mit uns zu tun hat) und wie selten das war. Wie viele Wochen wir uns schon kennen, weil wir uns so viele Wochen schon getroffen haben.
Es hat aber auch beruhigt zu erinnern, wie oft wir das schon überstanden haben, wenn Therapeut_innen nicht mehr da waren. Wegen uns oder wegen was auch immer.
Und es hat beruhigt zu wissen, dass ich schon sehr oft hätte sterben können, es aber nicht tat. Wie oft ich überhaupt am Tag denke: “Jetzt sterbe ich” oder “Jetzt könnte ich sterben” – aber dann doch nichts passiert.
Meine kleinen Volvofahrgedanken helfen mir die Autobahnfahrgedanken in ein Verhältnis zu setzen. Sie helfen mir zu planen und Zukunft als feste Größe einzubeziehen. Selbst dann, wenn sie mir gerade sehr unsicher, unkonkret, undenkbar oder auch unvorstellbar erscheint.
Aber ich muss sie abwarten. Ich muss dafür sorgen, dass sie überhaupt losfahren und ankommen können.
Wie das gut klappt, habe ich auch schon gelernt.
Ich brauche einen guten Warteraum.
Was ich in solchen Momenten nicht ertragen (und generell nicht gebrauchen) kann ist eine Umgebung, die mich und meine Autobahngedanken bestätigt oder verstärkt. Sei es durch Unzuverlässigkeit oder Unübersichtlichkeit oder fehlende Möglichkeiten mich in Bezug auf irgendwas selbst_wirksam zu erleben.
So nutzt es mir nichts von 10 Leuten in meinem Leben zu hören, dass ich mich jederzeit melden kann, wenn ich etwas brauche – doch niemanden davon auch wirklich akut erreichen kann.
Es hilft auch weniger “mich abzulenken” als mich “perspektivisch umzulenken”. Kein Wortspiel – ganz richtiger Ernst.
Ich fange heute in solchen Momenten kein Projekt mehr an, das mich absorbiert und 5 Wochen später (schön am Krisenpunkt vorbei) wieder ausspuckt – ich beginne etwas, das mir hilft eine Sicht auf mein Jetzt und mein Nachher zu stärken. Zum Beispiel hilft es mir, mich damit zu befassen, wie ich es gerne hätte – erlaubt auch als völlig zusammengesponnene Utopie.
Gerade in Bezug auf “Ich könnte sterben oder die Therapeutin bricht den Kontakt ab” hilft mir eine Utopie um Volvofahrgedanken anzustoßen.
Denn die Idee für immer und ewig niemals getrennt von der Therapie bzw. der Therapeutin zu sein, kommt mir lächerlich vor – obwohl sich in dem Fall die Angst der Kontakt könnte unerwartet enden, dann erledigt hätte.
Genauso wie mir der Gedanke missfällt, ich könnte sie und die therapeutische Arbeit mein Leben lang brauchen.
Wichtig ist mir da, das Ganze nicht in eine Imaginationsgeschichte zu drehen.
Imaginationen sind mir etwas total Intimes – etwas, was ich nicht gut mitteilen kann – eine Angst vor Beziehungsabbruch oder Todesangst hingegen will ich mitteilen können. Sie zum Anlass oder Teil einer Imagination zu machen, bedeutet für mich, dass ich niemals mit der Therapeutin darüber reden kann, als sei das real da. Vielleicht bin ich da komisch – aber es gehört zu unseren Therapiebedingungen, dass wir nur über Dinge sprechen, die uns real da und echt und wahrhaftig sind.
Andere Aspekte eines “guten Warteraums” ist die Zeit als greifbar erlebbares Ding, das beobachtbar ist und die Relationen der Dinge, die uns sicher erscheinen. Straßenbahnen sind dafür gute Werkzeuge. Es gibt sie – in einer gewissen Variation – und sie fahren – ebenfalls mit einer gewissen Variation der Zuverlässigkeit. Man kann Straßenbahnen gut zugucken und merken, dass alles irgendwie geht. Manchmal auch: vorbei geht.
Sowas beruhigt mich. Und wenn ich beruhigt bin, bummeln die Volvofahrgedanken langsam in mein Denken.
Früher habe ich nicht auf diese Gedanken gewartet. Ich musste lange daran arbeiten sie zu erkennen und gleichermaßen ernstzunehmen wie die Gedanken, die mir schrill den Alarm gemacht haben.
Doch heute – nach vielen Erfahrungen von Momenten, in denen ich sie bemerkte – erwarte ich sie.
Und in ihrer Ankunft – darin wurde ich noch nie enttäuscht.
