Jede Lawine beginnt mit einer Schneeflocke und egal, wie krass die Auswirkungen der Schneemassen im Tal sind, so ist es doch immer diese eine Flocke, mit der alles begann. Wann immer schwierige Dinge geschehen, ist man versucht ihren Anfängen eine besondere Bedeutung zuzuschreiben. Wir kennen das aus der Berichterstattung über Gewalt, aber auch über Naturkatastrophen oder Unfälle. Womit es begann, ist wichtig und in der ersten Zeit der Überforderung, der akuten Not vielleicht sogar das wichtigste von allem.
Es sei denn, man kennt es.
Gewöhnung ist nicht das gleiche wie Abstumpfung. Gewöhnung ist Kenntnis. Ist Orientierung. Gewöhnung bedeutet Erfahrungswissen und deshalb Sicherheit, Klarheit, Eindeutigkeit. Kurze Wege. Effizientes Handeln. Den Blick weg von der Ursache hin zur Wirkung und dem Umgang damit.
Die Ursache schwieriger Erfahrungen als banal zu bezeichnen, wurde mir in den letzten Jahren oft als Zeichen einer emotionalen Kälte ausgelegt. Als Traumafolge, als Dissoziation meiner Gefühle, als Vermeidung der Wahrnehmung innerer Abgründe.
Tatsächlich weiß ich im Moment nicht genau, was ich empfinde. Das ist in Ordnung. Es ist im Moment nicht relevant, ich brauche diese Information nicht. Weder für mich, noch braucht sie mein Umfeld, um mit mir zurechtzukommen.
Relevant ist, dass ich nicht vergesse, dass die Ursache dessen, was passiert ist, banal ist.
Es hat nichts mit ihr zu tun, es hat nichts mit mir zu tun. Es hat vielleicht mit dem Jetzt zu tun, vielleicht mit dem Gestern vor 5 Jahren. Es ist nichts Besonderes. Es ist banal.
Nicht egal. Nicht irrelevant. Nicht ohne Aus.Wirkung.en. Aber banal.
Und deshalb nicht zu vereinzeln, nicht auf einen einzigen kleinen Punkt von der Größe einer Schneeflocke zu bringen.
Das ist das Dilemma der komplex traumatisierten Menschen.
Es ist immer banal, aber nie ist es möglich eine Komplexitätsreduktion vorzunehmen. Es ist einfach nie der eine Schlag zu viel, der eine Kommentar ganz besonders oder das eine Moment der Ohnmacht, was die Verletzung insgesamt ausmacht. Die Dinge passieren und sie können tausend Mal in all der Normalität, in der man an sie gewöhnt ist, passieren, aber man kann das tausendundeinste Mal nicht zu dem erklären, was das Trauma auslöst.
Als Person von der alle wissen, dass sie von Bindungsabbrüchen und speziell von therapeutischen Beziehungsthemen traumatisiert wurde, stehe ich gerade mit Menschen in Kontakt, die alle nach der Ursache suchen und sich bei mir dafür entschuldigen, dass sie ~das alles~ nicht verstehen oder nachvollziehen können.
Ich bin dran gewöhnt. Ich kenne ihre Versuche es zu verstehen, die „Schneeflockensuche“ sozusagen und weiß auch: Da ist nichts weiter zu finden als das, was man schon jetzt sieht – ein ganz banaler Lauf der Dinge zu meinem Ungunsten.
Ich bin es so gewohnt, dass ich nicht einmal näher erkläre, was ich mit „Lauf der Dinge“ meine, weil ich weiß, dass es sich im Kopf vieler Menschen zusammengesetzt wird mit: „Eins kam zum Anderen“ und auch diese Erfahrung des Missverstehens durch den Versuch mich zu verstehen, werde ich diesmal nicht machen. Es ist ineffizient. Nicht relevant für mich und nur deshalb möglicherweise relevant für andere, weil diese die Irrelevanz für mich nicht anerkennen können oder wollen.
Was jetzt für mich wichtig ist, ist dieses Geschehen nicht zur Ursache anderer Dinge werden zu lassen.
4 Wochen seit dem letzten Therapietermin.
Ich habe gearbeitet. Urlaub gemacht, einen Brief geschrieben, Informationen zusammengetragen.
Am Sonntagabend sitze ich mit Sack und Pack im Zug nach Bielefeld. Am Montagmorgen würde ich mit Dr. H. in Gütersloh sprechen, welche Aspekte meiner Traumatherapie besser an den Autismus angepasst werden könnten. 3 Monate habe ich auf den Termin warten müssen.
Es ist warm als wir am Bahngleis stehen. Mir ist schlecht, mein Magenschmerz bohrt sich zwar nicht mehr bis in den Rücken, dafür ins Gemüt. Ich merke, dass ich meine Atemtechniken nicht mehr mache, um so wenig wie möglich im Bauch zu bewegen. Ich somatisiere, aktiviere, agiere, gefalle mir in der Rolle der Klientin, die aktiv tut und macht, nichts in ihrer Therapie als gegeben hinnimmt, sondern hilft zu helfen.
Meine Motivation trägt mich durch die Ansteckungsangst im Zug, im Bus, auf dem Klinikgelände, im Haus selbst.
Dr. H. ist gut. Das Gespräch hilfreich. Meine Hände tun weh vom Waschen und Desinfizieren, meine Füße, mein Magen. Es ist noch ein halber Tag, bis der Termin mit der Therapeutin ist. Zwischendurch komme ich mir vor wie eine liebe Oma, die den Tisch unter Essen begräbt und sagt: „Hier, nimm dies, nimm das – es ist alles da.“ In meiner Vorstellung braucht sie nicht mehr machen. Nur dies lesen und das. Nur die Angebote annehmen, die ich mit Dr. H. und dem Begleitermenschen für sie eingefädelt habe. „Hier dies, hier das, greifen Sie ruhig zu.“ Es ist übergriffig und zu viel. Ich weiß das und kann doch nicht anders.
Ich kanns einfach nicht kampflos aufgeben. Kann und will nicht hinnehmen, dass es bleibt wie es ist, weil es mir schadet – kanns nicht beenden, weil so viel dran hängt.
Am Abend sagt sie, dass sie nicht mehr will.
Dass sie nicht verstanden hat, was der Autismus für mich bedeutet. Was er für die Arbeit hier bedeutet. Die ganzen letzten 5 Jahre nicht.
Aus dem Brief hat sie die Kritik aufgenommen, die auf 2 von 8 Seiten stand. Sie hat in den letzten Wochen nichts getan für das, was wir miteinander haben. Sie hat sich für Traumaschwurbel entschieden. Das soll ihre Zukunft sein, „Herzlichen Glückwunsch“ denke ich und frag mich, wofür ich mich jetzt entscheiden kann.
Wir werden einen Abschied versuchen. Das ist neu, die Chance hatten wir bisher noch nie. Jetzt, am Morgen danach denke ich, dass die Abbrüche früher einfacher waren, weil die Katastrophen viel konkreter waren. Sie haben mich, Hannah, gemacht. Jetzt bin ich schon da. Und die Dinge, die wir uns vor 8 Jahren vorgenommen haben.
„Wenn das hier nichts wird, beantragen wir Sterbehilfe. Wir gehen, es hat keinen Sinn. Diese Traumafolgestörung ist eine Krankheit, die meine Lebensqualität so einschränkt, dass es kein Leben ist. Es gibt nicht genug Behandler_innen, die Wartezeiten, die Therapieregularien, jede stationäre wie teilstationäre Option bedeuten für mich das gleiche Risiko einer Retraumatisierung wie die Chance auf Verbesserung – diesen einen Versuch machen wir noch und wenn das nicht klappt, ist Schluss.“
Funktionale Suizidalität ist das, was uns lange durch die Therapie getragen hat und auch jetzt noch trägt. Das Wissen, dass wir nach dem erneuten Scheitern beim Versuch uns und unser.e Leben zu verstehen, nicht ohne Aussicht auf Ruhe in Frieden sind.
Als wir rausgehen, glänzt die Straße feucht. „Kommen sie jetzt klar?“ hatte die Therapeutin gefragt, „Ja“ habe ich gesagt, „Das kann dir doch egal sein“ gedacht. Vor mir leuchtet eine Straßenbahnhaltestelle mit Übergang.
Jetzt ein Suizid aus Affekt wäre total dumm. Ich muss noch so viel erledigen. Bin für einige Kontexte nicht mehr so egal wie vor 8 Jahren. Wie ich leben möchte und könnte, wenn ich nur die richtige Unterstützung bekomme, ist so viel mehr in mein Bild von mir und auch in die Beziehung mit dem Freund Partner hineingemalt. Heute geht es nicht mehr darum, ob es irgendetwas gibt, das den Schmerz am Leben wert ist, sondern darum was ich ihm an die Seite stellen kann.
Der Begleitermensch hat Nachtdienst, ist erst später zu erreichen. Ich rufe K. an und bitte sie, mit mir zu sprechen, bis ich ruhiger bin. Morgen bin ich wieder zu Hause beim Freund. Bei NakNak*, bei Bubi. Den letzten Tomaten und der Sperlingsgang in der Ligusterhecke.
Vor 8 Jahren wäre da niemand gewesen.
Das Narrativ um Leute, die Viele sind, ist so stark von Geheimhaltung, Schweigen und Unsichtbarkeit-Sichtbarkeit geprägt, dass zumindest bei uns wirklich sehr sehr oft die offensichtlichsten Dinge, die wir zeigen, nicht gesehen werden. Dass die klarsten Dinge, die wir sagen, noch um Ebenen ergänzt werden, die überhaupt nichts mit uns zu tun haben.
Es ist für uns unfassbar schwer uns davon abzugrenzen, ohne anderen Vielen, bei denen diese Ebenen durchaus da sind, zu schaden.
Und gleichzeitig auch uns selbst nicht einzureden, dass diese Ebenen bei uns niemals und nimmer nicht je auch von Bedeutung sein könnten.
Aber.
Es schadet. So sehr. Es hat uns so sehr geschadet, als jemand behandelt zu werden, die_r programmiert wurde. Es hat uns so sehr geschadet, als jemand behandelt zu werden, die_r für alles in Wahrheit ja Kompetenzen hat, weil Leute, die Viele sind, ja für alles immer jemanden haben, weil „die Täter_innen sich gar nicht leisten können, dass jemand auffällig wird“. Es schadet uns, wenn unsere Geschichte von anderen Menschen mit Annahmen darüber ergänzt wird, was welche Gewalthandlung an uns eigentlich bedeutet haben wird (während wir gleichzeitig nie prüfen können, ob das wirklich so war, weil Täter_innenkontakt zum Ende der Behandlung führt oder weil die Bedrohung nach wie vor besteht). Es schadet uns, dass wir als schweigend und aktiv verbergend eingeordnet werden, wenn wir nicht (öffentlich) aussprechen, was uns passiert ist.
Es schadet uns und es macht so viel mehr von uns unsichtbar, wenn alle unsere Schwierigkeiten unter den Mantel der DIS gestopft werden, als würde unsere Persönlichkeitsstruktur wirklich jede einzelne Dys_Funktion von uns erklären oder verursachen und als sei es nicht nötig, sich mit dem zu befassen, was mögliche andere Diagnosen auch bedeuten.
Nicht jedes Schweigen verbirgt ein Geheimnis. Manche Leute sind einfach ohne Worte. Und manche Leute, wir, müssen uns das Sprechenkönnen – besonders in für uns so hochbelasteten Kontexten wie dem einer Psychotherapie nach so viel Übergriffigkeit von anderen Behandler_innen früher – richtig hart erarbeiten.
Und manchmal gibt es einfach (noch) nichts zu sagen.
Vielesein ist kein Synonym für einen bestimmten Opfertyp. Kein eindeutiger Hinweis auf die eine Art der Gewalterfahrung, in dem einen Abschnitt des Lebens, mit dem einen Hintergrund.
Vielesein ist die Beschreibung einer von chronischer Dissoziation geprägten Selbst- und Umweltwahrnehmung einer Person. Nicht mehr, nicht weniger.
Sie ist keine Selbstauskunft über die Biografie, keine umfassende Beschreibung ihrer Fähig- und Fertigkeiten. Sie ist kein Beweis über die Existenz von bestimmten Gewaltformen und für sich allein auch kein Indiz für Umfang, Schwere und Häufigkeit von Gewalttaten.
Was zählt, ist die Person, die Viele ist. Der muss man wirklich aktiv und jedes Mal neu zuhören. Die muss man in allem anerkennen.
Und wenn man das nicht tut, dann schadet man sowohl ihr als auch allen anderen Vielen.
Und macht sie unsichtbar.
Versteckt sie.
„Sie verstecken sich.“
An der letzten Therapiestunde war so vieles problematisch, so viele rote Flaggen wehten im Wind, der sich wohl schon länger unbemerkt von mir gedreht hatte. So viel, dass mir dieser Abschnitt erst jetzt wieder einfällt.
„Sie verstecken sich.“
Ich hatte erzählt, dass es mich manchmal anstrengt, nicht mehr einfach so viele sein zu können wie früher im Bullergeddo. Nicht, weil hier ein striktes Wechselverbot oder Anteilnahmeverbot am Leben mit dem Freund herrscht, sondern, weil wir einfach nicht mehr alleine sind und es heute von Relevanz für jemanden ist, was bei uns los ist.
Unser Sein im Bullergeddo war oft sehr einsam und viel davon beeinflusst, dass wir nicht wissen konnten, was wir nicht wussten. Waren wir nachts draußen auf dem Rad unterwegs oder in Panik durch die Heide rennend? Haben wir gegessen? Wenn ja, was? Wann war ich zuletzt duschen? Das war zwar immer irgendwie wichtig, aber nicht wirklich relevant. Viele Menschen machen sich einfach nicht klar, dass dissoziative (Alltags-)Amnesien vor allem wegen ihres Anspruchs an Bewusstsein für alles überhaupt ein Problem ist oder als krank eingeordnet wird – wenn man damit einfach so lebt, ohne jeden Anspruch oder Notwendigkeit dafür, zeigt sich das aber sehr.
Wenn ich nicht wusste, ob ich geduscht hatte, bin einfach nochmal gegangen. Essen kann man auch mehrfach am Tag. Sich umziehen. Aufräumen. Sich auf Wunden untersuchen. Die eigene Kommunikation nachverfolgen. Man kann viel kompensieren und wenn man nur sich selbst auf die Reihe kriegen muss, dann muss man das nur mit sich in der akuten Situation abstimmen.
Jetzt leben wir mit dem Freund zusammen. Und obwohl wir uns keine Wohnung teilen, so teilen wir doch unsere Leben miteinander und manches müssen wir heute anders kompensieren als in den letzten Jahren. Das ist anstrengend. Für ihn auch, der ebenfalls einige Jahre vorher alleine gelebt hat. Das bedeutet nicht, dass wir uns verstecken.
Wir haben Texte gelesen, in denen Viele beschreiben, wie sie sich Pläne machen, wer was wann wie „dr_außen/vorne machen darf“. Wie viel Kraft es sie kostet und wie sehr es sie kränkt, wenn die Inneren im Außen nicht erwünscht sind. Viele Viele müssen sich wirklich aktiv verstecken und leiden darunter. Bei uns ist das nicht so.
Unser ganzes Konzept dazu ist völlig anders.
Erstens können wir überhaupt nicht nach Plan wechseln oder nach Entscheidung. Wir sind nach wie vor auf Triggermechaniken bzw. Handlungsautomatismen angewiesen und nach dem Modell der strukturellen Dissoziation ist das auch total logisch so – nichts daran ist falsch oder krank, sondern wirklich so richtig knacke logisch.
Zweitens bedeuten Wechsel bei uns nicht, dass wir sie immer sofort selber merken, so nach dem Motto: „Ah jetzt endlich bin ich mal draußen, jetzt kann ich endlich XY machen.“ Es ist viel öfter so, dass wir tun, was wir immer tun, wenn wir da/aktiv/bewusst sind und erst dadurch der Wechsel überhaupt möglich zu erkennen und zu benennen ist. Und noch viel öfter ist es so, dass jemand etwas tut und dann sofort wieder weg ist und es völlig irrelevant ist, ob jetzt X oder Y dieses oder jenes getan hat, weil getan ist getan und relevant ist, mit der Verantwortung für das Getane umgehen zu können. Das ist etwas, das uns so derartig eingeprügelteintrainiert reintherapiert wurde, dass es uns einzelne Innens unsichtbar – versteckt – macht und gleichzeitig aber auch sehr an das Handeln als Einsmensch bindet, was ja die Realität ist und die Ebene, auf der wir mit der ganzen Mitwelt interagieren.
Drittens ist unser individuelles Unsichtbargemachtsein und -bleiben im Grunde genommen auch genau, was frühere Therapien bewirken sollten. Wir konnten uns über Jahre nicht dagegen wehren, wenn Erwachsene – Behandler_innen, wie Pflegepersonal – uns dafür bestraft haben, was wir getan haben, ohne, dass wir wussten, was wir getan hatten (und warum). Wenn sie uns emotional wie (unter Zuhilfenahme der anderen Patient_innen einer Station) sozial unter Druck gesetzt haben, um uns zu Verhalten zu zwingen, das dieses permanente Nichtwissen kompensiert und unsere individuelle innere Beteiligung verunsichtbart.
Es ist also auch eine Helfertraumafolge, dass wir einerseits unfassbar krasse Panik davor haben, wenn einzelne von uns mit Namen und Funktion sichtbar werden – gleichzeitig aber auch ein Therapieerfolg, dass es keine Relevanz für uns hat, dass es diese Einzelnen von uns überhaupt gibt.
Wenn wir uns Sorgen machen zu wechseln, dann weil wir um die Folgen und Implikationen wissen.
Es ist der totale Kontrollverlust, wenn zum Beispiel ein Wechsel zu Kinderinnens nicht verhinderbar ist, weil irgendein Traumatrigger greift, der nur über eine Handlung außen kompensierbar ist. Dann haben wir ein ernsthaftes Problem, sind ernsthaft schutzbedürftig und brauchen unter Umständen Reorientierungsreize, um den Zustand zu verlassen bzw. „zurückzuwechseln“. Aber das eigentlich Schlimme ist dann schon passiert. Unser Gehirn hat dann eine Situation fehlinterpretiert und auf einen Zustand umgeschaltet, damit umzugehen. Das Schlimme, das Kranke, das Gefährliche an unserer Traumafolge ist eben diese Fehlinterpretation. Die Annahme, jetzt gerade oder ganz gleich passiere die Wiederholung einer Traumatisierung und das mit dem Wechsel verbundene Wiedererleben.
Für uns, für mich, Hannah, ist es an sich überhaupt nicht schlimm, wenn Kinderinnens außen sind – für mich, für uns, ist daran schlimm, dass wir als Einsmensch innerlich eine Traumatisierung wieder_erleben bzw. wie in Zeiten er_leben, die traumatisch waren. Bei uns ist noch nie ein Kinderinnen draußen gewesen, weil es das so gerne wollte, sondern immer nur, weil wir als Einsmensch auf bestimmte Situationen im Außen noch keine andere Reaktionsmöglichkeit entwickelt haben, als die, wie wir sie als Kind haben entwickeln müssen.
Deshalb sind Kinderinnens im Kontakt mit Behandler_innen oder Freund_innen für uns kein Zeichen von Vertrauen, sondern von einem Macht(Gewalt)verhältnis und also akuter Bedrohung bzw. von einer Situation, in der es so viele Parallelen gibt, dass unser Gehirn sie als (möglicherweise) traumatisierend einordnet.
Als Einsmensch sind wir nicht unsichtbar. Als Einsmensch, der Viele ist auch nicht.
Alle mit denen wir regelmäßig Kontakt haben wissen, dass wir Viele sind. Dass wir sehr lange Gewalt erlebt haben und bis heute davon beeinträchtigt sind.
Wir sind unter dem Namen Hannah C. Rosenblatt Autor_in, die_r offen damit umgeht, dass sie_r gewalterfahren und Viele ist. Podcaster_in, die_r in über 50 Folgen darüber spricht, wie das ist gewalterfahren und Viele zu sein. Dieses seit über 10 Jahren öffentlich zugängliche Blog hat über 1.500 Beiträge darüber, dass ich Viele bin und was ich erlebe.
Ich, wir, sind absolut keine Person, die sich versteckt. Viel eher sind wir eine Person, die nicht erkannt wird. Die nicht verstanden wird. Die in einigen doch einigermaßen relevanten Aspekten nicht gesehen wird. Und das ist eine völlig andere Sache. Eine, die wir nur wenig beeinflussen können, weil das in anderen Menschen passiert und eine, die uns viel öfter versteckt, als wir das je herstellen könnten.
Wir können immer nur sagen: „Hier, dieses Buch erklärt ganz gut, was Vielesein ist.“ Sagen: „Frag mich, wenn du etwas nicht verstehst.“ Erklären. Ressourcen bereitstellen. Aufzeigen, dass man mit uns nicht umgehen muss, als wäre unsere Er_Lebensrealität ein außerordentlich schwer zu entschlüsselndes Geheimrätsel.
Viele Viele müssen sich wirklich verstecken. Sie werden von Täter_innen bedroht, müssen aufpassen, dass sie sich nicht in Situationen bringen, die sie zur Anzeige von Straftaten zwingen. Manche müssen Angst haben, dass man ihnen Sorge- und andere Rechte entzieht. Dass sie ihren Job verlieren, ihre Würde, ihre soziale Stellung. Ihre Zukunft, ihre Gegenwart.
Wir müssen das nicht und halten das für ein Privileg von uns. Wir können es uns leisten so sichtbar zu sein, wie wir es im Moment sind.
In der Zeit orientiert zu sein, ist ein mehrdimensionaler Zustand.
Mein Kopf ist dicht, die Luft zieht an mir vorbei wie ein körperwarmer Seidenschal. Jetzt ist der Moment für die schwere Decke, heute bin ich nicht zu Hause.
Zeitliche Orientierung ergibt sich nicht wie das Ein- und Ausschalten von Licht.
In mir bewegen sich Wackersteine. Sie reiben über mein Schädelinneres, drücken sich gegen meine Haut. Jetzt ist der Moment für Kontakt mit anderen Menschen, aber sie sind 16 und 12 und stehen vor Kleinkindern.
Es ist das Eine zu wissen, dass alles vorbei ist. Das Andere zu begreifen, dass man nichts mehr tun kann.
Und, dass das, was man sich erhofft hat, weder je passiert ist, noch je wieder als zu passieren möglich ist.
Es gibt Überzeugungen und Gedanken, die durch schwierige Erfahrungen helfen, weil man an sich weitergibt, was Erwachsene früher vermittelt haben. „Ja, gleich.“, „Nicht jetzt.“, „Nur noch…“, „Nachher.“, ein Stoß vor die Brust und eine Beleidigung, ständiges Aufschieben von gegebenen Versprechen. In einer Kultur, in der jedes Bedürfnis erst von außen legitimiert werden muss, bevor es erfüllt wird, ist das eine logische Internalisierung. Ein Anspruch, sich nicht zu verändern, keine Situationsänderung herbeizuführen, bevor nicht die angemessenen, richtigen, sicheren, legitimierten Umstände eingetreten sind.
Niemand unserer Kinderinnens und Innenjugendlichen ist deshalb entstanden. Aber viele ihrer Konflikte und die sind zeitlos. Und was ist der Gewinn an zeitlicher Orientierung, wenn am anderen Ende auch wieder nur wartet, was sie hat erstarren lassen?
Ich wickle meine Beine und Arme fest in elastische Shirts ein. Staple einige Bücher auf dem Rumpf, liege auf dem Boden und frage, ob es auch ein bisschen tröstet, wenn ich nicht sage: „Jetzt nicht – wir sind übermorgen wieder zu Hause und dann könnt ihr machen, was ihr wollt.“, sondern es immer so zu versuchen, wie jetzt. „Du bist nicht sie“, antwortet W., der 16-Jährige, „Und du kannst auch nix ersetzn“, knurrt R. die 12-Jährige.
Wir Menschen sind es so gewohnt, Dinge und Zustände in ihren Dimensionen zu verändern. Doch Zeit ist das Ergebnis unserer Wahrnehmung von Prozessen, die nicht verhinderbar sind.
Mit Zeit ist nicht zu verhandeln. Sie wartet nicht, sie passiert.
Zeitliche Orientierung ist auch die Akzeptanz.
Es ist vorbei. Es ist unabänderlich. Du konntest nichts dagegen tun.
für eine Interviewreihe im Audiopodcast „Viele-Sein“, dem Podcast zu Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur.
„Viele-Sein“ begann als Own-Voice-Projekt von Hannah C. Rosenblatt und Renée W., die beide mit DIS leben und ihre Er_Lebensrealitäten mit.teilen. Inzwischen umfasst das Podcast mehrere Formate von Selbsthilfe bis zur Wissenschaft der Diagnose und inkludiert auch Viele mit anderen Diagnosen als der „dissoziativen Identitätsstörung“.
Zum Januar 2021 planen wir nun eine Interviewreihe mit Vielen zu folgenden Themenbereichen:
Älter werden, alt Viele sein (ab 60 Jahre)
Rassismus – Schwarz und Viele sein
Familie gründen, haben, leben
Armut – Viele Bedürfnisse aus einem Geldbeutel finanzieren
Religion leben nach Ritueller Gewalt
Medien – Öffentlichkeitsarbeit aus erster Hand
Tod – terminal krank und Viele sein
Kunst – Viele auf der Bühne
Politik – die Welt verbessern mit Vielen im Kopf
Behinderung – ein Henne-Ei-Problem?
Gender – über die großen, die kleinen, die vielen Unterschiede
Autonomie und Freiheit – vom Suchen und Finden der Grundlage jeder Selbstbestimmung
Dafür suchen wir Menschen, die Viele sind und mitmachen wollen.
Die Interviews werden ohne Kamera aufgenommen.
Alle Teilnehmer*innen können auf Wunsch anonym bleiben.
Die Episoden werden maximal 20 Minuten lang sein und ausschließlich im Podcast „Viele-Sein“ veröffentlicht. Als Teilnehmer_innen dieser Interviewreihe sind endogene Systeme, Verbündete, Angehörige und Behandler_innen ausgeschlossen.
Wer Interesse hat, dabei zu sein oder Fragen zum Projekt hat, kann uns bis zum 1. Dezember 2020 an vieleleben@gmail.com oder über unsere Webseite vielesein.de erreichen.
Wir freuen uns auf euch!
*Diesen Aufruf könnt ihr hier als PDF herunterladen und in eure Verteiler weitergeben. Vielen Dank für eure Mithilfe!
Kassenfinanzierung die x-te.
Wir kommen aus einer Therapiestunde, die ehrlich war, vielleicht zu ehrlich. Ein bisschen was tut weh, ein bisschen was ängstelt. Es gibt ein Problem, über das ich hier im Blog nicht näher schreiben, allein in meinem Kopf nicht nachdenken will. Ich schreibe eine Liste, die sich anfühlt wie die Anbahnung eines Urteils über den Rest meines Lebens. Mit Traumalogik zum Schafott in zwei Gedankensprüngen, ich kanns einfach immer noch.
Meine Liste klopft meine Therapiemotivation ab. Meine Möglichkeiten, meine Fähig- und Fertigkeiten. Die Frage, wie lange noch und wie lange noch mit unserer Therapeutin. Aber auch was noch und wie, damit es nicht länger der lose Haufen bleibt, der nicht mehr unbewusst, aber noch lange nicht sortiert und eingeordnet ist.
Mir wird warm, mein Kopf ist eng, irgendwann weine ich und denke, wie unfair das ist, dass ich schon so viel Zeit hatte und doch nicht genug, um alles zu sagen, was ich sagen wollte.
Dabei fällt mir eine Episode der Serie „Kyle XY“ ein. Darin sind zwei künstlich erzeugte Jugendliche eine Art Biocomputer, in deren Gehirn unfassbare Datenmengen versteckt wurden. Als der einen Person durch eine Aktion all diese Daten ins Bewusstsein geschwemmt werden, versucht sie verzweifelt und unter Schmerzen alles aus sich herauszubekommen und schreibt in winziger Schrift auf die Wände um sich herum.
Mein Leben lang habe ich Angst vor so einem Zustand. Vor einem Moment, in dem ich der Informationsmasse in meinem Kopf hilflos ausgeliefert bin, weil es keinen schnellen Download gibt. Das Schreiben hilft, die Möglichkeit zu sprechen auch – egal, ob in der Therapie oder woanders – aber wie bei jedem nötigen Datentransfer ist es am besten, wenn man lediglich die Daten übertragen muss, die wirklich gebraucht werden und nicht alle, die möglicherweise auch noch sinnvoll sind.
Eines meiner größten Probleme ist, dass ich nie weiß, wer was wissen muss, um mich zu verstehen. Ich fühle mich permanent dazu gezwungen, einen großen Download zu schaffen, während ich den Upload von der anderen Person in mir prozessieren soll – während aber gleichzeitig nur Zeit und Verarbeitungskapazität für insgesamt sehr viel weniger Datenmenge und ihren Transfer ist.
Die Mengen, mit denen ich hantiere, sind überfordernd für die meisten Leute, mit denen ich zu tun habe. Ich muss oft warten, nachlegen, abgleichen, Verständnis aufbringen und von irgendwo aus mir herausquetschen, dass das okay so ist, wenn das was in mir ist, einfach nicht so herausgeschossen kommen kann, ganz egal, wie sehr mich das frustriert, nervt, hibbelt. Es hilft ja nichts. Mehr ist mehr und wo mehr nicht reinpasst, da ist mehr bloß Verschwendung oder Überstimulation.
Ich habe früher immer gedacht, dass diese Geduld und das Okaysein mit dem permanenten Warten auf anderer Leute Verarbeitungsprozesse eine Erwachsenenfertigkeit sei. Ich komme mir noch heute wie ein gemaßregeltes Kind vor, wenn mir jemand sagt, ich sei zu schnell, man könne nicht verstehen, man brauche mehr Zeit, mehr Ressourcen, mehr Kapazitäten, um mir im gemeinsamen Austausch gerecht zu werden. Wie ein Kind in Hurrikangestalt. Ein Wirbelwind – nur nerviger. Zerstörerischer. Notwendigerweise zu kontrollieren, kleinzuhalten, in einen stilleren Stand zu bringen.
Auf meine Verarbeitungsprozesse hat noch nie jemand gewartet. Bis jetzt.
Die Therapeutin nennt es einen „Knoten“, den sie noch nicht richtig versteht oder nachvollziehen kann, der Psychiater, der die ASS bei uns bestätigt hat, nennt es eine typische Problematik von hochbegabten Menschen mit Autismus, ich nenne es g’ttverdammte Kackscheiße. Will nicht, kann nicht, schaffe nicht, weiß doch auch nicht.
Ich frage mich, ob unsere Therapeutin manchmal über unserem Kram gesessen hat und wie ich gerade einfach keinen Bock mehr hat. Weil es anstrengt, weil es über_fordert und so selten leicht ist. Weil es dankbarere Arbeiten gibt, weil es für sie leichter ginge, würde sie sich nur dafür entscheiden.
Ich schreibe wieder die Frage auf meine Liste, ob meine Kapazität erreicht ist und mehr einfach nicht erreichbar ist. Wir haben viel erarbeitet, sehr viel, obwohl nie genug Zeit war, obwohl nie genug Aufnahme- und Verarbeitungskapazität da war, obwohl manches Wissen immer noch nicht da ist. Vielleicht geht mehr nicht. Mit ihr. Mit mir. In diesem System, zu diesem Zeitpunkt.
Dann fällt mir auf, wie ruhig ich da sitze und darüber nachdenke.
In der Küche wird das Abendessen warm, draußen rauscht die Straßenbahn lang, ich bewege diese große Thematik in mir und bin immer noch da. Bedrängt von Kinderinnens und Jugendlichen, die den Beziehungsabbruch fürchten, sichmichuns hassen, weil wir so sind und nicht anders, aber doch klar. Erwachsen, voll da.
„Ein bewachter Topf kocht nicht“, hatte der Psychiater zu mir gesagt und damit gemeint, dass man manche Prozesse nicht sieht, wenn man sie dringend sehen will. Da ist wohl was dran.
Ich falte meine Listen zusammen und verstaue sie im Kalender. Der nächste Therapietermin ist erst in zwei Wochen, der mit dem Psychiater in knapp 2 Monaten. Im Moment ist der wichtige Topf sowieso der mit meinem Abendbrot drin.
Auf meinen langen Thread zur Akzeptanz unseres Vieleseins am Samstag wurde ich gefragt, ob die lange Zeit der Therapie üblich sei bzw. wie lange man mit der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) in Behandlung ist. Unsere Antwort – dieser Thread.*
Die kurze Antwort ist: Entweder lange oder kurz. Oder gar nicht.
Die Realität: Es kommt drauf an. Eine psychotherapeutische Behandlung ist etwas, wofür man sich entscheiden muss. Noch vor allem anderen. Für viele Viele braucht es da nicht viel, weil die PTBS-Symptomatik zu erheblichem Leidensdruck führt und dem praktisch ausschließlich in psychologisch/psychiatrisch professionalisierten Kontexten begegnet wird. Heißt: Wenn du merkst, dass du an etwas trägst, wirst du sehr schnell hören: „Ouw – da geh mal lieber zu nem Profi mit.“
Viele Viele landen dann oft in diesen Kontexten, weil sie sich Leidenslinderung versprechen bzw. diese versprochen wird. Ich will damit nicht sagen, dass das falsch ist oder ausschließlich problematisch, aber für uns ist das ein Faktor, der die Länge der Behandlung mitbestimmt.
Gäbe es andere Räume, in denen man sich der eigenen Geschichte und sich selbst halbwegs save, beforscht und studiert widmen kann, würden wir nicht von einer Behandlung, sondern einer Auseinandersetzung, einem Lernprozess sprechen, der zu Leidenslinderung führt. Also Entwicklung.
So. Das zur Vorrede und Klärung. In unserem langen Thread hatte ich zu Beginn geschrieben, dass wir seit 18 Jahren mit der Diagnose umgehen. Das habe ich aus genau dem Grund so geschrieben. Wir waren 1,5 Jahre in der Klinik, die diese Diagnose gestellt hat – dann verging einige Zeit, in der es wieder eine andere Diagnose gab und dann wieder Gewurschtel um Wohnort und Gedöns – wir waren in der Zeit „in Behandlung“, die mehr oder weniger für die Verwaltung unseres Lebens gebraucht wurde. Also Eingliederungshilfen-Begründung und Kindergeldansprüche. Ums Vielesein ging es nicht und so oder so war die Therapie damals ausschließlich eine lebenserhaltende Maßnahme. Wir waren im Täterkontakt, wurden also noch regelmäßig gequält und ausgebeutet – sollten aber bitte deshalb doch keinen Suizid machen, nur weil uns niemand da raushilft.
Bis wir wirklich richtig am Vielesein selbst arbeiten konnten, vergingen 6 Jahre. So lange hat es von „einer Behandlerin sagen, dass wir in organisierte Gewalt verwickelt sind“ bis „Wir erarbeiten für den Ausstieg nötige Fertig- und Fähigkeiten und wenden diese ohne jede weitere
professionalisierte Unterstützung, gesetzliche Hilfe, staatlichen Schutz an, obwohl wir uns akuter Lebensgefahr befinden“.
Waren die 6 Jahre Behandlungszeit? Für uns schon, denn wir haben in der Zeit Entwicklungen gemacht – obwohl diese keine direkte Leidenslinderung brachte.
Konkret am Vielesein – an der Erforschung und dem Verstehen unserer inneren Mechanik, konnten wir aber auch danach noch gar nicht arbeiten. Denn nach dem Ausstieg begann die richtig krasse Symptomatik. Wir gingen in den nächsten 5 Jahren durch eine immer wieder unterbrochene Phase der Stabiliserung. Intervalltherapie in der Klinik – 8 bis 12 Wochen damals noch, nach bis zu 1,5 Jahren Wartezeit. Dann raus – wo es dann erst unsicher, später völlig klar war, dass wir keinen ambulanten Traumatherapieplatz bekommen. Wir haben immer wieder mit psychologischer Frauenberatung und persönlichem Engagement Einzelner (und dem Risiko der Verwicklung, zu der es dann auch kam, mit all ihrem zerstörerischen, weil retraumatisierendem Potenzial) überbrücken müssen. Und immer wieder war der Zirkel: Semistabil aus der Klinik, absolut instabil in die Überbrückung, um einen Suizid zu verhindern und völlig zerbröselt wieder in die Klinik. Ein Kreisel, den viele komplex traumatisierte Menschen kennen und nicht alle auch überleben. Ein Umstand von dem noch viel zu wenig Menschen wissen.
Erst 2012, also 10 Jahre nach der Diagnosestellung der DIS und 8 Jahre nachdem sie bestätigt wurde – nach mehr als 20 Erstgesprächen, die allesamt total schmerzhaft und schwierig waren, haben wir unsere jetzige Therapeutin getroffen. Die vorletzte auf der Liste. Die vorletzte Hoffnung.
Im ersten Jahr haben wir einander kennengelernt. Das war unfassbar anstrengend, weil wir versuchten eine Bindung zu etablieren, die wir kaum ertragen konnten. Im zweiten Jahr haben wir überhaupt erst realistisch erreichbare Therapieziele entwickeln können. Im dritten Jahr kam unsere Autismusdiagnose. Und seitdem haben wir überhaupt erst Zugang zu der therapeutisch wirksamen Ebene der Gesprächstherapie bekommen. Und dann ging es aber steil bergauf. In den letzten 5 Jahren haben wir viel Funktionalität erlangt, sind in uns stabil, haben erhebliche Symptomveränderungen (im Sinne von „ist weniger geworden oder auch weniger belastend geworden“) und haben einige biografische Lücken füllen können. Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir die Dinge, die in der Fachliteratur zur Traumabehandlung empfohlen wird, auch machen können.
Warum habe ich diesen Schwiff gemacht? Weil es ihn in der Behandlungserzählung von Vielen NIE gibt. Immer wird an dem Punkt angefangen, wo Stabilität, innere Konsistenzen und Belastbarkeit bereits gegeben sind. Nie da, wo sie überhaupt erst entwickelt werden müssen. (Davon erzählen die Vielen dann oft ungehört – in Blogs, in Foren, in Selbsthilfegruppen – als quälendes Zweifelgewühl, ob sie diese Therapie überhaupt richtig machen, davon profitieren, ob es überhaupt etwas bringt…)
Manche Menschen sind komplex traumatisiert und dann ist die Behandlungszeit vielleicht genau die kassenfinanzierte Langzeittherapie ein Mal im Leben. Manche Menschen – und ich behaupte, dass das die meisten Vielen sind – brauchen sehr viel mehr als 120 kompetent durchgeführte Behandlungsstunden, weil viele als selbstverständlich angenommene Fähig- und Fertigkeiten, auf denen die unfassbar ableistisch konstruierte Psychotherapie aufbaut, ohne dies offen kritisch zu hinterfragen oder allgemein anpassbar zu gestalten, in ihnen (noch) gar nicht (aus)entwickelt sind (oder in anderer Form da sind, als bei der Mehrheit der Menschen, für die diese Behandlung konstruiert wurde).
Das ist ein anderer Thread, ja, gehört hier aber unbedingt dazu.
Sprechen können – ist eine Notwendigkeit in der Gesprächstherapie. Fragt mal komplex traumatisierte Menschen deren Muttersprache nicht Deutsch ist, wie lange sie so „in Behandlung“ sind. (Regelmäßig) zur Therapie kommen können – ebenfalls super notwendig. Fragt mal, wie barrierefrei erreichbar die psychotherapeutischen Praxen in der Regel so sind. Und was passiert, wenn man zum Beispiel wegen exekutiver Dysfunktion, Panikattacken oder innerer (wie äußerer) Verbote nicht regelmäßig kommen _kann_. Wie lang sich die Behandlungszeiten (und die Suche nach einem Behandlungsplatz) dann ziehen.
Ich bringe das an, weil mir wichtig ist, dass allen klar wird, dass wir so lange in Behandlung sind, weil wir uns die Behandlungsfähig- & fertigkeiten erst erarbeiten mussten – und nicht, weil man als Viele generell so derbe krass zerstört ist, dass da fast gar nichts mehr geht.
Die Psychotherapie an sich braucht grundlegende Überarbeitung und mehr Konzepte für behinderte Menschen. Die Kassenfinanzierung bzw. ihre Grundlage muss sich verändern. Wir Patient_innen haben oft Bedarfe, die nicht von einer Diagnose allein kommuniziert werden können.
Wir müssen angehört werden. Wir brauchen Repräsentanz, die über die seit Jahrzehnten wiedergekäuten Existenzbeweise unserer Lebensrealitäten hinaus geht. Und wir brauchen die Normalisierung der Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Geschichte. Nur so kann es nicht mehr erschrecken oder zu Mitleid führen, wenn jemand wie wir schreibt, dass sie_r seit 18 Jahren mit einer Diagnose umgeht. Und nur so kann man verhindern, dass das überhaupt irgendjemand von sich sagen muss.
Danke fürs Lesen 🙂
*Für die Veröffentlichung hier habe ich Fehler und Quirks ausgebessert, die im Originalthread sind.
Disclaimer: Die #PluralAcceptanceWeek ist eine Awarenessveranstaltung von „Plurals“ für „Plurals“, wobei als „Plural“ definiert wird, wer sich als Mehrere/Viele erlebt. Das meint Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung aber auch Menschen mit z. B. Ego States o. Ä. und Menschen, die sich selbst mehr oder weniger absichtlich zu Vielen machen oder gemacht wurden, als sie erwachsen waren. Etwa durch intensives Rollenspiel, Drogenkonsum oder Konditionierung. Die Abgrenzung dazu ist uns wichtig. Es gibt dazu einige Debatten und viele Streite, von denen manche in Foren, Blogs, Twitterthreads und Facebookposts nachzulesen sind. Wir persönlich lehnen es ab, „selbstgemachtes“ Vielesein mit unserem traumabedingt entwickeltem Vielesein gleichzusetzen und zu akzeptieren. Wer dazu forschen will: Die Schlagworte sind „Tulpas“ und „endogenic Systems“.
Für alle, die hier neu sind, „Ein Blog von Vielen“ und das Podcast „Viele-Sein“ noch nicht kennen oder nie Zeit haben, mal da reinzulesen/hören, hier ein Kurzabriss zu uns. Wir sind eine nicht binäre Person und verwenden sowohl Plural als auch Singular-Pronomen zum Namen „Hannah“. Wir sind 34 Jahre alt und gehen seit bald 18 Jahren mit der Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung um. Ja – richtig gerechnet – seit wir 16 Jahre alt sind.
DIS war nicht unsere erste Diagnose. Wir waren erst als allgemein anpassungsgestört, dann als persönlichkeitsgestörtdann als schizoid, dann als mutistisch, dann als Borderline Syndrom-erkrankt, dann wieder als schizophren, irgendwann immer auch als depressiv und (akut) suizidal diagnostiziert. Bis wir 16 waren, hatten wir x verschiedene Einrichtungen, Therapeut_innen, Psycholog_innen „durch“.Die DIS-Diagnose war dann erst einmal nichts, worauf wir uns einlassen konnten und wollten. „Aha, jetzt also multiple Persönlichkeit ja geil schönen Dank!“
Wobei wir das so ausformuliert nicht gedacht haben, weil wir von dem ganzen popkulturellen Ding um „multiple Persönlichkeiten“ und den Verschwörungskladderadatsch noch nichts wussten. Aber wir wussten, dass mit der Diagnose auch ein Zerstörungsgrad kommuniziert wird und das passte nicht zu dem, wie wir uns wahrnahmen. An dieser Stelle beginnt unser eigentlicher Thread zur #PluralAcceptanceWeek.
Wie fühlte sich unser Vielesein damals für uns an und wie heute?
Antwort: Gar nicht eigentlich. Für uns gab es nie eine Zeit, in der niemand anderes auch in unserem Leben mitgemischt hat. Da war immer jemand, die_r mit_reagiert, mit_fühlt, mit_denkt, Infos teilt, abfragt … fremd und vertraut nah ist. Wir bemerk(t)en nicht jede Amnesie, konnten uns nicht als widersprüchlich (handelnd, Aussagen treffend) reflektieren und einen Hauch unserer posttraumatischen Belastungssymptomatik, haben wir eigentlich immer nur auf der Intensivstation oder einer geschlossenen Psychiatriestation nach einem Suizidversuch gespürt.
Wir sind nie mit den Armen in der Luft im Kreis gerannt und waren ganz aus dem Häuschen, dass da irgendwelche Anderen sind und dass die ganz anders sind als wir einzelnen jeweils. Gleichzeitig hat es uns total erschüttert, dass Äußere uns sehen und erkennen konnten. Und mit „erschüttert“ meine ich hier „traumatisiert“.
Wir haben uns seziert und mikroskopiert gefühlt, empfanden viele Grenzen übertreten, jedweder Privatheit im eigenen Sein beraubt und als Allgemeingut der Klinik behandelt. Wir konnten uns entsprechend gar nicht akzeptieren – wir gehörten ja gar nicht uns und sollten so wie wir sind ja gar nicht bleiben, sondern „Eine“ werden und alle da (in der Klinik damals) würden dafür sorgen. Vielleicht kriegt ihr grad eine Ahnung, was für ein Horror die 1,5 Jahre dort für uns waren. Was für ein Trauma.
Mit unserer Volljährigkeit endete der Klapse-Einrichtungskreisel und das hat bei der Akzeptanz der Diagnose und uns selbst als Viele extrem geholfen. Wir konnten unreglementiert Medien konsumieren und endlich auch das Internet nutzen. So kamen wir zu erklärten Fachartikeln, zu Berichten anderer Viele, zu Foren, zu Mailinglisten (wisst ihr noch – hach damals…) und zu Menschen, die schon viel mehr über sich verstanden haben. Wir mochten viel davon nicht und das war auch total hilfreich, denn etwas nicht zu mögen ist ja schon mal mehr als das Nichts, das man fühlt, wenn man praktisch durchgehend dissoziiert. So haben wir früh abgelehnt uns als „Multi“ oder klassisch „multiple Persönlichkeit“ zu bezeichnen. Wir sind einfach nicht „mehrfach“, sondern mehrere. Unterschied. Wir lehnen es auch ab, über uns zu sagen, wir wären entstanden, weil wir die Gewalt unserer Kindheit, Jugend und frühen Erwachsenheit nicht anders ertragen hätten. Wir haben sie ertragen müssen, egal, ob wir Viele geworden wären oder nicht. Es ist nie eine Wahl gewesen.
In dem Buch, das wir gerade schreiben, bezeichnen wir unser Vielesein als traumabedingte Entwicklungsstörung. Man weiß heute, dass Persönlichkeit nicht angeboren ist, sondern entwickelt wird und das von vielen äußeren wie inneren Faktoren abhängig ist, damit ein kongruentes Ich-Erleben daraus wird. Wir waren vermutlich schon als Kleinkind Viele, weil wir bereits in dem Alter dem toxischen Stress ausgeliefert waren, der ein Trauma auszeichnet. Wir haben keinen unzerstörten Persönlichkeitskern, weil wir nie irgendeinen Kern haben entwickeln können. Das ist der für uns über die Diagnose kommunizierte Zerstörungsgrad.
Stell dir mal vor, wie das ist, wenn du rausfindest, dass dir ein wesentliches Merkmal der menschlichen Existenz im Grunde fehlt bzw. bei dir nicht „richtig“ entwickelt ist. Wer würde das einfach akzeptieren? Wir waren von all dem maximal überfordert und haben immer wieder nur Psychologie und Psychiatrie als Anlaufstellen dafür gehabt – mit aller Konsequenz für die Klaps-Trauma-Verwicklungen, die sich daraus ergeben. Ein Grund, weshalb wir Peer-to-Peer-Konzepte so wichtig finden.
Wir haben 2007 zuletzt die Gewalt erfahren, mit der wir aufwachsen mussten. Mit dem Ende der Gewalt begann für uns die eigentliche Symptomatik. Flashbacks, somatoforme Dissoziation, Funktionsausfälle, mehr und mehr Bewusstsein für biografische wie Alltagsamnesien und die Unkontrollierbarkeit von Wechseln zu Innens, die sich und damit unser aller Körper schädigen, plötzliche Angstattacken, Essstörungen, eine Palette an Vermeidungstänzen, die unfassbar energieintensiv war… Wir mussten erst einmal akzeptieren, dass das alles da war, weil wir Viele sind und nicht, weil wir viele Probleme haben. Und darüber entwickelte sich dann langsam mehr Diagnoseakzeptanz. Unsere damalige Therapeutin hat sich als Brücke angeboten. Wenn ihr X etwas über sich erzählt, hat sie es Y erzählt und Y hat es für alle aufgeschrieben. Das haben wir so lange gemacht, bis wir das nicht mehr wollten, weil wir uns von der Therapeutin nicht abhängig machen wollten. Wir haben Wege gefunden, uns selbst Brücken zu bauen. Das Blog von Vielen ist dabei die einzige, die wir konsistent erhalten haben bis heute.
Psychisches Leiden wird in unserer Gesellschaft extrem individualisiert. Sich mit dem Vielesein auseinanderzusetzen wird häufig auch als individueller Prozess gesehen, der ausschließlich etwas mit einem_einer selbst zu tun hat. Für uns war und ist bis heute aber wichtig zu sehen, dass wir aufgrund unserer gewaltkulturell geprägten Gesellschaft Viele geworden sind. Es braucht nicht nur die von Täter_innen ausgeübte Gewalt, um Viele zu werden – es gibt die Ebene derer, die nicht geholfen, nicht getröstet, nicht geschützt haben und auch die sind in uns eingeschrieben, als „Innens“, wie wir uns Innere nennen. Andere nennen sich „Innenpersonen“, „Anteile“ oder „Alters“. Wir sind also gezwungen, auch diese Ebene in uns zu akzeptieren, wollen wir uns als Ganzes akzeptieren – obwohl sie außen als maximal inakzeptabel gilt.
Hier komme ich an den Kern unserer Akzeptanzproblematik. Wir sind bereit uns selbst zu akzeptieren, wie wir sind. Seit 2015 sind wir auch mit ASS (Autismus-Spektrum-Störung) diagnostiziert. Ab da wurde _so viel_ für uns besser und begreifbar, weil wir mit einem anderen Modell konfrontiert wurden. Nämlich dem der Neurodiversität. Manche Gehirne können so, manche so. Kurz gesagt. Sehr kurz. Sorry.
Wir ordnen unser autistisches Vielesein heute als Entwicklungsergebnis ein, wie unsere Körperhöhe, unsere Haarfarbe, unsere Gewebestruktur. Wir sind halt so und nicht anders. Und ja, wir könnten enorm viel Energie aufbringen und uns auf die Ursache dieser Entwicklung konzentrieren, aber das kann und darf niemals ein individueller Akzeptanzprozess sein! Wir weigern uns, uns selbst darzustellen als Verkörperung der Gewalt. Wir verkörpern uns. Unser Leben, unsere Entwicklungsmöglichkeiten nach der Gewalt und das zu akzeptieren ist für uns eine völlig andere Kiste. Viel logischer, viel eindeutiger. Wir kämpfen nicht mehr darum, von anderen Menschen als Viele akzeptiert zu werden, sondern als Mensch und merken: Das ist der viel krassere Kampf, denn der Umgang unter Menschen ist weitaus häufiger entmenschlichend (und gewaltvoll) als sie es bemerken. Wir merken: Unsere Dissoziation trennt nur uns voneinander – die Dissoziation, die diese Gesellschaft als Menschen voneinander trennt, ist viel viel tiefer, viel viel schlimmer und noch viel viel weniger als Fakt akzeptiert, als wir es je waren.
Bei jeder Awareness/Acceptence-Aktion muss man sich fragen, wo sie hinführen soll. Wir mussten uns das auch in Bezug auf unser Vielesein fragen. Versprochen wurde uns mehr Lebensqualität, mehr individuelle Freiheit, Selbstbestimmung – alles Dinge, die man selbst gar nicht herstellen kann und die aus einem_einer allein heraus auch gar nicht funktionieren. Ich weiß gar nicht, ob es in diesem Thread klappt die Dimension des Dramas aufzuzeigen, das sich für uns über Jahre aufgetan hat, und wir mit aller Macht zu akzeptieren versucht haben, weil wir dachten: „Wir müssen uns als Kern all unserer Probleme und entsprechend auch all unserer Problemlösungen akzeptieren, weil wir nur so unser Vielesein akzeptieren und nur so überhaupt einen Fuß in die Tür zum unbelasteteren Leben kriegen.“
Wir waren Anfang/Mitte 20 als wir anfingen zu merken, dass wir keinerlei Selbst- und Lebenskonzept hatten und Ende 20 als wir begriffen, dass, egal welches Konzept wir entwickeln, darin, egal wie sehr wir uns akzeptieren oder nicht, ob die Diagnose weiter besteht oder nicht, überhaupt niemals die Freiheit, Selbstbestimmung und Lebensqualität drin sein wird, wie wir sie uns wünschen, weil wir arm, schwerbehindert und weder hetero noch cis sind. Die Selbstakzeptanz als Ticket ins Normaloland war damit abgebrannt. Und zwar nachhaltig.
Wir begannen darüber nachzudenken, warum wir uns zur Akzeptanz gezwungen fühlten und merkten, dass wir es taten, weil es immer wieder als Bedingung für unsere Trauma.heilung formuliert wurde.
Nun ist es aber so, dass wir gar nicht heilen wollen, sondern verarbeiten. Wir wollen Integrität. Wollen unsere Geschichte in uns haben, ohne auf Äußere angewiesen zu sein und wollen bewusst mit unseren Erfahrungen sein, um sie wie alle anderen Lebenserfahrungen auch nutzen zu können. Etwas, zu dem wir jetzt noch nicht umfänglich fähig sind. Wir müssen unsere innere Mechanik verstehen, um sie zu nutzen – wir müssen sie nicht akzeptieren und oft denken wir auch: „Ey, bloß nicht akzeptieren, was da läuft, sonst wollen wir es vielleicht nicht anpassen oder verändern.“
Weil Sprache und Re_Framing uns viel möglich macht, sprechen wir heute eher von „Annahme des eigenen Vieleseins“ als von „Akzeptanz des eigenen Vieleseins“. Darin steckt für die traumaphobischen von uns die Möglichkeit, sich über das Konzept der Theorie und der theoretischen Auseinandersetzung zu widmen und für andere von uns eine Geste der Vereinnahmung. Also die Erlaubnis mit uns und unserem Sein zu machen, was wir wollen und wie wir das wollen und können und dürfen – in dieser Gesellschaft zum jetzigen Zeitpunkt.
Ich sitze im Zug. Die Fahrt geht nach Bielefeld, wo meine Psychotherapeutin ihre Praxis hat.
Gut 120 Kilometer sind zu überwinden. Eineinhalb Stunden fahre ich Zug, 20 Minuten fährt der Freund mich vorher zum Bahnhof, manchmal hat er dabei selbst Arbeitstermine vor oder hinter sich.
Ich übernachte bei einer Freundin. Zwei Mal am Tag so eine Fahrt würde mich so erschöpfen, dass ich den Rest der Woche zur Erholung brauche. So dauert es nur 2 Tage bis ich wieder auf meine ganze Arbeitsfähigkeit von 3 Stunden am Tag komme.
Die Therapeutin und ich arbeiten seit 8 Jahren zusammen. Die Krankenkasse hat vielleicht 2 oder 3 davon bezahlt.
Sie ist keine DIS-Spezialistin und auch keine Autismus-Spezialistin. Sie ist eine gute Psychotherapeutin, die sich regelmäßig fortbildet, Supervision in Anspruch nimmt und in den Urlaub geht, wie sie ihn braucht. Wie selten das unter Psychotherapeut_innen ist, habe ich in aller Schmerzlichkeit erleben müssen.
Es gibt für die Psychotherapie der dissoziativen Identitätsstörung noch keinen einheitlichen Behandlungsstandard. Es gibt fundierte Empfehlungen, Behandlungserfahrungen, eine Leitlinie. Und die Behandlung, die jedes Arbeitsteam durch mühsames “Trial-and-Error” entwickelt.
Es gibt keinerlei Erwähnung von autistischen Menschen mit komplexer Traumafolgestörung in der Fachliteratur.
Bei Wirksamkeitsstudien werden Menschen mit ASS aufgrund ihrer Behinderung praktisch prinzipiell ausgeschlossen.
Wenn ich die Stufen zur Praxis hochlaufe, ist mein linker Fuß „Ich lass mich drauf ein“ und mein rechter Fuß „Ich lass mich nicht drauf ein“. In den letzten 8 Jahren endete ich immer auf dem linken Fuß vor der Tür mit ihrem Namen am Klingelschild. Die Praxis ist einige Male umgezogen. Jedes Mal hatte ich Panik, was passieren würde, wäre es eine Stufenanzahl, die mich auf rechts landen lässt.