Schlagwort: Katastrophen

ein Rant über die Sinnsuche im Trauma

Und was hatte dein grauenhaftes Erlebnis für einen Sinn?
Erzähl doch mal.

Ob es Samuel Koch in “Wetten dass…?”, Natascha Kampusch bei Günther Jauch oder “Name von der Redaktion geändert” in einer anderen Bespaßungslücke der Medienlandschaft ist, jedes Mal gibt es dieses Moment, das sich wie eine Blase mit der Frage “Und?” und all den erwartungsvollen Blicken ausnimmt. Dieses “Du bist etwas besonderes, weil dir etwas Besonderes passiert ist”- Moment, das sich in einer “weil mir das in meiner Lebensrealität noch nie passiert ist, ist es etwas Besonderes” – Norm ausdehnt und in einem Schwall rühriger Musik mit Nahaufnahmen feuchter Augen und verschämten Naseputzens platzt.

Ich bin inzwischen an einem Punkt mit meiner (Er-)Lebensrealität, an dem ich für mich verstehe, dass das Krasseste an einem (traumatischen) Ereignis ist, dass sich die Welt weiter dreht und der Lauf der Dinge sich nicht verändert hat, obwohl er völlig neu wahrgenommen wird.

Gewalt, Unfälle, die Auswirkungen der Natur auf uns Menschen haben keinen Sinn.
Sie haben eine Logik, eine Mechanik, die zu verstehen immer wieder versucht werden kann, doch die in sich unbezwingbar ist.

Selbst wenn man verstanden hat, warum Ereignis A auf 30 verschiedene Personen 30 verschiedene Auswirkungen hat, ist Ereignis A immer noch passiert.
Selbst wenn man verstanden hat, warum Ereignis B geschehen ist, ist Ereignis B geschehen.

Ich habe eine Zeit gehabt, in der ich dachte, dass ich an der Gewalt, die mir passiert ist, so kaputt gegangen bin, hätte den Vorteil, von nichts mehr gleichartig kaputt gemacht werden zu können. Außerdem dachte ich, dass es doch ganz gut für mich sein kann, dass ich nun als 28 Jährige viele Dinge, Umstände und Abläufe neu erfasse, mit denen sich andere Menschen völlig selbstverständlich seit ihrer Kindheit umgeben.

Und irgendwann spürte ich, dass ich mit der Suche nach dem Sinn der Gewalt an mir, mit der Suche nach dem Guten in dem, was mir passierte, vor allem eins versuchte: das Auftragen eines Trostpflasters auf einen Schmerz, der so umfassend tiefgreifend und verschlingend ist, dass er schlicht nie “gut”, nie “weg” sein _kann_
Mir wurde nie gewährt so untröstlich zu sein, wie ich nun einmal bin, weil diese Welt, unsere Gesellschaft, vielleicht auch unsere menschliche Natur – was wissen wir denn schon darüber? – auf Lerneffekte ausgelegt ist.

In unserem Sein ist noch viel zu wenig Platz dafür so umfassende Zerstörungen und Schmerzen an uns ohne Beeinträchtigungen oder konkrete Veränderungen zu überleben.
Menschen, wie Tiere, wie Pflanzen, wie unser Klima, reagieren mit Veränderungen.

Wir haben immer etwas von etwas.
Aber wir Menschen, wir müssen auch noch eine Wertung haben. Wir weißwestlichen Menschen müssen sogar noch eine Wertung haben, die mit Vorteilen einhergeht.
Uns dürfen Dinge nicht einfach so passieren.
Die Dinge dürfen nie so sein, wie sie sind, weil es ja IMMER etwas zu verändern gibt. All das Potenzial, all die Kraft, all die weltenbeherrschende MACHT.

Wir leben ohne Demut vor dem Lauf der Dinge und der Ohnmacht, die er mit sich bringt. Deshalb stellen wir Personen, denen dann doch einfach so etwas passierte, weil es eben passierte, die Frage nach dem Sinn und helfen ihnen bei der Sinnsuche im Trauma, statt ihnen zu sagen, dass ihr Schmerz, ihre ganze universelle und nicht in dieser Welt verankerte Untröstlichkeit, im Hier und Jetzt einen Platz haben darf; dass all der furchtbar tiefe Schmerz mitgetragen werden kann.
Auch dann, wenn es darum geht anzunehmen, dass man sehr wohl immer wieder die eigene Zerstörung spüren kann oder darum, dass eine Kindheit und Jugend wirklich nachzuholen, nicht möglich ist.

der Bostoner Marathon und die PTBS durch Fernsehbilder

„und dann ist da dieser Moment in dem ich froh bin, kein TV zu konsumieren. Es ist als sei das Grauen sehr fern- so fern wie es real fern ist“

Als am 11. 9. 2001 das zweite Flugzeug ins World Trade Centre hineinflog, war ich mit Millionen anderen Menschen live auf der ganzen Welt dabei. Wir sahen alle verzweifelte Menschen in den Tod springen. Wir waren gefangen in den wild hin und herschwenkenden Bildern der Livereporter am Unglücksort. Sahen von oben bis unten mit Staub bedeckte Menschen hilflos und verwirrt durch die Straßen voller Schutt um ihr Leben laufen.

Es war ein Schock und ein Ereignis, das den Lauf der Dinge veränderte.
Doch nicht alles hat sich verändert.

Am Montag um 2:56 Uhr (nach Bostoner Ortszeit) explodierten nahe des Bostoner Marathonziels mehrere Sprengsätze. Verschiedenen Medienberichten zufolge, starben mindestens 2 Menschen und wurden ca. 110 weitere verletzt. Der Präsident spricht. Bei Twitter wird für die Menschen gebetet und die Medien berichten.

Und zeigen wieder Fotos und Videos von schwerverletzten Menschen und auch den Toten.

Nein, sie haben es nicht gelernt.
Nein, die amerikanische Presse hat aus den Fehlern der Vergangenheit noch immer nicht gelernt.

Fernsehbilder können ebenso traumatisieren wie das unmittelbare Erleben eines aversiven Ereignisses. Zu diesem Ergebnis kommt ein US-amerikanisches Forscherteam, nachdem es über 2 000 New Yorker vier Monate nach den Ereignissen des 11. September 2001 interviewt hatte. Die Befragten hielten sich an diesem und in den folgenden Tagen in New York auf und verfolgten die Geschehnisse teilweise tagelang am Fernseher mit. Viele hatten Angehörige und Bekannte unter den Opfern. „Befragte, die besonders lange vor dem Fernseher saßen und die erschütternden Szenen immer wieder sahen, entwickelten mehr als doppelt so häufig Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) wie Befragte, die weniger fernsahen“, sagen die Forscher. Doch nicht nur die Dauer des Fernsehens, sondern auch die Art der Bilder beeinflusste das Risiko, in der nachfolgenden Zeit an PTBS-Symptomen zu erkranken. Schockierende Details von Explosionen, schreienden Verletzten, verzweifelten Rettungsbemühungen, Leichenteilen, Bränden und Menschen, die aus den Twin Towers stürzten, lösten Panikattacken bei den Zuschauern aus und gruben sich in ihr emotionales Gedächtnis ein. Besonders involviert fühlten sich die Zuschauer, wenn sie jemanden unter den Opfern und Verletzten erkannten. TV-Zusammenfassungen von den Ereignissen und Szenen, aus denen die blutigen Details herausgeschnitten waren, hatten hingegen weniger destruktive Wirkungen und konnten von den Zuschauern eher verkraftet werden. ms
Ahern J et al.: Television Images and Probable Posttraumatic Stress Disorder After September 11. The Journal of Nervous and Mental Disease 2004; 3: 217–226.
Dr. Sandro Galea, Center for Urban Epidemiologic
Studies, Room 556, New York Academy of Medicine, 1216 Fifth Avenue, New York, NY 10029–5283
(Quelle)

Die Studien sind bekannt. In jedem Jahr seit 9/11 werden um den Gedenktag herum, Menschen zu dem Tag interviewt. Werden befragt, wie es ihnen heute geht, es werden Studien vorgetragen und viele schlaue Menschen referieren über PTBS und Traumafolgestörungen.
Seit Jahren redet man sich den Mund fusselig. Nach jedem Krieg, nach jedem großen Unglück, werden alte und neue Erkenntnisse auf einen Haufen geworfen um Verstehen und Veränderung zu ermöglichen.

Doch was passiert?

Bei Hunden, heißt es, braucht es etwa 100 positive Abläufe bis sie einen Befehl korrekt, auch ohne direkte Belohnung, umsetzen. Wie viele Massaker, Schulamokläufe, Terroranschläge, Kriege und Katastrophen braucht die Medienlandschaft von Amerika noch, um seine journalistische Praxis zu überdenken?
Welches ist das richtige Leckerli, wenn die Belohnung nichts weiter ist, als ein paar Menschen weniger, die eine akute Belastungsreaktion entwickeln, weil sie stets und ständig mit dem Grauen in ihren Medien konfrontiert sind?

In Amerika öffentlich zu stillen bringt Mütter unter Umständen sogar ins Gefängnis.
„Nippelgate“ war ein Skandal, weil man die geschmückte Brustwarze von Janet Jackson beim Superbowl sah.
Tragen Stars keine Unterwäsche werden kleine Sternchen u.Ä. vor ihre Scham bearbeitet.

Die Leiche eines kleinen Kindes in seinem eigenen Blut aber, wandert in Null Komma Nichts im heimischen Wohnzimmer, genauso wie die offene Beinfraktur eines Bombenanschlagopfers.

Es ist absurd.
Und ich hoffe,dass sich in Amerika genau jetzt, zeitgleich mit mir, viele andere Blogger genau auch darüber aufregen und ihre Medien zur Änderung ihrer Richtlinien auffordern.

Was geschehen ist, ist schrecklich. Es ist furchtbar und jeder Mensch mit Herz, wünscht den Menschen dort nun alles was sie brauchen, um sich zu erholen und verarbeiten was ihnen heute geschehen ist.
Doch damit sie dabei Hilfe haben, sollten sie von Menschen umgeben sein, die nicht auch noch Fernsehbilder wie diese von heute verarbeiten müssen.

Das ist doch das Mindeste, wobei die Medien noch mithelfen könnten, oder?

 

 

 

für die Toten und alle, die sich gerade fragen, ob es für sie je wieder Licht im Herzen geben kann

614177_web_R_K_B_by_Rosel Eckstein_pixelio.de