Macht_Struktur

Nach 8 Jahren wieder Schulbetrieb.
Massenschleuse und automatisierte Abläufe, die keine Augen haben.
Es gibt diese ganz spezifisch Desorientierung, die zum “neu sein” und “fremd sein” dazu gehört und eine Abhängigkeit erschafft, für die manche Personen nicht sensibel sind.

Steile These: es gibt so etwas wie Informationsbroschüren, Lagepläne und Laufzettel,
sowie automatisierte Abläufe, damit bestimmte Personen diese Sensibilität auch nicht haben müssen.
Manchmal glaube ich wirklich, dass Personen, die in Lehrbetrieben tätig sind, tatsächlich nur über die ständig perpetuierte Annahme, Kinder bzw. alle Personen, die +/- 5 Jahre jünger sind, als man selbst, seien “unfertige”/ “unterentwickelte”/unreife/ “unerleuchtete” Wesen, denen man “von Natur aus” alles häufiger sagen muss, sich überhaupt die Mühe machen, noch so etwas wie sachdienliche Informationen abzusondern. Obwohl eine verstehbare, stabil verlässliche Erklärung der Gesamtstruktur auch reichen würde.
Aber das würde ja Machtstrukturen auflösen, in denen Wissen Macht ist und einzig diese wiederum es ist, die den Unterschied zwischen den Personen macht.

Mir fallen solche Strukturen immer wieder auf und ich kann sie nicht ignorieren, wie es andere tun. Für mich ist es eine wirklich große Erleichterung, das auch so klar zu haben, denn oft genug wird und wurde mir vermittelt, es sei ein persönliches Problem von mir, ein Wille zur Macht oder Dominanz, ein willkürlich gesetzter Impuls zur Opposition von mir, wenn ich innerhalb (sozialer) Strukturen genau diese Komplexe aufzeige.
Mir liegt nichts daran andere Menschen zu beschämen oder sie zu entmachten, wenn ich ihnen sage: “Hör mal- du hast mir gesagt… aber du hast XY und deshalb…”. Meistens geht es mir in solchen Situationen darum klar zu machen: “Hallo – du hast gesagt, ich könnte mich auf dich verlassen/ du würdest mich versichern/ du würdest mir Möglichkeiten zur Orientierung geben und jetzt stehe ich hier und nichts davon nehme ich wahr.”.
Wären Menschen sensibel für Abhängigkeiten würden sie merken, wie schwer in mir die angetriggerten Empfindungen von ausgeliefert und verlassen sein, in einer potenziell lebensbedrohlichen Situation sein und so weiter, kreisen.
Einfach, weil nur wer Abhängigkeit versteht und begreift, auch Gewalt und ihre Folgen
versteht und begreift.

Wer spürt, dass es Abhängigkeiten gibt, der spürt auch die Gefühle ausgeliefert, verlassen, bedroht zu sein.
Wer Abhängigkeiten lediglich als etwas betrachtet, was man einfach mit einem neuen Ordner, einer neuen Aufgabe, einem Neuarrangement der Abläufe regeln kann, der wird sich von den Abhängigkeiten anderer Personen vielleicht eher ge- oder auch überfordert fühlen und sich mehr oder weniger reflexhaft darum bemühen sich selbst zu erheben. Notfalls auch mittels Individualisierung des Problems über Pathologisierung, Marginalisierung – schlicht: Ab- bis Entwertung der Person, die letztlich gar nichts weiter getan hat, als seine eigene Abhängigkeit offen zu legen.

Ich denke, dass es mir leichter fallen würde, solche Machtdynamiken und – strukturen zu übergehen oder zu ignorieren, würde ich einerseits weniger stark in traumaassoziierte Empfindungen getriggert werden und andererseits, mehr Handlungsalternativen haben und jeweils akut auch nutzen können.
Ich meide Gruppen in aller Regel nicht, weil ich Hierarchie ablehne oder, weil ich die Nasen der Personen nicht mag, sondern, weil ich sie in dem, was ich tun will in 90% der Fälle nicht brauche, um zu tun, was ich tun oder können möchte.
Ich gehe in Gruppen, weil ich etwas will und die Gruppe dazu ge-brauchen kann. Im Gegensatz zu manchen Personen, die diese Gruppen leiten oder auch nur organisieren. Die brauchen die Gruppe oft, um sie zu ge-brauchen – häufig wollen sie sie aber nicht. Weil sie Arbeit machen, Kraft kosten, viel schwere Verantwortung bedeuten und nicht zuletzt in eine Lage versetzen, in der eigene Abhängigkeiten etwas sind, das nie nie nie und nimmer Thema sein darf, weil sie potenziell am eigenen Machtstatus knabbern und es ein Risiko bedeutet, zu überprüfen, ob das tatsächlich so ist.

Man mag mir sagen: “Ätschibätsch – dein Wollen und Brauchen macht dich schwach und jetzt rufst du ein Mimimi in die Luft, weil dich das anpisst, anstatt dich selbst darum zu kümmern, dass du kriegst, was du brauchst.”. Von mir aus kann das jede Person sagen, die sich über solche Gewaltausübung an mir besser fühlt – es ändert aber nichts.
Nicht jedes Brauchen ist durch von Wollen geleitetem Kämpfen auch erreichbar.

Wäre dem so, gäbe es keine der Strukturen von denen ich gerade sprach.

Eisnacht

imEis“Wieso war mir das jetzt so wichtig nicht alleine nach Hause zu gehen?”, grimme ich mich selbst an.
Aus meinem Handy krümeln die Worte der Gemögten und legen eine Spur von dem Park, in dem ich meine Füße im Ententeich wiedergefunden habe, bis zu mir.

Ihr Mitleid ekelt mich fremd. Ich finde sie peinlich in ihrem Bemühen um uns. Die Angst tritt von innen gegen meine Haut und ich merke an mir, dass ich nicht nur einen Weg nach Hause suche, der die 3 Kilometer abkürzt, sondern mir auch ein Ausweg aus dieser Not.lage ist.
Wäre mein Mund nicht so verklebt würde ich schreien, glaube ich. Einfach nur so. Ohne Wörter.

Sie spricht von Wohnung umstellen, von Türen verschließen, von Zetteln an der Wohnungstür.

“Wenn ich jetzt so ein Loch unter der Nase hätte, dann könnte ich schreien.”, denke ich und ziehe meine durchnässten Hausschuhe aus. “Meine Schreie würden in den Ästen hängen bleiben und es würde aussehen, wie Laubgeister.”.
Sie fragt, ob ich noch da bin. Ich nicke. Sie schubst ihre Stimme noch eine Oktave höher. “Bist du noch da?!”.

Ich schnipse vors Handy. Denke an diese App mit der man einander beim Telefonieren sehen kann.
Sie hat schon wieder vergessen, dass ich keine Lautsprache kann. Sie vergisst ständig, dass ich Text brauche.

“Wieso werde ich ständig vergessen?”, denke ich und halte es für den besten ersten Schrei von mir.

Auf dem Gehweg vor dem Haus liegt der Schlüsselbund.
“Wie bescheuert kann man sein?”, knirsche ich hinter mich und nehme das kalte Metall in die Hand. Die Füße der Legosuperwoman streifen meine Handwurzel.

Die Gemögte will weiter reden. “Ich kann euch doch jetzt nicht allein lassen!”.
“Wenn ich jetzt losschreien würde, dann würde ich die Wohnung damit vergiften.”, denke ich und öffne die Tür, hinter der NakNak* wartet.

“Ich bin nicht mehr allein”, sagt die andere und legt ihr verfrorenes Vogelherz auf die Heizung.
Es ist 5 Uhr 37, als es aufhört weh zu tun und 7 Uhr 3, als ich ins Handy tippe:
„Es ist niemand „weggelaufen“.
Wer „wegläuft“ nimmt sein Handy nicht mit und schließt auch nicht die Tür hinter sich ab.“

Ich tippe auf „senden“ und ziehe die Decke etwas höher.
„Ich wäre gern mein eigener Schrei“, denke ich und schaue dem Tag beim heller werden zu.

 

die Revolution

ÜberblickMir fliegen die Fetzen im Kopf herum und ich weiß nicht wohin. Mit mir, den Fetzen, dem Gestern, dem Jetzt, dem Irgendwann irgendwie und dem, was könnte.
Also schreibe ich.

So mache ich das eben.
Ich schreibe, weil es das ist, was mich morgens aufstehen lässt.
Nicht, weil mich die Wortlust so reizt, ich so gern in Metaphern plansche und mich am Liebsten mit Silben parfümieren würde, sondern weil …

nun, einfach so.

Ich schreibe Wörter ins Internet, weil ich mich in meinem analogen Alltag zu Wort melden müsste, obwohl es eigentlich keinen zentralen zuWortmeldungsannahmeschalter gibt. Man zieht keine Nummer und wartet bis man aufgerufen wird. Wortmeldungen erfolgen so scheinbar willkürlich, wie sie gehört und weitergetragen werden.
Meine Internetwörter dürfen wirr sein. Sind so privilegiert, dass sie auch ohne meinen Sinn mit sich zu tragen, in die Köpfe anderer Menschen ziehen können.

Meine Wörter können angeguckt werden und weil sie nicht herumzappeln und ineinander verhakt über den hellen Hintergrund kullern, erscheinen wie auf den Bildschirm gebügelt.

Wo ein Wort ist, da darf kein anderes sein. Wo ein Sinn ist, da darf kein anderer sein.
Und überhaupt darf nur sein, was man sinnlich für wahr und logisch an sich nimmt.

So muss ich vor Angst erschlottern, könnte sich mein Leben ändern. So muss ich mich von anderen Personen abhängig machen. So muss ich mächtig sein. So muss ich sein, für wen ich gehalten werde.
Auch, wenn ich nur Worte und Wörter abstelle.
Auch, wenn ich nicht bin, wer meine Wörter erfasst. Anfasst. Sich berührt oder gar gepackt fühlt.

Es ist schwierig von Wort zu Wort zu gehen. Sie abzuschreiten und sie wie ein Bild im Museum zu betrachten. Sie vielleicht in sich hallen zu lassen. Zu gucken, wo sie wie Bomben einschlagen und Lawinen lostreten.
Wie furchtbar muss es für andere sein, zu wissen, dass ich mich von den Wörtern befreien kann, einfach, indem ich meine Hände um einen Stift lege und irgendwo in mir los lasse. Wie unaushaltbar muss es sein, eine Wortmeldung zu hören, die ungewohnt und fremd ist. In der die gleichen Worte, wie die eigenen verwendet werden, aber doch…

nicht gleich sind.

Oder schlimmer noch: die eigenen entsinnen, verque(e)ren. Etwas sagen, woran man lieber abstrakt, als konkret nachdenkt.
Lieber an Andere denkt, als die, in denen man sich selbst sucht.

Meine Wörter sind Minen. Wenn man sie berührt, tun sie weh. Wenn man sie liegen lässt, dann starren sie durch Zeit und Raum.

Mit meinen Wörtern male ich meine Unsichtbarkeit ins Internet.
Ich stricke kein Buchstabendeckchen um mein zum Opfer geworden sein. Ich klebe keine Protestrufe auf mein behindert werden, behindert sein.
Mein verkrüppelt worden sein.
Der Punkt am Ende eines jeden Satzes, ist mein Welten erschütternder Imperativ.
Dass ich meine Stimme mit Buchstaben einkleide, ihr eine Mütze aus Silben über die Ohren ziehe und mit Bedeutung besohle, ist die krasseste Revolution, die ich jeden Tag vom Schweigemauerzaun brechen kann.

Ich verstehe, wie erschreckend das ist.
Deshalb stelle ich meine Wörter ins Internet.
Eine Werbung, ein Katzenbild, eine Email später ist meine Revolution im großen,
nie enden wollenden Strom aus Einsen und Nullen aufgelöst.

Verschwunden.
Unsichtbar.
Erst dann passiert, wenn man danach sucht.
Erst dann gefährlich, wenn sie gefunden und so wie ist, weiter getragen wird.

Wörterschmerz

schweigemädchen2“Kann dein Vermeidungstanz vielleicht bald aufhören?”, sagt die Stimme durch das Telefon.
Wir sind so weit weg von ihr, dass sie nur noch eine Stimme ist. Aus dem Tiefinmir zittert ein Laut in meine Richtung und versickert wieder.

“M. ich weiß nicht, was ich tun könnte. Ihr kommt mir sehr weit weg vor.”

Ich bin nicht M. . Das kann sie aber nicht wissen.

“Müsst ihr mich wegmachen?”

“Du bist in Ordnung, wie du bist. Ich nicht. Ich wäre am Besten weggemacht.”.
Kein Wort schafft es raus.
Da ist dieser Druck, wenn Menschen so tief in uns hineinbohren. Wir werden davon verschoben und sammeln uns am Rand des eigenen Seins.

“Bitte…” tropft mir von der Zunge und verdampft.

“Es tut mir leid, ich will euch nicht bedrängen. Aber könnt ihr sehen, dass es mich belastet, wenn wir so lange nicht miteinander sprechen? Ihr meldet euch so gar nicht mehr.”. Mir kommts vor, als würde sie ihre Worte noch einmal betrachten, bevor sie sie in meinen Kopf pustet. “Ich habe das Gefühl, dass es euch schlecht geht und ich etwas damit zu tun habe.”.

“Du bist nicht mehr da.”, denke ich, doch als ich eine Öffnung versuche, kratzen die Stacheln eines anderen Innen an mir vorbei. “Wir reden doch mit dir. Tschuldigung, wenns grad nicht das besondere Entertainment ist, das du willst.”. Ich lasse meine Stirn in den Handteller fallen und seufze tonlos. “Ach, R., halt die Fresse”, lachen, dumpfes Grollen, ein grelles Blitzen und Schwindelgefühle, blubbern in meinem Kopf durcheinander und versperren mir den Weg.

“R.? Bist du das? Du weißt eigentlich, dass ich von euch kein Entertainment erwarte, klar? Ich weiß, dass ihr nicht für andere Menschen auf der Welt seid, okay?”. Ihr Schmerz tut mir weh. R. schnaubt ins Telefon und denkt darüber nach, ob sie ihr glauben kann. “Kann man nie wissen.”, raunzt sie am Ende ihrer Überlegungen.
“Stimmt.”, antwortet die Stimme.

Ich würde gerne das Gespräch beenden. Würde gerne Schritt für Schritt weiter von ihr weggehen. Mein Schweigen ist so ein weicher Verband um das klaffende Loch in mir und manchmal wärmt es mich. Es fällt mir so leicht zu schweigen. Es ist so einfach mit mir allein zu sein.
Mein Schweigen, hat keine Umrisse wie Menschen und Tiere.
Mein Schweigen macht meine Umrisse.
Wenn ich rede, dann laufe ich aus und ganz viel Ich ergießt sich über den Boden.

Ich könnte verdunsten und als Wolke eines Du über einem Sterben schweben, wenn ich etwas sage.

“R. kannst du mir sagen, warum ihr so lange nicht mehr bei mir angerufen habt? Braucht ihr im Moment mehr, dass ich euch anspreche?”, fragt sie. Ihre Stimme hat so eine Tiefe in den Bauch hinein. Als wäre sie sehr weit und könnte alles umfassen, was sie formuliert. R. kratzt in meinem Gesicht herum und schielt durch den Schmerz in meine Gedanken.
“Es tut zu weh für Wörter.”.

“Es tut zu weh für Wörter”. R. stolpert darüber und schämt sich dafür. Löst sich auf und rinnt durch ein kleines Loch im Inmitten von uns.

“Okay, es tut zu weh für Wörter und deshalb gibt es keine? Verstehe ich das richtig?”. Es fühlt sich an, als würde sie direkt auf mich zu fragen und ich drücke mich an den Rand. “Ich bin nicht da ich bin nicht da ich bin nicht da… ich bin nicht.”, denke ich und warte darauf, dass es Wirklichkeit wird.
Es wird immer Wirklichkeit. Ich brauche dafür nichts machen.

“Ich möchte euch helfen, dass es weniger weh tut, okay? Darf ich das?”.

Es ist paradox. Du bist doch gar nicht. Du bist doch weg. Du bist doch gar nicht mehr da. Wie sollst du etwas helfen? Du bist doch gar nicht mehr da. Du bist doch weggegangen. Du bist doch nicht mehr.
Die Welt kippt mich ins Nirgendwo.
Erlöst mich in ein Da ohne Worte und Konturen.

man blockt nicht, was weh tut

Kurz nach 1 Uhr morgens ist es und ich logge mich in mein Mailpostfach ein, um mir sämtliche Twitterkorrespondenz der letzten Monate durchzulesen.

Grund dafür: mein Account wurde gesperrt.
Der Grund dafür wurde mir nicht genannt- vielleicht ist Twitter zu cool für sowas, vielleicht wurde ich aber auch von jemandem als missbräuchliche/r/* UserIn* gemeldet und die Angabe dieser Person aus Schutzgründen nicht an mich weiter geleitet. What ever. Egal.
Ich warte, was kommt.
Da ich weder Menschen betrüge noch absichtliche irgendwelche Urheberrechte verletze oder illegale Software an Twitter benutze, sehe ich mich erst mal im grünen Bereich.

Das ist das Eine – ich mag meine Twittertimeline und jetzt darf ich sie nicht mehr lesen. Blöd. Aua. Krampf mimimi Jaulimauli. Warten.

Das Andere ist – ich bin so blöd.
Vor einiger Zeit (also mehr als “Wochen” aber schon noch näher als “vor Monaten”) habe ich jemanden bei Twitter geblockt und dann dem Support von Twitter gemeldet, weil diese auf mein “Lass mich in Ruhe” nicht damit reagierte mich in Ruhe zu lassen.
Blocken ist eine gute Akutlösung. Aber dann kommt es vielleicht doch mal, das man um kurz nach 1 Uhr morgens mittelmäßig angetrunken, traurig und im Dis_sens mit der ganzen Welt ins Mailfach schaut und diesen Accountnamen wieder sieht. Und natürlich alles wieder hochgedrückt wird, woran man einfach nicht denken wollte.

Es kotzt mich so an, dass ich mit diesem Opfer- Armut- Behindert- Stempel nicht einen einzigen verdammten Schritt tun und feiern kann in den Augen mancher Menschen. Ich darf mich nicht hängen lassen vor den einen- ich darf nicht aktiv sein vor den anderen. Ich darf nicht um Geld oder Förderung meines Tuns bitten. Ich darf auch kein Geld ausgeben, denn wenn ich sage: “Ich habe keins” dann bedeutet das für solche Menschen den Pappkarton unter einer Brücke.
Ich darf keine Vorträge halten, weil das gleichbedeutend mit Arbeit oder Weiterbildung ist. Und natürlich bin ich in Wahrheit reich. Ich kriege ja für jeden Furz mit Glitzer dran Geld hinterher geworfen und trage meine Jahre alten Kleider because of the edge.

Es verletzt.
Ich bin wütend, weil mich so etwas einfach nur verletzt.

Und ich bin wütend, weil es Twitter schafft meinen Account zu sperren – den von hunderten Maskus oder auch dieser Person aber nicht.

Doch das eigentlich Schlimmste ist der Raum, den sich diese Person in meinem Kopf stiehlt.
Ich schreibe von dieser Person als “meine irgendwie Stalkerin” oder “sogenannter Twittertroll” – dabei kenne ich sie überhaupt nicht und sie wäre mir egal, wenn sie nicht permanent das Wort an mich richtete. Ihren Blick auf mich und vermeintlich durch mich und mein Leben richtete.
Das ist so eine Masche von Personen, die zwischenmenschliche Gewalt ausüben: “Quatsch sie voll, bis sie [die Person, die gerade zum Opfer wird] reagiert und wenn sie reagiert, dann pack sie dir- wickle sie ein, verschnüre sie wie ein Paket und heb sie auf deine Schulter – so kannst du sie mitnehmen. So gehört sie dir.”.
Es ist nicht nur Häme, die da an mich heran getragen wird – da sind auch Tweets, die völlig harmlos klingen. Aber in dem Kontext sind sie alles andere als harmlos.

Ich bin damit aufgewachsen zu hören, man solle auf solche Menschen nicht reagieren. Das Ding ist: nicht zu reagieren, heißt nicht zeitgleich keine Impulse aufzunehmen.

Personen, die bei Twitter geblockt wurden, erhalten jedes Mal eine Meldung, dass sie geblockt wurden von der Person. Selbstverständlich macht es mir auch Angst, wenn ich sehe, das dort eine Person trotz der Meldung jedes Mal, dass sie von mir geblockt wurde, was gut erkennbar ist als “Ich möchte nicht mit dir in Kontakt treten”, immer weiter schreibt und das Wort an mich richtet.

Und da ist also dieser Raum, der sich in meinem Kopf geklaut wird; dann ist da der Anspruch und das Beharren auf einen Kontakt mit mir; dann ist da dieses Bild von mir, das nah an mir dran ist, aber doch mehr Ähnlichkeit mit einer Springerverlag-Karikatur von mir hat und dann, ist da die Ohnmacht, die bleibt und bleibt und bleibt. Und zwar bei mir. Obwohl ich aktiv für meinen Schutz gesorgt habe. Obwohl ich mich verweigert habe.

Es macht ohnmächtig, wenn man sagen kann, was man will – erklären, offenlegen, verständlich machen – aber nichts, wirklich gar nichts genauso bei jemandem ankommt, wie es ist.

Es ist Quälerei, wenn man Menschen immer wieder in die Lage versetzt, sich zu erklären, diese Erklärung aber nicht gelten zu lassen. Ich mag an der Stelle eigentlich auch Sadismus erwähnen, aber wie gesagt: ich kenne diese Person nicht. Vielleicht hat das Ganze gar keine Lustaspekte. Aber wenn: wundern würde es mich nicht.

Tja, und wieso schreibe ich das jetzt mitten in der Nacht?
Weil ich vorhin dachte: “Hoffentlich findet diese Person irgendwann jemand anderen, an dem sie sich austoben will.”

G’tt und ich schäme mich für solche Gedanken. Meine Moral verprügelt mich gerade, weil ich im Grunde meine Ohnmacht auf jemand anderen verschieben will. Meine Ratio sitzt unten vorm Haus, dreht sich eine Zigarette und grunzt: “Ey- auf was Anderes kann man einfach auch nicht warten.” und der ganze Haufen verletzter Seelendreck sitzt vor dem Laptop und schreibt gegen das Weinen an.

Ich brauche einfach immer noch eine ganze Weile bis ich selbst an den Punkt komme, an dem ich merke, was der Trigger ist.
Vielleicht ist es gerade gut zu merken, das mein Trigger einfach immer wieder der ist, global und absolut geschwächt von meinen Gewalterfahrungen sein zu sollen; gehindert von meiner Behinderung sein zu müssen und mindestens kurz vor dem Status „Sterntaler ohne Goldregen“ zu sein, wegen meines Hartz 4 Lebens.
Man soll ja auch immer das Positive sehen.
Was daran positiv sein soll zu merken, dass ein Anspruch, der aus Diskriminierungsstrukturen herauskommt, denen ich mich bis heute nicht entziehen kann- egal, wie sehr ich es versuche will könnte hätte müsste – auf mich massiv bedrohlich, weil an lebensbedrohliche Ohnmacht erinnernd, wirken, kann ich an der Stelle zwar auch noch nicht sehen, aber vielleicht geht es auch nicht darum, das zu sehen. What ever. Ich hab was Positives gesehen- dann darf ich ja jetzt den Finger auf die Kackscheiße richten und sagen, dass die weg soll.

In diesem Fall: diese Person.
Sie erinnert mich an jemanden mit dem ich mal in einem Forum zusammen war. Ich hatte das Forum ihretwegen verlassen. Ich. Nicht diese Person.
Warum?
Weil so ein Verhalten wundergut in die “Ich scheiß auf political correctness – ich bin so rebellisch und wild – ich lass mir von niemand etwas sagen because – Meinungsfreiheit !!11!!!!1 – die wollt ihr jawohl nicht verbieten! Grundgesetz!!!11!1!1!” Ecke passt.
Natürlich will niemand die Meinungsfreiheit unterdrücken – aber wenn die “Meinung” [meist es ist ja keine wirkliche Meinung, sondern einfach nur das Gegenteil der Überzeugung einer anderen Person, weil man ja „aus Prinzip“ so rebellisch ist, das man immer erst mal das Gegenteil vertritt, um nicht zuletzt, vor sich selbst weiterhin super rebellisch und antiirgendwas zu sein] andere Menschen verletzt, dann kann sie nicht einfach kommentarlos stehen bleiben. In dem Forum aber blieb das so stehen. Warum ist mir egal- ich konnte es nicht verändern und hätte mich nur dran kaputt gemacht, es zu verändern.

Aus einem Forum, das mir nicht gut tut weil eine Person darin sitzt, die giftig für mich ist, zu gehen war leicht.
Ich habe gelöscht, was mir wichtig zu löschen war und den Account in Gedanken angezündet.

Twitter ist kein Forum. Mein Blog ist kein Forum.
Das sind _meine_ Kanäle mich mitzuteilen. Neben Facebook, mein einzigen Kanäle mich mitzuteilen.

Ich lese von Menschen, die mir sympathisch sind, die ich gerne mit in mein Bett und meine Küche, zu Partys und anderen spannenden schönen, vielleicht auch beängstigenden und traurigen Ereignissen mitnehme. Ich darf Anteil an ihren Leben nehmen, ich kann Kritik in einen Raum geben, der diese hinterfragt und/oder bestätigt, ich darf so etwas wie soziale Teilhabe haben. Ich kann gehört werden.
Außerhalb des Internet kenne ich nicht so viele Menschen. Ich habe keine Arbeit, bei der ich von einer Gruppe umgeben bin oder Ähnliches.

Das wird immer wieder so belächelt, wenn jemand sagt, er könne ohne Internet nicht mehr gut sein.
Wenn man sich aber ansieht, was so ein einziger Kurznachrichtendienst für mich tut, braucht man nicht mehr lächeln. Dann kann man sich zum Heulen in die Ecke stellen, weil einem klar wird, wie groß der Einfluss von Personen sein kann, die auf solche Kanäle toxisch einwirken (wollen).

Mir geht es dabei nicht darum, dass ich meine Beiträge für wichtig halte, sondern darum, dass es mir wichtig ist, sie (mit) zu teilen.

Das kann ich nicht gut, wenn ich dann immer wieder solche Impulse bekomme, die mir genau das aber im Grunde verbieten wollen.

Es ist jetzt halb 4 Uhr morgens.
Ich fühle mich bestohlen an Zeit, Kraft und geistigem Raum.

Einfach nur durch die Erinnerung daran, dass ich diese Person gemeldet habe.

Und das ist genau, was man keinem Gericht klar machen kann. Diese Personen brauchen gar nichts Konkretes mehr zu tun. Das, was sie schon getan haben, wirkt und wirkt und wirkt nach.

Gewalt ist so.

wie ich einmal begriff, dass ich auch ein Körper bin

orchideeSeit 7 Jahren liefere ich mir Gefechte mit der Sprache, Worten und dem Schweigen.
Ich schweige viel, weil ich es muss, weil ich es soll und aber auch, weil mir gründlich und oft die Sprache verschlagen wurde.

Das Bloggen, das freie Schreiben allgemein, war und ist für mich die krasseste Aneignung meiner Macht und Freiheit als Überlebende von sexualisierter Gewalt, als Sinn- und Bestimmungssuchende, als Frau, als Liebende, als sinnlich lebendiges Wesen. Mir ist es wichtig mich ausdrücken zu können und dafür verwende ich natürlich auch noch andere Kanäle, wie die Kunst zum Beispiel.
Doch das Wort… – am Anfang von Allem war das Wort.

Was nicht benannt ist, existiert nur als Geist, als Idee, als Hauch, als Atem, als Odem. Es ist da, doch nicht als Objekt.
Was nie Objekt ist, kann auch nicht Subjekt sein.

Es ist ein Verdienst meiner Twittertimeline  und ihrem Gespür und Geschmack für feministische Literatur, Webseiten und Projekte, dass ich mir den Begriff “Vulva” angenommen habe, ihn verwende, wenn ich es kann und mich darüber an das eigene zum Opfer geworden sein herantasten konnte.
Wieso ich so einen Begriff brauchte, wird mir klar, seit ich mich mehr mit biologischer Weiblichkeit (und Sexualität) befasse, anstatt bei der sozial (und darüber politisch) konstruierten Weiblichkeit zu bleiben, die mir gerade wegen ihrer scharfen Abgrenzung zu meiner Körper- meiner Fleischlichkeit (Objekt-ivität) immer irgendwie sicherer erschien. Kühl, sachlich, logisch.
Hübsche, schnurgerade Spaltung durch einen Themenkomplex, der unfassbar eng verwoben ist.

Wie die Ebenen “Körper”, “Geist” und “Seele”.
Seit ich meine Selbstzerstörung offenlegte, wurde ich mit meinem Erleben auf die Ebene “Seele” reduziert und darüber um die Ebene “Geist” betrogen.
Verrückte Menschen können sagen, was sie wollen und warum sie es wollen – sie sind verrückt auch wenn (vielleicht für einige Menschen auch gerade, weil) ihr IQ alle Grenzen sprengt. So funktioniert Stigmatisierung und genau darauf basiert die Solidarität, die unter Ex- Klapsis, ehemaligen MitpatientInnen* und Menschen mit Diagnose doch auch herrscht bzw. als herrschend gewünscht wird. Man ist eine Einheit durch die Diskriminierungen, die mit Pathologisierung und Stigma von (Er-) Lebensweisen einhergehen.
Das Problem dabei: Man verbleibt in genau dem Bereich, weil man sich nur dort sicher, verbunden, verstanden fühlt und wird zum Gruppen_körper.

Die ureigenste innere Ebene “Körper” bleibt draußen (abgespalten) und kann es auch ruhig.
Der ist ja sowieso ein ekelhafter Verräter, Versager, hässlich, unvollkommen, unbrauchbar, einzig nützlich zur Manipulation für Gefühle von Kontrolle, Gewalt(re)inszenierung, Projektionsfläche für alles und alle, jede, jeden … eine Liste, die beliebig erweiterbar ist, jedoch in diesen Kontexten selten als ein integrierter Bestandteil des Selbst-Seins auftaucht.
Ich habe in Selbsthilfeforen von und für Menschen mit Misshandlungserfahrungen, glaube ich, immer nur dann über meinen Körper gesprochen, wenn er mal wieder krank oder verletzt war oder von mir traktiert wurde. Alle ™ haben es verstanden und die Ablehnung meines Körpers- den Hass, der sich oft genug von TäterInnenintrojekten und täterInnenloyalen Innens reinszeniert an meinem Körper entlud (und bis heute entlädt), damit auf eine Art legitimiert, die mir den Druck nahm, mich für meine Selbstzerstörung schämen zu müssen. Was mir natürlich oft geholfen hat und meiner Meinung nach auch wichtig ist.

Ich kann mich spontan aber auch an keinen einzigen Thread erinnern, in dem jemand davon erzählte, sich einmal genau angeschaut zu haben und es okay/gut/toll/befriedigend/ sich seiner selbst (seinem eigenen Selbst) versichernd erlebt zu haben.

Sexuelle Gewalt ist nicht nur deshalb so schlimm, weil sie beschämend ist oder mit Schande und Schuld an der falschen Stelle belegt, sondern, weil sie die “Körper Geist und Seelen-  Integrität” von allen Menschen verletzt bis vielleicht an manchen Stellen auch zerstört.
Scham, Schuld und Schande sind es, die diese Spaltung nach der Traumatisierung aufrecht erhält, wenn nicht sogar überhaupt erst als “nötig abgespalten zu werden” markiert.

Und damit sind wir bei Scham und damit beim Auslöser dieses Artikels.
Mein Körper kämpft seit Juni gegen eine heftige Vaginalinfektion und ich bemühe mich souverän- kühl, sachlich und logisch damit auseinanderzusetzen.

Ich sorge dafür, dass meine Kinderinnens viel vom Heute durch meine feste Verankerung hier fühlen können. Ich kommentiere nach innen alles, was ich im Außen tue. Jeden Tag neu und immer wieder. Und immer wieder neu und fest und ruhig. Ich bin so aufrichtig wie ich kann dabei und äußere sowohl meine Sicherheiten, wie Unsicherheiten und wie ich womit umzugehen gedenke.
Das ist für mich ein bisschen wie in der Wohngruppe für Menschen, die mehr Hilfe beim Lernen und Begreifen brauchten, in der wir früher einmal gelebt haben, aber ich merke wie sehr das nötig ist.
Darüber komme ich langsam in die Richtung, in der mir klar wird, wie viel (eigentlich irgendwie alles) mein kindliches Innenleben überhaupt nicht einordnen kann, weil es gar nicht meine Ebene verwendet.  Für viele von ihnen ist alles “Körper” und ein bisschen “Seele” (im Sinne von “das mag ich/ das tut mir gut, weil es sich körperlich gut/wohlig/schön anfühlt”).

Und dann tut es auch noch DA weh. Und dann brennt auch noch DAS DA und dann ist man alleine mit einem Menschen (meiner Gynäkologin) in einem Zimmer (ihrem Behandlungsraum) und es gibt die klassischen Tänze des Schweigewörterpaars (“da” und “dort”) und ich Heldin Eis-enherz mit Wörterwaffen zur Selbst-Erhaltung mitten drin.
Ich hab mich so gefeiert, wie ich da saß.
Bis an die Frisur meiner Zähne bewaffnet und voll da- Schlaglicht- Superstarosenblatt- und benutzte die korrekten Wörter für meine Genitalien, während ich meine Symptome schilderte. Ich bin bisher nie über Schweigewörter wie “da” und “dort” und “zwischen meinen Beinen” und “im Schritt” hinausgekommen.
Und dann: Schweigen auf medizinisch vor angehaltenem Atmen hinter riesigen Innenaugen.

Alle meine Waffen sind auf einmal kaputt gegangen und ohne Mist- _ich_ habe gemerkt, wie der Trigger griff und ich anfing mich zu schämen für meine Wortwahl, meine Aneignung. Mit jeder Minute mutierte mein so so so toller Schritt in Richtung “sich-selbst- bewusst-werden/sein/bleiben-weil-Selbst- selbst-benennen” (seine Körperteile zum Objekt machen um ihr Subjekt (gewesen) sein anzuerkennen) zu einem Fehler, einer Frechheit, einer Schande, einer Straftat…
und als sie mir dann beim Entnehmen einer Laborprobe auch noch weh tat, war für mein Innen (und ein bisschen auch für mich) alles klar. Klar musste das jetzt weh tun (und dann doch nicht richtig gelaufen sein), klar war es Schwachsinn so zu reden- “Guck die Frau ist Ärztin und sagt auch immer nur “da” und irgendwas mit “Scham”! Das würd nich was mit Scham heißen, wenns nix Peinliches wär- ist besser nur “da”. “Da” könnt ja alles sein- dann weiß es keiner und alles ist sicher.”.
Ein zwei drei Schritte zurück.

#Mau

Ich versuchte mich zu sortieren und zu orientieren. Irgendwie Ruhe zu finden und meine Sicherheit wieder aufzubauen und merkte, dass ich wiederum nach innen verzagte und selbst wieder Schweigewörter verwendete. Ich sagte nicht: “Meine Vulva tut weh, weil da eine Infektion ist”, sondern “da ist was, aber das hat nichts mit Gewalt zu tun”.
Natürlich hatte das so überhaupt keine Klarheit mehr und war einfach das typisch wabernde Wortschwallen, mit dem ich mich für mein Innenleben bewusst-los mache, um zu funktionieren.

Als ich dann aus der Praxis ging, kam aber auch Ärger über die Ärztin auf.
Dass ich keine einfache Patientin bin weiß ich- ich bin ja auch nicht nur Eine.
Ich fordere inzwischen schon ein zu erfahren, was genau in und an und um meinen Körper passiert, einfach um genau diese Spaltung zu überbrücken und bestehende Brücken zu stabilisieren.
Wenn mir jemand erklärt, wie mein Körper versorgt wird, visualisiere ich mir das (mache mir ein Bild- eine Idee- einen Hauch) und lege diese Idee auf die Körperstelle, die betroffen ist (verbinde Idee und Objekt und erfasse so die Stelle als Subjekt der BehandlerIn bzw. der Umgebung oder auch des sozialen Kontextes). So wird für mich viel besser begreifbar, dass ICH in Behandlung bin und zwar auf eine spezifische Art und Weise, die in bestimmten aktuell nachvollziehbaren Kontexten beeinflussbar ist. Das versichert mich, beruhigt mich und das Lernen durch Begreifen bekommt eine Chance (ich und mein abgespaltenes Innenleben rücken näher zusammen).

Ich fühle den Körper nicht konstant. Wenn etwas weh tut oder “irgendwie nicht richtig ist”, dann erfahre ich das über die Ebene “Geist”: als Notizzettel neben einem Termin bei einer/ einem MedizinerIn und kann mir so diverse Wellen aus der Ebene “Seele” erklären. Wenn meine BehandlerInnen* dann genau meine Spaltungen kopieren (etwa mein Schwimmen, meine Unsicherheit und auch mein Schweigen spiegeln oder übernehmen), weil sie denken, das wäre leichter für mich, kann ich das wohl verstehen. Es ist auch leichter für mich, weil es ist, was ich kenne. Es hilft mir aber weder dabei ein Wachsen anzubahnen noch bestehendes Wachstum zu stabilisieren oder auch in Verbindung zu bringen mit dem “Außerhalb von mir”.

Ich habe gemerkt, dass in mir Wut auf das Schweigen war.
Schweigen ist ansteckend und ich bin der perfekte Nährboden für Wortlosigkeit.

Ich feiere den Begriff “Vulva” nicht, weil ich Feministin bin und denke, dieser Körperteil gehört auf Altare gehoben.
Aber es ist der Körperteil, der von außen zu sehen ist- der allen Augen ein Objekt ist, was es für mich jahrelang eben nicht war, sein konnte und vielleicht nicht sein durfte. Ich hatte kein Wort dafür und habe andere Begriffe immer schwierig empfunden. Es gibt genug Frauen und Frauen* deren Vulva Namen, wie die von Haustieren tragen oder letztlich doch fälschlicherweise sagen “ist was zum was reintun”.
Das Schweigen, jedes “das da” und “dort” meiner ansonsten wirklich aufmerksamen und guten Gynäkologin, hat mir etwas von mir weggemacht und ich bin in meiner Berechtigung dort in der Praxis zu sein, der Legitimation einer Schmerzäußerung, der Forderung nach dem Verstehen, was passiert und auch gleich selbst  mit verschwunden.

Früher habe ich mich weggemacht, weil ich die Überreizung durch die Gewalt nicht tragen konnte oder auch, weil die Gewalt nicht mehr als mein Mich übrig gelassen hatte.
Heute erlebe ich mich weggemacht, nicht da und inexistent, wenn meine Präsenz als Reiz(auslösend)- los, weil Körper(benennungs)los belegt wird. Etwa, indem nicht (korrekt) benannt wird, was von mir kommt, an mir dran oder drin ist.

Es hat mich geflasht zu spüren, dass die Wichtigkeit von Worten auch für etwas an meinem Körper als Ganzes besteht.
In den ganzen letzten Jahren habe ich Sprache, Worte und die Art, wie sie miteinander arbeiten, seziert und mir Stück für Stück angenommen, um das, was ich auf meiner Ebene von “Geist”, die immer wieder zu Todesnähe erschrocken wird, von der Ebene “Seele” erlebe, zu einem Objekt werden zu lassen, um das “zum Subjekt der TäterInnen geworden sein” nach Außen zu bringen.

Diese Infektion zum jetzigen Zeitpunkt, der noch immer noch Trauer, Schmerz und einem Wachsen, auf das sich so sehr verbotener Stolz regt, bestimmt ist, bringt mich näher an die Ebenen “Seele” und “Körper” und lässt mich sehen, dass meine “Körper- Geist und Seelen- Integrität” nicht gänzlich zerstört sein kann.
Kann man sich denken, mit was für einer Freude dieser Gedanke für mich belegt ist?
Da ist noch etwas in mir heil oder heil geworden!
Wie schön!

Vielleicht darf man dann auch wütend auf ÄrztInnen sein, wenn sie das durch Schweigewörter anders darstellen.
Denn Letztlich brauche ich auch nach Jahren voller Selbstwahrnehmung, Selbstreflektion und Selbsterkenntnis, die Rückmeldung, dass es mich gibt. Dass ich physisch korrekt benennbar bin, weil ich eben nicht nur ein Geist bin, der Angst davor hat, seine Seele zu fühlen.
Wie jeder andere Mensch auch.

Präsenz _da_ sein_ lassen

GlockenblumeIch saß auf dem Hügel aus Mutter_Erde und hielt die Hände eines Kinderinnens. Wir pusteten Seifenblasen in den Himmel beobachteten ihr Farbenspiel. 

Mittendrin hatte ich eine Art Epiphanie.
Da war wieder das Gefühl, ein Teil einer Umgebung, die einfach nur _da_ ist und nichts von mir will, nichts mit mir tut, nichts an mich heranträgt, weil ich da bin, sondern, weil ich ein Teil des gemeinsamen Raumes bin, zu sein. Dieses Schwindelgefühl, diese Art fernfremde innere Vibration auf das Bewusstsein: “Hier ist nichts, dass dich deines Seins versichert- du _bist_, wie alles andere auch _ist_ “ und die Erkenntnis: “Ich bin nicht, wo ich sein sollte, ich bin nicht, wer ich sein sollte, ich bin nicht für oder wegen etwas da – ich _bin einfach nur da_ und das bedeutet REIN GAR NICHTS.”

Ich weiß nicht, wie viel von meinem Text über Präsenz verständlich ist. Aber ich denke inzwischen, dass es fundamental ist, sich bewusst zu sein, dass jeder Mensch und alles was Menschen ausstrahlen, tragen und weitergeben, einfach immer erst einmal _ist_ und vielleicht einfach gar nichts weiter bedeutet, als, dass dort jemand oder etwas _ist_.

Ich habe in den letzten zwei Wochen viel darüber nachgedacht, was es mit meinem Retter* damals auf sich hatte.
Wieso er mich nicht einfach hat lassen können. Wieso mein Sein in seinen Augen nicht so bleiben durfte. Wieso meine Zufriedenheit nicht anerkannt war.
Ich hatte der Therapeutin gesagt, dass ich der Raum war, in dem ich war. Ich war es, dessen Rand mein Retter eingetreten hatte, um mich zu bergen. Diese Rettung damals ging mit einer Verletzung einher und niemand hat es gesehen. Weil niemand gesehen hat, was ich als mich betrachtet habe. Weil niemand gefragt hatte. Weil ich keine Worte in gemeinsamer Sprache hatte. Weil man nicht blutet, wenn man ein Raum-Sein ist, das verletzt wurde.
Ich hatte keine andere Wahl, als sein Eindringen als einen Angriff wahrzunehmen. Nicht nur, weil ich nur an Stille und simmernde Dunkelheit gewöhnt war und mich jedes seiner Signale angeschrien hat.

Vielleicht, das überlegten wir in der Therapie, weil das Gehirn in meinem Kopf nie die Chance hatte einfach nur _ da_ zu sein und darin respektiert und gelassen zu werden. Weil es vielleicht einfach nie okay war zu _sein_ .
Natürlich muss ich bis heute immer denken, alles was passiert, geschieht, weil ich nicht richtig bin.
Es kommt ja auch nie jemand daher und knallt mir eine, weil ich _da_ bin, sondern, “weil …”
Es passiert allgemein selten, dass GewaltäterInnen* sagen: “Ich habe XY misshandelt, weil sier* existent (_da_) ist”. Viel häufiger kommt: “Ich habe XY misshandelt, weil  XY das Falsche getan/gedacht hat “;  “weil XY falsche Merkmale/ falsche Charakteristika hat”; “weil ich dachte, XY denkt/macht/fühlt/glaubt… “ (und dies auf eine Unfähigkeit bei mir stieß, damit anders umzugehen).”

Es ist verboten und verpönt zuzugeben, dass einen das bloße Dasein von Individuen einfach nur ankotzt. Es ist ein Tabu, weil es so simpel ist. Weil da exakt 0 Spielraum für Schuldtamtam ist.
Wenn jemand jemanden tötet, weil er existent ist, dann kann schlicht niemand sagen, das Opfer trage eine Mitschuld. Niemand kann etwas für sein Leben.
Niemand kann darum bitten oder beeinflussen welche Eizelle, wann von wem befruchtet wird und sich dann so entwickelt, dass er oder sie oder * selbst entsteht. Das geht einfach nicht.

An meinem Sein und dem, was es in der Umgebung, in der ich nun einmal war, ausstrahlte, war alles in Ordnung.
Nichts von mir Transportiertes allein hat eine Legitimation ergeben zu tun, was mein Retter* tat, sondern der Kontext, in dem er meine Signale wahrgenommen und gedeutet hat. Ich muss ihm die Verantwortung an meinen Verletzungsgefühlen nicht abnehmen, nur weil sein Handeln angesichts der konkret bestehenden Lebensgefahr von einem anderen Standpunkt aus, als wichtiger gewertet wird und dieser Mensch eine Zilliarde soziale Kekse für sein couragiertes Eingreifen bekommen könnte.
Wir können alle nur spekulieren, was gewesen wäre, wenn er mich nicht wahrgenommen hätte. Ich wäre vielleicht gestorben- aber ich hätte niemandem Schuld daran gegeben. Vermutlich hätte niemand die Schuld an meinem Tod zugesprochen bekommen.

Ich, mit meinem Ich-Bewusstsein, als Innen XY in diesem Körper, hatte vor ihm noch mit keinem Menschen zu tun, kannte nichts vom dem, was woanders als dort war. Ich war nie mehr oder etwas anderes als dieser Raum bis zu dem Zeitpunkt. In meinem Kopf war nichts weiter drin als ein Rauschen aus Stille und schwammigunklaren Impulsen und wenn ich gestorben wäre, hätte das für mich schlicht _GAR NICHTS_ bedeutet.
Ein Spekulieren auf dem, was würde, wenn, hätte sein können, außerhalb der Umstände, in denen ich mich bewegte, haben mir zu Recht absolut nichts bedeutet. Ich kannte es nicht und habe es nicht begehrt.

Ich sehe solche Gedanken von: “Ja, man weiß ja nicht und es ist/wäre doch schade, was da noch verpasst wird, was alles noch gehen kann mit ein bisschen Hilfe/ Veränderung …” anders, wenn Menschen einander nah sind. Wenn sie voneinander tatsächlich mitbekommen, was welche Eingriffe bewirken. Wenn man miteinander in Austausch ist, Verbundenheit fühlt oder auch einfach familiär oder sozial verbunden ist.
Mein Retter* kam, trat in mich ein und riss mir mein Mich aus der Mitte für etwas, das mir egal war, unter Umständen, die mir nur Bedrohung- und Lebensgefahr signalisieren konnten.

Nein, ich muss dafür nicht dankbar sein, weil ich überlebt habe und heute Seifenblasen von Bergen in den Sommerhimmel pusten kann.
Es geht nicht um Undankbarkeit für eine Rettung – es geht darum, was Menschen von einander wahrnehmen und wie unterschiedlich die Bewertung dessen sein kann. Wie sehr das, was wir Menschen _sein_ und _da_  lassen können, davon abhängt, was es für uns bedeutet Momente, die Demut und Respekt abverlangen – auch und vielleicht gerade dann, wenn uns beides niemals jemand vorgelebt hat – tragen zu können, ohne eingreifend/ beeinflussend zu handeln.

Wir* verwenden so viele Arten sozialer Vermeidungstänze, sei es in Schuldgezirkel, Verantwortungsgeknote, V-Er-Zieh-ungsgezerre, weil es schwerer ist inne zuhalten und _sein_ zu lassen.
Für mich ist es so, dass ich heute einen Schmerz fühlen und tragen muss, der sich nicht über eine Sicherheit lösen wird, weil ich mit diesem Menschen einfach gar nichts zu tun hatte und habe. Ich werde nie erfahren, was er wirklich dachte. Ob er an meinem _da sein_ Anstoß genommen hatte oder wirklich in den Umständen, in denen er mich verortete. Er wird vermutlich nie erfahren, wie sein Handeln auf mich wirkte. Er wird nie erfahren, dass ich mir seine Rettung nie gewünscht habe.
Einfach schon, weil ich es damals nicht als Rettung wahrgenommen habe und selbst heute, das Wort dafür falsch empfinde. Semiheimlich, fastganz für mich allein.

Ich leide unter der Zeit, weil ich überlebt habe. Wäre ich tot, würde ich das nicht tun.
Für sein “hätte würde wenn”, in seinem eigenen Leben, bin ich nicht verantwortlich. Nie gewesen.  Auch deshalb ist mein Gefühl einer Verletzung, das über einer Dankbarkeit steht, in Ordnung.

Menschen füllen ihre Leben stetig mit Ansprüchen, Werten, Normen.
Wenn zwei unterschiedliche Systeme aufeinander treffen und ein Mensch oktroyiert dem Anderen seines, dann sprechen wir von Gewalt. Auch wenn ein drittes, viertes, fünftes kommt und sagt: “Hast fein gemacht.”. Es war _da_  und es ist keine HeldInnentat* fremde Werte, Normen und Ansprüche abzusprechen, zu vaporisieren. Und ja, für mich persönlich gilt das auch für Werte, Normen und Anspruchshaltungen, die ihrerseits absprechen und verschwinden machen wollen.
Ich kann nicht an nur eine Wahrheit, nur eine Art zu leben zu denken und zu werten glauben.

Nicht zuletzt auch genau deshalb, weil ich gezwungen war und bis heute bin, Abgründe, neben schwindelnden Höhen; Sadismus neben bedingungsloser Liebe; tiefes Begehren neben absoluter Entbehrung; Hass auf mein bloßes _da sein_ in mir selbst stehen zu haben und alles das zu tragen und _sein_ zu lassen.

Meine Epiphanie war nicht wegen dieser Gedanken eine. Sie war eine, weil sie sich gut angefühlt hat. Rund. Ohne Not.
Ich habe für einen Moment stehen lassen können, dass es damals so war, wie es war, eben, weil es eben so war- weil der Menschen in dem Moment genau _da_ war, wie ich selbst auch. Ich konnte aber auch gleichzeitig, mein Gefühl von Verletzung und Bedrohung durch sein _Sein_  stehen lassen, obwohl sich der Kontext, der dankbare Opfer vor “selbstlosen” RetterInnen* verlangt, nicht verändert hat.

Ich verstehe nun den Trigger an der Situation Anfang Mai, in der ein Mensch mein Leben retten wollte. Und ich verstehe meinen Schmerz daran.
Ich verstehe, dass es für diesen Menschen darum gehen musste mein Leben zu retten, weil ich schon immer als rettungsbedürftig wahrgenommen und eingeschätzt wurde. Weil es genug Ignoranz für meine Lebensumstände, meine Fähig- und Fertigkeiten gab, um immer das Opfer, das einer Rettung bedarf, zu sein.

“Ich könnte mir das nie verzeihen, wenn dir etwas passiert und ich das gewusst hätte.”, ist ein Satz auf den ich zu Recht fragen kann, warum mein Tod nicht verzeihbar ist, unerträgliche Lebensumstände und Qualen aber schon. Warum ich leiden darf, aber nicht sterben.
Warum ich hilfsbedürftig sein darf, es aber zu viel verlangt ist, wenn es dieser Mensch ist, an den ich mich dafür wende, weil ich aufgrund seiner Angaben, denke, dass er mir helfen könnte.

Ich verstehe, dass es mich schmerzt in meinem _Da-Sein_ ignoriert zu werden, nicht gehört und (für ) wahr- genommen zu werden, weil es für mich noch einmal um dieses Erlebnis damals herum eine Ebene gibt, die Gefühle der Todesnähe  beinhalten. Neben all dem was ich im Zuge von Menschen- und Psychiatriegewalt erfahren habe.

Ich bin nicht dafür verantwortlich, was sich andere Menschen nicht verzeihen können. Sie müssen es sich selbst verzeihen und wenn sie das nicht können, dann müssen sie es lernen oder damit leben, dass ich ihnen die Frage in den Kopf stelle, wieso sie sich Gewalt an mir verzeihen können, aber sich selbst nicht, wenn sie etwas oder jemanden _sein_ lassen.

Meinen Retter* habe ich nach meiner Befreiung damals nie wieder gesehen.
Der Mensch, der mir vor mehr als 2 Monaten noch so dringend das Leben retten wollte, dass es für vertretbar erschien mir Polizei und Krisendienst nach Hause zu schicken, obwohl ich sagte, dass das nicht nötig ist- dass ich für solche Momente andere verbindliche Absprachen habe, hat sich seitdem nie wieder bei mir gemeldet. Muss ihn ja brennend interessieren, was er da so gerettet hat.

In beiden Fällen, war ihr Handeln etwas, das mein Gefühl für mich selbst in dem Leben, das ich führe, massiver verletzte, als die Umstände, in denen ich mich befand. Sie haben sich über mich zu RetterInnen* erhoben und dann als ich gerettet war, mich selbst bzw. meinen Schicksal überlassen. Als meine Lage keine sozialen Kekse mehr hergab, war ich abgehakt.

Und in beiden Fällen könnte eine Instanz kommen und sagen: “Frau Rosenblatt präsentierte sich mit einem Leiden an…”
Und nicht: “Frau Rosenblatt sagte… und ICH dachte….”

Inzwischen, jetzt wo mehr als zwei Monate vergangen sind, glaube ich, dass mich nicht nur die Enttäuschung über die Menschen schmerzt, sondern auch, dass sie von anderen Menschen darin bestätigt werden, während ich hören muss, ich hätte es ja nicht anders gewollt.
Ich aber, habe es anders gewollt.
Ich wollte damals nichts weiter als Wasser. Etwas Anderes war gar nicht in meinem Kopf drin.
Und vor zwei Monaten wollte ich nichts weiter, als dass Menschen ihre Versprechen an mich halten. Mehr war einfach nicht _da_ .

Ich habe mich nicht präsentiert, ich habe keine Forderungen formuliert. Ich habe die Ansprüche gestellt, die mir legitim und logisch nachvollziehbar erschienen und war bereit mich in dieser Annahme auch zu täuschen. Mein Umfeld aber, hat sich einen Scheiß um das geschert, was ich wollte und dachte, fühlte und konnte.

Und das ist, was Gewalt gebiert: Ignoranz (um des eigenen Vorteils Willen)

Niemand muss sich für RetterInnen*gewalt („helfende“ Gewalt) an sich bedanken, nur weil er oder sie oder *, diese überlebt hat.
Niemand.
„Sei dankbar um dein Leben und halt die Fresse über deine Gefühle“, kann man nur an Unterlegene richten.
An die, die man sich selbst zum Opfer macht.

Präsenz

glitzerNach jedem Artikel über häusliche Gewalt, über PartnerInnen*schaftsgewalt, gibt es mindestens eine Stimme, die davon redet, dass sich eine Partei als Opfer präsentiert.
Nein, obwohl- eigentlich keine Partei.
Eigentlich heißt es, dass sich Frauen* als Opfer von Männern* präsentieren. Weil sie sagen: Es gibt Gewalt an Frauen.
Frauen sagen: “Da ist Gewalt und Menschen (m)eines sozialen Geschlechterlabels erfahren sie.”
Der Kommentar sagt: “Frauen präsentieren sich als Opfer.”

Nach sanczny’s Artikel über männliche Anspruchshaltung im Internet habe ich darüber nachgedacht, welche Parallelen ich finden kann.
Ich fand für mich eine darin, dass immer wieder da, wo es um weibliche Präsenz in einem Kontext geht, von “Präsentation” gesprochen wird. Frauen (bzw. korrekter formuliert: “Diskriminierte”) sind nicht einfach nur _da_ , wenn Männer, oder um es differenzierter zu sagen: Menschen mit Definitions-Macht und damit Deutungshoheit (also “Diskriminierende”), sie wahrnehmen. Nein, “sie präsentieren sich”. Sie “stellen sich dar”.

Ich habe gerade einen Artikel geschrieben, für den ich mich intensiver mit der Geschichte der Medizin als Wissenschaft und damit einhergehend auch der Geschichte der Gynäkologie befassen musste.
Mir war nie so bewusst, wie inmitten all dieser Fallschilderungen, die sich auf Frauen bezogen, die an nichts weiter “litten” als an der Menstruation – die also einfach nur präsent waren und in entsprechend eher schlichten Worten von etwas berichteten, das mehr oder weniger regelmäßig präsent an ihnen selbst ist – wie krass sich die Deutung in Bezug auf Individuen verändert, wenn eine gewisse soziale Macht besteht, oder von einer Person als in sich manifestiert betrachtet wird.
So beginnen die Fallberichte immer wieder mit dem Satz: “Die Patientin präsentierte sich mit einem Leiden an…”, auch wenn diese Patientin gar nicht über ein Leiden sprach, sondern über ihre Wahrnehmung ihrer Menstruation, ihre Geburtswehen oder den Bewegungen eines Fötus in ihrem Körper und sich die Konsultation nicht in einer Zirkusvorstellung abspielte.

Mir erscheint nun klar, wie aus “Präsenz” eine “Präsentation” wird und warum.
Gerade in der Medizin ist klar, dass ein Humanmediziner kein Humanmediziner ist oder als einer gilt, wenn er keine Hominiden hat, an denen er herummedizinern kann. Sein Label ist hinfällig, wenn er niemanden hat, der es durch seine Merkmale bestätigt. Und mit dem hinfälligen Label auch die sozialen Kekse, die seine Sicherung in der Gesellschaft bedeuten.

Aus der Präsenz eines Individuums muss genau dann eine Präsentation werden, wenn man sein Handeln oder auch eine Deutungen/ Interpretationen und darauf basierenden Handlungen ihm gegenüber rechtfertigen muss oder begründen will.
In der Medizingeschichte hat manN von je her seine, zum Teil unfassbar grausamen Handlungen an Menschen, die weder in der sozialen/ gesellschaftlichen Position oder/ und in der allgemeinen körperlichen/kognitiven/psychischen Konstitution befanden (befinden) um sich zu wehren oder zu schützen, damit gerechtfertigt, dass ihnen gegenüber ein Leiden präsentiert wurde (wird) und damit implizit der Anspruch, auf dieses zu reagieren.

Eine gängige Rechtfertigung von Ausübenden von PartnerInnen*schaftsgewalt, körperliche Gewalt ausübenden PolizistInnen*, Gewalt ausübenden LehrerInnen* und ErzieherInnen*, PsychiaterInnen* und PsychologInnen* (Personen in gesellschaftlich/sozial oder auch nur von und für sich allein legitimierter Machtposition)  ist bis heute die Interpretation eines Verhaltens als präsentiert (dargeboten/ angetragen/ aufgedrängt/ aktiv oktroyiert) und damit aus der so rezeptionierten Nötigung zur Reaktion. “Ich musste meine Macht (meine Gewalt) nutzen, weil…”

Die Interpretation einer Anwesenheit eines Menschen macht also den Unterschied zwischen “existent, weil _da_” (Präsenz) und “existent, weil von BetrachterIn* wahrgenommen und rezeptioniert” (Präsentation)

Rezeption wahrgenommener Reize ist auch tragender Balken des Konsums und damit erklären sich erneut übergriffige und/oder gewaltvolle Kommentare unter Zeitungsartikeln oder auch Blogeinträgen.
In den Köpfen von Menschen, die es gewohnt sind, die Macht über Kontexte inne zu haben, kann und darf kein einziger Artikel, kein Film, kein Foto, kein Tweet, kein Facebookstatus einfach nur _da_ sein, weil Präsenz ohne Anspruch ist. Gegenkultur durch bloße Präsenz darf es für sie nicht geben, weil (re)präsentatives Gebaren allein etwas ist, was in der unseren etablierten Gewaltkultur als legitim angreifbar gilt.

Wir leben in einer Zeit, in einer Kultur, in der Gewalt anerkannt und je nach Machtverhältnis als “nötig” (weil abgenötigt durch (re)präsentative Gesten) oder “zu verurteilen”  (mittels Staats(gewalt)macht bzw. ihre Werkzeuge) ist. Aber _da_ ist sie immer. Gewalt ist das einzige Mittel der zwischenmenschlichen Interaktion, das ungehindert immer und überall präsent sein darf und selbst dann eine Legitimation erfährt, wenn sie sich (re)präsentiert.

Nun ist es mit Webpräsenz nichts anderes als mit physischer Präsenz von Individuen.
Nur, dass sich mit der Internetkommunikation Chancen für Diskriminierte ergeben, ihrer Präsenz mehr und dauerhafte Sichtbarkeit zu verschaffen und die Chancen steigen in dieser wahrgenommen zu werden.

Das Internet als Mittel der Gegenkultur ist beliebt, weil die Eigenmacht der Diskriminierten nicht direkt gekoppelt an die Legitimierung der Diskriminierenden ist. Natürlich ist sie das einige Stufen weiter sehr wohl, weil die Nutzung des Internet bis heute mit einer Reihe von Privilegien einher geht, die nur durch Legitimation der Diskriminierenden erfüllt werden können. Aber die kapitalistischen Interessen, die mittels Internet und bereits allein der Branche der Kommunikationstechnik verfolgt und befriedigt werden können, sorgen dafür, dass auch (gesellschaftlich/ staatlich gewollt) arme und unterversorgte Menschen für wenig Geld Zugang zum Internet bekommen und damit zu rechnen ist, das diese Art der Kommunikation in wenigen Jahren den gleichen Stellenwert wie Nahrung und andere Ressourcen hat und entsprechend gewährt wird.

So kann ich mir zum Beispiel auch erklären, wie es kommt, dass viele Menschen das Internet nicht als Kommunikationsmittel, sondern als Informationspool, als Supermarkregal, als Manege dessen, was sie haben dürfen auffassen: Gewohnheit und allgemeine Legitimation gewaltvoller Interaktion durch privilegierte Position.
Zum Anspruch wird diese Haltung des Konsum und der Vereinnahmung (Aneignung) genau dann, wenn diese Menschen über Menschen, die ihre Kultur, ihre Gedanken usw. eine Präsenz über das Internet verschaffen stolpern, die darauf beharren, dass es sich in ihrer Präsenz lediglich um eine Präsenz handelt- nicht um eine Präsentation für andere.

Die Gewohnheit ist:
„Ich nehme wahr, also wird mir etwas präsentiert”
„Mir wird präsentiert, also darf (muss) ich reagieren”
„Ich darf reagieren, weil ich über Mittel und Wege [Macht] verfüge, um reagieren zu können.”
„Es ist ein Angriff auf meine Persönlichkeit, wenn mir die Interpretation der von mir aufgenommenen Reize verboten bzw. als nicht erwünscht markiert wird, weil meine Position allein in der Macht begründet ist, die ich ausübe (wenn ich interpretiere).”
„Weil ich die Macht bin, darf der andere Mensch nur die Ohnmacht sein, doch sagen (sichtbar machen) darf es dieser Mensch nicht, weil es dann doch irgendwie verpönt ist, Macht über andere Menschen zu haben und also ergo Gewaltdynamiken für sich zu nutzen.”
„Weil der Mensch das aber sagt, poche ich auf mein Recht der Meinungsfreiheit, mische das mit Sexismen, Biologismen, Stigmatisierungen, Rassismus, Sozialdarwinismus, individueller Fehler des Menschen, die gesellschaftlich geächtet werden und so weiter und gebe so meiner Macht ein unumstößliches, durch allgemein legitimierte Abwertung gestütztes Fundament.”

Scheiße nur, wenn Gewohnheit in Frage gestellt wird, wenn der Mensch, an dessen Präsenz Anstoß genommen wurde, dann trotzdem noch _da_ ist, weil es ihm scheiß egal ist (sein kann, weil keine Verluste entstehen können), ob seine Präsenz von irgendwem anders als sich selbst und seinen persönlichen Werten legitimiert ist oder nicht und oben drauf auch noch die Macht hat, dem anderen Menschen schlicht keinen Raum zu gewähren.

Und noch ein Gedanke kam mir.
Repräsentanz kann nur von Objekten ausgehen. Von Symbolen.
Subjekte hingegen stehen für sich selbst und handeln eigenmächtig.
Genau deshalb denke ich, dass es HassfollowerInnen*, wie gewaltvoll kommentierenden SchriftenkonsumentInnen* nicht um mich als Person gehen KANN, wenn sie herkommen, über meine Texte, Bilder und Filme stolpern, die alle einzig für sich allein (und nicht für jemand anderen als mich allein) stehen und Gewalt an mir ausüben.

Sie ™ wollen (nicht: müssen) Gewalt ausüben, weil sie sich für mächtig halten und/oder von unserer gesellschaftlichen Gewaltkultur darin bestätigt werden, es zu auch tun zu können.

Werden wir* BloggerInnen*/ AutorInnen*/ Menschen, die über das Internet Inhalte mit der Intension einer Gegenkultur (einer Kultur ohne Gewalt) Präsenz (Sichtbarkeit) zu verschaffen, verteilen, also zu Symbolen (RepräsentantInnen*) beginnt die Dynamik der Gewalt bereits sich zu wiederholen.
Tragischerweise auch dann, wenn wir* über genau diese Dynamiken bloggen/ schreiben etc.

Dies würde bedeuten, dass wir* unsere Strategien für eine Gesellschaft ohne Gewalt, nicht mit Mitteln der aktuellen Gewaltkultur erstellen können.
Wir* müssten dabei nicht nur “außerhalb der Box” denken, wir müssten sie als Sondermüll markieren, komplett von uns als neue Gesellschaft abgrenzen und absolut autonom neben ihr weiter-entwickeln.
Sichtbar.
Präsent um des _Da_seins Willen.

 

Fortsetzung folgt

Hurra, ich bin nicht perfekt

P1010185Ich hatte gerade den wunderbaren Gedanken, dass ich nicht perfekt bin und es auch nicht sein muss, um respektiert zu werden.

Hintergrund ist mal wieder eine Forenauseinandersetzung, die mich durch ihre Entwicklung daran erinnerte, dass ich bei Twitter neulich von einem Menschen angetwittert wurde, weil ihm einer meiner Artikel nicht gefallen hatte.
Kann man machen- kann man auch in den Kommentaren machen, per Mail, bei Facebook und jetzt, wo ich auch einen YouTubekanal habe, sogar bei Google + und in den Videokommentaren.
Wer mir etwas sagen mag, kann das gerne tun. In aller Regel lese ich das dann und überlege mir, ob ich antworten möchte, oder nicht.

Der Mensch, der mich bei Twitter angeschrieben hatte, hatte sich vorher in einem Kommentar im Blog versucht und wurde nicht freigeschaltet.
Ich schalte grundsätzlich keine Kommentare frei, in denen auch nur der winzigste Hauch eines “selbst schuld” drin vorkommt. Einfach schon, weil mich solche Kommentare immer wieder dazu verleiten meinem Bildschirm “Ach, fick dich doch” zu sagen und der immer gar nicht weiß, womit er das nun verdient hat.
Außerdem lesen hier zum Teil andere Menschen mit komplexen Traumata in der Biografie und ich sehe das schon ein Stück weit als meine Aufgabe wenigstens diesem Tätertrick der Schuldzuweisung und Verdrehung hier keinen Raum zu bieten. Es reicht, wenn die Boulevardpresse vermittelt, dass dies eine moderate Art des Umgangs sei.

Dass ich diesen Kommentar nicht freigeschaltet habe, war für den Menschen dann eine Ausübung von Gewalt und oh Wunder was- ich hab mich gar nicht geschämt dafür – Badabamm!
Ich denke nicht, dass ich mich dafür schämen muss, wenn ich Menschen, die mir gewaltvoll begegnen und mir sagen, ich sei an erlebter Gewalt selbst schuld, keinen Raum in meinem Leben und auch nicht in meinem Blog gebe.
Das gehört zur Grundausbildung psychotherapeutischer Kliniken: Abgrenzung und Wahrnehmen des eigenen Raums, als schützens- und pflegenswert.
Ich denk, das hab ich fein gelernt und hier etabliert.

Es ist natürlich eine Ausübung meiner Machtposition, die ich hier inne habe als Autorin und Administratorin und damit natürlich eine Form der Gewalt.
Und für mich endet an der Stelle die Analyse der Situation. Wer weiter gehen will, kann das gerne bewerten, aber ich bewerte Gewalt nicht.

Badabamms
Gewaltopferblog ohne Gewaltwertung- ja gibt’s denn sowas.
Ja gibt’s.
Und zwar genau dort, wo Wertung als Privileg betrachtet wird.
Wenn ich werte, dann über die Auswirkungen, die Gewalt an mir und meinem Leben hat. Hochgradig subjektiv und auch so markiert.
Für alles Andere gibt es RichterInnen* und vielleicht auch G’tt.

Vorhin haben ein Twittli* und ich beschlossen, dass es das Wort “hassfollowings” gibt.
Soziale Netzwerke funktionieren darüber, dass jede/r immer alles vom anderen lesen kann, sofern man ihn/sie lässt.
Ich habe einen offenen Account und lasse lesen. Jeden.
Auch die, die sich vermutlich ein faszinierendes Magengeschwür über meine Unmöglichkeit, mein Böse sein, mein Nicht- so-sein- Nicht- so- denken- wie sie heranzüchten.
Eigentlich ist das selbstverletzendes Verhalten und bedarf psychiatrischer Behandlung. Aber bin ich diejenige, die das in die Wege leiten sollte, damit diese Menschen, die Hilfe bekommen, die sie verdienen brauchen?
Ich denke nicht.

Diese Menschen, diese Hass- oder irgendwasvorHassfollowerInnen*, werden einen Grund für ihr Verhalten haben.
Für dieses Ver-Folgen meiner Aktivitäten, obwohl sie sie nicht gut/richtig/schön/bereichernd/wichtig finden.

Ich kenne niemanden von diesen Menschen persönlich oder stehe ihnen sonst wie so nah, dass ich einen Einfluss auf ihr Leben jenseits des Zeitraumes, den ihr Konsum meiner Texte/Bilder/Filme einnimmt habe. Ich habe keinen Grund zu glauben, der Grund für ihr Verhalten hätte tatsächlich etwas mit meiner Person und meinem Sein zu tun. Also sehe ich mich auch nicht in der Position, die sich für den Grund ihrer Ablehnung interessieren muss.
Ich stelle mir das trotzdem manchmal so vor, dass ich für solche Menschen, wie einer dieser Pickel bin, die oben schon aufgekratzt sind, unten aber noch Eiter lagern und wehtun. Sie kratzen, pieken, stechen, ätzen, brennen an mir herum, auf das ich endlich weg bin- einfach, weil ich wo bin, wo sie mich nicht haben wollen.
Ich soll einfach weg sein, wenn ich schon nicht so bin/denke/agiere, wie sie das lieber von mir sehen würden.

Mich erinnert diese Art zu Denken an die TäterInnen. Hinbiegen und Brechen, bis es läuft- egal auf welche Kosten. Weil darum. Einfach so.
Ich selbst bin für diese Menschen nur ein Symbol für irgendwas.

Was ich an dem kurzen Twitteraustausch damals bemerkenswert fand, war erstens die Abwesenheit von Schimpfwörtern und zweitens die Abwesenheit von Überlegungen, was ich denn nun mit der Information des Nichtgefallens tun soll.
Ich schreibe Artikel nicht um, wenn mir kein neuer oder anderer oder sinnigerer Gedanke bzw. eine neue Ansicht auf den Text kommt. Und schon gar nicht schreibe ich Artikel, damit sie anderen gefallen.

Hier geht’s darum, dass ich und wir verstanden werden, weil wir Teile unseres (Er-)Lebens sichtbar machen.
Nicht, weil wir hier die Welt und das Leben erklären.
Dafür wende man sich bitte irgendwo anders hin.

Ist das nicht eigentlich sowieso klar?
Vermutlich nicht.

Auffällig erlebe ich nämlich auch immer wieder, dass nicht viele KommentatorInnen* wie dieser Mensch ein eigenes Blog haben (oder einfach nur nicht verlinken- warum wohl nicht?).
Ich bilde mir ein, dass BloggerInnen*/AutorInnen* untereinander irgendwie anders kommentieren. Mindestens aber immer einen Grundrespekt für die Arbeit des Anderen aufbringen können. Deshalb mag ich meine Twitterbubble und meine Blogosphäre auch.
Man kennt die Zweifel, die Freude, manchmal auch die Mühe, die man an und mit den Texten hat. Man kennt die dummdreistgemeinen Kommentare und den Flow, den ein ordentlicher Schreibfluss mit sich bringt. In dieser Umgebung muss ich nicht um Respekt für mein Tun bitten- der ist selbstverständlich da.

In der Umgebung der reinen SchriftenkonsumentInnen* hingegen muss ich mir eine Grenzüberschreitung nach der anderen gefallen lassen, weil ich öffentlich schreibe.  Als wäre Öffentlichkeit eine Erklärung zur Aufgabe sämtlicher Persönlichkeitsrechte. Als sei “öffentlich” gleich “Öffentlichkeit” gleich “Offenheit”.
Ich erwarte von solchen Menschen keine Dankbarkeit. Konsum kommt ohne aus.

Aber Respekt vor mir als Person und meinem Tun als etwas, das von mir kommt, aber nicht mich darstellt, darf ich erwarten.
Auch von denen, die meine Texte nicht verstehen, nicht mögen, nicht mit ihren Werten überein bringen können.

Und das ist das Wunderbarglitzrige an meinem Gedanken vorhin: Ich bin nicht perfekt und muss es auch nicht sein, um Respekt zu erhalten.
Letztlich geht es mir darum.
Vielleicht ist das im Grunde auch schon alles, was mich persönlich am Meisten an solchen Kommentaren stört.
Niemand kommt und sagt: “Hey geile Metapher, krasses Thema, aber ich finde dein Blog scheiße!” sondern immer und immer wieder: “Du bist scheiße, weil das Blog ist scheiße!”
Da wird mir lang und breit erzählt was ich alles für Fehler habe, aber was daran nun das Problem sein soll, wird nie gesagt. Ob es ihnen insgeheim peinlich ist, sich über klitzekleine Internetpickel wie mich aufzuregen?

Für mich ist es im Moment kein Problem scheiße zu sein, Scheiße zu labern und das auch noch Kraft meiner hier waltenden Macht als Admiss des Blog jeden weiteren Tag zu tun.

Ihr dürft jedes meiner Worte hassen, ihr dürft aber bitte gerne auch woanders respektlos sein.

 

Ich habe aber endlich mal wieder was Nettes über mich gedacht – und ihr ja nicht! Ätsch!

eine multiple Persönlichkeit ansprechen ~ Teil 2 ~

Bärlauch “Ich bin keine multiple Persönlichkeit”, hatte ich der Rechtsanwältin gesagt. “Ich bin eine Persönlichkeit mit einer dissoziativen Identitäts(wahrnehmungs)struktur.”. Kurz wurde ich unsicher, weil ich Angst hatte, ob ich zu forsch war. War dieses Gespräch der richtige Moment, um Multimythen zu sortieren?
Jetzt, wo ein paar Wochen vergangen sind, kann ich denken: “Ja, und einen besseren hätte ich nicht finden können.”.
Es ging mir darum zu unterstreichen, was aus mir heraus kommt und was von außen in mir reagiert. Ich wollte nicht schon wieder eine rechtliche Vertretung, eine Betreuung, einen sozialen Kontakt mit Auftrag, der mich in sich selbst genauso zerfleddert, wie es meine Selbstwahrnehmung mit mir macht.

Es hat auch mit der Frage zu tun “Soll ich dich im Singular oder im Plural ansprechen?” – mit dem Unsicherheitswust, der sich in Menschen auftut, die Interaktionswünsche haben. Verstehen wollen, Futter möchten, um sich einfühlen zu können.
Schmunzeln kann vermutlich nur ich über die Fragestellung: “Soll ich dich im Plural ansprechen?” , vielleicht sind auch Kopfschütteln und inneres Zusammenkrampfen nur auf meiner Seite, wenn es um den Umgang mit mir als Vielheit geht.
Ich versuche immer wieder zu unterstreichen, dass ich, wenn ich mit einem Menschen zu tun habe, immer ich bin.
Dass ich nicht einfach umschalten kann. Dass das niemand kann und bei mir nicht anders ist, als bei allen anderen, außer in der Selbstwahrnehmung bzw. in der Folge in der Wahrnehmung meines Selbstes von anderen.

Es gibt Menschen, die mein Erklärungsmodell meiner Abhängigkeit vom äußeren Kontext, eigener Erregungslevel und angepasster Neurophysiologie ablehnen.
Manche denken, dass es so ein Marionettenleben gar nicht geben kann- und wenn doch, mein Bewusstsein darüber doch alles verändern müsste. Das ist das Pinocchio – Modell, das übersieht, dass auch ein Pinocchio eine Holzpuppe blieb, bis er von einer anderen (äußeren übergeordneten) Instanz verwandelt wurde.

Manche verwechseln meine Erklärung dazu auch mit Rechtfertigungsverhalten. Sie denken: “Aha, für sie sind immer alle anderen Schuld, wenn sie die Kontrolle verliert”, selbst wenn das Wort “Schuld” gar nicht in meiner Erklärung auftaucht, sondern meine eigenen reflexhaften Anpassungsreaktionen beschreibt.

Manche geraten auch in eine Übertragung und fühlen meine Ohnmacht vor dem, was Leben und Alltag, Interaktion und Entwicklung, Veränderung und Dynamik zwangsläufig für mich bedeutet, und schwanken zwischen Blaupausenübertragung auf ihre Erklärungsmodelle (das wird dann gerne das Modell der verschiedenen sozialen Rollen, die alle Menschen in unserer Gesellschaft inne haben und mehr oder weniger gut spielen, und daraus, dann die “Überzeugung”, dass alle Menschen multipel sein müssen) und Abwehrverhalten, das ebenfalls mit einer Verquerung meiner Angaben einher geht und in den meisten Fällen gesellschaftlich anerkannte Wege der Unterdrückung geht (“Du willst dich nur besonders machen”; “Du willst dich nur deiner Verantwortung entziehen”; “Du willst nur Mitleid/ Aufmerksamkeit/positiven Status”).

Ich hatte versucht der Anwältin klar zu machen, dass es ein spezifisches Reaktions- und Interaktionsmuster gibt, das sie an mir erleben würde, würde sie mich anwaltlich vertreten. Ich weiß inzwischen, was es für Situationen sind, die zum Beispiel kindliche oder handlungsunfähige Innens nach außen wirken lässt und versuchte ihr zu vermitteln, was ich brauche, damit solche Situationen nicht in unserem Kontakt entstehen.
Ich erlebe zum Beispiel als einen massiven Auslöser, dass es eine Nähe gibt, die mehr als eine Sachebene umfasst.

Wir haben zwischenmenschliche Gewalt erfahren- selbstverständlich ist menschliche Nähe ein Auslöser.
Keine andere Art der Gewalt hat so viele Kontextverknüpfungen, Querverweise und Knotenpunkte- so einen Mikrokosmos aus Interaktion aus Aktion und Reaktion, die sich sowohl in den Opfern als auch in den TäterInnen einfügen, verfestigen, weiterentwickeln, wieder ablösen und weitergetragen werden können.
Mein Problem ist einzig, dass ich oder/ und mein Gehirn oder/ und mein Bewusstsein keine Chance hatte, etwas vom Erlebten zu verknüpfen (assoziieren).

Wenn ich mit der Rechtsanwältin einen sachlichen, wenig persönlichen, nicht privat beeinflussten Kontakt gestalten und erhalten kann, dann gibt es dort auch keine Innens, die unsachlich, hochemotional, privatverquickend sowohl reagieren, als auch selbst agieren.
Es wird schwierig an der Stelle, an der ich ihr etwas hochgradig Persönliches, wie von der Struktur meiner Selbst- und Umweltwahrnehmung erzählen muss, damit sie die Problematik meines Falls versteht.
Sie muss begreifen, dass ich ihr das erzähle, damit sie Krankenakten, Amnesie für Gewaltabläufe und unterschiedliche Bewertungen (und entsprechend auch vielleicht widersprechende Angaben) einordnen kann- nicht, damit sie in ihrer Art und Weise mit mir umzugehen anders ist, als gegenüber anderen MandantInnen.
Würde sie das tun, wäre unsere Sachebene zerstört und damit das Spektrum, das es mir ermöglichen würde einen konstruktiven Interaktionsraum zu gestalten. Ich könnte dann nicht mehr zurück- egal, wie sehr ich es wollte.

Ich finde es wichtig, Menschen, mit denen ich mehr als “Hallo” und “Tschüss” wechsle, zu sagen, dass ich eine DIS habe, weil es dabei um meine Identität und meine Wahrnehmung von ihr geht. Schwierig erlebe ich dabei, dass es immer wieder so ist, dass Menschen sich gezwungen sehen darauf mit Selbstbezug zu reagieren und darauf aufbauend ihre Interaktion verändern, ohne sich zu überlegen, ob das überhaupt gewollt oder wirklich immer nötig ist.

Neulich hat meine Therapeutin angerufen. Ihre erste Frage war mit wem sie spricht- obwohl  es, selbst wenn jemand ans Telefon gegangen wäre, der sie nicht kennt (oder, den sie nicht kennt), irrelevant für den Umgang mit der Information und ihren Konsequenzen gewesen wäre.
Das “Wer ist da?” ist wichtig für Informationen, die aus uns herauskommen- nicht für Informationen, die in uns hineinkommen. Zumindest erlebe ich das so, weil mit dem Hintergrund des Innens, das Informationen äußert, auch bestimmte Bewertungen, Dynamiken, soziale etc. Kontexte bzw. die Annahme bestimmter Kontexte transportiert werden, die für die Sortierung des Gesagten wichtig sein können. Sowohl für mich, als auch für die Menschen, von denen ich auf meinem Weg begleitet werde.

Die Frage “Mit wem spreche ich?” ist ein Mittel der Versicherung und hat mit mir nichts zu tun, sondern nur mit dem Menschen, der sie stellt. Bei meiner Therapeutin oder auch bei BetreuerInnen, erlebe ich diesen Akt von Versicherung auf Kosten meines Gefühls von Sicherheit noch einigermaßen okay, wobei ich in der Hinsicht auch nicht unkritisch bin. Ich empfinde es manchmal, gerade in Zeiten, in denen ich mich sehr viel verletzbarer als sonst fühle, gut, nach Außen nicht sofort in meiner Identität lesbar und damit zusätzlich verletzlich zu sein. Wenn dann die Frage nach meinem Namen kommt, wird das schnell zu einem Abwägen in der Frage: “Gebe ich jetzt mein bisschen Schutz zu Gunsten eines Sicherheitsgefühls meiner Therapeutin/ Betreuerin auf? Was habe ich davon, wenn sie sich sicherer im Umgang fühlt?”

Während ich wunderbar eingewaltet bekommen habe, wie viele “Vorteile” (selbst)sichere HelferInnen, psychologisch/psychiatrisch/medizinische Deutungshoheiten für mich bieten, habe ich in Bezug auf Menschen, die mit mir auf einer Ebene stehen, bereits wechselnde Erfahrungen machen können.
Inzwischen interagiere ich flexibel mit anderen Menschen und erkläre Ihnen mein Modell der Ansprache:
Singular = Gegenwart
Bewertung, Selbstpositionierung entspringen einem Moment innerhalb eines spezifischen Kontextes- zu einem anderen Zeitpunkt und in einem anderen Kontext, kann es sein, dass mein Körper etwas anderes sagt
Plural = allgemeine, ganzheitliche Verortung in Zeit, Raum, Kontext

und erkläre ihnen meine “Faustregel”: je mehr (von mir wahrgenommene) Ebenen der Moment hat (Kontext, Anspruch und damit Druck an mich reagibel zu sein), desto höher die Wahrscheinlichkeit mit mehr als einem Innen zu tun zu haben, die nicht zwangsläufig nach außen erkennbar sind und noch weniger zwangläufig durch Veränderung von Ansprache, Haltung etc der InteraktionspartnerInnen in ihrem Wirken gehindert und/oder beeinflusst werden können
(Wichtig ist, dass mein Gehirn zulassen kann gegenwärtige Situationen als “auch anders als früher nötig zu begegnen” zu erkennen – dabei spielt natürlich auch eine Rolle, welche Reize es von den InteraktionspartnerInnen aufnimmt, doch sämtliche andere Faktoren (Erregungslevel, äußerer Kontext, klare “Beweise” für Selbstwirksamkeit zum Beispiel) spielen eine gleichrangige Rolle)

Ich versuche zu vermitteln, dass die Frage nach dem Namen eines Innens manchmal unverhältnismäßig für mich ist.
Nur weil klar ist, dass ich als Mensch viele Ichs, viele Leben und Erlebens in mir trage, heißt das nicht, dass andere Menschen ein Recht auf Kenntnis davon haben- schon gar nicht für die Beruhigung von Ängsten, die sie ohne dieses Wissen gar nicht hätten.
Ich weiß es nicht genau, aber ich denke mir, dass meine Therapeutin nichtmultiple KlientInnen “Wie siehts aus- passt der Anruf gerade?” fragt. Eine Frage, die ich erst gestellt bekomme, nachdem ich mich (für mein Gefühl) schutzlos gemacht habe.
Hm.
Manchmal finde ich es gut, weil ich dann lernen kann, dass mir von ihr nichts passiert, das Schutz nötig macht und manchmal ärgere ich mich darüber, dass ihre Hilfe oder der Kontakt mit ihr, sehr oft mit Gefühlen von Schutzlosigkeit auf meiner/ unserer Seite einhergeht.

Bei der Juristin war es mir auch wichtig, ihr den inneren Schluss (und damit ein Verantwortungsgefühl) zu lösen, sie hätte es mit vielen Menschen zu tun.
Auch wenn nur ein Mensch vor ihr steht, hätte sie sonst das Gefühl mit einer Gruppe zu interagieren, obwohl es keine Gruppe in dem Sinne ist und ergo auch nicht gut/richtig/passend auf ihre gruppenentsprechenden Interaktionsmuster reagieren wird, was wiederum nur Gefühle von Ohnmacht, Frust, Hilflosigkeit, Unsicherheit und damit ein unbefriedigendes Verhältnis zur Folge haben kann, was dann wiederum für mich schwierig wäre, weil ich mir dann eine andere Anwältin suchen muss.

Neulich hatte ich einen Emailaustausch mit einem Menschen, dessen Mensch an der Seite multipel ist. Er klagte darüber, dass die Innens sich nicht vorstellen und immer einfach so auftauchen und ihn mal nett behandeln und mal ablehnend. Mal tauche einfach so ein Kind auf und sage nicht, wie es heißt und was es hat und niemand von den anderen Innens käme dann, um ihm zu helfen.
Ob ich ihm nicht vielleicht ein paar Tipps geben könnte, wie er sie dazu bringen könnte, anders zu agieren und ihn nicht immer so allein zu lassen.

Vielleicht merkt man schon ein bisschen, wie eigentlich übergriffig, die Wünsche dieses Menschen sind, der sich eindeutig ohnmächtig, ausgeliefert hilflos und in der Position sieht, regulierend eingreifen zu müssen, weil er nicht multipel ist.
Er sieht sich gar nicht im Kontext aus dem heraus Wechsel passieren, sondern als Objekt des multiplen Menschen, das behandelt wird – nicht als Subjekt auf das reagiert – mit dem interagiert wird.

Ich fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, die Wechsel erst einmal zu verstehen, statt sie gleich irgendwie abzuschaffen, verändern oder zu seinem Gunsten beeinflussen zu wollen. Außerdem versuchte ich ihm ein bisschen zu vermitteln, dass die Wechsel eventuell aus einer anderen Perspektive sogar genau nur für das wofür er steht passieren. Nur eben nicht in unserer heutigen Gegenwart und aus der Sicht von Erwachsenen im konsensualen Verhältnis zueinander.

Und ich sagte ihm, dass Multiple keine Persönlichkeitssupermärkte sind.
Man geht nicht einfach zu jemandem hin und sagt ihm: “Jetzt wechsel sofort in den Zustand, in dem du warst als…”. Niemand macht das- außer die Menschen, die von Multiplen verlangen, jetzt mal mit Innen XY sprechen zu dürfen.
Ich sage nicht, dass das unmöglich ist. Aber eine Übergriffigkeit ist es alle mal- egal, ob nun im positiven Sinne für den betroffenen Menschen, etwa, weil man statt eines verängstigten Kinderinnens ein handlungsfähiges erwachsenes Innen sprechen will (einen unangenehmen Zustand beenden möchte) oder für sich selbst. Etwa, weil man keine Lust darauf hat, sich die x-te Schleife von Innen XY anzuhören und lieber mit Innen AB Spaß haben will.

Seit ich diese Grenze spüre, kann ich gut mit einem anderen Innen wechseln, dass sich jedes Mal (und das sehr zuverlässig) darüber aufregt, wenn es irgendwo hinter mir wabert und merkt, dass da jemand außen gerade meint, in unserer Persönlichkeit herumlatschen und Forderungen stellen zu dürfen, anstatt zu überlegen, warum eben gerade nicht das da ist, was er gerne haben möchte oder sich für uns als Einsmensch wünscht.
Dann kriegt das Außen einen Wechsel, wie verlangt (reaktives Muster: “Du musst machen, was andere verlangen”, das sich verschärft, wenn es eine Autorität verlangt) und trotzdem nicht das, was sie wollen (antherapiert wie ansozialisiertes Muster: Selbstschutz- sie kriegen die Feuerlöwin unter den Rosenblatts vor die Nase und sind froh, wenn sie weg ist –> Schutz durch Verhalten, das Menschen eher abstößt, als bindet).

Die Folge ist also eine verdeckte Spaltung und damit kein Umlernen von alten Spaltungsdynamiken, sondern eine weitere Spaltung, die sich an aktuellen Anforderungen orientiert. Und ja: Wer einmal so global dissoziiert, dass eine DIS entsteht, der kann immer und in allen Kontexten Dissoziationspotenzial freisetzen, um sich zu schützen.
Das Dissoziieren und Viele werden- mehr werden, endet nicht mit den traumatisierenden Gewalterfahrungen.
Die Spaltung passiert ja auch nicht wegen der Gewalt, sondern wegen dem, was die Gewalt bedeutet, nämlich: erzwungene Passivität, die das eigene Überleben massiv gefährdet und/oder das Individuum sein eigenes Überleben massiv gefährdet fühlen lässt.

Und “massiv gefährdet” ist als Grundgefühl eben genau das, was andere Menschen bis heute in uns auslösen. Wir haben Menschen als das gefährlichste Tier auf diesem Planeten verinnerlicht und freundliches Gebaren immer wieder an Bedingungen geknüpft erlebt.
Bedingungslose Annahme erfahren wir noch nicht lange und bis zum gegenwärtigen “mit einem skeptischen Blick aus einem Augenschlitz aus weiter Entfernung mal Angucken und Annehmen, dass es sich dabei nicht um einen Trick handeln könnte- eventuell vielleicht- hypothetisch!”, dauerte es Jahre.

Eine dissoziative Identitätsstruktur zu haben heißt in gewisser Weise, permanent eine Sektglaspyramide auf einem Tablett zu balancieren, während man, vielleicht auch noch mit einem erkrankten, geschädigten, gleichfalls immer wieder reagierenden Körper, einbeinig die Alpen überquert, wie dereinst Hannibal mit seinen Elefanten.
Man kann nicht einfach mal ein Glas verschieben, damit irgend ein Bergsteiger, der einem begegnet es im Kontakt vielleicht bequemer hat. Das Mittel der Wahl ist immer genau das Glas zu reichen, das abgetreten werden kann. Ist es nicht gut genug und wird gefordert ein anderes zu reichen, kann alles kippen- es muss nicht- es kann aber und jemand der schon 20- 30 Jahre lang eine Gläserpyramide balanciert hat, der wird einen Scheiß tun, das für irgendjemanden als Risiko auf sich zu nehmen.
Im Zweifelsfall wird ein neues Glas entstehen, ohne dass es jemand merkt.

Vielleicht ist es ein Paradoxon, wenn ich hier viele Punkte anbringe, die eigentlich jede Kontaktaufnahme, jede Interaktion als für mich extrem heikel und gefährlich markieren und zeitgleich aber darauf beharre, dass das keine Veränderungen im Verhalten der Menschen hervorbringen muss bzw. dass das kein Ziel von mir ist.

Mein Ziel ist, den Blickwinkel zu erweitern und Raum für Bewusstsein zu schaffen.
Im Grunde ist es eine Art zu sagen: “Du, weißt du was? Menschen machen mir Todesangst und ich reagiere so und so darauf – nur, dass du Bescheid weißt. Ich lerne noch, wie Leben ohne direkten Grund zur Todesangst geht und sicher passieren mir dabei „Fehler“. Ich sage dir das, weil du ein Teil meines Lebens und meiner Lebensumgebung bist und vielleicht meine „Fehler“ im Lernprozess bemerken könntest.”

Manchmal erlebe ich es als schwer den Menschen begreiflich zu machen, dass ich sowohl sie, als auch mich, als auch mein Leben als Einsmensch fragmentiert (dissoziiert) wahrnehme. Dass einfach niemand und nichts “mein Leben ist”, aber alles und jede/r * ein Teil davon ist, der mit einem Teil von einem “Gesamt- Ich” zu tun hat.

Manchen Multiplen hilft es, wenn jedes Innen mit Namen und Eigenschaft(en) bekannt ist und alle individuell, als ganz und gar abgetrennte Menschen behandelt werden.
Ich erlebe das als Kontrollverlust, weil es eine innere Spaltung nach außen holt (und also von meinem Innen ablöst), während mein Bemühen eigentlich ist, keine Spaltungen mehr entstehen zu lassen und Abgetrenntes näher aneinander heran zu führen.
Manchmal auch über einen Umweg nach Außen- etwa in der Therapie, doch in der Regel bevorzuge ich mittelbare Äußerungen, die ich nicht aus der Hand geben (anderer Menschen Wertung, Umgang, Machtausübung aussetzen) muss, um sie zu verändern und sachte und vorsichtig von selbst an die Stelle gleiten zu lassen, an der sie dann näher oder anders gut stehengelassen werden können.

Vielleicht ist meine Art des Umgangs falsch oder auch nicht für jeden Menschen passend.
Vielleicht haben wir hier den epischen Durchbruchartikel, der alle Einsamkeiten und Verlassenheiten in meinem Leben erklärt.

Vielleicht ist es aber auch etwas, das Menschen, wie dem Leser, der mir schrieb, weil er unsicher war, hilft, jemanden der Viele ist ein bisschen besser zu verstehen, oder mit ihm darüber ins Gespräch zu kommen, was für ihn selbst wichtig und wahrnehmbar ist.
Mir war es wichtig, meine Gedanken dazu noch einmal festzuhalten.