weiter nichts

BlattimBach2 Ich spüre ganz genau diesen vertrauten Schmerz.

Wie sie sich von mir abtrennt, meine Haut vom Sein reißt, sich in die Ränder einwickelt und Schleifen an die Ecken bindet.

Wie sie meine Muskeln bluten lässt, mit jedem erbarmungslosem Schritt diesen Berg hinauf, hinunter, die Kilometer unter sich ablaufend.
Durch die Sonne, mit dem Wind, in Gedanken, die keine sind.

“Dann sag ich nichts mehr dazu. Dann ist das so. Egalegalegal…”. Mit jedem Schritt ein Egal mehr. Ein Wollen weniger.

JoggerInnen, FahrradfahrerInnen, andere SpaziergängerInnen sprengen die Blase um sie herum und lassen das tragende Stakkato in ihrem Kopf zittern, wie Gräser in der Brise.

Sie setzt sich an das Rinnsal, das ihre Stadt an Wasser zu bieten hat.
Schluckt, atmet, streicht dem Hund Insekten aus dem Gesicht.
”Alles ist gut”, kreist es in dem Raum den ihre Schädelknochen bilden.

Weiter nichts.

Bis die Sonne untergeht.

Bis die Tränen ins Nimmermeer fließen und mein Sein wieder bekleiden.

mit ÄrztInnen reden

Himmel Noch immer gehen wir fleißig zur Zahnärztin und lassen uns das Dresden ‘45 in unserem Mund kernsanieren.
Ich bewundere die Ärztin für ihr handwerkliches Geschick und die Geschwindigkeit mit der sie so präzise arbeiten kann. Ihre Assistentinnen sind alle nett.

Manchmal schaffen wir es auch kurz zu reden.
Dann wirds schwierig.

Ich glaube, sie hält mich für einen Menschen der “empfindlich” ist. Schublade: “rohes Ei”. Ob ich nun dahinein gehöre oder nicht, stelle ich jetzt mal dekorativ in eine nicht so ferne Ecke, denn obwohl Fingerspitzengefühl sehr wichtig für mich ist, ist es nicht, worum es mir geht, wenn ich mit meiner Zahnärztin, oder auch meinem Augenarzt oder anderen MedizinerInnen über mich spreche.

Mir fallen nicht viele Gelegenheiten ein, die so viele subtile Trigger neben dem offensichtlichen Machtgefälle von BehandlerIn- PatientIn, in sich tragen. Es ist schwierig sie sofort als solche wahrzunehmen, es ist schwierig sie zu benennen und selbst, wenn das geklappt hat, heißt das noch lange nicht, dass meine BehandlerInnen auch wissen, was das bedeutet und welcher Umgang damit für mich hilfreich ist.

Ich bleibe mal bei meiner Zahnärztin, die mich nach der letzten Behandlung fragte, was denn ein “Flashback” ist. Wie sie sich das vorstellen kann.
Bei mir machte die Frage drei Wellen:
1) Woa geil- sie fragt nach.
2) Woa scheiße- sie fragt nach.
3) Wo fange ich denn jetzt an?

Das Gute an Medizinstudien ist das Grundstudium. Wenn ich von Hippocampus und Amygdala rede, wird neben “Pferdeparade” und “Star Wars Prinzessin” sicherlich auch “Gehirn” als Assoziationselement von irgendwo aufploppen. Manchmal liegt das Studium aber auch sehr weit zurück, dann versuche ich es mit “allgemeiner Stressphysiologie”.
Ich erklärte ihr, dass mich manchmal Gefühle, die mit früheren traumatischen Erlebnissen zusammenhängen so sehr überrollen, dass ich nicht mehr so genau weiß, ob sie in aktuellen Umständen begründet sind, oder früheren, weil ich diese Erfahrungen noch nicht integriert habe. In solchen Momenten reagiert mein Körper wie damals, nämlich hochgradig gestresst, was sie als Behandlerin wissen muss.

Ich sagte ihr, dass mich der ganze Besuch bei ihr grundsätzlich schon stresst und in einen Alarmzustand versetzt, der entweder in “Ich nehme alles und jede noch so winzige Mikrobenregung um Faktor 100 deutlicher wahr- habe einen hohen Blutdruck, eine niedrige Schmerztoleranz und geistige Leere” oder in “Ich fühle nichts, ich habe nichts, ich bin das Nichts aus Nichts gemacht” kippt.
In der Interaktion nach Außen- nämlich mit ihr- ist das relevant, denn sie kann mir schon zu Beginn helfen diesen Stress zu regulieren, so dass wenigstens mein Kopf wieder mit mindestens dem Grund meines Kommens gefüllt ist.

Meine Zahnärztin und ich werfen uns dazu Schnackphrasen, die belanglos aber herzlich sind, zu.
Das ist für mich und mein Innenleben ein gutes Signal für “Jupp- hier ist- bis auf die Trigger, die mich an Altes erinnern werden, was ich aber schon weiß und entsprechend reagiere- alles tutti.” Wo gewitzelt wird und Lächeln unwillkürlich ist, da ist in der Regel auch alles tutti. (Neue Lebensweisheit- das hatten wir kurz nach dem Gewaltausstieg so noch nicht etabliert!)

Es ist auch relevant für sie, um mein Verhalten und meine Empfindlichkeitsschwankungen einzusortieren.
Für andere BehandlerInnen ist es ebenfalls relevant zu wissen, dass meine Stressverarbeitung nicht so funktioniert, wie bei Menschen ohne komplexe Traumatisierung in der Biographie.
So schwanken diverse Werte, die an der Adrenalin und Cortisolausschüttung hängen und beeinflussen so die Beurteilung des eine Diagnostik versuchenden Menschen. So ist der mentale Status nicht stabil und so schwankt auch die Absorption von Medikamenten und damit wiederum die Wirkweise auf dem gesamten Spektrum der erwünschten, der unerwünschten und der “habichnochnievongehört”- Wirkungen.

Eigentlich sehe ich mich als Patientin nicht in der Position, meine BehandlerInnen darüber aufklären zu müssen, was relevant für ihre Diagnosefindung bzw. den Weg dahin ist. Ja, eigentlich finde ich es ein Unding, dass MedizinerInnen von ihren PatientInnen an die Funktionsweise des Gesamtorganismus (mit individueller Biographie und Lebensweise) erinnert werden müssen und diesen Kontext nicht von Haus aus klar haben. Mal abgesehen davon, dass die meisten* PatientInnen das selbst nicht einmal wissen.

Meiner Zahnärztin bin ich in der Hinsicht auch fast ein bisschen böse, denn eigentlich hat sie alles Wichtige in meiner Akte stehen, wie ich neulich feststellen konnte.
Als wir zu ihr kamen, wohnten wir in einer Schutzeinrichtung für weibliche Jugendliche. Es ist eine Pseudoepilepsie vermerkt. In den 10 Jahren, die wir uns kennen, hat sie mein Körpergewicht von niedrig auf hoch, auf mittel auf hoch, auf niedrig auf mittel schwanken gesehen, in Zeiträumen, bei denen sogar die WeightWatcherfraktion die Kinnlade wieder einsammeln geht. Da steht, dass immer eine Nervbetäubung passieren muss.
Ich bin da schon so oft “plötzlich” in Tränen ausgebrochen, konnte nicht sprechen und bin völlig “weggebeamt” da in der Praxis herumgetaumelt, konnte Beschwerden nicht linear formulieren und habe kein konstantes Bissprofil… und trotzdem kam ihr wohl nie der Gedanke, dass das Elend in meinem Mund eventuell vielleicht etwas mit einer chronischen Essstörung … ganz dezent vielleicht eventuell rein theoretisch begründet in einem Trauma zu tun haben könnte.

“Nunja, sie ist ja auch Zahnärztin und nicht Psychologin”, könnte nun argumentiert werden. Doch das ist in meinen Augen ein Trugschluss, denn die Psychologie sagt ja nichts weiter als: “Da gibt es eine Essstörung- begründet in traumatischen Erfahrungen, die es zu verarbeiten gilt, um die Schädigung von Körper und Seele als Folge zu beenden.”, meine Zahnärztin arbeitet sich gerade genauso an der Reparatur diverser Schäden ab, wie meine Psychotherapeutin und – so ich denn endlich mal die Chuzpe dazu habe, mir eine zu suchen- meine Hausärztin.

“Wer Schäden repariert, der weiß woher sie kommen”- alte HandwerkerInnenweisheit

Als Patientin kläre ich meine BehandlerInnen aus einem gewissen Antrieb des Selbstschutzes oder auch der Selbstfürsorge auf, wenn diese sich willig zeigen, mit mir eine Ebene zu halten, die sich um mein Wohlbefinden und mein Heil-werd-en dreht. Sitze ich vor jemanden, dem es um Definitionsmacht oder auch nur um viel Geld für wenig Aufwand auf meinem Rücken geht, bleibe ich zur Akutversorgung und suche mir jemand anderen für die Weiter- und/oder Nachsorge.

Komme ich zu einem Arzt oder einer Ärztin, bin ich schon unter Stress, weil ich mich erklären, klar bis durchsichtig machen muss, was für mein Gehirn soviel bedeutet wie “Achtung Gefahr- du bist existenziell bedroht”. Es sind die Fragen:
Wer sind sie?
Was haben sie?
Was wollen sie von mir?

die in der Übersetzung für mich bedeuten:
Ins Schwimmen kommen
Rutschen
Abstürzen

Die Art Gewalt, die ich erfuhr, war keine Naturgewalt oder etwas das einfach so halt passiert ist.
Die Folgen von zwischenmenschlicher Gewalt sind spezifisch und für jede Sparte “BehandlerIn” relevant.
Mein Ich-gefühl ist diffus bis nicht existent.
Mein Körpergefühl schwankt massiv.
Mein Umgang mit sowohl subjektiv als auch objektiv wahrgenommener Autorität schwankt zwischen absoluter Unterwerfung (von “mach alles, was du willst” bis “du brauchst gar nichts für mich wertloses Ding machen”) und genauso absoluter Abwertung (von “ach du hast doch keine Ahnung!” bis “Nu komm ma- gib mir mal besser den Rezeptblock”).

Als sinnig hat sich für mich herausgestellt, meinen BehandlerInnen im Voraus zu sagen, dass ich massive Gewalterfahrungen mit Menschen gemacht habe (genauso ausgedrückt) und entsprechend gestresst, vielleicht auch ängstlich bin, wenn ich bei ihnen in der Praxis ankomme. Dass ich eventuell nicht so klare Angaben machen kann, wie sie gebraucht werden und, dass ich mehr Zeit in Anspruch nehmen muss, als die 10 Minuten Durchlaufzeit, die sie eventuell gewohnt sind, um diesen Pegel runter zu regulieren. Ich mache ihnen klar, dass ich das kann bzw. gelernt habe; dass ich sagen kann, wenn ich etwas von Ihnen brauche, das mir dabei hilft. Dies hat sich bis jetzt als positiv herausgestellt, um nicht in die “einmal Opfer- immer Opfer” Schublade hineinzufallen und als total inkompetent vor der eigenen Lebensrealität zu gelten.

Für viele (Viele) klingt das nach “Raum einnehmen”, “sich wichtig machen”, “sich etwas (heraus)nehmen”, “schwer/umständlich sein” und oft kommt die Frage nach der Berechtigung dessen auf.
Eigentlich brauchen ÄrztInnen die PatientInnen, denn ohne wären sie nur Menschen mit sehr teuren Zetteln in der Tasche.
Wir PatientInnen spüren unsere Berechtigung für einem respektvollen und positiven Ich- zentralen Umgang nicht immer sofort, weil wir ja in der Regel in Not zu ÄrztInnen kommen. Ein Zustand, der als solcher für Gewaltüberlebende schnell zum Ablauf alter Reaktionen führt und auch allgemein als etwas gilt, in dem Anstand oder Etikette nicht den gleichen Rang haben, wie normalerweise. Not ist eben nicht die Norm.
So ist es wichtig, sich ganz genau alle Fakten einer aktuellen Not heranzuholen, die nicht an den Menschen gebunden ist. “Menschen sind nicht allmächtig, auch wenn sich das gerade so anfühlt/ sich dieser Mensch so verhält, als sei das so.”, sage ich mir dann immer. (klingt simpel- macht aber trotzdem mächtig “Ping”, wenn man sich das in dem Moment von Kopf zu Herz zu Seelenfitzel weiterreicht, während man da im Behandlungszimmer sitzt).
Es ist wichtig zu wissen, ob es sich nach sterben anfühlt, weil es ein Sterben ist oder, weil eine Erkrankung, die vorbei gehen wird, dieses auslöst.

Ja, es ist ein Akt von “Raum einnehmen” und “umständlich sein” und ja, auch “sich wichtig machen” und das ist völlig okay so.
Ich weiß, dass ich mehr Raum einnehme, wenn meine BehandlerInnen mich als Patientin durch Exitus verlieren, weil ihre Behandlung relevante Faktoren meiner Anamnese nicht berücksichtigte. Ich weiß, dass die Umstände, die ich anderen für 20 Minuten in einem Arbeitsalltag bereite, die Folgen der Umstände sind, unter denen ich 21 Jahre zu leben gezwungen war. Und ich weiß, dass meine Behandlung nicht wichtiger oder weniger wichtig werden darf, im Vergleich zu den anderen PatientInnen, die mein Arzt/ meine Ärztin betreut. Mein Bemühen um eine gute, respektvolle Zusammenarbeit gehört in den Bereich PatientInnenpflichten, denen ich zustimme, sobald ich anerkenne, dass ich mich mit jemandem umgebe, der Pflichten als praktische/r MedizinerIn (oder allgemeiner: BehandlerIn) nachkommen muss.

Meine Zahnärztin und ich sind nun also auf dem Level von: “Ach- es gibt sogar einen Namen für dein Zittern und Starren und nichts sagen können? Spannend- erzähl mal!”.
Nach 10 Jahren kommt das irgendwie spät und ganz streng betrachten will ich auch gar nicht erst, dass sie mich fragt was das ist, anstatt sich selbst um eine Fortbildung zu kümmern. Ich weiß nicht einmal, ob es so gelagerte Fortbildungen für ZahnmedizinerInnen gibt. Aber gut.
Ich kann sie gut leiden, sie “mag mich gerne leiden” und also suche ich ein bisschen Infomaterial zusammen, das sie weiterbringt und letztlich mir die Behandlung meiner Zahnruinen weniger stressauslösend macht.

Hätte ja auch was, nicht jedes mal schon am Tag vorher gegen Angstwellen anzukämpfen, kurz vorm Termin keine Drogen nehmen zu müssen und den Rest des Behandlungstages nicht in die Tonne treten zu müssen.
Genauso, wie es für sie sicher etwas hat, wenn sie Frau Rosenblatt nicht mehr ganz so arg, wie ein rohes Ei durch die Behandlung balancieren muss.

Niemalskind

Sie hat einen einzigen Begriff von sich und das ist ihr Name.
Ihr Sein ist erst etwa 9 Jahre benennbar, was ein Drittel des Körperlebens ist.
Die  Familie erinnert sie nur schwach in direkter Dynamik und trotzdem stellt sie eine der letzten Bastionen zur Verfechtung ihrer Unschuld. Redet noch immer von der Hoffnung auf ein “alles wird gut” und weiß nicht einmal, was genau sie damit meint.

Für sie sind die Eltern Namen auf die sie zusammenzuckt und überprüft, ob sie nicht doch gerade schon wieder in einem dieser furchtbaren Jugendamt- Arzt- Therapeutengespräche sitzt, die letztlich die Wehen ihrer Geburt waren. Diese Inquisitionen des Sozialsystems; der Seelenobduktion in Form einer Show um Leben und Tod; der Weichenstellung auf Gleisen deren Ende weder wählbar noch relevant sind.

Für sie wohnt die Familie auf dünnen Papieren in einer Zigarrenschachtel, aus der sie ab und zu in schwarzen Wolken herausquillt und in wirren Schatten um sie herum und durch sie hindurch wallt. Die Eltern in schwarz/weiß, DDR und frühe 90er- Chic, die Geschwister noch immer Kinder.

Sie würden es immer bleiben, wenn wäre, was sie nicht wahrgewesen werden lassen will.

Ein Eingeständnis ist ihr Urteil zu lebenslang Niemalskind sein.

kiste2

monströs

Es gibt so viele Möglichkeiten, Menschen für den Rest des Lebens die Botschaft mitzugeben, dass sie es nicht verdient haben, Grundbedürfnisse erfüllt zubekommen, sobald sie etwas tun, was einen anderen Menschen verärgert/ ängstigt/ schmerzt/ bloßstellt/ nicht bestätigt.
Ein Grundbedürfnis ist der Kontakt zu anderen Menschen, zu Nähe, zu Wärme- dieses eine kleine Fünkchen, das um Mehrsamkeit versichert.

Egal, wie stark, wie mutig, wie autark und unabhängig das Handeln sein kann- das erste Geräusch von einem anderen Menschen, das sich an einen richtet und über das Dasein auf Erden in Zeiten und Sphären bewusst und versichert sein lässt,
– es ist ein verdammt großes Himmelreich in dem Zeppeline mit der Aufschrift: “Ja, du bist am Leben” herumfliegen, das Licht, das einem in die Augen schießt, irgendwas zwischen Glitzer und ätzender Säure ist und die Luft nach Freiheit schmeckt- egal, woraus sie besteht.

Es ist der Moment, in dem es die Chance auf einen Anfang gibt. Ein besseres; ein lieberes; ein artigeres; ein gleicheres Sein möglich ist. So eine Chance, sein Überleben durch Vollständigkeit der Optionen seine Grundbedürfnisse zu erfüllen noch sicherer zu machen.
Das Alte, Böse, das Monster, das man wegsperrte, von sich schob, mit dem Gesicht in die Zimmerecke stellte; auf die stille Treppe setzte; aus dem Klassenzimmer verwies; ins Gefängnis, in die Psychiatrie, ins Heim schickte, dem man jedes Gespräch, jede Klarheit, jedes (An-) Recht verweigerte- das ist ja weg.
Das bleibt da in seinem Käfig, als Kokonrest aus dem ein Schmetterling geschlüpft ist.

Als wir gestern im Gang des Ausweichzugs standen, in ein Abteil hinein starrten und den freien Platz darin nicht in Anspruch zu nehmen wagten, wurde mir klar, dass Isolation ein Sterben mit seinen 5 Phasen ist: Verleugnung, Wut, Verhandlung, Depression, Akzeptanz, und das auch noch viele Jahre später.

Am Ende ist so viel akzeptiert, dass alles okay ist, was nicht auch noch die Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung auf physischer Ebene eingrenzt.
So wird der Umstand ein Monster zu sein- auf immer und ewig- ohne Chance auf ein Sein als Schmetterling, zum Preis für ein physisches Überleben, das in einer unendlichen Schleife in Frage gestellt wird, durch die Befreiung noch vor Ende des Prozesses.

Genau deshalb meide ich Abhängigkeiten.
Genau deshalb ist meine mutigste Tat, mich an andere Menschen zu wenden und darauf zu verlassen, dass diese mir sagen, was ich tun kann/ darf/ soll/ muss, wenn ich es nicht weiß. Entweder, weil ich manche Dinge noch nie gemacht habe, oder weil mir (uns als Einsmensch) Lebenserfahrungsqualitäten fehlen.
Ich weiß, was ich machen muss, damit mir die Füße nicht weh tun- wie man sich stellen kann, wenn man tagelang irgendwo stehen muss. Ich weiß, wie man warm wird, wenns eisig ist; weiß, dass verhungern lange dauert; weiß, wie Durst in ganze, halbe und viertel Tropfen eingeteilt werden kann. Ich kann Dinge überleben, von denen andere Menschen hoffen, sie nicht einmal in Filmen sehen zu müssen.

Ich bin mit meiner Wut in die Freiheit gekommen.
Und jetzt fühlt es sich an, als hätte der Mensch, der mich fand ein Monster raus gelassen.
Ich kann nur Wut und Verhandeln.
Sowas will niemand und stößt es deshalb von sich.

Daran haben wir haben uns angepasst. Wir sind viele und können entsprechen.
Da sind Innens, die leugnen Bedürfnisse, akzeptieren alles und fragen ins Innen, ob sie so gefährlich sind, dass sie sterben sollten. Denken darüber nach, wie ein Sterben möglichst unauffällig und am Außen vorbei passieren kann- genauso, wie da Innens sind, die in Menschen immer “die Guten” sehen, die nett sind, sich kümmern, Klarheit um Umstände möglich machen.

Wir sind viele und genau deshalb bleibe ich wohl immer dieses Monster, das besser niemals raus gelassen worden wäre.

MonströsIch hab mich zu verpissen. Bin Affekt, bin bescheuert und nicht in der Lage Probleme zu erfassen- das einzige Problem ist ja, dass ich wütend bin. Schön mal beruhigen, dann kommt schon ein anderes Innen raus und man kann einsehen lassen, dass es ja gar kein Problem gibt- verhandeln hieße, etwas einzugestehen und ach- von wem ist das denn bitte abzuverlangen?

In meinem Innen gibt es mein Gefängnis noch.
Ich finds tröstlich, dass ich mich, wenigstens für mich allein, immer wieder einsperren und befreien kann.

Allein. Autark.
Monströs stark.

morgen vor einem Jahr

Drahtzaun2 Es gibt nicht viele Brücken, wo sie wohnt. Nicht viele, die passen.
Und nur eine, auf deren Mitte der Wind so pfeift, wie sie es mag. Mitten ins Gesicht, die Haare wild herumwirbelnd, ohne Stadtgestank mit sich zu tragen.

Der Regen platscht ihr auf die Lider, die Wangen, die Stirn.
“Morgen vor einem Jahr…”, raunt es an ihren verspannten Augenbrauen vorbei, “weißt du noch?”. Federn rascheln.

Sie lächelt durch das Gewisch vor ihren Augen und die wirbelnde Leere in ihrem Kopf. “Netzfeministisches Kampfbier… ja.”, sie haucht ein Lachen in die Windchen um sich herum. “Dass ja dann erst mal gar nix wurde, weil One Billion Rising und alles, mich hatte zerfallen lassen… Es war so furchtbar kalt”.

Sie wartet, bis die kleine Gruppe Menschen an ihr vorbei gelaufen ist.
Steigt über das Gitter.
Setzt sich in die Bepflanzung.
Zieht die Nase hoch.

“Diesmal habe ich eine wasserfeste Jacke. Und wasserfeste Schuhe.”, sie betrachtet den Satz und schmeißt ihn zurück die Tiefe, aus der er hochgequollen kam.

“Wir werden hingehen. Hm?”, sachtes Stubsen auf die Schulter.

Sie nickt stumm. Lässt sich beregnen.
Die linke Hand von der Eulenhandpuppe wärmen.
Auf die Straße, nur wenige Meter unter sich, starrend.

“Ja, ich geh hin. Zeig auf die Gewalt… die anderen passiert. Klar.”.

im Kreise gehn

Kugelblüte2.2 Die Bilder klebten wie Patina auf der Realität und obwohl sie sich zusammenzog und verkrampfte, war der Zug auf ihren Gelenken zu spüren.
Sie legte ihre Hände auf die Fäustchen, die sich unter dem Menschenkostüm verbargen und fuhr mit den Schilderungen des Heute über den Schlamm des Früher.

Sie erzählte vom Atmen und der Freiheit, vom Vorbei und Werden. Wachsen und stark sein.

Sie schauten einander an und während die Eine, obwohl verstoßen und zurückgezerrt, die eigene Position bewahrt, starrte die Andere im Zweifel über die Echtheit ihrer Anwesenheit über das angeleuchtete Gesicht und die schlagartig von ihr durchbohrten Hände.

“Leg dich ruhig wieder hin”, lächelte sie, während sie sich durchstach, im Versuch den Menschen auf die Matratze des Bettes zu nageln.
“Ich krieg das schon hin.”

Und sie kriegt es hin. Immer wieder, Tag für Tag.

Lächeln, sterben, auferstehen.
Vermeiden, erinnern, im Kreise gehn.

Multimythos Teil 5: von Multiversen und anderen Abstraktionen

Blasendunkel Was auch immer wieder gut kommt, sind beeindruckende Landschaften. Innere wenn möglich.
Multipelsein hat ja schließlich auch irgendwas mit System zu tun. Mit Persönlichkeitssystem halt.
Also fliegen in meiner Mailingliste immer mal wieder innere Landkarten von einzelnen Menschen herum und bewegen mich.

Zum Einen, weil das, was ich da sehe manchmal echt Stoff für eine Abwandlung der Buddenbroocks oder ein Schema für den gesamten Identitätenauflauf in dem Multiversen von Pratchett oder auch Walter Moers’ Zamonien sein könnte und zum Anderen, weil es mich als jemand ohne so ein umfassendes Bild über oder von seinem Innenleben, wie jemand “ohne Beweis” da stehen lässt.

Es gibt diesen naja- Halbmythos- der von einem linearen “je mehr, desto mehr” ausgeht und entsprechend riesengroße Systeme aus dem Innen zur Folge hat.
Was da dran ist, weiß ich nicht- es sind individuelle und subjektive Selbstinventuren.
Fakt ist: es gib die These der strukturellen Dissoziation und diese stützt sich darauf, dass sich die Spaltungstiefe bzw. der Umfang der Spaltung verändert bzw. spezifiziert, je häufiger es zu traumatischen Situationen kommt, in denen dissoziiert werden muss, um einen Informations/Reizoverload zu verhindern.
So sagt die These auch, dass dissoziative Strukturen entlang bestehender (und neurobiologisch angelegter) Notwendigkeiten entstehen. Sie sind also am Überleben des Individuums orientiert.
So stelle ich mir mein “System” auch eher wie einen Schaltplan vor: Wird an einer Stelle zu viel Strom reingejagt, springt die Sicherung an und leitet den Fluss an die Stelle, die damit umgehen kann oder weniger Verluste zur Folge hat, wenn sie versagt.
Die Systeme in meiner Mailingliste sehen da anders aus und so komme ich zu meiner Dauerschleife: “Abstraktion ist nicht gleich Dissoziation”.
Es gibt Menschen, die sich innere Rollenspiele oder auch ganze innere Welten erschaffen, um mit (durch ein Trauma zu begründende) Überforderung zurechtzukommen.
Sie dissoziieren aber nicht, sondern abstrahieren.
Abstraktion ist auch “Entfernung”- aber eben nicht “Trennung”.
Eine Entfernung zu generieren hat etwas mit Bewusstsein zu tun- man kann nur von sich halten, was man an sich dran hat.

Für mich spielt der Mythos in der Ecke der Alltagsgewalt und seinen Leidvergleichen.
Je mehr Gewalt, desto  mehr Innenleben, desto mehr Leid, desto mehr Verpflichtungsdruck auf dem Außen, sich dessen anzunehmen- sei es mit Aufmerksamkeit, Fürsorge, Mitgefühl, Halt.
Ergebnis: Sicherheitsgefühl durch Bindung- Verbundenheit

Die Realität der Folgen von Mensch-gegen- Menschgewalt hat aber eher die Kette:
Je mehr Gewalt desto mehr Unterwerfung/ desto weniger Bindungssicherheit, um mehr Innenleben zu verhindern, um weniger Außendruck in Bezug auf sich zu empfinden, um zu überleben.
Ergebnis: Sicherheitsgefühl durch Trennung- Autarkie

 

Ressourcen:
eine Folie von Michaela Huber zur Theorie der strukturellen Dissoziation
ein Text von der Internetseite “Traumatherapie Ruhr”, der die strukturelle Dissoziation näher erklärt
ein Artikel zur Alltagsgewalt

egalegalegal

Ich spürte wie sich meine Muskeln zusammenzogen und noch während ich nach meinen Taschentüchern suchte, klappte es mich in der Mitte zusammen und ich erbrach mich mitten im Niesen.
Ich hatte keine Zeit durchzuatmen. Wollte nur alles schnell noch erledigen, mit NakNak* rausgehen und dann ins Bett.
Die Therapiestunde, meine Gedanken, die Fetzen, die an meinem Bewusstsein entlang flogen, das ganze Kranksein aus mir heraus pusten. Ja, wenns geht, auch aus mir heraus erbrechen.

Ich bezahlte meine Rechnungen mit einem D-Zug-Scheuklappendenken von: „egalegalegal Ich brauche sowieso nichts- mir gehts gut- ich hab alles, was ich brauche- alleallealle können Geld haben, dass ich nicht hab- ist egalegalegal“ und stolperte durch die Stadt zu einer Gemögten.
Ging rein, spuckte meine reduzierten Sätze heraus. Ohne Tränen.

Ich ging in den kühlen Gegenwind und dachte an Schmiedekunst.
Betrachtete NakNak* dabei, wie sie sich in den  Wind stellte und ihre Nase wackeln ließ.

Jetzt mit der Erkältung wird mir mein Kämpfen bewusst. Mein Gegenankämpfen und mein zähes Nachlassen dabei.
Meine Kontextlosigkeit darin.

Meine Gemögte kam zu Besuch und bot an, doch nicht in der kalten Küche zu sitzen. Ich spürte, wie ich wieder zu zerlaufen begann. Wie ich mich anstrengte und doch nicht mehr im Kopf hatte als: “Ich habe kein Sofa.”.
Mit dem nächsten Niesen, tropfte ich in dicken roten Tropfen aus meinem Körper heraus.

Sie fragte mich, ob sie mich berühren dürfte; ob sie mir einen Waschlappen in den Nacken legen dürfte und ich dachte nur wirres ungeordnetes Zeug. Stand vor meinen Gedanken und Impulsen und wusste nicht, welcher der Passende war. Sie schaute mich an und ich wusste, dass sie gleich wieder einen dieser Sätze sagen würde, der mich in der Mitte zusammenklappt und irgendetwas aus mir heraus fallen lässt.
Statt sie reden zu lassen, nieste ich, hustete, krampfte. Vor meinem inneren Augen fuhr ich alle meine Panzerstacheln heraus und bohrte sie gnadenlos durch sie, durch mich, durch die Zeiten.
Irgendwie, durch diese ganze Welt.
Egalegalegal

Sie fragte meinen Namen mitten in mein allumfassendes Krampfkämpfen hinein und legte mir die kleine Wärmekisseneule an den Handrücken.
Sie sagte, ich bräuchte grad nicht so zu kämpfen, ich solle atmen und versuchen es zu lassen. Alles kommen und gehen lassen. Die Wärme fühlen und mich etwas entspannen.

Ich hatte mich in meinen Korbsessel gesetzt und drückte die Eule an meine Brust, lauschte dem Rauschen vom Kühlschrank neben mir und betrachte sie beim Schmusen mit Naknak* auf der Küchenbank. Sie fragte, ob es ginge und ich dachte nichts weiter als, dass es natürlich geht.
“Ich glaub, ich bin zu stark fürs schwach sein”, war dann alles, was mir rauskam.

Sie schaute mich ernsthaft an. Besorgt. Sterbezimmerblick.
Egalegalegal
Ich hielt meine Eule fest. Atmete.
Dachte an “Es wäre leichter, wenn das alles nicht wahr wäre.”, überlegte, ob es wahr werden könnte, wenn ich es für wahr nehmen würde- auch wenn es nicht wahr sei.

Und irgendwo am Rand meines Bewusstseins kroch ein Kind in ihren Schoß, ließ sich den Rücken kraulen und erzählte von Boo dem Eulenküken im Computer.

Multimythen Teil 4: Übermächte

Bläschen4klein Was nicht fehlen darf in der Vita der Mythenmultis meiner Mailingliste ist eine steife Brise Horrorfilm, vermischt mit irrationalem Gängstertum, dass sie jeweils wie einen Roboter immer wieder in ihre Hände laufen lässt.

Ne- klarer Fall: “Mythenmultis haben nie eine Chance, haben keinen eigenen Willen- ach gar nichts Eigenes- deshalb sind sie ja multipel geworden, um äh… naja das Eigene … äh äh… hm…   SATANISMUS!!!”

Ich schreibe hier im Blog nicht so viel über diesen Themenkreis “rituelle Gewalt”, “Satanismus” und “Programme”, weil ich die Verknüpfung zum Multipelsein damit als überpräsent empfinde, obwohl rituelle Gewalt als (hm- ernsthafte Frage: geht “Auslöser” an dieser Stelle?) für eine dissoziative Identitätsstörung bei “nur” 10% liegt, was sich mit meinen Kontakterfahrungen deckt. Der Großteil der Menschen mit DIS, die ich inzwischen direkt oder indirekt kennengelernt haben, erfuhren massive Gewalt auf allen Ebenen in erster Linie durch die eigene Familie (bzw.. als Substitut auftretende Menschen), brachiale inhumane Behandlung in medizinischen Kontexten und durch organisierte Ausbeutung.
Natürlich gibt es da Vermischungen und ein noch größerer Anteil der Multiplen (und ich zähle mich mit dazu) wissen es einfach nicht so genau, so dass sie sich kein Etikett auf die Umstände ihrer Störung*sentstehung kleben können oder wollen.

Amnesien sind schwer nachzuspielen oder zu überzeichnen, genauso, wie sie zu verbergen sind- insbesondere vor Menschen, die darauf achten, um ein Häkchen hinter Diagnosekriterien zu machen.
Amnesie bezeichnet einen Zustand von Unkenntnis. Unkenntnis über sich selbst entsteht in aller Regel durch Unbewusstsein.
Unbewusstsein markiert also entweder einen Zustand von fehlender Assoziation (also Dissoziation) oder einen Zustand von “noch nie drüber nachgedacht/ reflektiert/ zu Reflektion gebracht worden sein”, durch “noch nie danach gefragt worden sein”.
Das ist einer der Punkte, die dissoziative Störungen so schwer nachzuspielen oder korrekt zu spiegeln macht.
Gesucht wird das, was eben nicht da ist- nicht das, was fehlt. Es ist nicht die Anwesenheit von Fehlleistungen oder Fehlern, sondern deren Abwesenheit in Anbetracht des Fehlens von Grundinformationen.
Das ist eine andere Logik und genau deshalb so mythenüberladen, weil – ja, tut mir leid- es einfach doch eine gewisse intellektuelle Kapazität braucht, diesen Dreh zu machen. Wo Unerklärliches ist, da sind Mythen. Und wo ein Multimythos ist, wird vergessen, was eigentlich nicht gewusst werden kann.

So komme ich zu der Stelle an der ich mindestens verdutzt bin, wenn mir, zum Beispiel in besagter Mailingliste, Menschen schreiben, dass sie dieses und jenes erlebt haben, programmiert wurden und ja auch sowieso jede Nacht abgeholt werden und deshalb auch nichts tun können von dem, was ich ihnen von meinen Erfahrungen beim Abbruch von Täterkontakten berichte.
Es gibt dort zu viel Anwesenheit von Assoziation.

Es ist das Eine eine dissoziative Störung vorzutäuschen, wenn man denkt, das Umfeld würde einen als Menschen nur dann annehmen und vielleicht auch von echten TäterInnen und echtem Leiden befreien- das Andere ist zu perpetuieren, dass die DIS vor dem Hintergrund ritueller Gewalt zu einer absoluten Ohnmacht vor einer Übermacht führt.

Auch die Nutzung des (christlich fundierten) Framings um Satanismus und Okkultismus, destruktive Kulte und Sekten, als das absolut Böse und Verachtenswerte- durch und durch Ablehnensnötige, empfinde ich an der Stelle als manipulativ, um das Schlimme noch schlimmer und am Allerabsolutschlimmsten vor der Gesellschaft ™  ausweisen zu können. Als würde es nicht reichen, weniger außendimensionale Gewalt erfahren zu haben und in sich selbst mehrdimensionale Folgen zu spüren.

Deutschland ist eines der Länder, in denen die Zwangschristianisierung ein nicht unerhebliches Gewaltkapitel ist. Niemand kann sich hier freisprechen von einer Etablierung des Christentums als Normdominanz (siehe Christ-demokraten, gesetzliche Feiertage, Pseudotrennung von Kirche und Staat etc. etc. etc.). Ergo wundert es mich nicht, dass ich bis jetzt noch keinen Mythenmulti ohne rituellen Gewalthintergrund des Satanismus erlebt habe.
Welches Framing könnte sicherer sein, als eine breite Ablehnung satanistisch motivierter Gewalt in einem christlich genormten Umfeld?

Der Multimythos der omnipräsenten und übermächtigen TäterInnen hat natürlich einen wahren Kern.
Es ist ein wichtiger Teil von „man made- violence“, das Opfer genau das glauben zu lassen und mit diversen Mittel auch in dem Glauben zu halten. Nur sind diese Gesten in aller Regel weitaus weniger spektakulär, als es der Mythos vom überaus aktivem Täter, der alles Mögliche tut, um ein einziges (aus der Reihe getanztes) Opfer wieder ranzuholen erzählt.
Organisierte Gewalt funktioniert nur, wenn sie gut organisiert ist. Und gute Organisation baut auf minimalem Aufwand für maximalen Erfolg.
Und so lange das organisierte Verbrechen ™, seit Generationen etablierte Kulte und Sekten; genauso wie die einzelnen GewalttäterInnen in Privathaushalten oder Institutionen  noch darauf bauen können, das Berichte von  Überlebenden, individualisiert, heruntergespielt, einer wahnhaften Störung entspringend oder eben von einem Mythenmulti kommend betrachtet werden können- so lange können sie sich getrost zurücklehnen und im Zweifelsfall eben davon ausgehen, dass sich ihr Opfer selbst das Leben nimmt, weil ihm nicht geholfen wird, nicht geglaubt wird, weil es gelernt hat das tun, weil es keinen Fuß zu fassen schafft, ohne die Funktion des Opfers, weil es von (spiritueller) (Sinn-) Krise zu Krise taumelt etc. etc. etc.

Falls es bis jetzt noch niemandem aufgefallen ist: Jeder Multimythos basiert auf genau dieser Macht-Ohnmachtsdynamik und darauf, sich in gar keinem Fall daraus bewegen zu können. Kann es etwas geben, was näher an der Wiederholung einer Gewaltsituation liegt, als das? Stichwort: Traumaschema – Michaela Huber hat in ihrem Buch “Wege der Traumabehandlung” sehr ausführlich dazu geschrieben.

In meiner Mailingliste wird nicht einmal das thematisiert.
Dort krallt man sich an diesen Inhalten fest: Über- Macht (sehr böse, sehr entmenschlichend, sehr abzulehnen) vs.. Über- Ohnmacht (absolut unschuldig, absolut entmenschlicht (zumindest im Sinne von “alle programmierte Maschinen, sobald es drei Mal klingelt”), absolut anzunehmen <— übrigens auch etwas, das auf diesem christlichen Framing aufbaut: bedingungslose Nächstenliebe).

Ich will auf keinen Fall sagen, dass es das alles nicht gibt.
Jeder Mythos hat einen Kern. Doch meistens ist es der Subtext, um den es geht und der noch viel zu oft nicht gehört wird und mich auch immer wieder darin bestärkt, auch in Mythenmultis Opfer von Gewalt zu sehen und zu versuchen ihnen zu begegnen.

Multimythen Teil 2: “Manchmal trauen wir uns nicht, uns zu zeigen”

Subjektive Empfindungen und Wahrnehmungen anderer Menschen lass ich auch diesmal wieder unangetastet.
Ich denke mir, dass jede/r sagt, was er oder sie sagt, weil er/ sie es sagen will/ kann/ darf/ muss/ soll. Einen Grund gibts immer.

Wie das Wechseln so richtig funktioniert, habe ich selbst bei mir noch nicht raus. Ich weiß, dass es etwas mit meinem Stresslevel zu tun hat, der wiederum abhängig ist von meinem Außen mit all seinen Reizen.
Ich weiß, dass ich manches Wechseln beeinflussen kann und manches überhaupt nicht.
Doch niemals (wirklich niemals!) habe ich in meinem Kopf gesessen, während ein anderes Innen mit der Umwelt interagierte und dachte darüber nach, ob es mir denn jetzt genehm ist/ ich mich traue “raus zu kommen”.
So eine Sicht auf das Leben mit DIS ist so geil fürs Fernsehen oder Comics oder die Art Kunst, die ich selbst manchmal zum Ausdruck von Gefühlen, inneren Impulsen oder mir irgendwie fremden Gedankenwechseln, benutze. Das ist Abstraktion, hat aber mit – zumindest meiner- Lebensrealität so mal gar nichts zu tun.

Die Diagnose der DIS markiert ein Ende eines ganzen Spektrums von dissoziativen Störungen* und ehrlich gesagt habe ich schon ein paar Mal gedacht, dass die DIS als Diagnose eine ähnliche Konstruktionsweise wie andere Syndrome hat.
Es ist nicht A nicht B nicht C allein- es ist alles gleichzeitig und doch nicht kontinuierlich und gleichzeitig nie ganz weg.
Wer fühlt sich bei so einer Bauart nicht doch irgendwie dezent an Schizophrenie oder Borderline als Diagnosekonstruktion erinnert?

Alle Menschen dissoziieren in einem gewissen Maß (das ich aber ehrlich gesagt so noch gar nicht gefunden habe- Literaturhinweise bitte gerne in die Kommentare).
Ob sie Derealisieren, während sie gerade zur/m Wettrennenersten gekürt werden; ob sie Depersonalisieren, weil sie gerade Zeuge von Gewalt werden; ob sie auf Autopilot laufen, und sich im Nachhinein nicht mehr bewusst erinnern können, wie genau die Strecke aussieht, die sie jeden Morgen zur Arbeit fahren oder, ob sie nach einem außergewöhnlichen Ereignis grad noch der Lebensbegleitung sagen, dass sie jetzt gehen und dann für Stunden, Tage, Wochen, Monate als jemand anders irgendwo anders ein völlig anderes Leben führen- alles das sind dissoziative Erlebnis- bzw.. Wahrnehmungsweisen, die in das Spektrum der dissoziativen Störungen fallen.

Wenn die Menschen sich von diesen Wahrnehmungen gestört (und ergo belastet) fühlen, können sie sich das schriftlich von einem Arzt geben lassen und so eine Chance darauf bekommen in einer (Psycho-)Therapie daran zu arbeiten nicht mehr davon gestört zu werden oder- vielleicht als eine Art Trostpreis: sich nicht mehr davon gestört zu fühlen.

Eine Grundlage ist aber immer eine Abwesenheit von Bewusstsein (welches sich in aller Regel auf Assoziation als mehr oder weniger objektiv funktionaler Ablauf stützt). Was dissoziiert wird, ist in dem Moment nicht bewusst- was eine ernsthafte und tiefe Wahrnehmung von zum Beispiel Schamgefühl und Ratio ausschließt- was wiederum etwas ist, was ein “sich nicht trauen rauszukommen” ausschließt.

Ich kenne Momente, in denen ich prophylaktische Schamgefühle habe, weil ich Impulse wahrnehme, die mich beschämen und die ich mich deshalb nicht traue zu äußern.
Das ist irgendwie so ziemlich jede Therapiestunde oder andere Situation in der jemand mich so mittelmäßig stresst, dass ich mehr Impulse wahrnehme, gleichzeitig aber auch immer größere Entfernung von mir selbst bzw. von als zu mir Gehörendem spüre.

Klassiker unter den Stressfragen: Wer bist du? Was willst du?
BÄNG! Selbstdarstellung, Zentrum auf dem Ich, raus aus dem diffusen für sich selbst irgendwie mit klitzekleinen Leuchtkegeln markierten Selbstgefühl und genauso schlagartig der Reflex in die Unterwerfung, die Kampf oder Fluchtbereitschaft
Auf solche Fragen- diese Art Stress- reagiert mein Gehirn schneller als es das Licht schafft einen Schatten zu produzieren. Da bin ich für mich inzwischen und vor mir selbst jedenfalls schon richtig gut, wenn ich es schaffe, nicht gleich zu dissoziieren, sondern eben erst mal Selbstregulation zu betreiben und diese Vorannahme von “diese Art Stress = es geht um Leben und Tod” a) zu bemerken und b) mit der Realität abzugleichen.

Scham und ein Zögern haben nicht die Vorannahme von “es geht um Leben und Tod” sondern : “Es geht um die Art meiner Wirkung im Außen”.
Das ist auch Selbstdarstellungsstress und Stress aufgrund des Selbst im Schlaglicht, aber das ist eine ganz andere Gangart von ein und dem selben Batmobil.

Dieser Multimythos kommt aus der Grundannahme, der Begriff “multiple Persönlichkeit” sei ein Synonym für “Unterschiedlichkeit in Verhalten und Wirkung” bzw.. dem Schema von einem Menschenfleischsack mit gleichgroßen völlig autark herumgetragenen Menschen, die wenn sie keine Lust mehr auf das Wandeln in ihrer eigenen Welt drinnen haben, ab und zu mal einen Ausflug in die Welt des Außen machen und sich auf dem Weg dorthin noch überlegen, was sie dafür anziehen, damit sie am Ziel einigermaßen okay aussehen und sich nicht zum Spaten machen.

Wenn das alles so einfach wäre… hach multipel sein wär so toll und einfach.
Wenn es so wäre, würde man sich nicht oder (so denke ich mir das zumindest) nicht so sehr gestört fühlen, dass man zum Arzt rennt, sich ein Stigmakärtchen auf die Stirn tackern lässt und dann zum therapeutisch wertvollen Werkzeugkasten greift um an seinem Ich herumzuschrauben.

Es wäre halt multipel sein – exklusive Dissoziation auf dem äußeren Spektrumrand… also nicht multipel sein… und genau deshalb so was von verdammt wünschenswert für die eigene Lebensqualität.