Arbeiten und Leben

“Es wär so schade, wenn’s an der Arbeit scheitern würde…”.
Es ist die Nacht auf den ersten Mai und zum ersten Mal seit immer, seit… sitzen wir am Computer.
Wir lesen uns durch die offiziellen Webseiten kanadischer Behörden und Informationsportale und die Realitäten, die unser Auswanderungsvorhaben als fester Grund von Anfang an begleiten, verwandeln sich Seite um Seite mehr in flüssigen Beton.

Vorgenommen hatten wir uns nur, ein Jahr wenigstens mal zu gucken und zu probieren.
Das ist schon krass genug eigentlich. Die Kohle dafür müssen wir ja auch erst mal haben.
Aber bleiben zu können, wäre schon auch gut, wenn es uns dort gefällt.

Tja. Aber dann. Die Wirtschaftskrise hat auch Kanada getroffen. Die Arbeitslosenquote liegt in manchen Provinzen sogar deutlich über der in Deutschland.
Komisch, wie man globale Dinge von konkreten Orten zu dissoziieren vermag.
Es gibt Jobs, die sind immer gefragt. Ärzte, Techniker, Lehrer, Arbeiter fürs Grobe.
So künstlerischer Killefit wie das, was wir gerade lernen, hat keine eigenständige Entsprechung.
Künstler_innen sind allgemein nicht gesucht.
Sie werden konkret angefragt. Als Selbstständige nämlich.

Selbstständigkeit erfordert aber Kohle. Und Kraft. Und Mut. Und Kraft. Und Kohle.

Zwischendurch lehnen wir uns zurück und spüren dem Wasser aus der Flasche im Mund nach.
“Es muss uns ja nicht gefallen. Wir können ja nach dem Jahr mit woofen und rumgucken auch wieder zurück und …”.
Irgendwie tröstet der Gedanke. Und macht auch traurig.
Denn hier würde es doch nicht anders sein.

Was hier anders wäre, wäre Hartz 4 und der Umstand kein Newcomer oder Geflüchtete_r zu sein.
Und der Sumpf aus „Nicht so sicher sein können, wie auf einem anderen Kontinent“.

Hier kommen wir eben auch nicht an Kohle und Mut und Kraft und Mut und Kohle und Kraft.

Einen Moment lang spüre ich seinen Blick auf unser Leben und die Dinge in unserer Wohnung.
Ich merke seine Auffassung von uns als pulsierendes Ding inmitten von toten ersetzbaren Dingen. Sein Gefühl für Bewegungsbereitschaft und Unverbundenheit mit dem, was wir als alltägliche Rätselratereien in unserem Leben haben.

“Ich kann auch einfach gehen.”. Er weiß, dass er das kann und wir wissen, dass er das schon gemacht hat.
Dass wir das schon oft gemacht haben.
Weil wir das konnten und können. Hier in Deutschland, in Europa.
Wo man keinen Pass braucht und weiß, dass man in der größten Not nicht weit von jenen ist, die eine_n kennen.

Wir scrollen uns immer weiter und finden viele Anzeigen für Feldarbeiten.
Gutes Minigehalt, keine Bildungsansprüche, täglich körperlich harte Arbeit.
Ansparen kann man so einem Gehalt sicher nichts. Nebenbei irgendwas erschaffen, das für Nebeneinkünfte sorgt, auch nur eher schwer.
Aber hey – Mushroompicker. Das ist doch ein Job, den wir in dem Kanadajahr mal probieren könnten.

2017 ist das erste Jahr, in dem mir richtig bewusst wird, dass der erste Mai nicht nur unser Lebenstag ist, sondern auch Tag der Arbeit bzw. der Arbeiter_innenkampftag.
Über unser Arbeitsdilemma hüben wie drüben, verschärft sich auch mein Blick für das Dilemma, in dem wir uns vor 15 Jahren befunden haben:
Weder hier noch da, wird es leichter sein. Nur die Sicherheiten verändern sich.

Neulich dachte ich, dass wir vielleicht doch schauen, als sich selbstversorgende Aussteiger_in irgendwo nur zu arbeiten und zu sein, um nichts mehr als unsere Kunst und unsere Hand_Werke zu er_schaffen.
In Deutschland. Irgendwo.
Es ist schwierig für mich, meine – unsere – Fragilität als einzig feste Konstante in unser Leben hineinweben zu müssen.

Ich hätte gern einfach nur einen einzigen Plan, an dem entlang ich mich für alle möglichen Probleme und Optionen vorbereiten und einrichten muss.
Stattdessen habe ich drei Pläne rund um die Berufsausbildung – und sogar ein zwei so bekloppte Planideen, die mit so irrwitzigen Vorhaben wie dem, sich nach der Ausbildung irgendwo auf Stellen zu bewerben oder sich ernsthaft mit einem Studium auseinanderzusetzen, zu tun haben.
Und den Plan für den Fall, dass wir den Appalachain Trail nicht bewandern können, weil die Kohle fehlt.
Und den Plan, falls wir doch zu viel Angst vor einem Jahr allein mit NakNak* in Kanada haben.
Neben all den Plänen, die umfassen, dass die Gewalt an uns doch wieder nach uns greift.

Uns wird oft geraten, immer nur eins nach dem anderen zu verfolgen.
Aber das geht nicht.
Nicht, weil wir viele sind.
Sondern, weil wir fragil sind. Weil wir mit den Dingen, die wir so im Leben und uns selbst haben, entlang vieler Optionen und Probleme planen müssen.
Und ja – so exklusiv das jetzt auch klingt – wir müssen an mehr denken, als das übliche “Es kann alles passieren”.
Wenn uns etwas passiert, dann ist das in vielen Fällen eben doch etwas anderes. Weil 08/15 bei uns oft einfach nicht reicht. Egal, wie sehr wir uns anstrengen oder wollen, dass das so ist.

Wieder spüre ich ihn unter meiner Haut.
“Der Kleine.”, denke ich und merke, dass auch das ein Denken ist, das mir so noch nicht passiert ist in den letzten Jahren.
Inzwischen ist er mir ein Kleiner geworden, dessen Verdienst an uns von uns immer wieder neu gewertschätzt werden muss. Meistens von uns, doch manchmal auch von außen.
Manchmal braucht es das, um das Dilemma, um unsere Zukunftsmöglichkeiten, nicht an seiner Entscheidung, unser damals 15 einhalb jähriges Leben zu retten, aufzuhängen.
Sondern an der Schnittstelle von uns zu den Realitäten, die es gibt und mit denen wir kompatibel sind bzw. zu denen hin wir uns kompatibel entwickeln können oder eine Entwicklung an uns heran wir fordern können.

Am Ende unserer Gedanken liegen wir im Bett und betrachten fasziniert, wie dann doch zusammenhängend dieses Leben in seinem Lauf der Dinge durch Zeit und Raum zu funktionieren scheint.
Nicht Schmetterling – Wirbelsturm –mäßig.

Aber doch Schritt + Schritt = Weg A/Weg B/Weg C + Faktor Lauf der Dinge – mäßig.

Erwartungen und Wörter streichen

Manchmal sind es Parallelen.
Meine Twittertimeline und die Texte, die dort die Runde machen und die Bücher, die ich lese.
Zum Beispiel lese ich zur Zeit “George, Sam und ein ganz gewöhnlicher Montag” von Charlotte Moore und gerade einen Blogtext von Elif, in dem sie_r daran appelliert, bestimmte Begriffe nicht mehr zu nutzen.

Charlotte Moore’s Bericht regt mich auf.
Das ganze Buch ist ableistisch von Anfang bis Ende – doch, was mich stört ist ihre immer wieder pauschalisierende Formulierung dessen, was “die Autist_innen” können und was nicht, wenn sie sich eigentlich auf ihre beiden autistischen Kinder bezieht. Beziehungsweise: auf das, was sie von ihnen wahrnimmt und einordnet.

Der Text von Elif regt mich auch auf.
Es ist ein langer Text mit vielen Referenzen auf 101 Texte, die sich auf einen Nebenschauplatz der Inklusionsbewegung konzentrieren und der ohne sichtbar konsistente Idee darum auftritt, worum es bei inklusions.aktivistischer Kritik an Begriffen bzw. sprachlichen Äußerungen, die entlang ableistischem Menschenbild passieren, geht.

Die Parallele ist der Ärger. Und die ausbleibende Differenzierung von Menschen, die zum Einen nicht konkret selbst betroffen sind und zum Anderen in einer Art mahnend aufklärerischen Fürsprecherschaft auftreten, ohne sich auch an konkret betroffene Menschen zu richten.

Ich denke total oft von Menschen, dass ich sie für dumm halte, weil sie für mich irrationale Sachen tun.
Meine Sprache ist auch ableistisch. Meine Weltsicht ist auch ableistisch.
Wer glaubt, jetzt folgt ein Text in einer Version von “Behinderte /Menschen/ mit Behinderung können auch Arschlöcher sein” liegt falsch.
Das ist nicht meine Art des Aktivismus – ich kann auf jene verzichten, die das brauchen, um m.eine Menschlichkeit an.zu.erkennen.

Was mir wichtig ist, ist nicht zu vergessen, dass Ableismus an sich etwas ist, womit man sich befassen muss.
Ableismus beschreibt eben nicht nur die Wertungen, die mit bestimmten Fähig- und Fertigkeiten bzw. deren Abwesenheit verknüpft sind.
Der Begriff beschreibt auch, dass bestimmte Fähig- und Fertigkeiten als grundsätzlich erwartbar gelten.

Wenn man das verstanden hat und auch nur einmal in irgendeiner Erwartung enttäuscht wurde, kann man sich überlegen, wo die Wertungen in Bezug worauf auch immer eigentlich herkommen. Und dann vieleicht darüber nachdenken, welche Rolle der Umgang mit Enttäuschung und damit einhergehenden Gefühlen und ihren sozial akzeptierten Ausdrücken dabei spielen… und was Diskriminierung damit zu tun hat … und Macht … und kulturelle Alltagspraxis…
la li la hier im Blog schon hundertfach beschrieben.

_ – _ – _

Ich lese die Berichte von Eltern autistischer Kinder inzwischen fast gerne. Sie zeigen mir, was neurotypische Eltern von ihren Kindern erwarten. Was neurotypische Menschen von anderen Menschen erwarten. Viele Eltern behinderter/ Menschen/ mit Behinderung schreiben, ohne es zu wollen, ein Zeugnis ihrer Normalitätsvorstellungen (bzw. Normalitätsüberzeugung) und sind damit für mich die bisher brauchbarste Quelle zur Erforschung des Normalitätsbegriffs an sich.

Mein Leben lang habe ich das Gefühl eine einzige Enttäuschung zu sein.
Weil Menschen von mir Fähig- und Fertigkeit erwarten, die ich weder in Gänze nachvollziehen noch erfüllen kann und diese Menschen meine Anstrengungen zu entsprechen, zu einer Art held_innenhaften Kampf (zurück) ins Leben pervertieren.

Heute begegne ich auch zunehmend Menschen, die von mir erwarten, ihnen zu erklären, warum ich nicht möchte, dass sie in meiner Gegenwart verletzend oder abwertend über Menschen sprechen und handeln.
Anstatt, dass sie mir erklären, warum sie es für richtig halten das zu tun.
Es ist einfach nicht üblich sich zu erklären, wenn man sich und seine Sprache für normal und also allgemein erwartbar hält.

Eine Sprachführung, die diskriminierungssensibel ist, gilt heute als sonderlich, abgehoben, erklärungsbedürftig. Sie sollte es aber eigentlich nicht sein.
Eigentlich sollte die allgemeine Erwartung die sein, dass Menschen ein Interesse daran haben, sich so auszudrücken, dass das, was sie sagen auch ist, was sie meinen und vertreten.
Obskur erscheint mir da der Umstand, dass jedoch das glatte Gegenteil der Fall ist.

Deshalb spreche ich nicht mehr davon bestimmte Begriffe zu streichen.
Denn es wird andere Begriffe geben. Nichts wird sich davon verändern. Es wird nur anders aussehen.

Was ich wichtig finde ist, sich mitzuteilen. Auch und vor allem über die Normalität, die man lebt. So wie man sie er_lebt.
Mir fällt es unheimlich schwer, mit eher fremden Menschen zu sprechen, weil ich viele Informationen über sie brauche, um mir zusammenzurechnen, was ich von ihnen erwarten kann. Das ist ein bewusster Prozess mit vielen Strängen und der ist unfassbar anstrengend.
Deshalb treffe ich mich ungern nur für ein zwei Stunden mit anderen Menschen und deshalb habe ich auch keine Angst vor Twittermenschentreffen. Je mehr Er_Leben ich von anderen Menschen erfassen (lesen) kann, desto besser kann ich sie einschätzen und desto klarer kann ich merken, wann eine Erwartung nicht erfüllt wurde.

Wenn in der Lebensrealität einer Person bestimmte Begriffe immer wieder negativ auftauchen, dann werde ich sie ihr und vielleicht niemandem mehr gegenüber erwähnen. Das werde ich aber nicht tun, weil ich es für das Beste halte bestimmte Worte zu verbannen und durch bessere zu ersetzen, sondern, weil ich möchte, dass sich die Person(en) in meiner Gegenwart so wohl wie möglich fühlen bzw. dass manche Dinge konkret benannt werden.
Ich möchte mich schließlich selbst auch wohl fühlen und wissen, worum es bei bestimmten Begriffen im Kern geht.

Ich werde durch meine Wortwahl allein aber nicht weniger ableistisch.
Ich werde es durch das Mit.Erleben vieler verschiedener Er_Lebensrealitäten und – überzeugungen.
Die Fähigkeit zu erfassen, was wer kann und was nicht, kann nur im direkten Miteinander zu einem Ableismus werden, der sich konstruktiv bei der Er_Schaffung von Dingen auswirkt.

Denke ich im Moment jedenfalls.

note on “Bullerbü”

Eskapismus – oder wie es  heute heißt: “Cocooning” – ich habe eine Tube Senf dazu und möchte ich sie hier mal ausdrücken.

Neulich gab es einen Artikel dessen Kernaussage war, Elternblogs, im besonderen Muttiblogs, seien unpolitisch und von gelangweilten Hipster-Hausfrauen mit Selberverwirklichungsdrang gestaltet. Rike Drust hatte dazu geschrieben und im Gemischtwahnlädchen gibt es einen schönen Rant.
Das war ein zweiter Anstoß für mich.
Nach einem anderen durch einen Text bei den Femgeeks.

Eskapismus. Unpolitisches Gerödel im eigenen Alltagssaft.
Nicht unkritisch – aber auch nicht laut sein.
Beobachten – aber nicht kommentieren.
Nicht mehr so wie es einmal war … sein?

Ich weiß, dass ich nicht jede Demo mitnehmen, nicht jede Petition mittragen, nicht jedes politische Tagesgeschehen und erst recht nicht all die Wörterkotzepfützen in diversen Magazinen lesen kann. Und auch nicht muss. Es ist keine Pflicht, es ist keine Notwendigkeit. Vor allem nicht wenn man, so wie ich, einfach mal noch ein bisschen mehr Baustellen hat.
Trotzdem.

In NRW sind bald Landtagswahlen.
Wenn ich an den Schildern der etablierten Parteien vorbeifahre, möchte ich kotzen, mich bemitleiden, Dinge anzünden und am liebsten schon jetzt auswandern. Der Wunsch mich selbst irgendwo zu engagieren ist verpufft. Irgendwo zwischen dem x-ten Text, der die Relevanz von Menschenrechten im Alltag aller Menschen gleichermaßen unterstreicht und dem Desinteresse meines Ummichherum an diesen Themen.

Es reibt mich kaputt. Meine politische Haltung und meine politischen Forderungen werden in meinem direkten Umfeld immer wieder lächerlich gemacht, zu Grunde relativiert, verzerrt aufgenommen und am Ende als “dann doch weit entfernt vom echten Leben” verortet.
Und nicht selten gilt meine politische Sicht auf die Welt, als eine Art des Eskapismus von der Profanität, die das Leben nun einmal an sich hat.

Alltag kann man profanieren. Natürlich. Manchmal ist es gut und wichtig das zu tun.
Fatal wird es allerdings, wenn es sich in Ideen entlädt, innerhalb von Rückzug, heimischem Glück oder politischem Nichtgeschrei länge keinerlei Wert oder Gewicht.
Dass die Besinnung auf sich selbst, die eigene Haltung und das eigene Selbstbild keineswegs unproblematisch oder leichtfertig zu ignorieren ist, findet man an anderer Stelle in der Debatte um Filterblasen und Echokammern, die Gewaltdynamiken tragen und verstärken.

Ich selbst verlasse meine Filterblase nicht mehr. Ich will Echos hören. Gerade dort, wo ich geschützt bin. Gerade dort, wo niemand ist, der mich niedermacht, weil ich denke, was ich denke und mir wünsche, was ich mir wünsche.
Wenn ich könnte, würde ich meine Filterblase zu der Nachbarschaft, zu der Kommune, zu dem Land, in dem ich lebe machen.
Ich will dieses scheiß Bullerbü, denn so wie es ist, ist es nicht auszuhalten.
So wie es ist, tut es weh. So wie es ist, will ich das nicht.

Meine Filterblase ist meine Partei.
Mein Alltag meine Agenda.

Das sieht nur niemand, der das ganz alltägliche Einerlei von Politischem abtrennt und das, was den Menschen klassisch als Politik präsentiert wird, für das einzig wahre politische Handeln hält.

Politik ist für mich im Großteil streiten.
Und ich glaube das ist, was ich eigentlich eskapiere. Streit.

Ich bin es leid der Schleifstein für andere zu sein. Themen und Positionen zu liefern, ohne am Ende selbst an diesen Themen arbeiten zu können, weil alles was ich habe dieses Thema und der Diskurs an sich ist.
Ich habe nicht die Kraft dafür, allen meinen Freunden immer wieder zu sagen, dass sie mir als Person lieb und wichtig sind, mir aber ihre a- bis unpolitische Haltung an manchen Tagen unglaublich weh tut und Zweifel in mir aufmacht, mit denen schwer umzugehen ist.

Ich bin die, die im Streitfall nur verlieren kann.
Damit ist mein politischer Luschikurs eigentlich nicht einmal mehr gezielter Eskapismus, sondern logische Folge.

Und daneben – daneben ist mein tägliches Handeln noch nie mehr von politischen Positionen bestimmt gewesen.
Aber im Kleinen. Im Privaten. In den Bereichen, die sich sicher anfühlen, weil ich sie durch Mainstream und liberalen Zeitgeist weder erklären noch verteidigen muss.

Ein Podcast, den ich neu entdeckt habe, hat mich darauf gebracht. In diesem “the vegan feminist”-Podcast ging es in einer Episode um das Imageproblem der Tierrechtsbewegung und des Nachhaltigkeitsökoveganismus. Das übrigens sehr viel Ähnlichkeit mit dem Imageproblem der Muttiblogs hat.
Es geht darum, dass man, wenn man eine Muttibloggerin denkt, ähnliches im Kopf hat, wie wenn man an eine Veganerin denkt.
Eine junge, weiße, Cisfrau, mit akademischem Hintergrund und mittlerem bis gutem (gesichertem) Einkommen.
Und eben nicht an Personen, die angepisst sind vom Status Quo. Leute, die vom System verraten und verlassen wurden. Personen, die sich Alternativen überlegen und sich selbst mit Haut und Haar hernehmen, um zu schauen, ob das geht: das glückliche Leben, das anders gestrickt ist, als das vieler anderer.

Gerade beim Thema vegan fällt mir meine eigene frühere Ignoranz oft auf die Füße. Wie leicht hab ich mir das gemacht und wie sehr habe ich selbst entpolitisiert, was hinter dem steckt, was ich jeden Tag esse.
Und wie leicht mache ich es mir jetzt, wenn ich meinen Mitmenschen sage, dass ich aus gesundheitlichen Gründen auch bei der Ernährung bleiben will.
Wie oft umgehe ich den Streit, die Dissonanz und das mögliche Unbehaglichfühlen, die sich aus dem Sichtbarmachen meiner anderen Gründe entwickeln könnten.

Bin ich unaufrichtig geworden?
Hat mich das ausgelaugt sein vom feministischen Diskurs zu einem rückgratlosen Würmchen werden lassen, das einfach nur mit so wenig Schaden wie möglich durchs Leben kommen will?

Das weiß ich alles noch nicht.

Was ich weiß ist, dass ich nichts gegen Bullerbüs habe und auch nicht gegen Menschen, die sich eins wünschen oder leben (wollen).
Es ist okay, sich eine Lebensumgebung zu wünschen, in der es allen gut geht.
Es ist okay, von einer Welt zu träumen, die besser oder auch einfach nur anders ist.

Der Rest ist Lauf der Dinge.
Und alles ist Teil davon.

fault

Später dachte ich an die Diagnose der “Anpassungsstörung” und sah mir dabei zu, wie ich die Anführungszeichen abmontierte, um sie um das Wort ‘Diagnose’ zu klemmen.

Die Anpassungsstörung ist da.
Ich bin die Störung und ihre Ursache gleichzeitig.

Anpassung ist etwas, das nur vom Außen gesehen und eingeordnet werden kann.
Anpassung ist ein Entwicklungsbegriff.
Ein Wort aus der Verhaltens_Evolution.
Niemand weiß, ob etwas oder jemand angepasst ist oder nicht. Es sei denn, man hat eine Vorstellung von angepasstem Sein und beobachtet ein Scheitern.

 

Menschen machen es sich mir gegenüber leicht.
Manche erklären das unpassende Fehlersein zur Kunst, zur Revolution, zu einem Teil des fernen Laufs der Dinge, der ach so öde und reizlos, kaum mit ihnen selbst verbunden ist.
Sie hören meine Not daran, doch halten sie für meinem Sein immanent. Nicht dem, das ich mit ihnen teile.

Und manche nutzen es für sich.
Werden von dem, worauf ich deute, was ich mit_teile und aufzeige, inspiriert und angestoßen. Sie stehen neben meinen Kämpfen und wärmen sich an der Hitze meiner Gefechte.
Ohne zu hinterfragen welche Rolle sie dabei spielen könnten.
Welche aktive Rolle sie dabei spielen könnten.
Sie denken an sich und vergessen mich.

Manchmal merke ich, wie ich nicht ernstgenommen werde und denke darüber nach, ob ich mich gekränkt oder unverstanden fühle.
Relativierung ist etwas, das meiner Not immanent ist. Klein machen. Entschärfen. Emotionalisieren. Subjektivieren. Und darüber: entwerten.
Nicht vor mir – aber vor denen, an die ich mich richte. Wenn ich mich an jemande richte.

In der Regel richte ich mich nicht mehr an konkrete Gegenüber.
Wenn ich etwas sage, spreche ich in eine diffuse Idee, die ich mir nicht konkreter wünsche.
Wenn ich etwas sage, dann sage ich es nicht, weil ich mir für mich etwas erhoffe. Sondern, weil es da ist. Und oft nicht okay. Oft ein Skandal. Oft ein Fehler.
Oft etwas, das zu ignorieren mir nicht in den Sinn kommt.
Wer ignoriert denn einen Elefanten im Wohnzimmer?

 

Ich weiß nicht mehr, warum ich mich einmal dazu entschieden hatte, mich und das, was ich sehe mit.zu_teilen.
Es gab nie einen Gewinn zu erwarten. Außer den der Gemeinsamkeit mit dem, was um mich herum ist und passiert.
Miteinander.

 

Miteinander ist für Gewinner_innen.
Nicht für Fehler.
Gewinne werden entlang von Verlusten definiert.

Mit anders sein, ist nicht_s zu gewinnen.

Endspurt

Am Montag werden wir die Umfrage, in der wir sowohl nach Erfahrungen mit Betreuungen bzw. betreutem Wohnen, als auch Ideen und Wünschen für betreutes/begleitetes Wohnen traumatisierter Menschen, fragen, schließen.

Wer sich noch beteiligen möchte – hier gehts lang: https://de.surveymonkey.com/r/Nachwachshaus 

Teilt die Umfrage bitte gerne noch einmal.
Danke!

ein guter Ort

Sonnenlicht schwappt von draußen hinein und es ist eine Verheißung.
Die Nacht war lang und so schwer, dass es paradox erschien, wie ich sie überhaupt hatte aus.halten können.
Nicht weiter drüber nachdenken, denke ich. Einfach nur registrieren und dann weitergehen lassen.

Ich frage mich, ob sie Sonne kennt. Ob sie sie kennt, so wie ich: als warmes Licht, das vom Himmel runterstrahlt und ein Licht macht, das langsam kommt und geht.

NakNak* robbt an unseren Körper heran und legt ihren Kopf an unseren. Ihr Atem ist noch müde. Ihre Anwesenheit so wundergut fantastischlimm mittendrin in diesem Dasein, das sie mit uns teilt.
Gerade noch liege ich sicher und gut in diesem Gefühl, da reißt mich ihre Angst wieder raus.

Ich stelle mir mich vor, wie eine Piratenkapitänin, an die ich mich in diesem Moment, warum auch immer erinnere. Mit langem dunklem Haar, mit Wind von vorn und weißer Puffärmelbluse; rotem Bauchband und dunklem Rauscherock – ganz sicher und stabil auf diesem zittrigen Schiff, das sich durchs Hier und Jetzt bewegt.
Die Idee verfliegt mit ihrem Zittern. Vielleicht war es nie da?

Es ist kurz nach 8. Draußen zwitschern Vögel. NakNak* ist nun richtig wach und fordert mich zum Geikeln auf.

Nach einer mittelgroßen Weile, denke ich, dass ich mir das vielleicht nur einbilde. Eigentlich war da nichts. Also naja, nicht so richtig. Kaum der Rede wert.
Dann schmiert ein Bild an mir vorbei. Ein Gefühl von ihr treibt es weiter.
Ich bin da, bin weg, war vielleicht in Wahrheit gar nicht. Oder doch?
Nichts deutet auf mich hin. Nichts reagiert auf mich. Gibt es mich? Wieder stehe ich mit zwei Drittel in ihrer Konfusion, ihrem Schutzzaubertod – unser beider Dissoziation.

Mir fällt nur NakNak* ein, die sie nicht lesen und ich im Moment kaum ertragen kann.
Ich muss mich übergeben. Sie fängt an zu weinen und erschrickt sich zu Tode, als sie merkt, dass ich tue, was sie gleichermaßen tut, wie nie tun konnte.
Wir werden versorgt, jemand atmet und etwas, das älter und jünger ist als ich, legt Reihe um Reihe getrockneter Erbsen auf den Küchentisch.

Später steige ich aufs Rad und manifestiere mich von Minute zu Minute mehr zu mir selbst. Jeder Autofahrer, der auf Radwegen parkt und jeder Fußgänger, der mich als Gefahr ausblendet, entfacht mein Feuer. Und ich mag das. Ich lasse es nicht raus. Behalte es in mir drin und genieße meine ganze Kraft auf diesem Rad, in diesem Körper, ganz da wo ich bin.
Ich brenne mich einen Berg hinauf und explodiere ihn hinunter. Sicher. Gefestigt. Zielsicher in einer gleißenden Schneise.
Ich bin sowas von da und unberührbar.

Um mich herum ist keine Menschenseele.
Wo ich bin, ist eine Wiese, in der es hummelbrummelt und grasraschelt.
Die Halme reagieren auf meine Berührung.
Ich berühre mich, berühre sie. Wir reagieren aufeinander. Erschrecken. Erkennen. Warten. Finden uns im Wiesengeräusch.

Hier können wir gut sein.
Ich glaub, das ist ein guter Ort für uns.

und so viel schlimmer

Manchmal ist es wie eine Art innere Schwerelosigkeit.
Wie in einem Film mit langsamer Kameraführung, fast unmerklichen Eigenbewegungen der Objekte und subtilen Hinweisen auf die Anwesenheit eines Subjekts. Ein flatterndes Atemgeräusch, ein diffuser Farbfilm über allem, ein surrealer Anblick bekannter Gegenstände.

Es ist schwer nicht darin aufzugehen. Es tut nicht weh, es gibt keine Gedanken, es ist weder leicht noch belastend. Es ist einfach nur Sein ohne Anfang oder Ziel, ohne Funktion, ohne Rahmen, ohne all das Musskannsoll, das man als stetiges TickTack im Leben hat.
Es ist nicht schön. Es ist kein watteweicher Traum, in dem alles besser ist, als in “der Realität ™”.
Es ist einfach nur ein Zustand.
Ein dissoziativer Zustand.

Manchmal gehe ich aus Therapiestunden, in denen wir über traumatisierende Erfahrungen gesprochen haben, mit diesem Gefühl. Nicht komplett, aber schon so, dass mich die Welt auf dem Heimweg weder verletzt noch erschreckt, noch vereinnahmen kann.
Ich denke mir das wie eine Art Betäubung, denn zwischen dem Zimmer der Therapeutin und unser Wohnung mit NakNak*, Sicherheit und Stille, passiert die Welt mit ihrem Lauf der Dinge.

Es ist ein Geschehen, das mir das, was wir in der Stunde angestoßen haben, mit einem Schlag wieder entreißen kann. Ein Geschehen, das weder Raum noch Begreifen davon hat, was ich nach so einer Stunde von A nach B trage. Ein Geschehen, von dem ich mich so getragen fühle, dass ich mich auf dem Rad und in der Mitte von betäubtem Sein und nach außen achtsamem Handeln halten kann. Weil es immer gleich ist. Immer gleich rücksichtslos. Immer gleich unabhängig von mir. Immer gleich anfassbar, wie nach mir greifend.

Zuhause lässt es nach.
Da ist NakNak* die ihre Wange an meine Wange drückt und sich wieder einrollt, um zu schlafen.
Zuhause greift die innere Schwerkraft und die kleinen in der Stunde hochgewirbelten Teilchen sinken ab. Ich weiß, dass ich weder still auf meinem Platz sitzen, noch irgendetwas tun sollte, das mich sehr fordert.
Werde ich still und stumm, werde ich starr und das Erinnern absorbiert mich.
Werde ich mit vielen Reizen gleichzeitig konfrontiert, verliere ich den Faden zum Stundeninhalt und damit einen neuen Bezug zu mir selbst.

Ich weiß nicht, ob diese Zeit des Absinkens die eigentliche Verarbeitung ist. Manchmal kommt es mir so vor, denn ich merke Veränderungen an der Art, wie ich über die Dinge nachdenke.
Nicht komplett anders. Aber anders.

Zwischendurch rutsche ich ab und merke das.
Zum Beispiel esse ich dann etwas und erlebe, wie ich zwar die Gabel halte und führe, aber nicht esse.
Manchmal ist es so, als würde sich da etwas durch mich hindurch in das Heute und mich hineinweben. Und manchmal ist es, als würde mich etwas in das Früher hineinflechten, um ein Loch zu schließen oder einen Weg zu ebnen.

Wir kriegen Fieber nach solchen Stunden.
Es steigt schnell an, hält sich eine Weile und versickert von allein wieder.
Und wir tun was man tut, wenn man Fieber hat.
Viel trinken, liegen, schlafen, Ruhe und eine Art Sein im Selbst, weshalb ich mich frage, ob es vielleicht nur diese Funktion hat.
Also, dafür zu sorgen, dass ich weder körperlich noch geistig in der Lage dazu bin, irgendetwas mehr als das zu erfahren, was dann ist. Nämlich die äußere Ruhe (Sicherheit) und das Innere, das miteinander Geteilte und manchmal auch die Innens selbst, die ihren Weg aus dem Früher ins Heute gehen und sich mal hier und mal da abstützen, verwirrt stehen bleiben, warten, suchen, Versicherung in der äußeren Stille finden und weitergehen.

Jedes Mal wenn mir das passiert, denke ich, dass ich dachte, das hinter mir gelassen zu haben:
Den Körper als eine Art Schale oder Kostüm zu empfinden, das sich andere Innens nehmen können, um mein Heute zu erfahren.
Und dann muss ich mich doch wieder plötzlich übergeben, weinen oder anpinkeln und ähnliches, ohne etwas dagegen tun zu können. Weil ich zwar da bin und verstehe, warum das passiert, aber dann doch genauso nicht gegen diese Art der alten, heute plötzlich einfach möglichen, Reflexe ankomme, wie es den beteiligten Innens damals nicht möglich war.

Das ist, was ich an der Therapie so hasse.
Was ich immer vermeiden will, weil es immer wieder diese Momente so bodenlosen Kontrollverlustes gibt.
Nie lange, nie “wirklich” schlimm – also, in dem Sinne, dass es irgendwelche Auswirkungen auf das ganze Leben hat oder größere Schäden verursacht – aber schon so, dass ich neben dem in der Therapiestunde selbst erlangten Verstehen von einer früheren Situation, auch ein Begreifen von der Unausweichlichkeit und der Wucht einer äußeren Überlegenheit uns~mir gegenüber in ebenjener Situation bekomme.

Viele sein ist kein Gedankenspiel. Jedenfalls nicht nur. Manchmal spielen spontane Assoziationen während einer traumatisierenden Erfahrung eine Rolle, ja, aber es ist nicht so, dass man sich dann da reinsteigert und irgendwann glaubt, man selbst sei jemand anders.
Jedenfalls ist das nicht, wie wir viele sind bzw. wie wir die Entstehung von (ganzen) Innens rekonstruieren können.

Ich erlebe mich selbst, wie ich mich erlebe. Ich bin ich und bin darin konsistent. Mein Ich beginnt in dem Moment, in dem ich gefragt wurde, wer ich bin und endet dort, wo ich weiß, was ich mag und was nicht; was ich kann und was nicht; in welchen Situationen ich kompetent bin und in welchen ich eher Unterstützung brauche und warum das für mich problematisch ist.
Ich weiß, was ich erlebt habe und was nicht. Ich kenne meinen Kosmos und merke mal mehr mal weniger deutlich, wo der eines anderen Innens beginnt.

Für mich gab es nie einen Anlass (oder sollte ich sagen: die Möglichkeit?) mir einzureden, dass ich jemand anderes bin.
Denn: Ich bin allein entstanden. Da war niemand anderes. Da war nichts und niemand. Außer mir.
Mein Kosmos war mit mir und dem weißen Rauschen, das Gehirne sich machen, wenn sie nicht stimuliert werden, befüllt. Ich weiß noch genau, was ich damals gedacht habe und ich weiß noch genau, dass es zu keinem Zeitpunkt jemals war: “Also, ich bin die K. und ich bin x Jahre alt und …”.

Für mich ist das ein relevanter Aspekt meines Selbst_Verständnisses. Denn manchmal denke ich, dass von mir erwartet wird, einen Schritt zu machen, der mich negiert, wenn es um die Erfahrungen anderer Innens geht. Als sei die Anerkennung ihrer Erfahrungen gleichzusetzen mit einer Anerkennung eigener Erfahrungen.  Als wären ihre Erfahrungen gleichermaßen auch meine.

Das ist der Punkt an dem die Pathologie greift. An dem mein Empfinden als krankhaft bzw. gestört oder verzerrt oder verschoben … verrückt eingeordnet wird. Denn die Erfahrung hat immer ein Körper gemacht. Der Körper, in dem sowohl ich drin bin, als auch die anderen Innens.
Das ist aber auch der Punkt an dem ich bin, wie ich bin. Wer ich bin und was ich als mir zugehörig empfinde – und was eben nicht. Auch wenn es krank, gestört, verrückt, falsch ist. Auch wenn es sich der Logik von Körper-Seele-Geist-Verbund entzieht. Für mich fühlt es sich rund an. So, wie es eben ist, ich zu sein und die Erfahrungen, die ich gemacht habe, gemacht zu haben.

Die Zeit im Fieber reißt mir das auseinander.
Da verstärken sich gemeinsame Erfahrungsqualitäten so sehr, dass unscharf wird, was zu meiner Erfahrung im Jahr XY, mit Verlauf AB, Ende X und Auswirkung Z im Heute gehört – und was zu dem, was das Innen mir aus einer ganz anderen Zeit, ganz anderem Verlauf usw. mitge_teilt hat, gehört.
Meine Selbst_Sicherheit wird erschüttert. Mein Selbst_Bild verändert, ohne, dass ich konkret sagen könnte inwiefern genau. Mein Verständnis für das Innen und dessen Gefühle, Wünsche, Impulse, Gedanken und Empfindungen wird zu einem Mit-ihm-Mit_Empfinden, Mit_Fühlen, Mit_Leiden.

Aus meiner Klarheit um meine Erfahrungen wird etwas, was die Erfahrungen des anderen Innens mitmeint.
Obwohl es nicht die gleichen sind. Obwohl da eine Linie bleibt, die mich von ihm trennt und Unterschiede aufzeigt.

Mir kommt das viel verrückter, kränker, durchgeknallter, schlimmer vor, als das, womit ich vorher umgegangen bin.

Ich merke jedes Mal, wie ich anfange mich zu bemitleiden, weil ich zu Bruchstücken des Mit_Geteilten auf einmal Gefühle und spontane Erinnerungen, die daneben stehen, habe – aber ganz sicher weiß, dass sie vorher nicht da waren.
Jedes Mal denke ich, dass ich jetzt wirklich durchknalle – dass ich jetzt wirklich richtig auf irgendeinen scheiß Psychotrick reingefallen bin, der mich verwirrt, mich verändert, in mich reingegriffen und völlig verdreht hat. Jedes Mal rutsche ich in die klassische False Memory-Argumentation der “von Therapeuten gemachten Erinnerungen” und falle von dort zurück in die (alten) Ohnmachtsgefühle vor äußeren Überlegenheiten.
Ich merke, wie ich vor mir selbst zum Opfer werde, weil meine innere Konsistenz aufgeweicht ist. Merke, wie wichtig es ist, mich zu orientieren.

Und merke dann, wenn ich klar weiß, was los ist, wie um noch viele Grade mehr schlimmer alles ist, weil es einfach ist, wie es ist.
Gerade weil, ohne dass irgendjemand irgendwas mit mir gemacht hat, das Erinnern bzw. der Prozess der Verarbeitung und inneren Kontextualisierung passiert und zu mir gehört und etwas mit mir macht, weil es das jetzt – hier und heute – kann.

Es ist schlimmer, weil ich mich nicht aktiv dafür entscheiden und, weil ich es nicht aktiv gestalten kann. Ich kann es nur aktiv verhindern und aktiv kaputt machen. Ich weiß, was mich rausreißen würde. Wie ich das alles von mir fernhalten kann. Beziehungsweise, wie ich mir einreden kann, dass ich es kann, bis ich es glaube, weil ich nicht mehr darüber nachdenke, sondern über tausend andere Dinge und Wahrheiten.

Doch mit einer Körpertemperatur zwischen 39 und 40 Grad ist so etwas einfach mörderisch.
Es ist leichter für mich dann liegen zu bleiben. Mich der Fürsorge aus dem Innen zu übergeben und zu glauben, wenn es mir sagt, dass alles in Ordnung ist und ich einfach nur liegen bleiben kann und nichts passieren wird, das mich zerstört. Dass wir das schon kennen. Dass wir einen Umgang damit haben. Dass wir nicht allein sind. Dass wir jederzeit fragen können, ob noch da ist, wen wir da zu wissen brauchen. Dass es echt war. Dass es eine echte Erfahrung war. Dass sie vorbei ist.

Das ist so viel leichter, als zu denken, dass es vielleicht einfach nur so irgendwas ist war vielleicht – keine Ahnung – anderes Innen – irgendwie… ach keine Ahnung – egal – oh guck ein Schmetterling!

Und so viel schlimmer.

10 Jahre später

10 Jahre sind seit unserem Ausstieg vergangen.
10 Jahre, die ein Drittel unseres Lebens sind.

Manchmal denke ich: “Ach das ist doch wie ein Rezept. Ein Teil Freiheit, ein Teil Gewalt und ein Teil Lauf der Dinge…” und stelle mir uns und unser heute-am-leben-sein, wie einen Hefeteig vor, der wächst und reift und sich entwickelt und … zu etwas wird, das man anders benennen kann.
Kuchen, Keks, Butterbrot – mir egal. Hauptsache irgendwie fertig.
Fertiger als jetzt.

Als wir uns damals dazu entschieden haben, der Selbstverständlichkeit unserer Verfügbarkeit etwas entgegenzusetzen, taten wir das ohne konkrete Vorstellungen oder Ideen davon, was dann so passieren würde.
Wir taten es nicht, wie es in zahlreichen Büchern zum Thema vorgeschlagen oder angeraten wird. Wir taten es nicht getragen von einer großen inneren Übereinkunft, dass der Ausstieg das Beste für uns sei. Wir taten es nicht einmal im Bewusstsein aller Innens.

Wir haben diesen neuen Lebensabschnitt angefangen, wie wir alle neuen Lebensabschnitte angefangen haben.
Überfordert, dissoziativ und letztlich: allein.

Das macht unseren Ausstieg nicht zu einem falschen Ausstieg oder zu einem, der nicht echt ist.
Es ist nur einer, der die Kluft zwischen außen und innen verstärkt hat.

Ausstieg, das klingt, als würde man eine Tür öffnen und von einem Raum in einen anderen treten.
Tatsächlich sind wir einfach in irgendeine Richtung gelaufen und merkten erst viele Jahre später, dass wir nicht mehr “im Ausstieg” waren, sondern mitten in einem Niemandsland aus Therapie, Selbstreflektion, klar kommen, wachsen, schrumpfen, verzerren, zerfallen, sich sammeln, erstarken, Hoffnung schöpfen, doch Bitterkeit schmecken.

Für uns war das eine Zeit, in der Stabilisierung wichtig war. In alle Richtungen.
Essen, trinken, schlafen, ausscheiden, interagieren, sicher sein – um nicht viel anderes haben sich diese ersten Jahre gedreht, denn nichts davon hat normgerecht funktioniert.

Wir haben nicht über das, was vor dem Ausstieg war, gesprochen.
Die, die vor dem Ausstieg waren, haben bis heute nicht gesprochen.

Aber gefunden haben wir sie. Wir sind uns ihrer inzwischen bewusst.
Haben verstanden, dass wir nur ihre Schutzschicht, ihr Beiwerk, eine Art funktionaler Alltagsschmuck sind.
Verstehen uns als ihre Dissoziation auf das Trauma, das unser Ausstieg für sie war.
Denn unser Ausstieg – unser ach so gutes uns selbst retten, war ihr Kontrollverlust, ihre Todesangst, ihre Vernichtungserfahrung ohne Hilfe oder Rettung von außen.

10 Jahre, das kann man so lesen und denken: “Boa das ist aber ganz schön viel Zeit.”.
Das kann man denken, wenn man erlebt, wie Tag und Nacht einander abwechseln, wie sich eine Woche in Tage hacken und hintereinander wegleben lässt und Zeiträume zwischen “Anfang” und “Ende” klemmen kann.
Wenn es diese Eindrücke des Selbst- und Umwelterlebens jedoch nicht gibt, sind 10 Jahre eine bloße Zahl in einem irrelevanten Kontext.

Gestern hatten wir Anlass darüber nachzudenken, ob es ein Zurück geben könnte.
Könnte man heute noch so auf uns zugreifen, wie vor 10 Jahren?
Könnten wir heute noch so funktionieren, wie es vor 10 Jahren wichtig war?
Was, wenn die letzten 10 Jahre nur eine Pause, ein Spiel, Teil eines Plans sind und das überbordende Gefühl der Innens, denen unser Ausstieg passiert ist, dass das alles einfach gar nicht wahr ist, stimmt?

Wir sind heute nicht mehr so allein wie vor 10 Jahren.
Wir sind heute auch nicht mehr so einsam und insgesamt dysfunktional wie damals.
In den Jahren seit dem Ausstieg haben wir uns so viel Bewusstsein erarbeitet, so viele dissoziative Brüche verschlossen – haben uns eingebracht und die Welt angefasst.
Aber ist das ein Schutzschild?

Wir wissen noch immer nicht, woraus wir da eigentlich ausgestiegen sind. Wissen nur, dass wir ausgestiegen sind, weil wir dachten, dass das unsere Aufgabe ist. Dass man so Therapie macht, wenn man viele ist und andere Menschen das ausnutzen.
Wir haben das nicht für uns gemacht.

Wir konnten es aber auch nie für uns machen.
Wir wussten damals noch gar nicht wer wir sind, was wir können und wollen.
Was wir wünschen und was wir empfinden.
Wovor wir Angst haben und was das überhaupt sein soll: Leben

Das hat sich inzwischen verändert.
Wir wissen umeinander. Wir wissen um unsere Vorstellungen und Ideen. Haben Ziele, die über akute Bedürfnisbefriedigung hinausgehen.
Wir haben ein Bild von uns als Körper, der re_agiert und auf den hin re_agiert wird.
Nichts davon ist in jeder Situation sicher abrufbar – aber es ist da und wird mal schneller, mal erst nach einiger Zeit als fehlend erkannt, wenn es nicht da ist.

Realistisch gesehen ist das kein Schutz vor Täter_innenzugriff. Wir wissen, dass wir als inneres System nur dann funktionieren, wenn wir auch “an” sind. Wird ein anderes System angesprochen, funktioniert dieses System. Das ist nachwievor so und wir würden uns bescheißen, würden wir das ausblenden.
Aber unsere Funktion und unsere Arbeit bisher ist ein Schutzfaktor.

Bewusstsein ist keine Einbahnstraße. Therapeutische Arbeit keine Punktlandung. Interaktion mit anderen Menschen keine Einzelaktion.
Wir können nicht wissen, was es mit bisher noch gar nicht oder wenig für das Heute bewussten Innens macht, wenn wir mehr von ihnen oder über uns verstehen. Wir können nie ausschließen, dass die Entwicklungsschritte, die wir machen, nicht auch die Entwicklungsoptionen der anderen Innensysteme begrenzen oder erweitern oder in ihrer Form modifizieren.

Aber das Risiko erneuter Übergriffe müssen wir als immer bestehend anerkennen und akzeptieren.
Das ist, was einfach nicht in unserer Verantwortung liegt.

Vielleicht liest sich das ernüchternd für andere (Viele), die im Ausstieg sind oder auf ihren Ausstieg, der schon eine Weile zurückliegt, schauen.
Vielleicht gibt es die Idee, dass 10 Jahre später ALLES vorbei ist, das Leben gut, alles verarbeitet – insgesamt einfach: alles tutti paletti – und dann schreiben wir so einen Text und alles steht wieder in Frage.

Dazu möchten wir Folgendes sagen: Herzlichen Glückwunsch zu der Idee an sich.
Es ist gut eine zu haben und wichtig sie sich zu bewahren – ganz egal, als wie realistisch umsetzbar sie sich später entpuppt.
Es gut alles verarbeiten zu wollen.
Es ist gut, eine Idee davon zu haben, wie “alles tutti palletti” konkret aussehen könnte.

Wir haben ungefähr 7-8 Jahre bis zu dieser Idee gebraucht. Und 9 bis wir verstanden haben, dass es weder falsch noch böse, noch zu viel verlangt, noch etwas, wofür man eine Erlaubnis braucht, ist, sie zu verfolgen und ihre Umsetzung im eigenen Leben zu wünschen. (Und wer weiß, wie lange wir noch brauchen, bis wir dieses Verstehen in eine echte innere Wahrheit, die für alle Innens passt, transformieren können.)

Aus Kontexten jeder Art auszusteigen (und das gilt für die, die gut tun genauso wie für die, die eher schädigen) bedeutet immer einen Weg zu gehen. Entwicklung zu machen. Manche machen das wie wir, indem sie einfach so vorwärts stolpern ohne nach links und rechts oder auf sich selbst zu schauen (also hoch dissoziativ und reaktiv auf äußere Impulse hin) und manche sehr bewusst, einen Schritt nach dem anderen. Manche verfolgen mit ihrem Ausstieg ein konkretes Ziel, manche verstehen das Ziel erst im Ausstieg selbst und manche begreifen erst am Ziel, was sie eigentlich erreichen wollten.

In der Literatur finde ich diese Varietät der Ausstiegsarten, bzw. der Wege an sich, nicht so vertreten. Schon gar nicht der Entwicklungsverläufe danach.
Das wird aber auch an der Literatur liegen. Beziehungsweise daran, dass wir dazu nur psychologische Fachliteratur gelesen haben.
Nicht alle Aussteiger_innen haben 10-20 Jahre nach dem Ausstieg noch die gleichen Behandler_innen wie zu Ausstiegszeiten und nicht alle Aussteiger_innen haben 10-20 Jahre nach dem Ausstieg noch Therapiebedarfe. Oder den Wunsch oder die Motivation oder den Mut oder irgendeinen Anlass, ihre Erfahrungen aufzuschreiben und zu teilen.

Darum schreiben wir unseren Weg und unsere Auseinandersetzung damit auf.

Wir können jetzt, gut 10 Jahre später, nicht zurückgelehnt in einer Hängematte sitzen und davon ausgehen, dass wirklich alles von dem ALLES vorbei ist.
Wir wissen noch nicht alles über ALLES.
Erinnern noch nicht alles – schon gar nicht als selbst erlebt.
Aber wir haben mit unserem Ausstieg einen Raum verlassen, in dem wir immer wieder darin gestört werden, uns damit auseinanderzusetzen.

Das hat unser Ausstieg uns ermöglicht und in diesem Stadium angekommen, können wir sehen, dass wir so etwas wollten bzw. dass die Personen um uns herum damals, genau das für uns wollten: eine Unterbrechung permanenter Reaktion auf Todesangst, Verletzung und konkrete Bedrohung.

Es ist bitter für uns, am Ende des Tages mit der Dankbarkeit für 10 Jahre freien Entwicklungszeitraum im Herzen, die Realität von wer weiß vielen Jahren, die da noch kommen werden, Unsicherheit darüber, ob ES wirklich ganz und gar vorbei ist, im Hinterkopf vereinen zu müssen.
Aber so ist es.

Genauso wie viele andere Dinge auch.

Kurzrezension “Meine Mutter, sein Exmann und ich”

T. A. Wegberg, "Meine Mutter, sein Exmann und ich" CoverDer Roman von T. A. Wegberg, spielt im Berlin der Gegenwart.
Erzählt wird ein Lebensabschnitt des jugendlichen Joschka, dessen Mutter Felix die Transition zum Mann hat vornehmen lassen.
Zentral ist Joschkas Konflikt und seine Versuche, Felix zu verbergen.

“Kann man lesen, muss man aber nicht.”, ist mein persönliches Fazit zu diesem Buch.
Es gibt keinen durchgehend gut verfolgbaren roten Faden, einige für die Geschichte irrelevante Kapitel und ein vorhersehbares nicht sonderlich überzeugendes Ende.
Ganz klar geht es durchgehend um einen Jungen in der Pubertät mit Freunden in der Pubertät, mit einer einzigen “Besonderheit”, nämlich einem Elter das transident ist.
Man kann den Fluss der Geschichte als leicht bezeichnen, aber mit gleicher Berechtigung auch als oberflächlich.

Je nach Stand der eigenen Auseinandersetzung und vielleicht auch Alter der Leser_innen, kann dieses Buch vermutlich ganz unterschiedliche Wirkungen entfalten. Daher würde ich es vielleicht eher Menschen empfehlen, die einfach mal irgendwas zu Familien mit transidenten Eltern lesen möchten, oder sich selbst in einem Konflikt wie die Hauptfigur befinden.
Ich stelle mir vor, dass Transpersonen selbst das Lesen des Romans als eher schmerzlich empfinden könnten.

Der Roman erschien bei Rowohlt, 2017 und kostet als Taschenbuch 12,99€

 

Wir verlosen unser Rezensionsexemplar unter allen Leser_innen, die bis zum 9. 4. 2017 hier in die Kommentare schreiben, dass sie es haben möchten.
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