von Maßstab und Spektrum, Krieg und Frieden

Vor nun 5 Wochen hatte ich meine Taschen gepackt. Eine Radtour über insgesamt 700 Kilometer sollte es werden und ich freute mich schon seit über einem Jahr darauf. Draußen sein. Unterwegs sein. Rad fahren. Essen. Schlafen. Repeat. Einmal die Vielfältigkeit eines anders immer gleichen Rhythmus er.leben.
Die Tour war toll.
Doch um die Tour soll es in diesem Text nicht gehen. Es soll um Frieden gehen. Und um Krieg.

Während meiner Tourvorbereitungen war es mir bereits aufgefallen. Der Krieg.
Der Krieg, der für manche Menschen scheinbar bereits dann beginnt, wenn man keinen Strom zur unendlich freien Verfügung hat und sich verschärft, wenn die eigenen 4 Wände aus Zeltplane bestehen.

Ich bin kein Survivaltourist. Suche nicht das Abenteuer. Will mir die Mitwelt nicht zu eigen machen, um mein Leben zu retten. Ich will nur draußen sein. Mittendrin sein, wenn es regnet, windet, sonnig ist. Ich will dort sein, wo die Natur ihre ganz eigenen Geräusche macht. Passieren und wachsen, wo alles andere auch passiert und wächst.
Für mich ist das Frieden. Dieses Da sein. Mit allem anderen sein. Ganz direkt und nah. Ohne Schmerz daran.

Mich hat es seltsam bewegt zu erfahren, dass anderen Menschen genau das Angst zu machen scheint. So viel Angst, dass sie sich für ihre Touren rüsten, als zögen sie in den Krieg. Sie kaufen sich Bundeswehrausrüstung, um 2 bis 3 Julinächte im Naturschutzgebiet zu schlafen. Ernähren sich von hochkalorischen Riegeln, um einen Körper vor dem Verhungern zu bewahren, der ein paar Stunden am Tag gewandert war.
Offensichtlich sind ihre und meine Maßstäbe einfach andere. Das passiert – aber wie kommt es, dass es so ein krasser Gegensatz ist?

Eine Antwort liegt für mich in ableistischer Sozialisation.
Der fest ins westliche Leben hineingewobenen Idee des gesicherten Überlebens aufgrund eines allseits fähigen Körpers und der Fertigkeit, diesen zu beherrschen.
Der Idee von makelloser Körperlichkeit. Perfekter Gesundheit. Optimaler Stärke – Masse- Verhältnisse. Wer nicht gesund™ (also: jung™, dünn™, anspruchslos™ ) ist, der wird sterben. Vor allem da, wo outdoor ist.

Einmal abgesehen davon, dass sterben nur sterben und dies nur das Ende eines Lebens ist, ist es doch interessant, wie perfekt ebenjenes ausgekleidet sein muss, um sich seiner Natur ohne Angst zu nähern. Ohne Gewalt. Ohne die Energie, die in Kriegen ihre ganze Wucht zeigt.

Gerade in den letzten ein zwei Jahren lese ich immer mehr Appelle sich doch endlich zu lieben. Liebe deinen Körper – dann wird alles gut.
Selbstliebe allein bietet aber keinen Schutz vor gewaltsamen Eingriffen von außen. Ich kann mich und meinen Körper lieben bis zum geht nicht mehr – wenn mir jemand vors Schienbein tritt und beschimpft, wird es weh tun und etwas in mir verändern – vielleicht sogar so sehr, dass es kaputt geht.
Um diesen Umstand in mein Thema zu übersetzen: Ich kann in Frieden mit mir und allem um mich herum sein – kommt jemand und haut mir eine rein, ist etwas davon beschädigt und eben nicht mehr “Frieden”.
Aber was genau ist das dann?
Ist das gleich Krieg?

Ist ein nicht ganz so rundum-alles-auf-100%-Komfort er.leben gleich der totale Notstand (und damit also irgendwie Krieg)?
Ist sich und seinen Körper nicht 100% zu lieben und ehren und zu stählen und zu heilen und fit zu halten, gleich Selbsthass?

In den letzten 5 Wochen habe ich viel erlebt. Ständig klamme Kleidung. Sengende Sonne. Muskeln, die sich vor Anstrengung wie Holzstangen auf den Knochen anfühlen. Schweiß, der in den Augen brennt. Vor Erschöpfung einschlafen, sobald man nicht mehr in Bewegung ist. All das war nicht sonderlich friedlich. Nicht angenehm. Nichts, was ich jeden Tag erleben wollte. Und doch gehörte es zu genau dem Frieden mit mir, den ich er.leben wollte.

Nach 2 Wochen unterwegs sein, hatte ich gemerkt, dass ich mich nur auf Extreme eingestellt hatte. Auf Kriegsextreme. Auf Lebensbedrohung. Ich hatte gedacht, tagelang keine Stromquelle zu finden. Kein sauberes Wasser zu finden. Bemerkte sehr schnell, wie ich nicht darüber nachgedacht hatte, dass zwischenmenschliche Fremdheit mit einem schlichten “Hallo” überwindbar ist. Ich konnte “Nacht” nur als “kalt” und “gefährlich” denken. Gewitter und Sturm als “tödlich”, sobald man sich außerhalb einer menschlichen Siedlung befindet. Regen oder krassen Sonnenschein als “krank machend” – wenn ich mich nicht vollständig davor versiegle.

Weg ist dieses Denken inzwischen nicht. Aber es ist etwas dazu gekommen.
Die Idee von Frieden als Spektrum. Gefahr als Spektrum.

Das ist grundsätzlich kein neues Denken für mich. Ähnliches habe ich in den letzten Jahren in der Traumatherapie schon mitgenommen.
Und doch ist es neu.

In der Therapie habe ich vor allem gelernt, dass meine permanente Bereitschaft zum Überlebensmodus weder als kontextuell passend anerkannt wahrgenommen wird, noch sich als inhaltlich weiterbringend auswirkt. Immer wenn ich mich bedroht und/oder verletzt fühle, ist dort jemand, di_er mir sagt, dass ich eigentlich (in Wahrheit) gar nicht bedroht bin oder keinen echten Anlass zu Gefühlen von Verletzung habe.
Nach vorne nicke ich und nach innen weiß ich: ich bin vielleicht nicht existenziell bedroht, doch meine Gefühle sind hier auch nicht erwünscht. Meine Gedanken sind wichtig. Die sollen sich um Themen und Inhalte kümmern. Relevant ist, was gesagt wird. Nicht, was gefühlt wird. Damit kann man nichts machen. Außer es aushalten. Wie einen Fehler, den man nicht mehr rückgängig machen kann.

Draußen ist das anders.
Da brauche ich meine Gefühle, denn sie geben mir viel mehr Anleitung als es Worte und Ideen können. Ich bin darauf angewiesen zu spüren, wenn ich verletzt bin und brauche eine genaue Wahrnehmung davon, wie bedroht ich bin. Nicht, weil mir mein Kopf sagen kann, wie viele Stunden ohne Wasser man auf freiem Feld in Mittagshitze bei 36°C überleben kann, sondern, weil ich fühlen kann, dass nicht Durst mein erstes Problem ist, sondern durchgehend geblendet zu sein und keine Erleichterung zu finden, wenn man aufhört in Bewegung zu sein.

Auf der Tour hatten meine Gefühle so viel mehr Platz als meine Gedanken, dass ich mich ein ums andere Mal dabei erlebte, keine Scham zu empfinden. Nicht als ich am Straßenrand saß und zu weinen anfing, weil meine Strecke über eine ansteigende Landstraße ging und auch nicht, als ich mir am Rand einer Fußgängerzone passendere Kleidung anzog. Es ist eine große Entdeckung für mich, wie viele Gedanken und Annahmen für Schamgefühle nötig sind. Wie andere Menschen und eine eigene Angewiesenheit auf selbige dafür nötig sind.

Ich hatte so viel Raum für mich und mein Fühlen, dass mir das Spektrum meines Fühlens und damit auch: meines Friedens fassbarer erschien.
Und seine Zartheit. Ich spürte deutlicher welche Innens, wo sind und welchen Schutz sie über das leben, was wir “das Inmitten” nennen. Spürte: mit unserer Therapeutin zu sprechen ist auch eine Bedrohung. Sich vom Joker tragen zu lassen, ist auch eine Gefahr.
Bemerkte, dass wir, wie wir sind und funktionieren, wenn alles von uns da ist, von jeder An.Be.Rührung verletzbar sind und dies doch nicht mehr so zum Ausdruck bringen, wie wir das früher noch viel mehr getan haben.

So ein Schnitt in die Haut, so reine Worte – das wirkt dramatisch. Mach das mal lieber nicht. So nimmt dich niemand ernst. Wenn du so kommunizierst, ist das zu krass. Achte auf deinen Ton.

Jetzt denke ich, dass das wenigstens ehrlich war.
Heute frage ich mich, ob wir uns eine Art zu lügen angewöhnt haben. Verschleiern. Vernebeln. Verflauschen. Unser Empfinden weichzeichnen, damit sich niemand daran stößt.
Ich frage mich, ob wir einen fremden Maßstab übernommen haben. Einen Kriegsmaßstab. Einen, der unsere Gefühle als Extrem einordnet, während sie auf unserem eigenen im üblichen Spektrum passieren. Als da und Teil von allem. Mal mehr und mal weniger erträglich, beeinflussbar, angenehm oder unangenehm. Als etwas, das in, an und mit uns wirkt und in einem kompliziertem Wechselspiel mit dem Außen passiert.

Oder ist das alles nur ein Missverständnis? Ergebnis der Notwendigkeit sich auf Gedanken und Annahmen zu konzentrieren, statt sich Gefühlen zu öffnen und ihnen zu folgen.
Oder geht es um Angst?

Lösen wir Angst in Menschen aus, wenn wir sind wie wir sind, weil wir sind, wie wir sind?
Todesangst, dessen Kompensation als grobe Worte, überfordernde Ansprüche oder ignorante Zurechtweisung bei uns ankommt?

Ist es das, was so viele Menschen an der Natur und ihrem Lauf der Dinge erschreckt?
Das sie ist wie sie ist und – gleichsam wie wir – nur das Leben, das Sein im Fokus hat, ohne vorher auf Hierarchie, auf Anstand und Sitte, auf diesen ganzen Normenkontext, der definiert, wann was wie okay sein darf und wann nicht, zu achten?

Tag 34: Ankommen

Um kurz vor 7 wache ich auf. Es ist still. Kein Wind, kein Blätterrascheln. Ein Taubengruugruu ist alles, was die Stille berührt.

Alles dauert länger. Mit NakNak* draußen zu sein. Kaffee zu trinken. Zu spüren, dass dieser Tag nutzbar ist. Zu überlegen, was wann wie warum zu tun ist.
Das Telefon klingelt und Adobe ruft an. Es gab Rechnungsprobleme. Zum Glück nicht an unserem Ende.
Ich rufe bei der Zahnärztin an. Urlaub. Eine Woche Gnadenfrist.

Dazwischen stehe ich mit blauen Säcken und will am liebsten alles, was mir in die Finger kommt, hineinschmeißen. In dieser Wohnung steht so viel Scheiß und Mist und altes Zeug. Überall stehen schlechte Angewohnheiten und lauernde Trigger in Erinnerungsprozesse. Ich will hier nicht sein. Ich bin hier falsch. Mein Handeln schallt in den Räumen, von draußen hört man so gut wie nichts. Außer Autos.

Gegen Mittag können wir in die Fahrradwerkstatt. Die Gangschaltung einstellen lassen. Dann bringen wir Müll weg. Schmeißen die alten Routinen raus aus dem Alltag, dessen Reste hier überall kleben. Die Routinen, in denen wir Kram ansammeln, der uns nichts bedeutet und Zeug behalten, das wir nicht benutzen, weil es zu viel bedeutet.

Ich sollte die Betreuerin anrufen. Sollte mich um den Schulkram kümmern. Heute morgen stellte ich fest, dass mein Schulprofil in der App zum Stundenplan einer anderen Schülerin zugeordnet wurde. Mir wird schon wieder schlecht, wenn ich daran denke, dass genau das bald wieder losgeht. Jeden Tag eine Tagesplanüberraschung. Anstrengung. Schularbeit. Menschenarbeit. Daneben Traumatherapie.arbeit. Immer wieder ausgleichen, dass andere Menschen da sind. Fordern. Erwarten. Re.Agieren.

Und nein. “Das Positive sehen” geht hier nicht. Nein. Ich kann nicht sagen: “Ach, es ist doch noch Zeit bis dahin.”. Kann nicht sagen: “Ach, das wird schon nicht so schlimm werden.”. Denn es wird schlimm und keine Zeitspanne der Welt kann mir die Überforderungs- und Angstgefühle daran nehmen. Und: Es hilft einen Scheiß zu wissen, wofür wir das machen. Wir werden danach keinen sicheren Job, keine güldene Zukunft, keine weniger anstrengende Lebenszeit haben. Wir werden nur einen Zettel haben auf dem steht, dass wir etwas können. Und das bedeutet gar nichts. Es ist nur ein weiteres Stück Kram in einem Ordner voll Kram, den wir nicht für uns behalten.

In den letzten Wochen haben uns so viele Menschen gesagt, dass sie das nicht könnten. Wochenlang unterwegs sein. Draußen. Bei Regen und Sturm. Im Zelt. Allein mit Hund und Rad.
Niemandem haben wir je geantwortet, dass wir in Wahrheit nicht können, was sie tun oder getan haben. Was es für eine Erleichterung für uns ist, nichts weiter zu tun zu haben, als uns zu versorgen und weiterzufahren. Und etwas aufzuschreiben, wenn die Kraft und die Lust dazu da war.

Nichts von dem, was uns jetzt behindert, ist weg da draußen. Aber wir brauchen nirgendwo zu bleiben, wo es uns besonders stört und leiden macht. Die Zukunft ist 3 Tage lang und kennt nur das Wetter als die Gewalt, die alles bestimmt. Der Rest ist konkret. Kein Wenn und Aber. Keine schwammigen Eventuellvielleichtaberaber.ängste. Nur Hier und Jetzt und wenn nicht jetzt, dann wenn es geht.

Niemandem mussten wir sagen, dass wir beschäftigt und angestrengt sind. Der große Rucksack und die Tour als momentanes Ist, haben gereicht, um das zu sagen. Jetzt geht der ganze Scheiß wieder los. Ja – ich stehe hier und man sieht es nicht, aber doch: wir sind eine verwundete Person. Da ist Schmerz. Da ist 24/7 Anstrengung damit umzugehen. Da ist Heilung, die nie ohne Anstrengung passiert. Da ist die Suche nach dem Sein mit wir okay sein können. Da sind Be.hindernisse und da ist der Umstand, dass diese viel zu selten gesehen und anerkannt werden.

Das heißt nicht, dass alles andere – Gute, Schöne, Aufregende – weg ist. Das heißt aber, dass diese anderen Dinge nun weniger Platz haben, um zu wirken. Dass wir weniger Platz haben, diese Wirkung in uns arbeiten zu lassen. Egal, was wir tun.

Und ja. Ich weiß wie das klingt. Das klingt, als würden wir zum Opfer unserer Umwelt. Hilflos und ohnmächtig etwas ausgeliefert, das man Alltag, Leben, Lauf der Dinge nennt. Das klingt übertrieben. Nach Opfermimimi. Nach einer Herausforderung uns zu sagen: Stell dich nicht so an. Übertreib nicht. Du dramatisierst.
Aber. So fühlt es sich doch an. Es fühlt sich an, als hätten wir hier nichts im Griff. Null. Als wären die meisten unserer Entscheidungen die Art Kompromiss, denen man zustimmt und doch weiß: eigentlich wollten wir das alles anders – und doch ist genau das für uns einfach nicht drin. Nicht jetzt. Und vielleicht nie.
Das ist etwas, dem wir ausgesetzt sind. Immer und überall. Und nein: einfach weggehen und woanders anders machen, geht nicht. Nicht jetzt. Nur hoffentlich: irgendwann.

Tag 33: Heimfahrt

Am Morgen wache ich mit Halsschmerzen auf. Trinke einen Kaffee. Packe. Fahre weiter. Finde es gut mich so schlecht zu fühlen. Ich fühle mich scheiße und weiß, dass ich auf Scheiße zu fahre. Und trete so fest ich kann in die Pedale.

In der Radstation haben sie die Gangschaltung nicht eingestellt. Danke ihr … Pfropfen.

Die Gegend ist sehr westfälisch. Alles sieht aus wie zu Hause. Provinziell städtisch. Mittelengagiert. Mittelinnovativ. Mittelkitschig. Mittelinteressant. Wir haben die langweiligste Gegend der Welt als zu Hause und irgendwie ist das für uns vermutlich immer schon genau das Richtige gewesen.

Ab Rheda tun mir die Knie weh, weil die Schaltung nur noch in den hohen Gängen greift. Ab Gütersloh der Arsch. In Bielefeld Quelle, merke ich einen Sonnenbrand auf den Schultern. In Bielefeld Dornberg fährt uns jemand in den Anhänger. Eine Stunde später schlucke ich Ibuprofen und Erkältungshelfer.

Zu Hause.
Wo der Anrufbeantworter blinkt und alles fremd erscheint.
Außer das Schreiben.

Tag 32: der große Sprung

Am Abend von Tag 31 war klar: Bonn wäre die Stadt, in der das Rad einmal in die Werkstatt muss.

Das Knacken im Tretbereich kannten wir schon von Pitti und die Gangschaltung musste auch neu eingestellt werden. Nix mit „genug Fett reicht“.

Wir starteten. Die Laune auf mittelmies. In Bonn angekommen, gab es eine erste Erleichterung. Kein Termin nötig – das Team in der Radstation schob uns dazwischen. Der Himmel zog sich zu. Die Luft drückte uns nieder. Auf der Suche nach freiem Internet, schauten wir flüchtig durch die Altstadt. Bethoven. Vereinte Nationen. Haribo. Aha. Nächstes Mal mehr.

Das Gewitter kam. Eine Asthmaattacke auch. Klein, aber ausreichend. Bis Solingen würden wir es nicht mehr schaffen. Vielleicht schafften wir auch gar nichts mehr. Das neue Rad ist nachwievor ein unsicheres Ding, das uns erst noch von seiner Zuverlässigkeit überzeugen muss.

Es hat nicht einmal einen Namen. Es kommt einfach nichts. Vielleicht, weil es so ein gutes Rad ist. Neu gekauft als erstes, das wir besitzen. Ein Trekkingrad mit 27 Gängen, Federgabeln und sehr leichtem Rahmen. Vielleicht ist es zu gut für uns.

Gegen Mittag ist es fertig repariert und hat sowohl ein neues Innenlager als auch neue Pedale. Wir haben ein Loch in unserem Budget und wissen, dass wir jetzt entweder 5 sehr geknappste Fahrtage oder 2 Tage wie bisher haben können. Und wählen die 2 Tage.

Wir steigen in einen Zug nach Köln. Dort steigen wir in einen nach Hamm. Von dort fahren wir weiter auf einen Campingplatz neben einer Autobahn. 19 Uhr schaue ich zuletzt auf die Uhr und schlafe bis 5 Uhr 35.

Wir haben 116 km übersprungen und noch einen Tag zu fahren.

Tag 30: Flauschglück

An Tag 30 ist es vorbei. Podstock.

Unser erstes Podcaster_innentreffen und die Veranstaltung auf die wir uns am meisten gefreut haben.

Es hatte uns auf dem Weg, der einen 500 Höhenmeteranstieg und eine gefährliche Radpanne mitten auf dem Berg enthielt, sehr durchgeregnet. Auf dem Gelände angekommen regnete es weiter. Doch ab da war es egal, denn es gab Planen und einen Trichter.

Die Stimmen zu gern gehörten Podcasts zu treffen, ist ein besonderes Ding. Zu merken, dass andere Menschen ganz ähnliche Begeisterungen an ihren Projekten haben wie man selbst, auch. Uns tat es gut. Zu sehen: andere wollen auch – alles – anders – schön – richtig – gut – besser machen. Und lernen und mit.teilen. Diese Offenheit und Herzlichkeit sind uns Flauschglück.

Für Zeiten in denen es nicht läuft, wie es soll und erst recht nicht, wie man will.

Danke an alle <3

Tag 26: Zeit

Am Abend des 25 sten Tages weint die mit der Haut aus Stein auf NakNak*s Kopf. Die Stimme der Therapeutin wie eine akustische Spur aus dem Labyrinth der alten und neuen Zeiten.

Drei Wochen sind lang. Drei Wochen und ein paar Tage geht es noch. So tun als wär nix. Nie gewesen. Und falls da Zweifel sind, fährt man einfach weg. Von DEM DA und dem was so heftig daran erinnert.

Unsere Radtour neigt sich dem Ende. Nicht jetzt gleich bald morgen, aber genug, um immer mehr Kraft daran zu verbrauchen, sich nicht mit Schule und I-Kraft-Theater, den ableistischen Wohltäter_innengewalten und vielen anderen Ängsten zu befassen.

Tag 26 steht im Zeichen von Langsamkeit. Was dem Steinhautmädchen passiert war, ging so schnelllangsamwirr, dass es Puls braucht. Eins zwei, eins zwei. Eins. Zwei. Links auf eins, rechts auf zwei. Jede Ziffer ein Gedanke an das Bein, das unser Rad antreibt.

Heute lassen wir sie nicht flüchten. Heute breiten wir die Weite zwischen dem was uns überfordert und dem wo wir jetzt sind aus, wie einen kostbaren Teppich, den wir allein zu betreten genießen. Mit allem was gerade da ist.

Als sie in die Pedale tritt und der Rhein in seinem Lauf fast mittragend wirkt, wird mir sehr bewusst, wie jung sie noch war. Damals. Als die Wunde geschlagen wurde, die sie bis heute er.trägt.

Als wir auf einer Fähre über den Fluss fahren, sehe ich die Spaltung. Den Wundrand. Die versprengten Kindjugendlichen ihres damaligen Alters, die an der Reling hängen und vor Freude in die Hände klatschen. Die unter ihr brennenden, deren Zittern von ihrer Haut versteckt wird. Sie, die das Gesicht in den Wind hält und versucht kein Heimweh nach einem Früherzuhause zu haben.

In Ingelheim angekommen setzt Regen ein. Wir halten bei Fressnapf und kaufen Hundefutter für eine weitere Woche Radtour nach dem Podstockbarcampfestival.

Es sind unsere Ferien. Es ist unsere Zeit. Und wir brauchen sie.

Tag 25: fließende Grenzen

An Tag 24 erkunden wir Worms. Beziehungsweise den ältesten jüdischen Friedhof Europas, der in Worms liegt.

Eingehüllt in Stille, liegen die kleinen und großen, teils fast tausend Jahre alten Gräber mitten im Trubel der Stadt. Wir freuen uns an der Begleitung des Joker, dem Sprechen und Mit.teilen, das zwischen uns passiert. Die Sonne wärmt uns und es ist ein gutes Dort.sein.

Später schauen wir uns den Dom an und sehen zum ersten Mal eine Reliquie. Ist schon mehr als ein Bravo-Starschnitt so ein Ding.

Wir machen ein Opferlicht an, aus Gründen. Es ist weichgut, aber doch seltsam fern. Eine Wunschbitte an so etwas wie G’tt, kommt mir in dieser Sache doch eher vor wie eine Umleitung im Lauf der Dinge. Aber die Stellen, die wichtig für unsere Wunschbitte sind, kennen wir jetzt noch nicht. Vielleicht ist es gut, wenn sie also noch einen kleinen Schlenker durch den Lauf der Dinge macht, bis ein konkreter Punkt klar ist.

Ich spüre uns Rosenblätter aus einem tieferen Innen beobachtet und verwundert. Was wir machen und warum. Warum hier und nicht woanders. Üblicherweise haben wir ein Gebet für Gründe wie diesen. Aber jetzt ist nicht ‚üblich‘. Seit inzwischen 3 Wochen und 4 Tagen ist nichts üblich, außer die Üblichkeit eines Laufs der Dinge, von dem wir uns mehr umspülen lassen, als ihn zu lenken.

Am Abend schwimmen wir zusammen. Spielen Karten. Dösen im Auto. Es ist schön. Und dann rutschen wir in die Traumahölle zwischen Schlaf und Wach.

Ich wache aus einem Wiedererleben auf und bin froh um mein schnelles Erkennen des Ist. Dem Joker hatten wir noch nicht gesagt, was okay/gut ist, wenn genau das nicht passiert und ein Innenkind da ist.

Was sollen wir ihm auch sagen? Es ist doch das Gleiche wie mit mir. Nicht anfassen, NakNak* erkennen, Ort und Zeit begreifen lassen. Buff bamm bäng

Ich bin mir nachwievor nicht sicher, ob und wie Kinderinnens überhaupt sichtbar sind für Außenstehende.

Am nächsten Tag muss der Joker nach Hause und wir nach Mainz. Ab jetzt müssen wir bummeln, denn bis Sohrschied ist es nicht mehr weit. Um den Bummeldruck noch etwas zu erhöhen, fahren wir im Auto mit.

Der Fluß, von dem wir darüber verwirrt sind, ob er nun der Main oder der Rhein ist, fließt vor dem neuen Campingplatz. Wir schlafen heute in Hessen, Wiesbaden, und gehen Eis essen Rheinland Pfalz, Mainz.

Wir sagen dem Joker Tschüß und warten auf seine WhatsApp -Nachricht heute Abend.

Die Grenzen sind fließend und wir beobachten ihren Verlauf.

Tag 23: 80,8 Kilometer

Am Morgen von Tag 23 räumen wir zusammen. Der Joker nimmt NakNak*, den Anhänger, den Rucksack und eine der Packtaschen mit dem Auto und wir können allein fahren. Von Mainflingen bis Worms. Allein. Er fährt später nach. Sucht einen Campingplatz für uns und macht einmal mehr seinen Leichtigkeitszauber.

Wir radeln los und es ist toll. Interessanterweise genauso schwer wie mit den ganzen Sachen nur sehr viel schneller. Bald werden wir warm. Dann kommt der Flow.

Dann kommt Darmstadt. Und Schietwetter. Hehe

Wir machen Pause an einem Einhornbrunnen und lassen uns beregnen. Dann fahren wir weiter und beobachten eine 6 köpfige Familie. Bepackt mit dünnen Plastiktüten voller Kleidung. Sie laufen in einen Gebäudekomplex mit hohem Zaun und Stacheldraht obendrauf.

Ich denke an die Fotos aus dem Warschauer Ghetto. Ich werde wütend auf mein Mitleid für diese Menschen. Auf mein Hier-und-jetzt-nichts-dagegen-tun-können.

Und fahre weiter.

Tag 22: Geborentag

Am Morgen unseres 31 jährig werdens fällt mir auf, wie seltsam das Wort dazu ist. Geburtstag.

Als würde man jedes Jahr geboren werden. Schon wieder.

Dabei ist das, was wir an diesem Tag erleben einzigneu für uns.

Der Joker bringt uns veganen Schokokuchen mit Kerzen ans Zelt. Wir frühstücken lange und bummeln in den Tag hinein. Fahren nach Aschaffenburg – in Bayern – (wer hätte das gedacht) und schauen uns die Johannesburg an. Und die Stiftsbasilika St. Peter und Alexander. Und den Main.

Dann fahren wir zurück nach Mainflingen, wo wir jetzt sind und spielen Phase 10 und waschen unsere Sachen und trinken Wasser, denn es ist sonnig und schön.

Am Abend speisen wir. Ja. Wir speisen. Anders kann man den Genuss, den wir in dem indisch-pakistanischen Restaurant „Punjab Tandoori“ erlebten, nicht umverben. Es ist so lecker. Göttlich. Und der Service. Und die Örtlichkeit. Und alles. Ach. Es war schön.

Zurück auf dem Campingplatz ist Beachparty am Badesee. Deshalb gewinnen wir gleich 2 Mal in Phase 10.

Für solche Tage ist es schön. Dieses geboren worden sein.

Tag 18: noch ein Glück

Am Frühstückstisch kaue ich an einem Apfel und es knirscht in meiner Wange. Unvermittelt. Nah. Unausweichlich nah.

Der Backenzahn ist schon seit Monaten nicht mehr als ein Klecks Zement, der eine Ruine ausfüllt. Wir scherzen. Noch.

Beim Zähneputzen habe ich dann ein Stück des letzten Backenzahns im Mund. Das herabröckelnde Quentchen, dass mir alle Fassung raubt.

Die Panik rollt an. Vermischt sich mit der Angst vor der Zahnarztangst und dem dichten Wasmachichjetzt. Ich kann nicht mehr sprechen. Nicht mehr denken als die Idee, der restliche Zan würde am wackligen Stück entlang komplett aus meinem Kiefer brechen.

Ein Kind nimmt mich in den Arm. Holt seinen Papa. Der versucht zu verstehen. Versteht. Hilft. Macht einen Plan für uns. Lässt uns Zeit für Beruhigung.

Wir setzten uns zu NakNak*. Schauen dem Fidget Spinner-Lichtspiel zu. Ein anderes Kind gibt mir einen Grashalm. Die Mama spricht mir gut zu. Dann fahren der Papa der Familie und ich zum Zahnarzt.

Die Landschaft zieht an uns vorbei und das ruhige Summen der Reifen auf dem Asphalt beruhigt uns weiter. Er fragt wie er helfen kann. Hilft sehr. Erklärt. Fragt für uns. Spricht mit und für uns.

In der Praxis sind alle freundlich. Der alte Zahnarzt nennt sich selbst einen alten Sack und hat über dem Stuhl ein Unterwasserbild, in das wir ein ängstliches Kinderinnen hineinschlüpfen lassen. Er zieht nicht den ganzen Zahn. Mit so einer Wunde sollte man nicht unterwegs sein. Aber er zieht das wackelige Stück.

Erleichterung. Glück. Mit einem Schlag tiefe Müdigkeit. Sie lassen uns schlafen. Lassen uns etwas Mittagessen.

Später machen wir alle zusammen Gartenarbeit bis es regnet. Dann laden wir Fotos hoch. Veröffentlichen unseren Text.

Die Zeit vergeht, als wäre normal was wir hier gerade leben. Es ist schön.

Nach dem Abendessen lese ich eine neuerliche Unwetterwarnung. Heute schlafen wir gleich im Haus.

Morgen haben wir einen kurzen Weg zum nächsten Campingplatz. Sehr gut um wieder in den Radtouralltag zurück zu kommen.

Nun sitzen wir draußen. Neben uns NakNak*. Der Himmel steht in Apricot. Die Grillen schnarren. Der Bach rauscht. Es ist ein guter Abend für einen Abschied.