Lauf der Dinge

das “bio und vegan ist nur für Reiche–Argument”

Erst dachte ich daran, eine Art Nachklapp auf das #armeLeuteEssen-Ding zu schreiben. Denn meine Ansichten haben sich etwas verändert und diese aufzuschreiben ist nun einmal, was ich hier tue. Mein Hier und Jetzt aufzunehmen und zu prüfen.
Doch dieses Hier und Jetzt ist im Moment ziemlich nah an vielen Dingen, die meine eigene politische und soziale Blase betrifft oder ausmacht.
Oh ja ein Minenfeld mit Nesseln, die um Fettnäpfchen wachsen.
Gleichmal reingehen.

Was hat mich angestoßen?
Mein eigener Anblick im Schaufenster eines Geschäftes vor dem ich mit NakNak* eine Pause machte, während wir auf der Radtour waren.
Da stand ich. Weiß wie Milchbrötchen, an mein teures Tourenrad gelehnt. Streichelte meinen Hund, der ein Premium-Barf-Trockenfutter verdaute. Kaute einen Bio-Rohkostriegel und trank einen Tee aus biologischem Anbau. All das in Funktionskleidung, die soviel gekostet hat, wie eine Jahresgarderobe von Kik.
Wenn man mich so ansah, hätte locker alles da sein können, was ich mir für mich selbst wünsche.
Weiß, abliert, finanziell gut gestellt sein. Privilegiert sein. So sein, dass ich so vieles besser mache, dass alles besser wird.

Ich lese es, wenn in meiner Blase in abgrenzender Art, manchmal auch hämisch und herablassend über “die (Bio-)Besseresser” gesprochen wird. Ich nehme es wohl war, wie inzwischen fast schambesetzt es ist, wenn man untereinander “zugeben muss”, dass man bestimmte Dinge nur noch in einer bestimmten Qualität konsumiert oder zu konsumieren gedenkt.

Ich selbst sehe mich in eine schräge Position rutschen, wie ich da so stehe.
Mein “total viel bio essen” hat mit dem vegan essen zu tun. Und damit, dass es für mein quirky Herz, meine Asthmalunge, mein verwirrtes Immunsystem und mein traumatisiertes autistisch funktionierendes Gehirn, einfach ziemlich geil ist, nicht jeden Tag mit Zeug belastet zu werden, das schlicht nicht nötig ist.

Es geht mir im Moment so gut wie noch nie zuvor in diesem Körper. Er ist gut zu benutzen und tut nichts, dass ich mir nicht erklären kann. Im letzten Jahr ist er mir nicht mein bester Freund geworden, aber er ist mir näher und verständlicher geworden. Er macht mir keine Angst mehr. Und das ist besser. Bio-besser, wenn man so will.

Ja, kapitalistische Kackscheiße hat mir das nahe gebracht. Ja, vegan ist hip. Ja, vegan und bio wird als Label für “super gut und super geil” aka “super viel besser als alle anderen” verwendet. Es ist kein Zufall, dass vegane Snacks als “Superfoods” bezeichnet werden.
Das bedeutet aber nicht, dass ich jetzt ein kapitalistisches Bündel grüner Überheblichkeit bin. Oder überhaupt alle Menschen, die diese Produkte kaufen oder ihre Lebensweise ins Vegane verändern.
Oder – und ja von mir aus haut mich dafür: Das bedeutet nicht, dass nicht vielleicht doch etwas dran ist, dass es besser ist, mehr Produkte zu sich zu nehmen, die den Planeten und menschliche Körper unnötig belasten. Dass es vielleicht gar nicht mal so scheiße ist, unter anderem mit dem eigenen Konsum einen Beitrag zu Veränderungen hinzu geben zu wollen. (Und ja – hier steht absichtlich nicht “einen Beitrag leisten zu wollen”.)

Eine allgemeine Fehlannahme ist die, dass es bei Veganismus oder bei der (von mir gefühlt) viel größeren und breiteren Bio-Bewegung, ausschließlich um Konsum geht. Die Annahme an sich ist nachvollziehbar, denn man kann sich als Veganer_in oder Bioökohippie verkleiden, indem man im Bioladen einkauft, statt bei Aldi. Steht man nämlich bei Aldi, wird man für arm oder wenigstens kostenbewusst gehalten – auch dann, wenn man ausschließlich vegane oder Bio_Lebensmittel dort einkauft.

Was ich bisher aber von Veganismus verstanden habe, deckt nicht nur das ab, was auf eine_n zukommt. Was man sich kauft. Was man erreicht. Was man mehr leistet oder gibt. Sehr deutlich habe ich das während meiner Radtour gemerkt. Wir hatten kaum Müll während der Tour. Brauchten nur zwei Mal Medikamente. Verbrauchten sehr wenig Ressourcen um uns und unsere Wäsche zu pflegen. Die krassen Ausreißer waren die Reifenmäntel- und schläuche für die Anhängerreifen. Die einige Jahre halten werden.

Vielleicht ist diese Erfahrung weniger eine vegane, als eine ökonomische. Es ist sehr teuer arm zu sein und keine großen Investitionen machen zu können, die in der Folge lange Zeit keine weiteren nötig macht. Andererseits kann ich eine Investition in 500gr Linsen, 1kg Tomaten, Salz und Pfeffer für bis zu 3 Tage Mittagessen nicht gerade als etwas sehen, das mich in meiner Armut sehr bedrängt. Zumindest nicht in dem Status, den ich gerade habe.
In meinem Status, kann ich bis zu 5€ für Lebensmittel am Tag ausgeben. Was viel für mich ist und nur jetzt gerade geht, nachdem es viele Jahre nicht so ging.

Was ich aber als etwas sehen kann, das mich in Armut grundsätzlich bedrängt, ist der Umstand für Essen überhaupt Geld haben zu müssen.
Wenn man nicht isst, stirbt man. Wer kein Geld hat, muss also hungern. Oder mit Würde bezahlen. Und die hat in so einem Moment nicht mehr Wert als Brötchen vom Vortag und Aufschnitt kurz vorm Ablauf des MHD.

Das ist mir nachwievor ein noch viel zu wenig kritisierter Umstand in der “Mäh diese Biobesseresser halten sich wohl für was Besseres, wenn sie nicht zu Aldi gehen und Hack für 99Cent kaufen”-Debatte um Armut im Kontext von Ernährung in jedweder Form.
Klar, ist es wichtig diese Unterschiede zu thematisieren und aufzuzeigen.
Es ist aber auch wichtig, sich mal zu fragen, was das für ein perfider Zwang ist, für die Erfüllung aller Grundbedürfnisse, die Menschen haben, um zu (über)leben, etwas bezahlen zu müssen. Und zwar alle.
Und zwar nicht “jede_r so wie sie_r kann”, sondern so, wie es jene bestimmen, die Werte einordnen und festlegen. Anhand von was weiß ich was für Maßstäben.

Biologisch nachhaltig und vegan zu essen, befreit nicht von der Auseinandersetzung mit dieser Frage. Aber die Auseinandersetzung passiert, zumindest für mich im Moment, anders. Für mich ist es ein empowerndes Moment, vollbepackt mit veganen Bio_Lebensmitteln aus dem Aldi zu gehen. Weil ich eben keine_r dieser hippen YouTubeveganer_innen oder “inspirierenden” Veganoinstagrammer_innen bin, sondern ich. Arm, behindert, weiß und auf dem Weg einen Beruf zu lernen. Bewusst, dass mein Konsum die Welt nicht verändert, dass mein Konsum aber doch Teil dessen ist, was meine Welt trägt und mit.bewegt.

Versuche ich mir etwas anzueignen? Ein Label zu reclaimen und neu zu besetzen? Nein.
Veganes (und vegetarisches) Leben war schon da, bevor es hip und teuer wurde.
Sich damit auseinanderzusetzen, wie viel Schmerz und Zerstörung, Machtausübung und unnötige Einverleibung das eigene Leben beinhaltet, ist eine in östlichen Kulturen uralte Nummer. So würde ich sagen, geht es mehr um Wiederentdeckung und aufrichtige Auseinandersetzung. Auch – und das scheint einfach mein Thema im Leben zu sein – mit den Gewalten, die ich sowohl selbst ausübe, als auch kritiklos und/oder manchmal sogar unkritisch in meinem Leben dulde.

Das bedeutet nicht, dass ich andere Menschen, die das nicht auch tun, verachte oder von ihnen erwarte das auch zu tun.
Aber natürlich habe ich manchmal schon den Wunsch und mache mir Gedanken darüber, ob es etwas gibt, das diese Auseinandersetzung in anderen Menschen anstößt.
Ginge es mir darum etwas, was ich über Sexismus, Rassismus oder Kapitalismus verstanden habe, zu teilen, dann würde ich das einfach so raushauen. Ich würde meine Twittertimeline wieder mit Netzmemes, Alltagsbeispielen oder lakonisch-zynischen Sprüchen, die diese Dynamiken verdeutlichen, fluten, wie ich das zu Zeiten von Aufschrei, Schauhin oder Arme Leute Essen getan habe.

Mit einer Auseinandersetzung um veganes Leben und Sein tue ich das nicht.
Ich traue mich nicht so richtig. Habe Angst vor Situationen, in denen Menschen, deren Tweets (Gedanken) ich sehr mag, mich für überheblich halten oder mit karnistischer Argumentation davon überzeugen wollen, wie wichtig es ist (Tiere) zu töten und davon zu profitieren (dass andere Menschen davon leben, für ihren Genuss und ihre Gewohnheiten zu morden und/oder auszubeuten).
Vielleicht traue ich mich auch nicht, weil es keine gleichermaßen großen Hashtags dazu gibt? Fühle ich mich nur dann sicher in meiner Position?

Ich finde das tragisch. Inmitten von Menschen, die sich gegen Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung aussprechen, habe ich Sorge, durch diese Form der Auseinandersetzung als überheblich, abgehoben oder selbst gewaltvoll handelnd wahrgenommen zu werden. Nicht mehr dazuzugehören. Raus zu sein, weil ich etwas kritisiere und ablehne, was viele tun, weil sie es tun wollen oder, aus welchen Gründen auch immer, vielleicht sogar müssen.

Ich finde es tragisch, dass ich von Arbeiter_innen höre, die ein exorbitant hohes Risiko für Arbeitsunfälle und PTBS haben, weil sie Tiere töten und ihre Leichen verarbeiten, um einen mickrigen Lohn zu bekommen. Tragisch, dass so viele Leute Fleisch gerne essen, aber weder diese Arbeiter_innen noch deren Job wirklich wertschätzen. Noch sich sagen: Ich konsumiere lieber etwas, das weniger krasse Auswirkungen auf die Menschen hat, die es produzieren.

Das ist keine windelweiche Friedenshippie-Sache, jenseits der Machbarkeit. Das ist auch antikapitalistischer Diskurs. Das ist auch – vor allem in den USA – antirassistischer Diskurs. Und auch: antiableistischer und antisexistischer Diskurs.

Ich bin gerade sehr glücklich über das, was ich nun auch über die  karnistischen Strukturen hinter meinem ganz persönlichen Konsum erfahre, denn ich gewinne eine Sektion in meiner intersektionalen Auseinandersetzung dazu. Mich empowert das. Mir gibt es Konsistenz. Ich gewinne Einblicke und erweitere meine Perspektive.
Das geht über so vieles hinaus, was derzeit allgemein mit Veganismus in Verbindung gebracht wird. Häufig sogar von Leuten, die schon sehr lange vegan oder vegetarisch oder biologisch nachhaltig leben bzw. konsumieren. (Und natürlich auch, was ich selbst so lange dachte.)

Es geht mir beim veganen Leben nicht darum, mich gut zu fühlen, weil ich nicht mehr verantwortlich bin für den Tod von Tieren. Das bin ich nämlich doch noch.
Es geht mir nicht darum mich gut zu fühlen, weil ich selbst “die Wahrheit” verstanden habe, aber alle anderen nicht. “Die Wahrheit” gibt es für mich nämlich nicht.
Es geht mir nicht darum, dass es billiger ist, sich pflanzenbasiert zu versorgen. Das ist es nämlich nicht.
Es geht mir nicht darum, dass es gesünder ist und ein veganer Arsch mehr sexy ist, als ein anderer. Gesundheit ist ein Machtbegriff und der Wert von Sexiness schlicht sexistische Kackscheiße.

Es geht einfach mal gar nicht um uns.
Um mich oder Menschen im Allgemeinen.
Es geht darum, wie wir uns verhalten. Was wir wertschätzen und was nicht. Was wir zerstören und was wir erschaffen.

Für mich ist das eine echte Erweiterung meines Fokus.
Einer, der ganz und gar woanders ist als da, wie gut oder schlecht eine Person ist, weil sie tut, was sie tut. Es geht darum, wie sich auswirkt, was eine Person tut. Weil es sich auf andere Personen auswirkt. Und darüber auf alles, was uns umgibt.

Es ist das Eine, wenn man sich in einer Gesellschaft verortet, deren Dynamiken man analysieren und verändern kann. Es ist das Andere zu begreifen, dass man sich 24/7 den eigenen Lebensraum unwiderbringlich zerstört bzw. zerstören hilft.
Es bringt mich auf andere Fragen, mit denen ich auf die Gesellschaft schaue. Es bringt mich an andere Antworten, die ich analysieren und reflektieren kann.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird mein Konsum weder den Klimawandel stoppen, noch diverse unsägliche Athletenveganer_innen davon abhalten zu behaupten, vegane Ernährung könne Krebs heilen und führe zu körperlichen Höchstleistungen.
Aber ich persönlich kann mich körperlich gut bzw. besser als vorher fühlen. Kann merken, dass es sich durchaus leben lässt, ohne die Leben anderer dafür zu fordern. Kann meine ethischen Werte in meinen Alltag integrieren, ohne Angst vor Verlust oder Verzicht zu haben. Weil das für mich persönlich funktioniert. Hier und Jetzt und hoffentlich auch in der Zukunft.

Es ist nichts böses oder schlechtes daran, dass ich das anderen Menschen auch wünsche. Das bedeutet nicht, dass ich glaube, es ginge ihnen jetzt schlecht oder sie bräuchten meine Hilfe zu erkennen, was “eigentlich wirklich” abgeht. Es bedeutet, dass ich mir wünsche, mich mit ihnen zusammen gut zu fühlen. Das ist ein Wunsch nach Verbundenheit. Nach Miteinander. Nach Einklang, wenn man so will.
Was in den Ohren mancher Leute wieder einmal furchtbar hippiemäßig und weichgespült klingt. Und deshalb natürlich abgewertet werden muss. Weil: Weichheit, Schönheit, Zartheit – pfui bä. Wer überleben will, muss knallhart sein.

Ach ach … wie sehr ich mir wünsche, dass das endlich aufhört.
Es ist nicht schlimm, den Massenmord an (ihr Leben lang eingepferchten) Tieren grauenhaft zu finden. Es ist nicht schlimm selbst fast körperliche Schmerzen zu fühlen, wenn man sieht, wie sich eine Kettensäge durch uralte Regenwälder frisst. Es ist kein Zeichen von Schwäche oder seltsamer Kopfgeburt, wenn man auf die Information von leergefischten Meeren, schmelzenden Gletschern, “Klimaflüchtlingen” und extreme Wetterereignisse mit Todesängsten und Ohnmachtsgefühlen reagiert.

Es ist schlimm, wenn man so tut, als sei das alles nichts, wogegen man etwas tun kann. Als sei Leid und Zerstörung in diesem Ausmaß ein Naturgesetz oder g’ttgewollt. Und nicht das Ergebnis von Verantwortungsübernahmevermeidung und anderen menschlichen Verhaltensweisen, die durchaus wandelbar sein können.
Immer in individuellen Maßen und natürlich auch immer davon abhängig, was eine Gesellschaft ihre Anteile auch real ermöglicht zu tun – ganz klar – aber doch: Veränderungen sind möglich.

Jeden Tag. Kleine Dinge.
Oder jeden zweiten Tag mittelkleine Dinge.

Der hippe vegane Trend greift viele dieser möglichen Dinge auf und hat, meiner Ansicht nach, bereits vielen guten Ideen und Umsetzungsmodellen einen Nährboden gegeben, der vorher so noch nicht da war.
Das beginnt mit der Auseinandersetzung wie die Nutzung von Plastik wegfallen kann und endet, nach einer Schleife um Ideen zur Entfernung von Plastik aus dem Meer, beim Konzept vom Leben ganz ohne Müll.
Es geht weiter mit Initiativen zur Verbreitung von biologischer Landwirtschaft und kritischer Auseinandersetzung mit der “green Economie”.

Und natürlich ist auch der Tierschutz neu im Diskurs. Inzwischen ist der Begriff des “speciesist savior complex(also einer Person, die Tiere rettet, weil sie sich dann als “guter Mensch”fühlt und ergo ein Tier fürs eigene gute Gefühl benutzt und folglich auch immer ein Tier in Not braucht, um es selbst gut zu haben) immer wieder auch mal Thema und wird sogar zusammen mit Rassismus gedacht[CN: graphic].
Ich erlebe endlich auch die Zeiten, in denen PETA offen kritisiert und abgelehnt werden kann, ohne die eigene “V-Card” oder ethischen Werte verteidigen zu müssen.

Im Moment ist es sehr leicht für mich, mich vegan und biologisch nachhaltig(er als vorher) zu ernähren.
Ich wünsche mir eine ähnliche Leichtigkeit bei der offenen Auseinandersetzung mit veganem Denken und politischem Fordern.
Denn – obwohl ich heute nicht mehr sagen würde, bio und vegan sei nur für reiche (privilegierte) Leute, so sind es doch, trotz der großen Zugänglichkeit, die in veganem Leben liegt, privilegierte Stimmen, die überwiegend zu hören und zu sehen sind. Und entsprechend dieses Bild von Veganismus bzw. biologisch nachhaltigem Konsum produzieren.

So versuche ich in Zukunft weniger zurückhaltend mit meinen Gedanken an der Stelle zu sein. Versuche weiter meine Positionen und Werte nicht in Abgrenzung zu privilegierteren Menschen zu verdeutlichen, sondern in dem, was ich tue.
Zum Beispiel diesen Text nicht nur zu denken und zu schreiben, sondern auch ihn zu veröffentlichen.
Obwohl ich weiß, dass mir gleich wieder irgendjemand ganz dringend sagen muss, dass Bratwurst halt supergeil schmeckt und billiger ist als Tofuwürstchen.

Spock der eine Augenbrauche hochzieht und geht

Lauf der Dinge

glückliche Tiere töten

um sie zu essen und sich dabei gut zu fühlen. Denn man hätte ja auch eines essen können, welches das ganze kurze Leben in einer Massentierhaltungsanlage verbracht hat, um für 1,99€ pro Kilo verschachert zu werden.

Leidende Tiere aus Tierheimen und anderen Nöten retten, um sie zu halten und sich gut zu fühlen. Denn man hätte sich ja auch eins züchten lassen können. Und damit einen Tiermarkt bedient, den man so nicht gut findet.

Für mich ist das inzwischen beides das Gleiche.
Es folgt ein Text über Veganismus, Haustierhaltung und Speziesismus. Ein erster in dem es nicht ums Essen geht, sondern um Tiere und Menschen.
Mir ist egal, ob Menschen, die ihn lesen, sich nach der Lektüre für schlechte Menschen halten, oder glauben, dass ich sie für schlechte Menschen halte. In diesem Text geht es nicht um derlei Befindlichkeiten. Es ist kein Text für Menschen. Es ist ein Text_Raum für meine Auseinandersetzung mit dem Thema.

Vor Kurzem haben Carsten und Stefanie in ihrem Podcast “einfach vegan” die Frage diskutiert, ob Veganer denn Haustiere halten dürfen.
Meine Conclusio ihrer Diskussion und auch der O-Töne anderer vegan (essenden) lebenden Menschen ist, dass es offenbar für viele Menschen okay ist zu sagen: “Ja ich lebe vegan für mich, den Planeten und die Tiere – und eine Haustierhaltung kann ebenfalls “pro Tier” sein. Vor allem wenn es um Tiere in Not geht.”.

Ganz ehrlich, wenn das stimmt, dann sollten wir alle jeden Tag 2 Kilo Schweinehack mit Rinderrouladen in Hühnerbrühe essen und mit Milch runterspülen, um die Leiden der Tiere in Massentierhaltung zu beenden und nicht unnötig zu verlängern.

Ich bin an anderer Stelle gerade in der kritischen Auseinandersetzung mit Wohlfahrtsdenken und der Problematik des Mitleid als Hindernis inklusiver Prozesse.
Deshalb ist es mir vielleicht jetzt so schnell aufgefallen.
Aber vielleicht eine kurze Sortage.

Warum möchten Menschen Tiere in ihrer Umgebung?
Stefanie sagte im Podcast selbst, dass es ihr ein egoistisches Bedürfnis ist. “Hundesehnsucht” hat sie es genannt und ich verstehe, was sie damit meint.
Gab es je mehr als menschliches Verlangen zu Beginn der Haustierhaltung? Nein.

Menschen können von der Anwesenheit eines Tieres wie einem Hund oder einer Katze, einem Schwein, einer Kuh … profitieren. Deshalb wurde die TierHALTUNG etabliert und über die Jahre kultiviert. Menschen haben die Tiere gefangen/angelockt, gezähmt und abhängig gemacht, be-, ge- und ausgenutzt.
Und tun das auch heute noch.

Dass dieses Verhalten okay ist und es anders herum als nicht okay wahrgenommen wird, ist mit Speziesismus zu erklären.
Speziesismus ist die moralische Diskriminierung von Individuen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit.
Also im gewissen Sinne auch das Ergebnis der Überzeugung, als Mensch dem Tier auf eine Art überlegen zu sein, die bestimmtes Verhalten Tieren gegenüber rechtfertigt.
(Melanie Joy hat dazu ein interessantes Video gemacht – Achtung: Minute 8 bis 10:10 enthält Material das Tierleid konkret zeigt.)

In gewisser Weise denke ich, dass Menschen sich heute nach Haustieren (speziell “Haustieren, die sie nicht essen wollen”) sehnen, weil es normalisiert ist, Haustiere zu halten. Ich glaube nicht, dass sich die Kultur des Hamsters in der Plastikdose oder des Goldfischs im Glas, in dem Ausmaß wie heute halten könnte, wäre der Verkauf von lebenden Kleintieren in Zoohandlungen ab morgen verboten oder die Tierschutzgesetze so streng, dass die Haltung bereits in den Geschäften tatsächlich artgerecht gestaltet sein muss.

In case you didn’t know: Das Revier eines gewöhnlichen Hamsters umfasst mehrere Quadratkilometer. QUADRATKILOMETER. Stell dir mal den Käfig dazu vor.
Und dann denk an Fische. An Vögel. An Reptilien.

Tierhaltung kann also nie artgerecht sein. Egal, wie gut der Mensch es meint, egal, wie ehrenvoll die Intension ist – niemals kann ein Mensch einem Tier in allen Bedürfnissen gerecht werden oder sein. Es ist immer das Tier, das sich an die von Menschen gemachten Kompromisse anpassen muss.
Das ist nicht fair und das kann man nicht wegdiskutieren.
Aber man kann für sich eine Haltung daraus ziehen und versuchen sich dieses Bewusstsein im Umgang mit dem Haustier zu bewahren.

Wir leben mit einer inzwischen 8 Jahre alten Hündin zusammen.
Wir haben sie zur Assistenzhündin ausgebildet. Das heißt, dass wir erheblichen Einfluss auf ihr Leben nehmen und in der Vergangenheit auch schon genommen haben. Zu unserem Gunsten.
Über ihren Gunsten wissen wir einen Scheiß. Wir wissen nicht, ob sie sich für das Leben mit uns entschieden hätte, hätten wir sie gefragt. Unsere Unterschiede sind zu groß für diese Art der Konsensfindung. Sie ist nicht selbstbestimmt. Sie kann nicht mal entscheiden, was es jeden Tag zu fressen gibt. Wir reglementieren alles, was sie betrifft. Wir sind die Instanz, die über ihr Wohl und Wehe bestimmt. Weil wir es können. Und sie nicht (lassen).

Was wir wissen ist, dass NakNak* auch ohne uns irgendwo gut überleben könnte. Sie braucht uns nicht um zu überleben.
Sie bräuchte eine Umwelt, in der sie mit Hilfe ihrer Instinkte und Fertigkeiten für sich selbst sorgen kann.
Doch diese Umwelt gibt es nicht. Nicht jetzt. Nicht hier.

Es gibt Ecken auf der Welt, wo wilde Hunde und Hundeartige gut durchkommen.
NakNak* ist aber nicht in diesen Ecken der Welt geboren. Sie würde vermutlich schon den Anpassungsprozess nicht durchlaufen, weil sie so sehr auf den Menschen als Nahrungsquelle geprägt ist. Obwohl es für sie eine soziale Wüste sein muss, tagein tagaus überwiegend mit Menschen zu tun zu haben.

Für uns ist es wichtig zu wissen, dass NakNak* nicht uns braucht. Uns, die wir uns hier Hannah C. Rosenblatt nennen.
Wir wissen, dass Tiere trauern können und auch, dass sie sich unterschiedlich an Personen binden können. Aber für uns ist gerade diese Fähigkeit sich unterschiedlich binden zu können etwas, dass uns im Kontakt mit unserem Hund entlastet.
NakNak* kann auch bei anderen Hannahs glücklich sein. Ich, wir, sind nicht die einzige Hannah, die es schafft, NakNak* zu versorgen und in manchen Aspekten vielleicht sogar glücklich zu machen.

Jede andere Annahme halte ich für nicht nur egoistisch (was nun einmal der Kern der Haustierhaltung und vieler anderer zuweilen fragwürdiger Kulturen ist), sondern auch für egozentrisch. Was – wo es sich nun einmal um zwei Parteien handelt (Hund und Hannah) – das ist, was ich zu vermeiden versuche, soweit ich das kann.

Obwohl das für manche Menschen gerade in dem Kontext, dass NakNak* unsere Assistenzhündin ist, kaum vorstellbar erscheint.
Der Job des Hundes hat ja nur mich (uns) im Zentrum.
Da kann es helfen zu wissen, dass wir sie nur deshalb ausgebildet haben, weil sie den Kern ihres Jobs schon als Welpe von allein gemacht hat. Ohne, dass wir das von ihr verlangt haben oder sie darauf abgerichtet haben. Letztlich ist sie vielleicht überhaupt nur deshalb noch unser Haustier.
So hart das klingt und bei aller Zuneigung, die wir zu ihr haben.
Es ist teuer einen Hund zu halten und es gibt Lebenslagen, da ist es zu viel für uns ihren Bedürfnissen nachzukommen.
Ihr Job jedoch trägt erheblich dazu bei, dass wir das Geld erwirtschaften können, um sie zu ernähren und immer seltener Unterstützung brauchen, ihren Bedürfnissen wenigstens basal zu entsprechen.

Das klingt nicht nach bedingungsloser Liebe zum Hund, richtig? Nach “ich würde alles geben, was ich hab, weil ich ja so ein tierlieber Menschen bin…”.
Wenn dem so ist, dann ist das gut.
Denn wir sind kein ach so tierlieber Mensch, der das letzte Hemd für einen Streuner auf Gran Canaria mit Lungenkrebs geben würde, um ihm Biofleisch aus der Dose in einer Etagenwohnung an einer Hauptstraße in den Plastiknapf zu schütten, um uns gut zu fühlen. Oder fähig jedes von uns wahrgenommene Leiden zu beenden. Oder uns wenigstens nicht ignorant oder kaltherzig oder ohnmächtig zu fühlen, weil wir den Tod des Tieres nicht verhindert haben.

Der Tod ist sowieso so ein Ding.
Tiere sterben. Menschen sterben. Das passiert. So ist der Lauf der Dinge. Wer sind „wir Menschen“, immer wieder und wieder die Entscheidung zu treffen, wer wann wie wo und warum und in welchen Umständen stirbt und warum ist das Verhindern von Toden jeder Art, immer wieder so viel größer, als die Gestaltung der Leben, die da sind und kommen werden?
Auch in den kleinen Teilen der veganen Szene, in die ich bisher mal reingelinst habe, ist es so viel häufiger Thema Tierleid zu verhindern, als Tierglück zu erforschen und zu diskutieren.
Oder den eigenen Begriff vom “glücklichen Tier” zu reflektieren.

Und vom “tierlieben Menschen”.
Was soll denn das überhaupt bedeuten? Das Wort “tierböse” gibt es nicht. Obwohl es viele Menschen und Praktiken gibt, die man so nennen könnte. Tiere essen könnte man “tierböse sein” nennen. Zoos könnte man so nennen. Obwohl da ziemlich sicher nur lauter “tierliebe Menschen” arbeiten. Menschen, die wollen, dass es den Tieren dort gut geht. Oder nicht schlechter als sowieso schon.

Meine Tierliebe ist nicht bedingungslos und das ist gut so. Meine Menschenliebe ist es schließlich auch nicht.
Meine Aggressionen sind es aber. Und das finde ich wichtig.

Im letzten Jahr hatte ich viele Momente des Bewusstseins darum, wann ich mich “tierböse” im Sinne von “aggressiv” gegenüber Tieren verhalten habe, selbst dann, wenn ich nichts mit ihnen zu tun hatte.
Wie oft haben wir selber Tiere gegessen oder die Dinge, die wir aus ihren Ausscheidungen produzieren. Ich habe zwei Paar Lederschuhe im Schrank stehen. Meine Medikamente wurden sicher nicht nur an Menschen getestet. Meine Kleidung, meine Bücher, meine technischen Helferlein… die Produktion all der Dinge, die ich brauche und wünsche, um es gut und schön zu haben, verdrängen Lebensräume für andere Lebewesen in einer Unverhältnismäßigkeit, die nicht entstehen würde, müsste ich mich selbst versorgen. Ohne all den tollen bequemen Schnickschnack, den wir in den letzten 100 bis 150 Jahren erfunden haben.

Obwohl ich selbst noch nie aus Spaß an der Freude einem Tier Leid zugefügt habe, war ich nie nur “tierlieb”.
Und heute denke ich, dass das ein wichtiger Teil des Selbst_Bewusstseins ist. Die Art Ehrlichkeit und vielleicht auch Verantwortungsübernahme, die man an den Tag legen sollte, wenn man sich damit auseinandersetzt, welche Rolle das eigene Leben im Leben eines anderen Lebewesens spielen könnte.

In den O-Tönen des Podcast von Carsten und Stefanie sagt niemand: “Nein, ich halte die Haustierhaltung nur deshalb für überhaupt möglich, weil wir Menschen uns über den Willen von Tieren hinwegsetzen (können). Und trotzdem halte ich ein Tier. Das ist ein moralisches Dilemma(, das ich anders noch nicht lösen kann).”.
Und das finde ich total schade.
Denn es ist ein moralisches Dilemma. Es gibt viele Aspekte, die zu der Situation geführt haben und nur wenige, wenn nicht vielleicht auch gar keine, die es alleinig schaffen, es aufzulösen.

Natürlich kann man es machen wie wir und sagen: “Okay, dieses Haustier begleiten wir bis zu seinem Lebensende und dann halten wir selbst keines mehr.”, eine Auflösung des moralischen Dilemmas ist das aber nicht. Es ist nur das Ende unseres moralischen Dilemmas, das wir mit unserer Haustierhaltung haben.

Es bleibt die Kultur der Farbmaus im Laden, der Zoos weltweit und anderer Rettungswohlfahrten für Tiere in Not.

Wir waren selbst lange Pflegestelle für Hunde, Katzen und Wildtiere. Wir haben damit angefangen, weil wir einen sinnvollen Job machen wollten. Und wir haben damit aufgehört, nachdem wir bemerkt haben, dass wir da einen Job machen, der niemals aufhören wird, wenn man Menschen diesen Notausgang für ihre Fehlentscheidungen offen lässt.

Nach einem Sommer mit 7 Flaschenkätzen und ein paar erwachsenen Tieren – also 0 Schlaf und Level 5000 täglicher Arbeit – hatten wir klar, dass es nicht zu dieser Lage gekommen wäre, hätte jemand der verantwortlich war, den Arsch in der Hose gehabt sich ordentlich zu kümmern. Und sei es die Kätzchen sterben zu lassen, nachdem die Mutter überfahren worden war.

Niemand hatte diese Kätzchen wirklich und echt bedingungslos gewollt.
Niemand außer dem Muttertier wollte sich um sie kümmern, ohne mehr Wollen und Willen als das Leben selbst damit zur Folge zu haben.
Es ist Mitleidskultur und Niedlichfindungsegomanie, die diese Tiere in Menschenhand und –leben gebracht hat. Mit wer weiß was für Auswirkungen auf sie.

Diese Sicht auf diese Kätzchen haben wir nicht erst seit der Auseinandersetzung mit Veganismus und Carnismus. Diese Sicht haben wir schon länger auf diese Art von “Tierliebe” und “Tierschutz”.
Wenn wir uns mit Tierschutz befassen, dann befassen wir uns mit Menschen und verstehen oft nicht, was da vor sich geht.

Zoos zum Beispiel.
Tiere angucken, die man sonst nicht angucken kann – ja reizvoll. Ein Spaziergang, bei dem man fremde Tierstimmen hören kann – geschenkt.
Aber heute gibt es kaum noch Zoos, die sich nicht damit bedecken, sie würden irgendein Artenschutzprogramm unterstützen und bedrohte Tierarten züchten.
Ganz ehrlich – in was für ein Leben werden diese Arten denn zwangshineingezüchtet?
Super toller Beitrag noch ein Tier für nur hinter Glas oder Käfiggittern in die Welt zu setzen.
Wirklich.
Much nachhaltig.
Very sinnvoll.
Nicht.

Da sind mir Zoos lieber, die gar nicht erst versuchen sich selbst schön zu reden und eher als eine Art Museum oder Lexikon mit lebenden Ausstellungsstücken präsentieren. In solchen Zoos ist es einfach leichter die Objektifizierung der Tiere zu erkennen und zu sehen: diese Tiere sind nur hier, weil wir Menschen das so wollten.
Einfach, weil da noch mehr Platz ist für die Entscheidung dagegen.

Wenn man in einem Zoo steht und ein dreiblättrig geknödeltes Nasenfaultier mit großen Kulleraugen und flauschigem Fell eine Birne essen sieht und daneben steht ein Schild auf dem steht: “IST ES NICHT TOLL, DASS WIR DIESES VOM AUSSTERBEN BEDROHTE TIER GERETTET HABEN?! Spenden sie doch bitte noch ein bisschen was und erzählen sie allen ihren Freunden was für ein tolles Tier man sich hier von uns gerettet angucken kann…” – ja wie viel Reflektion über sich selbst und das eigene Wirken auf der Welt ist da noch möglich?

Darf man heute noch dagegen sein Tiere vor dem Aussterben zu retten?
Ganz ehrlich – so wie wir gerade mit dem Planten umgehen, kann ich nur zum Aussterben raten.

Ich bin kein_e Tierrettungsveganer_in.
Bin ich jetzt nicht, werde ich auch später nicht werden.
Aber das Leben ist mir wichtig. Jedes Leben. Das von Tieren, von Pflanzen, von Menschen.

In einer Episode des englischsprachigen Podcast “vegan warrior princesses attack!” beschrieben Kelly und Nichole, dass es unterschiedliche Veganismen gibt, die alle in ihren Anteilen wichtig sind.
Die Ökoveganer_innen sind genauso wichtig, wie die Tierrettungs- und Gesundheitsveganer_innen. Und auch wenn mir das gar nicht so gut gefällt: auch die Hipster-Arroganzveganer.
Beim Thema der Haustierhaltung finde ich das sehr bestätigt.

Es sind die gutverdienenden, meistens weißen Oberschichtenhipster, die sich “vegan” an die Stirn kleben, um hip und modern zu sein oder sich selbst eine äußere Identität zu geben – und die Bürgerrechtsbewegung, die Veganismus auch ist, damit zuweilen arg diskreditieren – aber die veganen Lebensmitteloptionen in viele Läden und Köpfe gebracht haben.
Sie haben die Nachfrage produziert, welcher der kapitalistischen Marktlogik folgend entsprochen wurde.
Nämlich: “Alles. Immer. Jetzt.”

Das kann man kritisieren und es ist wichtig zu kritisieren, wie schnell und rücksichtslos wirklich alles umgesetzt wird, wenn nur die Kohle stimmt.
Aber. Die positive Auswirkung ist, dass weder Vegetarismus noch Veganismus weiterhin ausschließlich im Öko-Bio-Hippie-Kontext zu finden ist und auch mehr und mehr Bewusstsein für Umweltzerstörung und Klimapolitik entsteht.
Zunehmend werden auch mehr und mehr Kinderarbeit und Arbeiterschutz in der Lebensmittelindustrie thematisiert.

Veganismus ist die derzeit am schnellsten wachsende soziale Bewegung. Aus Gründen.

Manche sind klein. Zum Beispiel der, dass Veganer_innen ihre Haustiere nun auch vegan füttern können, wenn sie das wollen (und das Geld, den Mut, das soziale Umfeld dafür haben).
Manche sind groß. Zum Beispiel der, dass die natürlichen Ressourcen unseres Planeten bereits so angegriffen sind, dass alle unsere Bemühungen Tier- und wie Pflanzenarten zu schützen, lächerlich und sinnlos erscheinen müssen.

Kurz nachdem ich das Podcast zu Ende gehört hatte, überlegte ich einen Witz über Aliens, die ein Heim für im All umherirrende, völlig verhungerte Menschen eingerichtet hatten, weil diese auf ihrem Planeten ja nichts mehr zu essen fänden und ach … jemand muss sich doch um sie kümmern… auszuformulieren.
Doch die Tragik ist ja der Witz.
Es wird niemand kommen und uns retten.
Wir müssen das machen.
Miteinander. Füreinander.

Wie – das wird sich zeigen müssen.
Günstig wäre nur das so hinzukriegen, dass wir nicht ständig irgendwas und irgendwen vor irgendwas retten, sondern zu einem Umgang finden, aus dem wir und alle nach uns kommenden auch gut leben können.

Lauf der Dinge, Momente mit Glitzer drin

“Happy Hunger” #2 – Experiment mit Süßkartoffel

“Ich geb dir ein paar Wochen, dann wirst du Tiere retten”, neckte mich eine Gemögte vor ein paar Wochen.  Wir sprachen über Veganismus, Dafür-entscheidungs-Gründe und die Quatschigkeit mancher Konflikte darum herum.
Ich erinnerte sie an unsere #wastunwennskomischgucktChallenge und dachte später noch darüber nach, dass wirklich viel dran ist an dem Spruch “Du bist, was du isst.”. Gerade heute, wo so gut wie alle Produkte und Produktkategorien ganz gezielt ganz bestimmte Menschentypen bzw. Personengruppen ansprechen (sollen) und jede Werbung, sowohl Konsumwünsche, als auch Selbstdefinitionen provozieren will, soll, kann.

Wir ernähren uns im Moment ausschließlich pflanzlich und merken immer wieder, wie wir uns selbst aus der Zuschreibung, ein_e Veganer_in zu sein, herausdrehen. Vor Gemögten und Freund_innen genauso, wie vor der Werbung im Supermarkt und anderswo.
Für uns ist die Aufnahme von Nahrungsmitteln nicht mit Identität aufladbar, ohne uns in Konflikte mit so viel Konfusion um innen und außen zu bringen, dass sich Spaltungspotenziale entwickeln.

Damit haben wir schon Erfahrungen gemacht, als die Essstörung noch keine eigene Ziffer im Arztbrief hatte. Damals – als C. nur noch von dem Knubbelmuster der Rippen unter den Fingern eine Beruhigung empfinden konnte und jedes Fleisch verweigerte und A. in Todesangst durch Gefühle des extremen Hungers jedwede energiedichte Nahrung – darunter eben auch Fleisch – aufnahm, die verfügbar war.
Nach außen wirkten wir widersprüchlich und niemandes äußere Identität wurde in der Folge anerkannt. Weder C.’s als Vegetarier_in noch A.’s als “Mir egal was”-Esser_in.

Heute erleben wir diese Aufladung als Vermeidungstanz.
Denn natürlich kann ich mich als Allesesser_in, als Vegetarier_in, als Veganer_in, als Rohköstler_in, als Frutarier_in, als … kategorisieren und diesen grundlegend elementaren Bereich meines Lebens auf die Aufrechterhaltung dieser Kategorisierung ausrichten – das hat seine Berechtigung und ist total okay so! – aber man kann sich auch klar machen, dass man essen muss, um nicht zu sterben und, dass es ganz am Ende nur darum geht.

Wir haben es für uns als sehr wichtig etabliert, weder Ekel vor grundsätzlich essbaren Lebensmitteln aufzubauen (im Sinne von: “uns selbst in Ekel- oder andere allgemein aversive Empfindungen reinzusteigern”), noch allgemein, grundsätzlich essbare Lebensmittel zu verweigern, wenn es nur diese Lebensmittel gibt.

Durch unseren Hintergrund mit Nahtoderfahrungen unter Anderem durch Hunger und Durst, haben wir nicht viel Raum für die gesellschaftlich akzeptierte Dissoziation zur Realität von Sterblichkeit.
Wenn wir zu wenig essen, geht es uns nicht nur schlecht, weil wir zu wenig gegessen haben – dann geht es uns schlecht, weil etwas im Innen an eine Zeit der Todesnähe erinnert wird. Für solche Etwas, Jemands, Seins oder Innens, ist es weder Trost noch Hilfe, dann von uns zu erfahren, dass wir gerade nicht essen, weil in dem, was vor uns liegt etwas drin ist, was wir aus egal welcher Überzeugung oder Performance heraus zu essen ablehnen.
Für diese Innens, Jemande, Seins und Etwasse ist es wichtig ganz konkret zu erfahren, dass zu essen etwas ist, das losgelöst von Überzeugungen und Identitätsperformance jeder Art getan werden kann und darf. Dass es grundsätzlich und immer bedingungslos getan werden darf.
Und: dass es uns damit gut gehen darf.

Das ist, wo unsere #wastunwennskomischgucktChallenge angesetzt hatte.
Wir wussten, dass wir während der Radtour nicht mehr essen konnten, was und wie wir das üblicherweise getan haben und wir wussten, dass wir uns sehr wahrscheinlich Lebensmitteln zuwenden würden, die wir üblicherweise nicht aufnahmen, weil sie komisch guckten, uns beunruhigten, fremd waren, irritierten.
Die Erkenntnis, dass es Pflanzen und Früchte sind, die uns dann aber doch allgemein am Wenigsten irritieren kam zu dem Zeitpunkt sehr gelegen. Es war Hochsommer – überall kamen wir jederzeit an viele frische Früchte. Wir fuhren durch die Natur fern von Städten und fanden essbare Pflanzen vor, die zu essen sehr viel leichter fiel, als sich im Supermarkt mit verarbeiteter Nahrung einzudecken.
Wir konnten in diesen 11 Tagen bemerken, dass rohe pflanzliche Nahrung allein, für uns um ein Mehrfaches barrierenärmer, körperlich verträglicher und näher an uns und unseren Entscheidungen ist, als die Komposition mit der wir uns vorher ernährt haben.

Die Radtour endete abrupt und mit einer massiven Erschütterung.
Die Art der Ernährung jedoch nicht. Während sich NakNak* von der Operation erholte, blieb für uns plötzlich so viel mehr greifbar verfügbare Kraft als sonst übrig.
Einfach nur dadurch, dass wir statt 3x die Woche nur noch 1x die Woche einkaufen müssen, jederzeit irgendein Obst oder Gemüsen essen können, wenn sich Hunger meldet und nicht permanent irgendwelche diffusen Bauchschmerzen/beschwerden versorgt werden müssen.
Wir erlebten uns satt, wach und leistungsfähig – obwohl unsere kleine Welt in Flammen stand.

In der Reflektion dieses Umstands haben wir bemerkt, dass wir uns durch die Radtourzeit und die selbstgesetzte Challenge eine unerwartet reichhaltige und vielseitige Lebensmittelgruppe erschlossen haben, mit der alleinig umzugehen, für uns weniger beunruhigend zu hantieren ist, als sie in Kombination mit anderen Lebensmittelgruppen zu bringen.
So begannen unsere Experimente.
So begann diese Textserie “Happy Hunger”.

So kam es zu diesem

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“Experiment mit Süßkartoffel”

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Arbeitsschritt 1:
Zutaten einkaufen.

– 1 kleine bis mittelgroße Spitzpaprika, (ca. 2€, eine 1 kg – Packung enthält viele unterschiedlich große)
– 1 kleine Zucchini (etwa 150gr),( ca. 0,80€ pro kg im Moment)
– 3 kleine Frühlingszwiebeln, (0,25€ pro Bund, enthält ca. 6 bis 8 Stück)
– 1 richtig große Süßkartoffel (3,99€ pro kg, enthält ein Stück und viel Überwindung so viel dafür auszugeben – die sich aber sehr lohnt! Versprochen!)
– 1 x veganer Kräuterfrischkäse von Bedda (2,99€, enthält 2 bis 3 Portionen für die Zubereitungen dieser Mahlzeit)
– 1 x Kernmischung “Salattopping” (1,79€, enthält x viele Portionen zur Zubereitung dieser & anderer Mahlzeiten)
– TK “Knoblauch-Duo” (0,99€, enthält x viele Portionen zur Zubereitung dieser & anderer Mahlzeiten)
– Salz
– Pfeffer
– Öl

Arbeitsschritt 2:
Utensilien bereitstellen

– eine Schüssel für die Füllung
– ein Schneidbrett
– ein Gemüsemesser
– Backpapier auf Backblech
– die eingekauften Zutaten

Arbeitsschritt 3:
die Süßkartoffel von oben nach unten halbieren

Arbeitsschritt 4:
eine Mulde in die Hälften der Süßkartoffel schnitzen
(etwa so tief, das noch 1 bis 2 cm Fruchtfleisch bis zur Schale verbleibt)

Arbeitsschritt 5:
den Backofen auf 230° C vorheizen

Arbeitsschritt 6:
die rausgeschnitzten Süßkartoffelstückchen kleinschneiden und in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 7:
die Süßkartoffelhälften
– abwaschen
– die offene Hälfte mit etwas! (nur so 3-4-5 Tropfen) einölen
– leicht salzen

Arbeitsschritt 8:
die Süßkartoffelhälften auf das Backbleck legen und in den Backofen schieben

Arbeitsschritt 9:
einen 20 Minuten-sind-um-Alarm im Handy oder einem anderen System stellen

Arbeitsschritt 10:
die Paprika kleinschneiden und in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 11:
die Zucchini kleinschneiden und in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 12:
die Frühlingszwiebel kleinschneiden und in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 13:
etwa 20 gr des “Salattoppings” in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 14:
ca. 10 bis 15 gr des “Knoblauch-Duo” in die Schüssel geben

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Arbeitsschritt 15:
etwa ein Drittel des Kräuterfrischkäses in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 16:
etwa 5 gr Salz in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 17:
etwa 3 gr Pfeffer in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 18:
einen Esslöffel Öl in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 19:
die Mischung durchrühren bis alles gut vermischt ist

Arbeitsschritt 20:
mit der Gabel in die offene und nun schon weichere Oberfläche der Süßkartoffelhälften im Backofen einstechen (an mehreren Stellen)
(dafür entweder das ganze Backblech aus dem Ofen holen, oder nur ein bisschen hervorholen, danach wieder reinschieben)

Arbeitsschritt 21:
auf den Alarm warten

Arbeitsschritt 22:
wenn der Alarm losgeht, die Süßkartoffelhälften aus dem Backofen holen und auf einen geeigneten Untersetzer stellen

Arbeitsschritt 23:
die Füllung in die Hälften geben
(wenn ein Rest bleibt, kann man den in eine kleine Form geben und mit auf das Backblech stellen, wenn da noch Platz ist)

Arbeitsschritt 24:
das Backblech mit den gefüllten Süßkartoffelhälften (und der Form mit Füllungsrest) zurück in den Backofen schieben

Arbeitsschritt 25:
den Backofen auf 200° runterschalten

Arbeitsschritt 26:
einen 25 Minuten-sind-um-Alarm einstellen

Arbeitsschritt 27:
– Küche aufräumen
– Essplatz gemütlich machen

Arbeitsschritt 28:
wenn der Alarm losgeht, das Backblech aus dem Ofen auf einen geeigneten Untersetzer stellen

Arbeitsschritt 29:
die Süßkartoffelhälften auf einen Teller legen (und eventuelle Füllungsreste daneben geben)

Arbeitsschritt 30:
Essen und wenn’s geht: genießen
(man kann alles aus der Schale herauslöffeln, man kann die Schale aber auch abziehen und dann scheibenweise abschneiden, was man essen möchte)

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Ich hoffe, es schmeckt anderen so gut wie es uns geschmeckt hat. Rückmeldungen zum Thema “Ernährung und Identität im Kontext von Essstörungen” bitte gerne in die Kommentare. Und wenn du oder ihr das Rezept nachgemacht hast/habt, natürlich auch.