zu Gewalt legitimierender Gewalt

Meine aktivistische Timeline bemüht sich gerade darum aufzuzeigen, wie rassistisch derzeit über die Gewalt in der Silvesternacht in Köln berichtet wird.
Dort wurden Vergewaltigungen, Belästigungen und Diebstähle angezeigt. Gesprochen wird von Gruppengewalt und von vielen unbestätigten Personenzahlangaben.
NRWs Innenminister Ralf Jäger wird zitiert:  „Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen“.
Und das Rassismus – rape culture – Bingo ist voll wie die Schnauzen der “Frauen gegen Gewalt e.V.”, die sich nun versammeln um sich zu wehren.

Vielleicht liegt es an rosenblattschen Sprachknall – aber ich habe gelernt “sich zu wehren” passiere erst, wenn man angegriffen wird. Agiert man gegen Personen oder Umstände außerhalb eines konkreten Bedrohungsmoments, so handelt es sich weniger um Abwehr zum Zwecke des Selbstschutzes, als um Verstärkung bzw. Etablierung bestehender Abwehrmechanismen. Das kann dann auch mal bedeuten, dass es um Rassismus, rassistische Ressentiments, cissexistische Täter-Opferspaltung und diverse viele (alle) andere mögliche *ismen geht.
Nur halt leider nicht darum, ein gutes und respektvolles Miteinander zu suchen und zu etablieren.

Und eigentlich könnte dieses schon an der Stelle beginnen, wie es kommt, dass es bei Großveranstaltungen, wie einer Silvesterfeier, die durch die Kombination von Menschenmasse, Alkohol und freien Zugang zu Sprengstoffen grundsätzlich hochgefährlich ist, ein ganzes Aufgebot von Polizist_innen und Sondereinheiten bereitsteht – dieses jedoch nicht in der Lage ist, Straftaten jeder Art auch tatsächlich zu verhindern bzw. Täter_innen noch vor Ort auch zu stellen und in Gewahrsam zu nehmen.
Die gleiche Frage stellt sich in Bayern zu jedem Oktoberfest und vermutlich steht diese Frage zu jeder größeren Veranstaltung gleichsam im Raum.

Aber nein – diesmal gibt es die rassistische Nische, die dann auch von Kristina Schröder genutzt wird um von “gewaltlegitimierender Männlichkeitsnorm muslimischer Kultur” zu sprechen, statt davon, wie der Umgang mit Gewalt, ihren Opfern und denen, die sie ausüben, generell so ist.
Es wird “der muslimische Mann” in den Fokus gerückt und wieder einmal ist “der deutsche Ehemann und Vater”, der vielleicht nicht einmal tatsächlich auch ein Mann sondern ein Nongender, Agender, ein was auch immer ist, aus dem Kreis möglicherweise problematisch gewaltlegitimierend sozialisierter Personen gestrichen.
Und wieder einmal sind es weiße deutsche Frauen, die als Schutzobjekt herhalten müssen. Wieder geht es nicht um geflüchtete Frauen, behinderte Frauen, Frauen, die nicht als weiß und deutsch kategorisiert werden, die zu Frauen erklärten Personen, die Transfrauen und und und, die, alle jeden Tag, mit Gewalt konfrontiert sind, die manchmal mit manchmal ohne physische Spuren bleibt.

Die derzeitige Debatte lockt antifeministisch bis pseudomaskulinistisches Pack an, das sich von rechtspopulistischen Figuren wie Birgit –rape culture seems legit – Kelle nur bestätigt fühlen kann und viele Twitteraktivist_innen erleben gerade einen Aufschrei-Flashback. Es ist wie die tausendste Runde Kackscheiße, die weh tut, die verletzt, die zermürbt und letztlich – trotz Grimme online Award und so vielem gutem mehr, das aus dem Hashtag hervor ging – wenig Konkretes in den Köpfen derer, die Verantwortung übernehmen müssten und auch können! stehen ließ.

Ich würde gerne die Silvesterstatistiken der letzten Jahre sehen. Würde gerne überprüfen, ob es sich um ein echtes “mehr Gewalt” handelt, oder um einen Grund “über eine personelle Verstärkung der Polizei sowie eine temporäre Videoüberwachung” zu diskutieren.
Ich möchte eine Auseinandersetzung damit, dass Gewalt – insbesondere sexualisierte Gewalt an Frauen und als “Frauen” (trotz anderer Geschlechtsidentität) benannter Personen – mehr und mehr zu einem gewaltlegitimierendem Grund für Rassismus und andere Formen von Diskriminierung und damit: Gewalt wird, statt zum Anlass sich ganz konkret mit Aufklärungs-, Präventions- , Schutz- und Hilfemaßnahmen für alle Personen gleich auseinander zu setzen.

Hier ein paar Missstände, an denen man sich gleichermaßen abarbeiten kann
– es gibt zu wenig Schutz- und Beratungsstellen für Menschen, die Gewalt erfuhren
– es gibt zu wenig Therapieplätze für Personen, die Gewalt erfuhren und Verarbeitungsprobleme haben
– es gibt zu wenig kultursensible Beratungs- und Hilfsangebote
– es gibt zu wenig gendersensible Hilfs- und Beratungsangebote
– es gibt zu wenig gute und sichere Unterkünfte für geflüchtete Personen
– es gibt eine erbärmliche Rechtslage in Sachen sexualisierter Gewalt
– es gibt erbärmliche Rechtsgrundlagen in Bezug auf alles, was zwischenmenschliche (im Sinne von sozialer) Gewalt angeht
– es gibt zu wenig Menschen, die begreifen, was Rassismus, Sexismus – allgemein Diskriminierung und Gewalt überhaupt ist
– es gibt zu wenig Orte, an denen respektvolles Miteinander für alle gleichermaßen einzuüben ist
– es gibt zu wenig Menschen, die begreifen, dass sie gemeint sind, wenn es um Aufrufe zum angenehmen und inklusivem Miteinander geht

Es gibt so verdammt viel mehr zu tun, als ausgerechnet jetzt seinen Rassismus auf Kosten von Personen, die zu Opfern wurden zu legitimieren!

war ja klar [Abwinkgeräusch]

Heute morgen kurz nach 3 wachte ich auf und dachte: war [genervte Lücke] ja [genervte Lücke] klar [das Geräusch von durch die Luft fliegenden Armen]
War ja klar, dass es keinen Mehrwert hatte früher ins Bett zu gehen, um länger drin liegen zu können. Bevor man sich aufrafft, um den ersten Werktag 2016 genau damit zu füllen, sich um sich zu kümmern.

War ja klar, dass der Schmerz im unteren Rücken wieder kommt und bleibt und keine wie auch immer gelegte Decke unter die Kuhle in unserer Matratze irgendwie sowas wie die harte Unterlage macht, die wir Bauchschläferschweinchen brauchen. War ja klar.

Und irgendwie blieb der schale Beigeschmack von Desillusionierung und strukturierter Verwirrung hängen.
Es schneite die zweiten ordentlichen Flocken – und die erste Person, der wir das zu zwei halben Dritteln mit Kinderinnens befüllt im Schlafanzug und zerknautscht wie ein Yeti mitteilten, war einer der beiden Postboten, die immer verwirrend viel Zeit und Nettigkeit im Hausflur für uns haben. Super. War ja klar. Repräsentation matters und wir sind die letzten, die das halbwegs schaffen.

Naja und ist der Ruf erst ruiniert… torkelt es sich auch halbwegs entspannt durch die Stadt zur Neurologin, um die Einweisung zur Klinik abzuholen. An dieser Stelle hätte ich gedacht ebenfalls ein “war ja klar” in Bezug auf irgendwelche aufkommenden “Nope”- Impulse zu denken, doch sie blieben aus.

Wir fuhren in Richtung Klinik und wirrten ein bisschen umher ob der Tatsache, dass es weniger aktiven Widerstand als beklemmend ruhiges Abwinken gab. “Ach kommt – ihr werdet das schon sehen. Was soll ich noch reden. Wir haben schon alles gesagt.” – mit einem Punkt am Ende, der sie so alt und fahl macht wie den Schatten eines Jenseitigen.
Mir fällt es schwer mich an die Krise im Oktober zu erinnern. Obwohl ich die Nachricht mit der Bitte um Aufnahme in der Klinik von der Krisenstation aus geschrieben habe und noch weiß, wie verboten mir das vorkam.  Wie ich mich beeilt habe, weil ich Angst hatte, jemand käme und schlüge mir das Laptop um die Ohren. Weil ich zu dem Zeitpunkt nichts sicherer wusste, als das ich gar nichts wusste.
Ich weiß auch bis heute nicht, ob die Erinnerung an die paar Tage so fädrig sind, weil wir Medikamente bekamen, oder, weil sehr ferne andere da waren.

Jedenfalls sind etwas über 2 Monate seitdem vergangen und trotzdem mir die Angst und Not dieser Zeit manchmal noch beklemmend nahe rückt, ist sie gleichzeitig unfassbar fern. Begraben unter Vorhaben, Aufgaben, Arbeiten, den zwanzigtausend Hochzeiten, die wir mit_planen und mit_feiern wollen. Unter dem Medikament, dem Hier und Jetzt fern der Welt des Äußeren.

Der Soundtrack ist Peponi und über unserem Kopf flockt es kühle Stückchen auf die Membran zwischen uns und dem Himmel.
Als wir vor dem Gebäude stehen und den letzten Kaffee trinken, fällt mir ein, wie wir mit einem unfassbar klitzekleinen Hundewelpen unter der Jacke diese Treppen genommen haben.
Damals, bevor.
Damals, nach dem.
Damals, als.

“Na? Hab ichs dir nicht gesagt?”, fragt es mich süffisant von hinten links und schlägt die Beine übereinander, “Ihr könnt hier erarbeiten wollen, was auch immer ihr wollt. Ihr werdet wir sein und euch verlieren.”. Ich atme durch. Stürze den Kaffeerest hinunter und schaue noch einmal die Straße auf und ab, ob unsere Therapeutin kommt.
“Willkommen im Herrschaftsgebiet des fremden Blickes!”, trötet die Stimme als ich die Tür zum Foyer aufstoße, “Sie können nun aufhören zu sein.”.

“Könntest du bitte auch kurz aufhören zu sein? Ich muss mich konzentrieren”, denke ich und schließe mit dem Aufstampfen meiner Füße auf der Schmutzfangmatte, die Tür zwischen mir und ihr.
Das ist alles ein bisschen viel. Ein Christbaum mit Licht und Duft. Ein Schild neben einer Sesselgruppe auf dem steht, sie sei kein Aufenthaltsbereich. Es entspinnt sich eine tiefsinnige Grübelei, ob ein Wartebereich nicht auch eine Art Aufenthaltsbereich sei und wie subtil die Bildung urbaner Exile beginnt und überhaupt, wieso ist es hier so warm und ach… wieso können wir nicht einfach Schlitten fahren gehen.
Ich frage mich, wieso ich eigentlich ordentlich angezogen bin, wenn mein Kopfinneres am Ende doch realistischer im Knautschyetiaufzug abgebildet ist.

Mir fällt ein, wie wir noch nie wussten, was nach “zu einem Vorgesprächstermin in der Klinik ankommen” eigentlich zu tun ist. Jedes Mal hat uns einer der Verwaltungsmenschen von den Höhen unserer Gedankenberge abgepflückt und neben sich an den Schreibtisch gelegt. Zahlen, Daten, Zettel und Versicherungskarte. Kling Klang Klonk
Diesmal mit unserer Therapeutin dabei, die uns auch noch einen Jahreswunsch zuwirft und mich damit verwirrt, weil ich dachte, wir hätten unseren Neujahrswünschekram schon erledigt.

Während wir die Treppen zu dem Zimmer in dem wir unseren Termin haben hochgehen, lasse ich die Klinke der Tür hinter mir los.
Jetzt ist unsere Therapeutin da und ich habe das Gefühl weniger auf einer Glasfaser, als auf einer fußbreiten Planke zu balancieren. Es bleibt still.

Wir warten nebeneinander vor einem Leinwandbildruck, der schon vor 3 Jahren dort hing. Und immer noch besser aussähe, würde man ihn ein bisschen abschmirgeln. Es riecht nach Kaffee, ein Geburtstagslied wird gesungen. Ein Hund bellt. Draußen fällt Schnee.
Unsere Wortressourcen sind auf “Wir wollen, dass es uns besser geht” und “Es war alles zu viel” und “Aber eigentlich ist alles okay.” zusammengepresst.

Plötzlich fliegt eine ausgestreckte Hand in mein Blickfeld, die ich auch gleich mal schüttle um zu gucken, ob sie abfällt. Warum auch nicht.
Fiele sie ab könnte ich sagen “war ja klar” und hätte mehr Raum um meine Worte zu dekomprimieren.
Stattdessen werde ich zu meiner Mutter und merke den spontanen Brechreiz einer anderen. Erinnere das als Teil des Problems in der Krisenstation.
Als Teil von so vielen anderen Problemen.

Das Gespräch funktioniert dann aber gut. An einem Punkt gehe ich ein Stück zurück und verstehe die Stimme hinter mir ein bisschen mehr.
Ja, hier gibt es den Blick, den wir nicht gut ertragen können und ein Machtgefälle, das neben vielem anderen in ungute Ecken triggert. Und ja – einen Umgang, der nicht die Selbstauflösung beinhaltet, haben wir damit nicht.
“Das wird ein Sprung ins Blaue.”, sagt sie mir mitten ins Denken hinein.
”Das war das Nichtspringen von der Brücke auch.”, antworte ich.

Wir fahren nach Hause und wissen, dass eine Bedingung ist das Blog ruhen zu lassen so lange wir da sind.
Erst will ich das verstehen. Zu hause merke ich, wie wahrscheinlich total gut gemeint und dennoch übergriffig das ist. Dann merke ich, dass wir nichts dagegen tun können, außer dann eben auf eine Hilfs- und Unterstützungsoption zu verzichten. Dann merke ich wie das Inmitten brennt, weil es ist, als dürften wir nichts sagen während wir dort sind. Und wie das Dunkelbunt triumphiert über die Offensichtlichkeit mit der die Falschheit der Helfer zutage kommt.

Und ich merke, wie wenig mehr als “war ja klar” da noch in mir drin ist.
Am Ende des ersten Werktages diesen Jahres merke ich wie viel keine Kraft mehr ist um uns zu rechtfertigen, uns aus uns heraus zu beruhigen, einander miteinander zu halten, und uns irgendwie mehr als nur Raum für Worte überhaupt noch geben zu können.

Wie sehr wir am Ende diejenige sind, die alle Angebote ablehnt oder schlecht nutzt und in Wahrheit ja gar nicht will, dass es besser wird.
Was ja aber klar war.
Sind ja schließlich wir.

Wir waren ja schon immer undankbar.

Fundstücke #14

ES war nie okay
ES war immer schlimm

In Wahrheit ist nie irgendetwas vorbei. Oder zu Ende.
In Wahrheit ist es so, dass die Zeit so viele Huckel, Kluften und Falten hat, das die Idee vom linearen Hintereinanderher absurd und haltlos erscheinen muss.

Natürlich kann ich Aktionen und Abläufe wie  Perlen auf eine Schnur hängen und so tun, als seien die Kreise, die die Uhrzeiger immer neu aufs Zifferblatt malen, die alles ordnende Konstante. Doch welchen Raum soll diese Zeitperlenkette einnehmen, wenn nicht den des subjektiven Empfindens?
Woran entlang passiert Entwicklung und was, wenn nicht Entwicklung ist Zeit und Raum als erfahrbares Stück Weltlichkeit?

Die Welt und ihr Lauf der Dinge sind mehr als ein reißender Fluss, bestehend aus vielen einzelnen Wellen. Viel mehr ist die Welt der Fluss und die einzelnen Wellen sind die Myriaden Tropfen, die zu Selbst und Wahrhaftigkeit zu werden versuchen, noch bevor sie sich verlieren im endlosen Sein und Werden.

In Wahrheit
ist im Inmitten.

Rückblick #2

Ein bisschen ratlos halte ich dieses triefende, durchlöchert und zerfetzte letzte Jahr in meinen Händen und merke wie mein Blick zwischen betrachten und wahr_nehmen hastige, zuweilen panische Haken schlägt.

“Wir haben viel geschafft.”, sage ich mir mechanisch. Fast wie unsere Bundesregierung. Obwohl die braune Scheiße durch Deutschlands Innenstädte quoll.
Häuser brennen. Menschen ihre Leben riskieren. Trotz der Scheiße.
Trotz all dieser braunen Scheiße.

Im Jahr 2015 sah ich das Foto vom ertrunkenen Aylan Kurdi und fing an zu weinen. Vor Scham. Vor Trauer. Vor Wut um die Ohnmacht, die Ignoranz, all die Ego’s, die um ihretwillen, die Leben von Millionen von Menschen ausliefern.
Und was habe ich getan?
Kleider gesammelt. Gespendet. Werbung gemacht. Vereine unterstützt. Und zwischendurch geheult. Weil kein einziger Tag verging und bis heute vergeht, ohne, dass sich Meldungen über weitere hundert ertrunkener Menschen im Mittelmeer mit Meldungen von brennenden Geflüchtetenunterkünften abwechseln.

Man kann nicht alle retten. Man kann sich aber dafür einsetzen, dass niemand mehr gerettet werden muss.
Denke ich.

Und wundere und erschrecke mich, wie fast hinterhältig anmutend unsere Politik jeden einzelnen Terroranschlag weiter ausnutzt, um mehr und mehr Überwachung zu legitimieren. Bereits jetzt sind wir alle in unseren Grundrechten beschnitten und vielleicht ist das die erbärmlichst mögliche Art, die das deutsche Angstvolk in Sachen “Gleichheit aller Menschen” dieses Jahr geschafft hat.
Vielleicht habe ich aber auch irgendeine gute politische Entwicklung verpasst.

Das kann sein, denn ich war beschäftigt. Mit Angst haben. Traurig und wütend sein. Mit politischem und sozialem Diskurs. Mit uns und dem neuen Wort für unser Denken. Damit, Menschen an Krisen, Not, Gewalt zu verlieren und in Zeiten der Krise, Not und Gewalt als Unterstützer_innen und Wegbegleiter_innen zu gewinnen.
Ich musste verdauen, was für eine tolle Jugendliche wir mal waren und woher sie kommt, die spontane Bereitschaft in Tränen auszubrechen, wann immer wir erfahren, dass Menschen ihre Flucht nicht überlebt haben. Wie wir.

Wir haben uns getraut an der Musik- und Kunstschule ein Vorstudium anzufangen. Und es auf das eine Fach zu reduzieren, das für uns am barrierenärmsten ist. “Inklusion – ja aber…”, ist ein Satzanfang von dort und vielleicht haben mir wenige Umfelder, in denen wir uns 2015 bewegt haben, die furchtbar selbstverständlich hingenommene kognitive Dissonanz, Unwissenheit und Ignoranz der sogenannten “Mitte der Gesellschaft” krasser aufgezeigt als dieses.

Neben dem Umstand einfach nicht zu diesem Teil der Gesellschaft dazu zugehören. Auch wenn diese Menschen mit Nachdruck in der Stimme sagen: “Ja aber du bist doch hier! Bist du denn jetzt ausgeschlossen?” und damit eine Art Mimikry an mir veranstalten, die ihnen abgrundtief peinlich wäre, wäre ihnen klar, was sie da tun.

“Arme dumme privilegierte Arschnasen.”, habe ich oft gedacht in diesem Jahr. Immer dann wenn jemand meinte, es wäre nötig gendersensible Sprache und Umgangsformen lächerlich zu machen. Immer dann, wenn jemand meinte empowernde Initiativen von diskriminierten und minorisierten Personen(gruppen) untergraben zu dürfen.
Vielleicht mache ich das auch weiterhin. Bis mir eine Alternative einfällt, die nicht idealistisch aber sinnlos ist.

Stichwort Idealismus.
Fiel nach dem ersten Austausch- und Vernetzungstreffen zum Nachwachshaus. Interessant, wie man zu solchen Rückmeldungen kommt. Dann irgendwann.
Lustig, wie Menschen vergessen, dass Idealismus ist, was wir als eine der positiven Ressourcen unbegrenzt für dieses Projekt haben.
Während andere Ressourcen nachwievor unmöglich zu erschließen sind. Vermutlich auch noch länger.

Auch wenn unsere Langzeithaterin und sicher auch andere Menschen denken, wir bekämen ja “dauernd was zugesteckt” und “wir uns ja auch jederzeit weiter durchschnorren können”, haben wir 2015 über mehrere Monate von <100€  gelebt. Weil das war, was übrig blieb von diesem “viel zu aktiv für unsere Krankheit” sein.
”Fuck you, du dumme kleingeistige Arschwarze.” hab ich irgendwann gedacht. Und merke selbst jetzt im Niederschreiben des Gedanken, wie schal der Geschmack von Beleidigungen am Ende ist.

Unsere Arbeitsgruppe gibt es aber. Immer noch. Trotz allem. Und wir haben viel geschafft.
Und Raul hat uns ermutigt. Das macht mich froh und lässt uns hoffen, 2016 noch mehr Idealist_innen zu treffen, die mitarbeiten wollen.
Wir haben sogar ne Webseite. Hust.

Apropos Webseite.
Das Blog von Vielen.  Wir wollten die 1000 Artikel in diesem Jahr schaffen.
Sind dann leider suizidal gewesen. Und irgendwie geblieben. Viele Worte gabs da nicht mehr. Am Ende gar keine mehr.
Suizid ist eine Wahl. Das ist auch der Titel des am meisten aufgerufenen Artikels in diesem Jahr.

Wir haben uns für das Leben entschieden. Das weiter, aber nicht ohne Unterschied zu vorher, leben. So lange bis wir nichts mehr lernen wollen oder gelernt haben, warum wir nur verlieren können. Win-Win könnte man sagen.

Das Podcast ist auch ein Win. Aber darüber wollen wir nicht schreiben. Wir möchten niemandem weh tun. Nicht mehr jedenfalls.
Als schon passiert.

Ein anderes Win waren die Handvoll Artikel, die wir bei der Mädchenmannschaft veröffentlichen durften.
Die zart anklopfenden Emails, die ihre warmen Wogen um unser Herz fließen lassen und die wir beantworten durften.
Wie wir es geschafft haben. Und schaffen.
Die Gespräche beim Inklusionscamp. Bei allen Tagungen, Konferenzen, Veranstaltungen, Versammlungen und Treffen, denen wir in diesem Jahr beiwohnen durften. Als Speakerin, als Teilnehmende, als Teilgebende. Als Fremde. Als Hannah.
Als wir.

Nun rappelt und zappelt 2016 in seinem Versteck vor sich hin.
Darüber schreibe ich später.

Rückblick #1

das sind unsere beliebtesten Instagramfotos von 2015

therosenblatts_full
– eine Schnecke am Bordstein des Weges, den wir fast jeden Tag mit NakNak* entlang laufen
– eine flauschige Hummel, auf einer flauschigen Blume, an einem flauschigen Tag
– ein Sonnenuntergang mit Wald an den Füßen
– ein Grashalm mit Sonnenuntergang im Rahmen
– der kleine Vogel aus der Inktoberchallenge
– der See in Berlin, den wir mit Renèe besucht hatten, nachdem wir uns für einen Sonnenaufgang über der Stadt um halb 5 aus dem Bett gehievt haben
– ein Frühlingsmorgen im Wald
– ein Sonnenuntergang mit Feuergluthimmel
– ein Pollenkonstrukt vom Wegesrand

und das sind die Instagramfotos, die uns 2015 am meisten gefallen haben


– der Blick auf die Uhr am Abend nach dem ersten Austausch- und Vernetzungstreffen der Arbeitsgruppe „das Nachwachshaus“
– ein Handyfoto von einem der ersten Fotokurse am Anfang des Vorstudiums an der Kunstschule
– ein Foto einer „Jungfer im Grünen“ nach einem Regenguss
– ein einzelne Tropfen auf einem blauem Blütenblatt
– Tropfen auf einem Gewächs mit knallgelben Blättern und knallroten Ästen
– eine Nachaufnahme vom „Haus“ der größten Weinbergschnecke, die je unseren Waldweg gekreuzt hat
– ein Herzblatt auf Schaum – in Bremen – was für eine Geschichte hinter diesem Foto ^^
– eine Feder, in unserem liebsten Rosenbusch der Nachbarschaft
– der Hundenüschel mit dem weichsten Flauschflaum der Welt unter der Nase

24. 12. 2015

In diesem Jahr haben wir gelernt, dass es in Ordnung ist, wenn man auf einem Foto nicht einfach abbildet, was angesehen werden soll, sondern immer genau das, was man selbst sieht und sehen möchte.

Erst das Zeigen eines Bildes bedeutet seine Teilung.

 

bisschen mehr zu #Diätkacke

Ich habe vorhin den #Diätkacke erfunden.
Weil mit voranschreitendem Welken eines jeden Jahres auch eine häufigere Darbietung selbiger auf so ziemlich jeder frei verfügbaren Plattform zu verzeichnen ist. Und, weil es mich ernsthaft wenig wundern würde, wären in Slimfast, Almased und Co mehr Inhalts- und Nährstoffe, als in einem mittelgroßen Kackeklops.

Diäten sind vielschichtig und pauschal nicht zu kritisieren. Letztlich steht das Wort nur für eine bestimmte Komposition von Nahrungsmitteln, die man zu sich nimmt. Nicht jede Diät zielt auf Gewichtsverlust ab, doch ist dies das Ding, das vorm Weihnachtsfest und vor der Freibadzeit in unsere Konsument_innenköpfe gedrückt wird.

Wir haben hier schon oft über unser Leben mit „Anxiety“ geschrieben und davon, wie gnadenlos und doch auch angenehm sie sich so zeigt.
Seit der großen Krise, in der wir in wenigen Monaten viel Gewicht verloren haben, haben wir uns stabilisiert. Wir haben ein Mal am Tag gegessen – immer irgendwas zwischen 1000 und 1800 Kalorien. Bis wir irgendwann keine Zahlen mehr brauchten und die Lebensmittel wieder mehr die Bausteinchen in der Tätigkeit „essen“ wurden, wie es zum Beispiel Kleidungsstücke in der Tätigkeit „anziehen“ sind.

Das haben wir mit Routine und Menschen, die uns emotional unterstützen, zu mehr Sicherheit und Gefühl für unseren Kontrollbereich verhalfen, geschafft.
Aber der Zauber ist nicht vorbei.

Gerade Feiertage sind eine prädestinierte Zeit für das Gefühl wenig unter Kontrolle zu haben und immer mehr oder weniger mit sich machen lassen zu müssen.
Unsere Gemögten und Nahmenschen feiern alle keine jüdischen Feste – sie feiern die christlichen. Das heißt für uns aktuell: wir erholen uns noch von Chanukka und bekommen Weihnachtsgeschenke und Weihnachtsbesuchseinladungen und Weihnachtspartymitkommwünsche und hier ein Kekschen und da ein Glühweinchen und hier ein Schokoweihnachtsmann und da ein Nüsschen …

Wir verstehen diese sozialen Gesten und freuen uns darüber.
Und hoffen, diese Menschen besuchen uns in den nächsten 4 bis 5 Monaten nicht, weil sie sehen könnten, dass die Sachen häufig noch eine Weile liegen bleiben, weil sie nicht besonders gut mit den aktuellen Essensplänen zusammenpassen oder für Fressanfälle gebunkert werden.
Ja – wir nutzen Süßigkeitengeschenke für die Planung unserer Fressanfälle. Immernoch.
Weil Fressanfälle teuer sind und, weil es die Demütigung perfekt macht, wenn man Geschenke frisst wie ein Monsterschwein, obwohl sie geschenkt wurden, um zu geniessen wie ein Mensch.

In der akuten Krise vor 2 Monaten konnten wir bis zur Klinikeinweisung weder mehr als 3-4 Stunden schlafen, noch einmal am Tag essen ohne vom Plan abzuweichen. Die Welt klapperte in ihren Angeln und wir torkelten in ihr umher.
Der neue Plan sieht zwei Mahlzeiten vor, weil wir ein Medikament einnehmen, das gesteigerten Appetit zur Folge hat.
Es gibt Uhrzeiten, von denen wir nicht abweichen dürfen, Marken und Geschmacksrichtungen die wir nicht spontan wechseln können, es gibt Mischverhältnisse, die nicht übermäßig abweichen dürfen, es gibt innerhalb der Woche einen Freiraum für Abweichungen (zum Beispiel, wenn ein Termin in die Esszeit fällt und man evtl. nicht kochen kann) und einen für geplanten Genuss.
Alles andere bringt uns durcheinander und löst Ängste aus, die noch nicht bewortbar sind.

Das hat weniger mit „Anxiety“ selbst zu tun, als mit der Reaktion, auf die hin sie wieder angestoßen wird. Einen spannenden Talk zum Thema „Reaktion auf Lebensmittel und Essstörungen“ hat übrigens Dr. Laura Hill gegeben.
Sie empfiehlt, dass ihre Klient_innen ein Ausweichessen mitbringen, wenn es eine besondere Situation ist und dies mit einem Umgang einer Reaktion in sich zu erklären.

Ich finde diese Idee gut. Es kann vielleicht entlasten, wenn so ungeplante oder auch sozial kolossal überladene Essenssituationen bevor stehen. (Wenn man es denn schafft, das zu erklären und ein Umfeld hat, das in der Lage ist, so etwas zu akzeptieren)

Daneben aber, halte ich es für wichtig nicht permanent „Diät = Abnehmen“, „wenig Körpergewicht = schlank/dünn = gesund“,  „schlank/dünn = schön“ und „schön = okay“ zu verknüpfen.
Für mich bedeutet meine Diät sowohl mich selbst, als auch mein Körpergewicht als auch meine Reaktionen auf soziale Ereignisse jeder Art halbwegs stabil zu halten und das ist nach so vielen Jahren mit „Anxiety“ ein echtes Arbeitsergebnis.

Übrigens habe ich über Diätkacke auch geschrieben, weil die wenigsten mit einer Essstörung im Leben mal über ihre Kackprobleme reden.
Wenn man wochenlang nur Wasser und Brot zu sich nimmt, folgt die Verstopfung auf dem Fuß. Wenn man sich über Monate hinweg ausschließlich von Putenbrust und Hühnereiern ernährt, ebenso. Nicht wenige, die ihre Umstellung von omnivor auf vegetarisch oder vegan umstellen (was im Fall einer Essstörung dann bedeutet ein Blättchen nach einem Gräschen zu knuspern und genau nicht das überlegte und ausgewogene Zusammenstellen einer bedarfsgerechten Ernährung ohne Fleisch bzw. tierische Produkte) quälen sich Schafdrops raus und stellen innerhalb von ein paar Wochen auf Abführmittel um, weils halt anders kaum aushaltbar ist.
Abführmittel werden zur Nebenwirkungsbehandlung der kruden Diät und dann dauerts nicht mehr lange zum treuen Freund und Begleiter, wann immer man am Abkacken mit sich selbst, seinem Körper und dem Leben an sich ist.

Wir haben noch immer 3 Großpackungen im Kleiderschrank stehen.

Unsere Ausschlußdiagnose vom Reizdarmsyndrom und auch die Zuckerproblematik konnte erst passieren, als wir ein ernstes extrem peinliches Gespräch mit unserem Arzt übers Kacken, die Kacke und das was sie vorher mal war, geführt haben.
Wir waren dankbar, als wir erfuhren, dass wir uns den Bauch nicht irreparabel kaputt gemacht haben, sondern, dass er eine bestimmte Diät braucht um problemlos zu funktionieren.
(Natürlich hat es auch dazu geführt, dass wir nun wissen, welches Essen zuverlässig furchtbare Schmerzen bereitet – aber das ist wieder ein anderes Thema.)

So – ich sag jetzt „Ende“, weil mir keine andere gute Ausleitung einfällt.

hö hö
Verstehste? – Ausleitung
höhöhö