Fundstücke #39

Einerseits fühlt sich das Hintermir wie abgeschnürt an. Es ist zu viel zu tun, zu wenig Zeit, zu wenig Ruhe, zu wenig für uns alle.
Der Kanal zu den anderen verjüngt sich und es gibt Tagesphasen, in denen ich mich lose und ungehalten, dumpf und leer fühle.

Andererseits merke ich sie doch. Merke, dass ich auf dem Drama eines Kinderinnen passiere, das wir seit ein paar Wochen schon durch unseren Alltag schlängeln und in die Ritzen des vielen Viels drücken, bis es von einem Zuviel herausgepresst wird und erneut umgeparkt werden muss.

Dann frage ich mich: Ist das “Funktionalität”?

 

eine andere Antwort

Gendermarketing ist ein Ding. Ist klar, wurde und wird schon viel drüber geschrieben, da braucht es nicht noch einen weiteren Text von mir.
Aber.
Auch Kritik an Gendermarketing ist ein Ding.
Nämlich.
Was aus Gründen des Gendermarketing kritisiert wird und warum.

Anlass für diesen Text ist meine von den Kochrezeptblöcken in dem Buch “Hannahs 25 Raspberry Pi Server” ausgelöste Verwirrung.

Es ist ein Buch, das fundiert und klar beschreibt, wie man Server aufsetzt und wie sie funktionieren. Und in dem es Kochrezepte gibt.
In einigen Rezensionen wird dieser Umstand lächerlich gemacht und Gendermarketing zugeschrieben. Für manche Rezensent_innen ist dieser Umstand sogar das Sprungbrett zur Abwertung des gesamten Buchs.

Als peinlicher Versuch mehr Frauen an “die Technik” zu kriegen, landet das Buch in einer Ecke, die seinem Inhalt überhaupt nicht gerecht wird.
Warum? Weil “Kochen” und “Technik” im Gegensatz zu einander verfestigt werden, wie “Frauen” und “Technik”.

Wäre ich eine Umkehrfeministin würde ich mich fragen, ob ein Werk zum Thema “Grillen” und “Technik” von einer Person, die als Mann kategorisiert wird, die gleiche Abwertung erfahren würde. Und dann fallen sie mir ein: die automatisierten Grills (CN: YouTube-Video) und der fast wie ein Fetisch anmutende Hype um DEN GRILL für DEN MANN, der sich in der Sommerzeit jedes Mal neu in der Werbelandschaft austobt.
Ich komme zu dem Schluss, dass das gleiche Gendermarketing, das bei Produkten mit der Zielgruppe “Frau” zu Lächerlichkeit und Verfestigung von Unvereinbarkeitsempfinden führt, bei Produkten für die Zielgruppe “Mann” jedoch, zur Ergänzung dessen, was als “männlich” gilt.

So wird Gendermarketing für “Frauen” peinlich – für “Männer” jedoch nicht.
Und so wird auch nur Gendermarketing für “Frauen” kritikwürdig, da es als allgemein entwertend und stereotypisierend kategorisiert wird. Manche Kritik verstärkt diese Einordung sogar noch durch den Einsatz von Sarkasmus und Witzen, die ebenfalls nur als solche erkennbar sind, wenn man ihre Quellen kennt, was nicht in allen Fällen vorraussetzbar ist.

Ich persönlich halte es für wichtig, bewusst darum zu sein, dass es Gendermarketing gibt.
Und fertig.
Meine eigene Kaufkraft ist so niedrig, dass es in meinem Fall irrelevant ist, an wen wer was verkaufen will – ich kann nur kaufen, was ich kaufen kann und das ist in der Regel das, was ich brauche  und eher selten das, was ich am liebsten gerne hätte, unter anderem vielleicht auch, weil es speziell für “Leute, die eventuell so sind und leben, wie ich” gedacht und gemacht ist.

Eine Bewertung des Umstandes, dass es das überhaupt gibt, wurde bereits vorgenommen und wie gesagt fällt diese Bewertung nachwievor überwiegend (cis)feminitätsfeindlich aus. Manchmal sogar dann, wenn die Aufwertung von (Cis)Feminität als Intension angeführt wird.

So bleibt zum Beispiel in Bezug auf dieses Buch die umfassende Auseinandersetzung damit aus, warum ein Buch mit Anleitungen zur Technik überhaupt Kochrezepte enthält.
Die einfache Antwort ist: “Gendermarketing – die denken, dass Frauen das mehr kaufen, wenn was drin ist, was sie kennen und wenn es aussieht, wie etwas anderes, das für Frauen gemacht wird”.
Eine andere Antwort könnte jedoch auch sein: “Warum denn nicht? Warum nicht etwas machen, was sonst noch niemand gemacht hat? Warum nicht ein Buch schreiben, das ein bisschen neben der immer gleichen Type passiert?”

Die andere Antwort könnte einfach auch mal eine Autor_in und ein Verlag sein, die versuchen etwas anderes zu machen, als viele andere, weil sies können und wollen.

BÄM – da denkt man doch gleich ganz anders über dieses Buch.
Und darüber, wessen Bücher man eigentlich lesen will.

*in diesem Text schreibe ich von “Männern” und “Frauen”, weil Gendermarketing nur das binäre Geschlechtersystem verwendet
P.S. Meine Verwirrung über die Blöcke rührt von ihrer Überschrift „Hannahs“.
Es kann schon mal verwirren den eigenen Namen so unvermittelt zu lesen.

Differenzen

Der Mond ist zu hell, meine Hände und Füße zu kalt. Mein Körper stirbt und seine Fallgeschwindigkeit durchrauscht mein Gehör wie eine Steilküstenbrandung.
Ich stehe auf, wärme mich, veratme, was nie Geschichte war und imaginiere mir ein Wolkenschloß, das mich vor etwas beschützt, das weder Wort noch Gesicht hat.

Später sitze ich am Tisch eines Betreuungsbüros und erlebe einen dieser Flashbacks. Diese Flashbacks, die niemand ernst nimmt, weil es ja kein “echter Traumaflashback” ist.
Wie traumatisch kann es denn gewesen sein. Man wollte uns ja nie was Böses. Manches muss man ja auch mal differenzierter betrachten.

Sturm und Drang toben durch meinen Oberkörper. “Freiheit! Freiheit!”, krakeelt ein bunthaariges Innen auf der Brücke zwischen meinen Hirnhälften stehend.
Ich bin abgelenkt. Vergesse meine Ordentlichkeitsperformance, verliere den Gesprächsfaden und fühle mich zu schwach um nach ihm zu greifen.
Ich merke, wie man mir nichts versprechen kann. Ich merke, wie man mir nichts versichern kann.

Ich merke, wie groß die Brocken und Krümel sind, die aus mir herausbrechen und ins Inmitten krachen.
Zwischendurch denke ich, wie sehr ich das alles nicht mehr kann und nicht mehr will. Wie sehr ich nur will, dass einfach alles läuft, ohne dass es mich braucht.

Mit einem zweiten Termin in der Tasche, fahre ich nach Hause und frage mich, ob ich feige, müde oder wirklich so am Ende bin, dass es anders nicht weitergehen kann.
Und dann komme ich nach Hause und lache so unwillkürlich los, dass ich mich übergebe.
Weil der Witz einfach so geil ist.

Ich und am Ende.
Auf welchem Planeten – seit wann? Wer um alles in der Welt würde mir das bescheinigen? Mir erlauben, wirklich so erschöpft, zerbittert und ausgehöhlt zwischen Können und Wollen zu sein, wie ich mich wirklich fühle.

Ist doch alles okay.
Ist doch nur ne Phase.
Hört ja auch alles immer wieder auf. Hats ja immer.

Es ist ja immer irgendwie weiter gegangen.
Wir schaffen das schon.

Wir habens ja immer geschafft.
Da muss man nicht groß differenzieren.

Fundstücke #36

Immer wieder mal kommen solche Phasen, in denen “Alpträume”, Flashbacks, allgemein intrusives Erleben ein Thema sind.
In diesen Phasen schlafen wir schlecht, wachen aus einer Mischung aus unterschiedlich quälenden Erlebensqualitäten auf, müssen über den Tag verteilt , etwas halten oder umgehen, das zeitver.rückt ist.

Wir wissen, dass es Phasen sind. Wir wissen, dass es auch wieder aufhört.
Es geht schneller, wenn wir darüber sprechen. Es tut mehr weh, wenn wir darüber sprechen. Und dann geht es doch nicht schnell genug, weil das, was man darüber sagen kann, meist doch nur ein aus der Kehle gequetschter Laut ist, der sich echter anfühlt, als jedes Wort, das man aus ihm zu formen versucht.

Wenn wir uns vornehmen, in der Therapie darüber zu sprechen, dann erscheint mir immer alles ganz klar.
Hingehen, was sagen, wieder weggehen.
Und dann sind wir da und es ist, als gäbe es nichts zu sagen. Oder lauter Dinge, die eigentlich nichts sind. Oder Dinge, die man lieber zeigen will, statt sie mit dem eigenen Blick anzufassen und über die Zunge im eigenen Mund nach draußen zu tragen.

Und dann ist da das Problem, dass wir (Rosenblätter) das Erinnerte häufig nicht mit einem Kontext verknüpfen können.

Wir haben uns das immer so leicht vorgestellt. Damals.
Man erinnert sich an etwas – kann das vielleicht sogar planen oder so hübsch in Phasen aufteilen, wie es die kranke Kasse oder Klinikkonzepte mitunter darstellen – und dann ist es bewusst und dann schaut man, dass man das irgendwie gut in sich verpackt bekommt und fertig aus.
Dann ist die Dissoziation in Assoziation umgewandelt und damit der erste Schritt zum Integrationsprozess angestoßen. Den Rest macht das Gehirn von allein – wir sind nur noch dazu da, es dabei möglichst nicht zu stören, sondern mit passendem Verhalten zu unterstützen.

Tatsächlich bin ich seit inzwischen Monaten in so einer Phase des spontan unwillkürlichen Erinnerns und habe erst in der letzten Therapiestunde den Faden zur Frage gefunden, welche Haltung ich, zu dem was ich erinnere, überhaupt einnehmen will.
Das Paradoxe ist ja, dass ich weiß, dass es irgendwie mit mir zu tun hat, denn ich erinnere es. Ich könnte nichts erinnern, wäre nichts von mir dabei gewesen.
Ich weiß aber nicht, was genau, wie, wo, durch wen, warum. Und stoße deshalb immer wieder an den Zweifel, ob es überhaupt Erinnern ist, was da mit mir passiert.

Es könnte ja auch ein einfacher Alptraum sein. Zu viele komische Bücher, zu viele komische Blogs gelesen, zu viele komische Filme gesehen. Zu viele verdrängte komische Phantasien. Sowas gibts – das steht in Büchern, in Blogs, in Filmen und ich kanns mir gut vorstellen.

Ich schaffe es inzwischen, nicht mehr stundenlang implodiert bis ins Kleinste im Bett zu liegen und die in mir wirkenden Empfindungen zu durchleiden, ohne mich davor schützen zu können.
Ich schaffe es, mich aufzurichten, das Licht anzumachen, NakNak* zu streicheln, aus dem Bett zu klettern und mich ans Küchenfenster zu setzen. Ich spiele Candy Crush und sage mir, was ich tun kann. Was alles geht. Was ich alles entscheiden kann.
Ich lüge mich an und spiele mir selbst eine Souveränität im Leben dieses Lebens vor, die ich nicht habe. Die Zettelberglandschaft auf meinem Küchentisch, die sich aus Kassenzetteln, Jobcenter-, Betreuungs- und anderen wichtigen Korrespondenzen zusammensetzt, zeigt mir das gnadenlos auf.

Irgendwann gehe ich zurück ins Bett und zwinge mich mit dem Weckerklingeln aufzustehen. Auch wenn das bedeutet am Ende nur 2-3-4-5 Stunden Schlaf zur Erholung gehabt zu haben. Die Tagesstunden werden schließlich gebraucht, um wenigstens zu versuchen dem Selbstbeschiss zu entsprechen.

Meine Selbstfürsorge basiert auf Beschiss und ich weiß das.
Ich lüge, wenn ich nach innen gebe, dass ich mich darum kümmere, dass wir in Sicherheit sind. Ich lüge, wenn ich nach inne gebe, dass wir sicher sind.
Niemand ist sicher, wenn si_er sich nicht vor sich selbst beschützen kann. Wo “Ich” so ein wackeliger Begriff ist, wo “Sicherheit” so relativ anzusetzen ist, wo die Fähig- und Fertigkeiten sich kompetent kümmern zu können, so unsicher abrufbar sind – da geht es nicht ohne Lug und Betrug.

Vorgestern gab es eine weitere Spitze um unsere Lebensverwaltung. Da ging es um Bafög und ergänzende Hartz 4 – Leistungen und uns, die sich zwischen angesägten Leimholzplatten, Vierkanthölzern und Sägespanschnee befanden.
Inzwischen ist klar, dass die Betreuerin erneut eine für unseren Fall unzutreffende Informationsbasis erstellt hat, die wir berichtigen müssen, um strukturell den Status zu halten, den wir haben. Es ist wie immer und wie immer ist es zu viel.
Und wie immer, wenn ich unsere Absprachen um Selbstschädigung berührt sehe, rief ich unsere Therapeutin an. Wie immer überrumpelte ich sie damit und erneut kam es darüber zu Missverständnissen und Verletzungen.

Ich merkte, wie sehr es mich zum Bahnhof zog. Wie weit weg jemand von uns wollte, um nie wieder zurück zu kommen. Um irgendwo anzukommen, wo es all das nicht mehr gibt. Weder meine Überforderung, noch meinen Selbst.Beschiss für den sie sich lohnen soll.

Am nächsten Tag entschuldigte ich mich bei der Therapeutin dafür, dass ich sie überrumpelt hatte. Mehr für mich als für sie, denn für mich war klar, dass sie mich nicht verletzt hätte, wäre sie nicht so spontan mit meiner unserer Not konfrontiert gewesen. Für mich wurde nur einmal mehr klar, dass sie nicht diejenige ist mit der ich sprechen kann, wenn es mir so geht, wie es mir ging.

Wann immer unsere Lebensverwaltung der Auslöser ist, sprechen die Menschen mit uns über eben jene Lebensverwaltung. Wir reden nicht darüber, dass wir nicht weglaufen müssen. Ich werde nicht von außen daran erinnert, atmen zu können, Dinge zu dürfen, sicher zu sein. Für mich setzt sich niemand ans Küchenfenster, zeigt mir bunte Farben und den Selbstzweck des Lebens.
Ich erwarte das von niemandem und fordere das auch nicht ein. Ich kann mir selbst machen, nicht den Kopf zu verlieren – aber das kostet Zeit, Kraft und nicht zuletzt auch Körper. Was wiederum bedeutet, das von mir immer weniger zu verlangen ist, denn mehr als ich habe, kann ich nicht geben.

Ich hatte die Therapeutin aufgefordert mir aufzuzählen, wozu wir das hier alles durchkämpfen. Wozu das alles sein soll.
Nicht, weil ich das nicht weiß oder, weil wir uns darüber noch keine Gedanken gemacht haben, sondern weil es mir fern, klein, unbedeutend und wahrhaftig gelogen erschien. Und noch immer erscheint.

Denn ich habe nie entschieden vor der Familie* wegzulaufen. Ich habe mich nie gegen die Lebensqualität entschieden, aus der heraus ich entstanden bin.
Ich, K., das monströse Kampfrosenblatt, hatte nie eine Familie. Ich weiß, wie meine Eltern aussehen, weil ich eine Hand voll Fotos aus den 80er und 90er Jahren besitze, die meine Familie* zeigen. Ich weiß, dass ich zur Schule gegangen bin, weil ich Zeugnisse besitze. Ich weiß, dass es mich gibt, weil es Entitäten gibt, die darüber bestimmen, was mit mir passiert, seit ich mich als mich denken kann.
Ich beginne zu einem Zeitpunkt, in dem übergriffige und/oder inkompetente Helfer_innen die zentrale Achse des Alltagsgeschäfts sind. Ich beginne aktiv dort, wo es nicht mehr möglich ist, wegzugehen, weil es nichts mehr gibt, wo man hingehen könnte. Außer die ewigen Jagdgründe.

Ich habe mich immer dafür entschieden nicht einzuknicken. Ich bin nie hingefallen, hab nie nachgegeben, hab nie aufgehört festzuhalten. Nie.
Obwohl ich bis heute nicht weiß, warum. Meine Grundhaltung für dieses Leben und mein Wirken dafür, hat keinen bewusst ursächlichen Kontext für mich. Ich weiß, dass es wichtig für uns alle ist, dass ich tue, was ich tue. Ich weiß, dass es uns das Leben gerettet hat und bis heute tut.
Doch der Ursprung dafür liegt an einem Punkt, den ich nicht begründen kann. Weder mir, noch anderen Menschen.

Ich weiß nicht, wie klar es für Außenstehende wird, wie bedrohlich und kontextlos, unverbunden und haltlos ich mich in der Folge fühle, wenn mir dann in solchen Momenten auch noch der für mich in die Zukunft gerichtete Grund fehlt. Wie das ist, wenn man weder weiß warum man ist, noch, weshalb man bleibt.
Bleiben will.

Unsere Therapeutin sagt an der Stelle oft, ich würde mich dagegen wehren, die Opferschaft anderer Innens als meine anzuerkennen. Weil Opfer ja schwach seien und das nicht mit meiner Stärke  zu vereinbaren sei.
Dass sie diejenige ist, die mich in dem Zusammenhang als stark bezeichnet, habe ich ihr schon oft gesagt.
Sie folgt dem Ansatz, der der Idee folgt, dass der Grund zu bleiben und für mich und uns weiterzukämpfen, quasi automatisch bewusst wird, wenn mir nur klar ist, wogegen man sich entschieden hat. Wovor man geflüchtet ist.

In meinem Fall ist das leider nicht anwendbar und auch das habe ich schon oft gesagt.
Ich treffe meine Entscheidung selten bis nie negativistisch. Also, dass ich mich für Dinge entscheide, weil ich gegen andere Dinge bin. Ich entscheide mich für Dinge, weil ich diese Dinge möchte. Mehr ist da nicht und mehr war da auch nie. Mehr brauche ich in der Regel auch nicht.

Ich muss nicht selbst erfahren haben, wie es ist Gewalt zu erleben, um anzuerkennen, dass jemand sie nicht (mehr) erfahren möchte.
Für mich hat die Familie* noch nie eine größere Rolle gespielt als die, ein nervenaufreibend zu kompensierender Nullpunkt in unserer Lebensverwaltung und –perspektive zu sein.
Eine Waise zu sein, deren Eltern noch leben, ist ein struktureller Gau, wenn man behindert ist. Dennoch habe ich nie den Wunsch gehabt, doch bitte deshalb keine Waise mehr zu sein oder ein besseres/anderes Verhältnis zu ihnen zu haben – sondern den Wunsch leichter bestehende Behinderungen kompensieren zu können, arbeiten zu können, mich und uns selbstbestimmt versorgen zu können.

Am Ende geht es mir in meinem Wirken immer nur darum, das “nicht aufgeben”, “nicht hinfallen”, “nicht loslassen”, “nicht nachgeben” weniger schwer für mich zu machen.

Ich bin egoistisch damit und ich weiß, dass ich Glück damit habe, dass genau das mein Anteil an diesem Inneren der H. C. Rosenblatt ist.
Es gibt andere Innens, deren Wirken besteht in der Zerstörung des Körpers, unserer Bindungen und Werte – deren Wirken wird weitaus stärker sanktioniert als meins. Die dürfen ihren Egoismus nicht im Ansatz so ausleben wie ich und manchmal tut mir das leid für sie.
Sie würden viel besser in solche Argumentationslogiken der Therapeutin passen und könnten sich viel besser auseinandersetzen mit den Themen “Abwertung von Schwäche bzw. Opferschaft” oder “die Familie* bevorzugen, weil hier gerade so viel überfordernder Scheiß läuft”.

Stattdessen höre ich mir das an, frage mich, ob ich in den letzten Jahren nicht schon oft genug gesagt habe, dass das für mich nicht passt, beantworte mir die Frage mit: “Ja, offensichtlich nicht, sonst würde sie ja nicht schon wieder damit ankommen” und falle in ein Loch, denn plötzlich fühle ich mich ihr fern, fremd und unverbunden. Als hätten wir niemals etwas miteinander geteilt oder wären je verbunden gewesen.
Dann warte ich eine Weile, stoße meine Gedanken wie Bergsteigerpickel in den wabbelweichen Haufen aus allen mit ihr gemachten Erfahrungen und schlage mein Zelt auf einer Schicht Fatalismus auf. Ich erzähle mir, wie ich jederzeit aufhören kann, mit ihr zu arbeiten. Wie ich jederzeit aufgeben könnte, wenn ich nur wollte, obwohl ich weiß, dass ich es nicht kann und nie konnte.

Wieder lüge ich mich an und wieder merke ich, dass es das Beste für uns alle ist, das zu tun.

Ich habe der Therapeutin gesagt, was ich sagen konnte und beendete das Gespräch mit der Gewissheit, dass mein Erinnern nutzlos ist, weil es ohne Kontext ist.
Die Therapiearbeit braucht diesen Kontext. Ich kann ihn nicht liefern.

Ich gehöre zu einem anderen Ende dieses Lebens und dieses Ende gehört im Moment nicht zur Therapie.
An meinem Ende passiert nur eine Phase.

Phasen sind irgendwann auch wieder vorbei.
Man muss sie nur durch.stehen.

eine Normale™, werden wir ja eh nie werden

Halb 8 kam die Sperrmüllabfuhr und zermalmte den Möbelleichenberg vor unserer Haustür.
Ich lag im Bett und hörte zu. Dachte darüber nach, noch schnell einige der noch gut funktionierenden Möbel hinzustellen und blieb doch still und unbewegt.
Es hätte mich gefreut, die ganze Bude leer zu haben. Weg mit all dem Scheiß, an dem die Familie* klebt. Weg mit all dem, was nun bei uns ist, weil es für andere Müll war. Weg damit. Raus. Raus. Raus.

Wir kennen Menschen, die haben so etwas schon mal gemacht. Zwei sogar schon mehrmals. Sie haben ihre Wohnungen geräumt und erst wieder gefüllt, als sie das Geld und das gute Gefühl dazu hatten. Sie haben aber auch ihre Kontaktlisten gelöscht, sich die Haare abrasiert und versucht sich zu töten.
Da bekam die leere Wohnung eine völlig andere Bedeutung.

Mir macht so radikales Durchgreifen eher Angst, aber ich kenne auch, wie befreiend es sich anfühlt. Dinge loswerden, Menschen loswerden, so viel von sich loswerden, dass man sich leichter ver.halten kann.

Wir haben noch immer ein Regal von H..
Der H. die uns durch den Ausstieg brachte und dann unbemerkt vergaß.
Wir haben noch Möbel von der Familie*.
Die wir seit der suizidalen Krise letztes Jahr, um diese Zeit, um Unterstützung bitten wollen, weil uns alles zu viel ist. Was wir nicht tun, weil es uns zu anstrengend ist. Ja – genau:  es ist uns zu anstrengend. Nicht: wir sind uns zu viel wert/wir haben uns von ihnen befreit/wir haben sie überwunden
Realitäten, Baby.

Ich merke, dass wir instabil genug sind für radikales Durchgreifen im eigenen Leben. Merke, wie wir kurz davor sind, uns abzusetzen, wegzulaufen, hinzuschmeißen, scheiße zu schreien und uns tot zu lachen.
Nicht, weil alles schlimm ist. Nur, weil es alles so viel größer ist, als alles, was wir geben können.

Wir haben es bis jetzt in diesem Jahr nicht geschafft uns die Hilfen zu holen, die wir uns selbst versprochen hatten, als alles brannte und vielleicht hätten wir uns die Kraft für die Hilfen, die wir versucht haben, sparen sollen. Wären wir im Mai schon zur Radtour aufgebrochen, statt in die Klinik zu gehen, wäre vieles und alles anders gekommen.
Zumindest würden wir weniger stark davon überzeugt sein, dass wir nirgendwo mehr hinkönnen und zu verquert für die stationäre Traumatherapielandschaft Deutschlands sind. Es würde sich weniger anfühlen, als gäbe es für uns keinen doppelten Boden und damit keine Hoffnung für das, worum wir uns kümmern wollten.

Vor ein paar Tagen dachte ich darüber nach, ob es dumm war die Dissoziation des Alltags therapeutisch aufzulösen.
Würden wir heute noch so funktionieren wie 2006, 2007, 2008, hätten wir schon versucht zu gehen, doch wüssten nicht so konkret wie jetzt, warum eigentlich. Wir wären durch die Klinikzeit gegangen, hätten keine Kraft für die Radtour gehabt und alles wäre anders gekommen.

Ich glaube auch, dass wir leichter durch die Schulzeit bis jetzt gegangen wären. Wir hätten den Anfall gehabt, hätten eine Hand voll Tavor eingeworfen, einen Spritzer Neurocil draufgegeben und hätten durchgeschlafen bis zum nächsten Schultag. Und dann wären wir wieder hingegangen.
Heute sind wir so offen und wund, dass das nicht mehr geht. Wir merken jetzt, wenn etwas weh tut. Wir sind so sicher, dass wir uns vor Schmerz schützen können. Und wir wissen jetzt, dass wir uns den Schmerz, die Überforderung, die permanente Überlastung nicht einbilden.

Das ist ein Schach und manchmal ein Schachmatt.
Egal, wie viele Menschen uns noch sagen, dass es nicht so ist und von uns locker kompensierbar wäre, würden wir nur nicht so furchtbar viel unnötigen Quatsch im Kopf haben.

Das erinnert mich an unsere Freundin C. , die bei sich zu Hause Kisten über Kisten mit Steckern Stöpseln, Kabeln, Verschlüssen, Dosen und und und hat und von allen Menschen immer wieder gesagt bekommt, es sei unnötiger Scheiß.
Bis man dann dieses eine bestimmte Kabel braucht.

Später am Tag, säge ich Vierkanthölzer zurecht, die als Tischbeine die Arbeitsplatte in der Küche und die im Arbeitszimmer stützen sollen und merke, dass, was mich so bedrückt, die Wiederholung eines Dramas ist.
Genau wie wir 2002/2003 noch nicht erfahren konnten, ob unsere DIS jemals komplett auflösbar (“heilbar”) ist – können wir heute nicht erfahren, ob Autismus etwas ist das, wenn schon nicht “heilbar”, so doch auflösbar im Sinne von verdünnbar, erleichterbar für uns ist.

Wir können alle Menschen verstehen, die sich diese Frage nicht stellen, weil sie sich weder krank noch kaputt oder dysfunktional erleben. Wenn wir gut durch die Tage gekommen sind, stehen wir auch an diesem Punkt und engagieren uns dafür, in unserem Funktionieren als üblich/normal anerkannt zu sein.
Wenn wir gut durch die Tage gekommen sind, haben wir ja gerade frisch erlebt, dass es geht.
Doch wenn wir so sehr wie in den letzten Wochen (und Monaten und seien wir ehrlich – dem Jahr seit dem Überleben durch stationäre Krisenintervention) immer wieder und wieder ganz bewusst merken, wie schwer und auch erschwert es ist, Tage überhaupt als solche wahrzunehmen und dann auch noch gut durch sie hindurch zu kommen, dann ist es nicht einfach, sich nicht permanent als dysfunktional und minderwertig zu erleben.

Erst 3 – 4 Jahre nach der Diagnosestellung der DIS, wurden wir vollständig darüber informiert, was die DIS eigentlich für eine Diagnose ist. Die Krise folgte auf dem Fuß – auffangen konnte uns nur das letztlich selbstzerstörerische Engagement einer Einzelperson und der Selbstbetrug, den wir an die Heilungsberichte von Menschen, die anders viele waren, als wir es sind, konstruiert hatten.
Und danach: Zeit und Umgangsroutine
Und danach: die Therapie mit der Therapeutin, die wir jetzt haben und in der es noch immer okay ist, weder die Angst vor der Prognose, noch die Realität, die diese Diagnose mitbringt, aushalten zu können.

Die Akzeptanz ist bis heute jedoch nicht vollständig gelungen. Wir ringen uns bis heute eine Toleranz ab, die es anderen ermöglicht mit uns zu arbeiten und umzugehen – doch, die für uns ein aktiven und immer schwelenden Kampf um das eigene Selbst und seine Definitionen bedeutet.
Und das nach inzwischen 13 Jahren.

Heute liegen auf unserem Lesestapel einige Bücher über Autismus und immer immer immer geht es um autistische Kinder. Um Eltern, die ihre Kinder lieben und wollen, dass sie ein gutes Leben haben. Es geht um Therapie – und Fördermöglichkeiten für autistische Kinder und manchmal auch um die Zukunft dieser Kinder als Jugendliche und Erwachsene.
Noch nirgendwo konnte ich etwas über die Lebensrealität traumatisierter Autist_innen lesen. Nirgendwo etwas darüber, wie spät mit Autismus diagnostizierte traumatisierte Menschen verarbeitet haben, was sich ihnen für Wahrheiten und Bitternisse offenbaren.
Wer unter der Unwiederbringlichkeit des Autismus leidet, scheinen laut meiner schlauen Bücher vor allem die Eltern zu sein. Insbesondere die Eltern, die sich um ein normales™ Kind betrogen fühlen oder denen eingeredet wird, sie hätten etwas falsch gemacht bzw. sie wären falsch.

Uns fällt es schwer, diese Kapitel zu lesen. Nachwievor gibt es wenige Erinnerungen an die eigene Kindheit und auf keine davon verlassen wir uns als faktische Wahrheit. Wir wissen nicht, wie auffällig oder unauffällig wir waren. Sehen aber über die Auseinandersetzung, wo Spuren unserer Erziehung und Sozialisierung “autistisches” Verhalten deckeln und sehen uns erneut damit konfrontiert, was für eine Hölle es gewesen sein muss könnte, ein Kind in dieser Familie und diesen früheren Lebensumgebungen zu sein.

Ich fühle mich um die Möglichkeit betrogen, fragen zu können, was ich für ein Kind war. Ich fühle mich um die Chance betrogen,  festzustellen, dass alles nur eine Folge von Missverständnissen war und ich doch eigentlich – in Wahrheit und echt – geliebt wurde. Und jetzt auch vermisst werde. Und mit Sorge bedacht, ob ich denn wirklich gut zurecht komme. Ob ich denn wirklich gut versorgt bin. Ob man mit der Frage, ob es mir gut geht, an mich denkt.
Und zwar nicht, weil man sich gesellschaftlich konventionell dazu verpflichtet fühlt, sich diese Frage zu stellen, weil man uns kennt, sondern weil man mich gemacht und nicht getötet hat.

Ich fühle mich um die Option einer Heilung betrogen.
Das tun nicht alle Rosenblätter und erst recht nicht alle anderen von uns. Aber ich tus.
Nicht, weil ich Krankheit schlimm finde und auch nicht, weil ich glaube, dass eine Heilung bedeutet, ein schönes Leben zu haben.
Ich habe ein Leben, das schön genug ist. Doch genau dieses Leben enthält einen Schmerz, den ich nur schwer in seiner erdrückenden Masse veräußern kann. Vor allem dann, wenn er als selbstgemachte Kopfgeburten abgetan und durch Ignoranz zu kurieren dargestellt wird. Noch dazu von Menschen, die ihn weder selbst kennen noch verstehen.

Ich erwarte nicht, dass andere Menschen verstehen, uns heilen oder versorgen oder ein Nest bauen, das unser Sarg werden darf.
Aber ich merke, dass es die häufig nicht einmal so bewussten Erwartungen anderer Menschen sind, die mir den Wunsch nach Heilung, nach “nicht so sein, wie ich bin” auslösen und mich abgekämpft und einsam mit der täglichen Niederlage zurücklassen.
Unsere Schwierigkeiten mit Behinderungen und Problemen ihrer Kompensation, werden immer und immer als so beweglich und veränderbar betrachtet. Als könnten wir uns dafür entscheiden, ob wir traumatisiert und autistisch sind. Als müssten wir das nur mal kurz vergessen und schon wäre alles kein Problem mehr.

Ich glaube nicht, dass diese Menschen merken, was sie für eine Verführung damit auslösen. Wie sehr ich mir wünsche, es ginge einfach ganz genauso. Als wäre es nur eine Frage wie stark, wie widerständig und kraftvoll wir uns dagegen entscheiden, traumatisiert und autistisch und darunter leidend zu sein. Wie groß das Potenzial einer dissoziativen Aufspaltung in uns wird, wenn ich mich in, für unseren Organismus toxisch stressvollen Lebenslagen, dagegen entscheide, zu sein, wer und was und wie ich bin. Wie wir, was und wer wir sind.

Ich glaube nicht, dass sie merken, wie sehr ich mich jeden Tag dagegen entscheide, darunter zu leiden, dass ich leide.
Dass sie merken, wieviel Kampf schon passiert ist, bis ich mir von ihnen anhören kann, es sei nicht genug oder der falsche Kampf gewesen.

Meine Konsequenz aus diesem Empfinden ist, den Kontakt mit mir unselbstverständlich zu machen.
Mit allen Folgen, die es für uns als Einsmensch haben kann.
Was nicht viele sind, denn ich bin nur eine_r von vielen.

Schwund ist immer.
Und Eine, eine Normale™, werden wir ja eh nie werden.

Fundstücke #35

Seit etwas über einer Woche gehen wir mit kalten Händen und Füßen ins Bett. Zittern ein bisschen, rollen uns hin und her, stehen dann irgendwann doch auf, um die Körnerkissenschuhe und die Wärmflasche warm zu machen.

Wir essen genug, wir bewegen uns genug – es ist nur das Weiche im Körperinneren, das sich tot stellt.
So ist jedenfalls unser Erkenntnisstand im Moment, denn so wie es derzeit bei uns läuft, ist für uns auffällig, dass wir leichter als sonst auseinanderfallen. Dass es immer weniger braucht, um uns zu verwirren, zu verunsichern und innere Tode zu sterben.

Am Montagabend gingen wir ins Bett und standen noch zwei Mal auf, weil die Körnerkissen erkaltet waren. Um 7 ging der Wecker zur Schule.
Wir standen auf, folgten dem Tagesplan, motivierten uns zur Schule, in dem wir uns zeigten, dass wir nur Fächer haben würden, die uns liegen und wenig Stress bedeuten.
Wir kamen pünktlich zur Bahn – und die verspätete sich.

In der Schule kamen wir dann dennoch okay pünktlich an – nämlich zu dem Zeitpunkt, an dem unsere Mitschüler_innen die Tische umstellen sollten. So standen wir in dem Raum und wurden von der Lehrerin rausgeschickt, wegen des Krachs.
Sie holte uns nach einer Weile, die wir in der Flurhalle standen, in einen Raum rein, der nicht mehr unser Klassenraum war.
Wir wussten nicht, wo wir uns hinsetzen sollten und als wir uns für einen der einzelnen Tische entschieden hatten, kam die Information, dass wir einen Test schreiben würden.

Niemand hatte uns Bescheid gesagt. Trotz nerviger WhatsApp-Gruppe und ausgetauschten Telefonnummern, hatte es niemand geschafft uns mitzuteilen, was in der letzten Woche, die wir wegen des Krampfanfalls  verpasst hatten, unterrichtet und angekündigt wurde.

Das Nächste, das ich erinnere, ist mein Blick von unten auf die Linde im Schulhof, während der über uns hinwegfliegende Hubschrauber meinen Kopf mit seinem Krach zerschmetterte. Dann, wie niemand von unseren Notfallkontakten kommen konnte. Dann, wie mir Fragen gestellt wurden. Dann, wie wir durch einen von Röhrenleuchten durchgeflackerten Flur gefahren wurden.

Und dann das:
tweet

Da war der Pfleger, der uns genug Raum gab, uns langsam zu erholen und der Arzt, der uns später in den Arztbrief schreiben würde: “Verhaltens- und emotionale Störung bei leichter Intelligenzminderung” und eine “Intensivierung der Psychotherapie” vorschlägt.
Er ist Team “Du und deine Reaktionen sind das Problem – nicht deine Lebensbedingungen” und auch sonst ist er ein Arschloch, das ich zu hauen mindestens überlegen würde, sollte ich ihn jemals treffen, wenn ich mich nicht gerade so abgrundtief schlecht fühle, wie ich das nach so einem Krampfanfall tue.

Wir werden untersucht und dürfen auf unsere Ergebnisse im Ambulanzempfangsbereich warten. Das Telefon fräst sich 15 Mal durch unser Gehör. Viele Menschen schauen uns an, schauen wieder weg. Die sogenannten schwer- und schwerstbehinderten Menschen verhalten sich rücksichtsvoller und ich mag sie, obwohl mich ekelt, dass einer nach Urin riecht und ein anderer erkältet herumschnoddert.

Wir mussten ins Krankenhaus, weil die Schule die Verantwortung nicht übernehmen konnte. Im Krankenhaus macht man ein bisschen Standardzauber und teilt uns mit, dass ein Taxischein von der Krankenkasse nicht finanziert wird. Wir laufen also in die Stadt zur Straßenbahn. Übergeben uns in eine Grünanlage und reden uns ein, dass es nur die Anstrengung ist und kein Hirntumor, den man schon wieder übersehen hat. Wir merken mit jedem Schritt durch die spätsommerliche Stadt, dass die Verantwortung für uns weh tut und verstehen, warum sie niemand für uns mittragen will.

In der Fußgängerzone sehen wir unsere gesetzliche Betreuerin und ihren Mann. Erinnern uns daran, dass sie letzte Woche noch einen Antrag auf Verlängerung des Hartz stellen wollte. Wir schauen bei der Sparkasse vorbei und erfahren, dass der Antrag entweder nicht bewilligt wurde oder vielleicht auch noch gar nicht gestellt wurde.
Wir steigen in die Bahn. Steigen in unsere Wohnung und erinnern uns, dass die Rauchmelderwartung heute ist.

Ich will heulend zusammenbrechen, aber mein Zusammenbrechscharnier ist im Laufe der letzten Stunden von dem Eis in meinen Gliedmaßen erstarrt. Darum putze ich die Wohnung bis die Wartungsperson kommt.
Dann esse ich Ananasstücke, die mir die offenen Stellen im Mund (die ich mir von was weiß ich woher geholt habe) ausbrennen und schreibe unserer Lehrerin zurück, dass sie ruhig jetzt schon zu uns kommen kann, um NakNak* zu bringen.

Sie erzählt uns, dass wir geschimpft haben, bevor der Anfall kam und ich freue mich darüber. Ich finde es gut, dass wir laut geworden sind, statt uns ein weiteres Gliedmaß anzuschlagen. Sie zeigt auf, wie alle einfach so davon ausgegangen sind, dass wir Bescheid wissen.
Wir reden lange, finden Ideen so etwas in der Zukunft zu verhindern und treffen weitere Absprachen.  Unsere Mitschüler_innen müssen damit leben, dass wir wütend auf sie sind, wenn sie sich ignorant verhalten, auch wenn sie das nicht mit Absicht tun.
Ich muss damit leben, die zu sein, die wütend über ihr Verhalten ist, weil sie es, egal, wie sie es beleuchtet, nicht versteht.

Später telefonieren wir mit Renée und ich merke, wie sich der Stachelpanzerbuckel eines anderen Innens auf meinem Rücken langsam auflöst.

Am frühen Abend gehe ich mit warmen Körnerkissen und der Wärmflasche ins Bett und merke, dass die Fastleiche unter meiner Haut schreit, ohne einen Ton zu veräußern.

Diese Woche dürfen wir in der Schule noch fehlen. Dann sind Herbstferien.

Wir haben 3 Wochen für Leichenbergung und uns mehr unterstützenden Strukturaufbau.

Fundstücke #34

Neben dem Kühlschrank steht ein Korb voller Äpfel, die die falschen sind. Sauer, groß, eingefasst in eine raue grünlichgraubraune Haut. Sie haben alles kaputt gemacht.
Von denen kann ich nicht 3 bis 5 Stück essen, wenn ich will. Ich kann sie nicht mit meinem Mixer bezwingen, denn sie verderben jeden Brei. Wenn ich sie koche, dann ermorde ich, was ich von ihnen haben will.

Am Morgen schaue ich sie an und schmeiße böse Blicke auf sie runter. Will, dass sie weinen und sich schämen, weil sie alles falsch machen. Weil sie falsch sind. Weil sie nichts richtig machen. Weil sie unwürdig sind und sich nicht einmal anstrengen, zu sein, was ich von ihnen will.

Ich kann sie nicht einfach erstechen, zerhacken und im Garten begraben. Und wenn ich sie in meinen Keller einsperre, werden sie aus Trotz noch länger leben.

Es ist unter Strafe verboten, sie tot zu spielen. Das ist schade, weil ich es so besser ertragen würde, sie in meiner Umgebung aushalten zu müssen. Ich wüsste schon, was ich tun würde.
Dürfte ich.
Ich weiß es jetzt und werde es auch morgen noch wissen, denn mein Plan wird von Tag zu Tag konkreter.

Sie vergiften meine Wohnung mit ihrer Präsenz. Sie drängen sich auf in ihrer Falschheit. Vereinnahmen einen Platz, der ihnen nicht zusteht. Sie verhöhnen mich mit ihrer Anwesenheit.

Ich habe ihnen verboten zu verschimmeln.

Mein Haus, meine Regeln.
Wenn sich jemand nicht an Regeln hält, dann gilt das Kriegsrecht.

Im Krieg gibt es keine Regeln.

Vielleicht ist der Krieg schon jetzt?
Schließlich haben sie bereits gegen die Regel verstoßen, die Äpfel zu sein, die ich will.

Fundstücke #33

“Ich will jetzt nicht so groß und immer darüber reden, aber – wenn Sie mal nicht mehr sind – ist es dann noch gesagt?”.
K. hatte die Frage nach wochenlanger Bewegung im Mund in die erste Therapiestunde nach dem Urlaub der Therapeutin fallen lassen.

Die Frage entstand daraus, dass wir wenn wir Zeit haben, versuchen an unserem Buch zu schreiben.
Wir setzen uns hin und arbeiten stundenlang an Wortketten.
Und dann löschen wir das Dokument, fahren den PC runter und steigen aufs Fahrrad, um vor dem Introjekt wegzulaufen, das unsere Ausdrucksversuche als pathologisch(e Persönlichkeitszüge) definiert.

“Was ist das eigentlich überhaupt für eine miese Falle – Was ist das für ein abstoßendes, grundgemeines, gewalttätiges Doublebind… Erklär dich mir – aber stell dich nicht dar.”.
K. hat eine Art Rad zu fahren, die uns Muskelkater in den Unterarmen und Mittelfüßen macht. Das ist als sei sie in Wahrheit im Boxring und würde gegen zwei Gegner kämpfen, die vor ihr stehen wie Goliath vor einer Mikrobe auf Davids Nasenspitze.

“Mir hat nie jemand ver- oder geboten irgendetwas nicht zu sagen. Was ich erlebt habe, ist einfach nichts, wo das übliche Gespräch mal so drauf kommt.”, hatte sie einmal gesagt. “Und – wem soll mans denn sagen? Und welcher Grund dafür ist der Richtige? Und – wie sollte das aussehen, ohne Stress zu kriegen? Wie soll man denn das zusammenkriegen?”.

Wir bewegten uns eine Zeitlang gemeinsam in der Frage, ob wir unsere Therapie zu Zwecken der narzisstischen Selbstdarstellung missbrauchen. Ob wir aufhören sollten Therapie zu machen, weil wir ganz offensichtlich unübersehbar inkompatibel mit therapeutischen und sozialpädagogischen Hilfesystemen sind. Wir dachten darüber nach, das Bloggen und jede andere Form des Ausdrucks und der Auseinandersetzung aufzuhören. Den ganzen angefangenen, unbeholfenen Einsatz für andere Menschen hinzuschmeißen und einfach zu verschwinden, weil uns von diesem Introjekt und dessen Gewaltausübung keine andere Nische offengelassen wird.

So funktionieren Narzissmuskeulen im Rahmen von Helfer_innen.Gewalten und bilden eine Allianz mit früheren Gewalt ausübenden Menschen, die ebenfalls nichts weiter forcieren wollen, als dass man still ist. Unsichtbar. Weg. Tot.
Und sich daran aufreibt, kein anderes Ziel mehr zu haben, als genau das erreichen zu wollen.

Ich erzählte K. davon, wie ich früher immer wieder tief darüber verzweifelte so viel zu sein, dass SIE etwas zu kommentieren hatte. Wie sehr mein innigster Wunsch war, nur ein einziges Mal irgendetwas tun zu können, ohne angeguckt und bewertet zu werden. Wie ich darunter gelitten hatte, nie genug von mir, meinem Denken, Wünschen und Hoffen verstecken zu können, damit ER es nicht für sich benutzt.
Für mich war “Why does he do that?” ein wichtiges Buch dazu.
Für mich war es eine wichtige und hilfreiche Wahrheit, dass manche Menschen eine Art haben auf andere Menschen zu schauen – und damit auch nicht aufhören zu können! – die in ihnen allein begründet ist. Es war und ist wichtig für mich gewesen anzuerkennen, dass wir von sadistischen und damit hochgradig kontroll-zentriert funktionierenden Menschen aufgezogen wurden.
Wir hätten auch weder sprechen, noch denken, wünschen, hoffen, wollen etc. können – sie hätten uns auch in diesem Zustand kaputt kontrolliert und unsere Anwesenheit für sich ausgenutzt.

“Es gibt diese Menschen. Die benutzen dich auch dann noch für die Bestätigung ihrer Wahrheiten, wenn du völlig passiv oder tot bist. Es geht dabei nicht um dich. Es geht um ihre Selbstbestätigung. Um sie allein. Und dabei ist es unerheblich, ob sie als Ärzt_innen in einer Klinik arbeiten, als Hassfollower hinter Anonymitätsbüschen im Internet hocken oder als Gutachter für irgendeine Krankenkasse oder Behörde arbeiten. Es geht einzig um die Bestätigung einer Annahme, nicht um die Auseinandersetzung damit.

Es ist nicht unsere Aufgabe zu verhindern, dass Menschen uns angucken und für sich allein missbrauchen. Wir dürfen verlangen gefälligst nicht benutzt zu werden. Wir sind ein fühlendes Wesen. Kein Objekt. – auch wenn sie uns genau so behandeln und das auch noch für richtig halten (dürfen).”, sagte ich, während ein anderes Innen neben mich trat und seine Bilder von Ärzt_innen in Notaufnahmen, psychiatrischen Krisenstationen und Kliniken, die unser Verhalten in ihre kleinen Formulare hineinkatalogisierten, um auf unser Sein und Denken zu schließen, hinzulegte.

Um mich herum knirschte es aus K.’s Kiefer und das Monster im Inmitten schleuderte sich krachend gegen die Wände seines Käfigs.

“Du kannst reden, K. . Tus einfach. Für dich, für uns, dafür, dass es gesagt ist.”.

Fundstücke #32

NakNak* ist krank. Also “krank”. Was sie hat ist hundenormal. Kann jeder Hund haben.
Aber NakNak* arbeitet.

Sie arbeitet an einem öffentlichen Ort, den man meiden soll, wenn man die Pest oder Meningitis hat und, wo es Räume gibt, die man zum Essen oder Trinken verlassen muss, weil scheißteure Computer darin stehen. Und Teppichboden verlegt ist.

Wir haben heute festgestellt, dass unser Schul-Hilfe-Netz in etwa so stabil ist, wie die Strohhütte vom ersten kleinen Schweinchen.
Der Begleitermensch ist krank, einen Fahrdienst haben wir noch immer nicht und ach ja – eine_n feste_n Hundesitter_in für so spontane hundenormal krank Ausfallzeiten haben wir natürlich auch noch nicht.

Und so standen wir dann da. Versagerweicheischeißweichpitty kriegts schon wieder nicht geschissen, bis zur letzten Stunde durchgehend da zu sein, nicht zu heulen, einfach mal ganz normal durch so einen Tag zu gehen und warteten auf den Hausmeister für weitere Instruktionen zum Umgang mit Hundeerbrochenem im Flur des Schulhaupteingangs. Hörten dem Begleitermensch zu, wie er uns einen Handlungsplan zimmerte, wussten nicht, was wir davon wie überhaupt schaffen, anfangen, Reihenfolge, oben unten … überhaupt noch können und merkten diese kalte klare Gewaltlogik von hinten nach vorne sickern.
Du steigst in die Bahn – du gehst nach Hause – du nimmst die Klinge – und dann.

In dieser Logik ist nach Selbstverletzungen nicht “alles gut”. Wir sind dann nicht “nicht mehr so ein wertloser Haufen Scheiße, der nichts hinkriegt und einfach peinlich ist in seinem Bemühen”. Aber es gibt ein “und dann”. Es gibt uns. Es gibt die Welt. Es gibt Ränder und Konturen. Es gibt ein “Vorher” und ein “Nachher”.
Es gibt eine andere Art des Dissoziierens. Zeit wird zu etwas Realem.

Wir vereinbarten einen Termin bei der neuen Tierärztin, verbanden die Schnitte, wuschen uns das Gesicht, zogen die Klamotten straff und fuhren wieder zurück für eine Stunde Unterricht und die Übergabe des Klassenbuchs. Wir sind die “Klassenbuchführerin”.

Als wir am Abend den ersten Verband austauschen, denke ich an die Klassenlehrerin, die so sehr versucht den Unterricht für uns stressfrei zu gestalten. Die uns so oft sagt, dass wir jedes “Sonderprivileg” ruhig nutzen dürfen. Die in ihrem Sprechen fast so klingt, als sei die Schule nicht wichtig. Nicht wichtiger als, dass es uns okay geht.
Und ich merke, dass wir dafür nicht gestrickt sind. Noch immer nicht.
Wir brauchen ein “und dann”.

Und sei es das, was nach dem Schnitt ins eigene Fleisch für uns spürbar wird.

Fundstücke #31

“Ich bin es so müde, leid und weh.”, denke ich und öffne ein anderes Fenster auf meinem Laptop, als das des Mailprogramms, um der Idee der Therapeutin nachzukommen, eine Nachricht an die gesetzliche Betreuerin zu schreiben.

Ich bin so nah dran die Kontrolle zu verlieren. Mich zu verlieren. Den Plan zu verlieren. Die Linie, für die wir uns vor so vielen Monaten entschieden haben und trotz alle dem und alle dem nicht abgewichen sind, aus den Augen zu verlieren und zu vergessen, warum wir uns gegen den Tod entschieden haben. Warum wir uns für die Therapie, die Forschungsreise in unseren inneren Kosmos hinein entschieden haben.

Es ist August und wir sind keine Hartz 4 –Empfängerin mehr.
In 3 Wochen startet die schulische Berufsausbildung und wir haben noch keinen positiven Bafög-Bescheid erhalten.

Wir haben kein Geld und der Antrag für Geld liegt in der Stadt der Herkunftsfamilie. Wo man sich um Datenschutz bemüht, wie man unserer gesetzlichen Betreuerin versichert. Die das glaubt, denn sie hatte ja noch nie einen Fall in dem so obskure Dinge wie bei uns gelaufen sind.
Nun hat sie diesen Fall und weiß es nicht einmal. Weiß nicht, wie greifbar das für uns ist. Weiß nicht, was es für uns bedeutet, wenn sie uns erzählt, was man ja alles erstmal noch mit den Eltern besprechen muss, damit dieser Antrag durchgeht – obwohl wir absichtlich einen Antrag auf elternunabhängiges Bafög gestellt haben. Absichtlich in unserer Stadt. Absichtlich mit genau den Begründungen, die wir hinzugefügt haben.

Ich bin es so müde immer wieder die Erste zu sein, die man ans Messer liefert, um zu prüfen, wie scharf es denn tatsächlich ist. Wie weh es denn tatsächlich tut. Wie leid es hinterher tun muss, diesen Fehler begangen zu haben.

Nach 15 Jahren Verwaltungsobjekt-sein wissen wir, wie Behörden funktionieren. Wie einfach und simpel das System dieses Gewaltausübungsapparats gestrickt ist.
Man kann uns nicht mehr betreuen oder verwalten, ohne, dass wir wissen und fühlen, dass und in welchem Ausmaß wir entmenschlicht werden.
Man kann uns nicht mehr sagen, dass manche Dinge einfach nicht passieren können.
Man kann an uns keinen schlechten Job mehr machen, ohne, dass wir das merken und entsprechend beantworten.

Ich bin es so weh, mich für meinen Selbsterhalt schämen zu müssen, damit andere ihre Vorgehens- und Umgangsweisen mit uns und vielen anderen Menschen als natürlicher, gerechtfertigter, richtiger und wichtiger sehen können.

Es tut mir leid um mich, um uns, um das, was wir geschafft haben, wenn ich den Krieg gegen die Zweifel an der Richtigkeit des Kontaktabbruchs, des Ausstiegs, all den ausgetragenen Kämpfen miteinander, zu verlieren drohe, weil es mehr Anlass dazu gibt (Mit-)Täter_innenwahrheiten bestätigt zu sehen, als eigene.

Ich will die Verwaltungsvorgänge, die die Schutzbelange von Menschen, die zu Opfern von Gewalt in der Herkunftsfamilie wurden, umfänglich berücksichtigen.
Ich will die generelle Erlaubnis zur Einzelfallentscheidung für Menschen, die zu Opfern von Gewalt in der Herkunftsfamilie wurden.
Ich will das komplette, permanent aktualisierte Handbuch mit dem Leitfaden für Menschen, die zu Opfern von Gewalt in ihrer Herkunfts- oder eigenen Familie wurden, um sich an jedem Ort und in jeder – wirklich jeder! – Notlage sichern und versorgen zu können.

Ich bin es müde – ich bin es leid – ich bin es weh, immer wieder aus eigener Betroffenheit heraus solche Forderungen zu stellen, als sei ich die Einzige, für die das relevant ist. Als sei ich die Einzige, in deren Leben geschehen ist, was geschehen ist und überlebt wurde.

Ich bin es müde, leid und weh so hilflos, ausgeliefert und ohnmächtig darauf hoffen zu müssen, dass uns niemand aus Versehen umbringt, nachdem wir so hart um so viel Lebenszeit für uns gekämpft haben.

Ich bin es müde, leid und weh, als immerwährend letzten Schluss zu haben, dass man eine Existenz, wie meine, tot einfach unkomplizierter verwalten kann.