“Bin ich schon erholt?”

Häufig bewegen wir uns auf Ebenen die wenig bis gar nicht konkret sind. Obwohl sie um das Konkrete kreisen und sich daraus ergeben.
Das fällt mir an Tagen wie heute besonders auf.

Am Freitag hatten wir einen Krampfanfall in der Schule und mussten danach allein nach Hause. In unseren Alleinhaushalt, unserm Alleinleben mit all dem allein klar kommen.
In manchen Köpfen mag das wie ein Vorwurf hallen, ist in unserem Leben aber einfacher Fakt, der je nach Umstand mal gut, mal schlecht, mal schlimm, mal genau richtig, manchmal auch perfekt ist.

Wir wissen, was wir nach einem Anfall tun müssen und welche Ressourcen wir brauchen, um uns zu erholen.
Worin wir allerdings noch nicht sehr geübt sind ist, zu spüren, wann wir wirklich wieder fit sind und wann wir uns das nur einreden, weil wir dem eigenen Entsprechungswünschen nach außen nachgeben (wollen können (müssen))

Erholung, Ausruhen, Kraft tanken, das ist in unserem Alltag schon so lange eine Aktivität, dass wir das Gefühl für den Zustand selbst noch gar nicht näher betrachtet haben.
Wir gehen nach der Schule nicht 7 km wandern – wir machen bilaterale Stimulation, um die Verarbeitung der Reizüberflutung zu unterstützen.
Wir basteln nicht das ganze Wochenende, weil es so toll unanstrengend ist – wir basteln das ganze Wochenende, weil wir an unserer Frustrationstoleranz und Feinmotorik arbeiten müssen (und natürlich auch ganz gern einfach Dinge erschaffen).

“Bin ich schon erholt?”, das habe ich mich heute morgen gefragt und dann gemerkt, dass ich nicht weiß, wie sich das eigentlich anfühlt. “Erholt”.
Da stelle ich mir einen Zustand vor, in dem ich gar nicht weiß wohin mit meiner Kraft und Energie. Oder zumindest einen Zustand, in dem ich mich zu Dingen motivieren kann, ohne, dass die Belohnung fürs Schaffen dessen extra viel Zeit im Bett ist.

Ich kenne Zustände von Dauerstrom. Posttraumatischem Hyperarousel.
Ein Zustand, in dem ich auch nie weiß wohin mit all meiner Energie und Kraft – gleichzeitig jedoch auch nicht wirklich fähig bin, irgendetwas Konstruktives zu tun. Schon gar nicht über längeren Zeitraum. Der Hyperarousel ist dann eben doch nur ein Erregungszustand und kein allgemeines Energielevel.

Früher – also letztes Jahr um diese Zeit – haben wir uns mehr Tage Ruhe zugestanden, um uns von Anfällen zu erholen. Jetzt sind wir unsicher.
Da spielt auch die Klinikerfahrung letztes Jahr mit hinein.
Dort hatten wir jeden Tag hinzugehen und uns überfordern zu lassen, obwohl offensichtlich war, was es mit und an uns macht. Und wir habens passieren lassen, weil wir (vielleicht auch fälschlicherweise) annahmen, man wüsste, was der (therapeutisch) sinnvollste Umgang damit ist.
Das Klinikding ist für uns nachwievor nicht aufgelöst und gut. Wir wissen nachwievor nicht, was hinter den Anfällen steht, ob wir da etwas auflösen müssen, oder ob das Fallen und Krampfen einfach unsere Art des Meltdowns ist.

Ungünstig.
Aber Realität.

Realität, mit der wir heute irgendwie umgehen müssen und in der wir all die Facetten des Alleinlebens spüren.
Wir allein sind verantwortlich für das, was wir entscheiden. Das ist nicht schlimm. Manchmal macht es uns Angst, aber grundsätzlich denke ich, können wir diese Verantwortung gut tragen.
Wir sind aber auch allein in der Frage, woran wir uns in den Entscheidungsfindungen orientieren sollen. Und das ist schwierig.

Wenn es um unser Leben geht, scheuen wir inzwischen das laxe Trial and Error, das wir vor ein paar Jahren noch gewagt haben, weil es für unser Gefühl ständig um Leben und Tod ging.
Heute ist das nicht mehr so sehr der Fall.
Heute geht es um Gegenwart und Zukunft – was manchmal genauso viel Angst, Sorge, Unterlegenheits- bzw. Überforderungsgefühle, aber auch Kämpfergeist und Aber will!-Trotz auslöst, aber dann doch ein ganz anderes Level ist.

Heute wollen wir eher sicher gehen.
Abschätzen. Prüfen. Nachdenken. Nachspüren.
Erst mal schauen, ob und was genau wir wann wie wo und wofür anfangen. Erst einmal alle Konsequenzen für Scheitern und Versagen klar haben, um dann ganz langsam zu testen, ob es geht.
Nach Möglichkeit ohne Angst zu haben oder eine Angst wegdrücken zu müssen.

Angst wegdrücken kostet nämlich Energie.
Überhaupt alles kostet Energie. Logisch eigentlich – und doch fürchte ich, haben wir lange “Energie” mit “Erregung auf Anschlag” verwechselt und tun das zuweilen heute noch.

“Bin ich schon erholt?” ist damit eigentlich auch keine Frage nach Motivation oder Bereitschaft zur Schule zu gehen und sich dem auszusetzen, was uns dort jeden Tag erwartet. Eigentlich ist es mehr die Frage danach, was wir alles wegdrücken müssen, um dort sein zu können und ein bestimmtes Level der Präsenz zu halten – und wie viel wir von dort wegdrücken müssen, wenn wir am Abend in die Traumatherapiestunde gehen und wie viel wir von widerum all dem wegdrücken müssen, wenn wir dann zu Hause sind und “Erholung machen”.

Interessanterweise ist Hausarbeit und Tüddelkram im Moment das, was am meisten zur Erholung beiträgt. Was auch nochmal vor Augen führt, wie wenig wir Carearbeit wert_schätzen. Denn obwohl wir merken, wie gut es uns tut und wie viel weniger anstrengend einfach alles für uns ist, wenn wir frische Kleidung, eine saubere Wohnumgebung – und sowas Profanes wie eine Haarlänge, die nicht stört – haben, kümmern wir uns in letzter Zeit viel zu wenig darum. Um genauer zu sein: nur ums Nötigste.

Wir pfeifen auf dem letzten Loch und rangieren mit einem Akku auf 25%. Manchmal weil wir denken: “Ach, wir haben schon mit weniger…”, manchmal, weil wir denken “Ja, aber das geht doch allen so…” (obwohl wir keinerlei Ahnung davon haben, wie es anderen mit ihren Akkus so geht) und aber auch, weil wir die Welt als einen rücksichtslosen, ja sogar gnadenlos vorwärtsströmenden Lauf der Dinge sehen, der es immer und immer von uns abverlangt weiterzumachen – ganz egal aus welcher Ressource heraus. Ob nun aus tollster Erholungsphase oder Todesangst.

Das Schlimme ist, dass das stimmt. Wenngleich vielleicht nicht ganz so brutal und gnadenlos wie das in uns etabliert ist. Aus Gründen.
Aber alles geht weiter und wir müssen Schritt halten, wenn wir Schritt halten wollen.
Natürlich können wir uns auch dagegen entscheiden. Natürlich können wir uns treiben lassen, loslassen und zurück in das, was wir vor der Ausbildung hatten.
Das hatte aber keine Zukunft.

Gerade denke ich, dass wir die Ausbildung vielleicht auch nur deshalb unbedingt so dringend schaffen wollen.
Wegen der Bildungslüge mit Zukunftsversprechen zum Einen, ja – aber auch wegen des Effekts den dieses Bildungs- und Zukunftsstreben auf uns hat.

Das Leben mit Traumafolgestörungen und Traumafolgen an sich, ist für uns sehr lange eins gewesen, das nur dieses Verschwimmen von Früher und Jetzt hatte. Das war kein “weniger leben” oder so – aber es war begrenzt und damit auch irgendwie eher statisch inmitten dieses großen Stroms der Dinge, die sich immer ändern und immer entwickeln.

Jetzt ist da Früher und Jetzt und Morgen und Übermorgen und in ein paar Jahren und so viele “Wir könnten auch…” und “Vielleicht machen wir …” ’s mehr, als wir uns selbst in den Phasen, in denen wir wer weiß was für große Höhenflüge hatten, als realistisch machbar vorstellen konnten.

Vorstellungen und Hoffnungen sind wie Trockenschwimmübungen. Manchmal. Wenn man sie sich ganz konkret machen kann.
Ich glaube, unsere Ausbildung ist unser Trockenübungsraum. Irgendwie.

Vielleicht müssen wir uns die Frage auch grundsätzlich anders stellen.
Nicht “Bin ich schon erholt?”, sondern “Sind wir wenig genug angestrengt?” oder „Was strengt uns gerade alles an?“.

Auf diese Frage fällt mir nämlich viel mehr auf, welche Kraftfresser wir sinnigerweise entfernen sollten.
Vielleicht ist das ja ein guter Schritt.

„Ausbildung inklusive“ Episode 8 – es läuft schief

Donnerstage.

Donnerstage sind nach Mittwochen inzwischen der schlimmste Tag.
Und der beste Tag.

Die Mittwoche vergehen unter dem schlechten Gewissen einer eigenmächtig entschiedenen Fehlstunde. Schlimm genug, dass wir das selbst entscheiden mussten und auch das ganze Schuljahr über so entscheiden werden müssen.  Denn wir können es nicht aushalten mit der ganzen Klasse zusammen in die Werkstatt gequetscht zu arbeiten. Geht nicht. Haben wir versucht, endete mit Weinkrampf auf dem Schulklo.

Apropos – das Schulklo. Scheinbar unser neuer Pausenraum. Weil es sich da gut heulen, trockenlegen und allein sein lässt, wo niemand länger als nötig bleibt.
Vielleicht bedienen wir ein Klischee, wenn wir das so aufschreiben.
Mir egal – es ist wie es ist und wäre anders, wäre anders möglich.
Ist es aber im Moment nicht.

Vor allem Mittwochs nicht.
Morgens die Werkstattstunde, die uns fehlt und die wir in dem Fach aber eigentlich dringend bräuchten, denn wir brauchen länger als die anderen. Nach meiner Schätzung ist die Klasse nächste Woche fertig – unser Werkstück erst zu einem Drittel. Inmitten von Menschen für die Schule ein Leistungswettbewerb ist, eine Niederlage, die immer wieder Anlass für “nicht so gemeinte” Kränkungen sind.  (Again: für uns ist es nachwievor unnachvollziehbar, was die Intensionen anderer an unseren Gefühlen verändern soll.)

Danach gehts entweder zum Buchbinden (was toll ist) oder zum Arbeiten mit InDesign. An einem Mac.
Also einem Betriebssystem, das wir nicht kennen. Es ist ein Fest.
Ein Fest so toll wie Leichenschmaus mit Todesfall.

Danach: Politik.
In den letzten Wochen sehr gruppenarbeitslastig durch Unterricht von einem Referendar. Der Arme. Muss den ganzen Quatsch für eine Zielgruppe üben, die er – zumindest durch unsere Anwesenheit in der Klasse – gar nicht vor sich hat.
Wir können oft nicht gut teilnehmen und wenn, dann saugt es uns bis zum Letzten aus. Und ich merke das.
Wie ich schrumpfe, einreiße, zerreiße und in dem Krach versickere, auch wenn ich noch so viel trinke, mich kümmere und tue und mache.
Zusammen mit dem sozialen Konflikt und dem daraus entstehenden Isolationsgefühlen ist es einfach nur schlimm.
Aufm Schulklo in graues Klopapier heulen-schlimm.

Und auf so einen tollen Tag folgt der Donnerstag.
Der um halb 8 anfängt und zwar mit der Informatik zu Webdesign. Spannendes Zeug. Allerdings im Vorlesungsstil. Nur,  dass diese Vorlesung wie ein unberechenbares Quiz gestaltet ist und man nie weiß, ob die gestellte Frage rhetorisch oder ernsthaft gemeint ist.
Es ist viel und über meinem Arbeitsplatz flirrt seit 3 Wochen die Leuchtstoffröhre. Schaltet man dort das Deckenlicht aus, sitzen wir im Dunkeln, denn Fenster ohne Blende machen eine ganze Rechnerreihe unbenutzbar, weil man nichts mehr auf den Bildschirmen erkennt.

Danach wirds schön.
Highlight der Woche. Motor durch dieses Schuljahr. Insel in all dem Scheiß.
Die Freistunde, die wir durch die Abwahl des Religionsunterrichtes gewonnen haben. Wenn Klassenarbeiten anstehen, üben wir in der Zeit dafür.
Doch im Moment scheißen wir darauf und es ist gut so.
Statt in dem miefigen Raum zu sitzen, dürfen wir nämlich mit der halben Parallelklasse zusammen nochmal an einem Buchbinden-Unterricht teilnehmen.

Und es ist schön. Es tut uns gut.
Obwohl wir an dem Geheimnis auch schwer tragen und wissen, was für ein Glück wir da haben.
Und daneben steht, dass wir eine Not daran haben, dass nicht alle haben können, was wir da haben. Dass wir uns Sorgen darüber machen, uns vor der Lehrerin nicht als würdig für diese Möglichkeit zu erweisen.

Mit all dem sind wir alleine.
Wie wir mit allen anderen kleinen und großen Gewissenskonflikten an der Schule alleine sind.

Bekommen wir Ausnahmen von der Schulalltagsregel um teilnehmen zu können, dann sollen wir nicht weiter drüber reden – Unmut bei den Schüler_innen
Brauchen wir Hilfe müssen wir das offenlegen und sagen – was immer stört und manchmal nervt – ergo: Unmut bei den Schüler_innen
Fragen wir viel nach, weil die Kommunikation missverständlich ist, sorgen wir für – richtig: Unmut bei den Schüler_innen

Das sollen wir verstehen, weil: die haben Pubertät und wir ne Behinderung.

Das klingt hart und fühlt sich auch so an. Wie harte Scheiße, die einem wo man geht und steht, macht und tut und sich bemüht, vor die Füße geworfen und auf die Nase gebunden wird.
Denn ja: natürlich haben alle ihre Bedürfnisse.
Aber unsere Bedarfe zielen darauf ab, überhaupt gut teilhaben zu können – nicht besser teilhaben zu können, als alle anderen – es ergibt keinen Sinn unsere Bedarfe mit denen der Mitschüler_innen 1:1 gleichzusetzen.

Jedenfalls.
Nach der Oase des Donnerstag kommt der Aufprall. Mathematik.
Ich habs schon mal geschrieben: für uns haben Wörter eine andere Struktur als Zahlen – wir sind schnell aus abstrakten Kontexten rausverwirrbar, wenn jemand konkrete Beispiele benutzt um diese Abstraktion zu erklären.
In Mathe verlieren wir den inhaltlichen Anschluss in aller Regel so nach 5 bis 10 Minuten. Die restlichen 80- 85 Minuten, die diese Veranstaltung hat, sind Kampf um Verstehen und Begreifen. So aktiv wir können. Nicht, weil wir das so unbedingt wissen wollen, sondern, weil es ein Hauptfach ist und wir insgesamt auf dem Zeugnis weder eine Sport- noch eine Religionsnote haben, um mittelprächtige Leistungen im Schnitt auszugleichen.

Die Hauptarbeit und der Grund für unsere relativ guten Noten waren und sind stundenlanges Selbstlernen und üben zu Hause.
Das Problem: irgendwann kriegt man Heimarbeit und Schularbeit nicht mehr übereinander.
Die Irritation wird dem Unterricht immanent. Alles, was es dann noch braucht, um richtig abzuschmieren, liefert unser momentaner Schulalltag frei Haus: unruhige Klasse, noch wenig erfahrene Lehrer_in, die Auflagen rund um Schüler_innenunmut, Pubertät und diese Kleinigkeit, die wir so im Gepäck haben.

Es ist zum Kotzen.
Und zum Heulen.
Überwiegend zum Heulen.

Vor ein paar Tagen dachte ich noch, wie unterschätzt es ist, Inklusion herzustellen, wenn man sie vorher noch nie gelebt hat.
Es liegt unter anderem daran, dass man behinderte Menschen nachwievor zu Menschen mit “speziellen Bedürfnissen” erklärt, “die aber eigentlich ganz leicht zu händeln sind (wenn man nur will)”.
Don’t get me wrong – in vielen Fällen ist das auch so. Aber eben doch nicht immer und schon gar nicht in allen Kontexten.

Die echte Inklusion ist das Ergebnis einer allgemeinen und strukturellen Anerkennung der Behindertenbewegung als Bürgerrechts bzw. Menschenrechtsbewegung.
Es reicht nicht eine Rampe aufzustellen oder wie in unserem Fall zu erlauben, dass NakNak* bei uns sein darf und wir insgesamt hier und da nachteilsausgleichende Ausnahmen gewährt bekommen. Das ist Bedürfnismanagment. So geht man mit Spezialsituationen um.
Man stellt damit aber keine neue Normalität her. Im Gegenteil.

Wenn es schief geht – und bei uns geht es seit ein paar Wochen schon schief – landet alle Verantwortung fürs erfolgreiche Miteinander bei uns. Denn es fordert von uns eine spezielle Dankbarkeit, Geduld, Erklärungs- und Rechtfertigungsbereitschaft und zwar immer für alle und alles.
Wer kann das denn leisten?
Niemand.

Aber wir tragen das. Und wir tragen das alleine.
Wir haben nicht erwartet, dass es einfach wird. Auch nicht, dass es reibungslos wird.
Wir haben aber vor allem nicht erwartet, mit so vielem allein bleiben zu müssen.

Wir haben noch immer keinen Fahrdienst. Der Nachteilsausgleich ist noch immer nicht offiziell beantragt.
Der Begleitermensch schlägt eine I-Kraft vor – wir haben Angst das alles nicht zu packen.

Und morgen klingelt der Wecker wieder um 5 Uhr 15.

Fehler

Manchmal muss man mit sich ins Gericht gehen. Sich auf den Pott setzen. Erklärungen aus dem Inneren einfordern.
Manchmal muss man streng mit sich sein.

Mir wird oft gesagt, ich wäre immer zu streng mit mir. Perfektionistisch. Zu anspruchsvoll.
Blabla – wer hört das denn nicht über sich, wenn es um Enttäuschung vor dem eigenen Versagen geht.
Für mich ist es üblich zu hören, ich würde zu viel verlangen, erwarten, wollen. Dabei ist nicht mein Anspruch das Problem. Jedenfalls nicht meins.
Mein Problem ist das Versagen. Der Fehler. Das Nichtentsprechen.
Vor allem dann, wenn ich die Aus.Wirkungen dessen nicht erfassen und be.greifen kann.

Meine letzte Woche stand unter dem Thema der Fehler, des Versagens und der Menschen, die darauf für mich unverständlich, manchmal sogar irrational, reagieren.

Ich habe einen Mathenachschreibtest abbrechen müssen.
Eine kleine Verwirrung über eine Aufgabenstellung schubste mich ins Blackout, wo es außer Angstschweiß und Beklemmung nichts mehr gab. Der Schultag hatte grade begonnen, ein anderer Test stand noch an – ich musste abbrechen und die 20 Punkte sausen lassen. Es half nichts. Obwohl ich wollte und wusste, dass ich kann. Nur nicht so. Nur nicht zu diesem Zeitpunkt.
Mein Versagen wäre keines gewesen, wären Tests wie dieser nicht das erste Mittel der Wahl.

Es ist kein Problem die Punkte nachzuarbeiten.
Es ist jedoch ein Problem die Punkte anders als die anderen in meiner Klasse nachzuarbeiten.

Mein Versagen, mein Fehler ist, andere Wege zum gleichen Ziel gehen zu müssen.
Und zwar tatsächlich: zu müssen.
Denn ich krampfe, wo Vielviel und Überanstrengung mich fallen lassen.
Und die anderen nicht.

Ich bin streng mit mir und erwarte von mir immer das Beste, was ich geben kann.
Ich merke den Preis, den das hat.
Ich merke aber auch das Ergebnis.

Ich wäre nicht an dieser Schule, hätte ich allem “Ach, das musst du doch nicht…” und jedem “Nach allem, was du durchgemacht hast…” nachgegeben.
Wäre ich noch so weich und zart mit mir, wie zu einem früherem Zeitpunkt, hätte ich nie wieder gesprochen. Hätte ich  nie wieder dieses Schlachtfeld menschlicher Interaktion betreten.
Hätte ich keine Ansprüche an mich, wäre ich noch immer die Patientin auf deren Kosten sich profiliert und selbst versichert wird.
Würde ich nichts von mir verlangen, wäre ich seit Jahren tot.

Mit dem Selbstanspruch ist es jedoch so eine Sache.
Weil ich mich beanspruche, mich immer wieder heraus.fordere und niemals leichtfertig an eine Sache herangehe, bin ich auch nie unbeansprucht, ungefordert und leichtfertig. Ich bin ernst und ange.streng.t.
Wo ich bin, da gibt es den lockerleichten Spaß nicht oft. Ich bin unbequem. Selbst dann, wenn ich nichts tue.

Ich stehe anderen Menschen oft nicht so zur Verfügung, wie sie es von anderen Menschen gewohnt sind. Man kann nicht viel von mir verlangen, denn ich verlange oft schon genug von mir. Man kann nicht viel von mir einfordern, denn ich habe oft nur noch mir ungenügend erscheinende Reste zu geben.

In dieser Woche hatte ich auch einen Streit mit Mitschüler_innen, weil ich einer Forderung von ihnen nicht nachkommen konnte.
Und auch nicht wollte.

Dabei…
Ja – dabei können sie es nicht wissen. Und verstehen.
Niemand kann es wissen und verstehen.
Niemand ist ich. Niemand teilt meinunser Er_Leben als uns, die wir sind, in diesem Lauf der Dinge, wo es das Ergebnis aller geleisteten Anstrengungen ist, am Schul- und sonstigem Alltag teilzunehmen.

Und doch.
Ich habe die Idee, dass sie keine Anforderungen an sich stellen. Dass sie nichts von sich selbst fordern. Aus Gründen, klar. Die denke ich mit.
Aber da denke ich auch, wie tragisch das ist.
Wie junge Menschen nicht mehr dazu kommen, sich selbst ernst zunehmen, das eigene Leben und den eigenen Erfolg ernst zu nehmen und von sich selbst abzufordern, weil die ganze Welt 24/7 von ihnen fordert zu funktionieren. Lieb zu sein, brav zu sein – nicht der Fehler sondern, die Lösung zu sein.
Vielleicht auch: die Er_Lösung zu sein.
Denn Kinder sind ja die Zukunft.

Da denke ich, wie gut ich es habe. Denn von mir erwartet niemand mehr irgendwas.
Ich bin schon rausgefallen, weggefallen, am Boden gelandet und egal was ich tue- es ist die nette inspirierende Kür, nach verkackter Leistungsgesellschaftspflicht.
Egal, was ich tue, es ist etwas anderes als das, was alle machen.

Wir leiden darunter.
Aber das ist nun einmal so.
Wir hättens ja auch besser machen können. Damals.
Wenn wir gekonnt hätten.

Konnten wir aber nicht.
Passiert.
Muss man mit umgehen.
Leben ist, Fehler zu nehmen und als Weggabelung im Lauf der Dinge anzuerkennen.

So kann man manchmal nur noch neben allen anderen herlaufen.
Oder – so wie wir nun schon seit Wochen – neben ihnen stehen, ohne in Kontakt zu kommen.
Obwohl man möchte.

Gegenwart ist auch nur ein Abstand

Die Erkenntnis der Abstände hat mir meine Lehrerin für Werken im Jahr 1994 ermöglicht, nachdem mein dritter Anlauf für ein Werkstück zerknüllt auf dem Tisch lag und ich zwischen Frustheulen und Frustummichhauen auf meinem kippeligen Stuhl vibrierte.

Wieder hatte ich etwas falsch abgemessen, wieder passte nichts zusammen und die Bummelletzte war ich auch schon wieder.
Werken – ich mochte nur meine große weiche Lehrerin.
Die Metallscheren machten ein ekelhaftes Geräusch beim Schneiden, der Kleber stank, der Raum war unübersichtlich und die Vielzahl der Umsetzungsoptionen für einzelne Arbeitsschritte, setzte dem Stimmengewirr um mich herum, ein Analysengewirr im meinem Kopf hinzu.
Werken – es war scheiße mit dir.

Aber.
Das Geheimnis von Zeit und Raum konnte sich mir dort erschließen.
Das Geheimnis ist: Abstand.

Ich kann mir nichts Exakteres vorstellen, als den Abstand zwischen Punkt 1 und Punkt 2 und den Abstand zwischen Tick und Tack.

Seit dem Werkunterricht des Jahres 1994 hatte ich nie wieder Probleme irgendetwas abzumessen, nachdem mir meine Lehrerin erklärt hatte, welche Seite des Zentimeterstrichs die ist, von der ausgehend ich abnehmen sollte.
Wenn ein Zentimeterstrich selbst fast 2 Millimeter dick ist, dann ist das eine relevante Information für mich und ich kann mich erinnern, wie tief es mich beruhigt hatte, dieses Geheimnis gelüftet zu haben.
Abstand.

23 Jahre später stehe ich 2 – wenn ich einen guten Tag habe 3 – Mal in der Woche in einer Werkstatt und binde Bücher oder stelle Broschuren her.
Ich bin immernoch die Bummelletzte, brauche immernoch mehr als einen Anlauf für eine Aufgabe, habe nachwievor meine Alleshinschmeißfrustmomente, aber ich habe noch immer meine weiche Werklehrerin im Ohr, die mir bei jedem Mal sagt, dass es um einen Abstand geht.

Um eine Lücke also. Ein Stück Nichts, das zwischen zwei Dingen passiert.
Einen Zentimeter kann man nicht erschaffen – man kann ihn nur definieren. Also einrahmen. Der Rahmen ist, was erkennbar macht, dass es ihn gibt.

Man sagt immer so leichtfertig, beim Handwerk ginge es um die richtig konkreten greifbaren Dinge. Handwerk, das sei so bodenständig und einfach.
Tatsächlich ist der Beruf des Handwerks jeder Art einer, der dem Nichts etwas abtrotzt, das erst dann konkret da ist.
Handwerk ist, wo übers Defizit definiert wird.

Handwerk ist, vor Nichts zu stehen und keine Angst davor zu haben, weil man weiß wie Abstand herstellbar ist.

Die Erfahrung mit handwerklicher Arbeit erleichtert mir heute auch den Umgang mit dem Viel und Alles aus dem Trauma. Dem ES und DAS DA, das soviel ist, dass es ein neuronales Nichts für mich wird.

Manchmal stehe ich inmitten dessen, was Alltag ist und merke, wie ES an mich heranquillt und so dicht wird, dass die Zeit aus ihrem Rahmen von Tick und Tack gedrückt wird.
Da hilft es mir nicht, mir zu sagen, welchen Tag wir haben. Ein Tag hat 24 Stunden – ein Moment aber nicht. Das Ist, das Hier und Jetzt hat keinen anderen Rahmen, als das Wort selbst.
“Hier” ist nur so lange, wie ich “Hier” sagen kann. Dann ist es weg und nur theoretisch überhaupt je gewesen.
Hier und Jetzt – Gegenwart – so sicher und nicht zerstörerisch, wie es auch ist, kann nur von Zukunft und Vergangenheit gerahmt werden und dann sein, was es ist.

Ich habe also eine Schnur bei mir.
Eine Schnur mit kleinen Knoten, die für Dinge stehen, die in der Vergangenheit waren, an einem Ende und Knoten für Dinge, die in der Zukunft sein sollen, am anderen Ende.
Alles, was ich tun muss ist, diese Schnur in die Hand zu nehmen. In der Mitte. Denn in dieser Mitte bin ich. Eingerahmt von meiner weichen Werklehrerin 1994 und dem Praktikum in einer kanadischen Buchbinderei im Jahr 2020.

Gegenwart ist auch nur ein Abstand.
Nichts, was man sich nicht selbst definieren kann.

Fundstücke #45

Das hätt ich mir ja denken können, dachte ich und hatte es doch nicht gemacht.

“Ich fühle mich so ausgeliefert.”
“De facto sind Sie es auch.”

Das hätte ich mir ja denken können.
Hab ich aber nicht.

Weil das ja ist, was ich nicht soll. Denken, dass ich nichts tun kann, weil mir die Umwelt passiert.

Dass es ist wie es ist und, dass ich nichts tun kann, wenn es so ist.
Dass ich da bin, wo die Welt passiert, auch dann wenn es gar keinen Platz für sie an und schon gar nicht in mir gibt.

Obwohl und weil und außerdem und darum.

Dass hätt ich mir ja denken können und habs doch nicht gemacht.
Weil ich andere Dinge zu tun hatte.

Müde sein zum Beispiel. Nicht weinen außerdem.
Und sowieso

starr k
sein

die traumatisierte böse Königin

Vorgestern habe ich angefangen “Once upon a time” zu schauen. Eine Serie, in der Märchenfiguren, durch einen Fluch der bösen Königin, als Menschen in einer Stadt der Menschenwelt leben und nicht erinnern, wer sie eigentlich sind.

Üblicherweise finde ich böse Königinnen gar nicht mal so böse. In der Regel sind sie alleinstehende/verstoßene/ausgegrenzte Frauen, deren einzige Idee von Respekt und daraus hervorgehend Macht es ist, dass alle Angst vor ihnen haben. Es sind häufig so freie Frauen, dass sie über weite Teile des Lebens einsam sind und sich mehr oder weniger in Ersatzhandlungen oder Ersatzgegenübern verlieren.
Eine böse Königin lebt kein erfülltes Leben. Im besten Fall lebt sie eines, in dem sie gefürchtet wird, bis sie jemand durch den Tod davon erlöst.

So auch in der Serie. Wobei ich noch nicht weiß, ob sie stirbt. Das werden wir ja sehen. Vielleicht muss sie auch nur emotional ein bisschen sterben, um dann mit neuem Mindset aus diesem Sterben hervorzugehen.
Egal – das ist nicht, was ich aufschreiben will.

Aufschreiben will ich, dass mir Parallelen aufgefallen sind, die mich darin stärken, weiter zu tun, was ich für richtig halte. Egal, wie oft die bösen Königinnen in meinem Leben in mich hineintreten, um mir zu sagen, dass ich weggehen soll. Dass ich nicht gut genug bin für das, was ich tue oder tun möchte. Dass ich allgemein und grundsätzlich nicht genug bin.

Böse Königinnen machen keine Entwicklung, denn ihr Denken und Sein ist statisch. Es kann keine Veränderung geben, weder in sich noch in ihrem Bild von der Welt und ihren Gegenübern darin. Böse Königinnen haben Angst vor dem Schmerz, der damit einhergeht. Todesangst.
Sie können keine Verbündeten haben, die ihnen wirklich bedingungslosen Schutz, bedingungslose Fürsorge, bedingungslose Loyalität gewähren, denn im Zweifel sind es ihre engsten Verbündeten, die für sie zum Teil der mächtigsten Waffe gegenüber jenen Feinden, die ihr am meisten Angst machen, werden müssen.

So muss die böse Königin in der Serie, ihren Vater – den einzigen echten (im Sinne von “natürlich gewachsenen”) Verbündeten in ihrem Leben – töten und Haare von ihren anderen Verbündeten benutzen, um diesen Fluch auszusprechen.

Eine böse Königin zur Verbündeten zu haben, kann das eigene Leben bequemer machen. Vielleicht gibt es sogar Schutzaspekte und aufrichtige Gesten der Verbundenheit. Aber doch weiß man, dass das nur so lange auch so bleibt, wie die Königin keine Feinde (und damit auch: keine Angst) hat.
Alles muss so bleiben wie es ist – sonst wird es gefährlich.

In der Serie greift die Protagonistin zu den lauteren Mitteln, die allen Menschen frei zur Verfügung stehen, jedoch nicht von allen auch genutzt werden, weil sie samt und sonders von der bösen Königin ausgehebelt werden können (und oft auch werden).
Die Protagonistin bleibt. Sucht Alternativen und bleibt dabei zu tun, was sie tun möchte, weil es ihr richtig und wichtig erscheint. Sie tut es nicht, weil die Königin das nicht möchte oder weil es ihr eine Befriedigung verschafft zu sehen, wie die Königin ins Rotieren kommt.
Es geht ihr nicht um die Königin, sondern um sich selbst und die eigenen Themen und Werte.

Mir gefällt, wie deutlich wird, dass die Protagonistin kein Mensch ist, der nie Fehler gemacht hat oder einen ausschließlich liebenswerten/“guten“ Charakter hat.
Das bestärkt mich noch mehr, dran zu bleiben, weil es mit dem Klischee bricht, dass nur grundgute Menschen in der Lage sind, Gutes zu tun oder zu wünschen.
Es bricht auch mit der Mär vom guten Handeln zur Aufbesserung des eigenen Seins.

Ich bin in den letzten paar Jahren davon abgekommen die Kraft dafür aufzubringen, anderen Menschen das immer wieder über uns zu sagen.
Wir bekommen inzwischen so viele Emails am Tag von Menschen, für die wir etwas so Gutes getan haben, dass sie uns zu einer besseren Person v.erklären, als wir sind – aber nicht immer schaffen wir es allen einzeln zu schreiben: “Hey – wir haben vielleicht etwas Gutes für dich getan – aber besser als andere sind wir deshalb nicht.”.

Manchmal denke ich auch, dass es nicht unsere Verantwortung ist, die Menschen daran zu erinnern. Wir sind nicht hauptverantwortlich dafür, was andere Menschen von uns denken oder für wie gut oder schlecht sie uns halten.
Wofür wir die Verantwortung tragen sind die Dinge, die wir tun. Und wenn wir sie für gut und richtig halten, sie sich aber für jemanden nicht so auswirken, dann müssen wir sehen, wie wir darauf reagieren, statt uns damit aufzuhalten, ob uns dieser Umstand schlechter oder weniger wert macht.

Wir sind nicht gut in der Performance vom guten, perfekten Menschen.
Wir erleben uns meistens nicht einmal als Mensch. Allein das macht uns und unser Denken, Wirken und Schaffen zu etwas, das – zumindest in dem, wo wir uns so einordnen und positionieren – niemand anderen im Zentrum hat, als uns selbst.
Vielleicht ist das eine Traumafolge, vielleicht ist es aber auch das, was Autismus am Ende ist.

Es kommt häufig vor, das Menschen, die von Anbeginn ihres Lebens erfahren falsch und ungewollt zu sein, sich selbst als den Ursprung allen Übels in jeder Situation wahrnehmen. Perfiderweise oft nicht einmal so, dass sie bewusst denken: “Ich bin so schlecht, deshalb…”, sondern, dass jede (Konflikt-)Situationsanalyse mit “Ich…” beginnt und nicht mit “Wir…” (wenn ein Gegenüber involviert ist).

Es kommt aber genauso häufig vor, dass Menschen, die über lange Zeit zu viel ertragen mussten, alles und alle um sie herum als den Ursprung allen Übels in jeder späteren Situation wahrnehmen. Auch da gibt es meist nicht diesen Gedanken: “Ich leide so sehr, weil mir niemand hilft (weil…)”, sondern viel mehr den Anreiz jede_n mit Vorwürfen und Ansprüchen zu überschütten, di_er zufällig nicht tut, was gebraucht wird.

Über die Serie habe ich gesehen, dass die böse Königin so ein Muster hat. Sie selbst ist in Ordnung – es ist ihr Umfeld, dass ihr nicht genug hilft, nicht genug für sie da ist – ihr einfach nie genug ist und auch nie genug sein kann, denn sie selbst weiß, dass es nichts gibt, das je aufwiegen kann, was ihr fehlt.

Über die Serie habe ich aber auch unser Muster gesehen. Wir befassen uns nicht genug mit dem Umfeld, in dem wir leben, um so differenziert, wie man das in manchen Situationen tun sollte, einschätzen zu können, ob es ein okayes Umfeld ist oder nicht – denn im Zweifel wissen wir vor uns selbst schon viel sicherer und klarer, dass wir sowieso nicht dazugehören, weil wir einfach so ganz grundsätzlich nicht passen, nicht genug sind, kein Mensch sind, nicht wie andere sind – und sowieso einfach schon immer irgendwo ganz fern von allem passieren. Selbst dann, wenn es nicht um Konfliktsituationen geht.

In beiden Mustern geht es um die Abwesenheit bedingungsloser Bindungen. Um das ständige Ausbalancieren zwischen Einsamkeit und Frei_von_heit, zwischen Autonomie zur Sicherung des eigenen Überlebens und einer Abhängigkeit von einem Umfeld, das jederzeit als Bedrohung des eigenen Lebens wahrgenommen wird.

Wir haben uns inzwischen darin arrangiert, dass es keine bedingungslosen Bindungen für uns gibt. Für uns sind Menschen immer mit Anstrengung verknüpft, die uns auch immer etwas kostet. Das heißt, dass es von unserer Seite aus auch vielleicht nie möglich sein wird, so ganz und gar bedingungslos verbindlich zu sein, wie es Menschen uns gegenüber vielleicht schaffen und heute bereits sind.

Doch das hält uns nicht mehr so davon ab, uns mit Menschen zu umgeben, Umfelder verändern oder gestalten zu wollen, wie noch vor ein paar Jahren.
Wir machen unser Ding. Und unser Ding ist Wörter sammeln, um uns und unsere Er_Lebens_Erfahrungen auszudrücken.
Nicht, weil wir ihnen oder uns selbst eine besondere Bedeutung beimessen, sondern, weil sie da sind.

Und wenn etwas ist, dann ist es.
Auch wenn es stört und nervt und falsch ist und nicht genug ist und böse Königinnen zur Weißglut treibt.
Auch dann.

Fundstücke #44

Sie hört sich fremd an. Unsere Gemögte, die ich anrufe, weil ich über den Text von vor 3 Jahren stolperte und plötzlich sehe, dass wahr wurde, was wir verhindern wollten: ein Kontakt, der ist, dann war und danach im Lauf der Dinge unterging, wie ein Boot aus Zeitungspapier.

“Wie geht es euch?”, fragt sie und es fühlt sich hohl an. Höflich.
Als nähme sie ein Stück Kuchen, das gerade verfügbar ist in die Hand und reiche es an uns, die gerade im Weg herumsteht.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Bin sowieso zurück in meinem dumpfen Brüten fern von allem, vor allem dem, was sie als “uns” kennt.
Ich frage mich, warum ich sie anrufe, wo ich die gleiche Kraft doch in Emails und Anrufe geben könnte, wo ich weniger erklären müsste.
Dann weint es Bäche aus mir heraus und ich denke: “Na gut, vielleicht dafür.” und warte bis es aufhört.

Sie sagt gar nichts. Vielleicht wartet sie auch.
Dann frage ich sie, ob ich zuerst fragen darf, weil doch ich es bin, die sich gefragt hat, wie es ihr geht. Was sie macht. Ob sie glücklich ist, oder wenigstens zufrieden.
Sie erzählt und ich höre zu.
Es ist ein fremder Alltag und doch ist sie es, die sich darin bewegt. Das merke ich und bin beruhigt.

Dann erzähle ich vom schwach sein, vom zum Opfer geworden sein und davon, was es mit mir macht, inzwischen einen Alltag zu leben, der für mich beinhaltet einmal ein Opfer gewesen zu sein, jedoch keinerlei Raum dafür in ihm zu haben.
Außer in der Therapie. Die ich im Moment aufgeben und kaputt machen will, gerade weil ich dort als Opfer gesehen werde.

Opfer-Talk – klar ist das das Einzige, was ich zu bieten habe. Nach gut einem Jahr, dass wir uns nicht gehört und gesehen haben, ist es das, was ich mit ihr teile und wieso ich mich noch gefragt habe, was unseren Kontakt hat austrocknen lassen, verstehe ich auch nicht mehr.
Ich ärgere mich schon wieder über mich selbst. Greife nach dem Wörterhahn, um ihn mir abzudrehen, denn what the fuck – es gibt doch so viel mehr als das.

Dann überrascht sie mich mit einem Dank und erzählt mir, dass es mein Opfer-Talk ist, der ihr heute immer wieder hilft Menschen zu verstehen, die früher mehr als ein Mal geschlagen, vergewaltigt, verkauft, ausgenutzt, verraten wurden.
Und plötzlich kann ich sie wieder fühlen. Spüren, wo sie steht und was es ist, was da so weit trennend zwischen mir und allem, was mich angucken kann, ist.

Es ist eben doch genau das. Das Opfer-Ding. Das Opfer-Ding, das schon so lange vorbei, aber doch in mir drin ist, wie in ihr das Vertrauen in Menschen, Welt und eigenes Wehe.

Ich werde es immer nur fühlen und anerkennen können. Selbst wenn mein Leben weiterhin so eine gute Wendung mit mir nimmt, werde ich immer wissen, woraus ich hervorgegangen bin. Auch dann, wenn ich mich dagegen entscheide, dem wie viel oder wie wenig Gewicht auch immer zu geben.

Meine Geschichte ist geschrieben. Und darin war ich Opfer.
Es gibt nichts, das ich dagegen tun kann.
Es gibt jedoch vieles, das ich dem hinzufügen kann.

Das Heute zum Beispiel. Und das, was ich über mich, uns und alle anderen in meiner Geschichte denke.
Was ich zunehmend erinnere. Und was ich mit mehr und mehr Erinnern über mich, uns und alle anderen denke.

Sie erinnert mich daran, dass ich nicht gezwungen bin, mich als Opfer zu sehen, nur weil ich eines war und wir lachen beide bitterlich, als wir wieder einmal merken, mit wie wenig Menschen man die Wahrheit, in dieser sich scheinbar widersprechenden Haltung, teilen kann, ohne Schaden zu nehmen.

Als wir uns von einander verabschieden, fühle ich mich anders. Ich fühle mein am Leben sein und spüre all die kleinen großen Quetschungen, die dieses unser neues Leben an mir macht, weil es mich darin nicht gibt. Nicht, weil man mich nicht will, sondern, weil es fremd ist so am Leben zu sein wie ich.

Ich sitze am Fenster und schaue auf ein Stückchen Welt, das mich nicht braucht und doch in sich trägt.
Das Heute bewegt sich ungerührt weiter.
Und ich bin immernoch da.

Fundstücke #43

Am Abend liege ich im Bett und komme nicht umhin zu spüren, dass es mich gibt.
Mich, meine Krise, mein Ge.Denken, meine Muskeln, die wie mit glühender Lava gefüllte Weintrauben an meinen Knochen hängen.

Ich liege da und denke darüber nach wie das so ist.
Wie weh es tut und doch kein Schmerz ist, den ich anderen zufügen kann.

Es ist dieser Punkt, den ich als turning point kenne und fürchte.
Ein Bein steht im Lauf der Dinge. Arbeitet. Funktioniert. Kreiert. Ist offen und reagibel.
Und ein Bein steht in der Stasis. Ist dumpf. Existiert. Nimmt für wahr, doch keinen Anteil an dem was passiert.

“Wir haben jetzt keine Zeit für eine suizidale Krise. Wir haben noch Hausaufgaben, eine Buchrezension und andere Dinge zu tun.”, sagt es im Innen und ich merke, wie sie versuchen sich aus dem Treibsand zu strampeln. Sie streiten sich über Freitod und ich bin froh, dass die Menschen um mich herum sie nicht hören, sehen, fühlen können wie ich.
Wie absurd das ist, denke ich und möchte lachen, aber es kommt nur weinen heraus, das mir noch absurder vorkommt.

Und wieder denke ich, dass die Linderung meines Leidens unter dem was ist, einem Eigentlich folgt, für das ich mich entscheiden kann. Muss. Soll. Darf.
Eigentlich geht es um Assoziationsprozesse dissoziierten Materials früherer Traumatisierungen.
Eigentlich geht es um Überforderung durch die Schule.
Eigentlich geht es um schwierige Lebensverhältnisse.
Eigentlich sind wir einfach nicht passend für diesen Lauf der Dinge.

Es gibt so viele Eigentlichs, die sein könnten, dass wir damit überfordert werden, überhaupt nur einen Schritt zu tun. Eine Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung zu treffen, sich zu entscheiden.

Es zieht in alle Richtungen.
Und wir ziehen uns in alle Richtungen.
Von mitten rein bis so weit raus, dass es uns nicht mehr gibt.

Jetzt in eine depressive Episode zu rutschen, ergibt so viel Sinn.
Neuronaler Selbstschutzkrisenüberlebensschlaf – ich kann ihn so nachvollziehen.

Selbstverständlichkeiten

Selbstverständlich reagieren wir auf Ansprache.
Selbstverständlich machen wir mit. In diesem Leben. Dieser Welt. Diesem Lauf der Dinge, in dem wir sind, obwohl wir nie wählen konnten, ob wir darin sein wollen.
Selbstverständlich, denn wir sind ja da.
Und wenn man schon mal da ist, dann gibt es auch keine Zweifel mehr daran zu haben, was man wie wann für wen ist.
Oder?

Ich habe heute Nacht davon geträumt, wie meine Freunde von jemandem getötet wurden, der mir in meinem Haus aufgelauert hat.
In diesem Traum sagte ich, was ich meinen Freunden immer sage, wenn sie wissen, dass etwas auf mich zukommt, das schwierig, gefährlich, bedrohlich ist.
“Ich krieg das schon hin. Ist ok.”.
Sie haben das wohl nicht gehört, oder verstanden oder schlicht nicht geglaubt und wurden entsprechend vor meinen Augen abgeschlachtet, weil sie mir in das Haus gefolgt sind.
Alles was ich ab dann noch für sie übrig hatte war Wut, Hass, Aggression, den Willen das Stück Welt um mich herum zu zerstören, um es gleich mit mir zu machen.
In meinem Traum tötete ich dann aus Versehen auch noch die Person, die mir aufgelauert hatte und wachte von meinen eigenen Geräuschen auf.

Den Rest der Nacht verbrachte ich zwischen Hass und Selbst_Mordlust auf dieses Leben.
Dieses Sein, diesen unbeachteten Zwang reagieren zu müssen und doch nie den gleichen Zwang auf gehört und verstanden werden ausüben zu können.
Diese Arroganz der Einweltigen, die eigene Realität als selbstverständlich und ohne jeden Zweifel gesehen und geteilt haben zu wollen.  Diesen Anspruch an uns, uns selbst in ihre Welt einzuordnen und zwar dort, wo sie uns sehen und sein lassen können.

Es ist unser Thema seit wir nicht mehr bei der Herkunftsfamilie leben und massiv verstärkt, seit wir ausgestiegen sind.
Wir gehören nicht dazu. Wir sind kein Teil dieser Gesellschaft. Kein Mitmensch wie alle anderen auch. Und zwar nicht, weil wir uns dazu entscheiden und das so geil finden ständig und in allen Aspekten weder Fisch noch Fleisch, eingekeilt zwischen Baum und Borke zu sein, sondern weil wir nicht in der Lage sind, das was ist, als alleinig gegeben anzunehmen.

Das ist wichtig. Es ist keine Wahl. Wir sind keiner dieser bunten Glitzerleute, die normal langweilig finden und sich in Abgrenzung dessen wer weiß wie special selbstdarstellen und nach ein paar Jahren die Krise kriegen, weil sie merken, wie sehr sich diese Normalität nicht ändern darf, weil sie dann nicht mehr special sind.

Wir erleben uns fremd, weil wir uns fremd sind. Weil uns die Konstruktionen um Wert und Welt der Menschen, mit denen wir heute jeden Tag zu tun haben, fremd sind.
Für uns ist es harte Arbeit jeden Tag neu zu akzeptieren und hinzunehmen, dass wir von heutigen Gegenübern als Mensch gesehen und gedacht werden.
Zu akzeptieren und hinzunehmen, dass wir entsprechend behandelt werden, ohne gefragt zu werden, ob wir das überhaupt mitmachen wollen oder es unserem Selbstbild entspricht.

Es gehört zu dieser Welt und diesem Lauf der Dinge, dass wir in unserem (früheren) Sein nicht akzeptiert und gnadenlos, 24/7, seit inzwischen 14-15 Jahren, ignoriert und missachtet werden. Für uns gehört es dazu den Zweifel über das eigene Menschsein, das eigene Sein überhaupt, weder frei und konsequenzlos artikulieren noch leben zu dürfen.
Denn sich nicht als Mensch zu fühlen in schwierigen Zeiten oder zumindest den Zweifel an der eigenen Menschlich- und Zugehörigkeit zu dieser Welt nicht ausblenden zu können in besseren Zeiten, müssen wir uns verbieten.
Vor den einen, weil sie es als narzisstischen Zug deuten, vor den anderen, weil sie es als von Täter_innen eingeredet sehen und vor den nächsten, weil sie uns mit ihrem Mitleid quälen. Und vor den ganz nächsten, weil sie uns sowieso am liebsten tot sehen wollen, weil wir sie mit unseren ständigen Zweifeln an allem, was sie täglich umgibt und ihr Weltbild ausmacht, stören und verängstigen.

Die bittere Erkenntnis ist, dass wir es hingenommen haben in unserer Präsenz gedeutet und vereinnahmt zu werden.
Dass es unser Fehler war, dem nicht von Anfang an vehement zu widersprechen bzw. in unserem Zweifel an der Richtigkeit sichtbarer zu sein.
Unser Fehler war, den Übergriff für selbstverständlich zu halten.
Für den Preis den es eben hat, wenn man sich wünscht Begleitung, Hilfe, Unterstützung, Miteinander in diesem Hier und Jetzt zu haben.

Unser Fehler war der Illusion aufzusitzen, wir könnten wirklich völlig unabhängig von dem was und wer oder wie wir sind, mit Menschen zu tun haben und in ihre Gesellschaft hineinwachsen, wie ein Fahrrad, das in einen Baum hineingewachsen wird.

Der Fehler war den Zweifel auszublenden, weil die Illusion so schön aussieht.