Montagabend

Es ist spät, als ich von der Fahrschule nach Hause fahre. Spät, dunkel und eisschneeregnerisch. Vor mir stieben die Flocken ins Licht, als würde ich mit Warp 5 durch die Galaxie fliegen, der Tacho steht bei 35 km/h.
Mein Unterricht geht von 18 bis 21:30 Uhr, ich fahre immer schon um 17 los. Wildes Niedersachsen, da muss man durch, hier ist alles weit voneinander entfernt.

Ich denke oft, wie leicht mir hier etwas passieren kann. So kurz vor der Hochzeit, das wär doch kacke. Danach aber auch.

Ich bin allein auf dieser weltallschwarzen Strecke einzig gerahmt von den Leitposten links und rechts. Mal mit, mal ohne blauen Reflektor. Es ist nicht still und das ist auch gut so. Im Klang meiner Pusteheizung finde ich angenehme Kongruenz. Durchgehendes Rauschen, das habe ich auch in mir gerade.
Die Arbeit, der Haushalt, die Projekte. Bewerbungen, Fahrschule, Hochzeit. Noch 3 Wochen, dann machen wir Urlaub. Ich will alles geschafft haben bis dahin, denn nichts von dem Stress, der Aufregung, der Unsicherheit, der Unzufriedenheit und Aufreibungsnotwendigkeit will ich ins neue Jahr mitnehmen.

Ob ich meine Theorieprüfung noch im Dezember machen kann?

Ich will mit dem Partner und den Hunden, NakNak* – bis dahin noch?, am Strand spazieren gehen. Will ausschlafen, mittagsschlafen, frühschlafen, durchschlafen.

Meine Nachbarin war da und hat mit meinen Haaren operiert. Einen Buzzcut hat man im Leben frei, ich glaube, im Sommer ist es soweit.
Ich werde eine fitte, fette Person mit 3 mm Haarbelag auf der Kopfhaut sein und vielleicht wird alles anders. Nicht deshalb, aber damit. So, wie jetzt, mit der Zahnlücke.
Oh G’tt, wie der Zahn gestunken hat, meine Fresse, das war heftig. Und als Frau Doktor sagte, das wäre der Eiter, war es noch heftiger. Über ein Jahr ist der Zahn gestorben oder vielleicht schon tot gewesen. Ganz schön widerlich. Mein toter schwarzer Stummelbert.

Mein Mund fühlt sich noch an wie ein fremdes Zuhause und wenn ich kräftig Puls habe, spüre ich es in der Lücke. Denn natürlich ist das Stück der provisorischen Brücke gleich an Tag 2 abgebrochen und ich kann diese Woche nicht mal eben einen Tag freinehmen. Kann und will und möchte. Ich kann nicht, wegen der Fahrschule, will nicht wegen dem Gefummel am Kopf und möchte nicht, weil ich es unseren Gästen am Wochenende schön machen will. Putzi putzi blitzi blanki, hier hat sich einiger Wohlfühlschmodder angesammelt, das muss ja nicht sein.

Eigentlich ist es doch ganz schön so.
Vieles ist viel, aber nur noch die Arbeit eine zehrende Wartesache voller Unklarheiten und Gemuddel. Aber es wird. Irgendwie wird es ja immer.

Ich fahre auf unseren Parkplatz vor dem Haus, schalte alles ab und lausche auf das Knistern des Eisschneeregens. Da drinnen warten 3 Jemande auf mich. Ein warmes Bett, ein Abendbrot. Ein Morgen mit Übermorgen drin.

Ich bin froh.

Fortfahren

Für mich war es okay, für die Kinder der absolute Horror. Und so dann irgendwann auch für mich. Schwankende Netzabdeckung, kein Telefonnetz. Keine Fluchtmöglichkeit aus meinem eigenen Kopf, der Körper erschöpft vom Radfahren den ganzen Tag.

Eigentlich das, was ich die ganze Zeit wollte. Nur nicht in so einem Moment. So einem Moment wachsender Überzeugung, dass die Erinnerung eigentlich doch die Gegenwart ist, weil so vieles gleich ist. Nicht nur Um- und Gegenstände, sondern auch das Gefühl. Die Angst, die Starre, die Fluchtunmöglichkeit, der unerträgliche Zwiespalt über den Sinn und Unsinn nach Hilfe zu rufen, weil ja NOCH nichts passiert ist, aber mit Sicherheit bald. Was ja aber in der Regel belächelt, abgetan, nicht verstanden, nicht einmal geglaubt wird. Heute wie damals.

Ich bin süchtig. Seit ich 15 Jahre alt bin, sind Beruhigungsmittel mein allgemein legitimierter Fluchtweg. Selbstverständlich reise ich mit Tabletten im Gepäck. Und auf jeden Fall habe ich uns aus diesem Zustand rausgeschossen. Richtig weit weg. Nirgendwohin.

Am nächsten Morgen überlegte ich, wovor ich da eigentlich flüchtete. Es sind die Gefühle, ja, aber doch auch die Gedanken. Die Schlüsse, zu denen ich kommen könnte, würde ich mehr über dieses eine spezielle Kapitel in meiner Gewaltgeschichte wissen. Die Urteile, die ich fälle, obwohl sie mir nicht zustehen. Die Ungerechtigkeit in all dem, die mit nichts, von nichts und niemandem irgendwie ausgeglichen werden kann, weil Gewalt einfach keiner Sachlogik folgt, sondern sich selbst.

Das ist womit ich bis heute keinen guten, gesunden, wohlwollend, ruhenden Umgang habe. Der Umstand, dass es SO scheißegal ist, was ich eigentlich erinnere und wie kongruent oder beweisbar – am Ende ist es immer nicht wiedergutmachbar, weil es kein gutes Vorher gab. Jedes Erinnern ist ein Klecks mehr auf der Scheißekleckerburg. Und die steht nicht an einem Meer, das sie abträgt.

Aus Erinnerungen an Gewalterfahrungen kann man keine Waffe machen. Keine Werkzeuge, nichts. Nichts, was wirklich nutzbar ist. Außer als Gegenstück, als Grenzpfeiler sozusagen.

Ich wollte und will irgendwie noch immer meine eigene Geschichte kennen. Alles davon. Weil ich annehme, dass ich dadurch vollständiger werde. Aber ich will mich nicht wissentlich und willentlich mit Scheiße vervollständigen. Ich will nicht Teil davon gewesen sein und dann auch noch für immer bleiben. Und darüber denken, was die Kinder denken. Und schon gar nicht fühlen, was die Kinder deshalb und dazu fühlen.

Über mir fliegen Gänse in Formation. Die Sonne scheint, die Luft ist kühl und feucht. Ich bin froh, dass die Nacht vorbei ist. Dass ich, im wahrsten Sinne des Wortes, fortfahren kann. Dass es eben doch meine Wahl ist und bleibt, wie und wann und wozu ich mich dem Erinnern widme.

orgastischer Overload

Es ist die totale Überflutung, in die ich mich hineinschmeiße, wie sonst nur ins Schwimmbad. Das ist so klar wie ebenjenes Schwimmbadwasser, aber seien wir doch ehrlich: Sonst würde ich das auch nicht machen.

Am Mittwoch eine Lesung in Dresden, am Donnerstag eine Übernachtung in fremder Umgebung bei neuen Leuten, am Freitag ein Intensivplenum bei der Arbeit, die im Moment außerordentlich anstrengend ist.
Aber, oh Adrenalin. Du süße Wunderdroge, bereitgestellt in Hülle und Fülle. Bereit mich zu betäuben, zu beflügeln und mich damit so nah an meine Vorstellung von „Normal“ zu bringen. <3 Ohne dich wäre das nicht möglich. Ohne dich wäre das alles hier ein Albtraum. Ich würde vermutlich fühlen, wie weh mir alles tut. Würde vergessen, was mein Plan ist, würde meine Ziele aufgeben, würde mich hassen, weil ich meinen eigenen Erwartungen nicht nachkommen kann.

Ich glaube, dass ich zu selten kommuniziere, wie groß meine Abhängigkeit von Stresshormonen für mein Alltagsfunktionieren ist. Und was das für Auswirkungen auf meine Gesundheit hat. Und mein soziales Umfeld. Und letztlich auch für mich. Denn natürlich ist mir klar, dass auch mein Körper nicht dafür gemacht ist. Und sowieso: Der Absturz kommt immer. Ich weiß, wie mein Wochenende wird. Und, dass ich meinen Akku, meine Energiereserven, nicht wieder aufgefüllt bekomme. Bis zur nächsten Lesung am 4. August in Lübeck (18 Uhr, Café Brazil) werde ich mich im Ladevorgang befinden. Um mich dann erneut komplett zu verausgaben. Weil ich will, weil ich kann und weil es sich einfach gut anfühlt, alles zu geben, was ich habe. Ich liebs einfach. Es ist so schön, sich nicht tot zu fühlen. Oder halbtot. Oder in Wahrheit tot, doch zwangsbelebt von Reflexen und automatisierten Skripten. Und das zusammen mit den Dingen, die mir gefallen. Die mir wichtig sind. Für die ich mich entschieden habe.
I LOVE IT!
Für diese Momente habe ich gekämpft. Die waren mir das Überleben wert und wichtig.
Dass ich sie nicht bekomme, ohne dass mein Körper in den absoluten Overdrive schaltet, dafür kann ich nichts. Glaube ich. Denn egal, wie langsam ich es angehe, wie zart und bedacht ich mit mir umgehe – der Schalter kippt irgendwann einfach.
Und warum weiter dagegen ankämpfen? Es hat keinen Sinn, setzt mir nur ein weiteres Ziel, das ich nicht erreichen kann.

Also rein da. In den gezielten Reizrausch. In das orgastische Flimmern, das mein Blut zum Glitzern bringt und eine bunte Eindruckswolke in meinem Geist hängenlässt. Heute ist heute. Es ist keine Gewaltwolke. Wenn ich später hineingreife, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wehtun. Es wird Glücksmomente rieseln, Freude regnen, mich dankbar und satt machen. Ich werde etwas von der Welt kosten und schon früh genug merken, was ich davon verdauen kann und was nicht. Das Jetzt ist eins mit Morgen drin. Ich bin nicht mehr allein. Alles ist lösbar. Und wenn nicht, dann ist das eben so. Ich kann immer suchen, wenn ich noch nichts gefunden habe.

Ich habe mich entschieden, diese Momente zu wollen und zu genießen. Gerade weil so viele andere Momente in meinem Alltag genau die gleiche Wirkung auf mich haben, dann aber schier unerträglich sind.
Diese Momente werden nicht weniger oder mehr, leichter oder einfacher, wenn ich darauf verzichte. Im Gegenteil. Je mehr ich mich schone, desto schlimmer wird der Absturz, desto größer die Kluft zwischen der Welt und mir. Und desto sinnloser wird die Schonung, die Vermeidung selbst. Denn was soll ich denn mit einem vollen Akku, der nicht benutzt wird? Warum nie vom Vorrat essen?

Ja, ich muss aufpassen. Ja, meine Energiereserven von Dingen angefasst, die bei anderen noch nicht an die Reserven gehen. Ja, mein traumatisierter Körper hat ein ganz eigenes Energieniveau. Mein autistisches Gehirn hat eine Verdrahtung, die auch im Ruhezustand erheblich viel mehr Energie zieht, als nicht-autistische.
Aber das ist alles zu einem Zweck da: Lebendigkeit. Interaktion und Kommunikation mit der Mitwelt.
Nicht nur dann und wann, sondern immer.
Auch, so wie jetzt. Ein bisschen betäubt. ein bisschen durch, aber ganz da. Mittendrin. Im Leben.

#2. „Sie sind schon so (sehr) weit.“

Ich saß vor der Kinoleinwand, die Brummschleife direkt über meinem Kopf und versuchte die Menschen im Saal zu erfassen. „Alles Freund_innen. Alles Gemögte. Alles ‚die Richtigen‘.“ sagte ich mir und hoffte einfach, dass das auch stimmt.
Meine zweite Lesung, sie lief gut. Ich war zufrieden mit dem Ablauf, den Räumlichkeiten, den kontrollierbaren Kontrollverlusten, mir selbst. „Sie sind schon sehr weit“, sagte meine Therapeutin am nächsten Tag und wieder hoffte ich das Beste. Was auch sonst?

Etwa, dass ich mich frage: „Weit“ von wo nach wo? Weit im Vergleich zu wem? Weit in Bezug worauf? Heißt „weit“ so viel wie „hoch“? Gibt es dann auch ein „tief“? „Links“ oder „rechts“? Nah?
Was ist die Einheit, in der gemessen wird? In welcher Norm bin ich schon (seit wann? Jetzt? Oder schon länger? Hab ich einen wichtigen Moment verpasst? Ich habe nichts mitgekriegt – hätte ich?) sehr weit?
Wie weit ist „sehr weit“? Gibt es auch „mittel weit“? „Bisschen weit“? Wie viel liegt zwischen „sehr weit“ und „weit“? Geht es um Symptome? 5 Mal Traumacrash am Tag ist „nicht mal losgelaufen“, aber zweimal die Woche ist „sehr weit“?

Meine Therapeutin kennt mich seit 2012. Wenn sich jemand zu meiner Entwicklung äußern darf, dann sie. Und doch will ich es nicht hören. Dass unser Kontakt von Normierung geprägt ist, gehört dazu. Sie soll mich anhand von Normen beurteilen, sie hat gar keine andere Wahl, wenn sie ihre Arbeit von der Krankenkasse bezahlt und anderen Menschen in irgendeiner Form verlässlich beurteilen lassen will. Ich muss mich darauf verlassen, dass sie meine Fortschritte normiert, denn sonst weiß sie nicht, ob unsere Arbeit meine Entwicklung unterstützt oder nicht. Ich bin auf ihre Normierungsfähigkeit angewiesen.

Ich aber möchte nichts darüber wissen.
Es verunsichert mich. Es verschiebt meinen Fokus und führt mich in Normkrisen. Zurück in Traumawahrheitskreisel und daraus entstehender Angst vor eigener Überheblichkeit, Eitelkeit, Stolz, Selbstüberschätzung.
Es fällt mir leichter meine Leistungen und Schwächen anzuerkennen, wenn ich sie mir unter den Aspekten von „Kraftaufwand“, „Effizienz“ und „Auswirkung“ anschaue. Wenn ich mich also frage:
Was hat es mich gekostet? Worauf habe ich verzichtet?
Konnte ich es umsetzen, wie gedacht? Hatte mein Plan Schwächen? Konnte ich diese Schwächen aus mir heraus auffangen oder brauchte ich Unterstützung?
Ist eingetreten, was ich mir gewünscht hatte? Wenn nein, hat es geschadet? Wenn ja, ist der Schaden behebbar? Wie viel Energie kostet es mich, diesen Schaden zu beheben?
Wenn eintrat, was ich mir wünschte: Hat es sich angefühlt, wie ich es wollte? Wenn ja, ist das ok für mich? Wenn nein, warum nicht? Wenn es sich nicht angefühlt hat wie gewünscht, warum nicht? Habe ich das beeinflussen können?

Ich verstehe, dass es in unserer Gesellschaft üblich erscheint, ein Leben wie meins mit einem Verständnis von einem Krankheitsverlauf zu betrachten. Sich zu denken: „Ach Mensch, 2010 standen hier noch krud wirre Murkstexte aus Gefühlsbrei und krassem Leidensdruck durch Symptome aller Art – jetzt lesen sie in einem Kino aus ihrem zweiten Buch, ganz alleine und selbstorganisiert. Da ist echt Entwicklung passiert – ein langer (weiter) Weg geschafft.“ Und das stimmt auch. Aber sagt im Grunde nichts. Entwicklung wäre ja schließlich auch passiert, wenn wir keine Bücher geschrieben hätten. Keine Arbeit gefunden hätten. Keine Ausbildung geschafft hätten. Auch dann wäre es ein langer Weg von damals bis heute gewesen. Auch das wäre Leistung, Entwicklung, Prozess gewesen. Vielleicht auch Heilungsweg.

Es ist so schwierig immer wieder klar zu halten, dass eine DIS das Ergebnis umfassender physiologischer Anpassung an spezifische Einflüsse ist. Es ist keine Krankheit, die man rückgängig machen oder aufheben kann. Ich werde also nie von „Genesung“ sprechen können, nie unverändert, nie neuro_normalisiert werden.
Ich werde immer besser lernen mein Verhalten, meine Interaktion und Kommunikation an die Norm anzupassen und meine Reaktionen bestimmten Normen entsprechend zu gestalten. Das wird immer zu meinem Weg gehören und vermutlich ziemlich wahrscheinlich, denn Gesellschaft wandelt sich immer, werde ich ihn bis zum Ende meines Lebens gehen, um zu überleben. Denn das ist mein erklärtes Ziel und natürliche Funktion all meiner Systeme: Überleben.
Wie jedes andere System, jeder andere Mensch auch.

Wenn man meine Lebenszeit als allgemeine Wegstrecke zugrunde legt, bin ich jetzt bei Meter 37 von etwa 83. Gehen wir davon aus, dass ich mich zunehmend daran gewöhnen werde, relevante Anpassungsleistungen zu vollbringen (oder ihre Vermeidung zu perfektionieren) sowie mit höherem Alter von Leistungsansprüchen verschiedener Art entlastet zu werden, dann ja, habe ich nicht mehr so viel vor mir, das so herausfordernd ist wie jetzt. Vielleicht die Hälfte etwa.
„Gesund“ gewesen wäre ich aber lieber früher. Viel früher.
Ich habe von meinen 37 Lebensmetern 23 mit gezielter Umentwicklung und Normentanz verbracht. Oft weil es so wie es war, einfach schlimm war, meistens, weil als Ursache dafür irgendeine mehr oder weniger zwingend zu verändernde Unnormalität angenommen wurde. Ich unnormal, meine Familie unnormal, mein Er_Leben unnormal.

Mein Lebensweg führt mich da nicht heraus. Ich komme nicht bei „Normal“ an „je weiter ich bin“ und ich wünsche es mir auch immer seltener. Einfach, weil meine Kräfte zur Umsetzung dieses Wunsches nicht mehr ausreichen. Ich werde schlicht älter. Kann Normierungsdruck eigentlich nur noch mit aktivistischer Frechheit und Glitzerkanonen oder herablassender Intellektualisierung begegnen – denn so merken nicht sehr viele Menschen, dass ich einfach nicht mehr so viel, so schnell, mit so viel Kraft kann.

Es dennoch zu versuchen gehört zu der Krankenrolle, die mir zugeschrieben wird, aber dazu. Ich darf so lange unnormal krank sein, wie ich bin, aber ich muss auch alles dagegen tun (wollen).
Diesem ableistischen Anspruch zu entsprechen, normalisiert mich in manchen Kontexten. Patient_innen gehen halt in Behandlung. Mein eigenes Ansinnen an meine Behandlung als mich ermächtigend, kann ich dort nicht einbringen, ist für manche vielleicht sogar noch nie gedacht.

Für mich ist Selbstermächtigung, was ich brauche, um mir eigene Normen zu geben. Und durchzuhalten, dass ich sie für mich etabliere. Mich selber mit Kraft dafür versorge. Mir selbst den Rücken stärke, wenn jemand sie angreift. Dafür muss ich nicht wissen, „wie weit ich schon bin“ – dafür muss ich er_leben. Und üben. Und immer wieder ausagieren. Ob bei Lesungen oder meiner Kleiderwahl, unter Freund_innen oder bei der Arbeit.

Deshalb will ich das nicht hören.

Fragmente einer Ausnahmesituation

In den Quetschfalten der letzten Wochen hat es mich manchmal überrollt.
Ja, mein Partner ist nicht gestorben – aber es hätte passieren können und
Meine liebe kleine alte NakNak* mit ihrem Krumpelfuß und dem leisen Stöhnen beim Aufstehen und Hinlegen – auch noch nicht tot, aber
Traumafachtag in München, warum ist das alles so kompliziert, achso achso aha, hmm, naja, aber da kann man ja was machen – einfach nur
Mein Buch ist veröffentlicht, jetzt
Buchmesse, hoppla ich bin Teil von etwas und
Oh, wir sind eine Gruppe mit Gruppenthings, da kann
Münster, Spiegel, False Memory, Wahrheit, Wissen, Wichtigtuer, was für ein Karussell oh man, oh man. Alles auf die Leseliste, das ist
Buchmesse, oh, ah, hui mit Aufzeichnung – obwohl ich so
Gruppenthings gonna always Gruppenthing aua uff oje oje oje

All die Dinge der letzten Monate, die außerhalb von mir passiert sind.
Über nichts konnte ich wirklich zu Ende nachdenken oder eine emotionale Verbindung entwickeln. Ich kenne das schon – es gibt einfach Phasen im Leben, da hat man viel im Zwischenspeicher und rumpelt in der eigenen Außenschale umher. Dass das ein Ausnahmezustand ist, habe ich erst am Sonntag begriffen. Nachdem es einen Konflikt gab, den ein jugendliches, aggressives Innen begann und durchzog bis ich die Kontrolle wieder übernehmen konnte. Solche Wechsel sind mir zuletzt vor 12–13 Jahren passiert. Als mein Leben eine endlose Kette von Ausnahmen, eine ganze Existenz im Zwischenspeicher war.
Diese Zeiten sind vorbei. Solche Wirrungen nicht mehr irrelevant. Ich erlebe meine Ausnahmesituation eingebettet in die Alltage und Er_Leben.srealitäten anderer Menschen. Deshalb geht es auch um Anpassungsleistungen. Also darum zu maskieren, zu funktionieren, während mir meine Grundlagen für die Kraft dazu fehlen und über Extrameilen beschafft werden müssen.

Bei allem Frohsein darum, dass ich jetzt nicht mehr allein im Bullergeddo wohne, eine Arbeit habe und viele Menschen kenne, mit denen mich viel verbindet, wäre ich jetzt gerne wieder an genau dem Punkt. Denn von da aus konnte ich mich immer fallen lassen. Wusste immer: „Ob ich mich jetzt aufreiße oder später oder ganz oder gar nicht, es ist im Grunde egal.“ Niemand hat nach mir gefragt, niemand auf mich gewartet, niemand etwas von mir gewollt.
Menschen sind in mein Leben gekommen, weil ich gegeben habe. Obwohl niemand darum gebeten oder darauf gewartet hat.
Das war insgesamt einfacher für mich.
Auch weil es selten vorkam, dass explizit mehr von mir verlangt wurde, als ich sowieso gegeben habe.

Ich wollte immer mehr von mir. Und habe das auch Stück für Stück geschafft.
Jetzt bin ich daran gewöhnt, viel geben zu können.
Und mein Umfeld in Teilen auch.
Sich jetzt an ein niedrigeres Niveau zu adaptieren, fällt mir schwer.

Es sind gerade tatsächlich nur 3 Stunden Konzentration, die ich aufbringen kann. Es ist gerade tatsächlich so, dass ich nicht die ganze Zeit um die möglichen Gefühle und Gedanken anderer Menschen kreise. Sondern darum, meine eigenen überhaupt mal zu empfinden und erkennen zu können. Wenn mir etwas nicht angetragen wird, denke ich nicht darüber nach. Wenn mich niemand anspricht, spreche ich nicht. Ich denke nicht in Wörtern für den Fall, dass ich jemandem davon erzählen will oder muss oder möchte, sondern in dem mir eigenen Irgendwie so.

Früher hätte ich das gemacht und mich dafür bestraft. Denn ich wollte ja mehr – weil ich sollte. Einfach nur arbeitsunfähig sein, einfach nur chronisch erkrankt sein, dafür muss es echte Anlässe geben – die habe ich mir nie an.erkannt, weil sie mein Umfeld nicht an.erkannt hat.
Heute erkennt mein Umfeld das an – und ist zuweilen verunsichert, mich so zu erleben. Freund*innenschaften werden in Frage gestellt, gemeinsame Pläne ob ihrer Umsetzbarkeit generell bezweifelt, meine gesteckten Ziele hinterfragt. Es wird bedauert, wenn ich unter einen Instagrampost schreibe, dass ich viel geschafft und wenig ganz und gar miterlebt habe in der letzten Zeit. Während ich denke: „Leute! Was denkt ihr denn, wie ich gerade durchs Leben gehe? – Mir ist vor wenigen Wochen der Partner – mein von mir geliebter, mein in mein Leben reingebackener Mitmensch – fast gestorben. Ich habe genau in der Zeit eine Retraumatisierung erlebt, die ich jetzt noch mit viel Kraftaufwand aufarbeite. Meine in den letzten 15 Jahren immer da gewesene Assistenzhündin knabbert ihr letztes Stück Lebenszeit. Seit 3 Jahren leben wir in einer Pandemie, die unsere Teilhabe- und Teilgabemöglichkeiten begrenzt – worüber unser Umfeld nur noch aus Höflichkeit nachdenkt. Was denkt ihr denn, wie viel Raum noch in mir drin ist? Wie viel von mir gerade irgendwo anders drin sein kann?“

Ich denke, dass ich viel gebe, wenn ich mich aus dem Rückzug reiße und Pläne oder Vorhaben nicht aufgebe. Wenn ich weiter ehrenamtlich arbeite. Wenn ich mich nicht krankschreiben lasse.
Gleichzeitig merke ich, dass ich mich auch dazu zwinge. Die Angst zu fallen und nie wieder aufstehen zu können – dieses Traumafragment, aus dem ich meine ganze Überlebenskraft, meinen ständigen Antrieb, ziehe – die wirkt unfassbar stark im Moment.
Manchmal rede ich auch mir ein, besonders jetzt aktiv zu bleiben, würde helfen. War ja schließlich das, was sie in der Psychiatrie mit mir gemacht haben: Wenig schlafen, viel Programm. Sinnvolles tun. Sich selber hinter irgendein aktives Handeln stellen.

Tatsächlich will ich aber nur schlafen oder liegen und mein Gesicht in den Bauchflausch von NakNak* halten, während ich Bubi die Öhrchen streichle. So wäre es gerade gut.
Aber wenn es so ist, ist es schon nach 2 Minuten nicht mehr auszuhalten.
Und die Dissoziation fängt mich auf.
Meistens passend.
Und nun auch mal total schwierig für andere.

Aber wäre das nicht passiert, hätte ich es nicht verstanden.
Ist das der Preis?

die interne Fachveranstaltung

Nun gab es also eine interne Fachveranstaltung. Wir fuhren nach München, trafen uns und sprachen zwei Tage miteinander.
Die Absage wurde nicht diskutiert, die Zeit lieber für konstruktiven Austausch genutzt.

Ich habe mich oft an meine Arbeit erinnert gefühlt. Das Plenum, das Ringen um den roten, den gelben und den eigenen Faden. Das stetige Mit- und Ausschwingen, was ist wichtig und was erscheint nur so. Der Wunsch nach Harmonie, Einigkeit und Verbundenheit, der sich an Vorbehalten, Unsicherheiten und kritischen Positionen vorbeischiebt und das Vorwärtskommen zu einem zuweilen belastend langsamen Prozess macht.
Doch es hat mich auch gefreut. Sehr sogar, denn so finde ich, muss es weitergehen. Plenum, Arbeitsgruppen, Plenum, Ergebnisse mit.teilen, vertreten und weiter zum nächsten Plenum.

Ich glaube nicht, dass es hilft, einander in Gruppen und Grüppchen über den deutschen Sprachraum verstreut zu kennen, aber nicht regelmäßig auch zu kontaktieren und interagieren. Gruppen und Grüppchen, die aus Gründen geschlossen und deshalb argwöhnisch betrachtbar sind. Es ist nicht nachhaltig, einander nur auf Tagungen und Konferenzen zu treffen und ein einigermaßen halbgares „Weiter so!“ zuzustecken. Vor allem, wenn wir Kritikpunkte haben. Haltungen nicht nachvollziehen können. Un- oder Halbwissen erkennen. Gefahren sehen. Und einfach mehr voneinander wünschen und wollen. Vielleicht auch brauchen.

In den beiden Tagen habe ich mich nicht als „Konferenz-Betroffene_r“ gefühlt und das hat mir sehr gutgetan. Ich war nicht als Stellvertreter_in da und auch nicht als jemand, die_r dafür sorgt, dass „die“ „uns“ nicht vergessen. Ich wollte bestimmte Aspekte nachvollziehen können und schauen, wie ich in all dem hilfreich sein könnte. Nun bin ich zurück und frage mich, ob diese Rolle, diese Position okay so war. Hätte ich mehr von der Verwirrung, den traumareaktiven Mails an mich erzählen sollen? Doch so etwas sagen sollen wie: „Wir dürfen nicht vergessen, dass das jetzt gerade weiter passiert“? War ich zu sachbezogen und damit nicht hilfreich für die Betroffenen, die nicht eingeladen waren? Hätte ich etwas von dem diffusen Druck erzählen sollen, mit dem ich umgehe, weil ich schon so lange in der Bubble unterwegs, aber kaum so richtig wirklich und in echt hands on, jetzt machen wir was zusammen, dabei bin?

Ich hatte Gründe das nicht zu tun und rechtfertige mich auch nicht dafür. Dazu sitze ich hier einfach schon viel zu lange, viel zu allein und exponiert in der Öffentlichkeit. Meine Unabhängigkeit ist mein Privileg. Meine Stigmatisierung als zu krank, um glaubhaft zu sein, meine Freiheit. Aber um als hilfreiche_r und vertrauenswürdige_r Arbeitspartner_in gedacht zu werden, ist das nicht sonderlich hilfreich.
Und auch, um in Kontakt und kritischen Austausch mit anderen Betroffenen (die Öffentlichkeitsarbeit machen (wollen)) zu kommen, nicht.

Alles läuft immer so „fastheimlich“. Mit unfassbar langen Zähnen, mit extrem sensibilisierten Vorfühlerchen, so viel Angst vor … ja was eigentlich? Manchmal weiß ich das einfach nicht und ausgesprochen wird es nie. Auch aus Gründen vermutlich. Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur: Es ist schwierig. Und es wird nicht leichter, wenn man nicht darüber spricht.

Ich hoffe, dass wir das in Zukunft tun. Alle.
Miteinander.

note on: Hannah mach doch auch endlich was

Urlaub also. Und das Auto ist wieder heil. Back to normal?
Ich bin so runter mit allem, dass nichts mehr normal laufen kann. Bin genervt von Sprachnachrichten, genervt von Nachfrage-, Abklär-, Soll das so-, Entscheide du-Mails. Bin ohne jeden Überblick, was die aktivistische Community in Sachen „Aufklärung der Massen über rituelle Gewalt“ so auf die Füße stellt, werde aber dauernd auf das Instagramvideo und YouTube hingewiesen und seit Wochen per Mail angeschrieben, was ich denn denke, finde, glaube, machen will, auch in der Causa Schweiz/Satanic Panic/Missinformation deluxe. Bin verwirrt, weil immer noch niemand zwischen Interessen und Positionen unterscheidet. Denke die meiste Zeit „Hä?“ und spüre dem Rutschen dieser Bubble von mir weg nach.

Gefühlt steht mal wieder auf dem Spiel, dass niemand mehr glaubt, es gäbe organisierte Rituelle Gewalt. Gefühlt muss die DIS-Diagnose schon wieder verteidigt werden. Gefühlt sind Behandler_innen in Gefahr. Gefühlt ist alles ganz dramatisch und muss jetzt ganz schnell irgendwie eingefangen werden und Aktion Aktion von allen! Jetzt hier und gleich und mit voller Durchschlagskraft, weil so muss man das doch machen. Mit aller Gewalt gegen die Gewalt!
Weil uns das ja zuverlässig immer irgendwas bringt.

Es ist extrem herausfordernd für mich, meine Solidaritäten beieinander zu behalten in dieser so sehr verstreuten, schnellen, kurzlebigen Community. Aus der ich persönlich niemanden wirklich kenne und für die ich gefühlt auch einfach nicht (gut, aktiv, laut, offen, echt, kompetent) genug bin. Die Währung ist „lieb“. Ist Freund_in, treue Follower*innenschaft, privates Kennen und Mögen, soziales Feelgood, Bestätigung. Und ich habe nur Überzeugung und Solidarität auf Faktenbasis. Das reicht nicht, um als Nichtfeind_in an.erkannt zu werden. Vor allem nicht in Zeiten wie diesen.

Meine Solidaritäten sind systemisch. Ich stelle so etwas wie „Viele Stimmen“ auf die Beine, während ich ein unfassbar schwieriges, schmerzhaftes Buch schreibe, das der Community helfen soll, fast Vollzeit in einem Verlag arbeite, der ebenfalls vielen Communitys solidarisch zur Seite steht und eine Podcastreihe ausrichte, die der Community helfen soll, das Stigma selber aufzulösen. Ich bezahlte das Supportticket für die nun abgesagte Tagung, damit andere Betroffene auch kommen können. Obwohl ich als Mitmacher_in auch kostenlos reingekommen wäre.
Sich nicht wie Menschen, die mit sozialer Bestätigung handeln, zu beteiligen, heißt nicht zu schweigen. Oder unsolidarisch zu sein. Oder sich nicht zu interessieren. Oder doof zu finden, was andere machen.

Schon, dass ich diesen Text schreibe, um das zu erklären, ist für mich eins von vielen Zeichen dafür, dass ich gerade traumanah fühle. Ich erkläre mich einer diffusen Gruppe, die mich als Individuum gar nicht erst erfasst, sondern einfach nur als Masse hinzugewinnen will, obwohl ich schon längst dabei bin. Nur eben nicht so wie sie. Klassisches Ding in meinem Leben. Drinnen und Draußen sein gleichzeitig.

Jetzt aber gehe ich erst einmal rein. In meinen Urlaub. Erarbeite mir zurück, mich jeden Tag zu pflegen, mich gesund und ausreichend zu ernähren, zu bewegen und mich selbst zu spüren. Meine Gedanken zu hören, meine Ideen zu erforschen. Und dann schreibe ich das mit den Interessen und Positionen auf. Und warum uns die Beschäftigung damit weiter bringen kann, als eine Wall of Hashtags und Solidaritäten aufgrund von „lieb“.

Fundstücke #85

„Ich hab in den letzten Monaten echt geastet.“ Mein Partner liegt neben mir. Vor zwei, drei … noch mehr? Wochen. Tief erschöpft. Vom Bett aufs Sofa gekommen, als ich endlich losgerissen bin von meinem Geaste. Der Satz klingt bis heute in mir nach. Ich stelle mir vor, wie wir Bäume sind. Riesengroß und langsam wachsend. Tag um Tag, Meeting um Meeting, Arbeitsphase um Arbeitsphase, Termin um Termin, Text um Text. Jeden Tag, mit viel zu kurzen Unterbrechungen seit dem Sommer. Geastet. Nicht gesprosst. Nicht gelaubt. GeASTet.

Meine Fehlerrate ist enorm geworden. Ich vergesse Dinge, übersehe Handlungsschritte und bemerke es nicht ein Mal. Ohne das Schwimmen vergesse ich zu duschen. Mir die Zähne zu putzen. Aufstehen, PC an, schreiben, korrigieren, lesen, denken, planen, Hunderunde, PC an, schreiben, planen, organisieren, projektieren, überblicken, durchdenken, Abendbrot in trauter Seligkeit bei Deep Space 9, mit dem warmen schweren Kopf von Bubi auf dem Bein. So sind meine Tage. Außer am Wochenende. Da spiele ich zwischendrin „Sims 4“ bis mich die Angst, den nächsten Termin zu vergessen, ablenkt oder ich den Partner sein Geäst ausstrecken höre und meins hineinschieben will. Ich denke, dass wir uns so gegenseitig vor Astbruch schützen.

Der Garten sieht aus wie Schwein. Im Urlaub.
Meine Wohnung ist ein Mahnmal des Unerledigten. Im Urlaub.
Es gibt Dinge zu recherchieren. Im Urlaub.
Ich muss meine Diät anfangen. Im Urlaub.
Es sind nur zwei Wochen. Mein Urlaub.

Aber im Sommer. Oder Herbst. Was besser passt.
Wenn ich bis dahin keinen mit Leben gefüllten Uterus umhertrage, werde ich mich tragen lassen. Bei einem Tandem-Paraglyding-Flug. Ich werde einen scheiß hohen Berg hochlaufen und mich dann runtergleiten lassen. Panoramisch. Hoffentlich bei Sonnenschein. Ich will alpinen Sonnenbrand zu meinem Muskelkater. Wenn schon, denn schon. Schließlich diäte ich vor allem dafür.
Wenn ich schlafen gehe, stelle ich mir das vor. Wie wir da schweben. Mit so viel Abstand von allem und allen. Mit so viel Schwung, dass all die Äste, die nötig, aber ohne tragende Funktion sind, von mir wegfliegen. Ohne, dass ich sie groß betrauern oder verabschieden kann. Ich denke mir das wie extremes Schaukeln. Bisschen kribbelig, bisschen schwere.los. Mit der Gefühlsidee schlafe ich oft ein und manchmal fliege ich dann im Traum.

Noch 8 Tage. Dann Urlaub.

spazieren

Ein Schritt, ein Schritt, ein Schritt.

Über mir knarzen Bäume aneinander, sie wiegen sich wie hohes Gras im Wind. Die Kälte zieht in meine Kleidung, es ist neblig. Die Hunde laufen unsichtbare Pfade ab, atmen Boden und Gras ein.
Zufällig hatte ich an den Geburtstag eines meiner Geschwister gedacht. Überlegt, wie dieser Mensch, der in mir nie älter als 14 wurde, heute wohl ist. In den Dreißigern. Nach so viel Leben, so vielen Erfahrungen. Das übliche Ende dieser Überlegungen legte sich über meine Gefühle wie zähes Gummi. Ich weiß gar nichts. Alles ist möglich. Vielleicht dies, vielleicht das, wir wissen es nicht und werden es mit großer Wahrscheinlichkeit nie erfahren. Schade. Gut. Richtig. Immer.

Vor uns schlägt sich etwas durch den Forst. Bubi stellt seine Ohren zu kleinen, im Rhythmus seines Pulses vibrierenden Dächern auf, NakNak* kann nichts mehr hören. Sie steht neben mir und fragt, ob wir nicht vielleicht langsam nach Hause gehen können. Wir waren gerade bei der Tierärztin. Eine Rückversicherung abholen. Die Hundefriseurin hatte mich tief beunruhigt. Zweifeln lassen, ob wir NakNak* die richtige Behandlung zukommen lassen. Also bat ich um einen Termin. 5 Minuten – eine Frage. Die Ärztin gab mir 25 Minuten und NakNak* eine gezielte Untersuchung. Versteckt mit Streicheln, Lob und Pansenkeksen fand sie nur ihr Alter. Ihre bald 15 Jahre und den Muskelabbau, der einfach passiert. Sie freute sich über einen so alten, so schönen Hund, ich freute mich über ihre Freude.

Ihr Tod hätte mir jetzt nicht gepasst. Ganz davon abgesehen, dass ich prinzipiell nicht damit einverstanden bin, dass das Leben meiner warmen Flauschmotte endlich ist, habe ich im Moment keine freie Zeit. Ich arbeite viel für die Arbeit und dann für mein Hobby und dann ist es dunkel draußen und ich arbeite gegen Erinnerungen. Mein typisches Novemberproblem vermischt mit anderen Bildern. Manchmal denke ich, es sei alles Eins, weil ich der eine Körper bin, dem es passierte und manchmal noch finde ich doch wieder mehr Ruhe in der Leugnung dessen.

Ein Schritt, ein Schritt, ein Schritt.

Sometimes you have to do things scared

Es ist 5 Uhr, mein Wecker klingelt. Heute fahre ich zur anderen Schwimmhalle. 8 Kilometer mehr, 30 Kilometer weniger, die ich allein auf überwiegend landwirtschaftlich genutzten Straßen fahre.
Kaffee, Sportfrühstück, letzter Check des Rucksacks und los. Es regnet, ist so dunkel, dass ich zum ersten Mal vorsichtig zum Auto tapse.

Das Schwimmen gibt mir viel Kraft, sonst würde ich das hier nicht auf mich nehmen. 30 Minuten weniger Schlaf, weniger Sicherheit über die Reichweite des Autoakkus, einen neuen Ort so ganz allein erforschen. „Sometimes you have to do things scared“ – wahrscheinlich eine völlig bescheuerte Instagramwahrheit, aber treffend ist sie. Ja, manchmal, oft, vielleicht in Wahrheit immer muss man Dinge tun, während man Angst hat. Nicht obwohl und auch nicht weil, sondern mit.
Also fahre ich los und schon 10 Minuten später kommt mir jemand entgegen, der sein Fernlicht nicht ausschaltet. Der erste Flashback. Ich zwänge mich darunter, um den rechten Seitenstreifen nicht aus den Augen zu verlieren, während ich den Rest meines Körpers starr halte, um das Auto nicht aus der Spur zu bringen, nur weil ich es bin. Es dauert bis es vorbei ist. Der Krampf im Zwerchfell, der saure Geschmack unter der Zunge, der Druck über den Augen. Die Angst, die Dinge, die sich mir mental aufdrängen, könnten Bilder, könnten geistige Fotografien der Realität sein, mischt sich in meine Fahrangst.

Noch fahre ich auf bekanntem Terrain, neu ist hier nur die Nachtansicht. Ich halte an, lasse vor, halte mich rechts, lasse sie alle ziehen. Bitte fahrt von mir weg, denke ich. Lasst mich hier langkrebseln, ich will nur Abstand von euch. Jemand in mir fängt an, aus dem Satz einen Songfetzen zu reimen, wie es der Partner oft tut. Mit ausladender Helene Fischer-Geste trällert es: „Ich will nichts außer Abstand zu dir my daaaaaarling …“
Das ist lustig. Hilft.

In der nächsten halben Stunde werde ich noch zweimal geblendet und dreimal gefährlich überholt. Ein Mal fährt mir jemand in einer 30er-Zone fast vorne rein, weil sie_r dachte, man könne die scharfe Doppelkurve durch die Ortschaft schneiden. Der Abstand-Schlager in meinem Kopf ist ein Rap geworden und wird von wüsten Gesten begleitet. Meine Erwartungen an die Schwimmhalle steigen. War es mir vorhin noch egal, wie sie ausgestattet und finanzierbar ist, so will ich jetzt mindestens eine halbe Bahn für mich allein und einen Ticketpreis unter 4 €. Meine Angstüberwindung soll sich lohnen, ich bin zu einem Psychokapitalisten geworden. Ohne Gewinnaussicht keine Bereitschaft zur Angstaushaltung – no gain, no service. Ob ich langfristig damit durchkomme?

Ich denke an die Therapie und daran, dass ich in nächster Zeit, in Wahrheit schon morgen, etwas in Angst tun muss. Und dass ich differenzieren muss. Hier auf der Straße kann mir meine Angst das Leben retten – in der Therapie jedoch das Leben kosten, das ich führen könnte, wenn ich bearbeitet habe, was dafür nötig ist.
Meine Angst im Straßenverkehr ist oft Todesangst. In der Therapie habe ich es mit Angst zu tun, die mich vor Todesangst schützt. Vordergründig habe ich Angst, angsteinflößend zu sein. Angst, die Kontrolle zu verlieren. Angst vor Entblößung. Angst vor Un- oder Missverständnissen. Angst vor mir. Angst vor einer Angst der Therapeutin zu schaden. Angst vor Flashbacks, vor Panikgefühlen, vor Angst. Vor der Auflösung von Zeit und Raum, die mich schluckt und vielleicht nie wieder ausspuckt.
Ich weiß, dass das alles Todesängste sind. Weiß, dass ich meine Therapie nie ohne Angst gemacht habe und sich das vielleicht auch nie ganz ändert. Aber ich erlebe sie oft als Grundlage, selten als Zusatz. Mir ist selten wirklich bewusst, dass ich aus Angst die Konfrontation mit meinen Traumata vermeide, Gedanken verschweige, Themen unterschlage, Richtigstellungen aufschiebe – es ist einfach so viel leichter auf der Oberfläche der Psychologisierung zu bleiben und es „Vermeidung“ zu nennen. Eine extrem funktionale Komfortwahrheit ist das. Sich selbst des Vermeidens für schuldig erklären, um nicht in aller Angst erkannt zu werden, die so viel tiefgreifender, wortloser, ohnmächtig machend wirkt.

„let’s talk about Abstand baby – let talk about your abstand to me – let’s talk about you need an MPU …“ Ich stelle das Auto auf dem Parkplatz ab und atme durch. 10 Minuten zu früh, der Regen hat nicht aufgehört. Kurzer Infoschnack mit den Frühschwimmer_innen und schon geht es weiter. Die Halle enttäuscht mich, aber das war ja klar. Es ist voll, viel enger als in der anderen. Die Dusche ist scheiße, aber die Schränke sind größer. Ich kaufe mir viel Schwimmzeit, um mich zur Wiederkehr zu zwingen. Der Winter wird lang, der Stress nicht weniger.
Auf dem Nachhauseweg ist mein Körper weich und warm, ich fühle mich stark und fähig. Jetzt kann ich things auch scared machen, diesmal ist die Rechnung aufgegangen.