der Bindentest und die Männlichkeit im menstruierenden Körper

Es begann mit einer Mail, in der sinngemäß stand: “Möchten Sie Kulmine-Stoffbinden testen und darüber in ihrem Blog schreiben?” und mündete in ein Moment, in dem mir klar wurde, dass meine Männlichkeit eigentlich nichts mit meinem Körper zu tun hat.

Für uns ist das Menstruieren immer noch so etwas vor dem wir stehen und fassungslos bemerken: “Blut ohne Verletzung – wie krass ist das denn?!” und für mich, der jedes Fragenbogenkreuzkästchen vor den Worten “männlich” und “weiblich” mit einem massiven Körperdysmorphflash beantwortet, alles andere als der “Weiberkram”, zu dem es in der Werbung von Always ultra, o.B. und oft ja auch noch von den menstruierenden Menschen selbst, gemacht wird.

Ich glaube nicht an “heiliges Bluten” oder “die weibliche Kraft der Menstruation”, “Mondfrauen” und “rote Göttinnen” – aber ich finds schön, dass sich diese teilweise uralten Bilder gehalten haben. Eine große Urgöttin die Leben aus sich rauslassen kann, find ich auch grundsätzlich irgendwie cooler als eine “sicher und diskret” verstopfte Person.
Als die Email kam, waren andere Innens gerade schon auf der Suche nach günstigen Stoffbinden, weil unsere alten einfach mal ausgedient haben.

Eigentlich bluten wir frei und halten uns diese 3 Tage im Monat auch immer leer, damit das in Ruhe funktionieren kann, aber unser Herbst und Winter war so vollgestopft mit Terminen und Anwesenheiten, dass das alles gar nicht funktionierte. Darüber kam es dann auch mal wieder zu einer Infektion und der Mooncup musste auch ein bisschen ruhen.
Also konnte das Angebot diese super hochwertigen Stoffbinden von Kulmine zu testen gar nicht passender kommen.

Wir hätten nicht das Geld gehabt, sie uns als Set zu kaufen. Ganz klar nicht. Umso mehr Luxusgefühle kamen auf, als wir dann das Päckchen mit Seidenpapier drum rum in der Hand hatten und umso intensiver haben wir uns den Stücken gewidmet. (Wahrscheinlich hätte ich das sonst nicht mitbekommen und auch nicht gesagt: “Ja, gut, ich teste die auch und schreib dann als Innenmann übers Bluten”).
Das Erste, was uns auffiel, war wie weich der Stoff ist.
Ich will einen Schlafanzug aus dem Stoff – ohne Scheiß jetzt.
Sie sind nicht labberig, aber auch nicht steif. Das ist mir auch gleich aufgefallen. Auch nach der ersten Wäsche (60° normale Wäsche) sind sie nicht zerknüddelt und trocknen auch so, dass sich keine Knicke bilden. Unsere alten haben das gerne gemacht und das hat sich manchmal
als Scheuerfaktor echt fies bemerkbar gemacht .

Es gibt verschiedene Modelle. Welche zum Knöpfen, welche zum Reinlegen, kleine große, dünne dicke und: faltbare
Die haben sich für uns als die, die für uns am besten gehen herausgestellt, obwohl wir eigentlich eher zur Flügelfraktion gehören. Die faltbaren Kulmines sind etwa 25 cm lang und 21 cm breit und man kann sie sich jeweils so zurecht falten, wie es grad wichtig und gut ist.
Man sieht, wenn sie durchgeblutet sind (auch bei den roten und blauen Modellen) und ich hatte, trotzdem es ja doch ein kleines Polster ist, das man unter sich trägt, kaum dieses typische Bindenwindelgefühl.

Aber klar sind es Binden. Wir hatten Auslaufmomente, es gab Stoffwülste, die im Sitzen auf die Vulva gedrückt haben, diese komische Art von Präsenz, die der Versuch von “Auffangen, was nirgendwosonst landen soll” mit sich bringt. Ich habe gemerkt, dass ich genau wieder anfing Ekelmomente zu haben, die lange weg waren, nur weil ich wieder Unter- und Strumpfhosen kalt auswaschen musste. So werden auch die Kulmines für uns weniger Dauereinrichtung als viel mehr Ergänzung oder Ersatz für Mooncup und freie Menstruation darstellen.

Ich hab mir auf die Schulter geklopft, als ich die Testerei durch hatte und dachte kurz drauf, wie blöd, das eigentlich ist.
Für mich war das Bluten ganz früher gar nie im Kopf und wurde eigentlich auch erst zum Problem, als ich lernte, es sei nicht normal, dass ich mich männlich wahrnehme. Schließlich hat mein (der) Körper Merkmale, die zu der Bezeichnung “Frau” führen und schließlich menstruiere ich. Als könnten Männer nicht auch in solchen Körpern stecken.
Überhaupt, als gäbe es nur Männer und Frauen und maximal noch irgendwie so etwas dazwischen. So komische Exoten oder Intersexuelle.

Ich bin in weiten Teilen meiner Präsenz im Alltag damit beschäftigt, mir den Körper als meinen eigenen bewusst zu halten. Das heißt: ihn mit all seinen Bedürfnissen und Funktionen nicht zu dissoziieren. Früher bin ich einfach losgerackt und habe getan, was getan werden musste.
Essen, trinken, ausscheiden, schlafen, wärmen – gehörte damals aber nie dazu.
Heute weiß ich, dass auch das soziale Umfeld, mit dem wir uns umgeben haben, mir das auch nicht aushaltbar gestaltet hätte.
Es gibt ja viel Scheiße, der Frauen(körper) entsprechen sollen (müssen) um als passend und “richtig” wahrgenommen und behandelt zu werden. Und in Abgrenzung dazu gibt es viel Scheiße, der Männer(körper) entsprechen müssen.
Mein Umfeld wusste, dass ich ein Mann bin und immer, wenn ich präsent wurde, war ich es, der Zeugs schleppen, ganz besonders cool und hart re-agieren sollte. Dem Technik gefallen und der Rest der Welt egal sein sollte. Ich sollte “auf Frauen stehen”. Niemand hat mich je gefragt, obs mir nicht besser gefiele, an der Seite von Frauen zu sein – ich sollte immer auf ihnen stehen, oder sie haben wollen, was mir jedes Mal neben sozialem Druck, auch echt Widerwillen zu Beziehung oder Miteinander (mit Frauen) ausgelöst hat.

Inzwischen ist unser soziales Umfeld anders. Es ist eins, in dem meine Beschäftigung mit dem Körper und auch dem Bluten als so kräftezehrend und doch auch spannend und organisch angenommen wird, wie es das für mich ist.
Mir ist während der Bindentests aufgefallen, wie empfindlich meine Haut ist und wie groß diese Empfindung für mich war. Einfach zu fühlen: das da ist meine Haut. Sie ist an mir dran, umgibt mich und hält mich zusammen. Und eben auch zu merken, dass ich keinen Penis brauche, um der Mann zu sein, der ich bin. Ich brauche auch nicht die Abwesenheit von Brüsten, Uterus und Vulva, um ein Mann zu sein.
Was wichtig ist, ist was ich fühle, wie ich es fühle und wie ich diese Empfindungen bei mir behalten kann.

Ein Umfeld, das das Bluten peinlich und eklig findet und lieber nie darüber redet, macht es mir schwer damit einen Umgang zu haben, der unbelastet ist (was nicht heißt, dass ich finde, alle Menschen müssten immer darüber reden wollen!) Ich habe meine Ekelmomente nicht gehabt, weil ich das Menstruationsblut eklig fand, sondern, weil das Auswaschen einfach eklig ist. Ich betrachte das Blut immer lieber so wie es ist und eben nicht so vermatscht oder auf Stoff. Irgendwie kommt es mir dann einfach echter vor und so, als hätte es wirklich etwas mit mir zu tun.
Ich erlebe es als bereichernd, wenn ich fühlen kann, dass der Körper etwas mit mir zu tun hat und in allem, was er tut, okay ist. Die Stoffbinden von Kulmine habe ich dabei als gute Unterstützung empfunden, gerade weil ich sie so nutzen kann, wie ich sie ge-brauchen kann.

Zum Abschluss noch ein paar Menslinks
der Artikel von dem Trans-Mann, der menstruiert (englisch)
die Liste, was man mit Mensblut so anstellen könnte (englisch)
die Petition für pestizidfreie Menstruationsartikel
der Artikel zum Tabu “Menstruation + Sportler_Innen” (englisch)
der Kulmineshop
unser letzter Menstruationsartikel

Eisnacht

imEis“Wieso war mir das jetzt so wichtig nicht alleine nach Hause zu gehen?”, grimme ich mich selbst an.
Aus meinem Handy krümeln die Worte der Gemögten und legen eine Spur von dem Park, in dem ich meine Füße im Ententeich wiedergefunden habe, bis zu mir.

Ihr Mitleid ekelt mich fremd. Ich finde sie peinlich in ihrem Bemühen um uns. Die Angst tritt von innen gegen meine Haut und ich merke an mir, dass ich nicht nur einen Weg nach Hause suche, der die 3 Kilometer abkürzt, sondern mir auch ein Ausweg aus dieser Not.lage ist.
Wäre mein Mund nicht so verklebt würde ich schreien, glaube ich. Einfach nur so. Ohne Wörter.

Sie spricht von Wohnung umstellen, von Türen verschließen, von Zetteln an der Wohnungstür.

“Wenn ich jetzt so ein Loch unter der Nase hätte, dann könnte ich schreien.”, denke ich und ziehe meine durchnässten Hausschuhe aus. “Meine Schreie würden in den Ästen hängen bleiben und es würde aussehen, wie Laubgeister.”.
Sie fragt, ob ich noch da bin. Ich nicke. Sie schubst ihre Stimme noch eine Oktave höher. “Bist du noch da?!”.

Ich schnipse vors Handy. Denke an diese App mit der man einander beim Telefonieren sehen kann.
Sie hat schon wieder vergessen, dass ich keine Lautsprache kann. Sie vergisst ständig, dass ich Text brauche.

“Wieso werde ich ständig vergessen?”, denke ich und halte es für den besten ersten Schrei von mir.

Auf dem Gehweg vor dem Haus liegt der Schlüsselbund.
“Wie bescheuert kann man sein?”, knirsche ich hinter mich und nehme das kalte Metall in die Hand. Die Füße der Legosuperwoman streifen meine Handwurzel.

Die Gemögte will weiter reden. “Ich kann euch doch jetzt nicht allein lassen!”.
“Wenn ich jetzt losschreien würde, dann würde ich die Wohnung damit vergiften.”, denke ich und öffne die Tür, hinter der NakNak* wartet.

“Ich bin nicht mehr allein”, sagt die andere und legt ihr verfrorenes Vogelherz auf die Heizung.
Es ist 5 Uhr 37, als es aufhört weh zu tun und 7 Uhr 3, als ich ins Handy tippe:
„Es ist niemand „weggelaufen“.
Wer „wegläuft“ nimmt sein Handy nicht mit und schließt auch nicht die Tür hinter sich ab.“

Ich tippe auf „senden“ und ziehe die Decke etwas höher.
„Ich wäre gern mein eigener Schrei“, denke ich und schaue dem Tag beim heller werden zu.

 

9 Jahre später

Eislicht“Ist doch komisch, dass die Schneeflocken erst weiß sind und dann wasserfarbig.”.
Sie hockt mit dem Rücken zu den Windböen am Rand des gefluteten Ackers und betrachtet die Flocken auf den Ohren des Hundes, der auf ihren Füßen sitzt.
“Es ist kalt.”.
Die Worte klirren in ihr wie Eiskristalle.
Schmelzen. Laufen ihr vom Kinn herunter.

Der Wind drückt den Schneeschauer weiter
und zerreißt die Wolkendecke.
“Ich wusste gar nicht, dass wir einen Hund wollten.”
Die Sonne betrachtet sich zögerlich in den Pfützen.

Sie steht auf und steckt ihre Armstümpfe zurück in die Jackentaschen.
“Du?”, fragt sie, “Weißt du, wo zu Hause ist?”.

irgendwo sein

upupandawayUnd dann ist es doch wieder eine Zeit, in der ich in einen Telefonhörer hinein sage: “Ich weiß ja auch nicht, was ich bei der Frau Doktor soll. Meine Therapeutin hat gesagt…”

Ich bin da. Ich bin präsent und verhalte mich. Und alles zieht an mir vorbei.
Ich bemerke das, bin bewusst dafür, dass ich zur Zeit so viel dissoziiere wie zuletzt vor Jahren. Ich habe Wörter. Ich habe Ressourcen. Ich stapfe durch die Tage und bin und bin und bin.

Ich sitze vor meiner Neurologin und sage ihr: “Ich glaube nicht, dass es epileptische Anfälle sind. Ich weiß doch, wie meine Traumametaphorik ist.”. Ich schüttle den Kopf und erwarte eine Art blechernes Scheppern, das die ganze Welt durch meine Ohren wahrnehmen kann.

Die Neurologin und ich gehen ins elfte gemeinsame Jahr und ich habe immer noch das Gefühl einen Fehler zu machen, wenn ich von “uns” statt von “mir” spreche. Ich muss mir noch immer mein Menschenkostüm über die Ellenbogen ziehen, weil sich meine Seelenphysis auf ein jugendliches Mädchen zusammenkrümelt.
Noch immer kämpfen wir um die Unantastbarkeit des Verbotes von Benzos jeder Art, wenn wir die Treppen zu ihrer Praxis hochgehen.

Während wir uns gegenüber anderen Helfer_Innen, Mediziner_Innen und gemochten Kontakten immer wieder so aktiv um Bindung und Beziehung bemüht haben, um letztlich zu scheitern, so irrelevant waren diese Kämpfe und Bemühungen bei ihr. Wir sind immer wieder als undefiniertes Wurschtelknäul bei ihr aufgeschlagen und als undefiniertes Wurschtelknäul wieder gegangen, ohne, dass es ihre Position als unsere behandelnde Ärzt_In oder unsere als Patient_In berührt hätte.

Sie sagt nicht so bohrende Dinge wie: “Das macht Ihnen Angst, nicht wahr?”, wenn ich sage, dass ich alle 2 bis 3 Tage die Kontrolle über meinen Körper verliere. Sie fragt, was ich davon merke, was ich dazu denke. Ich habe nie den Eindruck, dass ich mit ihr über meine Gefühle dazu reden müsste. Es ist irrelevant für unser Gespräch, unseren Kontakt, für ihr Bild von mir, ob ich das tue oder nicht.
Ich bilde mir ein, dass sie nicht über mich nachdenkt und das erleichtert mich.

Ich glaube, sie ist die einzige Helfer_In hier in der Stadt, die alle unsere Vermeidungstänze und Krankheits- oder auch Symptomkonstruktionen chronologisch mitbekommen hat.
Von “das sind die Anderen- ich weiß auch nicht” bis “vielleicht habe ich einen Tumor” bis “haben mich die Medis, die ich als Jugendliche kiloweise essen musste, vielleicht hirnkrank gemacht?” bis “ich bin Viele aber nicht die Anderen” – ist alles schon in Wörterschlangen aus unserem Kopf in ihren hineingekrabbelt und hat nichts bewirkt.

Am Montag haben wir unsere Akte bei ihr gesehen.
Ein ganz schmales Papierstäpelchen mit Klinikberichten und Konsiliarberichten drin.
Ich glaube, das ist die erste Akte zu uns, die ordentlich, sachlich, ganz und gar unbedrohlich ausgesehen hat.
Irgendwie einfach nur da. Nur präsent und weiter nichts.
Wir hatten auch schon Akten von uns in der Hand und vor Augen, die man mit beiden Händen tragen musste und aus denen an den Rändern Zettel herauslugten, wie Maden aus einer Biotonne.

Am Montag saß ich in ihrem Zimmer und bemerkte, dass es mir oft fehlt zu fühlen, dass nur relevant ist, was ich selbst auch weiß. Dass das gemeinsame Wissen das ist, was ich weiß. Über mich, über mein Viele sein, über die wissenschaftliche Seite der Dissoziation über meine Empfindungen dazu. Ich habe gespürt, wie viel freier ich Dinge bei ihr ausdrücke, gerade, weil sie nicht wie meine Therapeutin sagt (und sagen kann) “Ich weiß Dinge über dich und dein Leben, die du nicht weißt”.

Sie hat mich gefragt, ob ein Klinikaufenthalt eine Option wäre.
Ich erinnerte sie daran, dass sie mir vor einem halben Jahr gesagt hatte, die beste Option sei die ambulante Psychotherapie. Und sie sagte: “Wenn es Ihnen aber immer schlechter geht, dann stimmte das nicht.”. Einfach so.
Weil es mir ‘schlechter’ geht, ist ihre Annahme falsch gewesen. Nicht ich. Nicht das, was ich mit meiner Präsenz auslöse.

Irgendwie beruhigt das etwas und ein paar Jemande in mir.
Es gibt so viele Menschen, denen ich Angst mache. Die unruhig werden, wenn ich da bin. Es gibt so viel an mir, das Menschen einfach nicht stehen lassen können. Nicht bei sich selbst verorten möchten. Es gibt so viele Menschen, die mich irgendwohin schicken, ohne mir zu sagen, warum ich dort überhaupt hin und sein soll.

 

 

außer…

mehr Kunst machen, habe ich mir gewünscht
und gedacht
ich versuche einfach mehr
ich habe mir Tintenfedern gekauft und Tusche
und gemerkt, dass es gut funktioniert
obwohl ich linkshändig arbeite
ich hab ein Skizzenbuch gekauft
und gedacht, dass ich alle Techniken,
die mit dem üblichen Skizzenblock nicht gehen,
probieren werde
und dann habe ich Acryl mit Serviettentechnik
Wasserfarben und Liner,
Tusche und Bleistift,
Buntstift und Fasermaler,
Tee und Bleistift,
vermischt
und dann
muss ich versuchen nicht zu weinen,
weil mir auffällt, was alles möglich ist
außer
auszudrücken, was unter meiner Haut erinnert wird

auch noch behindert oder was?!

Es gibt so Menschensätze, die haben Zähne mit Frisur. Die beißen und sehen von Weitem weich und wuschelig aus.
Harmlos. Ist doch nur so gesagt. Ist doch nur gefragt.

Mir sind beim Zukunftskongress einige davon eingefallen. Einer ist mir zurück in seine Umlaufbahn um mein Denken herum gerutscht und schwebt mir nach ein paar Monaten Ruhe erneut als Satellit um empfindliche Seelenstückchen: “Jetzt sind Opfer auch noch behindert oder was?!”.
Ich habe damals geantwortet: “Nein – nicht SO” und gäbe es die Möglichkeit für Zeitreisen, würde ich mich aus diesem Gespräch, dieser Runde, dieser sozialen Umgebung abholen, mir sagen: “Du brauchst, das “nicht SO” nicht sagen. Du musst dich vor diesen Personen nicht so öffnen, um auf Probleme zu zeigen. Hier lebt Stellvertreter_Innenkultur.”.
Pastme würde mich anmeckern und diese Menschen verteidigen, weil es in dem Moment noch denkt, es sei ja nur eine Frage. Ganz harmlos weich und wuschelig. Man wird ja wohl noch fragen dürfen.
Pastme wird erst im Zug nach Hause erinnern, das es böse ist und erst 8 Monate später begreifen, wie tief dieser Fragesatz seine Intension in es hineingebissen hat.

Ich habe über die Formulierung “seelische Behinderung” nachgedacht und erlebe sie im Moment treffender denn je.
Beim Kongress hatte ich sie verwendet und eine Person sagte mir, dass sie sie schwierig fände, weil die Seele für sie unveräußerbar sei.
Ich antwortete ihr, dass es die Seele ist, die sich irgendwie als erstes veräußert – ent-leibt, wenn man [(schwer ) versehrende] zwischenmenschliche Gewalt erfährt.
Wer sich wegmachen muss, weil er mit einem Schmerz, einer Angst, einer Umgebung und Abhängigkeit konfrontiert ist, die genau das zum Ziel hat – Zerstörung, Versehrung, das Abtrennen von Gut zu Böse – oben und unten – nun, der merkt, dass er seinen Körper nicht verschwinden machen kann. Aber sich selbst.

Man ist einfach nicht mehr da. Lässt alles los. Löscht sich aus Sinn und Unsinn, aus Wert und Zeit und versickert irgendwie im Irgendwo.
Manchmal macht man es ganz bewusst, wenn da ein Riese vor einem steht und jedes Wort aus seinem Mund zuflüstert, dass es besser ist, jetzt schnell nicht mehr zu sein und manchmal bleibt das Seelchen einfach stehen, während der Körper geworfen wird und keinen Boden mehr unter sich hat.

Und wenn es wieder zurück ist, dann ist vielleicht weder Erinnerung noch Wahrheit übrig. Dann ist da eine Indifferenz zwischen Körper und Seele, zwischen Heute und Gestern, zwischen Werden und Gewesen, die in jedem weiteren seelischen Entwickeln wie ein innerer Mariannengraben mit allen Spalten und Kluften am Rand wirkt.

Ich sehe einen Punkt in Gesprächen zu seelischer Behinderung und Opferschaft, der oft nicht bewortet ist, weil es das Vermeiden von Umdenken über Behinderungen allgemein gibt.
Auch die “Unerwünschtheit”/Uneinbringbarkeit anderer Blickwinkel auf die “lauten” Stimmen der Inklusionsdebatte spielen da mit hinein.

Wenn es nicht um Physis, Vermögen und Arbeit geht, gibt es keine Möglichkeit einer äußerlich sichtbaren Barrierenabschaffung. Keine veräußerbaren Dinge, die auf etwas hinweisen. Keine Hilfsmittel, die markieren, dass jemand etwas kompensiert oder überwindet.
Außer die Psychotherapie vielleicht.
Und über die darf man auch nicht wirklich neu denken, weil sie als Heilmittel gedacht und konstruiert ist – nicht als Krücke zur eigenen Entwicklung von Dingen, die den inneren Graben in sich aufschütten oder zusammennähen. Da rüttelt man ganz schnell an (auch patriarchalen) Strukturen, die “krank” und “behindert” am Rand einer Norm entlang definieren und Denkkonstruktionen wie “Objektivität”.

Man denkt Seele als krankbar, wie krank machend.
Als sprechend, aber nicht stimmhaft.
Alles und jede_r kann eine Seele in sich tragen, aber nicht alles und alle können sie zu Wort kommen lassen oder erleben sie so autark neben dem eigenen Willen und Wünschen, wie ich zum Beispiel meine Innens.

Ich erlebe meine Behinderung in der Interaktion mit einem (linearen/ein.s.fachen) Außen, das immer wieder (Gewalt)kompensierende Reaktionen in mir auslöst und mir diese Reaktion als “krank” und “unnormal” darstellt und ich sehe meine Behinderung darin, dass meine Seele eine Sprache hat, die oft nicht einmal von mir verstanden wird. Nicht darin, dass ich zum Opfer von Gewalt wurde und körperliche Folgen und seelische Mariannengräben habe – sowas kommt von sowas und geht oft auch ohne erlebte Behinderung(en) aus. Es gibt viele Menschen, die sich über dieses geeinzelte und einzelnde Außen ihre stabilen Brücken über die inneren Gräben erschaffen können.

Pastme hat mich heute morgen berührt und gefragt, ob der Menschensatz Angst vor einer Er.Kenntnis der mehrfachen Stigmatisierung von Menschen mit DIS nach [(schwer) versehrenden] Gewalterfahrungen hatte.
Ich habe meine Arme geöffnet und wortlos genickt.

und dann…

BesuchLichterausschnittund dann öffnet sie die Tür und die Dezemberkälte rieselt von ihren Kleidern auf die Schmutzfangmatte.
Die Stimme vom anderen Ende, der Körper aus dem Früher
es ist… sie ist tot
und blutet aus den Augen im Warten auf das Ende.
Sie schaut sie an und fragt: “Darf ich reinkommen?”. Bohrt eine Lanze in ihren Bauch.
Sie nickt, lächelt, weitet das Loch, reißt an sich herum.
Der Hund, die Begrüßung, das Geraschel, das Trippeln, die letzten 6 Monate fallen im Flur übereinander her und an ihr vorbei.

“Sie wartet darauf, dass sie ihre Geliebte hervorwürgt, wie ein sorgfältig angedautes Gewölle”, denkt sie und wartet darauf, verscheucht zu werden. “So ist es immer wenn Menschen wissen, dass man viele ist. Eine zwei drei werden geschätzt gemocht geliebt, ein paar mehr bemitleidet und getragen, der Rest aus konstruierter Ferne beäugt und für das Dunkle gehalten”, weiß sie und schraubt das Lächeln aus dem Gesicht.

Sie hängt die fremde Jacke auf und verfolgt diesen Körper mit den Augen in die Küche.
Betrachtet den Blick auf sich und in das Loch hinein.
“Ich hab Lebkuchen.”, schrillt es daraus hervor.
Der Körper lächelt und nickt. Lässt die Stimme an ihren Haaren zündeln.

Ein Gedanke scheppert auf den Boden und lässt es in der Küche regnen.
“Du bist da.”.
“Ich bin da.” sagt sie und schneidet Seelenfleisch in Streifen bevor es ertrinken kann.

Unaushaltbar ist es, wenn sie jemand mag.
Wenn sie jemand mag, dann tickt im Hintergrund eine Uhr. Nicht lange dauert es, bis DER Fehler passiert. DAS Moment da ist. DER Augenblick, in dem sie alles verderben und alles Ticken ein Ende hat.

So halten sie inne und warten, lauschen auf das Ticken und lassen alles ohne sie passieren.
Am Rand spulen kleine Radikale ihre Kreisel in die Luft und spülen ab und zu einen Brocken aus dem großen Lauf der Dinge an sie heran. Sie nehmen keinen Anteil, sie berühren nichts und niemanden. Sie warten bis sie vergessen, dass sie warten und verschmelzen zum Nichts. Nichts ist nie falsch. Nie greifbar. Nie schuldig. Nie mehr Etwas als nichts und niemand selbst.

Sie sind das Loch. Wo sie enden, beginnt das Schweigen.

Und dann ist sie da.
Dann ist sie einfach da und alles wird zu allem.

Und das Ticken auf den Moment zu, wird zu dem Moment selbst.
“Ich möchte das verstehen.”, sagt sie und legt die Hände um die Teetasse.

Vor ihren Augen wird sie die Gemögte, die mit ihren Worten Sprache in das weiße Leer des Innen kleckst.
Einfach so.

Weil es um ein Verstehen geht und darum etwas zu tragen, das un.aus.haltbar ist. 

 

und dann sagte ich zu ihr…