“irgendwie queeres” Panda sucht …

Vor ein paar Tagen hatte ich einen “Muää ich will jemand in meinem Leben”- Rappel.  Wenn man ein Sozialleben wie ein Panda mit Internetanschluss hat, dann kann das schon mal vorkommen.
Ich habe eigentlich keinen Mangel daran mit Menschen zu kommunizieren. Leben teilen ist ja aber eh etwas Anderes.
Einen gemeinsamen Raum teilen und es zu ertragen, wie jemand unter Umständen direkt neben mir metabolisiert, das ist etwas anderes. Nicht belastend oder schlimm- aber anders. Die Anforderungen sind anders. Meine Gemögten und Gemochten mag ich. Ich metabolisiere gerne mit ihnen in einem Raum und weder Kontaktanbahnen noch Kontaktbeenden ist anstrengend für mich.

Gemögte machen ist aber einfacher, als “jemand ins Leben machen”.
“Ich suche einen bunten Panda mit Internetanschluss. Es wäre toll, wenn du genauso genderdurcheinandrig verqueert wie ich bist, vielleicht auch ein bisschen angeditscht in der Frage nach dem was “das Gute am Leben” sein soll, und ach- wenn du zufällig auch noch irgendwie kein Problem mit meinem IQ hättest, wäre das wundergut! Mail mir- anrufen und PN’s stressen mich. ”, so würde meine Internetdatingsuchanzeige lauten.
In einer Welt voller Konsumbollwerke, die darauf warten, dass Bedürfnisse geäußert werden, damit sie daran verdienen können, diese zu erfüllen, sollte es doch nicht schwer sein, Datingplattformen ins Internet zu stellen, die auch Pandas wie mich zusammen bringt. Also Pandas, die Füchse und Katzen sexy, spannend und interessant als PartnerIn* finden.
Tja, denkste.

Ich habe vorhin ein Interview der ZEIT zur Datingplattform der Mensa- Vereinigung gelesen und neben der üblichen Abfragerei, wie viele Vorurteile mit der Erstellung des Service extra für Hochbegabte bestätigt und/ oder negiert werden, gab es nichts Neues.
Ich persönlich erlebe Mensa und Co. sehr weiß, akademisch und einfach genauso wenig umgänglich mit Biografien und Lebensentwürfen wie dem meinen, wie jeder andere Verein, also bin ich da nicht.
Meine Hochbegabung und Aufnahmefähigkeiten nicht verstecken zu müssen im Miteinander – vielleicht sogar ein bisschen hervorstellen zu dürfen, ohne, dass sich daraus eine Über- vs. Unterlegenheitsdynamik entwickelt, hach das wäre schon toll. Aber ehrlich- sollte man nicht bei jedem Dating seine Fähig- und Fertigkeiten ein bisschen hervorstellen dürfen, ohne, dass gleich Dominanzgerangel daraus wird?

Es gibt so viele Datingplattformen und Singlebörsen – ja Singlebörsen. Wo wir in dieser Woche schon im Pick-up-Artistforum vom “Marktwert der attraktiven Frau” lasen, ergibt der Begriff der Singlebörse gleich wieder Sinn, nicht wahr?
Wenn man nicht genderqueer oder allgemein genderdurcheinandrig ist, weiß, eine bestimmte Körperform hat, heterosexuell ist und weder von PN’s noch Club-/Disco-/”Kaffeetrinkendates” stressbar ist, dann profitiert manN schon. In Sachen Dating für Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben und/oder Homosexualität leben wollen, wirds schon düsterer. Und letztlich ist es auch noch immer eine Frage des Geldes. Oft muss man einen Vertrag abschließen, der nicht wenig kostet und eine lange Laufzeit hat. Was doch seltsam ist, wenn einem eingangs noch die tausend Qualitätssiegel erzählen, man würde so wahnsinnig schnell jemanden für sich finden.

Also doch lieber vor die Tür gehen und Menschen treffen? Irgendwie social machen und irgendwann mal Glück haben?
Ich bin ein Panda- social stresst mich. Ich will fressen und dabei süß aussehen. Alleine und nur bei Bedarf, oder, weil es einfach schön ist, mehrsam. 

Das, von jeder Datingplattform mitgetragene, Konzept romantischer Liebe erschreckt mich zutiefst. Und das nicht nur, weil exakt jeder 1,5 te Popsong über die schmerzhafte Qual ebenjener romantischen Liebe oder die damit einhergehende sexuelle Dauerverfügbarkeit für diesen einen anderen Menschen vom exakt anderen Geschlecht handelt, sondern, weil ich Angst habe, die Romantik nicht zu merken und meine Performance vom verknallten Panda im Menschenkostüm zu verpassen und dann ewig lange Zeit damit zu verbringen meinem Gegenüber zu erklären: ”Äh he, weißt was, ich bin ein Panda- ich fresse und sehe süß dabei aus- mehr Performance liegt mir nicht- aber das hat nichts mit meinen Gefühlen für dich zu tun.” und zu hoffen, dass mein Gegenüber mir das auch glaubt und versteht UND mich noch immer süß und sexy und toll findet.

Mich- und nicht die Innens, die mein Gegenüber ja irgendwie auch noch mit in dem Kontakt hätte.
Ich bin ein Panda im Körper eines Menschen, der ziemlich viele schreckliche bis schräg widerliche und erst seit ein paar Jahren coole und nette, gute und rücksichtvolle Menschenkontakte hatte. Auch deshalb ist social eher so meeh. Nicht, weil ich mich nicht unter Kontrolle hätte oder jedem Menschen aktiv und bewusst unterstelle mir Böses zu wollen – sondern, weil ich daran angepasst bin, genau damit umzugehen, dass Menschen eher scheiße zu uns sind, als wirklich okay.
Auch wieder so ein Performancedings.

Nach außen verändere ich mich (wir als Einsmensch) ständig und neige dazu eine Art emotionale Lavalampe zu sein. Das ist nichts für hyperaufmerksame Gemüter, stumpfe Köpfe und unsolidarische Geister. Wer zu empfindlich ist, wird von mir verletzt und ich kann darauf oft nicht ordentlich flauschfluffig eingehen. Wer zu stumpf ist, wird mir zu langweilig und bekommt meine Ungeduld ab. Und wer unsolidarisch denkt und plant, passt einfach null ins Konsenskonzept, das ich (wir als Einsmensch) leben mag.

Und wo wir grad bei “Dingen, die ich leben mag” sind.
Was ich für später irgendwann mal mag, ist manchmal voll das Gegenteil von dem, was ich jetzt gerade mag.
Jetzt gerade finde ich es stressend und blöd, wenn PartnerInnen*suche irgendwie mit social zu tun hat und die Frage nach “wann mehrsam und in welcher Form?” im Zentrum steht- mein Zukunftswunsch aber ein Haus voller Kinder  und ihrer Freunde und deren Eltern ist. Also das Gegenteil von “Einzelpanda kaut an Bambus” oder so ähnlich. Mir macht dieser Kontrast selbst schon eine Zillion Knoten im Kopf und Herzen- aber ich lebe ganz gut damit, weil es ja noch total weit weg ist. Was ist aber, wenn ich älter bin und sich die letzten 5 Eizellen zum Absprung bereit machen? Wenn ich dann jemand in meinem Leben habe, der mich genau so in Ruhe und mehrsam oder alleinsam lässt, wie ich das mag und, der genau nur das mag und nicht, nur weil ich jetzt meine letzten Eier verspringen lasse, sein Leben ummodeln mag?
Muss man darüber nicht irgendwie auch reden?

Bin ich am Ende, mit der letzten verbleibenden Eizelle, ein Schwan im Pandamenschenkostümdingsi, der lieber nur monogam und ganz eigentlich eine pastellfarbene Zukunft mit Golden Retriever zum Eigentumshaus will?
Wieso bin ich so komisch und warum gibts es mich und mein Kopfgedankenselbstbildgekräusel nicht als Rolemodel irgendwo, damit ich mal vorspulen und gucken kann, was sich im Laufe der nächsten Jahre noch abschmirgeln und am Ende doch irgendwie cool einpassen könnte?!

Wieso gibt es keine “Wenn ihr wollt, könnt ihr das Datingplattform nennen”- Datingplattformen für Pandas wie mich?
Wieso muss ich überall- wirklich überall wählen, ob ich ein Mann oder eine Frau bin, ob ich einen Mann oder eine Frau oder ein Paar suche? Wieso muss ich 30€ pro Monat dafür bezahlen, dass mir Cismacker ihren Penis im Anhang mit auf dem Bildschirm schicken und Cisfrauen mein Begehren als heterosexuell labeln? Wieso ist es in Sexcommunities okay, über Sextoys und safer Sex zu schwafeln- diverse Grundhaltungen zu Dominanzperformances und penetrativen Praktiken zu kritisieren oder in Frage zu stellen, nicht?

Am Ende von allen Datingplattformen, die ich bis jetzt mal besucht habe, traf ich doch immer den weißen Cismacker, der sich online ein bloßes Fickstück gesucht hat und vielleicht auch ab und an hinter irgendeinem anderen Profil als meinem fand.

Irgendwann neulich stand in meiner Timeline der Tweet: “queerromeo #wasfehlt”

Ich würd das gerne irgendwie um ein paar mehr Ebenen ergänzen und so was wie “queere onlinecommunity #wasfehlt” sagen.
Weil- vielleicht suche ich in Wahrheit gar niemanden für Liebe, Sex und Zärtlichkeit, sondern für FreundInnen*schaft und Mehrsamkeit mit Sex als Option ab und zu. Vielleicht aber auch nicht.
Ich hab doch keine Ahnung, was ich am Ende _eigentlich_ will, weil ich noch gar nicht richtig weiß, was es so alles geben kann. Und was ich kann.
Was ich als “in mein Leben gemacht” tragen und halten kann. Als Mensch, mit Menschen in mir drin, als “irgendwie queerer” Mensch, als menschenskeptischer Panda im traditionell weiblich gestaltetem Menschenkostüm.

Wie sind denn eure Erfahrungen so mit solchen Plattformen? Schreibt mir das gerne mal in die Kommentare.

da ist was

Ich stand in der Praxis meiner Gynäkologin und sagte ihr: “Es kann auch sein, dass meine Beschwerden für mich größer sind, als es das, was ich letztlich habe, in der Regel so verursacht.”. Sie lächelte mich an und sagte: “Ja, aber Sie haben ja was. Das ist ja alles so entzündet, dass ich mich frage, wie sie damit überhaupt zurecht kommen.”.

Schwierige Ansage. Obwohl- Psychosomatik geht immer mit schwierigen Ansagen einher. Zumindest wenn ich mit MedizinerInnen* zu tun habe. Das Eine ist: “Es kann gar keine Psychosomatik sein, weil sie ja da was haben.” , das Nächste ist: “Es ist so schlimm, dass ich mich frag, wie sie zurecht kommen” und das Dritte ist: “Ja, aber…”.

Ich war mit meinen Unterleibsschmerzen in der Praxis, weil ich mir selbst nicht mehr helfen konnte.
Wenn es einen Ort gibt, den ich auf mehr als der Ebene “Medizin = Körper = uääää” verabscheue, dann die gynäkologische Praxis, meiner netten freundlichen Ärztin*. Nirgendwo sonst befeuern sich meine erarbeitete Sexpositivität, mein eingebrannter Selbst- und Körperhass, mein Genderdurcheinander und meine Angst zu sterben so heftig, wie da. Wenn ich dort hingehe, dann erwähne ich meine Psyche nach Möglichkeit nicht, weil es eben auch keinen anderen Ort gibt, an dem sexuelle Misshandlung, Verstümmelung und ihre Folgen so zweischneidig präsent ist.
Wenn Menschen einen Ort suchen, an dem Vergewaltigungskultur pulsiert, dann finden wir ihn auf jeden Fall in der Gynäkologie.

Niemand sagt: „sexuelle Misshandlungen gibt es nicht“ – doch wenn jemand sagt: “Ich habe diese und jene Folgen von sexueller Misshandlung (zum Beispiel ein Schmerzempfinden zwischen Level 1 Zillion und 0 in einem Zeitraum von Minuten)”, dann kollidiert dies nachwievor mit dem “Medikus- Ja, aber…”

Meine persönliche Diagnose ist: Ich habe Anfang Mai eine der krassesten (Bindungs-) Retraumatisierungen der letzten zwei Jahre erlebt; meine engste Gemögte ist weggezogen; eine Fastgemögte wollte nach einem Konflikt keinen Kontakt mehr mit uns; ich hab mich aus der Selbsthilfeforenszene rausgezogen, nachdem ich vor einem dauerschwehlenden Konflikt nur noch ohnmächtig war und mein Innenleben und ich stecken in für uns großen Projekten mit unüberschaubaren Auswirkungen auf unser Leben. _Selbstverständlich_ streckt mein Immunsystem die Waffen und kann trotzdem nicht überall sein. Ich bin einfach nur noch müde, bewege mich kaum und meine Hauptmahlzeiten sind, wenn mans runterbricht, Fett und Zucker. Ich fange morgens um 9/ 10 Uhr an zu arbeiten ™ und höre irgendwann um Mitternacht damit auf.
Wenn ich eine Infektion wäre, ich würde mir auch einen Partyhut aufsetzen und mir den schwächsten immer irgendwie schwierigen Punkt in diesem Körper aussuchen.

Ich habe jetzt Antimykotika und Bakterienkiller geschluckt, Kortisonsalbe und Ringelblumenöl verwendet- der Schmerz ist aber noch da. Jetzt bin ich an dem Behandlungspunkt, an dem ich mir wünschen würde, unser Gesundheitssystem hätte so etwas wie eine etablierte Doppelbehandlungskiste. Gerade wegen Wartezeiten und Wochenenden.
Weil ich nun auf Laborergebnisse warten musste, um zu wissen, was die Symptome auslöst, fing ich an, mir die Sorgen, die ich sonst schön bei der Ärztin gelassen habe, anzuschauen. Ich dachte an Bakterien, die ich mir vor Jahren in Misshandlungskontexten eingefangen haben könnte und die in der Folge mit 5 partybehüteten Köpfen in meinem Uterus herumhüpfen. Ich dachte an Krebs und Zysten, an AIDS, weil ich keine anderen Krankheiten kenne, die “Immunsystemschwäche” bedeuten. Ich dachte an all die Geschlechtskrankheiten, die ich eventuell gehabt haben könnte und erinnere mich nicht, ob ich wirklich immer alles ordentlich behandelt habe. Und wo ich gerade schon an meinen Unterleib dachte, dachte ich an alles, was dort jemals passiert ist (und/oder passiert sein könnte) und mochte mich am Ende unter 30 Decken einrollen und darauf warten, dass einfach alles sofort zu Ende ist.
Genau für solche Zeiträume, hätte ich gerne eine Mischung aus meiner Therapeutin und meiner Gynäkologin. Jemand, der sich mit meiner Geschichte und meinem Körpermist auskennt; mich aus den 30 Decken rauspult und mir die Angst abbauen hilft.

Ich weiß, dass ich Schmerzen vor Angst vor dem Schmerz haben kann. Dafür lebe ich einfach auch schon lange genug mit Angst vor der Angst und der Panik, die immer dann kommt, wenn die Angst mal nicht zuverlässig kommt.

Bei Psychosomatik geht es nicht darum, ob “da etwas ist” oder nicht. Es geht (zumindest mir) nicht darum, getröstet und geflauscht zu werden, weil ich etwas “habe”.
Meine Somatik sind Schmerzen. Immer und immer wieder sind es Schmerzen, die weder in Muskeln noch Knochen, noch Sehnen noch Organen sitzen, sondern genau in dem Stoff, den es angeblich nicht gibt. Aristoteles nannte es “Äther”. Im Buddhismus ist es als “Akasha” bekannt. Ich weiß heute, dass ich damit eigentlich schon genau benenne, was mir weh tut, wenn ich psychosomatischen Schmerz benenne: mein Bewusstsein für (oder/und Erinnern an?) einen Schmerz, der mich an die Grenze meines Bewusstseins brachte und mehr als einmal drüber schubste.

Es wird gerne gedacht, man könnte Psychosomatik mit dem Placebo-Effekt behandeln, weil man vergisst, dass der Placebo- Effekt lediglich den Beweis für die Macht des Bewusstseins über körperliche Empfindungen darstellt. Bei der Manifestation von psychischen Konflikten und Wunden, an der Physis von Menschen, handelt es sich nicht um “nichts”, das bewiesen werden sollte. Es ist selbst ein Beweis dafür, dass dort etwas ist.
Ich muss nicht anfangen zu denken: “Es ist jetzt alles okay.” Ich muss das fühlen können und genau das tue ich nicht.

Dass ich jetzt auch noch “wirklich was hab” ist mir dabei irgendwie so ein richtig schöner Knüppel vor den Füßen. Einerseits fühle ich ganz genau, dass mein Immunsystem damit total gut auch ohne die Ärztin und ihre Behandlung klarkommen könnte – andererseits merke ich, dass ein Großteil meiner Abwehrkraft in Richtung “Seelenschutz” geht.
So große Konflikte, wie den im Mai, habe ich sonst immer mit meiner Wut kompensiert- ich hab mich stark gefühlt- aktiv. Nach dem großen Autsch, kam immer ein Anlauf, in den ich mich reingewütet hab und die Explosion hatte in aller Regel eine Klärungslawine in Gang gesetzt. Tja.
Und dieses Jahr hab ich Therapiefortschritte gemacht. Hab genickt als meine Therapeutin sagte, meine Wut würde nichts bringen. Hab geschwiegen auf jedes “Geh weg” und habe einfach gar nichts mehr an den Stellen berührt. Nichts ist passiert. Nichts ist geklärt.

Es ist nichts gut geworden. Dann brauche ich auch nicht anfangen mich noch obendrauf zu belügen und mir zu sagen, ich müsse nur wollen, dass es mir besser geht, dann ginge es mir auch besser. Es ist einfach nichts okay. Ich hatte schon was, bevor meine Ärztin oder meine Therapeutin oder meine Gemögten und Bekannten mir angesehen haben, dass ich was hab.

Jetzt ist es alles gleichzeitig und wo ich anfangen soll, weiß ich selber nicht.
Ich weiß inzwischen: medizinisch bin ich gesund zu kriegen- das Gewebe muss nur aufgebaut werden.

 

Und der Rest…?
Ich halte mich an meinen Projekten fest und hoffe, dass die Schwindel- und Schwächegefühle nachlassen.
Nachher gehe ich mit dem Hund raus. Zähle nochmal nach, wie viele Tage die Therapeutin Urlaub hat.
Ich (fr)esse. Ich arbeite ™. Ich bin.

Ich hätte auch was, wenn die ganze Welt mir sagte, da wäre nichts.

 

Es ist einfach gar nichts okay.
Nichts ist mehr okay, wenns weh tut.

wo ich schon mal dabei bin…

“Das tut weh, ne?”. Sie lässt die Frage in mir aufsteigen, wie einen Drachen an der Schnur und hört sich mein grollendes Wutschnauben an, das sich hinter einem Klumpen Wortmasse gesammelt hat. “Es gibt einfach Menschen, die immer deine Punkte treffen wollen…”.

Ich drehe den Kopf weg.
Nein, ich will keine Erklärungen mehr dafür hören, warum mich Menschen verletzen. Ich will nicht mehr verstehen. Ich will nicht mehr durchatmen und schweigen, damit alle und alles so tun können, als wäre es kein Ding auf mir und meinen Grenzen herumzutreten. Es ist mir egal, welchen Anlass dieser Akt an mir hatte.

“K.?”.
– ”Was?”
”Wenn du weinen musst, ist das okay.”

Ich könnt ja ausrasten über sowas.
Aber bei ihr ist das was Anderes.
Ich brauche ihr nicht sagen, dass ich gerade wie der Wolf vor der Steinhütte der drei kleinen Schweinchen puste und puste, schnaube und schiebe, um in Worte und Rahmen hineinzufallen. Sie kennt meinen Anspruch an mich selbst. Weiß, in welche Kandaren ich mich gezurrt habe, seit es hieß, ich wäre immer* so aggressiv.
Ich will nicht weinen, weil ich diesen Triumph missgönne.

Weinen, das ist für mich wie eine Antiteilnahmeurkunde an den olympischen Spielen, die für andere Menschen der Alltag sind.
Das ist nicht “Schwäche” oder “Ausdruck von Verletzung”. Das ist “Wortkampf aufgeben”.

“Wieso habt ihr eigentlich nur das “Hartz 4 Still – Leben” veröffentlicht und nicht das “Papier_Leben”?”.
Ich höre wie das Scrollrädchen ihrer Maus tickert. Mein Blick folgt einem einzelnen gelben Birkenblatt, das vom Dach des Nachbarhauses heruntergleitet.
“Ich weiß nicht. Gab noch keinen Absturz über “14 Jahre- Akte- Sein”.”. Mein Grollen klirrt seltsam metallisch und schlitzt mir die Kehle von innen auf. “Es ist die Hälfte unseres Lebens.”.

Sie seufzt. “Ach, das ist alles ein Haufen Hundedurchfall!”.
Mein Ohr wird warm von dem Telefonhörer, durch den ich das Knarren ihres Stuhls höre. “Nein, nein- du verstehst das miss, Herzi- ich hab zu hohe Ansprüche! Ich brauche nur ein paar neue Ordner anlegen und alles, was mich hindert wird in seiner Nichtvorhandenheit auch für mich verschwinden.”. Die Säure der Worte ätzt mir die Schnitte im Hals auf. Ich verletze mich selbst mit den Worten von Menschen, die mich verletzen wollen.

Sie dehnt meinen Namen und zwirbelt einen Looping hinein. “Du brauchst dir das nicht annehmen.”.

Ich finde es wichtig, dass es mir weh tut. Ich finde es wichtig, dass sich diese Verletzung genauso einbrennt, wie jedes: “sei nicht frech”- “sei nicht so laut” – “sei nicht so neunmalklug” – “halt die Fresse” – “verpiss dich” – “red nicht so dummes Zeug” – “davon verstehst du nichts” – “du bist das Problem”, in der Vergangenheit.
Sonst finde ich keine Schublade dafür.

“Wie kommt ihr allgemein so zurecht?”.

Ich merke, wie sich mein Gesicht verspannt und die Kanäle um meine Augen herum anschwellen. Ich schaue nach oben und öffne den Mund.
Eine Kugel Heulrotz schiebt sich an meinen Wortwunden im Hals vorbei und bleibt wie Sahneschmelz kleben.
– “Ganz gut.”, ich atme ein und senke den Kopf zurück auf den Schreibtisch, auf dem sich Skizzen, Papier, Schokolade, Taschentücher und Eulenkillefit aneinanderdrängeln. “Wir haben ein Dings am Laufen.”.

”Noch ein Neues oder eins von denen, die ihr parallel habt?”
– “Noch ein Neues. Aber das ist toll.”, versichere ich und steche mir den Zirkel in den Daumen. “Es ist, was gerade noch am wenigsten Versagensangst macht. Und es ist eine Überraschung. Also Scheibenmischer Madame! Eigentlich haben sie noch gar nichts davon gehört!”, ich schicke ihr ein Lächeln durch die kleinen Löcher des Telefonmikrophons und beobachte, wie ein Tropfen aus meinem Kopf in der Fleecedecke auf meinem Schoß verschwindet.

“K.?”
– “Was?”
”Du kannst es loslassen.”
– “Nee.”
”Wieso nicht?”
– “Weil ichs doch sonst vergesse.”
”Was wirst du sonst vergessen?”
– “Dass gut behandelt zu werden nicht meine Entscheidung ist.”

Sie hört mir beim Hereinstottern der Atmenluft und Rausschnoddern meiner Körperflüssigkeiten zu. Das Telefon an meinem Kopf, wird zur Hand, die mich nicht verletzt.
Wir sagen nichts. Hören meinem Körper zu, wie er sich den Druck der letzten Wochen rausspült, Wundränder abschmirgelt und die Auffangbecken leert.

Ich atme tiefer und spüre, wie sich innen etwas zu mir hindreht, von dem ich dachte, dass ich es nie wieder fühlen könnte.
“Es ist dein Recht gut behandelt zu werden, mein Herz”.

Ich lege gleich mal noch eine Tränenflut obendrauf.
Wenn ich schon mal dabei bin…

Scheiße, die sind nett zu mir!

oder: “Wie viel Dissens verträgt der Konsens?”

Dass “Freiwilligkeit” kein Synonym für “Konsens” ist, ist für mich Fakt, weil ich persönlich das Konzept des freien Willens ablehne. Freiheit gibt es nur dort, wo nichts ist (Abwesenheit von Machtdynamik und damit Machtungleichgewicht = Abwesenheit von Gewalt = alle und alles ist gleich (ohn/mächtig) – wir* aber leben in einem Land, dass von mindestens Staatsgewalt dominiert und normiert ist, welche wiederum patriarchaler (Norm)Gewalt entsprungen ist. Also keineswegs in einem gewalt(en)freien Raum.

So bedeutet Konsens für mich ein Konzept, das bestehende Machten (Gewalten) anerkennt und eine beider/allerseits gleich be/er/entmachtende Positionierung ermöglicht und damit arbeitet.
Die Grundlage für Konsens ist neben Anerkennung von Unter- und Überlegenheiten, auch das Anerkennen, das Unter- wie Überlegenheit mit spezifischen Anpassungs- und Reaktionsmustern, Habitus, körperlichen, kognitiven und psychischen Befähigungen (aber auch ihrem Fehlen) und einem individuellem (Un-) Bewusstsein für eigene Präferenzen einhergeht.

Mein Tweet “Ich bin aufgewacht und der erste Mensch, der mich anschaut, lächelt. Vielleicht schlaf ich noch? <3”, ist für mich entsprechend sehr groß, da er mir selbst viel reflektiert:

– ich habe es geschafft unter Menschen zu schlafen
– ich habe es ausgehalten, dass mich ein Mensch anschaut, so dass ich merken konnte, dass er mich anlächelt
– ich konnte mir bewusst werden, dass sich das für mich angenehm und unwirklich neu anfühlte

Doch was stelle ich mit dieser Erkenntnis an?
Es ist das Eine zu spüren, das Freundlichkeit wenig mehr, als den Wunsch nach Harmonie und das Privileg der Gemeinschaft, die in Harmonie miteinander sein möchte, braucht, das Andere ist, in sich selbst genau das als neue Option, neue und fremde Interaktionsgrundlage zu empfinden.

Als ich die erste Nacht in der Hütte lag und versuchte meinen Körper auszuruhen, erkannte ich, dass ich den Trigger unterschätzt hatte, den es für mich bedeutet, wenn sich Nachts die Tür zu dem Raum öffnet, in dem ich schlafe.
Mein Denken und Fühlen passte sich an, schrumpfte, wurde weich, waberte wie Morgennebel ganz dicht neben meinem Gesicht.

Um mich herum wuselte es sachte. Einzelnes Lachen, gedämpfte Stimmen und das Rauschen des Waldes rahmten den Campkontext ein und allein mein Erinnern bildete für sich einen Dissens in all dem.
Diese Scheiße gehört in der Form nicht in eine Gruppe in der Diskriminierungen und andere Gewalten benannt und beendet werden wollen. Dieser rostige Nagel, den mir mein Kopf immer wieder neu in meine eiternden Wunden reintreibt, passt einfach nicht. Für mich. Als Fakt.

Mir wurde einmal mehr bewusst, wie viel von der Gewalt, die ich er- mit- ge- lebt habe, in mir selbst verankert ist und nicht durch den Konsens einer Ablehnung oder den Wunsch zur Veränderung verschwindet.
Auch in meinem Workshop wurde es kurz zum Thema, als ich sagte, dass man ein Trauma- ich möchte es ab sofort lieber “eine Erfahrungsverwundung” nennen – nicht “überwinden” kann. Wunden, Verletzungen, Schmerzen, die über physische Versehrungen hinausgehen, sind nichts, was man Kraft seiner geistigen Entscheidung oder Haltung allein “hinter sich lassen“ kann.
Wunden sind Löcher, Täler, die man durchschreiten oder mühsam umgehen muss.
So erlebe ich das jedenfalls. Was man überwinden kann – wo die Berge und Huckel zum überwinden und beklettern sind- sind meiner Meinung nach die Art Ängste, die erneute Ängste vor Verletzung, Ausbeutung und Verrat anhäufen.

Ich kann nicht in Gruppen sein, in denen meine Position heißt “Mach mal einfach- das wird schon alles passend sein.”. Gesagt mit Lächeln, ist es der Overload.
Dann muss ich sowas denken wie: “Vielleicht schlaf ich noch? <3”. Als Übersprungshandlung, weil Overload. Wohin mit all meiner Okayheit? Wie lange gilt mein Okaysein, als okay? Wie viel Nichtokaysein von mir wird geflissentlich übersprungen, kompensiert oder hobelt sich im Lauf der Zeit zu einem Huckel im Okaysein ab? Woran werde ich merken, wenn ich nicht mehr okay bin und mein Verhalten allen Konsens auf die Grundfesten reduziert und zu Gunsten einer Wunschvorstellung zwangsweise immer wieder neu belebt wird, wenn nicht durch Gewalt? Das ist doch woran ich immer und überall all mein Nichtokaysein merke! Absolut verlässlich und auf allen Ebenen.

Ich hätte es nicht ausgehalten, dort zu sein, wenn ich nicht den Workshop/Vortrag gemacht hätte. Ich brauchte meine innere Positionierung innerhalb einer Verwertungsgewaltendynamik (die nur vor mir selbst und einem nicht vorhandenen äußeren Beobachter von Belang und Bestand war!) um mir das Mehrsamsein in dieser großartigen neuen Form erlauben zu können.
Ich hätte nicht den Mut gehabt, nicht die innere Erlaubnis der Annahme zu vertrauen, dass sich jede/r* gut und hilfreich für die Gemeinschaft einbringen kann. Der Mut zur Überprüfung wäre nicht da gewesen.

Wieviel meiner Gewalt(en)sozialisierung ist umlernbar umerfahrbar überschreibbar durch Erfahrungen in konsensualen Miteinanders?
Ich reproduziere doch für mich selbst Gewalten bzw. Machtungleichgewichte, um mir diese Erfahrungen zu erlauben- sind sie dann noch purer Konsens oder eher das, was von meinem Eitersumpf übrig bleibt?

Dekonstruktion am dissoziierten Selbst? für mich problematisch

Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ich eine ganze Portion Dekonstruktion, Abgrenzung und Wut aus Gründen wahr- und mitgenommen habe.
Vielleicht ist mein Anspruch zu hoch, meine Forderung falsch oder ach- vielleicht gibt es eine Art “Fuck off”, das einfach über Dekonstruktion, Findung und Wahrung des eigenen Standpunktes hinausgeht.

Ich weiß gar nicht- bewege ich mich im Alltag in einer queeren Szene? in queeren Kontexten? Offenbar nicht.
Bin ich queer? Keine Ahnung. Aber ich mag queer als Label für mich. Neben anderen.

”Bin ich?”, ist meine Frage. Jeden Tag. Mehrfach. Und absolut ohne Ironie oder philosophische Intension.

Vielleicht war es ein Overload für mich, mich gleich mehrere Tage in eine soziale Umgebung zu bringen, in der vieles? alles? über Awareness (Bewusstsein) und Konsens laufen möchte.
Ich habe gemerkt, dass ich den Wunsch nach kollektivem Bewusstsein mit einer fremden und doch total vertrauten Sprachlosigkeit beantworte. Ich wurde reaktiv, habe öfter als nötig die Luft angehalten, hatte ständig Angst jemanden zu verletzen oder Gewalt unbemerkt zu perpetuieren und am Ende gab es diese Angst die soziale Luft zu berühren.
Natürlich habe ich weiter gesozialt – dafür war ich ja im Sommercamp und immer war es am Ende gut und bereichernd.

Aber die Angst war da und arbeitete in meinem Angstgehirn.

Leben triggert und so auch diese Art zu leben in diesem kleinen Zeitraum.
Ich habe mein Innenleben nicht mehr gefühlt und aufgefallen ist mir das erst, als mich jemand das über Twitter fragte, der auch Viele ist.

“Bin ich noch, wenn ich mein Innenleben nicht mehr fühle?” – eine Frage, die mir erst jetzt mit meinem Bewusstsein für mein Viele- sein möglich ist.
Früher habe ich mich das nie gefragt. Ich “war” einfach und all mein Bewusstsein war nach außen gerichtet. Niemanden wütend machen, Balance im Außen haben, Anpassen, einstellen, re-agieren. Es war egal, ob mein Innenleben schreit und ich mit meinem Da-sein wie eine Art Korken auf einem Vulkan sitze. Ich habe nicht gespürt, was ich mir damit antue und es erschreckt mich, nein- es tut mir leid, dass ich es irgendwann nicht mehr gemerkt habe.

Für mich sind die Politiken, mit denen sich die queere Szene ™ auseinanderfetzt; neben- wie durcheinander und gegenübersetzt eine Welt, die ich mit mehr Entfernung betrachte.
Vielleicht.
Ich hab keine Ahnung. Irgendwie ja, irgendwie nein und ganz irgendwie bin ich selbst doch weder Fisch noch Fleisch noch Sojabratling.

Ich bin bewusst für Diskriminierung, Ausschlüsse, Umstände und Gewalten, Gründe für Gefühle von Verletzung und Einschränkung.
Bilde ich mir ein.

Wenn jemand dekonstruiert oder einfach nur kaputtschlagen mag, was mich zusammensetzt, ist das kacke und ein Übergriff, der unbenennbar ist, weil Dekonstruiertes in der Regel noch nicht kollektiv einheitlich benannt und/ oder bekannt ist. Ergo stellt sich das gleiche Problem, wie ich das lange mit dem Körperteil “Vulva” hatte: Was keinen Namen hat, _ist_ nicht.

Besonders krass trifft  mich sowas, weil ich mein ICH als etwas, das ich konstruieren bzw. als Konstruktion wahrzunehmen zum Ziel habe.
Es ist nicht so, dass ich ein Bild von mir (als ein Ich) habe und das nur mal hier ein bisschen und mal da ein bisschen neu sortieren muss oder in einem Kontext neu oder anders positionieren muss.

Vielleicht liegts daran.
Ich hab keine Ahnung.

Ich bin viele Identitätswahrnehmungen- positionierungen- stati und – zustände gleichzeitig.
Vielleicht kam die Angst aus dem Viele gleichzeitig sein- dem alles gleichzeitig passen und genau deshalb wieder nicht passen- sein.

Ich habe den jugendlichen Anarchisten gefühlt, der sich zum ersten Mal irgendwie genau richtig zwischen den Trans*menschen gefühlt hat, und aber gleichzeitig scheiße, weil er meine lila Sneaker und den Jeansrock trug und null zu den Körperpolitiken, feministischer Theorie oder sonst irgendwas sagen oder denken oder meinen oder fragen konnte. Er ist ein Teenager mit Halfcut und selbstgedrehter Kippe im Mundwinkel, der gegen Atomkraft und Kapitalismus ist. Kein queer – feministischer Diskutant, der sich bereitwillig in ein Awarenesshaus setzen würde, um anzuhören, was konkret an seinem Sprachgebrauch oder Sozialverhalten problematisch sein könnte.
Ich hab die Frontfrau und die Hungerkünstlerin gefühlt, die über das vegane Essen und die Körperthemen gestolpert sind und sich inmitten all der Körperpolitik und Selbstbild vs. Fremdbild- Ding zerfaserten, um in Klumpen gegen meinem Frustkummermops am Bauch zu klatschen.
Ich hab mir mein Shabbatgebet verboten, nachdem ich den Aufdruck “GOD FREE YOUTH” unter den Merchartikeln gesehen hab. Er hat mir gefehlt, mein wöchentlicher Moment mit der Schöpfung und dem Ankommen bei mir, als Teil dessen.
Ach da waren so viele kurze Momente, die ich mir alle teils intuitiv und reaktiv runtergewürgt hab, weil klar war, dass sie mit mir allein und einzig meinem (Er-) Leben zu tun hatten und nicht mit der Szene, dem Raum, den Menschen, dem System oder irgendeiner Politik.

Vielleicht komme ich an mir und meinem Stückelselbst zu dem Schluss, dass alle Awareness und Einladung zum Dasein und Ausleben des Selbst nicht funktioniert, wenn keine Grundlage im Individuum selbst ist, auf der ein Standing passieren kann. Wenn ich mich noch so oft und so tiefgreifend fragen muss, ob es mich gibt, ob mein Sein eine Legitimierung fern des Außen hat, ja, dann ist vielleicht auch so ein offener aware-er Raum, einfach nicht der Raum, in dem ich funktioniere ohne in reaktives Unbewusstsein für mich selbst zu fallen.

Vielleicht.

Klinikgedanken

Mohnund dann sind sie da, die Klinikunterlagen.
Wartezeit: ein Jahr – vermutlich ab Bewilligung, die in meinem Fall von einer Einzelfallentscheidung einer Rentenkasse, in die ich noch nie einzahlen konnte, abhängt

Ich stand am Fenster, spielte mit dem Umschlag herum und dachte darüber nach, ob ich mir mit den Gedanken an einen Aufenthalt nicht doch irgendwie eher eine reinhaue, als mir eine Hand zu reichen.
Vor 5 Jahren glaube ich, war ich das letzte Mal angebunden an eine Klinik für Psychotherapie und fand es mittelhilfreich.
Wenn ich mich für diese andere Klinik entschiede und das bewilligt würde und die Klinik sagte: “Ja”, dann wäre ich nicht nur “angebunden an eine Klinik” – ich wäre mittendrin. Vollstationär, “Zillionen Kilometers weit weg!” und dann auch noch ohne NakNak* und so wie ich halt bin.

Ich habe von der Klinik von anderen Menschen mit DIS gehört, die sich allerdings alle in anderen Lebenssituationen als ich befanden.
Wo es noch viel darum geht: “Oh G’tt multipel und was- wo wie –äh hümm ich bin vielleicht eigentlich gar nicht da aber uhääää *strampel* “ oder auch TäterInnen*kontakte, Symptome verstehen, Stabilisierung und so weiter. Ich würde jetzt nicht von mir behaupten, dass ich schon fertig bin mit meinen Vermeidungstänzen oder, dass ich immer jedes Symptom sofort einordnen und regulieren kann, aber es ist als Thema nicht mehr so groß und ich bin davon weg MedizinerInnen* und PsychotherapeutInnen* zu idealisieren, ohne es zu merken.

Ich glaube am Anfang war es wichtig für mich meine HelferInnen und TherapeutInnen so hochzuheben und ihnen viel Macht zuzuschreiben, um meine eigene Ohnmacht vor dem was mit und in mir passiert als wahrhaftig anzuerkennen. In der Hinsicht hat mir die Pathologisierung meines Leidens schon auch nicht nur geschadet. Gegen Krankheit kann man sich halt schlecht wehren- da ist man eben ohnmächtig und krank und das Thema “Schuld” kann gut beiseite gestellt werden.
Aus der Klinik habe ich bisher nur höchste Lobestöne gehört und das macht mich gleich mal misstrauisch hoch zehn.

Und dann, selbst wenn die BehandlerInnen* gut sind…
dann bin ich Patientin. In einer Klinik. Drin. Mit Hausordnung, Pflegedienst, MedizinerInnen, Fremdbeguckung und anderen PatientInnen*.
Dann heißt es “Guck in dich rein- ich guck dich dabei an” , was ich schon im Rhythmus von einmal in der Woche jetzt schwierig finde.

Und es gibt Quasselgruppen. Also eine Quasselgruppe für Menschen mit DIS. Find ich gut.
Noch.
Wahrscheinlich finde ich das exakt so lange gut, bis ich das erste Mal ungeduldig werde. Oder “zu politisch drauf komme” was, wie ich ja inzwischen auch gelernt habe, auch mal total doof ist, wenn man Viele ist. Dann hat man ja größere Leiden als seine Umwelt.
Und ganz eigentlich erzählt man sich in Gruppen doch eh immer vor allem, dass man kennt, wovon die anderen erzählen. Mir ist das in der Regel voll egal, ob andere Menschen kennen, was ich kenne. Wobei soll mir das Wissen darum denn auch helfen? Oh wait- is there any political thing…?

Und- FakerInnen*
Es gibt keine Orte neben Internetforen, wo man häufiger auf FakerInnen* trifft und gleichsam ohnmächtig davor ist, es sei denn man ist eine gute Admine.
Ich habe schon Menschen unter dem Label DIS kennengelernt, die dreist ohne Ende und eigentlich für alle nachvollziehbar, die inneren Landkarten von anderen PatientInnen* kopiert haben, Verhaltensweisen übernommen und Geschichten erfunden haben und trotzdem nicht damit konfrontiert wurden von ihren BehandlerInnen*.
Und das inmitten der üblichen Klinikdynamiken, in denen Zuwendung und Aufmerksamkeit eine Währung ist, die kongruent zu Personalmangel und Bürokratie in ihrem Alltagshandelswert sinkt oder steigt.

In jeder Klinikgruppe gibt’s die Klapsmami, die für alle alles macht und immer für alle da ist- außer für sich selbst.  Es gibt das Huschi frisch drin und so voller Verwirrung und Angst, dass es eigentlich gar nicht da ist, es sei denn, jemand ist bei ihm. Der Großteil der Gruppe ist schweigend wenn’s drauf ankommt und leicht hin- und herschiebbar- perfektes Futter für den Spaltpilz, der ebenfalls immer mindestens einmal da ist und alle kontrollieren muss, um sich selbst nicht zu verlieren. Und in so eine Gruppe komme ich dann und es ist so “Heeemenememjemääääh mmmm gehweg!”
Wenn ich was sage, ist das nicht falsch- aber passend irgendwie nie. Wenn ich was mache, ist das weder super noch grotte, hat für mich aber einen Rattenschwanz, den ich einigermaßen fühle, aber nicht weiter benenne. Ich brauche niemanden und will das auch nicht und irgendwie ist das ein Umstand, der in Kliniken immer irgendwie komisch kommt.

Zum Einen wirkt das immer so, als würde ich sagen: “Ich brauche diese Hilfe hier nicht” (obwohl ich in der Regel sagen will: “Ich will nicht gerettet werden bitteschön- kann ich auch alleine”) und zum Anderen als würde ich denken “ihr seid alle zu [… irgendwas…] für mich” (obwohl ich in aller Regel nur sage, dass ich lieber für mich rummache, anstatt zu sagen “Hallo du bist ein Mensch- Menschen sind gruselig!”)

Und dann: meine Klapsenjugend und das Innen, das bis heute nur darauf wartet, dass die Therapeutin es “reinlegt”, wie “es alle diese Leute (TherapeutInnen) tun”.
Es ist ein Thema sich in äußere Strukturen reinfallen zu lassen und nicht wieder raus zu gehen oder raus zu wollen. Es gibt Innens, die nichts anderes, als das kennen. Die nicht geschockt sind von um sich beißenden sabbernden, wirr redenden oder anderen irgendwie aus der Welt gefallenen Menschen. Die arbeiten an ihrer Selbstzerstörung und sind dumpf für ein “Außen”, ein “Morgen” oder eine “Heilung”.
Wie viel Zeit werde ich damit verbringen, da Orientierung rein zu bringen und wie viel Arbeitskraft wird dafür drauf gehen diese zu halten?

Und daaaaahaaaann das, weshalb ich ja eigentlich darüber nachdenke, ob es mir hilft da zu sein.
Ich hab nicht so richtig das Gefühl, dass wir ambulant da so dran kommen. Entweder grätscht uns der Alltag in den Strang rein oder wir kommen erst kurz vor Ende der Stunde überhaupt nah genug dran, um kurz zu gucken und dann wieder zuzumachen. Das reicht um ein gewisses Level zu halten und ist deshalb gut und wichtig, aber so richtig den Dreh, den es braucht, gab es bis jetzt nicht.
Würden wir den hinkriegen, wenn wir mit einer total fremden Therapeutin* reden? 2 Mal in der Woche?
Ich habe keine Ahnung und das nervt mich.

Vor 10 – 11 Jahren etwa kostete ein Klapstag angeblich 500€.  Sollte ich nicht ein bisschen sicherer in meiner Einschätzung sein, wenn ich gedenke etwa 60 Tage lang um die 500€ aus der Krankenkasse rauszuziehen?
Sollte ich nicht weniger “Gnah Menschen…” in mir fühlen? Sollte ich nicht mehr “Wohooo Heilung juppie eiyo!” – Drive drauf haben? Sollte ich nicht ehrfürchtiger vor der Rettungsenergie von BehandlerInnen* und HelferInnen* stehen? Weniger Angst vor der Trennung vom Hund haben? Weniger Angst vor der räumlichen Entfernung von meinem Bullergeddo, meiner Therapeutin, meinen Gemögten, meiner Muchtelbutze mit all ihrem Dreck und Schrunz haben?

Es ist doch auch alles gut.
Morgen fahre ich zum queer-feministischen Sommercamp und gebe einen Workshop. Ich hab Vortragstermine und mit ein bisschen Glück hab ich gerade etwas produziert, was anderen Menschen mit PTBS hilft. NakNak* und ich sind ein gutes Team, ich hab Gemögte, ich habe sogar die letzten Tage in meinem Bett geschlafen. Ich hab Geburtstag gefeiert, Pflanzen nicht umgebracht und meine Zukunftsvisionen entwickeln gerade rudimentäre Arme und Beine. Ist doch alles prima.
Ist doch nur… also, es ist ja …

 

[… insert kakophones Grunzstöhnen vor dem Hintergrund eines anhaltenden Kopf —> Tisch – Geräuschs…]

(orrrwiesobinichsoeinwankelmuckschesHörnchenverdammt?!)

wie ich einmal begriff, dass ich auch ein Körper bin

orchideeSeit 7 Jahren liefere ich mir Gefechte mit der Sprache, Worten und dem Schweigen.
Ich schweige viel, weil ich es muss, weil ich es soll und aber auch, weil mir gründlich und oft die Sprache verschlagen wurde.

Das Bloggen, das freie Schreiben allgemein, war und ist für mich die krasseste Aneignung meiner Macht und Freiheit als Überlebende von sexualisierter Gewalt, als Sinn- und Bestimmungssuchende, als Frau, als Liebende, als sinnlich lebendiges Wesen. Mir ist es wichtig mich ausdrücken zu können und dafür verwende ich natürlich auch noch andere Kanäle, wie die Kunst zum Beispiel.
Doch das Wort… – am Anfang von Allem war das Wort.

Was nicht benannt ist, existiert nur als Geist, als Idee, als Hauch, als Atem, als Odem. Es ist da, doch nicht als Objekt.
Was nie Objekt ist, kann auch nicht Subjekt sein.

Es ist ein Verdienst meiner Twittertimeline  und ihrem Gespür und Geschmack für feministische Literatur, Webseiten und Projekte, dass ich mir den Begriff “Vulva” angenommen habe, ihn verwende, wenn ich es kann und mich darüber an das eigene zum Opfer geworden sein herantasten konnte.
Wieso ich so einen Begriff brauchte, wird mir klar, seit ich mich mehr mit biologischer Weiblichkeit (und Sexualität) befasse, anstatt bei der sozial (und darüber politisch) konstruierten Weiblichkeit zu bleiben, die mir gerade wegen ihrer scharfen Abgrenzung zu meiner Körper- meiner Fleischlichkeit (Objekt-ivität) immer irgendwie sicherer erschien. Kühl, sachlich, logisch.
Hübsche, schnurgerade Spaltung durch einen Themenkomplex, der unfassbar eng verwoben ist.

Wie die Ebenen “Körper”, “Geist” und “Seele”.
Seit ich meine Selbstzerstörung offenlegte, wurde ich mit meinem Erleben auf die Ebene “Seele” reduziert und darüber um die Ebene “Geist” betrogen.
Verrückte Menschen können sagen, was sie wollen und warum sie es wollen – sie sind verrückt auch wenn (vielleicht für einige Menschen auch gerade, weil) ihr IQ alle Grenzen sprengt. So funktioniert Stigmatisierung und genau darauf basiert die Solidarität, die unter Ex- Klapsis, ehemaligen MitpatientInnen* und Menschen mit Diagnose doch auch herrscht bzw. als herrschend gewünscht wird. Man ist eine Einheit durch die Diskriminierungen, die mit Pathologisierung und Stigma von (Er-) Lebensweisen einhergehen.
Das Problem dabei: Man verbleibt in genau dem Bereich, weil man sich nur dort sicher, verbunden, verstanden fühlt und wird zum Gruppen_körper.

Die ureigenste innere Ebene “Körper” bleibt draußen (abgespalten) und kann es auch ruhig.
Der ist ja sowieso ein ekelhafter Verräter, Versager, hässlich, unvollkommen, unbrauchbar, einzig nützlich zur Manipulation für Gefühle von Kontrolle, Gewalt(re)inszenierung, Projektionsfläche für alles und alle, jede, jeden … eine Liste, die beliebig erweiterbar ist, jedoch in diesen Kontexten selten als ein integrierter Bestandteil des Selbst-Seins auftaucht.
Ich habe in Selbsthilfeforen von und für Menschen mit Misshandlungserfahrungen, glaube ich, immer nur dann über meinen Körper gesprochen, wenn er mal wieder krank oder verletzt war oder von mir traktiert wurde. Alle ™ haben es verstanden und die Ablehnung meines Körpers- den Hass, der sich oft genug von TäterInnenintrojekten und täterInnenloyalen Innens reinszeniert an meinem Körper entlud (und bis heute entlädt), damit auf eine Art legitimiert, die mir den Druck nahm, mich für meine Selbstzerstörung schämen zu müssen. Was mir natürlich oft geholfen hat und meiner Meinung nach auch wichtig ist.

Ich kann mich spontan aber auch an keinen einzigen Thread erinnern, in dem jemand davon erzählte, sich einmal genau angeschaut zu haben und es okay/gut/toll/befriedigend/ sich seiner selbst (seinem eigenen Selbst) versichernd erlebt zu haben.

Sexuelle Gewalt ist nicht nur deshalb so schlimm, weil sie beschämend ist oder mit Schande und Schuld an der falschen Stelle belegt, sondern, weil sie die “Körper Geist und Seelen-  Integrität” von allen Menschen verletzt bis vielleicht an manchen Stellen auch zerstört.
Scham, Schuld und Schande sind es, die diese Spaltung nach der Traumatisierung aufrecht erhält, wenn nicht sogar überhaupt erst als “nötig abgespalten zu werden” markiert.

Und damit sind wir bei Scham und damit beim Auslöser dieses Artikels.
Mein Körper kämpft seit Juni gegen eine heftige Vaginalinfektion und ich bemühe mich souverän- kühl, sachlich und logisch damit auseinanderzusetzen.

Ich sorge dafür, dass meine Kinderinnens viel vom Heute durch meine feste Verankerung hier fühlen können. Ich kommentiere nach innen alles, was ich im Außen tue. Jeden Tag neu und immer wieder. Und immer wieder neu und fest und ruhig. Ich bin so aufrichtig wie ich kann dabei und äußere sowohl meine Sicherheiten, wie Unsicherheiten und wie ich womit umzugehen gedenke.
Das ist für mich ein bisschen wie in der Wohngruppe für Menschen, die mehr Hilfe beim Lernen und Begreifen brauchten, in der wir früher einmal gelebt haben, aber ich merke wie sehr das nötig ist.
Darüber komme ich langsam in die Richtung, in der mir klar wird, wie viel (eigentlich irgendwie alles) mein kindliches Innenleben überhaupt nicht einordnen kann, weil es gar nicht meine Ebene verwendet.  Für viele von ihnen ist alles “Körper” und ein bisschen “Seele” (im Sinne von “das mag ich/ das tut mir gut, weil es sich körperlich gut/wohlig/schön anfühlt”).

Und dann tut es auch noch DA weh. Und dann brennt auch noch DAS DA und dann ist man alleine mit einem Menschen (meiner Gynäkologin) in einem Zimmer (ihrem Behandlungsraum) und es gibt die klassischen Tänze des Schweigewörterpaars (“da” und “dort”) und ich Heldin Eis-enherz mit Wörterwaffen zur Selbst-Erhaltung mitten drin.
Ich hab mich so gefeiert, wie ich da saß.
Bis an die Frisur meiner Zähne bewaffnet und voll da- Schlaglicht- Superstarosenblatt- und benutzte die korrekten Wörter für meine Genitalien, während ich meine Symptome schilderte. Ich bin bisher nie über Schweigewörter wie “da” und “dort” und “zwischen meinen Beinen” und “im Schritt” hinausgekommen.
Und dann: Schweigen auf medizinisch vor angehaltenem Atmen hinter riesigen Innenaugen.

Alle meine Waffen sind auf einmal kaputt gegangen und ohne Mist- _ich_ habe gemerkt, wie der Trigger griff und ich anfing mich zu schämen für meine Wortwahl, meine Aneignung. Mit jeder Minute mutierte mein so so so toller Schritt in Richtung “sich-selbst- bewusst-werden/sein/bleiben-weil-Selbst- selbst-benennen” (seine Körperteile zum Objekt machen um ihr Subjekt (gewesen) sein anzuerkennen) zu einem Fehler, einer Frechheit, einer Schande, einer Straftat…
und als sie mir dann beim Entnehmen einer Laborprobe auch noch weh tat, war für mein Innen (und ein bisschen auch für mich) alles klar. Klar musste das jetzt weh tun (und dann doch nicht richtig gelaufen sein), klar war es Schwachsinn so zu reden- “Guck die Frau ist Ärztin und sagt auch immer nur “da” und irgendwas mit “Scham”! Das würd nich was mit Scham heißen, wenns nix Peinliches wär- ist besser nur “da”. “Da” könnt ja alles sein- dann weiß es keiner und alles ist sicher.”.
Ein zwei drei Schritte zurück.

#Mau

Ich versuchte mich zu sortieren und zu orientieren. Irgendwie Ruhe zu finden und meine Sicherheit wieder aufzubauen und merkte, dass ich wiederum nach innen verzagte und selbst wieder Schweigewörter verwendete. Ich sagte nicht: “Meine Vulva tut weh, weil da eine Infektion ist”, sondern “da ist was, aber das hat nichts mit Gewalt zu tun”.
Natürlich hatte das so überhaupt keine Klarheit mehr und war einfach das typisch wabernde Wortschwallen, mit dem ich mich für mein Innenleben bewusst-los mache, um zu funktionieren.

Als ich dann aus der Praxis ging, kam aber auch Ärger über die Ärztin auf.
Dass ich keine einfache Patientin bin weiß ich- ich bin ja auch nicht nur Eine.
Ich fordere inzwischen schon ein zu erfahren, was genau in und an und um meinen Körper passiert, einfach um genau diese Spaltung zu überbrücken und bestehende Brücken zu stabilisieren.
Wenn mir jemand erklärt, wie mein Körper versorgt wird, visualisiere ich mir das (mache mir ein Bild- eine Idee- einen Hauch) und lege diese Idee auf die Körperstelle, die betroffen ist (verbinde Idee und Objekt und erfasse so die Stelle als Subjekt der BehandlerIn bzw. der Umgebung oder auch des sozialen Kontextes). So wird für mich viel besser begreifbar, dass ICH in Behandlung bin und zwar auf eine spezifische Art und Weise, die in bestimmten aktuell nachvollziehbaren Kontexten beeinflussbar ist. Das versichert mich, beruhigt mich und das Lernen durch Begreifen bekommt eine Chance (ich und mein abgespaltenes Innenleben rücken näher zusammen).

Ich fühle den Körper nicht konstant. Wenn etwas weh tut oder “irgendwie nicht richtig ist”, dann erfahre ich das über die Ebene “Geist”: als Notizzettel neben einem Termin bei einer/ einem MedizinerIn und kann mir so diverse Wellen aus der Ebene “Seele” erklären. Wenn meine BehandlerInnen* dann genau meine Spaltungen kopieren (etwa mein Schwimmen, meine Unsicherheit und auch mein Schweigen spiegeln oder übernehmen), weil sie denken, das wäre leichter für mich, kann ich das wohl verstehen. Es ist auch leichter für mich, weil es ist, was ich kenne. Es hilft mir aber weder dabei ein Wachsen anzubahnen noch bestehendes Wachstum zu stabilisieren oder auch in Verbindung zu bringen mit dem “Außerhalb von mir”.

Ich habe gemerkt, dass in mir Wut auf das Schweigen war.
Schweigen ist ansteckend und ich bin der perfekte Nährboden für Wortlosigkeit.

Ich feiere den Begriff “Vulva” nicht, weil ich Feministin bin und denke, dieser Körperteil gehört auf Altare gehoben.
Aber es ist der Körperteil, der von außen zu sehen ist- der allen Augen ein Objekt ist, was es für mich jahrelang eben nicht war, sein konnte und vielleicht nicht sein durfte. Ich hatte kein Wort dafür und habe andere Begriffe immer schwierig empfunden. Es gibt genug Frauen und Frauen* deren Vulva Namen, wie die von Haustieren tragen oder letztlich doch fälschlicherweise sagen “ist was zum was reintun”.
Das Schweigen, jedes “das da” und “dort” meiner ansonsten wirklich aufmerksamen und guten Gynäkologin, hat mir etwas von mir weggemacht und ich bin in meiner Berechtigung dort in der Praxis zu sein, der Legitimation einer Schmerzäußerung, der Forderung nach dem Verstehen, was passiert und auch gleich selbst  mit verschwunden.

Früher habe ich mich weggemacht, weil ich die Überreizung durch die Gewalt nicht tragen konnte oder auch, weil die Gewalt nicht mehr als mein Mich übrig gelassen hatte.
Heute erlebe ich mich weggemacht, nicht da und inexistent, wenn meine Präsenz als Reiz(auslösend)- los, weil Körper(benennungs)los belegt wird. Etwa, indem nicht (korrekt) benannt wird, was von mir kommt, an mir dran oder drin ist.

Es hat mich geflasht zu spüren, dass die Wichtigkeit von Worten auch für etwas an meinem Körper als Ganzes besteht.
In den ganzen letzten Jahren habe ich Sprache, Worte und die Art, wie sie miteinander arbeiten, seziert und mir Stück für Stück angenommen, um das, was ich auf meiner Ebene von “Geist”, die immer wieder zu Todesnähe erschrocken wird, von der Ebene “Seele” erlebe, zu einem Objekt werden zu lassen, um das “zum Subjekt der TäterInnen geworden sein” nach Außen zu bringen.

Diese Infektion zum jetzigen Zeitpunkt, der noch immer noch Trauer, Schmerz und einem Wachsen, auf das sich so sehr verbotener Stolz regt, bestimmt ist, bringt mich näher an die Ebenen “Seele” und “Körper” und lässt mich sehen, dass meine “Körper- Geist und Seelen- Integrität” nicht gänzlich zerstört sein kann.
Kann man sich denken, mit was für einer Freude dieser Gedanke für mich belegt ist?
Da ist noch etwas in mir heil oder heil geworden!
Wie schön!

Vielleicht darf man dann auch wütend auf ÄrztInnen sein, wenn sie das durch Schweigewörter anders darstellen.
Denn Letztlich brauche ich auch nach Jahren voller Selbstwahrnehmung, Selbstreflektion und Selbsterkenntnis, die Rückmeldung, dass es mich gibt. Dass ich physisch korrekt benennbar bin, weil ich eben nicht nur ein Geist bin, der Angst davor hat, seine Seele zu fühlen.
Wie jeder andere Mensch auch.

getriggert

und manchmal erscheint es mir, dass die Welt wie ein Strom aus blubberndem Eiter kopf-über mich hinweg schleimt

dann eröffne ich einen Abszess in meinem Denken und ziehe ein sorgfältig beschriftetes Zettelchen heraus

Derealisation
Depersonalisation
Dissoziation
Reorientierung
Erwachsen mündig autonom

und dann halte ich ihn hoch und versuche mich wie Poseidon, Zeus oder wenigstens König Triton zu fühlen und Kraft meines Wissens die Situation zu beherrschen

In Wahrheit schwenke ich ein weißes Fähnchen aus Papier

“meine Angst, ist nicht deine Angst”

inBalance“Was würden Sie ihr gerne sagen?”, hatte er mich gefragt.
”Vielleicht, dass meine Angst nicht die Gleiche ist, wie ihre.”.

Das ist, was ich mir aus meiner letzten Quasisupervision mitgenommen habe.
Wir sprachen über meine Angst irgendwann zu nah zu sein, um auch Entfernung, Entfremdung und vielleicht auch selbst gewählte Lebensenden tragen zu können.
“Was, wenn es mir irgendwann nur noch darum geht, dass ich nur noch bleibe, weil der andere Mensch mich braucht? Was ist, wenn ich es irgendwann so sehr brauche, gebraucht zu werden, dass ich übergriffig denke und fühle und vielleicht auch handle? Was ist, wenn ich mich irgendwann nicht mehr frage: “Moment mal- wer bin ich denn, dass… ?”?”

Als ich nach Hause ging, dachte ich darüber nach, welche Ängste ich als Begleitete immer wieder in Bezug auf mich und meine BegleiterInnen* habe.
Ich habe Angst davor zu viel(e) zu sein oder zu werden. Weil ich weiß, wie gerne und schnell Belastungen abgestoßen werden. Wenn ich in meiner Jugendhilfezeit eines gelernt habe, dann das.
Ich habe Angst davor, Angst auszulösen, indem ich ein relativ heiles Weltbild in Frage stelle. Weil ich weiß, wie wichtig für manche Menschen ein inneres “Es wird schon alles werden” ist.

Eine meiner BegleiterInnen* erzählt mir immer wieder von einer Unsicherheit (nicht Angst) über die möglichen Folgen der eigenen Handlungen, Aussagen, Fragen und Gedanken in den Menschen, die sie begleitet. Sie möchte nicht, dass es den Menschen schlecht geht, weil sie etwas getan oder gesagt hat, das diese Gefühle auslöst. Schon gar nicht, wenn die Strukturen ihrer Arbeit gar keinen Platz dafür lassen, auch in aller Ruhe negativen Gefühlen Raum zu geben und darüber in Kontakt zu kommen.

Mir ist gestern noch einmal mehr klar geworden, wie unsicher und vorsichtig ich mich (und vielleicht auch die Menschen, die ich begleite) im Miteinander bewegen.
Wir spüren, dass es ein wertvolles Dings ist. Etwas, das empfindlich ist. Etwas das, wenn es sich verändert oder bewegt, sei es konflikt- oder allgemein entwicklungsbedingt, als gefährdet wahrgenommen wird. Vielleicht manchmal auch als gefährdend. Immer wieder ist die Frage: “Zu nah? Zu fern? Wann ist der richtige Abstand um Forderungen oder Wünsche, Ansprüche oder Ratschläge zu äußern?” und im Nacken sitzt immer wieder die Angst vor dem Fehler, der eine andere Angst, einen Schmerz, eine Enttäuschung oder das Gefühl von Schutzlosigkeit zur Folge hat.
Vor ein paar Wochen noch kamen meine BegleiterIn* und ich zu dem Schluss, dass man es einfach versuchen muss.
Dass man wohl immer einfach irgendwie hineingehen muss und erst dann schauen kann, wie sich was auswirkt.
Inzwischen möchte ich hinzufügen, dass es eine Offenheit in Bezug auf seine Ängste braucht und diese gründlich kommuniziert werden müssen.

Ich weiß aber auch, wie lange das manchmal dauert und dann vielleicht am Ende viel vom jeweiligen Lauf der Leben abhängt, was wann wie kommuniziert (und rezeptioniert) werden kann.

Nehmen wir meine Therapeutin und mich.
Sie war Erstgespräch Nummer, ich glaube, 23 und wären die Gespräche mit den TherapeutInnen* vor ihr, nicht solche Katastrophen bzw. eher semiprima gewesen- und hätte ich nicht so vier fünftelmäßig daran geglaubt, dass es sowieso nichts wird – hätte ich ihr gegenüber gar nicht erst davon angefangen, dass ich viel(e) bin und sie sich das ordentlich überlegen soll.
Jedes Gespräch vorher hatte ich in einem zarten Eiertänzchen angefangen, weil ich dachte, ich müsste das kostbare Einhorn “TraumatherapeutIn” sachte und vorsichtig auf diese meine überladene Problemblütenwiese führen, damit sie nicht gleich sofort in Überforderungs_ängste flattern und mich als Begleitete ablehnen.
Am Ende trampelte ich in die Praxis meiner Therapeutin und fragte sie einfach nur noch: “Sind sie ein Pferd? – Ich hab da eine Wiese… “.

Wir hatten große Not und brauchten einfach irgendjemanden. Ich glaube, in der Situation konnten wir uns Eiertänzchen vielleicht auch einfach gar nicht mehr leisten.

Eiertänzchen ist ein gutes Wort. Es ist meine persönliche Magie: “Wenn ich mich nur leicht genug mache, nur lieb genug bin, nur offen genug bleibe, nur dies nur das- dann wird alles schon.” und sie ist Bullshit.
Okay, nicht ganz- sie treibt mich an, im Rhythmus meiner allgemeinen Vermeidungstanzerei zu bleiben und damit irgendwie auch mal Teile meines Lebens im Pflichtbereich zu schaffen. Aber die Kür… die Kür ist Schnörkel, ist “Gemögte halten” und “Kontakte schön/angenehm gestalten”. Ist “gemocht sein”, “angesprochen werden und angehört werden” außerhalb von Notsituationen.
Ist manchmal aber auch genau der schmale Grat, auf dem ich nicht nur Begleiterin bin, sondern auch Begleitete.

Wo mir dann manchmal alle Unsicherheiten und Ängste gleichzeitig in den Kontakt reingrätschen und die Angstsplitter vom Gegenüber gleich noch mit.

Und dann sind es nicht, wie bei meiner Begleiterin, bei der es die unmöglichen Strukturen der sozialen Arbeit sind, die einfach keinen Platz für diesen Bereich des Sozial(en)lebens lassen, sondern Unsicherheiten, ob ich den Menschen nah genug dafür stehe ( oder auch: weit genug weg) um Dieses oder Jenes zu sagen, zu meinen, zu äußern, darzustellen und einfach neben ihnen zu sein. Manchmal auch: Wohnen wir nahe genug bei einander (oder von einander weg)? Oder: Sind unsere Lebensrealitäten nah genug beieinander? Und: Wie und warum sind mir miteinander verbunden?

Meine soziale Angst besteht darin Menschen zu zerstören. Nicht nur zu verletzen, sondern zu zerstören.
Vielleicht ist es deshalb für mich an manchen Stellen überfordernd mit Menschen, die ebenfalls Viele sind, umzugehen. Bedrohungsgefühle passieren schnell und genauso schnell wird sich vor mir zu Boden unterworfen oder auch empfindlich tief in mich hineingebissen. Als Botschaft an mich bleibt dann nur eine Bestätigung meiner Angst.
Und dort rauszukommen ist schwer und gelingt mir in aller Regel nur über Entfernung.

Entfernung birgt aber eben auch Entfremdung.
Und dann die Fragen: Haben wir überhaupt genug Punkte, die den Kontakt “rechtfertigen”? Genug Übereinstimmungen und innere Nähe, um einander anzuhören?

Am Morgen nach der Quasisupervision dachte ich, dass ich mir vermutlich in fast allen Kontakten vor Augen halten kann, dass meine Angst nicht, die Angst des Gegenübers ist.
Sie äußern oft: Ich will dich nicht belasten- Ich will nicht zu viel sein- Ich will nicht, dass du meine Ohnmächte/ Zweifel/ Schwächen (mit)trägst.
Und ich äußere: Ich will dir nicht alles abnehmen wollen – Ich will nicht deine Retterin werden – Ich will nicht vergessen, dass du dein eigenes Leben führst und zwar nicht erst seit ich da bin.

Wir können darüber sprechen, eben, weil es nicht die gleichen Ängste sind.
Der Ängsteoverkill ist, wenn sich bei beiden Menschen Ängste bestätigen und beide Seiten überfordert von einander in eine Entfernung gehen und warten, was passiert.
Ich denke dann jedes Mal: “Nee- da war ein Stoppsignal- weitergehen ist Gewalt.” auch wenn das Gegenüber ein Weitergehen aber als Hilfe oder als eine Art Beweis meiner Wertschätzung deuten würde und darauf wartet, dass von mir etwas kommt.

Ist meine Angst zerstörerisch und verletzend zu sein aber einmal bestätigt, dann steht mir vor mir selbst nicht einmal mehr der Wunsch nach Kontakt zu.
Es ist eine Selbsthassspirale, die sich dreht und ausdrehen muss.
Alles was ich an der Stelle tun kann ist, das den Menschen in der Anfangsphase eines Kontaktes zu sagen und zu hoffen, dass sie es verstehen und begreifen können. Und mir letztlich auch meinen Selbsthass zugestehen können, als etwas, das ein fester Bestandteil meines (Er)Lebens ist, der nicht von jemandem außen weggenommen werden kann (muss).

Und als ich das dachte, kam mir plötzlich in dem Kopf, was ich in Bezug auf einen Menschen neben dem ich hergehe, tun könnte.
Einfach nur _da sein_  und mir klar machen, dass da gerade Ängste und Ansprüche und Kräfte am Werk sind, die sich schon ihre Bahn brechen werden.
Wenn der Mensch darüber Schmerzen, Trauer oder Wut hat, werde ich schon einfach passend für ihn da sein- ansonsten werde ich seine Hand in meiner gar nicht erst fühlen.

Und- ist das okay für mich?
– Ja, das ist völlig okay für mich.

Präsenz _da_ sein_ lassen

GlockenblumeIch saß auf dem Hügel aus Mutter_Erde und hielt die Hände eines Kinderinnens. Wir pusteten Seifenblasen in den Himmel beobachteten ihr Farbenspiel. 

Mittendrin hatte ich eine Art Epiphanie.
Da war wieder das Gefühl, ein Teil einer Umgebung, die einfach nur _da_ ist und nichts von mir will, nichts mit mir tut, nichts an mich heranträgt, weil ich da bin, sondern, weil ich ein Teil des gemeinsamen Raumes bin, zu sein. Dieses Schwindelgefühl, diese Art fernfremde innere Vibration auf das Bewusstsein: “Hier ist nichts, dass dich deines Seins versichert- du _bist_, wie alles andere auch _ist_ “ und die Erkenntnis: “Ich bin nicht, wo ich sein sollte, ich bin nicht, wer ich sein sollte, ich bin nicht für oder wegen etwas da – ich _bin einfach nur da_ und das bedeutet REIN GAR NICHTS.”

Ich weiß nicht, wie viel von meinem Text über Präsenz verständlich ist. Aber ich denke inzwischen, dass es fundamental ist, sich bewusst zu sein, dass jeder Mensch und alles was Menschen ausstrahlen, tragen und weitergeben, einfach immer erst einmal _ist_ und vielleicht einfach gar nichts weiter bedeutet, als, dass dort jemand oder etwas _ist_.

Ich habe in den letzten zwei Wochen viel darüber nachgedacht, was es mit meinem Retter* damals auf sich hatte.
Wieso er mich nicht einfach hat lassen können. Wieso mein Sein in seinen Augen nicht so bleiben durfte. Wieso meine Zufriedenheit nicht anerkannt war.
Ich hatte der Therapeutin gesagt, dass ich der Raum war, in dem ich war. Ich war es, dessen Rand mein Retter eingetreten hatte, um mich zu bergen. Diese Rettung damals ging mit einer Verletzung einher und niemand hat es gesehen. Weil niemand gesehen hat, was ich als mich betrachtet habe. Weil niemand gefragt hatte. Weil ich keine Worte in gemeinsamer Sprache hatte. Weil man nicht blutet, wenn man ein Raum-Sein ist, das verletzt wurde.
Ich hatte keine andere Wahl, als sein Eindringen als einen Angriff wahrzunehmen. Nicht nur, weil ich nur an Stille und simmernde Dunkelheit gewöhnt war und mich jedes seiner Signale angeschrien hat.

Vielleicht, das überlegten wir in der Therapie, weil das Gehirn in meinem Kopf nie die Chance hatte einfach nur _ da_ zu sein und darin respektiert und gelassen zu werden. Weil es vielleicht einfach nie okay war zu _sein_ .
Natürlich muss ich bis heute immer denken, alles was passiert, geschieht, weil ich nicht richtig bin.
Es kommt ja auch nie jemand daher und knallt mir eine, weil ich _da_ bin, sondern, “weil …”
Es passiert allgemein selten, dass GewaltäterInnen* sagen: “Ich habe XY misshandelt, weil sier* existent (_da_) ist”. Viel häufiger kommt: “Ich habe XY misshandelt, weil  XY das Falsche getan/gedacht hat “;  “weil XY falsche Merkmale/ falsche Charakteristika hat”; “weil ich dachte, XY denkt/macht/fühlt/glaubt… “ (und dies auf eine Unfähigkeit bei mir stieß, damit anders umzugehen).”

Es ist verboten und verpönt zuzugeben, dass einen das bloße Dasein von Individuen einfach nur ankotzt. Es ist ein Tabu, weil es so simpel ist. Weil da exakt 0 Spielraum für Schuldtamtam ist.
Wenn jemand jemanden tötet, weil er existent ist, dann kann schlicht niemand sagen, das Opfer trage eine Mitschuld. Niemand kann etwas für sein Leben.
Niemand kann darum bitten oder beeinflussen welche Eizelle, wann von wem befruchtet wird und sich dann so entwickelt, dass er oder sie oder * selbst entsteht. Das geht einfach nicht.

An meinem Sein und dem, was es in der Umgebung, in der ich nun einmal war, ausstrahlte, war alles in Ordnung.
Nichts von mir Transportiertes allein hat eine Legitimation ergeben zu tun, was mein Retter* tat, sondern der Kontext, in dem er meine Signale wahrgenommen und gedeutet hat. Ich muss ihm die Verantwortung an meinen Verletzungsgefühlen nicht abnehmen, nur weil sein Handeln angesichts der konkret bestehenden Lebensgefahr von einem anderen Standpunkt aus, als wichtiger gewertet wird und dieser Mensch eine Zilliarde soziale Kekse für sein couragiertes Eingreifen bekommen könnte.
Wir können alle nur spekulieren, was gewesen wäre, wenn er mich nicht wahrgenommen hätte. Ich wäre vielleicht gestorben- aber ich hätte niemandem Schuld daran gegeben. Vermutlich hätte niemand die Schuld an meinem Tod zugesprochen bekommen.

Ich, mit meinem Ich-Bewusstsein, als Innen XY in diesem Körper, hatte vor ihm noch mit keinem Menschen zu tun, kannte nichts vom dem, was woanders als dort war. Ich war nie mehr oder etwas anderes als dieser Raum bis zu dem Zeitpunkt. In meinem Kopf war nichts weiter drin als ein Rauschen aus Stille und schwammigunklaren Impulsen und wenn ich gestorben wäre, hätte das für mich schlicht _GAR NICHTS_ bedeutet.
Ein Spekulieren auf dem, was würde, wenn, hätte sein können, außerhalb der Umstände, in denen ich mich bewegte, haben mir zu Recht absolut nichts bedeutet. Ich kannte es nicht und habe es nicht begehrt.

Ich sehe solche Gedanken von: “Ja, man weiß ja nicht und es ist/wäre doch schade, was da noch verpasst wird, was alles noch gehen kann mit ein bisschen Hilfe/ Veränderung …” anders, wenn Menschen einander nah sind. Wenn sie voneinander tatsächlich mitbekommen, was welche Eingriffe bewirken. Wenn man miteinander in Austausch ist, Verbundenheit fühlt oder auch einfach familiär oder sozial verbunden ist.
Mein Retter* kam, trat in mich ein und riss mir mein Mich aus der Mitte für etwas, das mir egal war, unter Umständen, die mir nur Bedrohung- und Lebensgefahr signalisieren konnten.

Nein, ich muss dafür nicht dankbar sein, weil ich überlebt habe und heute Seifenblasen von Bergen in den Sommerhimmel pusten kann.
Es geht nicht um Undankbarkeit für eine Rettung – es geht darum, was Menschen von einander wahrnehmen und wie unterschiedlich die Bewertung dessen sein kann. Wie sehr das, was wir Menschen _sein_ und _da_  lassen können, davon abhängt, was es für uns bedeutet Momente, die Demut und Respekt abverlangen – auch und vielleicht gerade dann, wenn uns beides niemals jemand vorgelebt hat – tragen zu können, ohne eingreifend/ beeinflussend zu handeln.

Wir* verwenden so viele Arten sozialer Vermeidungstänze, sei es in Schuldgezirkel, Verantwortungsgeknote, V-Er-Zieh-ungsgezerre, weil es schwerer ist inne zuhalten und _sein_ zu lassen.
Für mich ist es so, dass ich heute einen Schmerz fühlen und tragen muss, der sich nicht über eine Sicherheit lösen wird, weil ich mit diesem Menschen einfach gar nichts zu tun hatte und habe. Ich werde nie erfahren, was er wirklich dachte. Ob er an meinem _da sein_ Anstoß genommen hatte oder wirklich in den Umständen, in denen er mich verortete. Er wird vermutlich nie erfahren, wie sein Handeln auf mich wirkte. Er wird nie erfahren, dass ich mir seine Rettung nie gewünscht habe.
Einfach schon, weil ich es damals nicht als Rettung wahrgenommen habe und selbst heute, das Wort dafür falsch empfinde. Semiheimlich, fastganz für mich allein.

Ich leide unter der Zeit, weil ich überlebt habe. Wäre ich tot, würde ich das nicht tun.
Für sein “hätte würde wenn”, in seinem eigenen Leben, bin ich nicht verantwortlich. Nie gewesen.  Auch deshalb ist mein Gefühl einer Verletzung, das über einer Dankbarkeit steht, in Ordnung.

Menschen füllen ihre Leben stetig mit Ansprüchen, Werten, Normen.
Wenn zwei unterschiedliche Systeme aufeinander treffen und ein Mensch oktroyiert dem Anderen seines, dann sprechen wir von Gewalt. Auch wenn ein drittes, viertes, fünftes kommt und sagt: “Hast fein gemacht.”. Es war _da_  und es ist keine HeldInnentat* fremde Werte, Normen und Ansprüche abzusprechen, zu vaporisieren. Und ja, für mich persönlich gilt das auch für Werte, Normen und Anspruchshaltungen, die ihrerseits absprechen und verschwinden machen wollen.
Ich kann nicht an nur eine Wahrheit, nur eine Art zu leben zu denken und zu werten glauben.

Nicht zuletzt auch genau deshalb, weil ich gezwungen war und bis heute bin, Abgründe, neben schwindelnden Höhen; Sadismus neben bedingungsloser Liebe; tiefes Begehren neben absoluter Entbehrung; Hass auf mein bloßes _da sein_ in mir selbst stehen zu haben und alles das zu tragen und _sein_ zu lassen.

Meine Epiphanie war nicht wegen dieser Gedanken eine. Sie war eine, weil sie sich gut angefühlt hat. Rund. Ohne Not.
Ich habe für einen Moment stehen lassen können, dass es damals so war, wie es war, eben, weil es eben so war- weil der Menschen in dem Moment genau _da_ war, wie ich selbst auch. Ich konnte aber auch gleichzeitig, mein Gefühl von Verletzung und Bedrohung durch sein _Sein_  stehen lassen, obwohl sich der Kontext, der dankbare Opfer vor “selbstlosen” RetterInnen* verlangt, nicht verändert hat.

Ich verstehe nun den Trigger an der Situation Anfang Mai, in der ein Mensch mein Leben retten wollte. Und ich verstehe meinen Schmerz daran.
Ich verstehe, dass es für diesen Menschen darum gehen musste mein Leben zu retten, weil ich schon immer als rettungsbedürftig wahrgenommen und eingeschätzt wurde. Weil es genug Ignoranz für meine Lebensumstände, meine Fähig- und Fertigkeiten gab, um immer das Opfer, das einer Rettung bedarf, zu sein.

“Ich könnte mir das nie verzeihen, wenn dir etwas passiert und ich das gewusst hätte.”, ist ein Satz auf den ich zu Recht fragen kann, warum mein Tod nicht verzeihbar ist, unerträgliche Lebensumstände und Qualen aber schon. Warum ich leiden darf, aber nicht sterben.
Warum ich hilfsbedürftig sein darf, es aber zu viel verlangt ist, wenn es dieser Mensch ist, an den ich mich dafür wende, weil ich aufgrund seiner Angaben, denke, dass er mir helfen könnte.

Ich verstehe, dass es mich schmerzt in meinem _Da-Sein_ ignoriert zu werden, nicht gehört und (für ) wahr- genommen zu werden, weil es für mich noch einmal um dieses Erlebnis damals herum eine Ebene gibt, die Gefühle der Todesnähe  beinhalten. Neben all dem was ich im Zuge von Menschen- und Psychiatriegewalt erfahren habe.

Ich bin nicht dafür verantwortlich, was sich andere Menschen nicht verzeihen können. Sie müssen es sich selbst verzeihen und wenn sie das nicht können, dann müssen sie es lernen oder damit leben, dass ich ihnen die Frage in den Kopf stelle, wieso sie sich Gewalt an mir verzeihen können, aber sich selbst nicht, wenn sie etwas oder jemanden _sein_ lassen.

Meinen Retter* habe ich nach meiner Befreiung damals nie wieder gesehen.
Der Mensch, der mir vor mehr als 2 Monaten noch so dringend das Leben retten wollte, dass es für vertretbar erschien mir Polizei und Krisendienst nach Hause zu schicken, obwohl ich sagte, dass das nicht nötig ist- dass ich für solche Momente andere verbindliche Absprachen habe, hat sich seitdem nie wieder bei mir gemeldet. Muss ihn ja brennend interessieren, was er da so gerettet hat.

In beiden Fällen, war ihr Handeln etwas, das mein Gefühl für mich selbst in dem Leben, das ich führe, massiver verletzte, als die Umstände, in denen ich mich befand. Sie haben sich über mich zu RetterInnen* erhoben und dann als ich gerettet war, mich selbst bzw. meinen Schicksal überlassen. Als meine Lage keine sozialen Kekse mehr hergab, war ich abgehakt.

Und in beiden Fällen könnte eine Instanz kommen und sagen: “Frau Rosenblatt präsentierte sich mit einem Leiden an…”
Und nicht: “Frau Rosenblatt sagte… und ICH dachte….”

Inzwischen, jetzt wo mehr als zwei Monate vergangen sind, glaube ich, dass mich nicht nur die Enttäuschung über die Menschen schmerzt, sondern auch, dass sie von anderen Menschen darin bestätigt werden, während ich hören muss, ich hätte es ja nicht anders gewollt.
Ich aber, habe es anders gewollt.
Ich wollte damals nichts weiter als Wasser. Etwas Anderes war gar nicht in meinem Kopf drin.
Und vor zwei Monaten wollte ich nichts weiter, als dass Menschen ihre Versprechen an mich halten. Mehr war einfach nicht _da_ .

Ich habe mich nicht präsentiert, ich habe keine Forderungen formuliert. Ich habe die Ansprüche gestellt, die mir legitim und logisch nachvollziehbar erschienen und war bereit mich in dieser Annahme auch zu täuschen. Mein Umfeld aber, hat sich einen Scheiß um das geschert, was ich wollte und dachte, fühlte und konnte.

Und das ist, was Gewalt gebiert: Ignoranz (um des eigenen Vorteils Willen)

Niemand muss sich für RetterInnen*gewalt („helfende“ Gewalt) an sich bedanken, nur weil er oder sie oder *, diese überlebt hat.
Niemand.
„Sei dankbar um dein Leben und halt die Fresse über deine Gefühle“, kann man nur an Unterlegene richten.
An die, die man sich selbst zum Opfer macht.