Es liegt nicht an deiner Intelligenz

dass du Schmerzen fühlen kannst.
Es liegt nicht an deiner Intelligenz, dass du Angst fühlen, Loyalitätskonflikte haben kannst, dich vor Gewalt und Lebensgefahr schützen willst.

Es liegt daran, dass du ein Mensch bist.

Kannst du dir mal einrahmen und an die Wand hängen, wenn du das nächste Mal mit Zitaten wie dem, das Paulines neulich geteilt haben konfrontiert bist.
Auch Menschen einem IQ von 30 sind „programmierbar“. Auch sogenannt „geistig behinderte“ Menschen sind traumatisierbar, sind fähig aus Gewalt, Schmerz, Todesangst heraus zu reagieren und ja, auch zu lernen bzw. zu anscheinend reflexhaftem Verhalten trainierbar. Ihre Traumafolgen sind auch Traumafolgen.

Nur bekommen diese Menschen sehr viel seltener die Chance zu Traumatherapie, werden praktisch aus der (neurologischen) Traumaforschung ausgeschlossen und aus Gründen gesellschaftlich akzeptierter ableistischer Normen als Opfer jeder Form der Gewalt praktisch hingenommen, als sei es ein Naturgesetz und deshalb etwas anderes, als bei anderen – „intelligente(re)n“ Menschen.

Wenn du heute, genau jetzt in dieser Zeit, etwas brauchst, das dir hilft gegen deine Traumawahrheiten, deine sogenannten „Programme“ anzugehen, dann mach das nicht mit einem Twist, der dich an einer Stelle aufrichtet, weil du dir einen schmeichelhaften Grund dafür geben und dir sagen kannst, dass du „immerhin nicht völlig gaga in der Birne bist“.
Denn dann musst du immer Angst haben, dass du es irgendwann mal wirst.
Du kannst dich damit über Feiertage retten, aber nicht durch ein Leben nach, sagen wir einem Schlaganfall oder einer Hirnblutung. Denn dann bist du erstmal augenscheinlich „gaga“ und hast obendrauf auch noch Feiertage und eine weitere innere Wahrheit, die deinem Wunsch nach Unabhängigkeit, geistiger Freiheit und Loslösung des Traumas direkt entgegensteht und dich der Lüge straft. „Hähä du kannst ja gar nix haben, du hast ja nur Matsch im Kopf“.

Das Leben nach der Gewalt bedeutet nicht, dass du dir die Gewalt der Gesellschaft, in der die Gewalt an dir passiert ist, annehmen und mittragen musst. Es gibt keinen Grund aufzuhören, sich mit anderen Gewaltgruppenmitgliedern zu vergleichen, sich gegenseitig zu verraten, runterzumachen, im Wert anzuzweifeln, weil es nicht mehr zum Überleben nötig ist – nur um dann im Leben danach, die nächsten vermeintlich Schwächsten zum Vergleich heranzuziehen, niederzumachen und damit dazu beizutragen, dass sie weiterhin als die schwächsten Menschen gelten.

Du darfst Menschlichkeit annehmen.
Du darfst Miteinander sein.
Du darfst dich darüber informieren, was für ein problematisches, ingesamt defizitäres Konzept Intelligenz ist.

Du darfst anerkennen, dass es schwierig ist, Antworten auf Traumawahrheiten, sogenannte „Programme“ in sich allein zu finden, ohne sich auf Äußeres zu stützen.
Das ist schwierig. Das ist brutal. Das ist, was man dir nie beigebracht hat, egal wo und wie du aufgewachsen bist.

Jetzt auf dem Weg der Loslösung zu sein, ist deine Chance. Jetzt hast du die Möglichkeit etwas neu zu lernen, anders zu machen. Vielleicht sogar besser zu machen als vorher.
Mach es.

 

4 thoughts on “Es liegt nicht an deiner Intelligenz

  1. Es stimmt: Die Schwere der Traumafolgen hat nichts mit mehr oder weniger „Intelligenz“ zu tun. Erfolgreiche Konditionierung benötigt ebenfalls keine besondere „Intelligenz“ beim „Opfer“. Einen Menschen per Folter und Bewusstseinskontrolle innerhalb einer organisierten Gruppierung zu „formen“, mit dem Ziel, ihn als vollwertiges (!) „Mitglied“ (= Täter*in) zuverlässig „nutzen“ zu können- das benötigt unserer (!) Erfahrung nach schon eine gewisse „kognitive Basis“.
    Es ist nicht die Schuld der Betroffenen, wenn es schwer ist, mind control-Verstrickungen aufzulösen. Es ist nicht deren Versagen oder Unvermögen. Ich lese diese Aussagen allerdings auch nicht aus dem geteilten Zitat heraus. Jedoch bin ich froh, dass Ihr diesen Text hier geschrieben habt.

    1. Und was soll diese „kognitive Basis“ sein? Wer bestimmt, was das ist, wie die aussieht, wie sie im Inneren einer Person wirkt? Ganz ehrlich: zu sagen, dass es das braucht, ist falsch.
      Kann sein, dass es verlangt wird, ja, dass das erwartet wird, ja, aber, dass es das braucht: nein.

      Ich kann verstehen, weshalb das Zitat so gemocht wird – bitte, wer das für sich braucht. Doch der letzte Satz zeigt ja, auf welcher Basis, der Anfang des Zitats oder die Haltung dieses Mannes fußt.
      Denke nicht, dass man sich an sowas (gewaltvollem) festhalten muss, um sich aus Gewalt zu lösen. Es sei denn, man will einfach nur lieber in Gewalten leben, von denen man selbst einfacher glauben kann, sie würde eine_n nie selber treffen.

      1. Ich meine mit „kognitive Basis“ z.B. Aufnahmefähigkeit, Konzentrationsfähigkeit, zügiges Begreifen von Aufgabenstellungen, schnelle Orientierungsfähigkeit, u.a. Mind Control wird sicherlich in unterschiedlichem Ausmaß und mit individuellen Zielen von Täter*innen eingesetzt- deshalb ist es problematisch, wenn man diverse Aspekte in einen Topf wird und nicht differenziert. Das sehe ich auch als kritischen Punkt in diesem Zitatabschnitt.

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