zum Weltautismustag 2021

Gerade setzen wir „Sprechen und Schweigen über sexualisierte Gewalt, Ein Plädoyer für Kollektivität und Selbstbestimmung“ von Lillian Schwerdtner (Link zur Verlagsseite). Es ist ein Buch, in dem mit vielen Fußnoten beschrieben wird, wer wann wie wo mit welcher Wirkung und warum über sexualisierte Gewalt spricht oder schweigt.
Während ich von Absatz zu Absatz scrolle, klicke, setze, verwebt sich in mir die letzte Therapiestunde – in der über erfahrene sexualisierte Gewalt gesprochen wurde – mit mir. Ich erfahre von den Gedanken eines Kindes, von einem Moment, in dem Bewusstsein über Unbewusstsein für alles außerhalb des eigenen Funktionierens auf dringenden Hilfebedarf von außerhalb trifft. Begreife, dass wir vielleicht nicht auf den Punkt des Innens gekommen wären, wüssten wir nicht vom Autismus und nicht, was „unser Autismus“ ist.

„Vielmehr wird Sprechen über sexualisierte Gewalt regelmäßig für Zwecke instrumentalisiert, die mit den Intentionen und Bedürfnissen der Sprechenden nicht übereinstimmen oder diesen sogar entgegenlaufen. Die Offenbarung von Erfahrungen sexualisierter Gewalt wird in solchen Fällen etwa zur Reproduktion und Rechtfertigung sexistischer, rassistischer oder klassistischer Vorurteile missbraucht“, fliegt aus dem Buch an mir vorbei und berührt einen Punkt, an dem ich zum Weltautismustag morgen kaue.

Seit wir hier darüber schreiben, werden wir öfter angeschrieben von Vielen, die sich „autistisch fühlen“ oder als Erklärung für „nicht traumabedingtes Verhalten“ Autismus heranziehen und sich fragen, wo man als erwachsene Person zu einer Diagnose Diagnostik kommen könnte. Wir antworten immer was wir können und wissen, urteilen nicht, wollen helfen und schaffen das wohl manchmal auch.
Aber.
Die Vorurteile bemerken wir auch. Die Annahmen, was Autismus sei und woran man ihn erkenne. Die Idee, Autismus sei eine Traumafolgestörung, eine von den ganz krassen ultra deepen für immer bestehenden Verletzungen, die man nicht sieht, aber eindeutig angetan wurden. Voll logisch bei Opfern. Die ja, ebenfalls voll logisch, auf jeden Fall für immer und ewig davon gezeichnet sind, was ihnen passiert ist und nur durch unfassbare Stärke/ein Wunder/ganz exzellente Traumatherapeut_innen Traumatherapie so etwas wie unauffällige Alltagsfunktionalität hinkriegen.
auch die ableistischen Vorurteile über Autismus und autistische Menschen bemerken wir. Das Konglomerat aus dem sich das Bild des zarten, weißen, cis, hetero und ergo zutiefst unschuldigen autistischen Mädchens ergibt, welches eigentlich super klug/konzentriert/über_natürlich ist und alles hätte sein und schaffen können, müsste es nicht immer schaukeln, weil es Zentrum der Gewalterfahrung war und durch die Unwillkürlichkeit der global überfordernden, schrecklichen, gewissermaßen retraumatisierenden Erinnerungen, praktisch immer wieder zum Opfer wird.

Wir stellen uns nicht so dar, schreiben nicht so, weder über „unseren Autismus“ noch über unsere Gewalterfahrungen bzw. unser Er_Leben mit deren Folgen, sodass wir uns nicht als Ursache für diese Vorurteile sehen müssen. Wohl aber werden unsere Erzählungen benutzt, um im Weltbild anderer Menschen Sinn zu erzeugen, den sie für sich annehmen und in ihre Selbstsicht integrieren können. Was nicht mit Absicht passieren wird und erst recht nicht mit dem Bewusstsein dafür, was das mit uns persönlich und dem, was wir hier erreichen wollen, macht, aber – as always – geht es bei getaner Gewalt nicht um Absichten, sondern um Verantwortungsübernahme und Veränderung, um (wieder) gut zu machen.

In meinem Text zum Weltautismustag wollte ich meine Unzufriedenheit über die Besonderisierung autistischer Menschen, die mehrfach marginalisiert sind, zum Ausdruck bringen und formulieren, wie frustrierend es ist, dass ebenjene Mehrfachmarginalisierung als Begründung für diese ausschließende Zuordnung herangezogen wird. Nun denke ich, dass ich mir das auch schenken kann, weil der Raum, in den wir hineinerzählen, einer ist, der unsere Erzählung einfach nicht aufnehmen, begreifen, ver-ich-lichen will, sondern einer, der uns als Quelle fremder Einflüsse wahr.nimmt und benutzt. Auch schon tausend Mal aufgeschrieben.

Schon die Einordnung in „Betroffene“ und „alle anderen“ ist ein Problem. – Auch eine schöne Fußnote in dem Buch übrigens: „If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse one.“ [1] – Ich weiß nicht, wie oft, wie lange, mit welcher Performance, zu welchen Punkten in der Geschichte noch erzählt werden muss, dass es so etwas wie „Unbetroffenheit“ nicht gibt, wenn Menschen anderen Menschen Gewalt antun. Wir sind nicht alle eins, aber die Welt ist ein Dorf und außer den Tod gibt es keinen realen Ausschluss.
Realer, wirklicher Ausschluss würde es ermöglichen, ganz eigene Strukturen zu entwickeln. Wir könnten sie einfach haben die Nachwachshäuser, die Dörfer voller Autis, Depressiver oder Zwängler_innen und könnten drauf kacken, was die Normalen machen. So läuft es ja aber nicht. Und zwar, weil es diesen Ausschluss braucht. Er wird gebraucht um normal, funktional, fähig zu definieren.

Scheiße ist das.
Und Realität.

Eine, in der ich mich frage, ob, wenn ich hier veröffentliche, was ich über „unseren Autismus“ lerne und verstehe, dies als Vorlage missbraucht wird, um sich nicht aufrichtig mit sich selber und den Gründen dafür zu befassen, weil es nach wie vor die Denke gibt, ausgeschlossene Menschen könnten nicht selber ausschließen, Verletzte nicht selbst verletzen, als „richtig echte Opfer“ eingeordnete Menschen, nicht selbst der Grund dafür sein, dass es „nicht echte Opfer“ gibt.
Dafür muss ich keine Verantwortung übernehmen und das wird auch nie der Grund sein, hier nicht mehr zu veröffentlichen – aber: Es braucht alles das hier nicht, um zu wissen, dass es das gibt. Ich brauche das hier für mich und mache es für alle zugänglich, weil ich damit nicht allein sein möchte. Das ist das eigentliche Dilemma und das, was mich einfach sehr schmerzt: Der Versuch, der Wunsch, das zutiefst menschliche Bedürfnis, sich mit einer Gesellschaft zu verbinden, von der nicht zu erwarten ist, dass sie sich gemeinsam mit mir macht, weil sie sonst anerkennen müsste, was sie Menschen wie mir warum antut und sehr viel ändern müsste.

 

[1] Brachmann, Jens (2019): Täter, Tätersysteme, Ermöglichungsbedingungen sexualisierter Gewalt. In: Jens Brachmann (Hg.): Tatort Odenwaldschule. Das Tätersystem und die diskursive Praxis der Aufarbeitung von Vorkommnissen sexualisierter Gewalt. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt, S. 27–311.

4 thoughts on “zum Weltautismustag 2021

  1. Versuche Eure Worte und Ihre Bedeutung in mich aufzunehmen und zu verstehen. Natürlich durch die Farben meiner Regenbogenbrille….dennoch ist eine Verbundenheit und ein Verstehen etwas Gemeinsames möglich….Ich habe mich auch viel mit meinen negativen Seiten befasst, parallel eine quietschebunte Phantasiewelt zum Ausgleich , zum Abtauchen geschaffen….manchmal dringen Fetzen davon in mein erwachsenen Bewusstein und dann freue ich mich darüber was mitzubekommen….auch dieser Wunsch was Besonderes für jemanden zu sein hat seine Daseins-Berechtigung….der Wunsch nur als gut, als interessant, als sehr verletzt und gerade deshalb so wertvoll zu sein…ich probiere mal das alles zu akzeptieren und dennoch nicht die anderen Seiten, die auch ganz anders können nicht zu verdrängen….habe ich nun etwas von dem was Ihr ausdrückt verstanden und wieder gespiegelt?

    1. Ich bin mir nicht sicher, was du aufgenommen hast.
      Ich glaube, es gibt auch mehrere Ebenen beim „hier lesen“. Manchmal verbindet man sich über die Diagnose, manchmal über den Wunsch sich zu verbinden und manchmal über einzelne Themen. Was wir hier ausdrücken, kann eine Andockstelle für alles bieten, auch ohne sich mit uns als Person zu verbinden. Das ist, glaube ich, ein übliches Autor_innen-dilemma. In diesem Text schrieb ich über etwas, das darüber hinausgeht – auch über mich als Person. Es geht mir darin nicht darum, dass mir alle zuhören sollen, mich alle verstehen sollen, damit alle sehen, was mir passiert ist oder wie ich bin, sondern darum, dass alle begreifen müssen, was sie von Menschen wie mir erzählt bekommen, um zu realisieren, dass es eine Verbindung trotz vieler angenommener und praktizierter Trennungen gibt.

  2. Ja da trefft Ihr sicher einen „wunden Punkt“ mit der Vermischung von Ebenen…Mein Wunsch nach Verbindung entspringt aus dem frühkindlichen Mangel an Verbundenheit….dann vermischen sich oft die Ebenen…die Bindungssehnsucht ist für mich sehr nah und greifbar, Autismus weniger ein Thema…aber eine Rettung war für mich auch die Fähigkeit zu einer relativ selbstkritischen Reflektion…trotz dem ganzen Wust an ambivalenten und widerstreitenden Gefühlen..tatsächlich habe ich beim Lesen viel über mich und andere gelernt und es ist auch heute noch meine Rettung…also lieben Dank an Euch als Autorin und insofern auch Vermittlerin….

  3. Hab jetzt schon wieder diesen Euren Text gelesen…und kann es immer nur aus meine Warte betrachten und versuchen zu verstehen. Diesmal fällt mir auf, dass ich beide Seiten in mir trage (als Unterschied im Vergleich mit Eurem erleben). Ich habe diese eine Seite die ganz normal leben kann und sich an die Gesellschaft zumeist recht gut anpassen kann und ich habe diese andere Welt der traumatisierten Innens- auch in mir, die dann mit Gefühlsausbrüchen manchmal im Normalen aussen für Verwunderung/Abwehr sorgt. Das Autistische ist sicher auch vorhanden nur in einem Anteil auf eine abgrenzbare Einheit konzentriert…Entsprechend trage ich wohl beide der in Eurem Text angesprochenen Welten in mir und bin in beiden Welten auf unterschiedliche Art und Weise angesprochen. Während Ihr davon redet aus dieser Gesellschaft ausgeschlossen zu sein aufgrund Eurer kompletten Andersartigkeit, die diese Gesellschaft nicht verstehen und nicht erforschen möchte, um sich nicht schuldig zu fühlen, bzw. nicht die Notwendigkeit spüren möchte was ändern zu müssen….um Eurem Ausschluss entgegenzuwirken…

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