Nicht-Entscheidungen

Am Ende bleibt die Frage, ob ich das darf.
„Darf ich meine dissoziativen Fähigkeiten nutzen? Darf ich Innere, die an Situationen wie diese gewöhnt sind, nicht orientieren, obwohl ich das könnte? Darf ich zurück in das so vertraute Sprechen, Denken und Fühlen von ‚Ich bin nicht die anderen Inneren‘? Darf ich solche Situationen so hinkriegen, wie ich sie hinkriegen kann, obwohl das für andere möglicherweise unangenehm ist und negative Eigenschaften von mir impliziert?“

Als ich von der Klinik nach Hause gehe, ist mein Tag gelaufen und vorbestimmt. Alles musste schnell gehen. Ich hatte keine Vorbereitungszeit, keine Alltagsplanung, keine Assistenz oder Begleitung für 4 Stunden Zug- und anderthalb Stunden Autofahren, Klinikbetrieb, Untersuchung, Gespräch, Termine machen, Medikamentenplan, Auslandsbestellung, Arbeitskommunikation, gesunde Ernährung, körperliche Auslastung und sich nicht stressen. Ich musste da durch. Nichts ums Verrecken, klar, aber … am Ende einer Kette, die ich aus Furcht, dass sie niemand versteht, nicht aussprechen will – schon.

Also bin ich ins Auto und weiß jetzt nicht über die gesamte Strecke, ob da alles richtig lief. Saß im Zug, ohne da zu sein. Joggte übers Gelände, um rechtzeitig da zu sein, nur, um ohne ganzes Ich anzukommen. Machte keine Sozialperformance, keine Bezugsgesten, griff einigermaßen wahllos nach Krankenhausfloskeln, um sie in die entsprechende Leere zu sprenkeln. Ich stimmte einer Untersuchung zu, die ich nicht wollte und brachte keinerlei Widerstand gegen den Wechsel auf. Nur in den Transitionsphasen, der flirrenden Auflösung zwischen zwei Aufgaben, versuchte ich, meinen starren, zeitweise sprachlosen Zustand zu entspannen. Mit gemischtem Erfolg. Einerseits kann ich mich daran erinnern und davon erzählen, andererseits kann ich nicht einordnen, was das für eine Erfahrung war. Wie sie sich angefühlt hat. Kann nicht gut sagen, ob und wenn ja, wie sich der Bezug zu den Menschen, mit denen ich im Kontakt war, verändert hat.

Das, dieser schwebende diffuse Zustand, ist mir sehr vertraut. Es ist, als könnte ich mich willkürlich entscheiden, ob dieses Geschehen wahr oder unwahr, real oder irreal, echt oder falsch, wichtig oder unwichtig, relevant oder irrelevant, gut oder schlecht war. Mit ein bisschen, ein ganz klein wenig Anstrengung sogar, ob tatsächlich ich es erlebt habe oder nicht.
Es ist eine Bewertungsentscheidung, aber auch eine Bezugsentscheidung. Will ich annehmen und mit mir in Bezug setzen, was passiert ist, oder nicht? Kann ich annehmen und in mein Bild von mir und der Welt integrieren, was ich erlebt habe, oder nicht?
Eine DIS entwickelt sich entlang von solchen Fragen und Zuständen. Unbewusst, blitzschnell, routiniert. Immer mit dem Ziel des Schutzes und der Bewahrung dessen, worum man sich sicher wähnt.
Dass es sich in diesem Moment weder unbewusst blitzschnell noch routiniert abwickelt, ist ein Therapieerfolg und Zufall. Diese Situation war krass, aber nicht extrem. Meine Reaktion war dissoziativ, aber nicht durchgehend. Ich konnte mich regulieren, konnte mich beobachten und mein Verhalten abgleichen, obwohl ich nicht ausgeglichen war und entsprechend auch nicht alle Informationen aus meiner Selbst- und Umweltbeobachtung ankamen.
Und zufällig war es eine neue Erfahrung. Eine neue Selbsterfahrung. Ich kenne mich hart und durchfunktionierend, aber nicht, um etwas für mich (allein) zu erreichen, das über die Rettung meines Lebens hinausgeht. Ich will Klimmbimm aus der Abteilung für Lebensgestaltung – das ist ziemlich weit aus dem Rahmen heraus, den ich für mein Handeln üblicherweise stecke. Für mich bedeutet das eine Lernherausforderung. Da sind neue Informationen, die mit bestehenden Informationen zusammengebracht werden müssen. Eigenschaften, die ich bisher noch nicht an mir wahrgenommen habe. Oder nicht wahrnehmen wollte oder konnte oder durfte. Eigenschaften, die ich selbst bewerten oder in ihrer Beschaffenheit erkunden kann.

So entstanden die Fragen am Anfang des Textes.
Ich erkunde und merke: Es ist schwierig.
Ich finde das Bild von Inneren, die andere Innere vorschieben, weil ihnen etwas zu viel ist, ungünstig, um zu illustrieren, wie Dissoziation in Momenten von Überforderung wirkt. Gleichzeitig habe ich aber doch genau das gemacht oder zugelassen?

Ich finde das Bild deshalb ungünstig, weil sich darin Aktiva und Passiva verbergen.
Innens, die schaffen, was ich nicht schaffe will, sind keine passiv vorgeschobenen Sacksäcke ohne Willen, Stimme oder Kompetenz. Ich, die_r von Dingen überfordert ist, entscheide in so einem Moment nicht, dass oder welches Innen lieber da sein soll, sondern verharre viel eher in einer Haltung, die ich ohnehin schon habe. Ich treffe in so einem Moment eine Nicht-Entscheidung.

Genauer: eine in traumatischen Erfahrungen eingeübte Nicht-Ich-Entscheidung und halte so sehr an meiner Vermeidungshaltung fest, dass es zu einem Wechsel meines Selbstzustandes kommt. „Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht – hm, und eigentlich … hab ich ja auch nicht, war ja auch nicht ich, ist alles gar nicht war nichts, war nie …“ – so kann man sich das vorstellen. Und Uneindeutigkeit hilft dabei. Wenn von vornherein nicht so klar ist, wie was war, dann kann ich mit einer solchen Nicht-Entscheidung etwas Unmögliches schaffen: sowohl beteiligt sein, als auch nicht beteiligt sein. Da sein, mitmachen, zustimmen – und gleichzeitig nicht mal wirklich existieren, mich bezuglos, körperlos, selbstlos, ichlos erleben. Zumindest in meiner Vorstellung, meinem inneren Bild von mir, in dem von mir präferierten Selbstzustand. Mein Bild von mir als eine_r von vielen, als eine_r, die_r Körper, Geist und Seele mit anderen tauschen kann, weil der Bezug dazu fluide, fragil, fragmentiert und praktisch jederzeit aufhebbar ist. Ohne Nachdenken. Ohne Anstrengung. Reflexhaft. Zuverlässiger als jede andere Selbsterfahrung.
Das ist so leicht, dass ich mich nicht wirklich dafür entscheiden muss. Ich muss das nicht wollen. Ich muss nur genug nicht wollen. Nur genug Angst haben, Ich zu sein. Nur genug verwirrt, entsetzt, überrascht, überfordert, angeekelt oder sensorisch geflutet sein.
Und nichts dagegen tun. Nicht in Kontakt gehen. Bezug ignorieren. Zeit als relative Konstante ignorieren. Traumalogischen Annahmen folgen. Skills nicht anwenden. Re-Orientierungsmaßnahmen nicht einleiten.
Nichts davon reflektieren, herausfordern, infrage stellen. Nichts systematisch erfassen, erkennen und verändern. Kurz: sehr aktiv, sehr passiv sein – als hätte ich keine andere Wahl. Als würde ich nicht aus traumareaktiver Vermeidungsgewohnheit reagieren, sondern in einer echten Bedrohungssituation sein.

Vielleicht war das Hinnehmen eines Wechselerlebens ein Rückfall. Vielleicht ein Versuch der Selbstregulation. Vielleicht konnte ich in diesem Moment einfach mal nicht die stets gegen die Krankheit anarbeitende Person sein. Vielleicht hats mir nicht ins Selbstbild gepasst, mich so ergeben hingegossen zu erleben, während ich doch so eine selbstbestimmte, erwachsen eigenverantwortliche Sache tue und will und ermöglicht bekomme. Vielleicht war mir der leichteste Weg einfach nur recht, weil an dem Tag insgesamt so wenig leicht war. Vielleicht konnte ich den Bezug auch einfach nicht halten. Vielleicht wollte ich kurz einfach nicht glauben, dass ich selbstbestimmt, erwachsen und eigenverantwortlich bin, weil es in dem Moment einfach scheiß schwer war und mich überfordert hat.
Letztlich ist es unbestimmbar für mich. Die Situation ist vorbei, sie wird sich wahrscheinlich nicht eins zu eins wiederholen. Ich habe alle Möglichkeiten, ähnliche Erfahrungen anders zu gestalten. Andere Entscheidungen zu treffen.

Aber die Unsicherheit bleibt.
Das Gefühl, etwas falsch zu machen, wenn ich Dissoziation nicht verhindere.
Die Idee, Innere zu quälen oder in Desorientierung zu halten, nur weil es für mich gerade praktischer, leichter, effizienter ist.
Das Wiederaufgreifen der Vermeidungsgewohnheit, die mit dem inneren Konzept von mir neben anderen Ichs einhergeht. Darf ich das nutzen, wenn ich mit allem anderen (erstmal) nicht weiterkomme?
Und wer soll es mir erlauben? Wer verbieten?
Wie kommt es, dass ich denke, es wäre falsch?

halb und halb

Meine Mutter hat ein Foto ihres Vaters gerahmt und aufgestellt. Ich glaube, im Wohnzimmer, bin aber nicht sicher. Es ist einfach zu lange her. Das Bild habe ich trotzdem in Erinnerung. So, wie man Bilder eben in Erinnerung hat. Man denkt, man könne es in Gedanken detailgetreu wiedergeben, aber je schärfer man das Bild stellen will, desto deutlicher treten die Unschärfen hervor. Am Ende merkt man, dass es vielleicht doch eher die eigene Rezeption als das tatsächliche Bild ist, die man erinnert.
Meine Rezeption vom Foto meines Großvaters war immer schon: Der lächelt wie ich.
Wenn man die eine Gesichtshälfte bedeckt, lächelt die andere. Bedeckt man die andere Gesichtshälfte, schaut er neutral, fast traurig.
Dieses Lächeln hat auch mein Lieblingsgeschwist.
Ich besitze eins dieser fürchterlichen Schulfotos von ihm. Die kleine Brille etwas schräg, das weiche Kindergesicht mit einem Mund, dessen rechter Winkel sachte nach oben geneigt ist, während der linke sanft nach unten zeigt. Auf einem anderen Foto, eins, das ich gemacht habe, als wir einen ausgelassenen Quatschmoment hatten, erscheint neben der traurigen Gesichtshälfte ein Grübchen über dem deutlichen Lächeln.

Wir drei sehen gleichzeitig freundlich und ernst aus. Oder fröhlich und traurig. Es ist der Kontext, der unseren Gegenübern aufzeigt, welcher ihrer Eindrücke von unserem Gesicht der richtige ist. Nicht allein unsere Mimik. Im Fall meines Geschwistes und mir nicht mal unbedingt das, was wir sagen oder wie unsere Körpersprache ist. Denn wie ich schon als kleines Kind, stand auch mein Geschwist oft reglos, mit offenem Mund und Augen, im Geschehen herum. Angewiesen auf (Selbstschutz)Reflexe und ein soziales Umfeld, das uns einfach mit (und an) sich nimmt. Auf mehreren Fotos aus unserem Kinderalltag sieht man das. Entweder standen wir in full blown Dissoziation in der Gegend oder waren voll auf die Beobachtung des Geschehens konzentriert. Wir werden es wahrscheinlich nicht mehr erfahren und vielleicht ist es heute auch eher für die persönliche Einordnung der eigenen Kindheitserinnerungen relevant.
Aber ich fühle mich hauptsächlich dadurch verbunden. Ich erinnere mich an die beiden, wann immer ich ein Foto von mir sehe, auf dem ich jemanden anlächle.

Seit einigen Jahren überlege ich daran herum, mein Geschwist zu suchen.
Denke darüber nach, ob ich, so ganz ohne Geburts- und Sterbedatum, das Grab meines Opas finden würde. Ich glaube, dass mein Leben vollständiger wäre, würden wir nicht nur unser halbes Lächeln teilen. Vielleicht wäre aber auch ein Schmerz darin vollständiger. Das kann man nicht wissen.

der „Ich bin erwachsen“-Kniff

Ich bin kein Fan von Komplexitätsreduktion.
Es gibt Dinge, die sind komplex, und sie zu verhandeln, als wären sie eigentlich ganz einfach, ist für mich falsch, weil es die Dinge falsch macht, wenn sie nicht vollständig sind. Kleiner, großer, vielleicht der für meine Mitmenschen nervigste Autiquirk an mir.
Gleichzeitig habe ich kürzlich an mir selbst etwas bemerkt, das mit einer unbemerkt übernommenen Abkürzung zu tun hat.
– mein Konzept von Erwachsensein.

Ich habe in den vergangenen Wochen mehrere Erfahrungen gemacht, die mich an vielen verschiedenen Stellen gleichzeitig gefordert haben. Weil es so viele waren, konnte ich mich immer erst hinterher wirklich damit befassen, was und wie ich da eigentlich erlebte. Soweit so üblich für mich.
Dann passierte etwas sehr Belastendes und das, was ich in den Wochen zuvor tat, funktionierte nicht. Was hatte ich getan? – Mich daran erinnert, dass ich erwachsen bin. Und damit die Abkürzung genommen, die ich nehme, seit ich volljährig bin:
Ich bin erwachsen – ich kann bestimmen. Ich bin erwachsen – ich bin unabhängig. Ich bin erwachsen – ich bin kein Kind. Ich bin erwachsen – ich brauche nichts, was ein Kind braucht, so dringend, wie es ein Kind braucht.

Diese Bewusstmachung ist wichtig in meinem Leben. Ganz klar. Meistens ist meine Erinnerung an mein Erwachsensein wichtig für mich, um bestimmte Regeln, die ich in meiner gewaltvollen Herkunftsfamilie als Kind aufgestellt habe, hinterfragen zu können. Etwa Regeln darüber, wann ich warum widersprechen darf oder wie ich bestimmte Alltagshandlungen gestalte.
Manchmal hingegen ist es eine Abkürzung. Eine alltagsverschleierte Dissoziationshilfe. Denn mein Erwachsensein richtet sich immer gegen meine kindlichen oder jugendlichen Anteile. Wo ich bin, ist Erwachsensein – und nichts anderes. Eine unglückselige Verbindung, die ich in einigen Jahren Traumatherapie eingeübt habe, um Flashbacks oder intrusives (Wieder-)Erleben oder Erinnern zu beenden oder die (von traumareaktiver Dynamik bestimmter) Beziehung zu meinen Behandler-, Unterstützer- oder Helfer_innen zu sichern.

Die Erfahrungen, die ich in letzter Zeit gemacht habe, haben fast immer auch viele andere Innere von mir angesprochen. Und immer habe ich das Bewusstsein um mein Erwachsensein benutzt, um mich sowohl mit dem Geschehen assoziiert, als auch von meinen inneren Vorgängen dissoziiert zu halten. Obwohl es nicht immer nötig war. Es war einfach nur leichter für mich.
So leicht und selbst.bewusst durch die Erfahrungen zu gehen, ermöglichte mir, so gut zu funktionieren, dass sich niemand noch mehr Sorgen gemacht hat. Denn wirklich niemand war unbesorgt um mich, das habe ich gespürt. Alle haben Anteil genommen, alle haben mir Hilfe angeboten. Zuhören, da sein, mitfühlen, ablenken, trösten … Ich hätte mit der gesamten Palette meines inneren Geschehens aufschlagen können und mein Netz hätte gegriffen.
Allein ich wäre darunter vielleicht nicht mehr zurechtgekommen. Denn ich bin ja nicht diese Palette. Ich bin ja nicht die Anderen. Ich bin ja erwachsen. Ich bin reguliert. Ich kann über die Dinge nachdenken. Ich kann sie reflektieren, analysieren und häufig auch kontrollieren. Ich bin die Hilfe, die Unterstützung für andere, und daher selten in der Situation des Hilfebedarfs im Sinne einer Abhängigkeit oder Angewiesenheit. In der Situation leide ich also auch überhaupt nicht darunter, selbstständig oder allein damit zu sein. Auf meine dissoziative Strategie zurückzugreifen, ist daher tatsächlich eher eine Effizienzentscheidung als ein aus Leiden provozierter Reflex, wie es die traumabedingte Dissoziation ist.
Und das ist die Stelle, an der sich die Komplexität des Er.Lebens mit DIS zeigt.

Für mich ist es eine Entscheidung zum Erwachsensein, meine traumatisierten kindlichen und jugendlichen Anteile zu dissoziieren. Es ist ein Verhalten von mir, das ich steuern kann. Ich kann mir sagen: „Jetzt bin ich nicht ich (verwirrt und immer ängstlich), jetzt bin ich erwachsen (klar geordnet und orientiert in der Realität)“ und feine DBT-Skills anwenden, um mich schneller oder langsamer in die Dissoziation rein- oder wieder rauszubringen. Ich habe jahrelang unter therapeutischer Aufsicht trainiert, Flashbacks hinter erwachsener Selbstbeherrschung zu maskieren. Und sehr schnell verstanden, dass kindliche oder jugendliche Impulse zwar nicht so grundsätzlich schlecht und gefährlich sind, wie ich sie damals empfand – aber schon lieber gerne irgendwie nicht so wirklich präsent sein sollten. Aber irgendwie auch doch. Manchmal. Unter Bedingungen, die mir bis heute nicht so klar sind, wie ich es brauche. In Umständen, die bestenfalls sicher sind durch Aspekte, die mir ebenfalls noch nicht so klar sind.

Gleichzeitig habe ich gar nicht so viel Kontrolle über meine reflexhafte Dissoziation. Wenn der Traumatrigger greift, greift er richtig. Und dann sind es kindliche Interpretationen aufgrund von traumatischen Erfahrungen, die meine Einschätzung und mein Handeln in einer Situation bestimmen. Und die gesamte innere Palette an Gefühlen und Gedanken, Traumawahrheiten und Logiken, die Gewalt und Leid legitim erscheinen lassen, entwickelt ganz eigene, zuweilen undurchschaubare oder auch nicht so leicht nachvollziehbare Dynamiken. Sowohl in sich selbst als auch mit dem Außen, also anderen Menschen.
In solchen Momenten ist meine Performance von Erwachsensein lächerlich ineffizient. Sie ist eine Lüge, die ich gerne wahr hätte, weil ich annehme, dass ich dann auch damit fertig werden würde, was mit mir passiert. Denn mit mehr als solcherart Annahmen ist Erwachsensein für mich gar nicht gefüllt. Wäre der Begriff für mich mit mehr als allgemeiner Handlungskompetenz, Klarheit und Bestimmungsrechten gefüllt, wäre er zu komplex, um mir eine Abkürzung, eine Dissoziationsbrücke, bieten zu können.

Umso heftiger traf mich die Erkenntnis, trotz aller Neigung zur Vervollständigung und einer grundsätzlich positiven Haltung gegenüber komplexen Sachverhalten, eine so unreflektierte und teilweise auch unkritische Akzeptanz dieser Unvollständigkeit zu haben.
Nach etwas mehr Auseinandersetzung damit, konnte ich jedoch auch eine Idee davon entwickeln, woraus sich diese Akzeptanz ergibt, und das war erneut das Konfliktfeld zu meinem Inneren.

Mein Zug in die Dissoziation ergibt sich immer und in allen Aspekten aus kindlichen Traumareaktionen und traumabedingten Überzeugungen (Traumawahrheiten bzw. Traumalogik). Und das, bevor ich die Chance habe, wie Menschen ohne DIS, auf kindliche Alltags- und Selbsterfahrungen zurückzugreifen.
Jeder erwachsene Mensch grenzt sich von sich selbst als Kind ab. Das ist normal und richtig so. Aber Abgrenzung ist nicht so umfassend wie Ablehnung und auch nicht so verlustreich wie Dissoziation. Abgrenzung zum früheren Kindsein führt dazu, dass man sich auch im hohen Alter noch jung fühlen kann. Dass man die eigene kindliche Neugier und diverse Freuden jederzeit in verschiedenen Alltagssituationen (wieder)erleben kann. Dass man konfrontiert mit neuen Erfahrungen noch weiß, was als Kind (und Jugendliche_r und junger erwachsener Mensch) geholfen hat, sie zu integrieren.
Ablehnung führt zu Scham. Zu Versteck- und Anpassungsbestrebungen. Dazu, dass man sich abwehrend gegenüber diversen Regungen, die mit Kindlich- oder Jugendlichkeit assoziiert sind, verhält. Kommt dazu noch Trauma, wird Vermeidung wichtig.
Und Dissoziation im Zusammenhang mit Trauma führt je nach Umfang zu einem Flickenteppich aus allem gleichzeitig. Hier Scham und Vermeidung, da allgemeine nicht näher bestimmbare Ablehnung, dort Ängste nicht näher definierbarer Herkunft, hier grenzenlos verwirrender Mischmasch der Meinung, Haltung und Emotionen zu unkontrollierbar auftauchenden Aspekten und Impulsfragmenten.
Für mich bedeutet das: Meine Kindlichkeit ist weitgehend überhaupt nicht korrekt erfass- und klärbar für mich. Ich kann überhaupt nicht wissen, wo meine Abgrenzung zum Erwachsensein angemessen ist und wo nicht. Ich kann mich aktuell gar nicht wahrhaft abgrenzen – ich kann mich nur (ab)dissoziiieren. Und das wiederum macht meinen kleinen Erwachsensein-Trick so … naja, in letzter Instanz einfach kindlich. Es ist der gleiche traumareaktive Kniff wie: „Ich bin die Große, ich kann das (aushalten, ertragen, so machen, wie die_r Täter_in das von mir erwartet, will, einfordert, mir abzwingt).“

Und das ist gar nicht mal so ’ne angenehme Selbsterkenntnis, ehrlich gesagt.

gebrauchte Grenzen

„Test ist da. Ich hab COVID.“
Eine Messengernachricht von meinem Mann. Am Dienstag. Mittags. Während ich mich durch meine Halsschmerzen hindurch in den zweiten Arbeitstag nach fast 8 Wochen Unterbrechung quetsche. Als hätte es mein Burn-out nie gegeben, als hätte mein Körper aktuell nicht alle Ruhe und Sanftheit der Welt nötig.
Als auch mein Test positiv war, brach für mich wieder alles in sich zusammen.
Meine Idee vom achtsameren Wiedereinstieg, meine Tagespläne, die ihn mir erleichtern, die so mühsam zurückeroberte Kochroutine, den Rhythmus von Pausen und Arbeiten bedarfsgerecht zu halten und auch die neuerliche Hoffnung auf eine Schwangerschaft. Alles kaputt. Keine Ruhe, keine Zeit der Sorglosigkeit außerhalb der Arbeit.

Am Ende war der Verlauf nicht so schlimm wie beim letzten Mal.
Und doch genauso belastend. Denn auch dieses Mal war ich in beständiger Sorge um meinen Mann und bin es noch. Während ich nach einer Woche wieder fit für geisttötende Arbeit am Computer bin, ist mein Mann noch krankgeschrieben und hustet mit seiner inflexiblen Lunge an Schleimbröckchen herum.
Und noch etwas beschäftigt mich, während ich in Trauer um meinen Embryo im Bett liege, als hätte ich ein echtes Kind verloren, und meine fiebrige Stirn kühle: die Frage, was ich eigentlich schaffen kann, wenn ich meine Grenzen ernstnehme. Und was das aus mir macht. Wo es für mich hingehen soll im Leben. Was ist, wenn da einfach nie ein Kind kommt. Und welche Grenzen ich in welchem Leben eigentlich wirklich brauche.

Es gibt die Phasen, in denen ich mich in einem Freilichtmuseum sitzen sehe, wo ich Strickwolle aus Floof herstelle oder Einkorn in einer Steinschale mahle. Oder meinem Lebenswunsch nach der Wanderung von Kreta nach Spitzbergen folge. Oder Katzenwelpen päpple oder Igel versorge. Messiwohnungen sortiere oder nachhaltige Häuser entwerfe. Seminare zu Trauma und Folgen gebe und Menschen zuhöre. Unterarmdicke Wälzer zu Gewalt und Gesellschaft durcharbeite und eigene Theorien ausformuliere. Die Projekte, in denen ich arbeite, mit einer guten und sicheren IT ausstatte. Manuskripte prüfe oder Bücher setze. Ein eigenes tiny Einsiedel im Selbstversorgergarten mit Katzenbesuch und sookieartigem Hund baue und jeden Winter ein neues Buch schreibe. Tagsüber mit meiner Kamera unterwegs bin und abends in der Dunkelkammer werkle.

In diesen Visionen sehe ich nie, wie ich die Arbeit anfange und aufhöre. Wie ich mir dann Frühstück, Mittag, Abendbrot mache und meine Wäsche wasche oder im Arbeitszimmer staubsauge. Die ganze Logistik des täglichen Lebens fehlt in meinen Überlegungen, und mir ist  auch absolut klar, warum. Diese Alltagslogistik ist bis heute weitgehend dissoziiert in mir, während sie auch gesellschaftlich für die meisten Menschen eher abstrakt und unbewusst ist. Wir hätten keine Debatte über Mental Load oder unbezahlte Carearbeit, wäre das anders.

Ich habe bis heute nicht durchgehend die Fähig- und Fertigkeiten, um dissoziatives Wegdriften im Alltag zu verhindern. An manchen Tagen beginnt die sensorische Überreizung mit dem Aufmachen meiner Augen – noch vor irgendeinem Traumatrigger oder Gedanken an eine Belastung. Das sind die Tage, an denen ich rate, ob ich gewaschen und gepflegt bin; meinen Körper auf Hunger- und andere Bedarfszeichen abscannen und mich in die Vernunft zwingen muss, Termine abzusagen. Einfach weil ich nicht weiß, wie gut meine Grundversorgung gelaufen ist. Weil ich weiß, dass ich inzwischen zwar nicht mehr sofort Krampfanfälle bekomme, wenn ich mal ein bisschen übers Limit gegangen bin, aber im Grunde nach wie vor keinen blassen Dunst davon habe, was mein Limit eigentlich ist.

Und dann sind da noch die vielen kleinen Traumasprengsätze im sozialen Leben unter anderen Menschen. Im letzten halben Jahr war ich in einen Konflikt verwickelt, der mit wochen-, teils auch monatelangem Warten auf kommunikative Interaktion einherging. Was mir dermaßen viel Kraft geraubt hat, weil ich mich ständig aktiv reorientieren musste, obwohl es keinen akuten äußeren Auslöser (also Kontakt mit der Person) gab. Weil ich so viel mit so vielen unterschiedlichen Menschen sprechen musste, um diesen Kraftfresser (neben anderen) überhaupt erst als triggernd zu identifizieren. Allein das – so eine ganz objektiv betrachtet: Lappalie – kann ich bis heute nicht verarbeiten und in mein Leben integrieren, ohne bewusst und gezielt dafür zu arbeiten.
Und Konflikte sind dafür noch ein sehr eindeutiges Beispiel.

Viel häufiger noch habe ich es mit der Frage zu tun: „Was wird hier erwartet – dieses alles oder DIESES alles? Das alles, in dem ich mich verliere, weil ich versuche, alles richtig zu machen, weil ich die Person mag oder es für die Arbeit erforderlich ist oder es einfach cool von mir wäre?
Oder DIESES alles, in dem ich eine seelische Entbeinung erlebe, weil ich weder weiß, was alles genau sein soll, noch wozu, und deshalb nur verlieren kann, was wiederum alles bis hin zu akuter Lebensbedrohung zur Folge haben kann?“
Der Eigenverantwortung nachzukommen, über wirklich jede soziale Interaktion und Kommunikation in meinem Lebensumfeld das Raster der Realitätsüberprüfung zu legen, ist eine große Herausforderung für mich. Besonders dann, wenn es um soziale Situationen geht, in denen ich ebenfalls alleinverantwortlich mein autistisches Verarbeiten von Sprache kompensieren muss. Also parallel zur Traumareorientierung auch noch, möglichst schnell und unbemerkt vom Gegenüber, damit es sich weder verletzt noch ignoriert fühlt, übersetzen und analysieren muss.

Der Begleitermensch hat mir in unserer gemeinsamen Zeit oft gesagt, dass ich auch ohne Lohnarbeit extrem viel mehr arbeite, als die meisten anderen Menschen, einfach um diese gewisse Baseline des Alltags zu halten.
Als er das zum ersten Mal gesagt hat, hätte ich heulen können, weil ich mich so gesehen fühlte. Später heulte ich dann tatsächlich oft, einfach, weil sich in dieser Arbeit gesehen zu fühlen, überhaupt nicht dabei hilft, sie jeden Tag zu schaffen. Geschweige denn, sich von den Ansprüchen anderer Menschen und auch unserer Gesellschaft nach noch mehr als nur dem Schaffen einer Baseline, abzugrenzen.
Und dann war da ja noch dieses Narzissmus-Thema.
Diese Situation, an deren Ende ich erst durch einen Klinikabschlussbericht nach 3 katastrophal überanstrengenden Wochen in einer Tagesklinik, verstand, dass meine Grenzen zu kommunizieren für andere Menschen auch so wirken kann, als würde ich meine Grenzen für wichtiger halten als die von anderen Menschen. Und also mich selbst für besser und wichtiger als andere Menschen halte. Das Ereignis war bereits als Behandlungserfahrung massiv retraumatisierend. Da hätte ich noch so fit und stabil an mir reorientieren können, diese umfassende Missachtungserfahrung hat nie nicht verletzend und mich negativ beeinflussend sein können. Dazu war mein Verhältnis zu mir und meinen persönlichen Limits einfach viel zu dissoziiert. Ich konnte nur traumalogisch annehmen, dass meine Grenzen nicht da waren, wo ich sie wahrnahm und kommunikativ markierte, sondern da, wo sie die Behandlerin damals festgeschrieben hat.
Meine bereits damals bestehenden Ängste, missverstanden zu werden oder Eindrücke von mir als Person zu vermitteln, die ich nicht vermitteln möchte, wurden um dieses Ding erweitert. Ich muss bis heute noch eine Stufe mehr schaffen, eine Arbeit mehr leisten, um nicht entweder sprechstarr oder traumareaktiv im Kontakt zu sein, sondern wach, orientiert, fokussiert und korrekt übersetzend. All das in dem Wissen, dass ich mir diese Arbeit auferlege, um die Grenzen anderer Menschen nicht zu verletzen, während meine schon in dem Moment irrelevant werden, wenn ich sie als traumalogisch begründet oder aufgrund meiner Behinderung entstanden erkenne. Und zwar nicht von meinen Mitmenschen, sondern ganz allein mir.

Denn auch das gehört zur Wahrheit von Therapie im Leben nach dem Trauma und mit Behinderung: Alles, was davon kommt, gehört kompensiert oder überwunden beziehungsweise mindestens mal in Funktion und Wirkung verstanden und umfassend reflektiert.
Klar reden wir auch von liebevoller Anerkennung und Dankbarkeit. Und üben Akte der Würdigung. Aber seien wir ehrlich – am Ende ist es doch einfach geil, wenn weder Trauma noch Behinderung großartig beim Leben stören. Da sind sich wohl alle Menschen einig.

Nach einem komplett entgrenzten Juli musste ich anerkennen, dass ich tatsächlich niemals allein leben sollte. Ich bin nicht in der Lage, mich selbst zu organisieren, mein Handeln zu strukturieren und meine Baseline als solche überhaupt im Bewusstsein zu haben, wenn ich keinen äußeren Anreiz durch andere Menschen oder Tiere sowie eindeutige Vorgaben zur Reaktion habe. Ich würde auf lange Sicht verhungern, Krankheiten entwickeln, Verletzungen nicht bemerken oder fremde Gefahrensituationen nicht adäquat beantworten – aber voll konzentriert auf etwas sein.
Meine Grenzen, meine Limits und meine Baseline, werde ich also immer als etwas behandeln müssen, das andere Menschen und die Belastungen, die damit für mich entstehen, beinhaltet, wenn ich lange und unversehrt leben möchte.
Eine Realität, die ich zum Kotzen finde, denn ganz authentisch in mir drin, würde ich lieber einfach ganz allein mit mir sein. Nicht weil ich andere Menschen in Wahrheit kacke finde oder gruselig oder gefährlich. Oder weils mir zu anstrengend ist. Manchmal (inzwischen sogar meistens) ist es ja ganz toll für mich. Aber es gibt da immer diese Kluft, diesen immer offenen Spalt, weil ich meine Grenzen und die von anderen Menschen nie nahtlos aneinandergelegt bekomme. Und selbst wenn es mir mal leicht fällt darüber hinwegzugehen – ich einfach immer und immer und immer und immer drüber hinweggehen muss. Weil es einfach kein Leben, keine gemeinsame Realität ohne diesen Schritt von mir zu anderen Menschen hin gibt. Und damit gewissermaßen auch kein Leben ohne einen gewissen Grad von Selbstaufgabe, ohne Verzicht auf die Ausentwicklung meiner ganz eigenen Kultur, meines ganz ungestörten Selbsts.

Aus Erfahrung weiß ich, dass ich diese Dinge nicht schreiben kann, ohne dass sich meine Freund_innen von Absätzen wie diesen betroffen fühlen. Oder persönlich benannt fühlen. Ich weiß, dass ich allen nach der Lektüre sagen muss: Nein, es geht dabei nicht um dich. Du bist gut und richtig, so wie du bist. Worauf ich mich da beziehe, ist eine Ebene, auf der wir nicht miteinander zu tun haben. Die ich dir nicht beschreiben kann. Auch wenn wir sonst alles teilen. Wir vieles voneinander mitkriegen.
Dass ich das so empfinde, ist auch überhaupt keine Aussage über die Qualität unseres Kontaktes oder meiner Aufrichtigkeit im Kontakt. Es ist viel mehr eine Aussage darüber, wie wichtig du mir als Resonanzpunkt außerhalb von mir bist. Sowohl für mein Überleben, aber auch in Bezug auf mein Anliegen, meine Lebendigkeit zu gestalten. Ich gehe diesen Extraschritt nicht, weil ich muss, sondern weil er von einem von uns beiden zu machen ist. Und ich gehe ihn auf dich zu, weil ich lieber ganz ohne mich mit dir sein will, als ganz mit mir, aber ohne Bezug zu dem, was meine Lebendigkeit in diesem Universum kontextualisiert und bedeutsam macht.

Das Thema ist komplex.
Ich habe noch nicht mal darüber geschrieben, wie easy ich mich aufs Opfermitleid drauflegen könnte. So nach dem Motto: „Ich hab genug gelitten, jetzt zählt nur noch, was ich vom Leben will und das ist … schlafen, essen, ausscheiden, es warm und sicher haben sowie Spaß und Liebe nach meinem Begehr haben – aufstampf, Tür knall, warten, wer mir das ermöglicht, weil sie_r denkt, ich hätte das doch mehr als verdient.“
Oder wie es dem Staat, der mich nicht geschützt hat, gegenüber nur fair wäre, wenn ich ihn jetzt einfach komplett und für immer auffordere, meinen Lebensunterhalt angemessen zu finanzieren, sodass ich wirklich einfach komplett whatever whenever machen kann.

Die Anfangsfrage ist für mich weiterhin nicht abschließend beantwortet.
Vielleicht ist sie auch einfach zentraler Bestandteil des Lebens. Vielleicht kann man sie sich immer nur situativ beantworten. Vielleicht denke ich das aber auch nur, weil es das ist, was ich gerade tun kann und es ganz gern hab, wenn ich Dinge tun kann.
Wer weiß.

das Ende am Anfang

Mein Mann und ich sitzen in der Kliniklobby, als ich ihre E-Mail lese.
Es ist warm, wir sitzen auf einer von Menschenbewegung umspülten Insel. Das Branden von Schritten und das Rauschen der Belüftungsanlage mischen sich in der künstlichen Noise Cancellung auf meinen Ohren.
Die Situation ist neu. Ungewohnt. Weird. Ein bisschen schreilustig auch.

Sie trennt sich von mir und ich merke nichts als Bliss. Entspannung. Ausatmen. Loslassen.
Im Mai habe ich noch geweint. Dann gewartet. Mich wieder von einer Nachricht niederschlagen lassen. Wieder gewartet. Die Luft angehalten. Gehofft, gerätselt und analysiert, wenn das Warten mir allzu viel Kraft abverlangte. Ich habe so viel darüber geredet, mich beraten lassen, versucht, mir zu erarbeiten, woran ich in diesem Kontakt überhaupt noch bin. Nicht verallgemeinert, keine Schlüsse zugelassen, die mich schuldlos oder verantwortungsfrei machen. In meiner Welt habe ich getan, was Freund_innen tun: Für die andere Person da sein, zusammenarbeitsbereit sein, paratstehen, um auf Wünsche, Ansprüche, Bedürfnisse im Kontakt eingehen zu können.
In der Welt aller anderen Freund_innen, meines Mannes, meiner Beraterin hingegen hat jemand meine Loyalität für gegeben hingenommen und in Teilen auch ausgenutzt. Wissentlich und willentlich hingenommen, dass ich in Sorge, in Trauer und Dauerbelastung um sie bin. Sie haben eine Lüge, die mich emotional erpressen sollte, sofort erkannt. Ich konnte das glauben und war über diese Einsicht unendlich traurig.
Um mich zu trösten, versuchte ich trotzdem so zu handeln, als wäre die Geschichte wahr. Ich wollte die Realität eines Kontaktes, der mich gezielt und absichtlich unter Druck setzt, nicht annehmen. Ich wollte die Realität, in der jemand einfach etwas komplizierter als viele andere Menschen zu Schlüssen und Entscheidungen kommt. In der ich halt einfach mal zurückstecken muss, warten muss, auch wenn es unangenehm ist. Wo ich halt noch länger als sonst warten muss, bis ich verstehe, was in der Person vorgeht. Wo es ganz spezielle, ganz ganz diffizile, hochempfindliche Zartheit und Fragilität gibt, um die herum ich möglichst sanft und achtsam, verständnisvoll und geduldig agieren muss.

Im Kontakt mit komplex traumatisierten Menschen begegnet es mir nicht sehr oft, aber doch immer wieder mal, dass Grenzen als Waffe eingesetzt werden. Dass „Ich kann nicht“ zu sagen, weniger darüber aussagt, was eine Person tatsächlich kann, als darüber, was eine Person möchte. Dass gelogen wird, um die eigenen Wünsche und Bedürfnisse, aber auch Gefühle nicht sichtbar zu machen.
Das gehört zu dem traumareaktiven Vermeidungs- und Selbstschutzverhalten, mit dem das Umfeld eingespannt wird.
Da wird immer wieder betont, wie doll andere ja gar keine Ahnung haben, wie sehr sie die betroffene Person ja gar nicht wirklich sehen oder verstehen oder einfach nehmen, wie sie ist. Als wäre der Anspruch von anderen Menschen, sich bitte auch auf die Ressourcen, Fähig- und Fertigkeiten von ihnen einzustellen, etwas, das der komplex traumatisierten Person jegliche Identität oder Lebenswert abspricht. Oder ein massiv gewaltvoller und daher bis ans Ende aller Tage unverzeihlicher Übergriff bis in die tiefsten Tiefen.
Die Reaktion ist auf allen Achsen unverhältnismäßig – es sei denn, man denkt Trauma mit. Wer auf dem Zettel hat, dass es Menschen gibt, die sowohl Gewalt- als auch Traumalogik in ihrem Sozial- und Bindungsverhalten integriert haben, kann den Flashback sehen. Kann begreifen, wie logisch es ist, dass diese Menschen sehr viel Kraft daraus ziehen können, sich eben nicht mehr alles gefallen zu lassen. Sich extrem zu verteidigen, sobald sie auch nur den Hauch von etwas spüren, das sie nicht bestätigt, oder etwas von ihnen abverlangt wird, wozu sie nicht aus sich selbst heraus bereit sind.

Das Problem, die Falle, in der auch dieser Kontakt und ich gefangen waren, ist, dass der Flashback als solcher nie direkt adressiert werden kann. Es entsteht eine ständige Wiederholung von gewalt- und traumalogischen Schlüssen und dazu passenden Selbst- und Fremdzuschreibungen, die wiederum mit ganz spezifischem Anspruchsverhalten einhergehen.
Ich bin die_r Böse, die_r Täter_in, die hochproblematische Person mit Macht (also darf man allgemein legitimiert grob, respektlos oder sogar gewaltvoll mit mir umgehen) – die andere Person mein Opfer, das sich einfach nur verteidigt. Völlig zu Recht, denn was ich da anbringe, das geht ja mal überhaupt nicht. Und das wird man ja wohl noch machen dürfen. Sich verteidigen. Und dafür geht man ja schließlich auch in Therapie als Opfer, richtig – damit man lernt, sich endlich mal durchzusetzen und abzugrenzen und auch mal für sich einzustehen. Alle, die das Gegenteil sagen (oder sagen könnten), stecken mit mir („den Täter_innen“) unter einer Decke. Sind alle gegen das Opfer. Machen die Welt für jemanden zu einem schlimmen Ort, die_r es eh schon immer schwer hatte, weil sie_r so ja gewissermaßen eine komplett marginalisierte Person ist. Ein one of a kind, immer von allen unterdrückter Mensch, der in seinem Handeln ausschließlich wie ein Phönix aus der Asche steigt. Was jawohl nur gut sein kann.

Wenn man im therapeutischen Kontext davon spricht, dass man die eigene Opferrolle verlassen muss, dann geht es genau darum. Um so eine – traumalogisch absolut schlüssige! – Verkettung von Annahmen über die Situation, sich selbst und andere Menschen.
Ich merke so eine Kette bei mir immer wieder, wenn ich merke, dass ich nicht mithalten kann. Wenn meine Handball-Mitspieler_innen zum Beispiel bei lauter Musik trainieren wollen und ich aus dem Smalltalk ausgeschlossen bin, weil ich sie nicht verstehen kann. Dann merke ich wie der Schnellschluss immer wieder erst einmal ein traumalogischer ist: „Die hassen mich. Die wollen mich nicht dabei haben. Die wollen mich ausschließen, weil ich nicht kann, was sie können.“ Da habe ich die Situation noch gar nicht weiter beobachtet. Habe gar nicht geguckt, ob „die“ wirklich alle sind oder es anderen Gruppenmitgliedern auch so geht. Geprüft, ob sich wirklich alle unterhalten oder ob die meisten nicht eher einfach Musik hören und so dynamischer trainieren können, also eher eine Situation von „gemeinsam alle für sich“ entstanden ist. Ich habe außer Acht gelassen, dass es in dem Umfeld okay ist, zu fragen, ob wir nach einer bestimmten Zeit wieder leiser machen können. Dass Verhandeln und die Bedürfnisse miteinander abzugleichen ganz übliches, ganz alltägliches Verhalten unter Menschen ist.

Ich hatte sehr lange überhaupt keine Ahnung davon, dass mein Gespür für schwierige Situationen verzerrt sein könnte. Wenn jemand Gewalt an sich erkennen sollte, dann jawohl ich – ich hab doch genug davon erlebt.
Mit mehr Selbstregulation jedoch war es dann aber unübersehbar für mich. Ich war immer wieder eher bereit anzunehmen, dass etwas gegen mich gerichtet ist, als irgendetwas anderes – viel Banalereres, andere Leute Betreffendes, für mich noch näher zu Erforschendes. Weil ich das so gewohnt war. Weil das für mich mehr Sinn ergeben hat. Mir mehr Sicherheit über mich selbst in der Welt vermittelt hat. Opfer war ich immer. Immer war ich unterlegen und konnte nichts machen. Diese Rolle habe ich einfach immer gehabt. Im Realen. Im Gewalterleben als Kind, Jugendliche_r und junge erwachsene Person. Und als ich sie nicht mehr hatte, die Gewalt also endete, hatte ich überhaupt keine Vorstellung davon, was da noch alles für Rollen sein könnten außer die der Täter_innen. Als mich noch jeder Flashback direkt umgeworfen hat, ich mich von Symptomkompensation zu Vermeidung gehangelt habe, hatte ich auch noch gar keine Kapazitäten, das zu erforschen. Noch gar nicht genug Überblick über mich selbst. Noch gar keine Chancen, irgendetwas zu tun, das meinem Selbsterleben etwas anderes als passives Ertragen oder verzweifeltes Kämpfen um mein Leben hinzufügt.

Für mich war es hilfreich zu begreifen, dass es bei allen Vorgängen in der Welt auch die Möglichkeit der Beobachtung gibt. Und, dass ich Anteile in mir habe, die das gut können. Und Anteile, die mir diese Beobachtungserfahrung vermitteln können.
Das Schreiben und das Fotografieren, das hat mir den ersten Schritt aus der Opferrolle ermöglicht. Ich konnte meine gewohnten Schnellschüsse machen, aber auch erstmal nur gucken. Beobachten, mich mit dem befassen, was da ist und zu Schlüssen kommen, die neu für mich sind. Meine Traumatherapie hat genau das immer wieder unterstützt. Erst beruhigen, dann gucken, dann einordnen, dann verstehen, dann überlegen, welcher Umgang erwartet wird, ob und wie ich dem entsprechen möchte und welche Konsequenzen welcher Umgang haben könnte.
Zu keinem Zeitpunkt hat meine jetzige Therapeutin mich jemals angefeuert, mich endlich mal zu wehren. Oder gut gefunden, wenn ich (oder andere Innere) mich gewaltvoll oder absichtlich respektlos selbst verteidigt oder geschützt habe. Die gesamte Navigation dieser für mich neuen und handlungsfremden sozialen Rollen hätte ich ohne die freundlich zugewandte und grundsätzlich parteiliche, aber nicht auf meiner Opferschaft basierende Begleitung meiner Therapeutin nicht geschafft. Wir arbeiten zusammen, weil ich ein Ziel habe – nicht, weil ich ein Opfer war. Es ist ihr wie mir auch wichtig, dass wir dieses Ziel erreichen, weil wir uns davon mehr Lebensqualität für mich versprechen. Nicht weil ich zum Opfer wurde und Opfer nur das Beste vom Besten verdienen, sie haben ja schon so viel gelitten.

Opferschaft geht sehr schnell vorbei. Sie endet mit der Gewaltsituation.
Es ist ein relevanter Status, Opfer gewesen zu sein und eine prägende Erfahrung. Aber im Alltag, im Leben nach dem Trauma, das damit für manche Menschen einhergeht, entsteht sie seltener real als metaphorisch.
Das mag für manche Menschen provokativ klingen.
In unserer Gesellschaft spielen Opfer und Täter_innen ganz spezifische Rollen, weil damit Macht verhandelt wird und sich dies durch alle Facetten unseres Alltages zieht. Aber das außen vor gelassen, ist Opferschaft und auch die Opferrolle nichts, womit man im Leben wirklich weiterkommt. Irgendetwas für sich wirklich einfach nur schön machen kann. Die eigene Lebendigkeit genießen kann. Das Hier und Jetzt in aller Tiefe erfahren und erleben kann.
Deshalb ist „Man muss die Opferrolle auch mal verlassen“ zwar vielleicht erst einmal kränkend oder verletzend, weil man nicht den Eindruck hat, sie freiwillig eingenommen zu haben, sondern von den Umständen oder anderen Menschen darein gebracht worden zu sein (wie früher immer), aber auch ein wirklich zugewandter, das Leben eines Menschen sehr wertschätzender, Rat.
Es sei denn, man sagt das, ohne einen blassen Dunst davon zu haben, worum es bei diesem Ratschlag geht. Dann ist es eher Teil eines Abwehrverhaltens und Thema in einem Text über Hilfe als Gewalt.

Während mein Mann arbeitet, ribbele ich eine Strickarbeit mit Zählfehler auf.
Dieser Kontakt bestand über 10 Jahre. Der Konflikt ist entstanden, weil ich etwas von der Person brauchte und zunehmend bestimmter eingefordert habe. Am Ende konkret unterstützt von jemandem. Vielleicht gab es einige Stellen, an denen ich zarter hätte sein müssen. Wahrscheinlich habe ich mich oft viel zu direkt ausgedrückt und bestimmte Erwartungen von Zustimmung und Bestärkung enttäuscht.
Vielleicht habe ich auch schon seit Jahren gar nicht mehr als die Person funktioniert, als die mich mein Gegenüber kennengelernt hat. Vor 10 Jahren war die Reise zu dieser Person ein Akt, von dem ich mich monatelang erholen musste. Den ich erst Tage später überhaupt so prozessiert hatte, dass ich eine gewisse Sicherheit darüber hatte, was das für ein Treffen war und wie ich es fand. Ich war arm und allein. Hatte einen Alltag, der überwiegend von Angst und Vermeidung geprägt und von Symptomen bestimmt war.
Heute bin ich verheiratet, arbeite für Lohn und Ehre, arbeite mit Betroffenen und ihren Helfer_innen zusammen, habe zwei Bücher veröffentlicht und schaffe es, zielgerichtet und konstruktiv auf die Verarbeitung meiner traumatischen Erfahrungen hinzuarbeiten. Vielesein, meine Gewalt- und Opferschaftserfahrungen sind ein Aspekt neben vielen, die mein Leben bestimmen. Er taugt nicht mehr als Anlass oder Grundlage für einen Kontakt, geschweige denn eine Freund_innenschaft mit mir. Und das ist okay. Mir würde so viel von mir selbst fehlen, wäre das heute noch möglich.

Als meine Arbeit zu einem kleinen braunen Fadenball gewickelt ist, denke ich, wie witzig ist, dass das Ende dieses Balls auch der Anfang vom Neuversuch ist. Genau wie ich hier sitze für den Beginn von etwas, fast direkt nachdem dieser Kontakt endet. Und warum hier eigentlich nicht alle schreiend vor Lachen über die Gänge torkeln, weil irgendwie alles immer als das eine endet und als etwas anderes neu anfängt und endet und anfängt.

Wieder Kunst machen. Vielleicht.

„Das ist so eine Sache, da sind Trauma und ihr Autismus, so richtig SO“, meine Therapeutin verschränkt ihre Hände fest ineinander und deutet an, dass eine Trennung kaum möglich ist.
Wir sprechen über den Kunst-Konflikt. Den Klinik-Gau. Dass sich manche Innere ausdrücken wollen und ich es nicht zulasse. Obwohl ich ein ganzes Zimmer voller Gestaltungsmaterial, eine komplette analoge Foto- und Laborausrüstung, Unmengen an Papier und Werkzeugen besitze. Ich maximal geschützt loslegen könnte. Und darunter leide, dass ich es nicht zulasse.

Ich bin meine erste Woche im Urlaub, nachdem ich 4 Wochen krankgeschrieben war. Erschöpfungsdepression. Meine Essstörung entfesselt. Die Arbeit im Zusammenspiel mit Kinderwunschbehandlung, Traumatherapie und Selbsthilfe im Umkreis von 100 bis 130 Kilometern auf Dauer entkernend.
Also fahren wir die Ressourcenrunde.
Ich habe keine echten Pausen. Und dadurch zu wenig Raum für Selbstwahrnehmung, Selbstausdruck und Selbstverwirklichung in dem Sinne, dass ich selbst begreifen kann, dass ich wirklich bin.
Meine Krankschreibung, sie führt zu selbstgemachten Therapieanwendungen.
Statt Mandalas bei Panflötenmusik spiele ich Sims 4, statt Gruppentherapie telefoniere ich lange mit Freund*innen. Ich schlafe auch am Tag. Zwinge mich nicht in eine Konzentration, die ich sowieso nicht aufbringen kann.
Nach 3 Wochen habe ich den ersten eigenen Gedanken mit Anfang, Inhalt und Ende. Nach 4 schaffe ich den Dreh zurück ins Essen ohne erweiterte Funktion. Die Therapie ist nicht mehr fast überanstrengend, sondern wieder eher meine Vermeidungsbequemlichkeiten herausfordernd.

So sitze ich da also und beobachte meine Therapeutin mit ihrer erklärenden Geste. Kurz vorher habe ich erst verstanden, dass dieses Thema wichtig ist, weil es mich von positiven Ressourcen trennt. Nicht, weil meine Therapeutin sich bei den Jugendlichen einschmeicheln will, wie R. argwöhnt, ich befürchte und hinter der Nebelwand zu Kindlichem alle Alarme kurz vor Auslösung bringt.
Zuvor wollte sie verstehen, wo das Problem liegt. Ist es Perfektionismus? Ist es Öffentlichkeit? Ist es Angst davor, abgezwungenes Schweigen zu brechen?
Nein, nein, nein.
Es ist viel banaler. Und gleichzeitig überhaupt nicht banal.
Es ist auch meine eigene Schuld. Und gleichzeitig, ein bisschen, auch nicht.
Und es ist mein Autismus. Und die Logik des Traumas.

An diesem Tag im Mai 2016 verließ ich das Besprechungszimmer der Ärztin mit den Worten: „Ich habs immer überlebt.“
Und dann hab ichs überlebt.
Ich bin da raus und wähnte mich in Lebensgefahr, vor der mich niemand schützt. Also bin ich, wie immer, erstarrt. Und gleichzeitig, dank der direkten Intervention meiner ambulanten Therapeutin, funktional in Bewegung geblieben.
Das – solche psychischen Scherkräfte, also parallel und gegensätzliche Kräfte – sind die Zutaten für funktionelle Dissoziation. Die Gleichzeitigkeit, die Trauma und das Leben danach so widersprüchlich und belastend macht. Auf der einen Seite die Todesangst (für die man sich vielleicht selbst verantwortlich macht) und auf der anderen Seite der Alltag. Hier die globale und unendliche Isolation und da Menschen, die mit einer_m sprechen. Oder zusammen in der Bahn sitzen. Oder im Laden stehen. Dieses Spannungsverhältnis führt zu der reaktiven Inflexibilität, die viele traumatisierte Menschen irgendwann in Bezug auf irgendetwas bei sich feststellen.
Dieses Spannungsverhältnis und der Druck, der dabei entsteht, können folgenden Gedanken logisch machen: „Was ich getan habe, um hier hineinzugeraten – das mache ich nie wieder.“
Ich überlebte den Klinik-Gau, diese Retraumatisierung im Hilfekontext, indem ich Entscheidungen traf und dabei blieb. Konsequent wie Stahlbeton. Nicht, weil ich so einen starken Willen habe, sondern weil toxisches Stressniveau und autistische Trägheit zusammen einen unfassbaren Superkleber und in der Folge eine unerschütterliche Inflexibilität produzieren.

Erst verließ ich das Klinikgebäude und beschloss, nie wieder mit irgendjemandem zu sprechen. Ein kindlicher Beschluss. Der hielt bis zum Kontakt mit meiner Therapeutin. „Nie wieder mit irgendwem“ ging also nicht.
Aber „nie wieder so“ und „nie wieder das“, das ging. War sogar gut. Meine Therapeutin kannte sich nicht mit Autismus aus. Ich hatte eine komplementäre Begleitung, die es nicht erforderlich machte, dass sie sich auskannte. Den Begleitermenschen nämlich. Auch der Kontakt zu ihm brauche nicht mehr „so“ zu sein. Und „das“ mit ihm zu besprechen, rückte durch den Ausbildungsalltag an der Berufsschule ohnehin in den Hintergrund. Und irgendwann endete unser Verhältnis auch.

Es dauerte 4 Jahre, bis ich meine an dem Tag getroffene Entscheidung, meine Therapie vom Thema Autismus („das“) und damit aus dem Großteil meiner Wahrnehmungsrealität und dem, was sich daraus für mein Erkennen und Verstehen meiner Selbst ergibt (und mich „so“ sein (interagieren und kommunizieren) lässt), rauszuhalten, revidierte. In Teilen. Unter einem absoluten Vorsichtsdiktat, das ich bis heute halte.
Auch das tat ich wieder in einer brutalen Krise, die mich in ungeheure Spannung brachte. Hier die Therapeutin, die sich bemüht und mit der ich mich überhaupt nicht mehr unsicher fühle – da die Erfahrungen mit sehr vielen Psychotherapeut_innen und ganz speziell der letzten, nach denen es sich immer logischer darstellte, einfach auf etwas von mir zu verzichten. Irgendwas einfach nicht mehr zu machen.
Hätte ich nicht den Eindruck gehabt, dass es mich das Leben kosten könnte, würde ich die Therapie nicht richtig machen, meiner Therapeutin nicht sagen, dass sie Murks macht, wenn sie meinen Autismus mit Fragezeichen versehen am Rand stehen lässt, hätte ich das nicht an sie herangetragen.

Keine meiner Entschlussrevisionen hatten jemals irgendwas mit „mal in Ruhe und ganz objektiv mal drüber nachdenken und dann halt mal anders machen“ zu tun. So wie man sich das von Therapie verspricht oder es in weniger drastischen Situationen im Alltag erlebt.
Meine Generalisierungen sitzen. Und zwar immer und überall. Mein Platz, mein Besteck, mein Geschirr, meine Kleidung, meine Tagesabläufe, meine Leute, meine Themen, meine Interessen, meine Offenheiten – hinter allem stehen bewusste Entscheidungen und „Für immer“-Entschlüsse. Entscheidungen für die Ewigkeit. Es erfordert absolut uneigennützige Bereitschaft, mit mir sachlich und zieldefiniert zu verhandeln, ob ich irgendetwas daran verändere. Kommt auf diese autistische Eigenschaft der Stress des Traumas, bin ich absolut darauf angewiesen. Denn an diesem Baustoff aus Traumastarre und autistischer Trägheit prallt jeder „Wägen Sie vielleicht mal ab, ob …“-Pinsel ab.

Manche meiner generellen Entscheidungen kann ich schnell revidieren. Besonders, wenn mir auffällt, dass ich eine traumalogische Basis dafür hatte. Wenn eine Entscheidung nur in einem einzigen Zusammenhang wirklich sinnvoll war, dann ist es ineffizient und unlogisch, sie auf alle anderen Lebensbereiche auch anzuwenden.
Die Entscheidung gegen meinen authentischen Selbstausdruck hingegen, die habe ich nicht nur im Zusammenhang mit dem Klinik-Gau getroffen. Diese Entscheidung habe ich bis dato in so vielen verschiedenen Momenten getroffen, dass es keinen Bereich mehr gibt, der frei davon ist. Das ist, was man heute so positiv hinzufügend als „Maskierung“ benennt. Und eben nicht negativ als „Verzicht auf sich selbst für andere“.

Der Klinik-Gau war für mich so belastend, weil ich vor der Autismusdiagnose nicht wusste, weshalb ich verschiedene Dinge nicht anspreche oder nur verschleiert und heimlich mit mir allein verhandle. Ich lebte wie ein Salamander mit abnorm gefärbten Körperteilen, die ihm immer erst dann auffielen, wenn andere negativ darauf reagiert haben.
Beim Klinik-Gau kannte ich diese Stellen und wusste, woher sie kamen. Meine Erwartung an diesen „geschützten Rahmen“, diesen Ort, an dem psychologische Exzellenz, psychotherapeutische und soziale Kompetenzen von den Autoritäten vorauszusetzen, logisch und auch gewollt ist, war zu keinem Zeitpunkt überzogen oder grundlegend falsch gesetzt. Sie wurde einfach nicht nur nicht erfüllt, sondern auch noch benutzt, um mich zu demütigen und mich glauben zu lassen, ich sei an meinem Empfinden von Auslieferung, Ohnmacht und Lebensbedrohung selbst schuld, denn ich hätte diese abnorm gefärbten Körperteile. Und die wiederum seien gar nicht das, was ich annahm, sondern etwas noch viel Abstoßenderes, was meine Gewalterfahrungen noch viel stärker zu etwas macht, das ich nie anders verdient und immer selbst verursacht hatte.
Als ich der Ärztin damals sagte: „Ich habs immer überlebt“, war für mich bereits absolut klar, dass ich mir so viele dieser abnorm gefärbten Körperteile wie möglich abhacken muss. Mein Leben voller Verdeckungs- und Vermeidungsperformance war ja offensichtlich nicht genug. Nicht das Richtige. Nichts, was mich als jemanden sichtbar macht, die_r es richtig wirklich und echt doll versucht okay für andere zu sein. Okay genug, um nicht von ihnen verletzt zu werden. Ich war zu dem Schluss gekommen, dass ich selbst nichts bin, mit dem ich jemals irgendwo sicher einfach sein kann.

Meine Kunst, die einzige Möglichkeit für jüngere Innere, sich auszudrücken, ihre Geschichte zu teilen und sich in der Gegenwart zu orientieren, war nur ein Opfer dieser Abhack-Entscheidung. Das zweite Opfer war eine Freiheit, um die ich mit meiner Entdeckungsangst ringe – die Freiheit, nicht vermeiden zu müssen. Ich habe mir damals auch abgehackt, mir zu wünschen, dass ich Kunst mache. Irgendwie okay zu finden, was ich früher mal gemacht habe. Mich mit Menschen zu verbinden, die diese Wünsche in mir wecken könnten. Ausstellungen, Werkstätten, Projekte zu besuchen, die mich an dieser Stelle reaktivieren könnten. Mein ganzer Materialkram ist da, weil mein Entschluss, nicht zu verschwenden, besteht. Die Kisten und Ordner sind heute in einem Raum, den ich nur öffne, um ihn zu durchlaufen. Die Tür ist immer zu. Ich gehe da nicht rein, weil ich mir nicht trauen kann, dass nicht doch irgendein Innen irgendetwas macht, was mir und dem Rest der Welt meine abnorm gefärbten Körperteile aufzeigt. Denn klar, als Salamander kann man sich Körperteile abhacken – die kommen aber wieder. Man muss in der Angelegenheit sehr konsistent sein. Was wiederum nicht sehr schwer ist, wenn es sich um eine Sache handelt, die in Auti-Trauma-Beton gegossen ist. Jeder nette Kommentar über meine Kreativität führt zu einem präventiven Hack an mir. Jede Rückmeldung zu einem Text als „selbstdarstellend“ – hack of the doom. Jede Erwähnung meiner Arbeiten früher – hack hack hack.

Mag sein, dass ich damals, 2016 in der Klinik, ganz viel komplett falsch verstanden habe. Und niemand jemals von mir erwartet hat, dass ich mich für mich selbst schäme. Ich bin geübt genug in Reparations-/Entschuldigungs-/Wieder-gut-mach-/Klärungsgesprächen mit nicht autistischen Menschen, um zu wissen, dass am Ende IMMER ich die Person bin, die da was nicht richtig verstanden hat. Die irgendwas zu ernst nimmt. Die sich auf eine Art fühlt, die nicht die Intention war und deshalb halt Pech hat, weil da ja nun wirklich niemand was für kann. Außer mir.
In Bezug auf diesen Klinik-Gau, werde ich zu keinem Zeitpunkt jemals einen Moment haben, in dem die Last, der Schmerz, die Angst, die Verletzung von mir genommen wird. In ihrer Natur ist diese Erfahrung damit meinen Gewalterfahrungen in der Herkunftsfamilie und jedem anderen sozialen Nahfeld gleich. Infolge dessen sehe ich keinen Grund, meine daraus folgenden Entscheidungen nicht zu generalisieren.
Ja, die Ärztin war nicht meine Herkunftsfamilie, alle meine anderen Mitmenschen zwischen 1986 und 2016, oder irgendjemand anders, die_r mich wegen meiner abnormen Färbung verletzt hat. Aber sie hatte den gleichen Bezugspunkt, um mich zu verletzen und mich in das Erleben einer Lebensgefahr zu bringen.
Es wäre unlogisch, das zu ignorieren. Traumalogisch ausgedrückt: lebensgefährlich dumm.

Meine Therapeutin beendet ihre Geste und spricht eine Weile. Sie sagt, ich könne mich fragen, ob ich das Ereignis mein Leben so umfassend bestimmen lassen will. Ob ich dem weiter so viel Macht geben will.
Diesen Ansatz finde ich unsinnig. Es ist ja nicht das Ereignis, dem ich Macht gebe, sondern die Beschämung, von der ich weiß, dass sie praktisch automatisch kommt, egal von wem und in welcher Absicht. Das Ding ist nicht, dass das passiert ist, sondern, dass es passiert ist, obwohl ich mich so unfassbar aufgerieben und angestrengt habe, dass es nicht passiert. Eine Klinik für Psychosomatik ist der einzige gesellschaftlich gewollte Rahmen und Ort, von dem man annehmen darf, dass man dort nicht wegen sich selbst verletzt wird. Darum war ich da. Ich brauchte Hilfe und war abnorm. Nirgendwo sonst, dachte ich, könnte ich mich risikoarm und sicher damit befassen und arbeiten.
Das Ereignis hat eine Generalisierung, die ich vorher bereits hatte, bestätigt und erweitert. Es hat nicht mehr Macht über mich, als jeder belustigte Kommentar über mein wörtliches Verstehen, jedes amüsierte Nachmachen meines Körperausdrucks, jede Demütigung nach einem Missverständnis, jede soziale Dynamik, die entsteht, weil nicht oder auch anders behinderte Menschen Behinderung mit aufwertender Sonderstellung verwechseln oder Autist_innen (oder auch Menschen mit DIS) als interessant mystische Sonderlinge einordnen.
Jetzt, wo ich weiß, dass sich in diesen Dingen mein Autismus zeigt und Autismus etwas ist, das ich, im Gegensatz zu anderen Dingen, nicht verlernen oder „einfach nicht machen“ kann, sondern ich selbst bin – jetzt ist es unmöglich, dass es keine Macht über mich hat. Es trifft immer mich. Es geht immer um mich. Ich bin immer das Problem der Witz  Trigger Auslöser ja, verdammt, ich kann das nicht einmal sachlich, nicht selbstabwertend benennen, wenn ich es versuche.

Ich habe zu viel Angst, einfach wieder anzufangen und es zuzulassen. Ich weiß, dass es nicht nur wieder passieren kann, ich weiß, dass es mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit auch wieder passieren wird. Aber ich weiß, was ich tun kann, damit es mir nicht wegen etwas passiert, das ich sicher auch lassen kann.
Das ist nicht nur Traumalogik.
Das ist auch die Logik der Gewalt.
Beschämung ist Gewalt. Beschämung ist ein Machtinstrument. Sie hat Macht. Es ist irrelevant, ob ich ihr die zuschreibe oder nicht. Ich gebe sie ihr nicht. Sie hat sie. Sie hatte sie schon immer.

Meine Therapeutin redet weiter. Ich antworte und beobachte, wie unsere Worte im Raum, zu einem Bild verwachsen. „Ich könnte es ausdifferenzieren wie beim Schreiben“, denke ich. „Statt mich darzustellen, stelle ich meine Themen und Perspektiven dar. Wer sich daraus ein Bild von mir macht, ist selbst dafür verantwortlich. So hab ich das ja immerhin trotz allem Abhackdruck halten können. Aber geht das beim Fotografieren? Beim Malen? Zeichnen? Comics machen? Drucken?“
Das könnte ich versuchen.
Vielleicht.
Wenn ich mich traue.

Kunst

Ich habe analog fotografiert. Meine Arbeiten zur Annäherung und Aufarbeitung in Kaffee und Wein entwickelt. Dann reichten mir grobe Schemen in braun und beige, hell und dunkel nicht mehr.
Der Fonds ermöglichte mir, eine spiegellose Kamera anzuschaffen. Jedes Bild hat lange gedauert. Immer wieder musste ich Widerstände umgehen wie einen Hort von Schlingpflanzen, die mich niederwürgen, mir das Maul stopfen, die Hände abknoten, die Augen durchstechen würden, sobald sie mich bemerken.
„Hässlich. Eklig. Dumm. Eingebildet. Arrogant. Anmaßend. Lass es. Hör auf. ES ist unsichtbar. Es steht dir nicht zu. Dir nicht“, das sagen sie.

Nach dem Klinik-Gau konnte ich das nicht mehr umgehen.
Konnte ich mein wörtliches Mitteilungsbedürfnis nicht unterdrücken, nahm ich die Abwehr hin. Die Stimme dieser Ärztin, die verklemmt drückende Zwinge aus Kontakt- und Verbindungswunsch und vernichtendem Unverständnis. Und dem Gefühl, dass es wahr ist. Dass es mir doch nie um Worte aus einer Traumastille ging, um Kontakt für Kontakt mit mir selbst, Ausdruck, um Druck (r)auszulassen, sondern um selbstverliebte Akte einer empathielosen Person, die nicht weiß, wo ihr Platz ist.
Jahre hat es gedauert, bis ich einen neuen Trampelpfad um die Abwehr gefunden habe. Bis ich wieder auf „Veröffentlichen“ klicken konnte, ohne mich verletzen zu wollen. Das Gefühl, dass ich das eigentlich nicht tun sollte, weil es mich als abstoßende, gefährliche, falsche, schlechte, unpassende, unwürdige Person offenbart, ist geblieben. Es passt zu vielen anderen Gefühlen, die mein Leben begleiten.

Ich habe keine Kunst mehr gemacht. Meine Kamera dient heute der Kontaktaufnahme mit der Natur und ihren Farben. Der Mut, meine Gewalterfahrungen und ihre Folgen bildnerisch aufzuarbeiten, ist weg. Diese Ärztin und ihre Worte sind als Stimme, als Haltung, als quetschender Widerstand in mir drin, wie meine Eltern. Ein bestimmter Täter. Alle, die vielleicht nicht bewusst wollten, dass ich tot bin, aber meine Lebendigkeit und ihren Ausdruck auch nicht aushalten, ertragen, akzeptieren, heil lassen konnten.

Todesangst

„Wovor hast du denn Angst, es passiert doch nichts.“ Das, diese Frage ohne Fragezeichen, diese Aussage mit Lüge drin, ist mir im Leben bereits sehr oft begegnet. So oft, dass ich sie nicht mehr hasse. So oft, dass ich sie behandle wie viele andere Versatzstücke von Gesprächen, die ich weder wirklich durchdringe noch wahrhaft als Marker für die Natur des Gesprächs nutze. Denn es tut mir nicht gut, mit Menschen über Angst zu sprechen, die Angst nur als periodisches Erleben besonderer Situationen kennen und den Lauf der Dinge, in dem immer irgendetwas irgendwie passiert, ebenfalls nicht stets und ständig, sondern nur dann und wann überhaupt wahrnehmen.
So bleibt es, was ist: eine Mikroaggression, eine Alltagsignoranz.

Und ein Marker für eine soziale Falle. Denn die meisten Menschen sagen das, um zu vermitteln, dass man (mit ihnen) sicher ist. Dass alles okay ist. Es ist aber nicht alles okay, wenn eine Person Angst kommuniziert und die andere nicht einmal eine Idee davon hat, worum es bei der Angst geht. Diese Person irrt sich. Sie bemerkt etwas nicht, sie ist nicht im Bilde über die Lage und möchte ihr Sicherheitsgefühl natürlich auch nicht verlieren. Deshalb sagt sie diese Phrase. Diese Floskel. Diesen kleinen sozialen Abwatscher, der der anderen Person vermittelt, sie würde etwas sehen, fühlen, bemerken, das nicht da ist.
Und die andere Person? Vielleicht versucht sie nochmal, zu schildern, was ihr Angst macht. Vielleicht erklärt sie. Doch je weiter ihre Ängste, ihr Erleben von Angst, die Rolle von Angst in ihrem Leben, von der der anderen Menschen abweicht, desto häufiger wird genau diese Erfahrung der Abwehr, der Mikroaggression und des Infragestellens der eigenen Wahrnehmung.
Und dadurch werden andere Menschen oder auch nur der Kontakt mit ihnen einfach grundsätzlich immer unsicher. Auch die Netten. Die Lieben. Die Vertrauenswürdigen. Die ganz wirklich überhaupt nichts Böses wollen. Die nur helfen möchten. Die nicht einen Hauch von Negativität in sich haben.

*

Ich habe geträumt, ich hätte Sookie erschossen.
Meine Assistenzhündin, mein erster echter emotionaler Spiegel, das Wesen, die Entität, mit der ich mich rückhaltlos verbunden gefühlt habe. Sookie, die letztes Jahr gestorben ist.
Es war die Art Traum, gegen die ich mich entscheiden konnte. Ich hob meine rechte Hand und drückte damit meine linke Schulter, um mich aufzuwecken. Das ist meine Traumunterbrechungsgeste. Wenn ich mich an die erinnern kann, während ich träume, weiß ich, dass ich sie ausführen kann und alles Schlimme oder Unangenehme unterbrechen.
Doch als ich aufwachte, war da keine lebende Sookie. Kein warmer, weicher Brustkorb, der sich an meine Seite schmiegt. Da war nur die Tatsache, dass sie tatsächlich tot ist und nie wieder lebendig sein wird.

Nach Sookies Tod hatte ich nicht viel Raum für die Verarbeitung ihres Todes. Ich hatte viel zu viel Angst, meine neue Arbeitsstelle nicht behalten zu dürfen. Ich hatte die Fahrschule, die mit viel Angst einherging. Neben dem Podcast, der Verlagsarbeit, den Projekten, an denen ich mich privat beteilige.
Damals habe ich ein Mal geweint. Direkt noch mit Sookie im Arm auf der Wiese. Reflexhaft, als würden sich meine Tränendrüsen übergeben müssen. Und ein Mal brach F., ein Kinderinnen, weinend aus mir heraus, als ich meine Therapeutin in einem Notfalltelefonat hatte.
Die Trauer um meine so nahe Begleiterin zeigte sich im Alltag eigentlich nur in einem Fähigkeitsverlust. Ich war nicht traurig und auch nicht sicher, ob ich trauern würde. Wenn ich in der Zeit danach mal nicht von Angst über für andere unsichtbaren, irrelevanten Kleinscheiß des Alltags umgetrieben wurde, dann hatte ich Sehnsucht nach Sookie. Nach den langen Wanderungen im Wald. Sie in ihrem unermüdlichen Weg vor und wieder zu mir und vor und wieder zu mir, Anspielen, Dinge beriechen, Schauen, Teilen, vor und zurück. Nach dem Gefühl, dass wirklich alles okay ist, weil wir so viel miteinander teilen, was der Moment in sich hat. Eine Sehnsucht, die ich sonst nur habe, wenn ich mir eine Freundin wünsche, obwohl ich schon welche habe. Oder eine Familie, obwohl ich schon eine habe. Nur eben nicht so.

In der Nacht des Traums, dem Moment der Orientierung in die Realität, kam die Traurigkeit, wie etwas, das mich töten könnte.
Ich konnte kaum noch atmen, meine Brust war so zusammengepresst, dass weder Töne heraus noch Luft hinein kam. Mein Weinen hatte meine Augen so anschwellen lassen, dass es sich anfühlte, als hätte ich Steine darauf liegen. Ich konnte kaum sehen, kaum atmen und das, während der emotionale Schmerz mich in einer Radikalität erfüllte, die ich nicht anders als grenzenlos beschreiben kann. Etwas, das ich nur von Kinderinnens kenne. Ganz entfernt. Eher theoretisch als je selbst erlebt. Ich dachte, ich bekäme einen Herzinfarkt. Mehr fremd als selbst ging ich zu meinem Mann runter. Er verstand sofort, dass es sich schlimm anfühlen würde, so einen Traum gehabt zu haben und dann in eine so gleich schlimme Realität aufzuwachen. Er tröstete mich. Und ich? Ich bin nicht in einer warmen Wolke der Liebe gelandet und fühlte mich besser. Ich bin emotional, seelisch, ichlich gestorben. Meltdown, Krampfanfall. Der erste große, den mein Mann direkt miterlebt hat. Das reine Wahrnehmen der Traurigkeit hat mich getötet.

Am Ende der Shutdown. Das dissoziative Nachwehen als diffuse Masse aus Reiz und Reaktion, ein Ich im Wiederaufbau. Das Ausgeliefertsein an die Umwelt, während das Fühlen der Angst darüber noch gar nicht wieder möglich ist. Wie auch Gefühle von Sicherheit und Liebe. Geborgenheit und Nähe.
Wir lagen zu dritt auf dem Bett, wie ein ganz intimes Familiensandwich. Bubi an meinem Bauch, mein Mann an meinem Rücken.
Ich konnte nichts empfinden. Nicht einen Gedanken halten. Nur meinen Körper entlang ihrer Atmung rekonstruieren und warten, bis ich mich als lebend wiedererkenne.

*

Vor solchen Momenten habe ich Angst.
Solche Momente habe ich fast jeden Tag in abgeschwächter Form. Nicht immer mit einem Krampfanfall. Immer wieder jedoch mit einem innerlichen Meltdown. Der absoluten Ohnmacht und der im Grunde fast immer bestehenden, sehr umfassenden, Einsamkeit wegen der für andere Menschen offenbar unmöglichen Nachvollziehbarkeit dessen, was in mir vorgeht, wenn ich mein Leben, aber auch meine eigene Lebendigkeit erlebe.
Da geht es nicht um Vertrauen oder Nichtvertrauen, wen ich lieb finde und wen nicht. Ob ich mir genug oder zu viel zutraue, ob ich zu wenig soziale Codes verstehe oder hinnehme. Ob ich mich meinen Ängsten stellen, sie mir abtrainieren oder als in der Regel unbegründet akzeptieren muss oder nicht.

Es geht darum, dass ich mich daran sterbend erlebe und weiß: Wer noch nie an seinen eigenen Gefühlen gestorben ist – wer sich noch nie an Verzweiflung, an Not, an innerer Spannung so umfassend selbst verloren hat – wird immer denken: „Ach komm. So schlimm ist das nicht.“

Gleichzeitigkeiten

Manchmal sind es Gleichzeitigkeiten, die es mir schwer machen, Auslöser für Traumareaktionen und meine eigenen Fehlschlüsse zu erkennen, obwohl sie mit nur ein wenig veränderter Perspektive unübersehbar sind.
Gleichzeitigkeiten in der Bedeutung von Dingen, um genau zu sein.

Erklärender Ausschwiff, was ich damit meine:
Dass man auch „Verbrenner“ zu bestimmten Autos sagt. Da hatte ich mal eine einigermaßen fürchterliche Zeit, weil ich Verbrennungsvorgänge im Zusammenhang mit Autos nicht vereinbar mit der üblichen Funktionsweise eines Autos empfand. Wenn ein Auto verbrennt, fährt man nicht damit, denn das wäre potenziell tödlich.
Dann habe ich gelernt: Die Fahrzeuge nennt man „Verbrenner“, weil sie im Motor etwas verbrennen, um zu fahren.
Was ich aber brauchte, um eine unfassbare Angst während des Autofahrens nicht mehr zu haben, war eine Einordnung darüber, dass man in einem „Verbrenner“ – ja – in einem Auto sitzt, in dem es brennt (genauer: es einen Verbrennungsvorgang gibt), aber nein – das Auto deshalb nicht automatisch eine Feuerfalle wird, wenn man zu lange damit fährt.
Ja, nein, man macht nicht deshalb eine Rast an Raststätten. Ja, nein, wenn „der Motor überhitzt“, ist das kein erstes Zeichen für eine unkontrollierte Verbrennung, sondern eins für fehlerhafte Kühlung. Ja, wenn die Sonne stark auf die Metallkarosserie scheint, wird sie sehr heiß, aber, nein, der Kraftstoff im Auto kann deshalb weder ausdünsten und wie Gas im Auto entflammt werden – vom Zündschlüssel, den man in das Auto steckt – noch von der Hitze entzündet werden.

Die Gleichzeitigkeit ist in dem Beispiel sowohl die Bedeutung des Wortes, als auch der Schlüsse, die ich damals gezogen hatte. Ich war kein irrational bockiges Kind, das rumspinnt und sich aus Lust am Horror in ein absolutes Katastrophenszenario reinsteigert. Ich habe aus den mir vorliegenden Informationen etwas geschlossen und eine absolut logisch nachvollziehbare Todesangst gehabt, die ich – anders als die Erwachsenen in meinem Leben – weder mit Erfahrungswissen konfrontieren noch mit Vertrauen in meine Bezugspersonen beruhigen konnte.
Bei dem Auto-Feuer-Thema war informierende Differenzierung wichtig, gerade weil es stimmt, dass mit dem Autofahren Feuergefahren bestehen, nur eben nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte.

Ähnliche Differenzierungsbedarfe habe ich bis heute, wenn es um Trigger für traumareaktives Verhalten geht. Nur dass das noch insofern einen weiteren Komplikationsgrad hat, als dass mir meine eigenen Schlüsse aufgrund der strukturellen Dissoziation nicht immer gleich bewusst sind.

Ich habe jetzt den Auslöser für meinen Rückfall in die Essstörung gefunden.
It’s a classic. Drohender Kontrollverlust aufgrund meines aktuellen BMI während meiner Schwangerschaft und unter der Geburt
Für mich mit meinem medizinisch vorbelasteten Autibrain eine absolut klare Kiste: Mediziner *innen haben ihre Werttabellen und daran orientieren sie sich. Punkt. Keine Diskussion. Meine Selbstbestimmung der hill, auf dem ich alleine sterben gelassen werde, weil natürlich niemand jemals wirksam gegen das widerspricht, wozu Ärzt *innen raten. Würde mir ein *e Behandler *in sagen, dass mein BMI irgendetwas nicht zulässt, würde mir niemand beistehen. Ich wäre alleine. Mit einem ausgesprochenen Risiko, das mich vielleicht noch nicht einmal wirklich betrifft, weil der BMI einfach viel mehr zur Messung sozio-ökonomischer und anderer sozialer Diskriminierungsfaktoren taugt als sonst irgendwas. Und es wäre komplett egal, ob ich damit recht habe oder nicht.
Ich wäre allein. Niemand würde mir mehr helfen. Ich wäre in Lebensgefahr.

Schon beim Aufschreiben dieses Absatzes habe ich, ohne es bewusst zu merken, mehrfach geschrieben: „Ich wäre alleine“. Und das, was ich nicht aufgeschrieben habe, hat einfach alle Traumaflaggen auf jedem Erker: „Andere würden mit mir machen, was sie wollen können für richtig/wichtig/angemessen/(mich zwingend) nötig halten, ganz egal, wie das für mich ist.“ „Ich müsste alles mit mir machen lassen, damit mich niemand alleine lässt.“

Da ist sie, diese tückische Gleichzeitigkeit von Gewalt-Trauma und Gewalt-Realität.
Ich habe wirklich und echt so gar keinen Grund, dem medizinischen Apparat grundsätzlich vertrauensvoll zu begegnen. Null. Und gerade im Themenkreis „Schwangerschaft und Geburt“ haben Menschen, die Kinder bekommen können, noch x-mal weniger Grund zur Annahme, im Fall des Falls wäre ihre Selbstbestimmung für irgendwen von Wert. Fast jeder Geburtsbericht einer traumatischen Geburt schreit zwischen den Zeilen in die Welt: „Ich hab zugestimmt, damit ich nicht allein sterbe.“
Da ist immer der Wunsch (und Auftrag und Pflicht und Eid) von Behandler*innen nicht zu schaden und von Angehörigen nur das Beste zu wollen. Und gleichzeitig eine Person, die genau deshalb zu Schaden kommt und die eigene Lebendigkeit (und/oder die des Kindes) als das Beste begreifen soll und in vielen Fällen auch muss.

In genau diesem Dreieck fand das statt, was ich heute als Helfertrauma aufarbeite.
Also jetzt gerade ganz akut. In jeder der letzten Therapiestunden. Ich, Hannah, bin immer wieder extrem aufgemacht an dem Komplex, an dem mein Ich entstanden ist. Als Schutzsystem für eine_n Jugendliche_n, die_r am Helfen anderer Schaden nimmt.
Logisch kommt es zu spontanen Querschlägern, unbewussten Schnellschlüssen, erst einmal nicht nachvollziehbaren Reaktionen, die auch aufgrund des Autismus nicht mal eben einfach mit ein bisschen mehr Reorientierung als sonst containt kriege. Ich bin gleichzeitig in der autistischen Kompensation (die ehrlicherweise auch weitgehend Retraumatisierungsvermeidung ist), der Traumaverarbeitung und in der Traumareaktion.

Ich bin gerade in einem Momentum des Traumaverarbeitungschaos. Das entsteht aus mehr Alltagsamnesien als sonst. Dadurch mehr Anspannung. Dadurch mehr Herausforderung an meine Autismuskompensation im Alltag. Die mich so schon oft über meine Grenzen bringt und mich dünnhäutig macht. Meine Dünnhäutigkeit bietet jüngeren Inneren unerwartet große Fenster in die Gegenwart. Meine Ängstlichkeit über das Gefühl ihrer Blicke durch mich hindurch wird zu einem paradoxen Helfer für mich. Ich habe Angst, sie zu spüren, aber durch meine Angst fühle ich mich sicher. – Wieder so eine Gleichzeitigkeit – Angst haben und so daran gewöhnt sein, dass es mehr Angst machen würde, wäre sie weg, weil ich mich dann nicht mehr sicher im Sinne von zuverlässig fühlen kann.
Und gleichzeitig zu all dem, was allein schon wirklich richtig schwer und zuweilen auch schmerzhaft ist, gehört ein Trigger, der mir – obwohl er mir jetzt unübersehbar erscheint – noch nicht wirklich bewusst war: „Jetzt geht DAS wieder los. Die Klapse und alles. Weil ich mitgemacht hab, aber nicht gut genug. Jetzt knall ich komplett unrettbar durch. Jetzt kann mir niemand mehr helfen.

Jetzt werde ich alleine gelassen.
Eingesperrt.
Mir selbst überlassen.

Ohne jede Möglichkeit, über mich zu bestimmen.

Weil ich zeitweise nicht mal mehr weiß, was ich will.
Was wollen ist.
Wie bestimmen geht.

Es wird eben doch nie enden.

Andere müssen vor mir geschützt werden.
Egal, wie das für mich ist.

Es ist das Beste, wenn ich nicht mehr hier bin.
Ich sollte weg.
Ich muss weg.“

Das hat dann alles gar nichts mehr mit der Verarbeitung von schwierigen Erfahrungen zu tun, sondern mit der Verarbeitung eines Selbstzustandes, in dem die schwierige Erfahrung nicht mehr nur in mir drin ist, sondern auch im Raum, im Kopf, im Herz meiner Therapeutin und dadurch mit einer anderen Perspektive angeschaut.
Ein Selbstzustand mit neuen bisher ungelebten inneren Zusammenhängen, Selbsterfahrungen und Handlungsmöglichkeiten.
Ich, wir alle als Einsmensch, könnten alles Mögliche machen. Da ist ja was zusammengekommen. Mehr verfügbar als vorher. So ganz objektiv draufgeschaut. Heute ist ja, auch wenn ich mich in diesem inneren Chaos befinde, alles sicher. Alles okay soweit. Und gleichzeitig können wir das noch nicht. Wir können gerade nur, was wir als System jeweils können.

Ich kann richtig kompetent Angst haben und meine Therapeutin anrufen und auf alle ihre Fragen „Ich weiß nicht antworten“, darüber komplett verzweifeln und genau deshalb aber auch präsenter und alltagshandlungsfähiger werden.
Die Anderen können die Kämpfe wieder aufnehmen, die sie damals gegeneinander geführt haben, weil sie gegen nichts und niemanden außen kämpfen konnten. In Form von der Essstörung. Das ist ihr Ding. Ihr Lösungsweg.

Ein Lösungsweg, der schon damals überkomplex war und über zwei andere Systeme hinweg überhaupt gar nichts verbessert hat. Aber etwas sichern konnte. Selbstbestimmung als aktiver Akt. Also etwas, das jeden Tag in bestimmten Handlungen gemacht werden kann.
Selbstbestimmtes nicht alleine Verhungern. Selbstbestimmtes hoffentlich vielleicht an Erbrochenem ersticken. Selbstbestimmter Magendurchbruch. Selbstbestimmter Dauerbauchschmerz. Selbstbestimmte Heimlichkeiten. Selbstbestimmte Schamgrenzen. Selbstbestimmt weggegebene Würde. Selbstbestimmte Zahlenziele. Selbstbestimmte Ideale. Selbstbestimmter Zeitlupensuizid.
0 % Angst. 100 % Kontrolle über die Inneren anderer Systeme, die immer wieder aus ihnen rausbrechen, weil sie um ihr Überleben kämpfen.

Vielesein ist genau diese Art der Gleichzeitigkeiten immer und auf so vielen Ebenen.
Alles ist immer irgendwie verbunden und gleichzeitig komplett voneinander abgetrennt.
Ich kann das alles wissen und trotzdem von genau den Dingen, die ich weiß und über die ich schon tausend Mal gesprochen habe, radikal geschnetzelt werden, einfach nur, weil irgendein bisher nicht so präsentes Innen durch meine Haut sieht und versteht, dass Gewicht immer noch Relevanz in Bezug auf die Selbstbestimmung hat.

„Ja, so wie damals, aber nein, nicht so.“, in einem anderen Szenario könnte ich mich hinsetzen, mich konzentrieren und die Sicherheit vermitteln, das zu erklären. „Schau hier sind die Unterschiede, das läuft so und so … deshalb ist es zwar gleich, aber nicht gleich.
In diesem heutigen Jetzt müssen wir alle, die anderen Inneren und ich alle zusammen, das von anderen Menschen erklärt kriegen. Ich brauche Sicherheiten, die anderen das konkrete Erleben von Selbstbestimmung durch für sie so radikale Akte wie selber etwas (anderes als den Essens/Selbstverletzungs/Suizidschissel) wollen und es dann tun. Wie das geht, müssen wir lernen. Mit Anleitung, denn so etwas hat noch kein Mensch von alleine gelernt.

was es gekostet hat

Ich steige mit der Tür ein. Der gelben Tür, die hinter mir zuschlägt und alles verändert. So beginnt mein Manuskript, weil ich so beginne. Nie kam ich davor. Mir fehlte ein Bindeglied. Eine Idee von mir bevor der Deckel der Station schwer in seinen Rahmen schlug.

Zuletzt haben wir in der Therapie viel Raum dafür gelassen, was mich dahin gebracht hat. Was mich gemacht hat. Zuletzt ging es viel um die Klapsleichen. Davor darum, was es uns gekostet hat, Objekt des Hilfesystems zu sein. Am Ende der Stunde war ich zerschossen von den Querschlägern meiner Gefühle.

„Sie waren absolut am Boden“, hat meine Therapeutin gesagt.
Sie hat in 13 Jahren nur zwei Mal etwas gesagt, das mich in einer Situation ähnlich eindeutig verortet, beschreibt, einordnet.
Jetzt fühlt es sich an, als hätte sie damit einen Keil unter die gelbe Tür geschoben. So, als hätte sie eine Kraft aufgebracht, eine Klarheit hergestellt, um die ich seit vielen Jahren gerungen, doch nie erreicht habe.

Ich kann es auf meiner Haut spüren. Dieses „Vorher“, das wie eine Hitzewand vor der Tür steht und die Eigenschaft hat, mich in eine 14-Jährige zu verwandeln, die nicht weiß, wie ihr geschieht, eigentlich noch 13 ist und diese Tür als entbeinende Schleuse erlebt. Als entkernendes, ent-selbstigendes Moment.
Mein Gefühl ist drückend uneindeutig. Die Erkenntnis aber klar.
Das hat es sie gekostet. Nicht nur die Familie. Die erweiterte Familie. Vermögen. Schulfreund *innen. Die Band. Die Chöre. Die Gemeinde. Die Freund *innen da. Die Nachbarin mit dem Klavier. Die Anarchofriends. Jede Aussicht auf Zukunft. Jeder Raum für eigene Wahrheit. Persönliche Freiheit. Selbstbestimmung.

Es hat sie auch sich selbst gekostet.