28 und 29

Kurz vor Mitternacht.
Draußen ist es warm kalt gewesen. Die Luft wusste nicht, ob sie uns beißen oder streicheln wollte. Komisch, dieser Winter.

Beim Besuch noch kurz vorm Einschlafen, stehe ich jetzt aufgedreht in meiner Küche und weiß nicht ein noch aus. NakNak* rumpelt sich grunzend in der Küchenbankkurve zum Hundeschlafball zusammen. Ich öffne das Fenster und lasse sie dunkle Stille auf meine Front treffen.

Wir haben über unsere Zukunftskreisel gesprochen. Was wir gerne würden und was alles könnten, was ja, was nein und was eine Entscheidung bedeuten könnte.
Und, weshalb manche Optionen überhaupt nur da sind. Sie hatte sehr recht, als sie sagte, man müsse nicht immer alles können, was man in der Zukunft vielleicht braucht. Und, dass viel der Hartz fear in unseren Überlegungen eine Rolle spielt.
Dass wir schon viel Zeit verloren haben. Dass wir mit einem Studium, egal von was, von dem abkämen, was wir könnten.

Da wirds dann neblig. Was wir können.
Wir können von vielem ein bisschen. Nichts spezialisiert.
Wir müssten in die Kunst, in der Kunst bleiben, in der Kunst wachsen und ausreifen. Unter Bedingungen, die uns den Raum lassen.
Und wir müssten dran bleiben. Immer weiter machen.
Das ist so fragil. So Hartz 4. Und damit nicht, was wir wollen.
Auf der anderen Seite: Niemand will Hartz 4. Niemand. Jemals.

Wenn es das Kafka-Einsteinmodell wird, ist es wohl gut. Morgens Obstkisten stapeln, nachmittags auf Papier explodieren.

Zehn vor 12.
Als ich auf mein Handy schaue, erinnere mich daran, dass ich meine Sprachlernlektion mit Duolingo noch nicht gemacht habe.
Zwei Minuten vor Mitternacht bin ich fertig. Den 143 sten Tag in Folge Norwegisch, seit ein paar Tagen auch Dänisch.
Als die kleinen Lingot-Schatztruhen vor mir auf und ab hüpfen, erinnere ich mich an die Motivation, diese Sprache zu lernen. Überhaupt eine weitere Fremdsprache richtig ordentlich zu lernen. Sie kam auch aus der Hartz fear und dem Spüren, dass sich das Leben in Deutschland, in Europa, in der EU, auf diesem Planenten in den nächsten Jahren sehr verändern wird. Für die meisten ist das Teil unseres Hangs zur Katastrophisierung. Bitte schön, sollen sie es denken. Aber die Sicherheit, die Beruhigung, die brauchen wir doch. Und uns reicht kein “da mach dir mal keine Sorgen, das wird schon alles werden”, wir brauchen konkrete Ideen, was wir dann machen. Wo wir dann hingehen, worauf wir uns in uns und aus uns heraus verlassen können. Und das ist im Moment so verdammt wenig.

Wir haben keinerlei Ersparnisse, keinen Beruf erlernt, der nicht in 10 Jahren obsolet ist. Wir kosten, ohne wertzuschöpfen. Das ist die Realität. Völlig losgelöst von uns persönlich oder dem, was andere Menschen subjektiv empfinden. Wir sind kein gesellschaftliches Element, das gesellschaftliche, politische, ökonomische, wirtschaftliche Krisen überstehen kann, weil es noch auf etwas anderes als den bloßen Überlebenstrieb setzen kann.
Für viele Leute, mit denen wir darüber sprechen und denen wir das so sagen, klingt das nach traumabedingten Selbstwertkomplexen. Nach “sich nichts zu trauen”. Nach “die schönen Seiten nicht sehen”. Nach “der Zukunft nicht trauen”.  Nach Katastrophisierung eben. Also etwas, das man von sich schieben muss, weil es zu schlimm ist, Angst macht, am Ende keine Antwort hat. In ihnen anders resoniert, als in uns, die wir wissen, wovon wir da reden.

Deshalb gehen wir so oft aus Gesprächen über unsere Zukunftskreisel und fühlen uns dumpf, orientierungslos, planlos. Versuchen, uns an die kleinsten Schritte zu halten, versuchen wirklich, von Tag zu Tag zu leben, zu denken, zu arbeiten, weil uns nur das als jetzt relevant benannt wird. Und einige Zeit später können wir es dann nicht mehr aushalten. Diese Kontextlosigkeit des Tag für Tag, die sich auftut, wenn man nicht auf eine klar definierte Zukunft, einen Zweck des eigenen Machens hinwirkt.

Dann versuchen wir das weiter. Und weiter. Und aus Kontextlosigkeit wird Sinnlosigkeit. Wird Bedeutungslosigkeit. Wird Verzichtbarkeit. Wird das Moment, in dem wir uns vor uns selbst ekeln, weil wir um unser selbst weiterleben und machen. Müssen. Sollen. Obwohl es uns weder braucht, noch wünscht, noch will. Dieses Leben. Dieses Alles. Nie, weil es so ist.

Das ist ein Trigger. Eine Lage, ein Headspace, könnte man so sagen, in dem wir uns wieder in sadistischer Quälerei befinden.
“Sei am Leben, bleib am Leben, damit ich dich quälen kann. Du lebensunwertes Drecksvieh. Geh weg, ich mag dich kaputt. Bleib hier, ich will dich kaputt machen. Für nichts und wieder nichts anderes als das Moment des Leidens. Mach mir eine Freunde – versuch mir zu entkommen. Du kannst mir nicht entkommen, denn ich bin die Macht. Ich hasse dich, ich brauche dich. Stirb endlich. Steh auf. Beweg dich. Mach was, ich will es kaputt machen.“

Und das ist das Tor zur Hölle einfach. Das auszuhalten und wie eine abgekapselte Eiterbeule, die zu berühren unvermeidbar ist, durch den Alltag zu tragen, in dem das niemand sieht, niemand versteht, niemand aus eigener Erfahrung mitfühlen kann – das ist grauenhaft. Wirklich.
Und für uns Realität.

Das heißt nicht, dass wir das nicht von unserem Leben heute unterscheiden können. Wir sehen sehr wohl die Unterschiede. Sehen unsere Selbstbestimmung, sehen und fühlen, dass wir auch geschützt, bestärkt und in Teilen getragen werden. Wir wissen, dass es nicht das selbe ist. Aber die Notgefühle, die Ohnmachtsgefühle, die Bitterkeit der Wahrheiten um uns selbst herum, die sind die Gleichen und es gibt keinen anderen Grund außer Vermeidung, Nichtanerkennung oder wohlmeinender Ignoranz, uns zu sagen, dass das ja gar nicht sein muss. Dass es ja auch ganz anders sein könnte. “Wenn nur…”

Ich weiß nicht, ob man als außenstehende Person, die das jetzt liest bis hier hin überhaupt folgen konnte.
Nun ist es 4 Uhr morgens. NakNak* atmet ihren Schlaf ein und aus. Der Kühlschrank summt. Ich fühle mich allein. Einsam. Und endlich auch müde. Vielleicht musste mal so aufgeschrieben werden. Für nichts und wieder nichts. In all seiner Sinnlosigkeit.
Mir bedeutet es etwas.
Das ist ja immerhin was.

25 und 26

Ich sollte nicht davon erzählen. Besonders jetzt nicht, wo wir bald ein Buch veröffentlichen und schon jetzt mehr Menschen deshalb auf diese Seite kommen.
Ich sollte sowas nicht erwähnen. Nicht hier.
Ich sollte an meinem Image arbeiten. Mir mal langsam eins machen, das über den Zufallsgenerator der Perzeption und dem Glücksspiel der Rezeption hinausgeht. Ein Bild von mir, von uns, das zeigbar ist. Sympathisch, nett, interessant, angenehm. So wie man Menschen einfach gerner hat.

Trotz aller Beschäftigung damit, verstehe ich nicht so richtig, wofür so etwas gut sein soll. Image. Gutes Image durch Bildpräsentation.
Das ist nicht die Realität. Das ist nicht echt, aber unheimlich anstrengend. Das ist wie die Erschöpfung nach 6 Stunden Sims 3 mit 8 Familienmitgliedern, davon 6 Kleinkinder und Babys: viel Zeit, viel Kraft – für nix außer den Moment.
Vielleicht ist der Moment sehr wichtig, okay. Aber danach kommen auch noch Momente. Und im Gegensatz zu den Pixeln, denen ich Namen gebe, um sie in eine Geschichte zu verwickeln, bin ich ja auch noch viele Jahre da. Auch nach dem Moment.

Ich sollte nicht erzählen, wie ich in der Schule einen Mitschüler angeschrien hab, dass er sich in sein dummes Knie ficken soll. Weil er ein überheblicher weißer linker Mackerdude ist, dessen verdrogtes Hirn seine Arroganz in unerträgliche Ausmaße verstärkt und, der einfach nur zum Nerven in die Schule kommt.
Ich sollte vielleicht mehr Fokus auf meinen Notenabsturz in dem Fach legen, seit dem Lehrerwechsel, dem absolut ungünstigen Stundenplan. Vielleicht anschaulicher machen, was für ein Alptraum sein absolut sinnbefreites und zuweilen menschenverachtendes Gelaber während des Unterrichts in_jedem_einzelnen_Fach_ für meine Kraftressourcen ist. Vielleicht darüber schreiben, wie es ist, um 5 Uhr morgens aufzustehen, um keine 3 Stunden später alles und jeden wie auf blanke Nervenenden auftreffend wahrzunehmen und an nichts anderes mehr denken zu können als an das, was die Leute jedes Mal sagen: Bleib ruhig – Entspann dich – Reg dich nicht auf – und früher reingeprügelt haben: HIER WIRD NICHT GEHEULT

Es ist eine beschissene Situation, denn Aggression wird so oft entschuldigt, dass auch das als Entschuldigung gelesen werden würde. Dabei gibt es daran nichts zu entschuldigen. Wir haben keine Schuld auf uns geladen. Wir haben ihm gesagt, was er hören wollte – haben auf seine Forderung, ihm ins Gesicht zu sagen, was wir denken, reagiert. Dass diese Wahrheit gewaltvoll und aggressiv ist, liegt in der Natur der Wahrheit. Wahrheit ist nicht zart flauschig und lieb. In der Regel ist Wahrheit brutal, schmerzhaft und abstoßend. Sicher hätten wir eine prosozialere Performance machen können, aber was ist das für ein Anspruch vor dem, was ich in dem Moment überhaupt noch leisten konnte. Mal abgesehen davon, wollen wir mit ihm möglichst überhaupt nicht sozial sein.

Ich war froh, nicht vor ihm und der ganzen Klasse geheult zu haben. War froh nicht schon 20 Minuten vorher vor lauter Frust- und Ohnmachtsgefühlen geheult zu haben. Wenigstens eine Weile dem folgen zu können, was mir früher wie heute als einziges regelmäßig reingedrückt wird: ruhig bleiben, als wär nichts von dem, was da in mir vorgeht real, schmerzhaft oder so unaushaltbar wie es am Ende nun einmal doch ist.

Wir sind kein Mensch, der bei jeder sozialen Belastung gleich anfängt Leute anzubrüllen oder überhaupt aggressiv auftritt. Wir sind auch nicht absolut unfähig, mit Stress und Belastung umzugehen. Oder mit Leuten, die wir nicht mögen. Oder mit Leuten wie ihm.
Es sind diese mehrfach beschissenen Ohnmachtslagen in Kombination mit Schmerzen, die keine Aussicht auf Lösung oder Ende haben.
Es sind Situationen, die in ihrer Struktur unserer Traumatisierung so extrem ähnlich sind.

Ein Stundenplan, der nicht zu ändern ist, Lehrer_innen, die hilflos und also handlungsunfähig sind und alle Verantwortung und Aushalteparolen der Welt auf uns abladen. Ein Begleitermensch, der seit Monaten nicht erreichbar ist. Absprachen und Hilfen, die mit dem Weggang der alten Klassenlehrerin nicht mehr eingehalten bzw. gegeben werden. Das Gefühl von allen reingelegt und verlassen worden zu sein, obwohl wir allen gesagt haben, dass wir das alleine nicht schaffen. Obwohl wir verdammt nochmal wirklich alles, darunter auch Dinge, die an unserem Würdegefühl gekratzt haben, gemacht haben, damit das alle begreifen. Damit genau das nicht passiert.

Und dann der Schmerz.
Für den sind wir allein verantwortlich. Wir müssten früher gehen, öfter nicht da sein, Situation nicht er_leben, um ihn so ertragen zu können, dass wir immer lieb, ruhig und artig sein können. Wir müssten weniger leben, um ihn nicht zu spüren. Oder ein weniger schmerzverursachendes Umfeld haben.
Man hat uns schon oft vorgeworfen uns zu oft zu verkriechen, im eigenen Kleinklein zu bleiben. Oft, weil man nicht so recht glauben kann, das Geräusche, Sprechen, Interagieren auch Schmerzen verursachen kann. Und meistens, weil man die Verbindung zwischen Schmerzen, die wir heute haben und dem Schmerzgedächtnis für Schmerzempfinden aus lebensbedrohlichen Gewalterfahrungen früher in unserem Leben, nicht so recht begreifen kann.

Ich erwähne den Schmerz, weil ich denke, dass das etwas ist, das die meisten Leute nachvollziehen können. Alle hatten mal krasse Zahn-Kopf-Glieder-Körperschmerzen in ihrem Leben. Alle wissen, wie man dann drauf ist. Alle wissen, wie viel zu viel in so einem Moment so ein “Psst!-Nu bleib ma ruhig”- Anspruch ist. Nicht, weil man ein böser Mensch ist oder irgendetwas in einem selbst als Person macht, dass man in diesem Zustand “böses” tut, sondern, weil das eine Möglichkeit von vielen ist. Unser Spektrum reicht von Dissoziation zu absolutem Hyperfokus zu psychosomatischen Phänomenen wie vorübergehender Blind- und/oder Taubheit zu Sprechunfähigkeit zu Anschreien bzw. Rausschreien, was ist. Die meisten dieser Reaktionen kriegen die Menschen um uns herum nicht einmal mit. Und das ist ja der ganze Witz.

Jemand, die_r leidet ohne Ende, Hoffnung und Kraft – aber in sich selbst implodiert und “unsichtbar dysfunktional” ist, wird nie für “böse” gehalten oder für unsozial oder was weiß ich. Solche Leute werden für fähig gehalten mit Stress umzugehen. Ihre Anwesenheit gilt als angenehm, weil nicht störend, da auf Störung hinweisend.
Wer davon abweicht, ist der letzte Arsch, nicht ganz dicht, Täter_in, Aggressor_in, störend und die Person, der man mit aller Macht sagen muss, dass sie doch bitte ruhig sein soll. Unabhängig davon wie ruhig sich die Person sonst verhält. Die Ruhe zu der eine Person fähig ist, wird immer wieder unsichtbar vor ihrer Lautstärke.

Ich frag mich, ob das nicht auch so eine Form der Imagemachung ist. So ganz alltäglich.
Du lernst einmal jemanden kennen und hast vielleicht insgesamt 5 Tage mit der Person verbracht, aber wenn sie dann in den letzten gemeinsamen 2 Stunden etwas macht, was anders ist, dann behälst du sie als so anders in Erinnerung. Dein Bild von ihr verändert sich dahingehend und das wars dann. Nie wieder wirst du die Person so sehen wie vorher. Viel mehr wirst du dein früheres Bild von der Person als Illusion oder Lüge abtun, anstatt dich der Realität zu stellen, in der Menschen einfach mehr sind als das Bild, das du dir von ihnen gemacht hast. Und vielleicht sogar weiter trägst., wenn du so ein Mensch bist, der anderen Leuten keine eigenen Bilder erlaubt oder erlauben oder zumuten will. Als ginge dich das irgendetwas an.

Mein Leben hat diese Realität.
Das Zerfallen und ganz klassische Opferding voller Leiden und Not und das Explodieren, das so oft Täter_innen zugeordnet wird, obwohl es ein ganz genauso reales Opferding ist. In den Diagnosekriterien der PTBS wird das unter “Reizbarkeit” verwurstet. Es gehört dazu. Ist eine Dimension wie die Dissoziation, der heutige Schmerz als Trigger für früheren Schmerz und so viel mehr.

Ich  weiß, ich sollte hier von gar nicht schreiben. Denn Mehrdimensionalität, Komplexität ist schwer. Schwerer als ein Abziehbild in 2D.
Aber mein, unser Leben ist schwer. Ist komplex.
Weil es real ist. Weil wir real sind.

22

Das ist eine Weile her. Essen mit Autoaggressionshintergrund.
Unnötig eigentlich. Mehr Gewohnheit, als Notgeburt.

Vielleicht meine Art, neue Wege zu gehen. Bisschen vorpreschen, etwas überfordern, – wohl wissend, dass es schwierig ist und schwierige Folgen hat – aber dann war ich immerhin schon einmal da, wo ich später mal hin will, ohne, das sich akut etwas verändert. Und zur Bestätigung, dass sich auch wirklich nichts verändert, ein Kilo Schrott mit Schrott obendrauf in den Mund, in den Magen bis es einfach nur noch weh tut und das Atmen schwer fällt.
Das ist beruhigend. So schräg das klingt.

Es fühlt sich irgendwie gut an, an etwas so richtig wirklich selbst schuld zu sein und zu wissen, was hätte würde müsste anders gelaufen sein.

Kurz vorher hatte ich mich von der Therapeutin verabschiedet. Unser Punkt in der Therapie gerade: Annäherung an täterloyale Innens und meine einerseits phobische Vermeidung und andererseits absolute Klarheit darum, dass wir nicht weiterkommen, wenn wir sie ständig ausklammern. Und, sie sich ausgeklammert sein lassen.

Wir zogen uns die Jacke an, sie hatte sich etwas zu trinken in der Teeküche gemacht. Und ich hatte sie gefragt, ob ich noch etwas sagen dürfte. Sie antwortete: „Ja“, und ich fragte sie, ob sie sich noch daran erinnern könnte, wie ich ihr damals – 2012 – in der zweiten oder dritten probatorischen Sitzung gesagt hatte, ich würde genau das nicht mehr wollen. Keine Vermeidungstänze mehr.

Ich erinnere mich noch, wie ich damals auch eine Vorstellung von Strenge mir selbst gegenüber hatte.
Wie ich damals durch die Erstgespräche mit Therapeut_innen ging und alle abgelehnt hatte, die mit zartem Tüchlein um den Hals und Wallawalladuftölkerze in ihrem Rattansessel saßen und mir butterweich durch die Wahrnehmung geglitten sind.
Ich konnte mich kaum fühlen – mir war klar, dass ich nicht Kraft haben würde, auch noch so jemanden erfühlen müssen. Zusätzlich zu schwammigen “Und was bedeutet das…?”, das zur tiefenpsychologischen Gesprächstherapie gehört, wie Eiter zur Pest.

Ihr das zu sagen, war einer dieser Vorpreschmomente. Mir gings schon schlecht, zu verlieren hatten wir nur noch die Hoffnung. Die Angst mit der ich dann umgehen musste, löste sich durch die Reaktion der Therapeutin damals gut auf. Sie hatte nämlich keine Angst oder Sorge. Und wenn, dann hat sie sie gut von uns ferngehalten. Ich hab ihre Präsenz gespürt und das hat mir schon gereicht, um mich einzunorden. Zu ordnen. Zu positionieren. Und in den letzten Jahren auch immer besser zu fühlen.

Natürlich hatten wir Vermeidungstänze in den Stunden. Selbstverständlich haben wir manchmal auch über einen längeren Zeitraum um Themen rumgetanzt. Manchmal hat sich dann rausgestellt, dass Vermeidungstänze auch Anlauf nehmen sind. Oder sich locker machen. Quasi Stress raustanzen oder auch: sich desensibilisieren.

Wo wir jetzt sind, ist das nicht so. Da ist es mehr eine Art reflexhafter Tarantella in nur eine Richtung, nämlich: Weg vom Thema. Vom Schmerz. Von der Angst. Vor dem, was spürbar, fühlbar, denkbar ist, und trotzdem überhaupt nicht greifbar.

Und da ist dann auch wieder der Wunsch nach Strenge mir gegenüber. Und gleichzeitig die Erkenntnis, dass ich meinen Wunsch nach Strenge mit mir, nach Forderungen an mich stellen und einfordern diesen auch nachzukommen, nur auslagern kann.
Denn ich bin nicht streng mit mir. Ich bin vernichtend mit mir. Selbstverletzend. Mir selbst das Maul stopfend, wenn ich Dinge äußere, von denen ich weiß, dass ich sie brauche, weil ich sie selbst nicht hinkriege.

Ich bat sie, mich beim nächsten Mal an diese Sitzung und meinen Wunsch keine Vermeidungstänze mehr zu machen, zu erinnern. Nicht um Druck auszuüben, sondern mich einzunorden. In mir selbst. Ich kann dann ja immer noch entscheiden, was ich in dem Moment dann für gut und wichtig halte.

Aber entscheiden will ichs können und das kriege ich einfach nicht hin. Im Moment entscheide ich an relevanten Stellen der Auseinandersetzung nämlich gar nichts. Ich reagiere, analysiere meine Reaktion, reagiere beim nächsten Mal doch wieder. Reflexhaft, unbewusst, dissoziativ. Als hätte es die letzten 7 Jahre Traumatherapie nie gegeben.

Ihr nach der Stunde nochmal etwas zu sagen, über das ich vorher nicht viel nachgedacht habe, war ein Ausbruch. Ein Vorpreschen. Unüberlegt vor möglichen Konsequenzen.
Und vielleicht der erste Schritt da raus, der nötig war.

Mal sehen.

21

“Nichts macht mich produktiver als die 5 Minuten vor der Deadline.” Das steht sinngemäß auf einer Karte, die ich neulich bei Twitter geteilt hab und könnte eigentlich auch in Bewerbungen von mir zu lesen sein.
Ganz so schlimm ist es dann aber doch nicht. Nicht immer.
Eigentlich immer nur, wenns drauf ankommt.
Auf mich. Alleine. Für irgendjemand anderen oder ein bestimmtes Ergebnis.

Dann verliere ich nämlich den Überblick, schaffe es nicht mehr, mich zu sortieren. Das überflutet mich, dann krieg ich Angst und dann… naja dann arbeite ich viel an Projekten, die weder Geld einbringen, noch irgendwas (für die Zukunft) bedeuten. Oder spiele Sims 3. Oder habe eine super aufgeräumte Wohnung mit top zusammengelegter Wäsche, staubgewischten Oberflächen und einer Küche, die bereit für eine Nierentransplantation ist.

Währenddessen gehts mir schlecht, denn ich weiß, ich sollte das nicht tun. Ich sollte arbeiten. Sollte etwas schaffen. Doch selbst wenn ich mich dann dran setze, ist mein Kopf leer, der Überblick kommt nicht zurück, die Fähigkeit, überhaupt eine Idee zu entwickeln, wo man wie anfangen könnte, ist einfach nicht da. Mit anderen Menschen über diese Arbeit zu sprechen, hilft mir dann oft auch nicht. Denn die meisten Leute wissen nicht, was ich da mache. Sie wissen nicht, worum es geht, verstehen nicht, was mir fehlt, um erklären oder einfach anfangen zu können.

Wenns richtig schlimm ist, kann ich in der Zeit nicht sprechen. Also “kann” kann ich nicht sprechen.
Mein Mund funktioniert, aber es kommt nichts raus, weil nichts auf der Wort-Aussprech-Abschussrampe liegt. Meistens dann wegen Lieferschwierigkeiten, manchmal aber auch weil die Sinn-Wort-Produktion erheblich erschwert ist. Das ist der Scheiße-Jackpot jeder Auftragsphase. Heute aber auch das Signal für mich, an dem ich weiß: Ich muss meinen Auftrag klären, muss mir sagen lassen – mir richtig Schritt für Schritt sagen lassen, was von mir erwartet wird.
Was zu wann zu machen ist, was wie sein soll, weshalb was wie geplant ist und so weiter. So, als wäre ich bei der Auftragsvergabe nicht da gewesen und hätte keine Ahnung.

Das hilft mir dann meistens. Alles nochmal hören, jeden Schritt aufschreiben können, fehlende Stücke ergänzen. Und dann wird meistens klar, weshalb ich in die Leere gerutscht bin: Unverständnisse oder Mehrdeutigkeiten
Gerade in meiner Ausbildung, in der es viel die Beschreibung von Gestaltung geht, passiert mir das immer wieder.
Ich kann nicht viel damit anfangen, wenn in einem Auftrag zum Beispiel steht: “Die Broschüre soll Jugendliche ansprechen”, denn ich kann die Broschüre nur gestalten, nicht aber ihr Sprechen beibringen. Ich weiß natürlich auch, dass damit andere Dinge gemeint sind – ich weiß aber auch, dass es eine Fülle von anderen Dingen bedeutet, die damit gemeint sind. Ja, und auf welche soll ich jetzt dabei achten? Fragezeichen. Leere. Keine Ahnung. Denn es gibt Millionen von Jugendliche und unzählige Arten der Ansprache, die in ihnen Interesse auslöst. Woher soll ich wissen, welche die richtige ist?

Viele Leute, mit denen ich über diese Problematik gesprochen habe, beschreiben ihr Entscheidungsverfahren mehr oder weniger als Sprung ins kalte Wasser. Sie würden einfach drauf los machen. Und irgendwie wär das dann auch schon immer gut.
Das würd ich auch gern können. Einfach so drauflos machen können, ohne Vorüberlegung oder Idee, wie es aussehen soll am Ende.

Am Wochenende hatte ich einige Konzepte für die Schule zu schreiben. Eins für eine Broschur, eins für einen Film zum Thema Sucht und eins für einen Auftrag über das Design einer Verpackung. Deadline: heute bzw. Mittwoch
Folgerichtig habe ich eine Sims 3 – Großfamilie entstehen lassen, hab meine Wohnung auf Vordermann gebracht und war so oft draußen, wie es mein Erkältungskreislauf mitgemacht hat. Ein Konzept habe ich an dem Wochenende geschafft. Das, was am Mittwoch fällig ist.

Gestern Abend, mittlerweise im Frieden damit, die reguläre Deadline nicht zu schaffen, habe ich mich dann gefragt, ob Prokastination für mich eine Form des Umgangs mit der exekutiven Dysfunktion ist. Also nicht “aufschieben” im üblicherweise gemeinten Sinne, sondern eher “wegschieben, damit nötige Prozesse Platz haben können”. Denn ja, ich hatte den Druck, dass ich etwas tun müsste, ich hatte aber auch das Gefühl, dass ich mich während meiner Quatschhandlungen trotzdem noch damit auseinandersetze, wie ich was machen könnte. Hier und da – völlig random – sprenkelten sich Ideen ein, die mir dann heute in der Schule dabei halfen, meinen Ideen und Plänen genug Struktur zu geben, um sie selbstständig weiterführen zu können.

Ich bin fristgerecht fertig geworden. Habe einfach irgendwas gemacht. Bin in Wasser gesprungen, über das ich mir genug Gedanken machen konnte. So viel, wie in der gegebenen Zeit eben möglich war. Bin ich damit zufrieden?
Nein. Denn es ist Produktivität, die ich damit bewiesen habe. Nicht Qualität, die ich geliefert habe.

Für manche Menschen ist der Anspruch zu hoch. Auch viele in meiner Klasse lassen diesen Aspekt irgendwann sausen, weil es letztlich nur noch darum geht, etwas abzugeben, um eine 6 zu verhindern. Ich finde das nicht gut und denke mir, dass das doch auch nicht ist, worum es bei unseren Arbeitsaufträgen geht. Andererseits wollen die Arbeitsaufträge auch nicht wissen, wie viele mögliche Optionen man zur Umsetzung sieht. Sie fordern eine Option, ohne für mich klar zu sagen, welche. Das ist ganz schön schwierig.

Ich bin gespannt darauf, wie es später mal in einem beruflichen Setting läuft.
Bisher konnten wir immer alles einfach besprechen und besprechen und bereden bis wirklich alles klar war. Aber was ist, wenn wir mal einfach nur liefern sollen? Wenn wir einfach nur produzieren sollen und die Qualität vorausgesetzt wird.

Fragezeichen.
Angst.
Überflutung.
Zukunftsgedanken-Angst-Kreisel.

14

“Lassen Sie diesen Tag einmal ganz groß in sich werden.”, sagt die Therapeutin zu ihr und sie bläst ihn auf. Diesen Tag. An dem für sie alles super lief, weil sie gut funktioniert hat. Halb 5 aufzustehen, war für sie kein Problem. Sie weiß ja erst, wenn sie diesen Text liest, dass wir 2 Stunden vor ihrem Aufstehen ins Bett gekommen sind. Nach Stunden voll Rotz und Wasser, Not und Tick-Tack-Stacheln- besetzter Stille, in denen der eine Flashback abebbt und der nächste schon in den Startlöchern steht.

Für sie war es schön viel Zeit, noch schnell für die Klausur in 3 Stunden zu lesen, vor der die andere schon seit 2 Wochen Angst hat, weil sie so gut wie nie im Unterricht ist und ihn zu Hause nicht nacharbeiten kann. Sie fand es toll, endlich mal Zeit für ein langes Frühstück zu haben. Sie mag langes Frühstücken, denn für sie ist es schwammig schöne Wurschtelzeit ohne Grenzerleben. Ein Zeitgefühl, das so nur die Dissoziation entstehen lassen kann, die nötig ist, um Essverbote runterzuwürgen, Negativassoziationen gar nicht erst zu bemerken und auch die Arbeit der Selbst_Organisation, die zur Konstruktion so einer Mahlzeit nötig ist, weder zu bemerken, noch sowie daran beteiligt zu sein.

Sie mochte das duschen, das wir so sehr hassen, weil es einfach alles hat, was aversiv ist. Ich habe keine Vorstellung davon, was für sie daran angenehm sein könnte. Der Krach? Die Hitze, die die eine braucht und die andere ausnutzt? Die Seife, deren Glibsch einfach immer Ekel antriggert?  Das nackt in einem Raum stehen, der so konstruiert ist, dass man die Tür weder hören noch im Blick behalten kann? Der Umstand, dass potenziell jederzeit jemand da rein könnte, weil man nicht abschließen kann und er über den normalen Hausflur zu betreten ist? Oder sind es die Handtücher, die vor 17 Jahren von den Großeltern geschenkt wurden und noch immer nicht losgelassen werden können? Ist es, dass es in unserem Duschraum keinen Fußboden, kein Fensterrollo und weniger als 3 m² Platz gibt?
Oder geht es auch hier darum, dass es sich für sie einfach wie eine Blindfahrt durch Nebel anfühlt, über die sie, ohne es bewusst zu haben, eigentlich so überhaupt keine Kontrolle hat?

Sie beschrieb wie gut die Klausur lief, wie heute einfach alles gut lief und schön war und wie gut es war, nach der Schule eine Stunde schlafen zu können. Wie nötig das war, um in der Therapie sein zu können, weiß sie nicht. Dass sie heute komplett auf Mate-Tee und Koffeintabletten lief, weiß sie nicht. Dass sie maximal unproduktiv in der Schule war, weiß sie nicht. Dass es hier bei uns brennt und schreit und in alle Richtungen rennt, weiß sie nicht.

Nicht, weil sie nicht will. Einfach, weil sie sie ist.
Und nicht wir.

7

Nach der Schule ist vor dem “von der Schule nach Hause”-Weg und das ist quasi wie Höllenkreishopping.
Aus dem Unterricht in den Schulflur von dort über den Hof, Achtung vielleicht werden wir von den Gesamtschulkindern gesehen, die sich, ihrem scheinbar natürlichen Lautstärkemodus (schreiend und über größere Distanzen hinweg) entsprechend genau über diese Entdeckung austauschen müssen, durch die Rauchwolke in die Bahn, in der es üblicherweise weder Sitz- noch Stehplätze mehr gibt, wenn Schulschluss ist. 25 Minuten lang. Es sei denn, es gibt mal wieder einen Beinahunfall oder einen PKW auf den Gleisen, weil diese eine Hauptstraße einfach immer noch nicht für den Individualverkehr gesperrt ist.

Es nieselt. Als die Bahn kommt, versuche ich an den Fußdrehungen der Leute zu erkennen, wo die Tendenz überwiegend hingeht und nehme die Gegenrichtung. Ein freier Platz ist die Belohnung und das ist toll. Ich habe NakNak* auf dem Arm, der bald einschläft, denn ihre zarten 11 einhalb Kilo drücken mir die Blutversorgung ab. Immerhin spüre ich den Arm noch. Er ist da. Ich bin da. Meine Angst, jemand könnte mich spontan boxen, ich würde den Ausstieg verpassen, nicht mehr rauskommen – nie wieder raus kommen – jemand könnte mich angucken, irgendeine Situation, die ich weder verstehen noch beeinflussen kann könnte eintreten, passiert nur noch in diesem kleinen Raum, der mein Körper ist auf dem NakNak* sitzt, die entspannt den Kopf auf meiner Schulter hat und so gut riecht.

Eine Familie mit einem Kind im Kinderwagen, das andere daneben, steigt ein. Ich bleibe sitzen, obwohl der Sitz zu dem Platz für Kinderwagen davor ist. Wäre die Bahn leerer und NakNak* nicht in Gefahr, getreten oder zerdrückt zu werden, wäre die Bahn leerer und ich nicht so randvoll mit dieser einen Unruhe, die nicht so ganz viel mehr Aufregung braucht, um eine echte Panik oder ein Zerfallen in mir auszulösen, wäre die Bahn leerer, wäre die Bahn nur leerer

Die Fahrt geht weiter und weiter und weiter und weiter und bevor ich aussteigen muss, verkorkt ein letztes Schülerrudel das Gefährt bis aufs letzte kleine Stückchen. Ich komme hier nicht so einfach raus. Ich komme nicht raus. Ich muss raus. Ich komme nicht raus. Ich kann nicht raus, weil wir fahren. Ich kann hier noch nicht raus, weil wir erst gleich aussteigen müssen. Guck – gleich hier da wo dies ist und jenes. Kennen wir alles. Ich will hier raus. Raus. Raus raus raus. Aber jetzt müssen wir noch diese Kurve nehmen.

Ich setze NakNak* zwischen zwei Fußpaare und hoffe das Beste. Rufe in das Knäul im Eingangsbereich die Bitte für mich den Türknopf zu drücken. Zaunpfahl schwingend sozusagen. Raus Raus Raus. Wäre die Bahn leerer.
Die Tür geht auf, weil außen jemand drückt. Alle gucken auf die Tür. Gucken raus. Raus. Nach draußen,  wo ich sein will. Wo das Pferd in meinem Hals hingaloppieren will. “Ich will raus” macht meine Stimme irgendwo zwischen Quieken und Krächzen, souverän wie durchgesubschtes Dönerbrot.
Nichts passiert.

Als ich die Brandung der Panikattacke schon spüre, donnert der Familie-mit-Kinderwagen-Mann “Alle raus gehen – hier will jemand aussteigen!”. Das wirkte. Auf mich und den Schülerkorken im Eingangsbereich.
“Danke” pieps ich dem Mann zu. “Kein Problem” antwortet der.

5

“…so show me family
(Hey) all the blood that I will bleed
(Ho) I don’t know where I belong
(Hey) I don’t know where I went wrong
(Ho) but I can write…”
(“Hey Ho”, the Lumineers)

Man kann es nicht als neue Geschichte bezeichnen, wahrlich nicht. Eine der Figuren in „Grindelwalds Verbrechen“. Es ist einfach wieder ein „besonderer Junge“, nach dem gegriffen wird. Ein weißer Junge mit schwerer Geschichte. Ein Junge, der krasse Dinge passieren lassen kann. Vor allem, wenn er ~Emotionen~ hat. Es ist mehr Budenzauber, ja. Mehr soziale Verwicklung und ach… das Bad in der Zauberwelt – das ist einfach toll.

Und dann sind da die Parallelen.
Der Junge ist kein Junge. Es ist ein Mann, der als Junge gesehen und gedacht wird, weil er seine Kraft und damit einen profunden Teil seiner Selbst nicht im Griff hat. Dessen Suche und Kampf um sich selbst und seine Geschichte von so vielen Leuten erzählt, gedacht … gemacht wird, dass er selbst nur glauben, doch nie wissen kann. Und obwohl er ahnt, dass er gerade – erneut – misshandelt und ausgenutzt wird, bleibt. Und folgt.

“Ein Obskurus entsteht nur in einem Klima extremer Einsamkeit und Gewalt” – oder so ähnlich, erklärt der junge Dumbledore, das große schwarze Ding, das regelmäßig ausbricht und mehr oder weniger gezielt alles um sich herum zerstört. Und tötet. “Hätte er nur Geschwister gehabt, die ihn mochten oder einen Freund… Er braucht so jemanden, das kann schon alles verändern…”

Wieder schrieb Rowling also eine Geschichte über Täterintrojekte bzw. Traumafolgen.
Und wieder kriegts mich.
Diesmal anders. Auch anders, als bei der Geschichte um Lord Voldemort in den Harry Potter-Bänden.

Ich kenne diese schwarze krasse Macht in mir drin. Und ich weiß, dass sie aus einem Klima extremer Gewalt, tiefster Einsamkeit, Verlassenheit, Not kommt. Weiß, dass sie schon verletzt und zerstört hat.
Ich weiß, dass sie kontrollierbar ist. Ich weiß, dass es keine kontextlose Naturgewalt ist, die unberechenbar und übermächtig ist.
Ich weiß aber auch, mit wieviel extremer Gewalt und Ablehnung ich sie in mir drin halte. Weder anspreche, noch bewege, noch wirklich glaube, dass ich sie halten kann, sollte sie versuchen sich ernsthaft nach außen hin auszudrücken.

Niemand entwickelt eine so tiefgreifende Spaltung von Selbst und Sein, gäbe es keine Kräfte, die brechend auf sie einwirken. Das ist das eine.
Das andere ist, dass das kein Leben ist, sondern ein Zustand.
Ein Zustand, der weh tut, obwohl kein Blut fließt. Ein Zustand, der nicht nur das Früher fragmentiert, sondern auch das Heute und dadurch auch jede Idee an die Zukunft.
Das geht in Beschreibungen des Viele-Seins wie “Wir leben alle in diesem Haus und das Haus ist der Körper” unter. Ja, man lebt, von mir auch in einem Haus. Aber die Zimmer in diesem Haus sind das Ergebnis langjährigen Bohrens, Reißens, Schlagens, Kratzens, Ätzens, Brennens… letztlich: Verdrängens dessen, was vorher da war. Und zwar jedes Zimmer. Nicht nur das der Räume, in denen die krasse Todeswolke drin ist.

Ich ging aus dem Film und fragte mich, ob Credence Barebone (der junge Mann mit dem Obscurial in sich) deshalb von J. K. Rowling erfunden wurde, weil es weißen verletzten Männern leichter zu glauben ist, dass man sie besser nicht kränkt oder verletzt, weil sie eine scheiß gnadenlose Wolke des Todes in sich tragen.
Nach dem ersten Teil (“Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind”) hatte ich mich schließlich auch gefragt, ob sie ihn als Jungen erdacht hat, um der Misshandlung, der er ausgesetzt war, in ihrer realen Krassheit und Schlimmheit glaubwürdiger zu machen, um sein Rotz und Wasser heulen und die spätere Totaleskalation nicht als irrational (oder – ding dong – “hysterisch”) erscheinen zu lassen.

Wäre Credence eine Frau oder eine Person anderen Geschlechts, hätte das Publikum die Gewalt konkreter miterleben müssen – und die Verführung faschistoider Kräfte wäre viel weniger subtil passiert. Grindelwald hätte eine Frau sexuell verführt oder in irgendeiner anderen Form sowohl emotional als auch strukturell an sie gebunden. Ein Versprechen von einer Zukunft in Würde durch Geschichte und Identität, wäre dann niemals Thema gewesen.

Das mag irrelevant für die Filme sein – die sind ja nun einmal wie sie sind – es ist aber nicht irrelevant für mich. Denn aufgrund dieser Tatsache fällt auch dieser Film wieder als etwas raus, das ich für meine eigene Auseinandersetzung nutzen kann.
Denn mir wird keine Todeswolke im Inneren geglaubt. Nicht, weil es Todeswolken in Menschen nicht gibt, sondern weil die Annahme von zerstörerischem Gewaltpotenzial nachwievor an Männer oder als männlich eingeordnete Menschen herangetragen wird. Und eben nicht an Menschen wie mich, die mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit in ebenjenem Klima der Gewalt aufwachsen und dadurch – entsprechend der Logik der Entstehung von Todeswolken aka Obskurialen aka Täter_innenintrojekten – erheblich viel wahrscheinlicher auch so ein Ding entwickeln.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, dass ich nur Kämpferinnenfiguren kenne, die sich ihre Kraft und auch ihre Zerstörungsenergien in irgendeiner Form entwickelt haben. Keine war einfach so krass stark und Beherrscherin ihrer eigenen Kräfte. Sie haben alle hart trainiert, sind schonungslos gegen sich selbst angetreten oder waren, ohne es zu wissen, einfach schon immer eine Halbgöttin und deshalb “von Natur aus” interessiert an Kampf und Krassgedöns.
Erst recht kenne ich keine einzige nicht binäre Person, die einfach so mit ihrer Todeswolke konfrontiert war und dann genauso einfach so dagegen angehen konnte.

Das ist auch Einsamkeit. Keine Vorbilder zu haben, die die Fragmente einer Zukunft auffüllen und überbrücken helfen könnten. Das ist auch Verlassenheit. Wenn man weiß: Eigentlich gibt es Selbsthilfegruppen, Foren und Treffs, in denen man Leute, die das schon hinter sich haben oder auch auf dem Weg sind, treffen und fragen könnte – aber nicht für sich selbst. Weil man “zu politisch” ist. Weil man zu wenig hilfe_bedürftig ist. Weil man einfach schon viel zu viel über sich und die eigenen Erfahrungen verstanden hat, um mit dieser Thematik noch als die Person gesehen und anerkannt zu werden, die man – trotz alle dem und so viel erfolgreicher Arbeit – auch noch ist: Eine Person, die vor manchen Aspekten der Gewalt- und Traumafolgen einfach so derartig überfordert ist, dass sie nichts anderes _kann_, als mit Gewalt alles in sich niederzuknüppeln, was nicht anders beherrschbar ist.

Das ist auch Not.
Denn wo Gewalt ist, ist immer auch Not.

“Love we, need it now
Let’s hope, for some
‚Cause oh, we’re bleedin‘ out”

4

Morgen fang ich bestimmt an zu bluten und ich merks an dem Energieschub heute. Aufstehen, Wasser rein, Sportschuhe an, zum Bäcker laufen, special Nomnombrot kaufen und vor dem ersten Schluck Kaffee schon geduscht, angezogen, am laufenden PC mit Arbeit beschäftigt.
Stunde um Stunde vergeht. Reden, Denken, Arbeiten, mit NakNak* raus, in die Stadt eine neue Hose kaufen, nicht weinen um einen dicken Körper, nicht weinen um eine C&A-Filiale voll, laut, vielzuviel. Das Machen legt sich Handlung um Handlung zu einer neuen Schicht auf die Grenze zwischen innen und außen und am Abend, die eine Arbeit im kleinen Fenster, die andere in einer virtuellen “und dann mach ich das so und dann so und ja dann kommt das noch so…”-Schleife knapp über dem rechten Ohr, da frag ich mich, ob das vielleicht das gleiche Gefühl ist, wie Kontaktlinsen zu tragen.
So schalig. So schützend. So fokussierend.

1

“Mund zu – es zieht!” Das kommt mir in den Sinn, wenn ich dem Fahrtwind meines rasenden Inneren nachspüre. Mach den Mund zu – es zieht. Mach ihn zu. Lass ihn zu. Es zieht.

Da war ein Silvester mit goldenen Blumen. Die wuchsen und wuchsen auf dem schwarzen Samt über der Welt und es ist das schönste Feuerwerkbild, das ich aus der dünnen Kinderjahreinjahrausalltagssuppe fischen kann. Vielleicht, weil es noch leichter war. Zeit weder Rahmen noch Bedeutung hatte. Vielleicht, weil ich mir damals nichts vornahm, was ich nicht auch sicher durchziehen würde. Vielleicht, weil damals nichts, einfach gar nichts vorhersehbar war.

Es zieht. Es zieht an mir und hat den Mund offen.

Fundstücke #67

Das Jahr geht zu Ende und es fühlt sich nicht danach an.
Alles ist anders, neu, komisch, schön, anstrengend. 2018 hat viel mit sich gebracht. Vieles verändert. Auch mich. Uns.
Wir hatten zu wenig Zeit für uns allein, mit uns allein, um alles zu integrieren, alles zu er.fassen und zu halten. Und vielleicht ist das die Essenz von Reichtum.

Das nächste Jahr steht bereits zur Hälfte fest und so beruhigend wie das ist, so sehr setzt es uns unter Druck.
Es ist keine Planung, die uns strukturiert und vorbereitet, um weniger Angst zu haben. Es ist der Versuch zu greifen, was da kommt. Das ist etwas anderes als sonst und so schwer zu kommunizieren in seiner gesamten Belastung.

Wir bemühen uns darum glücklich zu sein, dankbar, demütig und merken doch: Glück und Zufriedenheit ist Arbeit und irgendwann ist man einfach müde. Denn Energie ist begrenzt und wir ziehen unsere Kraft nicht aus Glück und Zufriedenheit, sondern aus Schlaf, guter Ernährung, Sport, Alleinzeit, der Möglichkeit zu schreiben, um sich selbst zu verstehen, zu verorten, zu spüren.

Das müssen wir 2019 wieder mehr machen. Egal wie egoistisch das wirkt, egal, wer sich das anders wünscht und warum.
Das ist auch eine Erkenntnis, die bestätigt. Wir sind nicht selbstbezogen, weil wir daraus einen sozialen Vorteil haben. Wir sind es, weil es für uns der Weg zu anderen Menschen und dem Leben selbst ist.

Ich glaube, dass das etwas ist, das wir den Menschen in unserem Leben zumuten müssen. Glaube, dass wir uns in einem Zutrauen üben müssen, in dem wir annehmen, dass die Menschen uns vertrauen. Was merkwürdig ist, denn das haben wir noch nie gemacht: Geglaubt, dass man uns glaubt; darauf vertraut, dass man uns vertraut.

Mal sehen wie das wird.
Im Jahr 2019.