Weltautismustag #4

Der vierte Weltautismustag mit dem Wissen um den eigenen Autismus.

Was kann ich dazu schreiben. Eigentlich nichts. Wir sind nicht nur autistisch. Ich denke, dass an so einem Tag nur die sprechen sollten, die ausschließlich das sind. Autist_innen.
Ich weiß, woher ich diesen Gedanken habe und weiß, dass ich ihn nicht haben muss. Er ist trotzdem da und wirkt. Dieser Text ist ein Versuch daran vorbei zu kommen.
Denn es ist unser „nicht ausschließlich autistisch“-sein, das die Diagnose so lange verunmöglicht hat und es auch heute noch erschwert, als auch autistische Person verstanden und anerkannt zu werden.

Es gibt enorm große Schnittmengen zwischen Autismus und dissoziativen Störungen (aufgrund traumatischer Erfahrungen). Sich auf gleich zwei so umfassenden Spektren verorten zu wollen, ist eine Herausforderung und nachwievor sind wir damit (gefühlt) völlig allein.

Durch unsere schulische Ausbildung haben wir viel Raum, uns damit auseinanderzusetzen, worin unsere Lern.Be.hinderungen und unsere Kompensationsstärken liegen. Wir haben gelernt, dass wir eine Stärke für Details und Analysen hochkomplexer Zusammenhänge haben, gleichzeitig jedoch Schwierigkeiten so schnell Verbindungen herzustellen – und beizubehalten – wie in der Schule und auch manchmal im Alltag erforderlich.

Wir bewegen uns geistig wie sozial nie im großen Ganzen – sondern immer im präzise durchanalysierten und scharf beobachteten Moment. Wir können darin mehr aufnehmen als andere Menschen, viele Verläufe und Möglichkeiten gleichzeitig berechnen, abwägen, einordnen, können sie aber oft nicht als das kommunizieren, was hinter unseren Analyseergebnissen (und entsprechendem  Re_Agieren) steht.
Wir können sehr gut schreiben und gut sprechen, etwas für andere Menschen verständlich zu sagen jedoch, raucht uns sehr schnell, sehr tiefgreifend aus.
Wir sind konsequent wie eine Guillotine im freien Fall, wenn wir uns etwas vorgenommen haben und gleichzeitig ohne jede Struktur, was ebenjene Vorhaben bzw. ihre Umsetzung angeht.

Die Gegensätzlichkeiten und Widersprüche in unserer Interaktion und Kommunikation sind in einer Linie mit der Art, wie wir gestrickt sind und das ist eine merkwürdig guttuende Erkenntnis.
Wir sind “geistig behindert” und gleichzeitig hochbegabt. Kriegen nichts auf die Kette und haben gleichzeitig das Potenzial sogar mehr zu können bzw. zu schaffen, als viele andere Menschen.
Wir sind eine Person, ein Einsmensch, und gleichzeitig viele. Viele Seelen, viele Leben, in einem Körper.leben.

(Diese) Gleichzeitigkeit mitzudenken, zu erleben und zu empfinden ist, was uns ausmacht.
Ob das eine rein autistische Geschichte ist, wissen wir nicht. Die Dinge, die wir in den letzten Jahren über Autismus gelesen haben, befassten sich nicht bzw. wenn, dann eher am Rande mit solchen Aspekten.
Meistens ging es um autistische Kinder. Um autistische Kinder in der Schule, im Defizit, im Zentrum der Angst vor sozialem und ökonomischen Abstieg der Eltern. Es ging um neuere Studien zur genetischen Grundlage des Autismus, um mögliche Risikofaktoren während Schwangerschaft, Geburt und frühster Kindheit.

Zur Lage und Lebensqualität komplex traumatisierter Autist_innen oder autistischer Menschen, die komplex traumatisiert wurden, haben wir noch immer keine Veröffentlichung gefunden. Keine, außer unserer eigenen, von denen wir bis heute nicht so recht wissen, ob sie nachvollziehbar, sinnig, ~wertvoll, konstruktiv für irgendetwas oder irgendwen nutzbar sind.

Am Weltautismustag wird in Amerika nachwievor die (von Autist_innen scharf kritisierte) Organisation “Autismspeaks” beworben, die ein Puzzleteil als Logo hat. Die Ironie ist groß. Sagt man doch auch über Leute, die viele sind, sie wären innerlich ein Haufen auseinandergerupfter Teile, die zusammen ein Ganzes ergeben.
In unserem vierten Jahr mit Autismusdiagnose und dem inzwischen siebzehnten Jahr DIS-Diagnose denken wir beides gleichzeitig in uns und fühlen uns damit isoliert. Weggerupft.

Wir sehen nachwievor keine Inklusion von autistischen Menschen in der Traumaforschung und von anerkannt traumatisierten Menschen in der Autismusforschung.
Wir sehen nicht, dass sich Traumaspezialist_innen für die Neurodivergenz und ihre Auswirkungen auf das Gelingen oder Nichtgelingen von Traumatherapie interessieren. Sich fort- und weiterbilden, sich dazu entscheiden, anzunehmen, dass auch behinderte* Menschen von Traumatherapie profitieren können, wenn man es ihnen ermöglicht.
Wir sehen nicht, dass der institutionellen Pflege und Versorgung von autistischen Menschen die Idee von Selbstermächtigung innewohnt. Sehen noch bei viel zu wenigen Menschen das Bewusstsein dafür, dass man bei bestimmten Heil-, Hilfe- und Förderungs.be.handlungen das Potenzial einer grundfesten Traumatisierung autistischer Menschen mitbedenken muss.

Wir sehen nur einen Haufen Puzzlestücke, die sich hier und da um einzelne Aspekte klumpen, die letztlich nicht den Menschen dienen, um die es geht.
Und wissen auch in diesem vierten Jahr der Auseinandersetzung nicht, ob mehr Awareness das Einzige ist, das gebraucht wird, um das zu verändern.

2 thoughts on “Weltautismustag #4

  1. Es ist der Grund, weswegen ich Eurem Blog folge. Autismus, Traumata und Dissoziation in Kombination ist nirgendwo zu finden, obwohl auch ich von allen drei Bereichen betroffen bin und mir deswegen oft wie ein Sonderling vorkomme. Ich habe allerdings (noch?) nicht den Mut, so wie Ihr zu meinen traumatischen Erlebnissen zu stehen. Vermeidung nennt es meine Therapeutin. Das Buch von „Donna Williams“ ist bisher das Einzige, dass sich mit allen drei Themenbereichen beschäftigt. Sie ist von Geburt an Autistin, hat traumatische Handlungen erlebt und ist aufgrund dieser Handlungen dissoziativ geworden. Ich klammere mich seit mehr als einem Jahr an ihr Buch, weil es für mich ein Hinweis ist, dass ich autistisch, traumatisiert UND dissoziiert sein kann. Genau wie ich mich auch an Euren Blog klammere. Ich drücke selten „Gefällt mir“ und schreibe Euch nie einen Kommentar, aber ich bin stille Mitleserin und habe mir natürlich jetzt auch Euer Buch bestellt. Ich bin traurig darüber, dass es nicht viel mehr Veröffentlichungen über traumatisierte Autisten gibt, denn aus meiner Erfahrung ist das gar nicht so selten. Ich weiß nicht ob es daran liegt, aber ich selbst habe manchmal den Eindruck, dass einem bei Traumata der Autismus schnell „aberkannt“ werden möchte. Dann werden die Schwierigkeiten als Folge vom Trauma gesehen, unabhängig davon, ob die autistischen „Besonderheiten“ schon vor dem Trauma vorlagen. Aus meiner Sicht ist das fatal. Auch Autisten können traumatisiert werden; dadurch verschwindet aber nicht der Autismus.

    1. Danke dass du geschrieben hast <3
      Da erste Buch von Donna Williams hat uns damals den Mut gegeben, uns für eine Autismusdiagnostik zu entscheiden. Und ihr YouTube-Kanal hat uns so so viel verstehen lassen. Und ihr zweites Buch macht auch so viel Mut dran zu bleiben und das einfach alles aufzuschreiben und zu durchleben.
      Wir denken irgendwie, dass das alles ist, was wir machen können. So wie sie einfach durch das Aufschreiben und Zugänglichmachen zeigen, dass es das gibt und dass sich zu verstecken und die erfahrenen Traumatisierungen zu vermeiden, eine von zwei (und vielleicht auch noch mehr?) möglichen Wahlentscheidungen ist.
      Ich wünsch dir, dass du deine Entscheidungen gut leben kannst. <3

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