Schlagwort: Vorraussetzungen zu Therapie

Autismus, Trauma, Kommunikation #7 oder: Drogen und Psycho(trauma)therapie

Die taz hat am 2. Februar einen Text zu Drogen, speziell Halluzinogenen, in der Psychotherapie veröffentlicht, den wir mit großem Interesse gelesen haben.
In dem Text wird auf die Geschichte der Stoffe, die Behandlungserfolge und –risiken eingegangen und aufgezeigt, dass die Forschung weitergeht. Klein und spezifisch, aber immerhin.

Für uns persönlich ist klar, dass wir konkret diese Art der Drogen nicht nehmen können, ohne mit Scheiße rechnen zu müssen. Wir haben vor, während und nach Gewalterfahrungen Medikamente/Drogen/Zeug bekommen, die uns heute die Einordnung und Erinnerung der Erfahrung als lineares Geschehen, das real vielleicht so – vielleicht aber auch anders – total erschwert.

Hier meinen wir auch nicht nur illegalisierte Drogen. Schon stärkere Schmerzmittel als Ibuprofen erschwerten damals die Einordnung, wie schlimm es denn nun wirklich war. Es hat ja gar nicht mal so weh getan – eigentlich hat sich alles irgendwie dumpf angefühlt? – hm – war das denn jetzt Gewalt, wenns weder weh getan hat noch eindeutig schlimm war?

Als Jugendliche_r und junge_r Erwachsene_r haben wir eine Dauermedikation mit Tranquilizern und Antidepressiva gehabt. Die Gewalterfahrungen, die wir in der Zeit gemacht haben, sind alle mehr oder weniger dumpf verwattet im Nebel. Auch, weil wir zu der Zeit Drogen/Zeug/Medikamente geschenkt gekriegt und auch auch genommen haben. Weniger, weil wir wussten, dass wir damit gar nicht mal so merken würden, was mit uns passiert, sondern, weil es zu dem Zeitpunkt schon die Routine war. Also ein Teil der Gewalterfahrungs-/Traumakette und einfach dazugehört hat.

Körperlich und psychisch abhängig, waren wir in der ganzen Zeit jedoch nur von zwei Dingen: Tavor und Zopiclon.
Medikamente, die uns jahrelang verschrieben wurden, um mit den Traumafolgen besser umgehen zu können, weil es keine andere Option gab. Die hätte nämlich 24/7 und 1:1 unterstützte Reorientierung bei intensiver stationärer Traumatherapie mit weiterführender Arbeit in familienähnlichem sozialem Gefüge im Anschluss sein müssen. Aber woher nehmen, wenn von nirgends gegeben?

Trotzdem haben wir schon öfter darüber nachgedacht, dass wir manchmal bekifft in unserer Therapie weiter kommen würden als jetzt. Nicht, weil es uns irgendwie verbessern würde. Eher, weil wir bekifft weniger gehemmt sind und uns das Sprechen erheblich leichter fällt. Die paar Male, die wir gekifft haben, war zu Sprechen und Dinge zu sagen, nicht das bewusste Handeln, als das wir es im Alltag erleben, sondern mehr das, was wir unter “intuitives Interagieren/Kommunizieren” verstehen.

Wir hatten auf THC nie Fressflashs, Lachattacken oder – aber das kommt ja eh erst bei längerem Konsum – diese spezifische Kiffdumpfheit, bei der man nicht mehr von Dingen, Menschen oder Momenten emotional erreicht wird. Wir waren auch nie “breit” oder so. Wir waren einfach nur enthemmt, entkrampft und hatten einen normalen Muskeltonus – waren also noch nicht mal “entspannt”, sondern einfach “mittel” – um es zu bemühen: Ja, “normal”.

Durch eine Therapeut_innenbrille könnte man sich fragen, ob wir uns denn nicht sicher fühlen in der Therapie mit unserer Therapeutin. Ob wir denn bei ihr nicht richtig im Hier und Jetzt orientiert sind, weil das ja einzig das Ding dabei sein kann, dass wir gehemmt sind, über Dinge zu sprechen. So sehr, dass wir manchmal denken, bekifft zu sein würde helfen, das zu überwinden.

Dem können wir nur sagen, dass wir durchaus entspannt sind in der Therapie. Für unsere Verhältnisse mega entspannt, denn wir können da sitzen, können da zuhören, mitdenken, in uns reinfühlen, uns reflektieren und mehr oder weniger konstant auch verbal äußern. Für uns ist das das Maximum an Entspannung und Chill, den wir mit anderen Menschen im Raum, in relativer Nähe erreichen können.
Schon, dass wir bei der Therapeutin, die wir jetzt haben, nicht immer wieder selbstschädigendes Stimming brauchen, um arbeiten zu können, deutet auf unsere Entspannung hin.

Entspannung ist aber nicht das Gleiche wie Enthemmung.
Und Vertrauen ist auch nicht alles, was Hemmungen abbaut bzw. auflöst.

Was uns in der Therapie hemmt sind viele Dinge gleichzeitig. Klar, manches ist total nachvollziehbar. Scham zum Beispiel. Glaubenssätze, die man so für sich hat, so weit weg von der ‘Normalität’ und dem Außen, dass man sich fürchtet, dass sie lächerlich, unverständlich, peinlich oder für die Therapeutin ängstigend sein können.
Oder auch einfach, die zuweilen absolut bizarre Krassheit des Erlebten an sich. Klar, ist da eine Hemmung damit rauszukommen.

Für uns steht das aber noch nicht mal im Vordergrund.
Für uns geht es mehr darum diesen Sprung zu machen vom Inneren zum Äußeren. Also von etwas, das wir mehr oder weniger gut fühlen, greifen und als uns zugehörig erleben können, zu etwas, das wir nach außen geben. Denn weil da noch jemand anderes draufgucken und selbst benennen kann, wird es für uns total schnell zu etwas, das wir nicht mehr benennen und mit uns selbst verbinden können.

Dazu muss man verstehen: Wir erarbeiten uns das, was in uns vorgeht. Um zu wissen, was wir fühlen, müssen wir ein zwei Schritte mehr machen als “fühlen und benennen”. Um zu wissen, was wir denken, glauben, meinen, müssen wir auch mehr machen, als uns mit etwas zu befassen und das mit unseren Werten abzugleichen.
Zum einen müssen wir dissoziative Brüche umgehen oder verbinden – zum anderen müssen wir unsere exekutive Dysfunktion und Alexithymie kompensieren.

Das bedeutet, dass wir Dinge, die wir erinnern oder über Erinnerungen fühlen, erst einmal bewusst als solche identifizieren müssen.
Da ist die Traumaebene, in der dazu gehört, dass wir Rosenblätter zum Beispiel oft eher denken, brutale Scheiße geträumt zu haben, weil wir diese Traumata nicht erinnern und erst merken, dass es eine Erinnerung ist, wenn nach und nach noch mehr Stücke davon einfallen, obwohl man wach ist.
Dazu gehört die Dissoziation, die oft die zur Erfahrung gehörenden Gefühle (und Innens) von uns abtrennt. Das führt dann dazu, dass wir manchmal nur die Bilder oder nur die Gedanken oder nur die Gefühle wahrnehmen, aber keinen sinnhaften Kontext bzw. ein lineares Erleben daraus ablesen können.

Da ist die Ebene der Alexithymie, die dazu führt, dass wir viel Zeit der Auseinandersetzung und des Prozessierens brauchen, um Gefühle von Körpergefühlen getrennt zu ordnen, mit uns in Verbindung zu bringen und dann mit Worten abzugleichen – um dann noch immer nicht sicher darin zu sein, ob die Worte, die für uns allein im Inneren passend sind auch nach Außen passend im Sinne von verständlich oder nachvollziehbar sind.
Was zu erkennen für uns enorm schwierig ist, denn die meisten Menschen (und unsere Therapeutin ist einer) sind von uns was ihre Gefühle angeht, kaum zu lesen. Wir erschließen uns die Gefühle von anderen Menschen durch Überlegungen zu ihrer Wahrscheinlichkeit im Kontext mit dem, was wir sicher von ihnen ablesen können. Auch wieder ein bewusster, zielgerichteter Prozess, der manchmal auch beeinflusst von traumabedingten Annahmen, Ideen, Ängsten passiert und also doppelt passieren muss, um die Orientierung in Zeit und Raum zu gewährleisten und der Realität zu entsprechen.

Und da ist die Ebene der exekutiven Dysfunktion, die genau das – alle diese Prozesse – als überfordernd, überflutend, überreizend im schlimmsten, als enorm anstrengend und fordernd im üblichen Fall empfinden lässt.
Auf der Ebene brauchen wir klare Strukturen, permanente Ein_Ordnungshilfen und ein Ziel bzw. einen Sinn am Ende. Wir müssen wissen und bewusst gehalten bekommen, wofür was zu fühlen und zu benennen relevant und wichtig ist. Wir müssen wissen, worüber wir in der Therapie zum Beispiel sprechen und innerhalb welcher Struktur.

Den meisten Menschen ist das viel zu kalt, unemotional und beengt. Deshalb unterstützen die wenigsten uns darin. Das bedeutet für uns einen ganzen Organisations- und Ordnungskosmos in unserem Kopf, der allein bei und für uns passiert. Auch in der Therapie.
Das ist nicht schlimm oder falsch – es ist einfach so und für uns etwas, das uns in manchen Bereichen sehr hemmt.

Denn da die Ordnung nicht im Außen ist, muss sie in uns erhalten bleiben – auch dann, wenn wir uns eigentlich Traumainhalten widmen und daran arbeiten wollen. Was aber wiederum häufig mit unkontrollierbaren (reflexhaften) Gefühlstürmen, Bilderfluten oder plötzlich auftauchenden Gedanken und Innens einhergeht und damit genau das erschwert bis verunmöglicht, was uns halbwegs ‘normal’ erscheinen lässt.

Wenn wir hier von Ordnung und Organisation sprechen, meinen wir niemals eine Kategorisierung in gut oder schlecht, angemessen oder unangemessen. Auch ein gern genommenes Missverständnis aufgrund unserer Traumatisierung. Wir machen das nicht, um uns in traumabedingte Anpassungsleistungen zu zwingen. Wir machen das, um die ganz banale, profane, basale Alltagslage auf die Reihe zu kriegen.
Um sowas zu merken und benennen zu können wie “Ich habe Spaß am Malen”, “Ich mag Flausch, das fühlt sich gut an für mich”, “Hier, wo ich sitze, fühle mich mich gut. Ich fühle mich hier gut, weil sich dieses und jenes gut für mich anfühlt.”, “Ich fühle mich überfordert von der Aufgabe XY. Ich fühle mich überfordert, weil X und Y für mich nicht übersichtlich und verständlich sind.”

Die Notwendigkeit das so machen zu müssen, hatten wir schon immer und wir haben sie verstärkt, seit wir uns in sozialen Kontexten bewegen, in denen man auf die Gefühle anderer Menschen Rücksicht nimmt, sie von einander wissen will, soll, muss, kann und darf. In der Herkunftsfamilie war das nie Thema. Außer irgendeine Missachtung war zufällig Auslöser für Gewalt – aber die Auslöser waren in dieser Familie eh nie übersichtlich vorhersehbar oder abwendbar für uns, also ist das nicht sonderlich ins Gewicht gefallen.
Und wir haben die Notwendigkeit verstärkt seit wir in Therapie sind. In Gesprächstherapie, wo es Dreh- und Angelpunkt ist, Gefühle zu benennen, in Kontext zu setzen und zu prüfen. In unserem Fall darauf zu prüfen, ob sie von traumabedingten Reflexen herrühren oder nicht.

Phu.
Langer Schwall der Erklärung. Vielleicht hätte ichs auch kürzer aufschreiben können. Zum Beispiel so:

Was uns hemmt ist unsere Art zu funktionieren. Sie ermöglicht uns einerseits, überhaupt in die Therapie gehen und arbeiten zu können – andererseits bedeutet genau das, dass wir nie so dysfunktional wie wir eigentlich sind, in der Therapie sind und damit auch nie wirklich an den Punkt kommen, wo Innens und damit auch deren Traumainhalte oder –erinnerungen, die wir nicht quasi ins Außenfunktionale reingeordnet und benannt bekommen, wenigstens benannt werden können.
Das ist kein “Uh wir wollen uns nicht peinlich machen und die Kontrolle nicht verlieren” Eiertanz, den wir an anderen Stellen so oft hatten und manchmal noch haben.
Das ist ein “Da ist was – ich weiß nicht was – ich kann nicht absehen, was das bedeutet – ich weiß überhaupt gar nichts dazu – wir lassen das so wie es ist”-Krampf, der uns immer wieder von uns selbst trennt.

Bekifft haben wir diese Trennungsgefühle nicht. Weder zu dem, was wir sagen, noch zu dem was wir nicht sagen können. Ähnlich wie unsere Bedarfsneuroleptika (von denen man ja bis heute auch nicht weiß, wie genau sie wirken btw) kleistert uns die Droge emotional zusammen. Unsere Dissoziationsneigung vor Überforderungsgefühlen durch Emotionen und die Notwendigkeit sich damit zu befassen, ist weniger stark ausgeprägt in dem Zustand.
Schon deshalb würden wir uns mehr Forschung zu Drogen und ihren Wirkungen auf neuroatypische (sprich depressive, suchterkrankte, schizophrene, traumatisierte, autistische, * ) Menschen sehr wünschen.

Zum einen, weil wir natürlich gern eine informierte Entscheidung zu Pro und Contras einer solchen Therapieunterstützung treffen würden, zum anderen jedoch auch, weil wir denken: The Fuck ja – man hat sich schon beim Ausdenken der verschiedenen Therapieformen keine bzw. kaum Gedanken über die kognitiven Vorleistungen, die Patient_innen machen müssen, um Behandlungssettings und ihren Anforderungen zu entsprechen, gemacht, dann kann man sich doch wohl jetzt mal Gedanken darüber machen, warum Drogen zusätzlich zur üblichen Therapie manchen Leuten helfen und manchen nicht. Von mir aus auch in Korrelation dazu, wie gut eben jene zusätzliche Therapieform ist oder auch nicht.

In dem Artikel der taz werden die Drogen als Mittel zu schnellerem Zugang zum Unbewussten und generell als etwas beschrieben, das möglicherweise eine (Trauma-) Therapie beschleunigen – oder vielleicht sogar unnötig machen kann.
Halten wir für einen Trugschluss.
Einfach schon, weil alles immer therapeutisch im Sinne von “verändernd” wirkt. Ob das nun eine wöchentliche Sitzung in einer psychologischen Praxis ist oder eine bestimmte Routine, die man verändert, weil sich das grad irgendwie so ergibt.

“Therapie” ist nicht ausschließlich psychotherapeutische Heilungsarbeit oder medizinische Behandlung mit dem Ziel der Verbesserung eines wie auch immer gelagerten Zustands.
”Therapie” ist auch, wenn man sich allein oder mit anderen zusammen über etwas auseinandersetzt, das dann so mittel viel hilft oder nur einen kleinen Aspekt anders sehen lässt. “Therapie” ist auch baden gehen, wenn man dreckig ist, weil man dreckig ist und sauber sein möchte.

Um im Bild zu bleiben: Ich denke, wenn Leute sagen, dass sie glauben ein Schwamm oder eine Seife könnte ihnen helfen schneller/anders/besser/gezielter sauber zu werden, dann sollten sie lieber einen Schwamm oder eine Seife erhalten über die man schon viel geforscht hat, als sich viele Jahre mit Wasser behelfen zu müssen. Oder Wasser und einer Imagination von einem Schwamm.

In diesem Sinne: yeay Forschung zu Drogen als unterstützendes Mittel in der Psycho(trauma-)therapie!