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Das ist eine Weile her. Essen mit Autoaggressionshintergrund.
Unnötig eigentlich. Mehr Gewohnheit, als Notgeburt.

Vielleicht meine Art, neue Wege zu gehen. Bisschen vorpreschen, etwas überfordern, – wohl wissend, dass es schwierig ist und schwierige Folgen hat – aber dann war ich immerhin schon einmal da, wo ich später mal hin will, ohne, das sich akut etwas verändert. Und zur Bestätigung, dass sich auch wirklich nichts verändert, ein Kilo Schrott mit Schrott obendrauf in den Mund, in den Magen bis es einfach nur noch weh tut und das Atmen schwer fällt.
Das ist beruhigend. So schräg das klingt.

Es fühlt sich irgendwie gut an, an etwas so richtig wirklich selbst schuld zu sein und zu wissen, was hätte würde müsste anders gelaufen sein.

Kurz vorher hatte ich mich von der Therapeutin verabschiedet. Unser Punkt in der Therapie gerade: Annäherung an täterloyale Innens und meine einerseits phobische Vermeidung und andererseits absolute Klarheit darum, dass wir nicht weiterkommen, wenn wir sie ständig ausklammern. Und, sie sich ausgeklammert sein lassen.

Wir zogen uns die Jacke an, sie hatte sich etwas zu trinken in der Teeküche gemacht. Und ich hatte sie gefragt, ob ich noch etwas sagen dürfte. Sie antwortete: „Ja“, und ich fragte sie, ob sie sich noch daran erinnern könnte, wie ich ihr damals – 2012 – in der zweiten oder dritten probatorischen Sitzung gesagt hatte, ich würde genau das nicht mehr wollen. Keine Vermeidungstänze mehr.

Ich erinnere mich noch, wie ich damals auch eine Vorstellung von Strenge mir selbst gegenüber hatte.
Wie ich damals durch die Erstgespräche mit Therapeut_innen ging und alle abgelehnt hatte, die mit zartem Tüchlein um den Hals und Wallawalladuftölkerze in ihrem Rattansessel saßen und mir butterweich durch die Wahrnehmung geglitten sind.
Ich konnte mich kaum fühlen – mir war klar, dass ich nicht Kraft haben würde, auch noch so jemanden erfühlen müssen. Zusätzlich zu schwammigen “Und was bedeutet das…?”, das zur tiefenpsychologischen Gesprächstherapie gehört, wie Eiter zur Pest.

Ihr das zu sagen, war einer dieser Vorpreschmomente. Mir gings schon schlecht, zu verlieren hatten wir nur noch die Hoffnung. Die Angst mit der ich dann umgehen musste, löste sich durch die Reaktion der Therapeutin damals gut auf. Sie hatte nämlich keine Angst oder Sorge. Und wenn, dann hat sie sie gut von uns ferngehalten. Ich hab ihre Präsenz gespürt und das hat mir schon gereicht, um mich einzunorden. Zu ordnen. Zu positionieren. Und in den letzten Jahren auch immer besser zu fühlen.

Natürlich hatten wir Vermeidungstänze in den Stunden. Selbstverständlich haben wir manchmal auch über einen längeren Zeitraum um Themen rumgetanzt. Manchmal hat sich dann rausgestellt, dass Vermeidungstänze auch Anlauf nehmen sind. Oder sich locker machen. Quasi Stress raustanzen oder auch: sich desensibilisieren.

Wo wir jetzt sind, ist das nicht so. Da ist es mehr eine Art reflexhafter Tarantella in nur eine Richtung, nämlich: Weg vom Thema. Vom Schmerz. Von der Angst. Vor dem, was spürbar, fühlbar, denkbar ist, und trotzdem überhaupt nicht greifbar.

Und da ist dann auch wieder der Wunsch nach Strenge mir gegenüber. Und gleichzeitig die Erkenntnis, dass ich meinen Wunsch nach Strenge mit mir, nach Forderungen an mich stellen und einfordern diesen auch nachzukommen, nur auslagern kann.
Denn ich bin nicht streng mit mir. Ich bin vernichtend mit mir. Selbstverletzend. Mir selbst das Maul stopfend, wenn ich Dinge äußere, von denen ich weiß, dass ich sie brauche, weil ich sie selbst nicht hinkriege.

Ich bat sie, mich beim nächsten Mal an diese Sitzung und meinen Wunsch keine Vermeidungstänze mehr zu machen, zu erinnern. Nicht um Druck auszuüben, sondern mich einzunorden. In mir selbst. Ich kann dann ja immer noch entscheiden, was ich in dem Moment dann für gut und wichtig halte.

Aber entscheiden will ichs können und das kriege ich einfach nicht hin. Im Moment entscheide ich an relevanten Stellen der Auseinandersetzung nämlich gar nichts. Ich reagiere, analysiere meine Reaktion, reagiere beim nächsten Mal doch wieder. Reflexhaft, unbewusst, dissoziativ. Als hätte es die letzten 7 Jahre Traumatherapie nie gegeben.

Ihr nach der Stunde nochmal etwas zu sagen, über das ich vorher nicht viel nachgedacht habe, war ein Ausbruch. Ein Vorpreschen. Unüberlegt vor möglichen Konsequenzen.
Und vielleicht der erste Schritt da raus, der nötig war.

Mal sehen.

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