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“Nichts macht mich produktiver als die 5 Minuten vor der Deadline.” Das steht sinngemäß auf einer Karte, die ich neulich bei Twitter geteilt hab und könnte eigentlich auch in Bewerbungen von mir zu lesen sein.
Ganz so schlimm ist es dann aber doch nicht. Nicht immer.
Eigentlich immer nur, wenns drauf ankommt.
Auf mich. Alleine. Für irgendjemand anderen oder ein bestimmtes Ergebnis.

Dann verliere ich nämlich den Überblick, schaffe es nicht mehr, mich zu sortieren. Das überflutet mich, dann krieg ich Angst und dann… naja dann arbeite ich viel an Projekten, die weder Geld einbringen, noch irgendwas (für die Zukunft) bedeuten. Oder spiele Sims 3. Oder habe eine super aufgeräumte Wohnung mit top zusammengelegter Wäsche, staubgewischten Oberflächen und einer Küche, die bereit für eine Nierentransplantation ist.

Währenddessen gehts mir schlecht, denn ich weiß, ich sollte das nicht tun. Ich sollte arbeiten. Sollte etwas schaffen. Doch selbst wenn ich mich dann dran setze, ist mein Kopf leer, der Überblick kommt nicht zurück, die Fähigkeit, überhaupt eine Idee zu entwickeln, wo man wie anfangen könnte, ist einfach nicht da. Mit anderen Menschen über diese Arbeit zu sprechen, hilft mir dann oft auch nicht. Denn die meisten Leute wissen nicht, was ich da mache. Sie wissen nicht, worum es geht, verstehen nicht, was mir fehlt, um erklären oder einfach anfangen zu können.

Wenns richtig schlimm ist, kann ich in der Zeit nicht sprechen. Also “kann” kann ich nicht sprechen.
Mein Mund funktioniert, aber es kommt nichts raus, weil nichts auf der Wort-Aussprech-Abschussrampe liegt. Meistens dann wegen Lieferschwierigkeiten, manchmal aber auch weil die Sinn-Wort-Produktion erheblich erschwert ist. Das ist der Scheiße-Jackpot jeder Auftragsphase. Heute aber auch das Signal für mich, an dem ich weiß: Ich muss meinen Auftrag klären, muss mir sagen lassen – mir richtig Schritt für Schritt sagen lassen, was von mir erwartet wird.
Was zu wann zu machen ist, was wie sein soll, weshalb was wie geplant ist und so weiter. So, als wäre ich bei der Auftragsvergabe nicht da gewesen und hätte keine Ahnung.

Das hilft mir dann meistens. Alles nochmal hören, jeden Schritt aufschreiben können, fehlende Stücke ergänzen. Und dann wird meistens klar, weshalb ich in die Leere gerutscht bin: Unverständnisse oder Mehrdeutigkeiten
Gerade in meiner Ausbildung, in der es viel die Beschreibung von Gestaltung geht, passiert mir das immer wieder.
Ich kann nicht viel damit anfangen, wenn in einem Auftrag zum Beispiel steht: “Die Broschüre soll Jugendliche ansprechen”, denn ich kann die Broschüre nur gestalten, nicht aber ihr Sprechen beibringen. Ich weiß natürlich auch, dass damit andere Dinge gemeint sind – ich weiß aber auch, dass es eine Fülle von anderen Dingen bedeutet, die damit gemeint sind. Ja, und auf welche soll ich jetzt dabei achten? Fragezeichen. Leere. Keine Ahnung. Denn es gibt Millionen von Jugendliche und unzählige Arten der Ansprache, die in ihnen Interesse auslöst. Woher soll ich wissen, welche die richtige ist?

Viele Leute, mit denen ich über diese Problematik gesprochen habe, beschreiben ihr Entscheidungsverfahren mehr oder weniger als Sprung ins kalte Wasser. Sie würden einfach drauf los machen. Und irgendwie wär das dann auch schon immer gut.
Das würd ich auch gern können. Einfach so drauflos machen können, ohne Vorüberlegung oder Idee, wie es aussehen soll am Ende.

Am Wochenende hatte ich einige Konzepte für die Schule zu schreiben. Eins für eine Broschur, eins für einen Film zum Thema Sucht und eins für einen Auftrag über das Design einer Verpackung. Deadline: heute bzw. Mittwoch
Folgerichtig habe ich eine Sims 3 – Großfamilie entstehen lassen, hab meine Wohnung auf Vordermann gebracht und war so oft draußen, wie es mein Erkältungskreislauf mitgemacht hat. Ein Konzept habe ich an dem Wochenende geschafft. Das, was am Mittwoch fällig ist.

Gestern Abend, mittlerweise im Frieden damit, die reguläre Deadline nicht zu schaffen, habe ich mich dann gefragt, ob Prokastination für mich eine Form des Umgangs mit der exekutiven Dysfunktion ist. Also nicht “aufschieben” im üblicherweise gemeinten Sinne, sondern eher “wegschieben, damit nötige Prozesse Platz haben können”. Denn ja, ich hatte den Druck, dass ich etwas tun müsste, ich hatte aber auch das Gefühl, dass ich mich während meiner Quatschhandlungen trotzdem noch damit auseinandersetze, wie ich was machen könnte. Hier und da – völlig random – sprenkelten sich Ideen ein, die mir dann heute in der Schule dabei halfen, meinen Ideen und Plänen genug Struktur zu geben, um sie selbstständig weiterführen zu können.

Ich bin fristgerecht fertig geworden. Habe einfach irgendwas gemacht. Bin in Wasser gesprungen, über das ich mir genug Gedanken machen konnte. So viel, wie in der gegebenen Zeit eben möglich war. Bin ich damit zufrieden?
Nein. Denn es ist Produktivität, die ich damit bewiesen habe. Nicht Qualität, die ich geliefert habe.

Für manche Menschen ist der Anspruch zu hoch. Auch viele in meiner Klasse lassen diesen Aspekt irgendwann sausen, weil es letztlich nur noch darum geht, etwas abzugeben, um eine 6 zu verhindern. Ich finde das nicht gut und denke mir, dass das doch auch nicht ist, worum es bei unseren Arbeitsaufträgen geht. Andererseits wollen die Arbeitsaufträge auch nicht wissen, wie viele mögliche Optionen man zur Umsetzung sieht. Sie fordern eine Option, ohne für mich klar zu sagen, welche. Das ist ganz schön schwierig.

Ich bin gespannt darauf, wie es später mal in einem beruflichen Setting läuft.
Bisher konnten wir immer alles einfach besprechen und besprechen und bereden bis wirklich alles klar war. Aber was ist, wenn wir mal einfach nur liefern sollen? Wenn wir einfach nur produzieren sollen und die Qualität vorausgesetzt wird.

Fragezeichen.
Angst.
Überflutung.
Zukunftsgedanken-Angst-Kreisel.

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