„Guck wie gut es dir geht!“

Am Dienstag begannen behinderte Menschen auf Twitter unter dem Hashtag #beHindernisse über ihr Leben und ihren Umgang mit Behinderungen zu schreiben. Es gab so viele Tweets zu dem Thema, dass es in den Twitter Trends auftauchte. Mitten drin – nichtbehinderte Menschen, die andere zum Lesen des Hashtags aufforderten mit: „Guck, wie gut es Dir geht“.

Ich bin behindert. Ich werde behindert. Mein Umgang damit ist Teil meines Lebens.

Unter dem Tag beschreiben behinderte Menschen, was ihre Barrieren sind, was sie tun und was sie nicht tun, weil es für sie #beHindernisse gibt. Dabei geht es immer um diese Menschen. Um Sichtbarkeit und darum, dass der tägliche Anpassungs- und Kompensationskrampf behinderter Menschen ausgesprochen wird – nicht darum, anderen Menschen zu sagen: “Guck, wie gut es dir geht!“

Ich lese bis heute sehr viele Texte sowohl von als auch über behinderte Menschen, in denen es überwiegend darum geht, wie sie mit “ihrer Behinderung” leben, wie “normal” sie leben, wie ganz alltäglich ihre Probleme und Sorgen sind. Am Ende soll man glauben, der behinderte Mensch hätte nichts weiter in seinem Leben als einen kleinen harmlosen Rollstuhl, einen ganz leicht zu vergessenden Hörschaden, einen spannend mysteriösen Autismus, eine Ladung gar nicht soooo bedrohlicher Kreuzallergien oder oder oder

Ganz wichtig in solchen Berichten:
1 ) die Behinderung ist begründet in der Person (die Person allein hat/“besitzt“ die Behinderung)
2) die Behinderung ist gar nicht so gruselig, sondern alltäglich
3) die Person macht sogar noch Dinge, “die nichts mit ‘ihrer Behinderung’ zu tun hat”

Man braucht sich nun nur ein paar Tweets konkret betroffener Menschen durchzulesen um merken: “Oh wait – diese einen Rollstuhl nutzende Person wird von Bordsteinkanten, kaputten Aufzügen, und Menschen mit Vorurteilen behindert.”, “Oh wait – dieser Mensch ist so gewachsen, dass er Sinnesreize anders verarbeitet als andere Menschen – die Behinderung ist das Missverständnis, das ganz zwangsläufig folgt, wenn das Gegenüber nichts davon weiß und es keinen gemeinsamen Umgang damit gibt.” und bäm! Vorhang auf und Konfetti in die Luft! – ist “die Behinderung” ganz klar kein individuelles Problem, sondern einer der vielen Marker für gesamtgesellschaftliche Missverhältnisse und Missverstehen dessen, was eine Behinderung nun eigentlich ist.

Folgendes wird klar, wenn man sich näher damit befasst:
1) ‚die Behinderung‘ ist etwas, das zwischen einem Menschen und seiner direkten (sozialen) Umgebung besteht
2) dieser Umstand ist nicht von Gleichberechtigung und -befähigung geprägt, sondern von völlig selbstverständlich hingenommenen Missverhältnissen – gruselig.
3) eine behinderte Person kann ergo nie wirklich Dinge tun, die rein gar nichts auch mit einer Behinderung bzw. der Kompensation einer solchen zu tun haben

Missverhältnis? Ja – Missverhältnis!

(Chronische) Krankheiten und spezifische Entwicklungen bzw. medizinisch als unüblich kategorisierte Entwicklungsformen von Menschen werden als persönlich privates Ding betrachtet und so soll auch der Umgang sein. Hübsch jede_r für sich allein – in ganz schweren Fällen – wenn es wirklich gar nicht anders geht! mit spezieller Fachkrafthilfe, in höchst privatpersönlicher Umgebung.

Was ausbleibt ist die Frage nach der Norm.
Dem, was wer warum als üblich einordnet und warum.

Als üblich oder „normal“ gelten genau eine Art des Gewachsenseins, eine Art des Befähigungsclusters, ein Set der Sprache dafür. Alles muss sich dieser Norm anpassen und daran orientieren. Darauf beharren okay zu sein, wie man ist und gefälligst auch so behandelt werden zu wollen, sich selbst zum Profi für die eigenen Bedürfnisse und Umgangsoptionen erklären und einzufordern darin auch von anderen Menschen anerkannt zu werden, Machtfragen zu stellen, gerade, wenn es um pflegerische und therapeutische Behandlung geht – das ist bis heute eine radikale Nummer. Vor allem in der Behindertenbewegung.

Warum?
Weil behinderte Menschen in vielen Fällen von anderen Menschen ganz global abhängig sind und klar ist: du solltest nicht in die Hand beißen, die dich pflegt, Hilfsmittel finanziert, Fähigkeiten einüben hilft und ganz erst recht – die Hand, die du erfassen möchtest, um gemeinsam und miteinander zu sein.Mal abgesehen davon, dass man als behinderte Person schnell als undankbar und “selbst schuld am eigenen Leiden” gilt, wenn man Hilfs- und Unterstützungsangebote kritisiert und/oder ablehnt. Um als behinderter Mensch radikal zu gelten, braucht es heute nur die selbstvertretende Forderung nach alternativen Hilfs- und Unterstützungsangeboten, die Menschenwürde und Selbstbestimmung wahren bzw. entwickeln helfen.

Wie wichtig aber genau diese Forderungen sind, zeigt sich für mich unter anderem in genau den Imperativen, die ich oben erwähnte. Behinderte sind nicht dazu da, damit du dich über deine Privilegien freuen kannst oder du mal wieder einen Anlass hast, dich in Dankbarkeit für den glücklichen Zufall zu üben, nicht im gleichen Maß behindert zu sein, wie die Person, die dich daran erinnert, dass du es nicht bist.

Behinderte Menschen sind nicht dazu da, dich gut oder schlecht zu fühlen.
Jede Behinderung hat auch mit dir zu tun.
Auch dann, wenn du selbst sie nicht als solche erlebst.

Jeden Tag #beHindernisse kompensieren zu müssen ist kein Einzelschicksal und kein allein individuelles Leiden. Jede Person kann jederzeit zu einem behinderten Menschen werden und braucht zu jeder Zeit andere Menschen, die mit ihr sind.
Sich erst einmal in Dankbarkeit für die eigene Funktionalität zu suhlen und andere Ablenkungsfelder zu beackern, lenkt nur von der Begegnung ab, die sich an einem respektvollen und achtsamen Miteinander im Hier und Jetzt orientiert und nötig ist, damit mehr als eine Entwicklungsform, mehr als eine Art des Funktionierens und so vieles mehr als üblich erfahrbar werden kann.

(erstveröffentlicht bei Kleinerdrei.org)

Diagnosen und gewaltvolle Ausschlüsse

Es gibt gerade so eine Debatte darum, ob nur als Autist_in diagnostizierte Menschen an prominenter Stelle für Selbstbestimmung, Inklusion und Barrierefreiheit sprechen dürfen oder nicht und alles hängt sich an der Wichtigkeit einer Diagnose auf.

Ich habe bereits letztes Jahr in der Mädchenmannschaft geschrieben, dass Diagnosen Machtmittel, bzw. die Termini “Gesundheit” und “Krankheit” Machtbegriffe sind. Wer auch immer, wie auch immer Hilfe und Unterstützung sucht, braucht, möchte – fast egal, worum es geht! – braucht eine Diagnose. Wer gerade keinen entsprechenden Krankenversicherungsschutz hat, wer aus Gründen jeder Art keine Diagnostik aushalten kann (oder überhaupt auch gar nicht die Fähigkeiten dazu mitbringt  bzw. Kompensationsmöglichkeiten aktivieren kann – auch diagnostische Verfahren sind nicht barrierefrei!), wer zu Recht das Stigma durch eine medizinische/psychologische Diagnose scheut, wer mit negativen Folgen in Beruf, Familie, Lebenskontexten zu rechnen hat – wird sich im Zweifel immer gegen eine Diagnostik entscheiden.

Und das ist okay!
Sowas nennt man auch “Selbstschutz” oder “Selbstfürsorge” oder “Umgang mit Behinderungen”

Für mich lesen sich Teile der Debatte wie folgt: “Ja, aber wenn dieser Mensch da doch gar kein_e Autist_in ist und diese Dinge sagt – dann könnte ja jede_r kommen!”
Ich kenne das auch aus der “DIS-Bubble”: “Ja, aber wenn diese Person da gar keine DIS hat sondern “nur ne DDNOS” oder “nur eine komplexe PTBS” – dann darf die jetzt hier nicht über einen Mangel von guten Traumatherapeut_innen reden und sagen, dass Menschen, die Gewalt erfahren haben, schlecht behandelt werden.”

Für mich sind folgende Punkte in dieser Debatte wichtig:
1) wer warum worüber wo spricht ist wichtig, weil Sichtbarkeit für bestimmte Themen wichtig ist, um Antistigmatisierungsarbeit anzustoßen
2) wer warum worüber wo spricht, bestimmen in aller Regel die Personen, die die Macht haben darüber zu entscheiden
3) diese Macht begründet sich in aller Regel durch eine günstige Position auf den Diskriminierungsachsen: Klasse, ‘Rasse’, Alter, Geschlecht, Befähigung, Berechtigung
4) diese Positionen führen dazu, dass bestimmte Perspektiven auf eine Problemlage zur Norm erklärt werden und jede davon abweichende als “fremd”
5) das “Fremde” zu betrachten fällt aus dieser Position heraus am leichtesten, wenn sie die bekannte (als “normal” gelabelte) Perspektive günstig, positiv, angenehm, verwertbar, mit wenig Schmerz und Eigenbeteiligung ergänzt
6) so wird sich folglich auch immer wieder den Stimmen gewidmet, die diese Marker erfüllen
7) und so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass minorisierte, mehrfachdiskriminierte Personengruppen, die obendrauf auch noch eine unbequeme Botschaft mitbringen, hinten drüber fallen und unsichtbar bleiben

Konkret heißt das: übers Down-Syndrom werden noch eine ganze Weile nicht die Menschen mit Trisomie 21 sprechen, die keine Lautsprache beherrschen und zusätzlich auch körperlich anders entwickelt sind. Über Autismus werden noch eine ganze Weile Menschen sprechen, die sprechen können, die den Stress des öffentlich wahrgenommen werdens kompensieren können – und nicht die, die nonverbal sind und 24/7 Unterstützung und Pflege brauchen, um in die Lage zu kommen selbstbestimmte Äußerungen über sich selbst tätigen zu können – einfach nur, weil ihr Leben, ihr Er_Leben und die Realitäten in ihrem Leben als “zu fremd” von “den Zuschauenden/Zuhörenden/Kund_innen/ der Zielgruppe” eingestuft werden.

Und dieser Umstand passiert noch vor der Frage: “Gibt es eine fachärztliche/psychologische Diagnose?”.
Die Wahl der öffentlich sprechenden Personen hat herzlichst Nullkommanullnix damit zu tun wie “echt” bzw. wie “wahrhaftig” das Problem ist, worüber jemand im Fernsehen, in der Zeitung, im Radio spricht, sondern damit wie “echt” bzw. wie “wahrhaftig” die beteiligten Journalist_innen und der Sender den Fall und das Problem einschätzen.
Manche sind da sehr akribisch, weil ihnen bewusst ist, wie groß der entstehende Schaden sein könnte, viele sind es hingegen leider nicht. Und wenn man sich den Medienbetrieb anschaut, weiß man auch warum.

Ich verstehe den Wunsch, gerade in der deutschen Behindertenbewegung, nicht mehr von nicht genau gleich betroffenen oder wenigstens gleich diagnostizierten Menschen vertreten zu werden. Ich finde es ja auch nicht gerade prickelnd als Mensch mit DIS von Popkultur, Psychotherapeut_innen und 2-3 Einzelpersonen vertreten zu werden, deren Perspektive teils maximal von meiner entfernt und alles andere als an strukturellen und/oder gesamtgesellschaftlichen Veränderungen orientiert sind.
Aber gäbe es das nicht, wüsste ich nicht welche Felder noch fehlen in der Debatte. Gäbe es diese Fürsprache nicht, wäre es noch schwieriger für mich auf Gehör zu stoßen.

Für mich ist es relevant zu schauen, ob es sich um (selbstvertretende) Fürsprache oder “Stellvertretersprech” oder “Statt-der-betroffenen-Menschen-Sprech” handelt.
Daran orientiere ich mich in meiner Kritik.
Es gibt genug Menschen, die gute stabile Fürsprache leisten und die man immer wieder um Kollaborationen bitten kann, um das Thema sichtbar zu machen. Das ist gut und wichtig, weil es einander ergänzen kann und nicht jede_r Aktivist_in alles gleichzeitig immer in jeder Ansprache unterbringen kann.

Bei “Stellvertretersprech” und “Statt-der-betroffenen-Menschen-Sprech” hört der Spaß für mich auf. Ich will keine “Downie-Mutter” mehr im Fernsehen sehen, es sei denn sie spricht über sich und ihren persönlichen Weg als Mutter eines behinderten Kindes.  Ich will keine Sozialarbeiter_innen in der Zeitung lesen, die unbegleitete jugendliche Geflüchtete betreuen – es sei denn sie lassen eine flammende Rede über die empörenden Zwänge ihres Jobs vom Stapel oder sie sprechen über ihren persönlichen Weg an der Seite von Menschen, die auf sie angewiesen sind.

Eine Diagnose zu fordern klingt für mich nach einem Ausdruck des Wunsches ordentlich vertreten zu werden, wenn man überhaupt schon fremdvertreten werden muss. Und ehrlich gesagt erlebe ich das als peinlich, weil man genauso gut gleich sagen kann, dass man selbst bitte irgendwo mal sprechen möchte, weil man sich durch seine Diagnose als “echt” und “wahrhaft” erlebt.
Hier ist ein Link zur Speakerinnen*-Liste. Tragt euch ein (wenn ihr eine Frau* seid), gebt es weiter, netzwerkt, aktivistet – irgendwann gibt es dann vielleicht die Möglichkeit.

Eine Diagnose kann auch falsch-positiv sein. Eine Diagnose kann vielleicht aufgrund nur eines (warum auch immer temporär oder latent) fehlenden Merkmals nicht gestellt werden. Eine Diagnose ist das Produkt dessen, was ein anderer (meist privilegierterer) Mensch beobachtet und in Kästchen abhakt – was ist, wenn der mal nicht richtig guckt? Wenn der mal einen schlechten Tag hat?
Eine Diagnose ist das Produkt einer Abhängigkeitskette und am Ende vielleicht ein wissenschaftliches Glücksspiel, das im Fall des Falls dazu führt, dass eine autistische Person als nichtautistisch eingestuft wird – und keine Hilfe erfährt, weil es die, die diese Person braucht, nur für Autist_innen gibt – und keine Ausdrucksrechte in der autistischen Bubble erfährt, weil diese nur den Glücksspielgewinner_innen zugestanden werden.
Das ist Gewalt und das ist für mich einfach nur abstoßend.

Wer Hilfe und Unterstützung braucht, soll sie bekommen können. Wer etwas sagen möchte, das helfen könnte und wichtig ist und besonders Menschen mit einem bestimmten Phänotyp und Problemcluster betrifft, der macht Fürsprache und die ist wichtig. Auch dann, wenn die Person sagt: “Ich als selbstdiagnostizierte_r Autist_in, Schizophrene_r, Depressive_r, Mensch mit DIS/DDNOS/dissoziativen Störungen, Zwangshandelnde_r … persönlich empfinde dies und das und das und das als Problem und finde es wichtig, dass sich darum gekümmert wird.”

Vielleicht ist es dran sich zu überlegen, warum genau so wichtig ist, dass nur und ausschließlich eine Diagnose dazu führt, dass man einen anderen Menschen als sich selbst (mit Diagnose) in seinen Problemen ähnlich, anerkennt und ernstnimmt. Vielleicht macht man sich mal Gedanken darüber, wie man ohne gewaltvoll zu sein miteinander umgehen kann.

Keine 5 Senderminuten sind es wert, Menschen, die warum auch immer keine Diagnose, aber die (fast) gleichen Probleme haben, auszuschließen.
Keine.

schwusch

Ich hatte gestern einen Schwuschtag. Schwusch – in die Stadt – Schwusch – Nähmaschine und beglaubigtes Zeugnis  abholen – Schwusch Bewerbungsunterlagen fertig machen – Schwusch – jemand Fremdem helfen, indem ich den Mund aufmache und spreche – Schwusch in einem Stoffladen stehen.

Stoff ist teuer – das Projekt hat eine klare Kostengrenze insgesamt. Deshalb haben wir uns zu zehnt in den Körper gequetscht und versucht eine Entscheidung zu treffen. Da war die die gut rechnen kann, aber das nicht glaubt und deshalb immer wieder prüft, ob sie den Stoffbedarf richtig errechnet hat. Da war der, der letztlich am Besten weiß, mit welchem Soff wir alle gut zurecht kommen, dessen Finger über die Ballenkanten glitt. Das Jemand, dessen Modell des Projektes sich vor meinen Augen um die eigene Achse drehte. Die, deren Blicke über die Muster sprangen und die, die zwischen Hinteruns und mir hin und her abglichen, was okay sein könnte und was nicht – während zwei andere die Umgebung im Blick behielten.

Und dann landeten wir in etwas, das frappierende Ähnlichkeiten mit der Teeparty des verrückten Hutmachers hatte: die cis weibliche Handarbeitsbubble, in die man herzlich hineingezerrt wird, auch dann, wenn weder cis Frau ist, noch Tee mag noch sonst irgendwelche Kapazitäten hat.
“Wie finden Sie diese Kombination?”, fragte die Person am Kassentresen mich und hielt zwei wild bedruckte Baumwollstoffe aufeinander, die eine Person, deren linke Hand auf dem Kinderwagen neben ihr ruhte, während die rechte sich gerade von den Stoffen löste, anscheinend zu kaufen überlegte. “Für eine Jungs-Babyhose – ist das doch süß, oder?”.

Selbst, wenn ich allein* im Körper bin, wären das Fragen gewesen, die so ein Krack-Schwusch in mir auslösen, weil:
– wie soll ich etwas finden, was die Frau mir doch direkt vorführt? – wenn ich nichts suchen muss, kann ich auch nichts finden
– was geht es mich an, was wer wie kombinieren möchte? – Ich mache doch meine Sachen selber, gerade, weil ich selbst alles bestimmen kann
– was zum Henker zeichnet welchen Stoff denn bitte aus um als “gut für eine Jungs-Babyhose” zu sein?
und wieso sollen Babysachen immer süß sein? Und wie geht “süß” in Kombination mit aufgedruckten Baggern und Feuerwehrautos?

Ich stand da und sagte: “Hä?”.
Weil ich super kompatibel bin mit solchen Situationen und auch sonst ein glänzendes Beispiel für intelligente Konversation.

Die Person, die mich ansprach, redete nun schwallartig auf die Person am Kinderwagen ein und es begann ein ganz eigenartiges Ballett, das sich selbst in Konventionen versicherte, noch während es sich hart darum bemühte extrem unkonventionell zu sein. Das Baby begann zu weinen, erntete einen sexistischen Spruch nach einer Ungemachsvermutung der versorgenden Person, “Jungs kriegen ja auch schneller mal kalte Füße” und plötzlich ging es um mich, die “wohl auch mal Kinder haben wird, ODER?”

Ich, die erst zum zweiten Mal überhaupt ever in so einem Laden war und eine ganze Menge Energie überhaupt schon dafür aufgebracht hatte und jetzt völlig zerfasert im Innen war, stand da und wusste wieder nicht, was zu antworten ist.
Später sagte mir meine Gemögte, dass solche Phrasen als inkludierende Gesten zu verstehen sind: “Sie wollte dich am Gespräch beteiligen.”.
Aha.

Ich wuchtete einen Ballen von dem Stoff, der zuletzt für geeignet befunden wurde, auf den Tisch und sagte: “Erstmal hätte ich gerne 1,50 mal 90 hiervon.” und klopfte mir selbst auf die Schulter.

Ich ging, ohne die Frage beantwortet zu haben und fragte mich, wie es kommt, dass ein Kinderwunsch von als Frauen kategorisierten Menschen als so selbstverständlich gilt, dass man ihn sogar an völlig fremde Personen heranträgt.
Natürlich ist mir klar, dass dies kein Moment für eine ehrliche Antwort gewesen ist. Schon gar nicht in meinem Fall – aber ich fragte mich am Ende schon, wie man sogar Stoff und seine Auswahl mit mehr als den Dingen aufladen kann, wie den Fragen und Konflikten, denen wir uns gegenüber sahen.

Ich meine: da sind die Fragen um die Produktionsbedingungen des Stoffes, der Maschine und ihrer Anteile, da sind die Marker zur Nutzung des Stoffes selbst, da sind die Aspekte der Verarbeitung und die Praktikabilität des fertigen Stückes und dann die Kosten-Nutzen-Abwägung in Zusammenhang mit dem eigenen Budget … so viele Dinge über ich viel lieber mit einem_einer Fachverkäufer_in gesprochen hätte, um eine ordentliche Entscheidung zu treffen.  Doch dann entpuppt sich diese_r als Eintrittsbegleiter_in in ein Normenland, das mich nicht einmal kennt bzw. sich fragt, ob ich eigentlich überhaupt wirklich bin, wofür es mich hält.

Nächstes Mal gehen wir jedenfalls in einen anderen Laden.
Das war mir zu schwuschig.

slide of „Überlebenskampf“

Wir haben gestern an der Nähmaschine zu nähen gelernt und ich habe etwas verstanden.

Die ersten Ideen dazu kamen schon in den Überlegungen zu der Radtour, die wir für den Mai planen. Während ich keinen Anlass sehe zu lernen, wie man Regenwasser sammelt und aus jungen Bäumen eine Bettstatt baut, weil es Zeltplätze und überall* sauberes Leitungswasser gibt, sind Teile meines Innenlebens von 0 auf eine Zillion in Vollbereitschaft jetztgleichsofortzackzack ohne alles über Wochen und Monate draußen zu leben.
Für diese Innens gehts ums Überleben, obwohl es für uns andere als Reiz- und Menschendiät gedacht ist. Also genau ganz viel weniger Notwendigkeit in einem bestimmten Überlebensmodus zu sein.

Wir sind also irgendwie alle immer und immernoch im Überlebensmodus.
Die einen sehr auffällig aus Zeit und Raum gefallen, die nächsten sehr auffällig in Ängste und Sorgen gerutscht, die nächsten einfach wissbegierig, aber auch wissend, dass die Erkenntnis (nur/häufig) in Abhängigkeit von anderen Menschen kommen kann, was wiederum eine Bedrohung für die eigene Existenz bedeutet.

In der letzten Woche habe ich mich oft vor dem Innen gefürchtet, weil ich eine hohe Bereitschaft in suizidale Ideen zu kippen spürte, obwohl es keine fremden oder neuen Belastungen gab. Und nicht gesehen habe, dass ich mich in einem Überlebensmodus bewegt habe – ding ding ding Helferversagen und Hilfekrämpfe.
Ich hatte wieder einmal, weil von außen keine Bestätigung über die Berechtigung (und darüber eine Beruhigung) meines Empfindens kam, aufgehört darauf zu pochen entlastet und versichert zu werden und die Ärmel hochgekrempelt, um es selbst zu machen. Wie ich alles selbst mache. Weil ich es ja kann. Obwohl mein Inneres schreit und brüllt und krampft, dass es nicht kann.

Und jetzt hab ich auch noch gelernt zu nähen. Weil: dann kann ich mir ja so eine schwere Decke selber nähen und brauche weder den Begleitermenschen und seine schwere Turnmatte, noch den Antrag auf Leistungen aus dem FSM, die so eine Decke ermöglichen sollen.

Man liest so oft von den Vielen, die immer so verzweifelt ums Überleben kämpfen und übersieht dann die Kämpfe, nach Ausstieg, nach konkreten Verletzungs- Gewalterfahrungen, die eigentlich noch so viel näher liegen.
Selbst die Innens mit ihrem eingeübten Survivaltraining zum Überleben ohne Strom und fließend Wasser, sind keine versprengt desorientierten  Kinderinnens, die im übertragenden Sinne ihres Handelns nach Mami greinen, weil sie Angst davor haben zu verhungern.
Das sind die, die man im Fall der Fälle hoch achtet und sich ihnen überlässt, weil sie wissen, was warum und wie zu tun ist.  Das sind die, deren Kampf darin besteht, diese “von 0 auf eine Zillion –Jetztgleichsofortzackzackvollbereitschaft” nicht zu verlieren, weil sie für den Überlebenskampf “sich auf eine andere Person verlassen, die eventuell vielleicht (wenn die Gestirne recht am Himmel stehen und das Spagettimonster gekräuselte Locken hat) weiß, was zu tun ist” keinerlei Handlungsoption kennen.

Dann ist es plötzlich kein Kampf ums Überleben mehr, wenn man sich stellvertretend für Sozialarbeiter_innen, Helfer_innen, Mediziner_innen und Jurist_innen in ein intersektional-eklektisches Selbststudium wirft, aber Hartz 4 bezieht und nicht mal ein Abitur hat.
Das ist dann “ganz tolle Compliance”, “total gute (kostenlose) Hilfe”, “super engagiertes Ehrenamt” oder noch mit am schlimmsten: “Inspirationporn” für die, die sich selbst für schwach halten, weil sie “sowas selbst nie aushalten/ertragen/überleben könnten” bzw. glauben, sie könnten das nicht, gerade weil sie es nie selbst aushalten/ertragen/überleben mussten oder anerkennen wollen/können/dürfen, dass sie es sehr wohl schon mussten und auch konnten.

So wird aus dem Überlebenskampf eines Innens eine zugeschriebene Eigenschaft: “stark” und es gibt Dialoge wie:
“Es erstaunt mich wie so eine schwer kranke Frau noch nie hier auf unserer psychiatrischen Krisenstation war.”
– “Sie ist halt eine starke Frau”

Ja, an diesem Wortwechsel habe ich einen Dorn und inzwischen nicht einmal mehr, weil ich dachte, dass unserer Therapeutin einfach nichts anderes eingefallen ist, sondern dass ich argwöhne, ob sie noch mitzieht, wenn die Ärmel-hoch-K., die jeden und alle mit Worten und Intellekt an die Wand ballern kann, aufhört und ebenfalls ihre Löffel einspart, weil: suddenly Therapiefortschritte.
Was ist denn wohl, wenn man über uns als Einsmensch nicht mehr sagen kann: “Sie ist eine starke Frau – gucken sie mal, was sie alles kann und macht – es lohnt sich total mit ihr zu arbeiten, weil: es ist super befriedigend (und inspirierend)”.

Was ist, wenn wir schwach sind, weil wir schwach sind?
Wenn von all dem womit man eine DIS aufpusten und mysteriös spannend special machen kann, um sich in jahrelange Traumaverarbeitung against Richtlinie und gesamtgesellschaftliche Wertschätzung dessen zu motivieren, ein verletztes und dysfunktionales Ex-Opfer übrig bleibt, das nicht einmal in der Lage ist Hilfen anzunehmen, weil es das einfach gar nicht kann.

Ich glaube, es wird unterschätzt wie viele Fähigkeiten so eine (Psychotrauma-)Psychotherapie erfordert. Wie sehr Therapie und Hilfe nicht barrierefrei sind.
Unsere Therapeutin hätte sagen müssen: “Frau Rosenblatt kämpft ums Überleben.”

Aber vielleicht hatte sie das für einen Moment vergessen.

Und – wie ich ebenfalls in der letzten Woche lernte – merkt man uns (mir) nicht einmal dann das Kämpfen an, wenn ich es sage.
Wenn ich es auf meine Art rausschreie, brülle, krampfe.
Nicht mal dann.

on the other side …

 

in other news: zwischen den Tönen extra selig umher gleiten, weil geschafft die Formalitäten um die Hilfen abzugeben und ein gutes Nachbesprechen der Therapiestunde gewagt

Hello – now I’m on the other side.
It’s okay here.
*awkward winking*
meow

die Zeitreise ~ Teil 11 ~

Wir segelten auf eine Sandstrandküste vor einem kleinen Wäldchen zu und ließen die salzige Luft auf unserer Haut kribbeln.
Ein köstlicher Geruch von Algen, vergehendem Holz und Seewasser ließ mich die Augen schließen, als ich von der Schleiereule geklettert war und meine Füße in den Sand gestellt hatte.

Kurt nahm ihr das Zaumzeug ab und ich streichelte ihre Brust, während ich mich für ihren langen Flug mit uns bedankte. Sie knibbelte, fast als wollte sie antworten, über meinem Kopf und flog in das kleine Wäldchen.  Unser Zeitreiseleiter stakste durch die Sanddünen. Wir betrachteten die nun riesengroß vor uns aus dem Boden ragenden Muschelstückchen und Steine.

“Ich hab vergessen, dass wir nun so winzig sind. Das macht das am-Strand-sein nicht so schön, wie ich mir gedacht hatte. Könnten Sie uns wieder vergrößern bitte?”, fragte ich Kurt und strich mit einer Hand über die Kante einer Miesmuschelschale neben mir. Dieser nickte und hob wieder einmal seine Arme, um in die Luft zu schnipsen und einen Glitzerstaubzauber zu machen.

Mir war ein bisschen schwindelig so schnell war ich wieder zu meiner alten Größe aufgeschossen. Kurt schien es nicht anders zu gehen, denn er schüttelte den Kopf und fixierte einen Punkt vor sich.
Ich schaute aufs Meer hinaus, dessen Horizont eine gerade Schnur zwischen oben und unten legte und die Welt so klar verteilte, wie es nur dort geht.

“Ich frage mich, wann du mir eigentlich sagst, was genau dich dazu bringt, mich als zweifelnde Blogger_in zu sehen.”, sagte ich zu Kurt, der sich auf ein Stück Treibholz gesetzt hatte und in der Landschaft umherschaute. Ich setzte mich neben ihn in den Sand und grub meine Finger in gewohnter Wischelwuschelbewegung neben mir ein. Kurt antwortete: “Nicht “zweifelnde Blogger_in” – “von Selbstzweifeln zerfressene Blogger_in”.”.
Er schaute mich spitzmäulig an und hob die Augenbrauen.

“Sie haben über 1000 Artikel aus der Perspektive eines Menschen mit DIS geschrieben. Ohne äußeren Auftrag. Ohne, dass sie in irgendeiner Form abgesichert sind. Sie arbeiten nicht mit Mediziner_innen oder Psycholog_innen zusammen und pochen immer wieder auf ihre Selbstvertretung., während viele andere, genau das nicht tun oder für unvorstellbar halten.”.
Der kleine Anzugträger stach mit seinem Finger durch die Luft vor meiner Nase und schaute mich sehr direkt an. “Sie haben keine Zweifel, an dem was sie tun – sie haben Zweifel daran, ob sie daran keine Zweifel haben dürfen.”.
Ich fühlte ich ertappt und schämte mich dafür. Ich dachte: „Wie praktisch es ist, am Meer zu sein und wieder normal groß. Ich könnte jetzt aufstehen, von diesem kleinen Scheißer weggehen und einfach für immer hier bleiben.“.

“Sie sollten sitzen bleiben.”, sagte Kurt ruhig und gelassen in meine Gedanken hinein und fuhr fort. “Der Zweifel ist wichtig. Wir Zeitreiseleiter haben nicht den Auftrag, zweifelnde Blogger_innen davon zu überzeugen, dass ihre Zweifel Quatsch sind oder unnötig. Wir sind nur Begleiter in der Rückblende und geben Ihnen die Möglichkeit zu gucken, woher ihre Zweifel kommen, um dann selbst zu entscheiden, wie viel mehr von sich Sie dem Zweifel zu Fressen geben.”.
Das kleine Wesen hob vielsagend eine Augenbraue und schloss seine Ansprache. “Sie werden dieses Konzept der Auseinandersetzung kennen.”.

Ich lachte. “Also sind sie doch so eine Art verkappter Psychoanalytiker.”. Kurt neigte den Kopf hin und her. “Na, ich denke, selbst Ihr Kopfinneres sagt Ihnen gerade, dass jedes Wesen mit dem man kommunizieren kann, auch kann, was ein Psychoanalytiker kann. Von daher …”. Er zuckte gleichmütig mit den Schultern und lächelte.

“Jedenfalls haben Sie Recht mit dem Zweifel darüber gut und richtig finden zu dürfen, was wir hier tun.”, sagte ich und schaute den Wellen und Wogen des Meeres vor mir zu. “Wir merken, dass es uns gut tut zu schreiben und uns, genau so, wie wir es tun auseinanderzusetzen. Wir merken aber auch die Bewertungen dessen von außen. Oft sind es positive Bewertungen – ganz klar.
Aber oft merken wir eben auch Missachtung und nicht wertschätzende Haltung.
Viele Menschen verstehen weder das Konzept “Blog” noch das Konzept “Selbstvertretung” – obwohl genau das die logischste Konsequenz des derzeitigen Anspruches an Menschen, die zu Opfern wurden und Menschen die psychisch belastet sind, ist. Immer wieder heißt es, man solle DAS DA privat lösen. Man solle doch lieber für sich allein damit zurecht kommen und ach am Besten dann Gewehr bei Fuß stehen, wenn irgendein glänzender Heilungsweg für irgendeine Öffentlichkeitsarbeit benötigt wird.
Und wenn das nicht passiert, dann hat man wenigstens unter sich zu bleiben. Gutes Opfer – Böses Opfer mitspielen, sich darum bemühen nie eines von “diesen Opfern” zu zu sein und grundsätzlich überhaupt und hauptsächlich an einer gesellschaftskonformen Leidensperformance zu arbeiten.”.

Ich erinnerte mich an die Tagungen, die wir besucht hatten und an den Zukunftskongress.
Einerseits die Freude da sein zu dürfen und zu merken: “Es wird sich Gedanken gemacht” und “Da sehen Menschen, was es bedeuten kann viele zu sein, bestimmte Gewalt erfahren zu haben bzw. behindert zu sein und bestimmte Ausgrenzungserfahrungen immer wieder machen zu müssen.”.
Und andererseits die Enttäuschung über das Geschäft mit der Inklusion und die noch immer ausbleibende Debatte um Deutungs- und Definitionsmacht von Psychologie und Medizin im Kontext von neuerlichen Gewaltdynamiken, wenn es um Opferhilfen und Versuche des Vermittelns geht.

“Immer wieder ist das, was wir tun “in Wahrheit” nicht gut für uns. Oder richtig. Oder was bilden wir uns eigentlich ein, wie wichtig wir sind, dass wir uns hier hinsetzen und einfach schreiben. Und wie sehr wollen wir eigentlich bemitleidet werden, wenn wir uns hier so zeigen. Oder schlimmer noch: wie verschoben ist eigentlich unsere Selbstwahrnehmung, dass wir nicht merken was wir hier “eigentlich” und “in Wahrheit” machen?”.

Ich hielt inne und schaute Kurt an. “Also falls sie das grad nicht merken: ich zähle hier gerade die Stigmatisierungen auf, die in den letzten Jahren an uns herangetragen wurden und sich alle mehr oder weniger darin begründeten, dass wir selbst auf gar keinen Fall in irgendeiner Form ein “richtiges” oder “wahrhaftes” Urteil über uns selbst fällen können, weil wir ja krank, behindert, verdisst, falsch sozialisiert, eine Frau, eine Feministin, eine linke Randikaloweltverbesserin sind, deren Ohrenrückwände noch grün, weil feucht sind. Oder schlicht: weil wir “in Wahrheit” ein mieses Stück Scheiße sind, das anderen Menschen schaden will, weil wir eine Täterin sind.”.

Ich stand auf und deutete Kurt mitzukommen.
“Lassen Sie uns ein bisschen am Wasser entlang laufen.”.

Das kleine Wesen im Tweedanzug mit Zauberjacke und grüner Haut hüpfte von seinem Platz und kam mit.
“Bis heute ist es selten, dass uns Menschen glauben, wenn wir ihnen sagen, dass wir einen Unterschied machen zwischen einem öffentlichen Auftritt, der sich darum bemüht so viele Menschen wie möglich zu erreichen und einer von der Öffentlichkeit wahrnehmbaren Präsenz, die ist, egal ob es jemanden erreicht oder nicht.”.
Die weißen Schaumkrönchen der Wellen leckten über unsere Schuhe und ich zog sie aus, um noch mehr davon zu fühlen.

“Wir hätten das ganze Programm haben können, wenn wir gewollt hätten und wirklich irgendwie einfach in die Welt rausrufen wollten: “Ich war mal Opfer und jetzt bin ich kaputt und die Welt sollte …”. Dann hätten wir jetzt einen mehrstelligen Kontosaldo, ein Buch von Vielen, einen Kinofilm von Vielen und den Ausverkauf unserer Geschichte, den wir als “Öffentlichkeitsarbeit” vor uns rechtfertigen, wann immer wir zu einer Märtyrerin gemacht werden, die wir weder jetzt sind, noch je waren.”.
Meine Stimme stolperte ein bisschen ungelenk hinter meinen Gedanken her. “Verstehen Sie – unsere Zweifel kommen nicht aus uns allein, sie kommen aus der Diskrepanz zwischen unserer Befriedigung und dem Wohlgefühl uns selbst irgendwo sein lassen zu können wie wir sind und auch unsere Entwicklung zu dokumentieren und dem was aufgrund dessen bzw. dem, was daraus gedeutet wird, an uns herangetragen wird. Aus dem Grund haben wir auch die Kommentare geschlossen.
Oft dachten wir von Kommentaren, da würde von uns erwartet, dass wir bereuen, was wir hier tun, oder dass wir uns dafür schämen oder dass wir auf keinen Fall glauben sollen, man könne uns ernstnehmen, wenn wir “das SO machen” – und das verwirrt mich, weil es bedeutet, wir sollten weder ganz eigene Befriedigung noch alleiniges Wohlgefühl daran haben.
Mal abgesehen davon, dass sie die netten und schönen Wortmeldungen anderer Leser_innen völlig überstrahlt haben, so dass wir ein mögliches Mit-anderen-Menschen-mitfreuen oft gar nicht haben konnten.”.

Der kalte nasse Sand unter meinen Füßen fühlte sich an wie ein weiches Glas. Das Meerwasser wie ein kleiner Schock, der mich mit jeder Welle neu erfasste.

“Haben Sie mal darüber nachgedacht aufzuhören?”, fragte Kurt zwischen zwei Schritten und bückte sich, um einen Stein aufzuheben.
“Wir denken jeden Tag darüber nach.”, antwortete ich und hob ebenfalls einen Stein auf. “Mit jedem neuen Text ist da der Gedanke: “Der könnte genauso gut in einen Ordner geheftet werden. Der braucht keine verunstofflichte Form.”. Und daneben das Wissen: “Würden wir es nicht verunstofflichen, wäre es nach ein paar Tagen oder Wochen verschwunden.”. Ich stellte mich schief und versuchte den Stein über die Oberfläche springen zu lassen.  Er platschte gegen eine Woge und tauchte direkt ab.

“Wir würden die Texte wegschmeißen, wie wir unsere Texte als Kind und Jugendliche weggeschmissen haben, bevor sie von anderen verschwunden gemacht werden können. Und wir würden uns damit unsere Chance auf die Möglichkeit bringen, unser Leben als Einsmensch an einem einzigen Zeitstrahl entlang sortierbar zu empfinden. Irgendwann. Vielleicht.”, ich lächelte ihn schief an, “Falls wir mal so etwas wie ein gemeinsames Empfinden für Zeit, Raum und uns als ein Selbst entwickeln.”.

Ich reckte mich und streckte die Arme in die Luft. Atmete so weit wie meine Lunge ging und hörte die Anderen neben mir und um mich herum seufzen.
“Ich zweifle manchmal daran, wie lange und wem gegenüber wir es schaffen unsere Selbstvertretung hier als gerechtfertigt und okay, und als “auch wir” aufrecht zu erhalten.  Wir sind unser ganzes Leben lang immer wieder irgendwann vor anderen Menschen eingeknickt, wenn es darum ging wie viel wir wie und wo sind oder nicht sind. Und immer wieder haben wir “Kompromisse” gemacht, wo eigentlich Zwang war. ”. Ich hob einen flachen Stein auf und versuchte erneut einen Sprungwurf.
“Das klingt, als würden Sie sich nicht zutrauen, auch außerhalb des Blogs für sich selbst zu stehen und sich selbst vertreten zu können.”, sagte Kurt und schaute mich an.

Ich nickte knapp und schaute meinem Stein nach, der nach drei Sprüngen ohne Platsch in eine Wasserfalte glitt.
“Außerhalb des Blogs können wir uns auch vertreten. Aber sich irgendwo  hinstellen und und es so zu tun, wie es für gut und richtig ist: nämlich in circa fünfhundertausend Worten inklusive aller für uns relevanten Ebenen und Ichs, die mitreden wollen – das funktioniert dort nicht und haben noch keine Wahrheit darüber, warum das so ist.”.  Wieder lenkte ich meinen Blick über die Weite des Meeres und hörte dem Rufen der Möwen zu.

Ich schloss meine Augen und lächelte.
“Vielleicht haben wir aber eine wenn …”, langsam öffnete ich sie wieder und erstarrte, als ich registrierte, dass ich in meinem Bett lag und offenbar gerade aufgewacht war. “… wir die nächsten 1000 Artikel geschrieben haben.”, beendete ich meinen Satz und ließ meine Finger durch eine kleine Lache violetten Glitzerstaubes auf dem Boden gleiten.

// Ende //

die Zeitreise ~ Teil 10 ~

Kurt drückte mir seine Jacke in die Hand. “Hier. Bau mal das Zelt ab – ich mache die Eule bereit für unseren Abflug.”.

Wie zu erwarten stand ich nun also in prächtigster Awkwardness da und überlegte, wie ich anfangen sollte. Mein Blick wanderte über unser Mauschelflauschlager und das durchsichtige Zeltdach. “Einfach anziehen und ein bisschen mit den Armen wedeln”, sagte Kurt mit der Hand in Richtung grüne Stirn, “Entschuldigen Sie bitte – ich vergesse es immer wieder.”.

Ich lautete etwas in seine Richtung, damit er wusste, dass ich ihn gehört hatte und versuchte meinen, im Vergleich zu Kurts, riesigen Oberkörper in der Jacke zu verstauen. Am Ende schob ich meine Hände in die Ärmel und fuchtelte etwas damit herum, während ich mich beherrschte jetzt nicht so etwas wie “Abra Kadabra” zu murmeln.
Sofort ergoss sich eine Ladung violetter Glitzerstaub auf meinen Kopf. Das Zeug kroch mir in die Nasenlöcher, die Ohren, den Mund und kitzelte, wie nur Staub es kann. Ich fuchtelte und fuchtelte. Hustete und prustete bis plötzlich alles vorbei war. Das Zelt war verschwunden, der Staub auch. Kurt hielt die Eule am Zügel und lachte. “Also ich vergebe 5 Geschafftpunkte und 100 für den Comedyfaktor.”. Kichernd nahm er seine Jacke entgegen.

“Meine Güte ey – das muss man auch aber gut üben, wa?”. Ein Jemand schüttelte unser Haar aus dem Gesicht und schaute Kurt bewundernd an. “Nun”, antwortete dieser mit geschürzten Lippen, “dazu gibts die Ausbildung zum Zeitreiseleiter der Klasse 1.”. Er warf die Zügel auf den Rücken der großen Schleiereule und beugte sich wieder vor zur Räuberleiter für uns. “Wollen wir?”.
Wir nickten und kletterten auf den weichen schmalen Eulenrücken. Kurt hopste wiederum schwungvoll vor uns.
Diesmal legte ich meine Arme gleich um ihn herum, als das schöne Tier unter uns begann die Flügel auszubreiten und zum Start aufzuflattern.

“Wo wollen wir hinfliegen?”, fragte unser Zeitreiseleiter erster Klasse über seine Schulter.
“Ans Meer vielleicht?”, gaben wir zurück.
Das kleine Wesen nickte und tippte etwas in die versteckte Zügellasche.

Nachdem wir eine Weile schweigend über Felder, Wiesen und Wälder geglitten waren, fragte Kurt: “Wen haben Sie verloren?”.
Ich hatte mit der Frage gerechnet, doch merkte, dass ich inzwischen keine Antwort mehr darauf hatte und das der Punkt war, der den Verlust so schlimm für uns gemacht hatte. Damals, war es der ultimative Moment des Bewusstseins darum, dass es weder Freunde, noch Geliebte, noch Verbündete waren, die in unserem Leben so viel Anteil hatten, das sie uns verraten und verletzten, missachten und ausliefern konnten.
Freunde, Geliebte, Verbündete tun so etwas nicht. Weder das, was konkret an dem Tag passierte, noch was in den Wochen und Monaten – und wenn wir hart und brutal ehrlich sind, in den über 2 Jahren vorher – passierte und eben auch: nicht passierte.

“Ich glaube, wir müssten weniger sagen: “Wir haben jemanden verloren” und stattdessen mehr ausdrücken: “Wir haben etwas jemandem gegenüber verloren”.”, begann ich mich langsam vortastend, während Kurt sich erneut ein Schleiereulenrückenfedernest zurechtzupfte, um uns besser ansehen zu können. Ich schob meine Hände ein wenig unter die Deckfedern und atmete tief ein.
“Wir haben die Achtung vor jemandem verloren, di_er vielleicht nie welche vor uns hatte.”. Ich legte meinen Kopf zur Seite und kniff die Augen zusammen, um zu prüfen, ob nicht noch mehr Worte zwischen all der Trauer und Bitterkeit waren und fand am Ende nur noch das Knäuel, das wir damals hatten liegen lassen, weil es keinen Sinn hat zu versuchen es zu lösen oder zu etwas weiter zu verarbeiten, weil es uns dazu nicht braucht.

“Was für uns daran bis heute so schlimm ist, ist das Wissen, dass diese Menschen es nicht wissen und selbst, wenn sie es wüssten, es ihnen, wie alles, was wir empfunden haben und bis heute dazu empfinden, scheißegal ist, sie aber bis zum Ende das Gegenteil behaupten würden und hinter Schuldumkehrdynamiken, die alles erdrücken verstecken können, obwohl sie für uns irrelevant sind.”, klaubte ich aus dem Durcheinanderviel heraus. “Verstehen Sie – diese Menschen haben uns über Wochen und Monate hingehalten und gewusst, dass es um existenzielle Probleme ging, die wir nicht halten oder tragen konnten und haben sich professionell verpisst, als wir deshalb suizidal wurden und noch mehr Unterstützung und Versicherung über eine baldige Lösung des Problems gebraucht haben.”.

Ich versuchte R. und K. zu veratmen, deren Ziehen im Zwerchfell mir fast den Atem verschlug und die Sicht auf die Worte versperrte.

R. stieß ihr Gesicht durch meines und schaute Kurt direkt an. “Weißte was das war? Das war, was die beiden immer so gehasst hatten an unseren früheren Betreuer_innen. Worüber die sich immer erhoben haben, wenn wir die x-te dumme Ansage von ner überforderten Sozialpädagogin oder ner hilflosen Therapeutin reingewürgt gekriegt haben. Weißte, so richtig eklig, dass wir immer davor standen und nich mehr wussten: “Ja ham wir nu scheiß Profihelfer oder können nur die beiden uns helfen? Oder is nu jetzt Ende der Fahnenstange und Zeit für uns aufzugeben?”. Aber sie wussten ja, was man machen soll. Sie warn ja die mit dem Blick und den Jobs und dem Studium und so. Sie hatten ja Ahnung, weil wir > 10 Jahre jünger waren und außer Gewalt und Scheiße noch gar nichts gelernt hatten außer, dass alle außer uns es besser wissen, als wir, wann die Scheiße denn wirklich und echt am Dampfen is.”.

Sie warf mit ihren “Wehe du unterbrichst mich jetzt”- Blicken um sich und sprach so schnell wie möglich. “Weißte: das ist Gewalt. Das was sie selber so scheiße finden, aber an uns nich gemerkt haben. Und wir dachten ewig lange, wir würden da Animositäten haben oder halt für normale Menschen verkorkst sein oder so. Und weißte- die machen da jetzt ihren Opferhilferettungskram und finden sich supergeil, weil sie ja den armen Opfern helfen und denen das Leben beibringen und am Ende sind se genau ne sozialgewaltvollen Arschlöcher wie die, auf die sie selber runtersehn.”.

Ich merkte wie K. neben mir weinte und ich erinnerte mich an den letzten Satz, den wir von der Person gelesen hatten. “Wenn was ist, kannst du dich natürlich gerne melden.”, der uns damals wie heute so fassungslos und erschüttert mit dem Umstand ihrer Ignoranz zurücklässt.

Kurt berührte unsere Hände und ließ etwas Glitzerstaub aus seinen Jackenärmeln auf sie rieseln.
“Das war eine Retraumatisierung”, sagte ich langsam, der Wärme und dem feinen Glitzerflauschen auf der Haut nachspürend. “Wir haben in den Wochen danach so viel dissoziiert, dass wir heute nicht mehr genau rekonstruieren können, wie genau wir die gesetzliche Betreuung angegangen sind, die juristischen Beratungen, ob nun Anzeige oder nicht, OEG pro und kontra und wie wir genau damals gebloggt hatten, können wir uns auch nur schemenhaft heranholen.”.

Der Glitzerflausch krabbelte zu uns hinein und umhüllte R. und K.  wie in kleine Hängenester, die sie vor weiterem Erinnern schützten und beruhigten. Ich hörte, wie ihr Atem langsamer wurde und mein Zwerchfell freigab.
Ich streichelte die weichen Federn vor mir und spürte dem Gefühl eine Zeit lang nach.

“Es gab damals so einen diffusen Bruch um die Möglichkeiten Menschen in unserem Leben zu haben und damit auch eine Verschärfung unseres Hangs zur Bildung verschiedener Außenleben.”, sagte ich dem kleinen Wesen vor mir, das seine Hände nun wieder in den Rändern seines Nestsattels liegen hatte.
“Und was genau bedeutet das?”, fragte es und legte nun seinerseits den Kopf schief.
“Wir haben es nicht mehr geschafft, dass wir näher mit Außenmenschen zu tun haben.”. Ich dachte kurz nach und überprüfte, was ich gesagt hatte.  “Also „näher“ im Sinne von “viel Lebenszeit und viele Erlebensqualitäten mit anderen Menschen teilen, die einzig sind”. Irgendwie so.”.

Kurt schaute mich weiter an und ich versuchte es noch einmal. “Jeder Kontakt, den wir danach mit anderen Menschen eingegangen sind, hatte und hat etwas mit den Dingen zu tun, die wir tun. Blog, Podcast, Kunst, soziales Engagement. Niemand im näheren Außen braucht uns, um sich selbst zu erheben. Niemand liebt uns. Niemand begehrt uns. Niemand will sein Leben mit uns teilen. Wir sind die gute Ergänzung verstehen sie? Es ist toll, dass wir da sind – aber ne Wikipedia, ein Radio… kann auch was wir können. Wir sind nicht nötig und das ist irgendwie so das Limit dessen, was wir tragen und halten können.“.

Unser Zeitreiseleiter hatte glasige Augen und ich langsam keine Lust mehr, noch mehr zu erklären. “Wir Rosenblätter – ich Hannah – sind nur entstanden, um solche “Helfergewalten” bzw. ihre Folgen zu ertragen. Und ich glaube, der schmerzliche Moment im Sommer 2014 war der, in dem wir begriffen haben, dass wir es geschafft hatten, uns von Menschen zu lösen, die unseren Körper misshandeln und verkaufen ließen – aber so lange nicht von Helfenden, die uns demütigen und missachten und das als Freundschaft bezeichneten, weil sie uns genau dafür brauchen.”.

Ich atmete mich aufrecht und spürte dem Gegenwind in meinem Gesicht nach.

“Und die anderen Innens bei ihnen?”, fragte Kurt in mein abschließendes Ausatmen hinein, “Sehen die sich auch eher als Ergänzung für Außenmenschen?”.
”Keine Ahnung.”, antwortete ich. “Soweit wie wir das mitbekommen, sind die anderen weitaus wirrer, sozial awkwarder und noch einmal anders inkompatibel als wir. Wir sind an das Leben der letzten 13-14 Jahre gewöhnt und angepasst – die anderen an die 13-14-15-16 Jahre davor. Ich erlebe das nicht so, dass andere Innens als wir andere Menschen überhaupt irgendwie aushalten können ohne nach kurzer Zeit vor lauter Aushalten zu zerbröckeln.”.

Ich zuckte mit den Schultern. “Wir wissen aber zu wenig über die. Merken ab und zu, eine Notwelle von dort oder sehen, wie Einzelne von ihnen versuchen sich im Heute und auch im Außenheute zu orientieren. Aber mehr als die wiederkehrende Erkenntnis, dass wir anders und awkward komisch inkompatibel sind, passiert meines Wissens auch dort nicht.”. Meine Gedanken hingen noch eine Weile in der Luft wie ein leichtes Seidentuch. “Was wir damals auch verloren haben, war die Bereitschaft zu glauben, wir könnten vielleicht doch Freunde, Geliebte, Verbündete, wie man sie in Romanen und anstrengenden Filmen findet, haben. Und trotz aller Akzeptanz der eigenen Unfähigkeiten macht mich das manchmal schon auch traurig. Solche Bereitschaften haben wir uns mal hart erarbeitet.”.

Ich richtete meinen Blick an Kurt vorbei über den Schleiereulenkopf auf die immer regelmäßigere Linie des Horizonts vor uns.

“Was uns der Bruch damals aber geschenkt hat, war der Schritt uns einzugestehen, dass wir ein tatsächlich schwer behinderter Mensch sind, der weniger Hilfe als viel mehr fundamentale Unter_Stützungen braucht und diese einfordern muss, um die Entscheidung zum Immerweiterleben treffen zu können.”.

Am Ende meines Blickes begann es zu funkeln. Ich lächelte und deutete Kurt nach vorn zu sehen.

“Und da ist eine Sturmmöwe…”, seufzte F. selig in mein Herz hinein.

die Zeitreise ~ Teil 9 ~

Mein Blick fiel auf einen Artikel.
Ich stieß mich erneut vom Boden ab und schloss die Augen. Machte mich allein im Zelt unter dem weitblauen Himmel.
Atmete in den Schaukelbogen hinein und hörte dem Rauschen in meinen Ohren zu.

“Kurt?”, fragte ich ins Rund des Zauberzeltes. “Ja?”, tönte seine Stimme leise zurück.
“Im Mai 2014 haben wir jemanden verloren.”.
Unser Zeitreiseleiter schwieg und sein Schweigen fing an mich zu erdrücken. Ich kletterte aus der Hängematte und leerte meine Tasse in einem Zug.

“Weißt du, was ich an deinem Auftauchen nicht verstehe?”. Langsam drehte ich mich zu ihm hin und beugte mein Gesicht so nah an seines, dass ich seine Sommersprossen auf der grünen Nase sah. “Du hast gesagt, dein Auftrag wäre die begleitete Reflektion von zweifelnden Blogger_innen.”. Ich richtete mich wieder auf und wartete auf ein Nicken von ihm, das dann auch prompt kam. “Was denkst du, woran wir zweifeln? Ich meine – eigentlich kommt mir das hier grad eher vor wie ein rührseliges Gelaber, das wir auch hätten in zwei oder drei Monaten machen können.”.

Ich bemerkte eine Verschiebung hinter mir und wusste, dass es auch etwas mit dem Verlust zu tun hatte. Und mit dem Blog. Doch in mir türmten sich der Schmerz und die Wut. Die Ungerechtigkeit und der Flashback der quälenden Gefühle dahinter. Dieses furchtbare Gefühl Menschen an dieser Kluft zu verlieren, weil sie nicht verstehen. Wollen. Können.
Müssen.
Weil sie das Verstehen nicht brauchen.
Und uns auch einfach ins Nichts reden lassen können.

Aber mit Zweifeln hatte das nichts zu tun.

Ich trat an die Schleiereule heran, die uns schon eine Weile aus einem herzrunden Gesicht beobachtete und sich sorgfältig das Federkleid putzte.
“Könnten wir wieder ein bisschen fliegen?”, fragte ich den kleinen Zeitreiseleiter.
Dieser sprang aus seinen Kissen auf und lächelte mich an. “Das ist eine sehr gute Idee. Ein bisschen frische Luft und Distanz in alle Richtungen ist gut bei schweren Themen.”.

die Zeitreise ~ Teil 8 ~

Langsam beruhigten sie sich und nahmen einen weiteren Schluck aus ihren Tassen.

K. scrollte im Beitragsarchiv durch das Jahr 2013. Überflog Beiträge. Griff ab und zu in uns hinein betrachtete etwas, ohne es zu halten.
“Wir haben eine Menge geschrieben.”, stellte sie mit schiefem Lächeln fest. “Ich weiß gar nicht, welche Aspekte eigentlich so “eigentlich wirklich” relevant sind.”. Sie scrollte noch ein bisschen. Prustete auf: “Tshehe ich bin ja froh, wie viele von meinen pauschal weltumfassenden Ausrastungsbeiträgen inzwischen nicht mehr öffentlich zu lesen sind.”. Sie kicherte zwischen zwei roten Ohren hervor und schob die Seite weiter.

Der kleine Zeitreiseleiter hopste von seinem Kissenturm herunter und trat neben sie, um auch auf das Display schauen zu können.
“Sie haben irgendwann aufgehört von den [BÄÄÄMs] zu schreiben.”, stellte er Mitte 2014 fest. “Warum?”.

Meine Überlegungen ließen K. vor meinen Füßen zerbröseln. Eine andere, neben mir, legte ihren Kopf an meinen. “Ich glaube, weil wir reifer wurden und Therapiefortschritte gemacht haben. Und vielleicht auch insgesamt fester in Bezug auf unsere Grenzen wurden.”. Ich überlegte noch ein bisschen und griff nach der Kaffeekanne auf dem Tisch.
Während ich meine Tasse füllte, ging Kurt wieder zurück zu seinem offenbar sehr gemütlichen Kissengebilde und sah mich an.

Ich wickelte mich in eine weiche Decke und setzte mich zurück in die Hängematte, deren sachtes Schwingen meine Gedanken in einen ruhigen und gleichförmigen Strom brachte.

“Wir haben durch #Aufschrei bei Twitter viele neue Follower_innen bekommen. Das Blog wurde von mehr Menschen gelesen. Wir begannen mehr nach außen zu gehen und merkten dabei schnell, dass wir nicht dazu gehören. Beziehungsweise, dass wir nicht sind, wofür wir gehalten werden oder, womit wir benannt werden.”, ich stieß mich ein letztes Mal vom Boden ab und ließ den Körper ganz in die Bewegungen der Matte fallen.

“Ich würde heute sagen, dass wir in den folgenden Monaten viel Definitionsarbeit für uns gemacht haben. Abgrenzungsarbeit in ganz viele Richtungen nach Außen und wenn wir mal die Kraft hatten, haben wir uns überlegt, was anderen helfen könnte. Aber schon damals war uns klar, dass wir keine klassische Öffentlichkeitsarbeit leisten wollen und können, weil uns zu wenig daran liegt für andere Menschen sprechen zu wollen.”, begann ich zu erzählen.
“Aber sie haben sich schon für oder gegen bestimmte Dinge ausgesprochen – warum?”, fragte Kurt und ließ mit einem Fingerschnippen kleine Blasen vor mir aufsteigen, in denen ein paar Beiträge zu sehen waren.

Mein Blick folgte den Blasen und irrte ein wenig umher, als diese auf meine Antwort hin platzten. “Ja”, antwortete ich, “das meinte ich mit ‚Definitionsarbeit‘. Wir haben uns in vielen Artikeln damit auseinandergesetzt, wie wir zu bestimmten Dingen stehen und haben sie ins Blog gestellt, um nachlesbar zu sein. Und in manchen Entscheidungen vielleicht auch nachvollziehbarer.”.
Die Andere neben mir wandte dem kleinen Wesen ihr Gesicht zu. “Verstehen Sie eigentlich was für ein geniales Dings wir da gemacht haben?”.

Kurt hielt mitten im Kauen eines Kekses inne und schüttelte den Kopf.
“Wir haben innere Kommunikation gemacht. In a way:  die öffentlichste Art unserer Zeit ein Selbstgespräch zu führen, um sich kennenzulernen. Und in unserem Fall: “zu bemerken, dass man nicht nur “die Rosenblätter” ist, sondern tatsächlich noch viele andere, die sich als “die … hm hm hm’s” bezeichnen“.”, sprach die Andere, die nun in mein ganzes Vorn vereinnahmte und sich erneut vom Boden abstieß.
Sie angelte im Vorbeischaukeln eine Handvoll Kekse und redete weiter. “Ausgerechnet wir, die es über Zeiten ewig nicht geschafft haben, ein Tagebuch zu führen, oder konsequent mit Listen und der Begegnung der Notizen und Impulse von anderen Innens umzugehen, waren und sind bis heute ultrakonsequent, wenn es darum geht, sich das Schreiben bzw. das Bloggen zu bewahren, weil es sich zu einem ganz eigenen Zentrum der Reflektion entwickelt hat.”.

Kurt knautschte das Gesicht und sie sah ihn fragend an.
“Ich weiß nicht genau, ob ich Sie richtig verstehe.”, sagte er langsam, “Sie müssen verstehen – ich kenne mich mit DIS und alle dem überhaupt nicht aus.”.
Sie nickte und dachte kurz nach. “Hmmm – die dissoziative Identitätsstruktur bedeutet für uns ein fragmentarisches Erleben des Hier und Jetzt, genauso, wie es das bezogen auf ein Früher und ein HätteWürdeWenn bedeutet. Mit so einer Wahrnehmung – ganz allgemein – ist es schwer sich zu positionieren. Egal, worum es geht. Eigene Versorgung, eigene Werte, politisches Weltgeschehen, Lauf der Dinge… G’tt. Nichts hat Bezug zu einem selbst und wenn sich Bezüge – also Assoziationen – auftun, dann ist es etwas, das unkontrolliert, überbordend, zerreißend, ermordend ist, weil alles, was ist, zu allem, was je war, wird und am Ende doch wieder nichts hinterlässt, weil die einzige Art dem zu begegnen die Dissoziation ist.”, sie schaute Kurt an und biss wieder in einen Keks.
Dieser nickte und deutete ihr weiterzusprechen.

“Wir haben bemerkt, dass wir, wenn wir solche Gedanken haben, solche Momente der Assoziation, die so überbordend werden, oder vielleicht auch allgemein in schwer greifbaren Zuständen sind, die Lautsprache zu etwas immer schwerer werdendem wird. Die Motorik wird unzuverlässig, die soziale Kompetenz ist dann meistens überhaupt nicht mehr gegeben. Wir werden zu einer Art “nur Kognition” oder auch “nur Wahrnehmung” und in so einem Moment kann man keinen Stift mehr halten, geschweige denn Buchstaben malen.”, ihr Blick wanderte in Kurts Richtung und stieß auf einen wieder sehr aufmerksam zuhörenden Zeitreiseleiter.

“Alles was wir zum Bloggen können müssen ist, die Empfindung der Tastenschläge auf den Fingerspitzen auszuhalten. Mehr nicht. Alle anderen Kanäle eröffnen sich dann nach und nach. Irgendwann fällt dann das Geräusch dazu auf, irgendwann fällt auf, wie das Schriftbild ist, und irgendwann fällt der unbequeme Stuhl auf… aber dann ist der Artikel fertig. Die Dissoziation als das Bewusstsein extrem fragmentierender Zustand ist vorbei. Und was dann inhaltlich dort steht ist manchmal das, worum es in den Assoziationen geht, manchmal aber auch eine Reaktion von einem Innen auf das Überflutet werden eines anderen.
Und manchmal ist es dann auch so etwas, was wir nur finden und erst einmal noch gar nicht verstehen können. So ist die Kategorie “Fundstücke” entstanden.”, sie nahm einen weiteren Schluck Kaffee und biss in einen Keks mit knackiger Schokoladenglasur.

An der süßen Krümelmasse vorbei sagte sie: “Es ist aber nicht immer nur so ein Schreiben. Manchmal steht am Ende von so einem Zustand auch nur “Schreibst du das auf?”, was eine verabredete Frage für uns alle ist. Manchmal geht es darum etwas zu dokumentieren und zu bewahren. Aber nicht so, dass jemand äußeres es wegmachen kann. Manchmal gehts da um eine ganz sichere Art der Echt-Machung dessen, was wir so erleben. Also alle. Oder als Einsmensch.”.

Sinnend schaute sie in den Himmel über sich. “Wir erleben das Internet irgendwie nicht stofflich. Da ist immer das Gefühl, unsere Texte und Bilder und alles das, ist dort drin, aber niemand kann einfach hingehen und es wegnehmen oder behaupten, es sei gar nicht da. Es ist so ungreifbargreifbar und das ist die perfekte Art für uns einander über die Worte wahrzunehmen – vielleicht auch: einander zu begegnen. Als Tagebuchform – so richtig in Papier und Tinte – ist es erschreckend. Jedes Mal kostet es unheimlich viel Kraft und Zeit über den Schreck hinweg zu kommen, dass man ganz greifbar Zeit und Raum nicht unter Kontrolle hatte.
Im Blogdashboard kann man sich langsam herantasten und irgendwie auch darauf verlassen, dass nichts verschwindet oder ausgesprochen wird, was nicht ausgesprochen werden darf oder allgemein gefährlich für uns werden könnte.”.

“Sie haben also auch eine Zensurpolitik!”, unterbrach Kurt ihre Gedanken abrupt. Ich musste lachen. “Hm, nee. “Zensur” ist ein staatliches Ding.”, antwortete ich und fürchtete dann doch, er könnte beleidigt sein über diese Richtigstellung. Doch das kleine Wesen zeigte keine Beleidigungsanzeichen, sondern Interesse. “Wir haben innere Systeme, für die es sehr wichtig ist, dass bestimmte Dinge nicht gesagt werden. Egal wo und wem gegenüber. Entsprechend haben wir eine Politik darüber entwickelt, dass sie kontrollieren, was wir schreiben und anmerken, dass sie das nicht wollen, wenn wir doch mal etwas geschrieben haben, was sehr nah oder auch zu nah an das kommt, was sie nicht wollen. Ohne mindestens einen Blick aus diesem System geht kein Text oder Podcast online.”.

Ich beugte mich weit zu ihm hin und flüsterte “Und ich würde sagen: das ist fast sowas wie “innere Zusammenarbeit”.”. Ich zwinkerte dem kleinen Wesen mit der grünen Haut awkward lächelnd zu “Therapeut_innen fahren voll auf sowas ab” und kullerte vor lauter unterdrücktem Grinsen fast vornüber aus der Hängematte.

Kurt lächelte mich an und goss sich eine weitere Tasse Tee ein. “Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet, oder? Wie kam es, dass sie nicht mehr von “den [BÄÄMs] geschrieben haben?”.
“Hm.”, machte ich und drehte mich nach innen. Dort standen die Feuerlöwin K. und die immer leicht geduckte R., die Andere, das Kinderinnen, das unsere Fotos macht, und lauter andere, die im Laufe der Zeit von bloßen Präsenzen eines pathologischen Markers in einem Er_Leben, zu Namen, Eigenschaften, eigenen Geschichten, eigenen Er_Lebenswelten geworden waren.

“Weißt du, als wir anfingen so ganz ganz regelmäßig zu schreiben, haben wir sie so wahrgenommen. Unsere Wahrnehmung von einander war genau so grotesk und abstrus – so eingeschoben und fremd und ganz ausgestanzt in dem, was wir so als “unser Rosenblätter-sein” wahrnahmen. Und heute wissen wir, dass sie Namen haben. Und eine (unheimliche, uns massiv ängstigende, fremde, grotesk, absurd empfundene) Geschichte.”.
Ich atmete ein und versicherte mich über ein Nicken von innen.

“Sie sollen sich willkommen fühlen.”.

die Zeitreise ~ Teil 7 ~

Das Erste, das ich an diesem nächsten Morgen vernahm, war ein Quaken.
Ein Quaken aus dem Schnabel einer pinken Glitzerente, die auf meinem großen Federbettdeckenkissen umherhopste und wild mit ihren Stummelflügeln flatterte. Ich traute mich nicht mich zu bewegen und starrte das kleine Tier an.
“Sind sie jetzt endlich wach?”, fragte Kurt mit frechem Grinsen und den Händen in der Hüfte. “Äh …”, antwortete ich und konnte meinen Blick nicht von dem kleinen pinken Glitzerball vor mir abwenden. “Ich glaub schon.”.

Unser kleiner Zeitreiseleiter streckte den Arm in Richtung Ente und diese sprang auf seine Handfläche, wo sie zu einem Häufchen pinkem Glitzerflausch zusammenfiel. Ich rappelte mich auf und kullerte fast aus der Hängematte.
Die Sonne erhellte unser Zelt indirekt, was der großen Schleiereule in einer Ecke des Zeltes wohl nichts ausmachte. Die schlief nämlich mit einem Beinchen an der Brust und ruhigem Atem, den Schlaf der erfolgreichen Mäusejäger_innen.

“Kaffee.”, brachte ich heraus und gähnte zwischen ambitioniertem Recken und Strecken und Ringen um Bewusstsein.
Kurt deutete unbeeindruckt von meinem weit geöffneten Gähnschlund auf den niedrigen Tisch und schnipste mit den Fingern der linken Hand. Plötzlich stand ich frisch geduscht und in flauschigen Wuschelsachen mitten im Zelt. “Was zum …”, bröckelte mir aus dem Kopf und blieb doch erneut in meiner Müdigkeit stecken. Ich stöhnte auf und erinnerte mich an mein Hauptanliegen. “Kaffee”.

“Also”, setzte der auf einem Stapel Kissen sitzende Kurt an und legte ein Bein über das andere, “Wir waren bei “Warum hast du denn nichts gesagt?” im Februar 2013 angekommen.”.
Ich stöhnte erneut. Diesmal unter der mich überrollenden Erinnerung an die Erschöpfung dieser Zeit. “Was war denn da los?”, piekste er nach.

“#Aufschrei war los.”, antwortete ich.  “Endlose Wortgefechte, Debatten und Diskussionen, eine Twittertimeline voller verletzender selbsternannter “Maskus” und daneben permanente Reflektionsarbeit, die Therapie, das Forumgestresse und ach …”. Vor mir überschnitten sich zwei Stränge und ich bemerkte, wie mich verunsicherte eine Entscheidung fällen zu müssen, welcher von beiden jetzt der sein würde, welcher wirklich mit unserem Blog zu tun hatte und welcher nicht. Ging es in der Entscheidung überhaupt darum oder um etwas anderes? Ich versenkte meinen Nüschel in der Kaffeetasse und blieb einfach wo ich war. Vielleicht könnten wir ja auch einfach in der Zeit fortfahren und eine weitere Linie würde sich vor mir zeigen.

“Was genau wollten sie denn gesagt haben?”, fragte Kurt und tunkte einen Keks in seinen Frühstückstee. “Ich weiß es selber nicht mehr – vielleicht gar nichts Konkreteres als, dass ich viel nicht mitbedacht und berücksichtigt empfinde. Dass ich die Norm hinterfrage. Dass wir kein Opfer geworden sind, weil wir uns nie gewehrt hätten, sondern, weil man sich gegen so etwas Alltägliches wie Sexismus und sexistische Standards und daraus hervorgehende Diskriminierungen nicht nur einmal im Jahr wehren muss. So irgendwie.”. Ich griff an mein Ohrläppchen und drückte nachdenklich auf dem weichen Fleisch herum.

“Dann kam diese Nummer um One Billion Rising, von der ich mich unbedingt mitreißen lassen wollte, weil ich in meinem Alltag keinerlei Hinweise auf den Sturm in meinem Kopf und in meiner auf Hochtouren ratternden Timeline hatte.  Und dann trafen wir dort unsere ehemalige Therapeutin, die irgendwas mit “Also das musste jetzt sein.” sagte, als würde das Tanzen gegen Gewalt an Frauen wirklich etwas ausrichten, was all die Initiativen und Demos in den letzten Jahren nicht ausgerichtet hätten. Und daneben das permanente Kratzen an der Wahrhaftigkeit meiner unserer Lebensrealität von anderen Menschen und das Absprechen der Berechtigung damit Raum einnehmen zu dürfen.”.
Ich schwenkte den Kaffee in meiner Hand und versank in ein dumpftrauriges Brüten.
Kurt schwieg und nippte an seinem Tee.

“Es sind so zwei Dinge, die sich da überschnitten und uns etwas klargemacht haben.”, stellte ich in die Mitte unseres Gesprächsraumes. “Welche?”, fragte Kurt.
“Wir und die Anderen.”, antwortete ich und erwartete, dass selbst er nicht wahrnehmen könnte, was für ein Wörterkomplex dahinter stand.
Er schaute mich einfach nur an und goss sich Tee nach. Wie ein Psychoanalytiker, der sich mitten in der Stunde überlegt, wie er seine bloße Zuhörzeit mit kleinen Annehmlichkeiten für sich füllen kann.

“Ich glaube, wir hatten bis zu dem Zeitpunkt nie so einen Moment in der Auseinandersetzung mit Gewalt und ihren Folgen, dass es dabei auch um uns geht. Um Menschen wie uns. Menschen mit so viel Not im Leben, wie sie andere Menschen nie kennenlernen werden, wenn sie Glück haben. Uns wurde damals klar, dass auch wir und unser Leben da im Fernsehen repräsentiert werden sollten. Von Leuten, die unserer Lebensrealität teilweise irgendwie ferner gar nicht sein könnten und von Leuten, die weniger Ahnung von dem, worüber sie da reden, gar nicht haben könnten.”, taperte ich langsam und bedächtig, die großen Löcher im Boden und Minen an den Wänden meidend durch den Komplex vor meinen Augen bis ich K. und R. hinter meinem Gesicht spürte.

“Irgendwann – ich glaub, das war dann hier Sonntagsjauche – die Sendung in der Natascha Kampusch und zwei anderen Menschen, die Opfer von Gewalt wurden und auf eine Art vorgeführt wurden, die mich so angetickt hat, ohne mich aber in echtes Widererleben zu bringen. Also – äh – verstehn Sie jetzt, was ich meine?”, K. schaute mit gerunzelter Stirn zu dem Wesen auf seinem Kissenturm, “Ich hatte mein erstes Ding von “Ah- Stopp it – Erinnerung hier – richtige Kackscheiße da”. Und das war ein großes Ding für mich, an dem ich so gemerkt habe, dass ich solche Unterscheidungen durchaus kann und schlimme und ungerechte Dinge nicht nur deshalb schlimm und ungerecht finden kann, weil ich allein etwas empfinde, sondern, weil schlimme und ungerechte Dinge in einem Kontext passieren. Verstehen sie das BÄNG! daran?
Ich hab kapiert, dass mein Erinnern einen Kontext hatte – nicht nur einen Trigger, den ich übersehen oder nicht genug berücksichtigt habe, sondern eine ganz klar stattfindende Musterabfolge im Außen. Und von da aus war es nur noch eine Furzlänge bis zum Bemerken, dass die Gewalt, an die ich mich erinnerte einen Kontext hatte, der nicht nur mich und mein persönliches Empfinden umfasst, sondern die verdammte ganze Welt.”. Sie donnerte mit der Faust auf den Tisch und fuchtelte mit der freien Hand einen weiten Bogen in die Luft.

Kurt steckte seine Hand in die Jackentasche und pustete ihr helles Sterngeglitzer entgegen. “Glückwunsch”, lachte er so ansteckend, dass sie zu grinsen anfing.