Horoskop

Wir glauben nicht an Horoskope. Wir glauben an Wahrscheinlichkeiten. Die Wahrscheinlichkeit, dass entweder alles stimmt oder alles nicht stimmt, verleitet uns in der Regel dazu, sie zu lesen.
In unserem Jahreshoroskop steht, dass es ein Jahr voller überraschender Wendungen wird, aus denen wir unsere Lehren ziehen können, ohne das Gesicht zu verlieren (good to know, wer hat schon Lust auf ein vom Kopf geschmirgeltes Gesicht). Außerdem würden wir viel über uns lernen und uns würden unsere Schwächen schmerzlich klar.
Well… ja. Passiert gerade.

Wir sind zuletzt mit 18 so lange am Stück mit anderen Menschen zusammengewesen, wie in den letzten bald 5 Monaten. Und ich habe das Gefühl jede Woche autistischer zu werden. Oder – um es vielleicht abzuschwächen, weil ich grad nicht einschätzen kann, ob die Formulierung so wirklich richtig ist – einfach mehr und mehr zu merken, wie wirklich umfassend unsere Verquirktheit ist und wie gründlich nicht wir das aus unserem Sein kompensieren können.

Ich versuche oft mich damit zu trösten, dass es mir mit dem Vielesein auch so ging. Es ist mir viele Jahre immer bewusster geworden und dann hab ichs (haben wirs) mehr und mehr verschleiert bekommen. Wer uns neu kennenlernt merkt das Vielesein nicht, merkt auch die PTBS nicht und zusätzlich dazu haben wir nicht nur das Verstecken besser im Griff, sondern auch insgesamt uns, so dass dieses ganz bewusste Verstecken und Wegmanipulieren auch gar nicht mehr so schwer fällt.

In irgendeinem der Bücher, die ich mir in der Zeit nach der ASS-Diagnose aus Verzweiflung reingezogen habe, stand das auch drin. Wie manche später als Autist_innen erkannte Leute drüber abschmieren wie wir und sich dann zunehmend als mehr und mehr autistisch werdend empfinden, wie wir jetzt, und dann aber langsam immer gezielter zu Umgängen kommen. Und dann klar kommen. Irgendwie.

Unser Horoskop hat nichts dazu gesagt, ob wir dieses Jahr noch klarkommen. Im Sinne von „final klar kommen“. „Fertig wegschlucken und gut ist“. Das finde ich dann doch ziemlich enttäuschend.
Die Frage nach dem Wann und Wie ist für mich eine drängende. Ich fühle mich nicht gut, wie wir sind. Mit anderen Menschen und auch mit uns. Eine Perspektive wäre schön.
Am Ende liest man Horoskope doch auch nur dafür. Und (Heil_Behandlungs)Prognosen.

Unsere Prognose war nie schlecht. Wir sind früh als komplex traumatisiert und viele diagnostiziert worden. Haben früher bessere Hilfen und Therapiemöglichkeiten gehabt als viele andere Menschen. Und mit 30 als auch autistisch erkannt zu werden – ja gut, ist spät, aber ist es nicht eigentlich immer irgendwie zu spät dafür?
Eine Perspektive würde uns ermöglichen, einen Zeitplan zu machen. Ähnlich wie die Familienplanung.
Das wollen wir, bis dahin gehts, ab dann ist Schicht, danach kommen Plan A, B, C zur Abstimmung und es geht weiter. Wir wissen, was wir wollen, welche Umsetzungsoptionen da sind, was passiert, wenn es nicht klappt, wie wir uns das wünschen und erarbeiten können.

Was machen wir, wenn wir nur lernen können unseren Autismus zu maskieren, aber eigentlich nie wirklich final klar kommen werden? Was machen wir, wenn klar wird, dass unser Leben einfach immer immer immer für immer in dem Umfang wie jetzt davon bestimmt wird, dem Verstehen anderer Menschen hinterherzustolpern, sich dabei zu verlaufen, eine Klippe runterzustürzen und mit 5 gebrochenen Haxen als letzte_r durchs Ziel zu gekämpft zu kommen?
Was machen wir dann?

Ist das eine Entscheidung auf Leben und Tod, die ich gleichermaßen wahrscheinlich als Traumalogik-Ergebnis wie als rationales Abwägungsergebnis annehmen kann oder gibts da gar nichts zu entscheiden, weil es einfach kommen wird, wie es kommt, weil das Leben passiert und wir mittendrin?

Wollen wir uns in der Sache genauso an die psychologische Optimierungsarbeit binden, wie in Bezug auf die DIS? Immer weiter dranbleiben und jeden noch so kleinen Schritt in irgendeine andere Richtung als zurück zum Fortschritt erklären? Ist das überhaupt vergleichbar?

Zum Glück steht uns kein schlechtes Jahr bevor. Angeblich.
Wir haben Zeit und Raum zur Auseinandersetzung. Vermutlich auch dann noch, wenn unser Jahr doch sehr schlecht wird. Es geht ja nicht anders. Es geht ja nie anders.

Baucoolness

Ich finds immer so cool, wie er seine Schrauben einfach so in eine kleine Dose oder eine Schale schmeißt. Wie er seinen langen schlanken Körper wie ein Origamitierchen zusammenfaltet, um irgendetwas zu bauen oder zu machen. Mit F. irgendwas zu bauen ist immer lustig und etwas chaotisch. Die meiste Zeit mache ich mir Sorgen, aber es ist auch okay, denn er ist so cool.

Wenn ich selber was baue, dann tue ich manchmal so, als wäre ich F.. Das macht mir irgendwie Mut und Zuversichtlichkeit. Seit mir der Freund gezeigt hat, wie man mit der Bohrmaschine umgeht, wächst in mir aber mit jedem Projekt mehr ganz eigene Baucoolness. Mir hängt zwar keine selbstgedrehte Kippe im Mundwinkel, während ich meine Projektzahlen an die Wand kritzle, aber die Bohrmaschine liegt lässig in meiner Hand, während ich total locker durch meinen Schraubensack wühle. Und mich steche und mir wieder irgendein Stückchen Handhaut abschürfe.

Die Handwerkerwelt ist mir oft zu laut. Jedes Standardgerät ist mir zu groß, zu schnell, zu kräftig. Der Kontrollverlust droht an allen Ecken und Enden, das triggert schwierige Prozesse in mir und verhindert irgendwie in vollster Eigencoolness zu erblühen, wenn ich etwas baue. Jedenfalls vor mir selbst.

Heute habe ich das Bücherregal erweitert und den Schraubengemischsack aufgelöst.
Ich hatte gehofft, dass F. vielleicht Zeit hat, und mit mir die Werkstatteinrichtung baut. Aber er hatte keine Zeit und wir brauchen die Werkstatt bald. Ich glaube, dass er Zeit gehabt hätte, wären wir noch Nachbarn. Jetzt muss ich allein klarkommen. So halb. Der Freund ist ja auch noch da. Aber er ist nicht mein Baufreund. F. ist mein Baufreund. Mein cooler Baufreund mit Origamikörper.

Ich hab inzwischen viele Werkzeuge, die besser für mich passen.
Eine Stichsäge in klein, eine Bohrmaschine in klein, eine Schleifmaus, einen Akkuschrauber, der so groß ist, wie ein Handschraubenzieher. Sie machen mich nicht cool, aber Angst machen sie mir auch nicht.
Das habe ich mir so gedacht, als ich Bauschrauben in der Länge eines Babyarms einsortierte.

Morgen werde ich das vorraussichtlich letzte Möbel für die neue Wohnung selbst bauen. Alleine. Ohne coolen Baufreund. Mit Vorsicht, Umsicht, Achtsamkeit. Ohne Kippe im Mundwinkel. Mit nach Länge, Dicke und Schraubkopf sortierten Schrauben aus alten Apfelmusgläsern.
Ohne Angst vor aufgeschlitzen Fingerspitzen.
Ich komme klar.

zahnarztschlimme Traumascheiße

„So ist das jetzt also. Wenn ich denke, dass nichts passieren wird, passiert was und ich bin allein. Damit und mit dem, was es mit mir macht. Aha.“ Und in mir drin klickt eins ins andere, als wäre das nie nie nie niemals anders gewesen. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Bin nicht mal wütend, bin Schock, Überwältigung, Not. Es weint und weint und krampft und ich mache Schritte durch die Stadt, die viel zu groß für mich und viel zu klein sind, um so schnell vorwärts zu kommen, wie ich und mein rasendes Herz das wollen. Brauchen.
Der Vertretungsarzt in der kieferchirurgischen Praxis hat uns beim Ziehen der Fäden von der Op vor 10 Tagen, wehgetan. Und weiter gemacht. Und weiter. Und uns angewidert? von den Tränen und der Sprachlosigkeit? weggeschickt.
Und nichts – kein Erklärungsversuch, keine Relation, kein „In Perspektive setzen“ hilft.
Es ist einfach scheiße. Nicht, weil ich das so finde, sondern weil es das immer ist, wenn jemand übergriffig ist. Ab da kann man die Scheiße nur noch aufquirlen, anheizen, verbreiten. Indem man so tut als wäre nichts. Zum Beispiel. Als wärs nicht schlimm, weils schlimmere Dinge gibt.

Unser Zahnarztschlimm hat fast 7 Jahre durchgehend Zahnschmerzen und 3 Zähne, eine Wurzelspitze und ein kreisrundes Stück Kieferknochen gekostet. Es hat bedeutet, keine 2 Minuten in einem Wartezimmer warten zu können – obwohl der Termin so hart umkämpft wurde. Es hat bedeutet über Wochen hinweg Pseudotermine zu brauchen, bei denen nichts passiert außer Konfrontation mit der Umgebung, Werkzeugschau, angucken und untersuchen lassen aushalten – üben! Um zu einer Basis zu kommen, die halbwegs stabil ist und Angst, Panik, rapid switching und andere Anpassungsreflexe aushalten kann. Um glauben zu können, dass diese dann neue Zahnärztin uns so lange Zeit gibt, wie wir brauchen.

Wir haben keine Zahnarztangst entwickelt, weil wir traumatisiert sind und sich unsere Ängste automatisch generell auf alles drauflegen. Wir haben sie entwickelt, weil wir uns zu lange nicht von einer Ärztin getrennt haben, die uns immer wieder wehgetan hat. Und weiter gemacht hat. Und weiter. Und weiter. Wir haben unser Bindungstrauma wiederholt.
Und danach haben wir unseren Ausstieg wiederholt. „Wenn du nicht verletzt werden willst, dann geh halt nicht hin. Zu niemandem von denen mehr. Jemals. Alle, die auch nur ansatzweise so sind wie diese Person, alle, die machen und bieten, was diese Person bietet: nie wieder.“

Wir haben lange mit Zahnschmerzen, Entzündungen und Löchern wie Einzimmerappartements gelebt.
Und als das von der neuen Zahnärztin in einer großen Behandlung unter Vollnarkose behandelt worden war, war das wie ein Sonnenaufgang.

Der Freund bot an, da anzurufen und den Arzt anzumeckern. Das war schön. Schöner Quatsch.
Und dann haben wir aufgelegt. Ich lief in die Innenstadt, fing die restlichen Tränen wie Erkältungsschnodder auf, spürte mich als Lücke zwischen Jahreswechselkälte und abgrundtiefer Kindernot. Dachte wieder: „So ist das jetzt also. Da schreit ein Kind, das niemand außer mir wahrnimmt. Aha.“
Ich konnte nichts tun. War bis spät in den Abend überwältigt. Plattgewalzt von der Willkürlichkeit des Arztes, der sich mit seinem Handeln in eine Reihe überwältigender Ereignisse des Tages, die in ihrer schockierenden Wirkung auf mich von anderen Menschen kaum nachvollziehbar sind, einreihte.

Am 7. haben wir den nächsten Zahnarzttermin.
Ich habe Angst, dass jetzt alles wieder so ist, als wäre nie nie nie niemals irgendetwas anders gewesen.
So ist das jetzt und es ist scheiße.

Traumascheiße.

Schale

Ich fühle mich geschält. Wie diese Kartoffeln im Glas, nur dass der Zug, in dem ich sitze, das Glas ist und in kein Supermarktregal passen würde. Aber ich. Ich fühle mich so klein geschält, dass ich froh bin um diese große Hülle. Es ist Dienstagabend, reichlich spät, denn wieder hat mein Zuganschluss in Minden nicht geklappt. Wieder warten wir im Dunkeln, im Kalten, im Alleinen zwischen zwei Welten und sind dabei selbst weder fest noch flüssig.

NakNak* atmet auf meinen Schoß, in ihrem Fell wuseln die Anderen wie Flöhe auf der Suche nach Nähe, Wärme, Halt. Alles ist schwer, sogar an meinen Wimpern hängen Senklote.
Als wir aus dem vorletzten Zug aussteigen wollen, spricht mich eine Person an. Ich reagiere nicht, bin verzehrfertige Kartoffel-klein. Denke, soll er sich große Leute suchen, um zu sprechen. Er winkt mir zu, tritt näher an mich heran. Ich höre zu. Dann doch. Weil ich mich ohne Schale einfach nicht abgrenzen kann. Und weil ich keine Kraft mehr habe. Für Widerspruch, für meine eigenen Grenzen, für nichts und niemanden. „Wobei würde der Hund denn assistieren?“ fragt die Person und ich höre wieder weg. Dafür – für all das, was an dieser Situation falsch ist – habe ich erst recht keine Kraft. „Das ist eine extrem private Frage.“. Sagt eine andere. Dann hält der Zug und wir steigen aus.

Es ist kalt. Es ist dunkel. Ich bin allein.
Und trotzdem gibt es Dinge, die total privat sind.
Und eine andere, die noch eine Schale hat. Oder ist.

zum International Disability Day

Gestern war „International Disability Day“, deshalb habe ich darüber nachgedacht, ob ich über unser aktuelles Behinderungsding schreibe, aber

Ich hab erst neulich geschrieben, dass mich meine eigenen Redunanzen nerven. Sie nerven mich und manche tun mir einfach weh, weil ich weiß, dass sie trotz der permanenten Wiederholung nicht an Relevanz verlieren oder tatsächlich auch als Wiederholung verstanden werden.
Sackgasse. Wörterblockade. 5 Gedanken zurück, noch einmal über Los.

Nach der Berufsausbildung hätte eine klitzekleine bezahlte Stelle für mich möglich sein können. Klitzeminiwinzig klein. Mit genau dem Umfang, den ich schaffe. Mit genau genug Geld, um mal einen klitzemini Rentenpunkt zu bekommen und mit gezielt gesetzten Einkünften über Blog, Podcast, eigenes Zeug vielleicht sogar mal ein zwei drei vier Monate im Jahr weder Hartz noch Wohngeld zu brauchen.

Und dann wurde ich vom Jobcenter erneut medizinisch begutachtet, gab es eine anscheinend neue Ausgangslage durch die Ausbildung.
Weil ich nach fast 11 Jahren Arbeitslosigkeit die Ausbildung geschafft habe, wird nun diese miniklitzekleine Stelle in dem Betrieb – den ich kenne und mag und der mich will; wo ich tun kann, was ich kann, wie ich das kann – nicht vom Jobcenter gefördert. Die Ausbildung hat die Arbeitslosigkeit unterbrochen. Eine Förderung durch einen anderen Topf reicht nicht aus. Der Betrieb ist sehr klein, die volle Förderung ist nötig.

Die neue Betreuerin hat mir das letzte Woche am Telefon erklärt. Sagte dabei so etwas wie: „Bei Ihnen ist ja auch nicht davon auszugehen, dass das wieder weggeht“. Ich wollte schreien. Und als ich das jetzt aufschreibe, weine ich zum ersten Mal darüber.

Wieder bin ich an diesem Punkt. Zwischen bodenlosem Einsamkeitsgefühl, Kränkung, Ent_täuschung und der Bewegung, die nur Traumatrigger auslösen. Zwischen inklusionspolitischen Themen und soziologischen Phänomenen, zwischen dem Außermir und der Welt, in der ich lebe.
Das klingt pathetisch und überdramatisch, Hannah, des geht nicht um dein Leben – ja, aber ja, doch auch.

Ich bin vor ein paar Jahren dafür kritisiert worden, dass ich Arbeiten als Privileg beschrieben habe. Ich habe nie direkt darauf reagiert, weil ich kein Interesse an einem Shitstorm mit weißen ablierten Marx-Linken habe, deren Begriff von Arbeit einzig die Ausbeutung und Unterdrückung von Arbeiter_innen kennt. Als ginge Unterdrückung und Ausbeutung nicht auch durch den Entzug von Arbeitsmöglichkeiten. Als wäre der Kapitalismus allein mit der Abschaffung entlohnter Arbeit lösbar.

Als behinderte Person, die zusätzlich auch chronisch erkrankt ist, gibt es für mich die gleichen Perspektiven wie für alle anderen Menschen im Kapitalismus auch: Entweder rein in die Verwertung oder raus aus der Verwertung.
Diese Entscheidung ist zu treffen, ob man will oder nicht und allein der Tod bedeutet das „raus aus der Verwertung“. Denn: selbst wenn man nicht direkt selbst ver_wertet, so ist man im Kapitalismus selbst ein Wert.
Ich bin Teil der Sozialwirtschaft. Ich schaffe mit meinen Bedarfen Arbeitsplätze. Die Verwaltung meiner Belange ist Teil der Arbeit vieler Menschen. Ich esse, ich wohne, ich scheiße, an Weihnachten bestelle ich Geschenke bei Amazon. Landwirt_innen, Haustechniker_innen, die Ab_Wasserwirtschaft und die armen Schweine, die jetzt von Amazon ausgebeutet werden, haben direkt mit mir zu tun – doch ich kann meinen Konsum nicht mit ihrem gleich machen. Mein Geld kommt nicht aus einem Entlohnungskreislauf, sondern aus einem kapitalistisch pervertierten Solidaritätsgedanken, an dessen Anfang mal die Idee stand, dass jeder Mensch jederzeit (chronisch) krank, behindert oder aus anderen Gründen arbeitsunfähig werden kann und damit das Privileg der autonomen Versorgung durch eigene Mittel verliert.

Ganz selbstverständlich ist in diesem Gedanken die Idee, dass Menschen, die in welchem Umfang auch immer nicht autonom handeln können, das Kolletiv brauchen. Doch die Rolle der Menschen im Kollektiv ist bis heute eine, die nicht auf Gleichheit beruht, sondern auf Unterschied.

Mein Wunsch danach arbeiten zu gehen wie andere Menschen auch, entspringt der Selbst-, wie Fremdverortung als nicht gleiche Person. Also meine Exklusion durch meine individuellen Grenzen der Fertig- und Fähigkeiten, die meine Art und Weisen der Arbeit zu etwas anderem macht, als die anderer Menschen.
Wenn ich so etwas schreibe, dann lesen viele ablierte Menschen einen Vorwurf des Ausschlusses. Den formuliere ich an der Stelle aber gar nicht. Ich beschreibe lediglich, dass er passiert und wirkt.

Ganz konkret nämlich genauso, wie ich es in meiner aktuellen Situation erfahre.
Ich bin 14 Jahre in Hartz 4, weil meine damals noch nicht bekannte Behinderung, eine schlechte Versorgungslage und inexistenter Opferschutz, die Behandlung meiner chronischen Krankheit massiv erschweren. Dann wird die Behinderung erkannt, Kompensationsmöglichkeiten entstehen und neue Fertigkeiten werden entwickelt. Eine Berufsausbildung erscheint schaffbar. 3 Jahre und unfassbar viel Bildungs- und Inklusionsarbeit nebenbei später ist sie geschafft, ein Zettel mit dem Beweis der Gleichheit in Fertigkeiten wird erlangt.
Doch die grundlegende Andersheit ist weiterhin da.
„Das geht bei Ihnen ja nicht mehr weg.“

Behindert zu sein (und zu werden) funktioniert nicht wie das Märchen vom hässlichen Entlein, in dem man als Ausgeschlossene_r einfach nur die Gleichen finden muss, um glücklich und zufrieden, gleich im Kollektiv der Gleichen zu sein Es ist viel quälender, denn das Kollektiv der mir Gleichen ist immer das Kollektiv der Ausgeschlossenen.

Ich will an der Stelle nicht darauf eingehen, welches Kollektiv sich nach wem ausrichten sollte. Wer schließt wen aus, welches Kollektiv ist das Gute, welches das Schlechte. Darum geht es mir nicht, obwohl die Frage gestellt werden muss, wer sich nach wem warum ausrichtet. Das ist ja der schmerzhafte Teil – warum will ich denn tun und können, was Leute tun und können, die nicht behindert und/oder chronisch erkrankt sind bzw. ihre Behinderungen und/oder chronische Erkrankungen so gut kompensieren können, dass sie nicht zu Problemen in Produktivität und damit Autonomie führen? Warum sind die mein Maßstab und nicht andere Menschen in meiner Lage?
Na, weil Menschen, die nicht in meiner Lage sind privilegierter sind und ein entsprechend autonomeres und damit freieres Leben führen können. Nicht, weil ich sie für die besseren Menschen halte oder mich selbst für wertlos. Das kommt erst danach, denn das ist der Schluss zu dem meine Lebensrealität zwangsläufig führt (und führen soll).

Das Jobcenter hat mich jetzt wieder als arbeitsunfähig eingestuft.
Obwohl ich im Moment zwischen 12 und 15 Stunden in der Woche arbeite. Das ist mehr als ich jemals zuvor geschafft habe. Ich bin stolz darauf, weil ich weiß, dass ich mit dieser Leistungsfähigkeit viele Urteile über mich Lügen strafe. Ich schäme mich für diesen Stolz, denn ich weiß, dass er in eine Dynamik reinspielt, die am Ende nicht nur mir, sondern allen Menschen schadet.

 

Ich weiß nicht viel über den International Disability Day. Ich bin kein Teil „der Inklusionsbewegung“. Ich kann keine berührenden, empörenden Texte über Beispiele gescheiterter Inklusion, Diskriminierung oder irgendetwas sarkastisch witziges darüber schreiben, als Objekt der Inspiration missbraucht zu werden oder einen Alltag zu leben, in dem fremde Menschen nach meinem Rollstuhl grabschen. Ich kann keine visuell erfassbaren Stereotypen brechen, die auf ihre Existenz aufmerksam machen.
Die Behinderung mit deren Auswirkungen ich lebe, ist von meiner chronischen Erkrankung nur schwer zu unterscheiden. Ich bewege mich in einer Gemengelage doppelter Abwehr und allgemeiner Unkenntnis. In meinem Leben geht es nicht nur darum, zu erklären, was Autismus ist und was eine dissoziative Identitätsstörung und dann die passende Lücke zu finden. Es geht auch darum auszuhalten, dass der Autismus meinen Ausschluss besiegelt und die DIS etwas ist, das mich mit vielen Nicht-Ausgeschlossenen gleich macht.

Ich passe wieder nicht rein. Nicht mal in den International Disability Day.

24

Irgendwann in meinem Leben will ich es schaffen, dass Leute sehen, wenn wir mit einer Akku-Ladung zwischen 5 und 10 Prozent versuchen, dieses Ding namens „Alltagsleben“ geschissen zu kriegen.

10% fühlen sich für mich gerade an wie 100%. Weil ich die meiste Zeit mit 2% rummache.
Vielleicht wirke ich deshalb nicht so schlapp. Ich habe keine Ahnung.
Und eh – wie verwirrend ist das alles. Von allen Seiten wird mir angetragen, doch zu machen und zu tun und werden und zu sein, doch was ich tue ist entweder das Falsche machen, nicht zur richtigen Zeit machen oder irgendwie nicht nachvollziehbar oder „Das musst du selber entscheiden, ich kann dir nur sagen, was ich denke“. Uff. Ja was denn nun. Darf ich, was ich will oder soll ich „das Richtige“ machen?

Ich weiß es wirklich nicht. Denke so oft: Du hast keine Ahnung.
Und verkrieche mich hinter der Härte von K., die macht, was wir wollen, wie wir können, so lange bis von 10 noch 0.2% übrig sind. Weil ich nicht weiß und merke, niemand sonst weiß, aber meint oder glaubt oder wünscht oder will oder findet.

Plötzlich sind da wieder Dinge zu sagen wichtig wie: „Du bist nicht, was du tust.“, „Wenn dir jemand irgendetwas sagt, das dich nominalisiert, dann ist es sehr wahrscheinlich emotional übergriffiger Mist“, „Es ist okay, nicht zu entsprechen.“, „Streiche alles, was dir von anderen angetragen wird, auf die wenigen Dinge zusammen, mit denen du konkret etwas anfangen, verändern, beenden kannst.“

Jetzt Abstand machen können, ohne persönlich zu kränken, ohne irgendwelche Dinge zu verkomplizieren. Einfach ein Fenster ins Jetzt ritzen, durchklettern und nahtlos hinter sich verschließen. Ganz leise. Damit es nicht auffällt, kommentiert wird, bewertet oder zu einer Eigenschaft erklärt wird. Das wär gut. Kurz mal weg sein für eine Weile. Nur kurz. Eine Woche vielleicht. Ohne, dass das was bedeutet oder bewirkt oder erklärt oder gerechtfertigt oder irgendwie mit irgendwas aufgeladen werden muss.

Einfach nur so. Eine Woche nicht sprechen. Nicht außen sein müssen. Nur dem Ladebalken nachspüren. Merkwürdig, was das plötzlich für ein Privileg ist.

6

Geschafft, was geschafft werden musste. Danach Sims 3.
Das war wichtig und gut wie immer. Runterfahren, absolute Redundanz, Vorhersehbarkeit, ein Ablauf nach dem anderen, 100% Erfolgsgarantie. Soziale Interaktion, die keine ist, aber doch so wirkt.
Sims 3 zu spielen, ist Stimming für uns. Die schwere Decke dabei auf den Beinen, NakNak* im Sessel neben uns. Für einige Stunden ganz allein. So gehts.

Uns gehts nicht gut gerade. Aber es – das Leben, der Lauf der Dinge – geht gut. Es ist kein Stillstand. Nur langsamer. Mit mehr Schlafen, mehr Ruhe, mehr langsam, mehr eins nach dem anderen, damit der Salat kein Feuer fängt.

Kongruenz

„Dieser Monat wird der Wahnsinn“, das denke ich seit Januar oder Februar.
Ich denke das in vollem Bewusstsein über alle Implikationen des Wortes „Wahnsinn“ und doch auch in vollem Bewusstsein darum, dass mir einfach kein anderes Wort dazu einfällt. Und schon beim Aufschreiben dieses Satzes beginnt in mir eine Bewegung darum, die Schlimmheit dieser Ohnmacht zu spüren, ihr so hilflos gegenüber zu stehen. Wächst da eine weitere Schicht Anspruch an mich, gefälligst nicht so zu sein. So hilflos. Vor all dem.
Es ist ja gewählt, es ist ja gewollt, in Wahrheit ist es von mir gemachte Ohnmacht, eingebildete Ohnmacht, lieber als angenommene Verantwortung-Ohnmacht. Und doch auch nicht. Denn am Ende zählt nicht, was „in Wahrheit“ ist, sondern, was in uns passiert. Und das ist Ohnmachtsgefühl. Egal wovor eigentlich genau.

Nach dieser langen, dichten, schönen Woche in Wien fahren wir nach Hause und wissen einmal mehr, was wir alles schaffen können. Wir können durch die Fremde laufen, stundenlang auf Beton in Barfußschuhen. Können ohne NakNak*, ohne irgendjemand anders an unserer Seite sein. Wir schaffen es, „den Faden zu halten“ zu unseren Leuten, ohne sie zu sehen, zu hören, zu lesen, mit ihnen zu sprechen. Wir fühlen sie und können sie uns auch dann als zu uns gehörend einordnen, wenn wir gerade nicht bei ihnen sind. Das ist viel. Enorm viel. Objektkonstanz. Wow.

Und gleichzeitig fühlen wir aber auch die anderen. Innen. Und zwar konstant. Selbst dann, wenn unsere Grenzen und Kapazitäten schon weit ausgereizt sind und uns eigentlich in die Schmerzlosigkeit des Funktionierens, der Euphorie, des einzig Reagierens hineindissoziiert haben müsste.
Die beschriebene Ohnmacht hat genau damit zu tun. Und mit ihnen.
Damit, dass wir ohnmächtig vor ihrer Existenz sind. Sie sind da und wirken in unser Er_leben hinein und es gibt nichts, was wir dagegen tun können. Nicht einmal „dagegen sein“, denn wir wollen das ja. Merken ja selbst, wie viel mehr da ist, wenn beides da ist – wir und sie –

aber

Wir merken, was für ein Wahnsinn das alles ist.
Dass wir tun, was wir tun, obwohl sie und alles von ihnen da ist und obwohl nicht zuletzt auch sie ja überhaupt ein Grund dafür sind, tun zu können, was wir können und letztlich genau das zu tun, was wir tun.
Aber auch, dass wir es tun. Dass wir das tun und nichts anderes. Zum Beispiel auf Wände starren und uns im Muster der Tapete oder den Geräuschen aus uns selbst zu verlieren. Oder uns zu betäuben oder uns wegzugeben.

Was für ein Wahnsinn ist das, keine 2 Millimeter hinter sich eine traumaschleimige Hölle brodeln zu haben und gleichzeitig mit der Banalität des Hier und Jetzt zu verwachsen.
Ja, ich könnte das auch einfach „Widerspruch“ nennen, aber das ist es nicht. Hier spricht niemand jemandem zuwider. Wir er_leben hier keinen Widerspruch, sondern uns. Und ja, wir sind wahnsinnig.

Wir können nichts dafür, dass Wahnsinn und wahnsinnig sein für die meisten Menschen etwas schlechtes ist. Dass es mit Freiheitsentzug, mit Isolation bestraft wird. Wir können auch nichts dafür, dass wir gerade nur so unser Amlebensein ertragen können.
Ja, nein, ich schreibe nicht „Ich kann gerade nur am Leben sein, wenn ich mich überarbeite, überreize, zu viel mache. Ich brauche meine Vermeidung gerade so sehr.“, ich schreibe, dass wir sind, so wie wir sind. Dass es ist, wie es (für uns) ist und wir spüren, dass es wahrhaftig ist.

Wir stellen Kongruenz her.
Nicht mit dem Außen, mit dem Innen. Und das geht.
Es ist der Wahnsinn, wir fühlen uns ohnmächtig davor. Und es geht.

Traumascheiße

Es ist mittags, halb 1, ich fühle mich nach halb 1 in der Nacht.
”Das Runterkommen fühlt sich genauso scheiße an, wie das Aufrechthalten”, denke ich und beschließe, dann jetzt doch zu bloggen. Obwohl ich weiß, wer das alles liest, obwohl ich weiß, dass jede_r darauf reagiert, obwohl es nichts mit ihnen zu tun hat. Zur Zeit ist es kaum möglich, irgendetwas im weitesten Sinne “unbe(ob)achtet” zu tun, das ist so. Vielleicht hört das bald auf, vielleicht müssen wir später – mit mehr Kraft, mehr Haut, mehr Grenze – deutlich machen, dass das passiert und tief reintriggert. Wer weiß, jetzt nicht, nicht noch eine Baustelle öffnen. Obwohl und obwohl.
Jetzt ist Donnerstag. Gestern hat uns der Freund nach mehr als einer Woche voller Arzttermine, Arbeitstreffen, Festival-Workshop-Reise und Therapiestunde abgeholt. Wenn ich so darüber nachdenke, kommt mir das wie ein Traum vor. Das alles. Es war einfach so viel, so viel zu viel des Guten, Interessanten, Aufregenden, Neuen, Wichtigen. Es ist noch nicht realisiert, nicht verarbeitet. Jetzt will ich mich eingraben, fern sein, versorgt sein, schlafen, mich Gedanke um Gedanke abarbeiten, lochen, einordnen. Stempel drauf, Echtheitszertifikat drüber.
Aber.
Es fühlt sich scheiße an.
Traumascheiße.

Es ist die alte Dynamik: Alles ist aufregend, ich könnte auf einer Egowelle hoch zehn schweben, weil ich noch da bin, alles geschafft habe – nicht gestorben bin und alles immer noch da ist – doch alles Wasser steht mir am Hals und begräbt mich zuweilen unter sich. Vornehmlich dann, wenn ich allein bin. Mit meinen Gedanken, meinem Sein, mir – uns.
Und weil ich so aufgerieben bin, weil ich gerade nicht mehr so ganz richtig gut kann, ist es keine Option mehr, mit Menschen zu sein, mit jemandem zu reden, sich damit zu befassen. Niemand kann gerade etwas für mich tun, ohne, dass es meine wunden Stellen aufreibt oder mich zu sehr berührt.
Ich hasse das. Ich hasse mich, wenn ich so bin. Ich will nicht so zart, so sensibel sein. Will mich an die Wand schmeißen, damit das von mir abplatzt und meinen unzerstörbaren Kern freilegt. Meine Härte, meine Stärke – das, was unendlich hochfahren kann, ohne müde, hungrig, durstig, schmerzig zu werden.

Und während ich das so aufschreibe, denke ich, dass das einfach genau das Problem ist.
Dass mein “Hochfahren” eins ist, das meinen von Trauma und Scheiße gestählten Kern erfordert und nicht einfach so ein zwei Hautläppchen weniger, auf die man mal kurz gut verzichten kann.
Es ist einfach kein aufregendes Abenteuer, eine lange Reise mit interessantem Input und ach ja uff, ist es nicht immer irgendwie anstrengend. Es ist immer – immer noch, nach so viel Traumatherapie – sofort eine traumafunktionelle Handlung. Ein Überleben.
Sicher eins, das Spaß macht, ganz sicher eins, dem ich mich auch entziehen könnte, wenn ich das wollte. Es ist kein Gewaltwiedererleben – aber es ist nachwievor ein Wie-auch-im-Trauma-üb_Er.Leben.

Vor allem für die, die ich jetzt – immer noch – in mir schreien spüre.
Scheiße ist das.
Traumascheiße.

Jobcenter like its 2015 (and back into Hierjetztheute)

“Seit wann sind Sie denn im Leistungsbezug?”
“Seit es Hartz 4 heißt, also 2005.”
”Ouh. Das ist lange.”

Ja. Das ist lange.
Und, jetzt, wo ich mit unserem neuen Sachbearbeiter beim Jobcenter rede, kommt das alles wieder bei mir an. Auf die Umzugserschöpfung, die Anpassungsanstrengungserschöpfung, die 3 Wochen ohne gesetzliche Betreuerin und die 2 Wochen ohne Therapie-Erschöpfung, die Überforderungsgefühle, dieses Telefonat überhaupt so unvorbereitet und allein führen zu müssen, obendrauf.
Ich könnte heulen, stattdessen depersonalisiere ich. Höre jemand anderem zu, wie er für mich redet, bin zu entfernt, um irgendetwas beizutragen.

Als das Gespräch zu Ende ist, rufe ich bei der Neurologin an. Aus irgendeinem Grund denke ich, dass sie ans Telefon geht und ich an ihr abprallen kann, um in mir selbst zu landen. Quatschidee, sie ist in 15 Jahren, die wir ihr_e Patient_in sind, genau 1 Mal am Telefon gewesen, wenn wir da angerufen haben und wer weiß, wieso das so war. Etwas von mir und etwas von jemand anderem, vereinbaren einen Termin mit der Sprechstundenhilfe. Im Oktober.

Ich erlebe einen Flashback ins Jahr 2015. Wo sich so viel für uns verändert hat, aber das Jobcenter am Arsch zu haben und die Notwendigkeit von regelmäßigen Terminen bei ihr, so viel alltäglicher, normaler waren, als jetzt.
Der Tee in meiner Hand, die beiden Hundenasen, die mich anstupsen und zu weichen Flanken werden, die gestreichelt werden wollen, erden mich.
Aus der fremden Hasswut auf die Umstände, wird mein emotionales Sumpfgebiet mit Steinen aus Selbsthass, die als einzige Halt unter den Füßen bieten.

Ich bin es nicht mehr gewohnt. Diese Jobcenterscheiße. Dieses Gepule in meinem Leben, meiner Privatsphäre. Diese ständige Frage darum, ob und wenn ja in welchem Umfang, ich berechtigt bin zu leben.
Ich habe keine Haut mehr für diese spezielle Form der strukturellen Demütigung, das bürokratische Muskelspiel, das mich klein machen soll.

In den letzten 3 Jahren ist mir eine Haut gewachsen, um auch unter Zeitdruck kreativ zu bleiben, um inmitten von Leuten, die helfen wollen, diejenige zu bleiben, die sich effektiv auch helfen kann. Ich habe Schulausbildungshaut, Zuhausearbeitenhaut, Schriftsteller_innenhaut, ein bisschen Buchbinder_innenhaut, Hobbyfotograf_innenhaut. Haut, die mich als Subjekt umschließt, schützt und stärkt.
Für den Umgang mit mir als Objekt ist da nachwievor nur meine Traumahaut und davon habe ich in den letzten Jahren viel zu viel abgebaut, um das jetzt hier ohne Schmerz, – Leid – , zu empfinden.

Daneben zeichnet sich schon jetzt ab, dass es wird wie immer.
Wir sind widersprüchlich, falsch behindert, können nicht so, wie es der Arbeitsmarkt will.
Medizinische Gutachten folgen auf psychologische Gutachten, es gibt einen weiteren Zettel auf dem steht, was auf den Zetteln von 2005 bis 2015 schon steht: 70% schwerbehindert, Merkmal B, dissoziative Krampfanfälle, DIS, Ängste und Depressionen gemischt,( ASS wird dann neu da stehen), nicht arbeitsfähig.
Obwohl wir arbeiten. Obwohl wir wirklich hart arbeiten und tun und machen.

Ich selbst muss diesen Widerspruch nie aushalten. Ich lebe ihn und ich denke manchmal, dass die DIS dabei sehr hilft. Ich merke meine Arbeitsunfähigkeiten nicht, wie ich meine Arbeitsfähigkeit merke. Ich arbeite meine Sachen ab, bin zu Hause, mache meinen Kram, bereite mich vor auf Arbeiten, die außerhalb von zu Hause sind – kann mich in unseren Kosmos hineinspalten und stückeln, solange niemand konstante Verfügbarkeit von mir erwartet.
Das zu erklären ist so schwierig.

Vor allem, weil ja selbst die Erklärung in einen Rahmen passen muss, wo sie überhaupt nicht reinpassen kann.
Ich muss einerseits sagen: “Hey, ich kann nicht in die 10km entfernte Jobcenter-Filiale kommen, weil ich noch keine Assistenz habe.” und andererseits: “Hey ich bin im Oktober für eine Woche allein in Wien, um aus meinem Buch zu lesen und mir Dinge anzugucken.”

Muss sagen, dass ich es nicht schaffen kann, jeden Tag 3, 4 oder 8 Stunden zu arbeiten, während ich jede Woche eine Podcastepisode produziere, was mindestens 3 Mal 8 Stunden in der Woche sind. Während ich an Buchprojekten arbeite, Buchbindeunterricht habe, meine Kunst mache und meine Ehrenämter bespiele.

Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich etwas nicht schaffe oder kann.
Es ist auch nicht so, dass mir nicht selbst auffällt, wie viel wir eben doch schaffen.

Es ist eben einfach so widersprüchlich, nicht linear, anders.
So bin ich, so ist mein Leben, so ist mein Funktionieren. Es gibt nun mal einfach Menschen, die so sind.
Das bin nicht nur ich, weil wir autistische viele mit Spezialinteressen, die produktiv nutzbar sind, sind.
Wir können nichts für einen Arbeitsmarkt, an dem teilzunehmen alle quasi zwangsverpflichtet sind, obwohl ebenjener Arbeitsmarkt auf Talente und Kräfte, wie unsere scheißt, sobald sie nicht unbegrenzt zur Verfügung gestellt werden können.
Wir können nichts für Arbeitsbedingungen und –umstände, die Menschen, wie uns mehr und tiefgreifender schaden, als anderen.
Das macht das Jobcenter und sein Handeln immer wieder zu einer Strafinstanz für uns. Wir können nichts dafür, müssen versagen, rausfallen, “alles falsch machen” und werden dafür mit Drohungen, Leistungskürzungen und anderem bestraft.

Daneben sind wir heute privilegiert. Im Vergleich zu 2015 geht es uns heute sehr sehr gut. Wir sind sehr sicher, sind sehr geschützt, unterstützt, geliebt, gemocht, gehalten und wenn nötig, würde man uns sogar tragen.
Das macht die Erfahrung jetzt etwas anders. Wir wissen mehr über unseren Autismus, wissen mehr über unsere dissoziative Mechanik, uns als Subjekt. Das macht viel aus, hilft mir jetzt, mich hier aufs Schreiben konzentrieren zu können. Ganz sicher zu spüren, dass es okay und wichtig ist, mit diesen Gedanken und Gefühlen nicht allein zu bleiben, wenigstens virtuell nicht.

Ich kann mich dem Ärger, der Wut annähern, sie teilen. Die spontane Spaltung wieder schließen.
Ich kann mich jetzt aber vor allem mit zwei lieben, warmen Hunden ins Bett legen, Tee trinken, ausruhen und nichts Schlimmes wird passieren, denn am Ende hängt eben doch nicht mehr wirklich unser Leben am Jobcenter, wie noch 2015.