körperlich

Die Luft schmeckt nach einem Gewitter, als ich das Rad abschließe und ein letztes Mal tief einatme.
Ein erstes Mal Fitnessstudio und gucken was geht.

Erstmal gehts rein. Das ist ein erster Schritt und der ist wichtig. Fühlt sich schon sehr sportlich an. Und nach dem Stück Schokolade, das in unseren Gewohnheiten ein enges Verhältnis zu Sportlichkeit hat. Sport und Schokolade sind ein Paar. Auf ewig miteinander verbunden. Unter unserer Haut.
Das kann ich verstehen. Bestimmt ist es da kuschlig.

Jetzt schreibe ich hier quatschig und hab doch einen Rumms-Grund dafür überhaupt etwas aufzuschreiben.
Aber so ist das. Man kann den ganzen Tag rumgeikeln. Witze machen und sich Quatschgeschichten ausdenken. Alltag leben und Facetten erkunden. Und es passiert nichts. Man ist da und es ist wie es ist.
Und dann steht man da in den coolen Sportsachen, ist voller Elan zu tun, was man in Fitnessstudios so tut und dann fragt der Trainer: “Hast du irgendwas Körperliches? Irgendwelche alten Bänderrisse, schwierige Knochenbrüche, Metallstifte im Knochen … sowas irgendwie?”.

Und es ist ein Rumms. Eine dieser Watschen, die so unvermittelt kommen, dass die Wirkung erst Stunden später richtig ankommt.
Nämlich, als ich verschwitzt und schwindelig aus dem Studio laufe und beginne mich nach Innen zu reorientieren, weil der Zustand ein Erinnern antriggert.
Danach fahre ich durch die schwüle feuchte Luft und denke: “Ich hätte auch sagen können, dass ich ein Bänderdings erinnere, mit dem ich aus einer Vergewaltigung zurückgeblieben bin.”. Und dann mache ich einen Witz. Hätte hätte Fahrradkette. höhöhö

Was weiß ich, was wir alles hatten. Gar nichts weiß ich davon. War nie mit irgendwas nach irgendwas bei einem Arzt oder hab mich groß darum gekümmert, wie was heilt oder nicht heilt. Ich habe das einfach immer alles vergessen.
“Vergessen” – ja ja. Ich weiß, es ist eigentlich mehr verdrängt oder auch verdisst. Was weiß ich.
Es ist ja nicht so, dass es Menschen, die zu Opfern wurden, so irre schwer gemacht wird, gar nie an irgendetwas anderes zu denken, als das, was ihnen passiert ist. Oder womit sie aus der Erfahrung hervorgingen.
Es ist ja nicht so, dass Opferschaftserfahrungen per default angenommen und also ganz üblich in Alltagsgespräche einfließen.

Es ist ja nicht so, dass die Folgen von Gewalt und vielleicht auch gerade sexualisierter Gewalt als auch körperliche Langzeitfolgen allgemein besprochen werden. Jedenfalls ist das in der therapeutischen Literatur, die wir dazu bisher gelesen haben, eher nicht so der Fall.
Klar, wird da das eine oder andere Späterdrunterleiden auch als körperlich betrachtet. Aber ich spreche nicht von Essstörungen, Selbstverletzung oder Sportsucht. Ich spreche von Dammrissen, Analfissuren, Bänderrissen, Steißbeinbrüchen, ausgerenkten Hüften und so weiter und so weiter, die vielleicht gar nicht mal so funktional unbeeinträchtigend heilen.

Und trotzdem funktioniert es sich einfach so weiter. Man schüttelt sich aus der geschundenen Haut in eine zweite hinein. Streift sie sich über und hofft, dass sich die Falten schnell glätten.
Man sieht es uns nicht an. Die Folgen der Gewalt in unserem Leben, sind wie die waberweiche Flatterfisselei, die mit dem Begriff “Psyche” bezeichnet wird: auf den ersten Blick nicht zu sehen.
Dass es selten mehr als diesen ersten Blick gibt, gehört auch dazu.

Denn irgendwann kommt er immer. Der Moment, in dem ein Handgelenk aus dem Pulli ragt. Ein Shirt verrutscht. Ein Gespräch so intensiv wird, dass man von Geplänkel zu Themen kommt. Und dann ist etwas zu sehen.
Und dann kommt das Moment, in dem wir uns entscheiden müssen, wie wir damit umgehen und welchen Umgang wir anderen uns gegenüber erlauben wollen.

Denn ja – ich vergesse es. Vergesse mein Hüftding. Mein Bänderding. Mein Steißbeinding. Mir ist das ja auch nicht passiert, sondern meinen Mitbewohner_innen. Meinen Inneren. Meinen Kleinen, denen ich das irgendwie abnehmen will und deshalb so tue, als sei es auch mir passiert. Das ist eine schöne Geschichte, denke ich. Mich würde das irgendwie trösten. Wenn jemand sagt: “Was du erlebt hast, hab ich auch erlebt. Du bist nicht allein.”

Denn allein fühlen wir uns oft damit. Mit all dem. Gerade in so einem Moment wie in dem Fitnessstudio.
Wo ich merke, dass es hinter mir und unter meiner Haut rappelt und zappelt, weil wir von so vielen angeguckt werden. Weil der Körper angeguckt wird und dem eigentlich nur eins folgen kann: Stress und zwischenmenschliche Triggerfallen

Jemand will ein Kompliment machen und in meinem Kopf denkt es in Unterwerfungsschleifen. Jemand will ermuntern und von irgendwo quellen magersüchtiger Ehrgeiz und Versagensangst hoch. Jemand denkt, wir merken es nicht mit Blicken ausgezogen zu werden und eine ganze Kaskade spult sich auf, dem “passend” zu begegnen.
Daneben Schreie im Hals, ein Pulsdonner im Ohr und diffuse Abwehrbewegungsimpulse. Einfach so. Ohne Kontext. Ohne die Möglichkeit eines Anknüpfungspunktes nach Außen. Alles, was ich da erlebe und merke, er_wieder_erlebt sich in mir drin. Bei uns da drinnen. Im Inmitten. Einer Insel so fern von Menschen, Zeit und Raum, dass man sich nur einsam und allein fühlen kann. Bis es vorbei ist.

Dann ist da wieder Alltag. Was weiß ich. Tüdelüt. Lauf der Dinge.
Wo ich so leicht reinschlüpfen kann, weil es nie mehr als ein erster Blick ist, den ich zulasse.
Weil ich hingehe, mache und wieder weggehe.

Und wenn ich einen Mitgliedsvertrag über 12 Monate abschließen soll, obwohl ich nur 6 will, dann komme ich auch nicht wieder.

das “bio und vegan ist nur für Reiche–Argument”

Erst dachte ich daran, eine Art Nachklapp auf das #armeLeuteEssen-Ding zu schreiben. Denn meine Ansichten haben sich etwas verändert und diese aufzuschreiben ist nun einmal, was ich hier tue. Mein Hier und Jetzt aufzunehmen und zu prüfen.
Doch dieses Hier und Jetzt ist im Moment ziemlich nah an vielen Dingen, die meine eigene politische und soziale Blase betrifft oder ausmacht.
Oh ja ein Minenfeld mit Nesseln, die um Fettnäpfchen wachsen.
Gleichmal reingehen.

Was hat mich angestoßen?
Mein eigener Anblick im Schaufenster eines Geschäftes vor dem ich mit NakNak* eine Pause machte, während wir auf der Radtour waren.
Da stand ich. Weiß wie Milchbrötchen, an mein teures Tourenrad gelehnt. Streichelte meinen Hund, der ein Premium-Barf-Trockenfutter verdaute. Kaute einen Bio-Rohkostriegel und trank einen Tee aus biologischem Anbau. All das in Funktionskleidung, die soviel gekostet hat, wie eine Jahresgarderobe von Kik.
Wenn man mich so ansah, hätte locker alles da sein können, was ich mir für mich selbst wünsche.
Weiß, abliert, finanziell gut gestellt sein. Privilegiert sein. So sein, dass ich so vieles besser mache, dass alles besser wird.

Ich lese es, wenn in meiner Blase in abgrenzender Art, manchmal auch hämisch und herablassend über “die (Bio-)Besseresser” gesprochen wird. Ich nehme es wohl war, wie inzwischen fast schambesetzt es ist, wenn man untereinander “zugeben muss”, dass man bestimmte Dinge nur noch in einer bestimmten Qualität konsumiert oder zu konsumieren gedenkt.

Ich selbst sehe mich in eine schräge Position rutschen, wie ich da so stehe.
Mein “total viel bio essen” hat mit dem vegan essen zu tun. Und damit, dass es für mein quirky Herz, meine Asthmalunge, mein verwirrtes Immunsystem und mein traumatisiertes autistisch funktionierendes Gehirn, einfach ziemlich geil ist, nicht jeden Tag mit Zeug belastet zu werden, das schlicht nicht nötig ist.

Es geht mir im Moment so gut wie noch nie zuvor in diesem Körper. Er ist gut zu benutzen und tut nichts, dass ich mir nicht erklären kann. Im letzten Jahr ist er mir nicht mein bester Freund geworden, aber er ist mir näher und verständlicher geworden. Er macht mir keine Angst mehr. Und das ist besser. Bio-besser, wenn man so will.

Ja, kapitalistische Kackscheiße hat mir das nahe gebracht. Ja, vegan ist hip. Ja, vegan und bio wird als Label für “super gut und super geil” aka “super viel besser als alle anderen” verwendet. Es ist kein Zufall, dass vegane Snacks als “Superfoods” bezeichnet werden.
Das bedeutet aber nicht, dass ich jetzt ein kapitalistisches Bündel grüner Überheblichkeit bin. Oder überhaupt alle Menschen, die diese Produkte kaufen oder ihre Lebensweise ins Vegane verändern.
Oder – und ja von mir aus haut mich dafür: Das bedeutet nicht, dass nicht vielleicht doch etwas dran ist, dass es besser ist, mehr Produkte zu sich zu nehmen, die den Planeten und menschliche Körper unnötig belasten. Dass es vielleicht gar nicht mal so scheiße ist, unter anderem mit dem eigenen Konsum einen Beitrag zu Veränderungen hinzu geben zu wollen. (Und ja – hier steht absichtlich nicht “einen Beitrag leisten zu wollen”.)

Eine allgemeine Fehlannahme ist die, dass es bei Veganismus oder bei der (von mir gefühlt) viel größeren und breiteren Bio-Bewegung, ausschließlich um Konsum geht. Die Annahme an sich ist nachvollziehbar, denn man kann sich als Veganer_in oder Bioökohippie verkleiden, indem man im Bioladen einkauft, statt bei Aldi. Steht man nämlich bei Aldi, wird man für arm oder wenigstens kostenbewusst gehalten – auch dann, wenn man ausschließlich vegane oder Bio_Lebensmittel dort einkauft.

Was ich bisher aber von Veganismus verstanden habe, deckt nicht nur das ab, was auf eine_n zukommt. Was man sich kauft. Was man erreicht. Was man mehr leistet oder gibt. Sehr deutlich habe ich das während meiner Radtour gemerkt. Wir hatten kaum Müll während der Tour. Brauchten nur zwei Mal Medikamente. Verbrauchten sehr wenig Ressourcen um uns und unsere Wäsche zu pflegen. Die krassen Ausreißer waren die Reifenmäntel- und schläuche für die Anhängerreifen. Die einige Jahre halten werden.

Vielleicht ist diese Erfahrung weniger eine vegane, als eine ökonomische. Es ist sehr teuer arm zu sein und keine großen Investitionen machen zu können, die in der Folge lange Zeit keine weiteren nötig macht. Andererseits kann ich eine Investition in 500gr Linsen, 1kg Tomaten, Salz und Pfeffer für bis zu 3 Tage Mittagessen nicht gerade als etwas sehen, das mich in meiner Armut sehr bedrängt. Zumindest nicht in dem Status, den ich gerade habe.
In meinem Status, kann ich bis zu 5€ für Lebensmittel am Tag ausgeben. Was viel für mich ist und nur jetzt gerade geht, nachdem es viele Jahre nicht so ging.

Was ich aber als etwas sehen kann, das mich in Armut grundsätzlich bedrängt, ist der Umstand für Essen überhaupt Geld haben zu müssen.
Wenn man nicht isst, stirbt man. Wer kein Geld hat, muss also hungern. Oder mit Würde bezahlen. Und die hat in so einem Moment nicht mehr Wert als Brötchen vom Vortag und Aufschnitt kurz vorm Ablauf des MHD.

Das ist mir nachwievor ein noch viel zu wenig kritisierter Umstand in der “Mäh diese Biobesseresser halten sich wohl für was Besseres, wenn sie nicht zu Aldi gehen und Hack für 99Cent kaufen”-Debatte um Armut im Kontext von Ernährung in jedweder Form.
Klar, ist es wichtig diese Unterschiede zu thematisieren und aufzuzeigen.
Es ist aber auch wichtig, sich mal zu fragen, was das für ein perfider Zwang ist, für die Erfüllung aller Grundbedürfnisse, die Menschen haben, um zu (über)leben, etwas bezahlen zu müssen. Und zwar alle.
Und zwar nicht “jede_r so wie sie_r kann”, sondern so, wie es jene bestimmen, die Werte einordnen und festlegen. Anhand von was weiß ich was für Maßstäben.

Biologisch nachhaltig und vegan zu essen, befreit nicht von der Auseinandersetzung mit dieser Frage. Aber die Auseinandersetzung passiert, zumindest für mich im Moment, anders. Für mich ist es ein empowerndes Moment, vollbepackt mit veganen Bio_Lebensmitteln aus dem Aldi zu gehen. Weil ich eben keine_r dieser hippen YouTubeveganer_innen oder “inspirierenden” Veganoinstagrammer_innen bin, sondern ich. Arm, behindert, weiß und auf dem Weg einen Beruf zu lernen. Bewusst, dass mein Konsum die Welt nicht verändert, dass mein Konsum aber doch Teil dessen ist, was meine Welt trägt und mit.bewegt.

Versuche ich mir etwas anzueignen? Ein Label zu reclaimen und neu zu besetzen? Nein.
Veganes (und vegetarisches) Leben war schon da, bevor es hip und teuer wurde.
Sich damit auseinanderzusetzen, wie viel Schmerz und Zerstörung, Machtausübung und unnötige Einverleibung das eigene Leben beinhaltet, ist eine in östlichen Kulturen uralte Nummer. So würde ich sagen, geht es mehr um Wiederentdeckung und aufrichtige Auseinandersetzung. Auch – und das scheint einfach mein Thema im Leben zu sein – mit den Gewalten, die ich sowohl selbst ausübe, als auch kritiklos und/oder manchmal sogar unkritisch in meinem Leben dulde.

Das bedeutet nicht, dass ich andere Menschen, die das nicht auch tun, verachte oder von ihnen erwarte das auch zu tun.
Aber natürlich habe ich manchmal schon den Wunsch und mache mir Gedanken darüber, ob es etwas gibt, das diese Auseinandersetzung in anderen Menschen anstößt.
Ginge es mir darum etwas, was ich über Sexismus, Rassismus oder Kapitalismus verstanden habe, zu teilen, dann würde ich das einfach so raushauen. Ich würde meine Twittertimeline wieder mit Netzmemes, Alltagsbeispielen oder lakonisch-zynischen Sprüchen, die diese Dynamiken verdeutlichen, fluten, wie ich das zu Zeiten von Aufschrei, Schauhin oder Arme Leute Essen getan habe.

Mit einer Auseinandersetzung um veganes Leben und Sein tue ich das nicht.
Ich traue mich nicht so richtig. Habe Angst vor Situationen, in denen Menschen, deren Tweets (Gedanken) ich sehr mag, mich für überheblich halten oder mit karnistischer Argumentation davon überzeugen wollen, wie wichtig es ist (Tiere) zu töten und davon zu profitieren (dass andere Menschen davon leben, für ihren Genuss und ihre Gewohnheiten zu morden und/oder auszubeuten).
Vielleicht traue ich mich auch nicht, weil es keine gleichermaßen großen Hashtags dazu gibt? Fühle ich mich nur dann sicher in meiner Position?

Ich finde das tragisch. Inmitten von Menschen, die sich gegen Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung aussprechen, habe ich Sorge, durch diese Form der Auseinandersetzung als überheblich, abgehoben oder selbst gewaltvoll handelnd wahrgenommen zu werden. Nicht mehr dazuzugehören. Raus zu sein, weil ich etwas kritisiere und ablehne, was viele tun, weil sie es tun wollen oder, aus welchen Gründen auch immer, vielleicht sogar müssen.

Ich finde es tragisch, dass ich von Arbeiter_innen höre, die ein exorbitant hohes Risiko für Arbeitsunfälle und PTBS haben, weil sie Tiere töten und ihre Leichen verarbeiten, um einen mickrigen Lohn zu bekommen. Tragisch, dass so viele Leute Fleisch gerne essen, aber weder diese Arbeiter_innen noch deren Job wirklich wertschätzen. Noch sich sagen: Ich konsumiere lieber etwas, das weniger krasse Auswirkungen auf die Menschen hat, die es produzieren.

Das ist keine windelweiche Friedenshippie-Sache, jenseits der Machbarkeit. Das ist auch antikapitalistischer Diskurs. Das ist auch – vor allem in den USA – antirassistischer Diskurs. Und auch: antiableistischer und antisexistischer Diskurs.

Ich bin gerade sehr glücklich über das, was ich nun auch über die  karnistischen Strukturen hinter meinem ganz persönlichen Konsum erfahre, denn ich gewinne eine Sektion in meiner intersektionalen Auseinandersetzung dazu. Mich empowert das. Mir gibt es Konsistenz. Ich gewinne Einblicke und erweitere meine Perspektive.
Das geht über so vieles hinaus, was derzeit allgemein mit Veganismus in Verbindung gebracht wird. Häufig sogar von Leuten, die schon sehr lange vegan oder vegetarisch oder biologisch nachhaltig leben bzw. konsumieren. (Und natürlich auch, was ich selbst so lange dachte.)

Es geht mir beim veganen Leben nicht darum, mich gut zu fühlen, weil ich nicht mehr verantwortlich bin für den Tod von Tieren. Das bin ich nämlich doch noch.
Es geht mir nicht darum mich gut zu fühlen, weil ich selbst “die Wahrheit” verstanden habe, aber alle anderen nicht. “Die Wahrheit” gibt es für mich nämlich nicht.
Es geht mir nicht darum, dass es billiger ist, sich pflanzenbasiert zu versorgen. Das ist es nämlich nicht.
Es geht mir nicht darum, dass es gesünder ist und ein veganer Arsch mehr sexy ist, als ein anderer. Gesundheit ist ein Machtbegriff und der Wert von Sexiness schlicht sexistische Kackscheiße.

Es geht einfach mal gar nicht um uns.
Um mich oder Menschen im Allgemeinen.
Es geht darum, wie wir uns verhalten. Was wir wertschätzen und was nicht. Was wir zerstören und was wir erschaffen.

Für mich ist das eine echte Erweiterung meines Fokus.
Einer, der ganz und gar woanders ist als da, wie gut oder schlecht eine Person ist, weil sie tut, was sie tut. Es geht darum, wie sich auswirkt, was eine Person tut. Weil es sich auf andere Personen auswirkt. Und darüber auf alles, was uns umgibt.

Es ist das Eine, wenn man sich in einer Gesellschaft verortet, deren Dynamiken man analysieren und verändern kann. Es ist das Andere zu begreifen, dass man sich 24/7 den eigenen Lebensraum unwiderbringlich zerstört bzw. zerstören hilft.
Es bringt mich auf andere Fragen, mit denen ich auf die Gesellschaft schaue. Es bringt mich an andere Antworten, die ich analysieren und reflektieren kann.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird mein Konsum weder den Klimawandel stoppen, noch diverse unsägliche Athletenveganer_innen davon abhalten zu behaupten, vegane Ernährung könne Krebs heilen und führe zu körperlichen Höchstleistungen.
Aber ich persönlich kann mich körperlich gut bzw. besser als vorher fühlen. Kann merken, dass es sich durchaus leben lässt, ohne die Leben anderer dafür zu fordern. Kann meine ethischen Werte in meinen Alltag integrieren, ohne Angst vor Verlust oder Verzicht zu haben. Weil das für mich persönlich funktioniert. Hier und Jetzt und hoffentlich auch in der Zukunft.

Es ist nichts böses oder schlechtes daran, dass ich das anderen Menschen auch wünsche. Das bedeutet nicht, dass ich glaube, es ginge ihnen jetzt schlecht oder sie bräuchten meine Hilfe zu erkennen, was “eigentlich wirklich” abgeht. Es bedeutet, dass ich mir wünsche, mich mit ihnen zusammen gut zu fühlen. Das ist ein Wunsch nach Verbundenheit. Nach Miteinander. Nach Einklang, wenn man so will.
Was in den Ohren mancher Leute wieder einmal furchtbar hippiemäßig und weichgespült klingt. Und deshalb natürlich abgewertet werden muss. Weil: Weichheit, Schönheit, Zartheit – pfui bä. Wer überleben will, muss knallhart sein.

Ach ach … wie sehr ich mir wünsche, dass das endlich aufhört.
Es ist nicht schlimm, den Massenmord an (ihr Leben lang eingepferchten) Tieren grauenhaft zu finden. Es ist nicht schlimm selbst fast körperliche Schmerzen zu fühlen, wenn man sieht, wie sich eine Kettensäge durch uralte Regenwälder frisst. Es ist kein Zeichen von Schwäche oder seltsamer Kopfgeburt, wenn man auf die Information von leergefischten Meeren, schmelzenden Gletschern, “Klimaflüchtlingen” und extreme Wetterereignisse mit Todesängsten und Ohnmachtsgefühlen reagiert.

Es ist schlimm, wenn man so tut, als sei das alles nichts, wogegen man etwas tun kann. Als sei Leid und Zerstörung in diesem Ausmaß ein Naturgesetz oder g’ttgewollt. Und nicht das Ergebnis von Verantwortungsübernahmevermeidung und anderen menschlichen Verhaltensweisen, die durchaus wandelbar sein können.
Immer in individuellen Maßen und natürlich auch immer davon abhängig, was eine Gesellschaft ihre Anteile auch real ermöglicht zu tun – ganz klar – aber doch: Veränderungen sind möglich.

Jeden Tag. Kleine Dinge.
Oder jeden zweiten Tag mittelkleine Dinge.

Der hippe vegane Trend greift viele dieser möglichen Dinge auf und hat, meiner Ansicht nach, bereits vielen guten Ideen und Umsetzungsmodellen einen Nährboden gegeben, der vorher so noch nicht da war.
Das beginnt mit der Auseinandersetzung wie die Nutzung von Plastik wegfallen kann und endet, nach einer Schleife um Ideen zur Entfernung von Plastik aus dem Meer, beim Konzept vom Leben ganz ohne Müll.
Es geht weiter mit Initiativen zur Verbreitung von biologischer Landwirtschaft und kritischer Auseinandersetzung mit der “green Economie”.

Und natürlich ist auch der Tierschutz neu im Diskurs. Inzwischen ist der Begriff des “speciesist savior complex(also einer Person, die Tiere rettet, weil sie sich dann als “guter Mensch”fühlt und ergo ein Tier fürs eigene gute Gefühl benutzt und folglich auch immer ein Tier in Not braucht, um es selbst gut zu haben) immer wieder auch mal Thema und wird sogar zusammen mit Rassismus gedacht[CN: graphic].
Ich erlebe endlich auch die Zeiten, in denen PETA offen kritisiert und abgelehnt werden kann, ohne die eigene “V-Card” oder ethischen Werte verteidigen zu müssen.

Im Moment ist es sehr leicht für mich, mich vegan und biologisch nachhaltig(er als vorher) zu ernähren.
Ich wünsche mir eine ähnliche Leichtigkeit bei der offenen Auseinandersetzung mit veganem Denken und politischem Fordern.
Denn – obwohl ich heute nicht mehr sagen würde, bio und vegan sei nur für reiche (privilegierte) Leute, so sind es doch, trotz der großen Zugänglichkeit, die in veganem Leben liegt, privilegierte Stimmen, die überwiegend zu hören und zu sehen sind. Und entsprechend dieses Bild von Veganismus bzw. biologisch nachhaltigem Konsum produzieren.

So versuche ich in Zukunft weniger zurückhaltend mit meinen Gedanken an der Stelle zu sein. Versuche weiter meine Positionen und Werte nicht in Abgrenzung zu privilegierteren Menschen zu verdeutlichen, sondern in dem, was ich tue.
Zum Beispiel diesen Text nicht nur zu denken und zu schreiben, sondern auch ihn zu veröffentlichen.
Obwohl ich weiß, dass mir gleich wieder irgendjemand ganz dringend sagen muss, dass Bratwurst halt supergeil schmeckt und billiger ist als Tofuwürstchen.

Spock der eine Augenbrauche hochzieht und geht

“…für immer” oder: innere Wahrheiten

Es gibt einen Gedanken, den wir uns, wann immer er sich auszuformen beginnt, zerlegen müssen.
“ES hört nie wieder auf.” Oder: “Für immer wird …/werde ich…”.

Dieser Gedanke ist in uns so fest und stabil gewachsen, dass er eine Wahrheit ist. War.
Er ist so eng in unser Er_Leben gebunden, wie der Gedanke: “Der Himmel ist blau” oder “Regen fällt immer von oben nach unten.”. Genau wie diese beiden Wahrheiten, formte er sich aus alltäglichen Beobachtungen und Erfahrungen.

Kinderwahrheiten sind krass, denn Kinderleben sind krass. Kinder sind Überlebenspunks und das ist gut so. Vor allem ist es gut für sie.
Wenn ein Kind eine Wahrheit für sich etabliert, dann tut es das in jedem Fall, um das eigene Leben zu sichern und zu strukturieren. Es ist wichtig bestimmte Wahrheiten zu haben, um sich eine Basis zu bilden, von der aus die Welt immer wieder neu erkundet und abgeglichen werden kann.

Kinder, in deren Leben Gewalten wirken, die zu Schaden, Schmerz und Todesängsten führen, entwickeln spezifische Wahrheiten.
Was logisch ist, denn Gewalterleben ist spezifisch.
Das Problem: die Wahrheiten aus Zeiträumen eines Gewalterlebens können manchmal nicht mit den Wahrheiten “des restlichen Lebens” verknüpft und/oder differenziert wahrgenommen werden.
Zum Einen, weil sie einander manchmal vielleicht komplett widersprechen (“Erwachsene Menschen sind eine sichere Quelle für Wohlbefinden und Sicherheit” versus “Erwachsene Menschen sind eine (sichere) Quelle für unaushaltbaren Schmerz und Todesangst”) zum Anderen, weil Gewalterleben für Kinder so krass sein kann, dass die, sagen wir mal “Konstruktionsweise” dieser Wahrheiten eine andere ist.

In dem Artikel “Trauma, Trigger, Volvo fahren”, hatte ich bereits angedeutet, wie krass schnellvielzuvielalleszuviel das Erleben einer als lebensbedrohlich und unausweichlich (schmerzhaft/schädigenden) Erfahrung ist. In diesem Text versuchte ich nachvollziehbar zu machen, wie logisch entsprechend der Zerfall der Selbst- und Umweltwahrnehmung ist – mindestens in genau dem Moment, in dem diese Situation passiert.
Um eine zerbröselte Umwelt- und Selbstwahrnehmung lässt sich schlecht eine runde ganze stimmige Wahrheit bilden. Wohl aber um das Gefühl, das mit diesem Zerfall einhergeht. Oder um den Status der eigenen Un_Befähigungen. Oder um den Umstand, der (vermeintlich) zu dem Gewalt_Erleben geführt hat.

Menschliche Gehirne sind supernachtragend, was miese Erfahrungen angeht. Sie merken sie sich ganz besonders gut, um sie nicht noch einmal machen zu müssen. In Sachen Gewalterleben und/oder Verwundetwerden, sind sie Obermegaprofis.
Obermegaprofis mit perfekter Marketingstrategie. Schnell, intensiv, eingängig – so sind Traumawahrheiten gestrickt und speziell traumatisierte Gehirne sind bereit zu jeder Gelegenheit eine Flut von Wahrheiten-Spam rauszuballern, wenn am Horizont etwas auftaucht, das eventuell vielleicht dazu passt.
An dieser Stelle zeichne ich keineswegs nur die Funktion von “Traumatriggern” nach.

Sämtliche Wahrheiten, die Menschen in sich herum tragen, kommen aus allen möglichen Erfahrungen und Beobachtungen. Manche aus Gewalterleben, manche nicht. Unser Gehirn schickt uns aus Wahrheiten-Spam, wenn wir verliebt sind, wenn wir ein Thema total interessant finden, wenn wir uns etwas Neues anschauen oder eine neue Fähigkeit erlernen. Denn alles, was Menschen in ihrem Leben lernen und wahrnehmen, kann sowohl angenehme als auch unangenehme Qualitäten haben.
Dass ich nach einem Treppengeländer greife, hat nichts mit der Wahrheit zu tun, dass Geländer genau dafür da sind – sondern damit, dass ich weiß, wie weh es tut, eine Treppe hinunter zu fallen. Um das zu wissen, musste ich aber erst einmal eine hinunter fallen – dann begreifen, wie das passiert ist – wie ich es besser mache und dann noch, welche Rolle das Geländer dabei spielen kann.
Das heißt: es geht nie um eine Wahrheit bzw. ein Beobachtungsergebnis allein, wenn man dabei ist, eine bestimmte Erfahrung (neu) zu machen. Es geht immer um eine ganze Traube von Wahrheiten. Im Beispiel mit der Treppe geht es um die innere Wahrheit, dass ich laufen kann; dass ich auf eine bestimmte Art laufen kann (um sie hoch und runter zu kommen); dass ich mein Gleichgewicht halten kann usw. usw. usw.

Wahrheiten, die sich aus traumatischem Gewalterleben (also einem Erleben von Gewalt, das traumatische Auswirkungen auf eine Person hatte), herausentwickeln, sind der Premiumspam, den Gehirne auffahren können. Zum Einen, um eine Wiederholung zu verhindern und zum Anderen, um als Teil der aller gemachter Lebenserfahrungen verknüpft zu werden.

Ich kann die Wahrheit “ES hört nie wieder auf” an uns in so vielen Aspekten unseres Lebens reflektieren, dass ich mich manchmal frage, wie wir das überhaupt aushalten, dennoch immer wieder in Momente hineinzugehen. Kontakte zu knüpfen, neue Erfahrungen zu machen und insgesamt scheinbar ständig in Bewegung zu sein.
Und inzwischen weiß ich, dass es genau darum geht.

Nichts kann anfangen nie aufzuhören, wenn alles immer wieder neu begonnen wird.

Jeder Tag, jede Aktivität, jeder Kontakt. Immer wieder neu ist es Hier und Heute.
Wir, als Person, die sich und ihre Umwelt dissoziiert (also eher fragmentarisch (fragmentiert)) erlebt, haben schon kein rundes, ganzes, umfassendes Sein im Alltag. Ist ein Kanal auf, sind alle anderen zu oder nur sehr begrenzt offen. Entsprechend wandeln sich unsere Sichten auf die Welt und damit auch das Set an inneren Wahrheiten, mit denen wir (Innens) jeweils leben und sind.

Es ist nicht so, dass wir jeweils ganz vorn anfangen müssen, uns die Welt zu erklären oder zu bewahrheiten. Es ist aber so, dass wir uns mit diesen Wahrheiten befassen müssen, um mehr Kongruenz füreinander zu er.schaffen (und so die dissoziativen Brüche zu verschließen).
Denn unser Leben mit DIS ist (neben vielem anderen) das unvermittelte Bemerken, dass sich manches Erleben völlig konträr zu dem verhält, was konkret passiert. In einer Innenansicht formuliert würde ich schreiben, dass ich plötzlich merke, wie ein anderes Innen etwas sehr dringend vermeiden will, das mich selbst seit Jahren mit Freude erfüllt, ohne je ein Problem gemacht zu machen.
Das vielleicht nochmal übersetzt in das, was ich von traumatisierten Menschen verstanden habe, die nicht viele sind: “Erst war alles okay (wie immer) – und plötzlich ist alles scheiße (als wäre es nie okay gewesen) und ich weiß nicht, warum.”.

“ES hört nie wieder auf” ist eine Kinderwahrheit bei uns. Eine, die so fest und klar inmitten von uns steht, dass es schwierig ist, sie zu verpflanzen oder zu verändern – vor allem nicht in Momenten, in denen wir sie von den Innens spüren, die sie etabliert haben, weil das ihre Realität war – und bis heute ist.

Was wir dann machen, ist nicht mehr die Schleife, die wir zu Beginn der Therapie erfahren haben. Die “Was du fühlst ist falsch (alt) – IN WAHRHEIT ist jetzt…”- Schleife.
Wir haben inzwischen verstanden, dass wir genau auf diese Ansprache geeicht sind. “Was du denkst/fühlst/wahrnimmst ist falsch – eine andere Instanz/Autorität (!) weiß es besser (du musst machen/glauben (du darfst nicht in Frage stellen oder in Zweifel ziehen), was diese Person sagt oder dir vorgibt).”. Das ist eine Wahrheit, die für uns vermutlich nie mit Dingen verknüpft war, die wirklich und tatsächlich gut für uns waren – sehr wohl aber für Menschen, die etwas davon hatten, wenn wir dem gefolgt sind.

Und hier sind wir an einem Punkt, den wir für wichtig halten.
Natürlich könnten wir uns hinstellen uns sagen: “Die Täter_innen haben einen Mechanismus pervertiert, der eigentlich immer nur Hilfe und Gutes bedeuten soll.”. Oder sagen: “Die Täter_innen haben ausgenutzt, dass wir es nicht besser wussten.”.

Tatsächlich stellen wir uns hin und sagen, dass autoritäre Sozialstrukturen immer gewaltvoll sind. Dass es immer gewaltvoll und ergo immer unterdrückend ist, wenn eine Person die Gedanken, Gefühle und inneren Wahrheiten einer anderen Person als falsch deklariert und durch die eigene oder eine vermeintlich “neutrale” (“echte” oder “wahrhaftige”) ersetzen will.

Für uns gehörte das zu den Wahrheiten, die wir dank der Auseinandersetzung mit Gewalt als menschliche (Sozial)Dynamik inzwischen reflektiert haben.
“Andere haben immer Recht.”. “Meine Sicht ist falsch, weil … (ich ich bin (Tochter von Eltern, die…), ich krank bin (Patientin von Dr. XY, die_r …), ich betreut bin … (Betreute von XY, die_r…) …”. “Meine Gefühle und Gedanken gehören nicht in diese Welt, denn andere teilen sie nicht/verstehen sie nicht/halten sie für falsch oder unpassend.”.
Alles Wahrheiten, die nachwievor da sind, jedoch durch unsere aktive Auseinandersetzung noch eine schöne Traube anderer Wahrheiten an ihrer Seite haben. Zum Beispiel hängt neben “Andere haben immer Recht”: “Manchmal haben wir Recht” und “Recht zu haben bedeutet nicht mehr, als eine Sache richtig/passend eingeschätzt zu haben” und vieles mehr.

So nehmen wir den Gedanken “ES hört nie wieder auf.” als die Wahrheit ernst, als die sie gerade für jemanden passiert.
Ein Kinderinnen, das keinen Zeitbegriff hat, ist schlicht nicht in der Lage eine Idee von Anfang und Ende zu haben. Es hat keinen Sinn so einem Innen zu sagen, dass ES schon aufgehört hat oder aufhören wird, solange es noch keinen Bezug zu Zeit_erleben hat.
Für uns hatte es auch fatale Folgen zu versuchen, in so ein Innen viele neue Erfahrungen hineinzugeben, “damit es sieht, wie toll und sicher das Heute in Wahrheit doch ist.”. So kam es zu einer weiteren Spaltung, in der ein Kinderinnen seine Wahrheit behielt und ein anderes (neues) die Negierung dessen unter dem Zwang (der sich aus dem therapeutischen Machtgefälle ergab) zur “eigentlichen” Sicht auf die Welt (wie sie für das Außen “in Wahrheit” ist, er.trug. Dieses neue Innen war nichts weiter als das, was das Außen wollte: ein Innen, das die Welt im Heute ganz und gar klasse super sicher toll findet (und der Behandlerin das Gefühl gibt alles richtig gemacht zu haben – und also das andere Kinderinnen nicht weiter bedrängt).

Heute haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, uns erwachsene Innens an die Wahrheiten der Kinderinnens anzunähern als etwas, das zu ihrer Zeit – zu unserer Kindheit – tatsächlich wahr war. Für sie. Völlig unabhängig von dem Außen, in dem sie damals gelebt haben.
Was für uns, die wir diese Kindheit nicht bewusst erlebt haben, bereits ein 24/7 Kampf um Wahrheit, Echtheit, emotionale Balance und Erhalt des eigenen Bildes von Welt und Leben ist. Noch lange, bevor wir uns den Erfahrungen dieser Kinderinnens bzw. diesen Kinderinnens selbst zuwenden.

Wir wenden uns nur ihnen und ihrer Wahrheit zu und wollen das im Moment auch nicht anders machen. Wir benutzen unsere inneren Wahrheiten nicht dazu Rückschlüsse auf die Echtheit oder objektive Wahrheit dessen zu ziehen, was damals passiert ist. Sind inzwischen auch soweit okay damit zu sein, sollte sich irgendwann herausstellen, dass von dem, was wir bisher als Erinnerungen eingeordnet und unserer Therapeutin geschildert haben, nur 0,001% auch wirklich richtig objektiv wahr nachweisbar passiert ist. Für uns ist diese Wahrheit nicht wichtig und wir machen unsere Erinnerungen nicht wichtiger als das, was sie sind: das Ergebnis von Reizwahrnehmung und Verarbeitung in unserem ganz persönlichen Rahmen der (neurologischen und psychischen) Gegebenheiten.

Wir können uns das aber auch erlauben. Wir sind nicht in einem OEG-Verfahren oder haben eine Anzeige erstattet.
Um uns diese Form der Auseinandersetzung zu erlauben, haben wir unsere Ansprüche als von Gewalt traumatisierte Person an diesen Staat und diese Gesellschaft, so weit runtergeschraubt, dass immer unsere Schwierigkeiten hier und jetzt eine Rolle spielen. Niemals aber das Leiden oder der Schmerz von dem wir in der Therapie über das Früher erfahren.

Ist nicht unproblematisch.
Muss niemand genauso auch machen.

Doch für uns markiert dieser Umgang einen jederzeit erreichbaren Zeitbezug, der über die Jahre sehr fest und stabil in uns verankert ist. Und zwar für sehr viele von uns. Selbst jene, die nachwievor an der Andersheit unserer Lebenskontexte zweifeln.
Eine Grundvoraussetzung für die Therapie ist, dass wir über früheres als früheres sprechen. Eine Grundvoraussetzung unserer Wohnung, des Hundes, unserer Selbstfürsorge ist, dass früheres nicht mehr als früher Geschehenes ist und heutiges genau heute geschieht.
Das kann man sich als dickes Seil durch unsere Lebensrealität vorstellen, an dem kleine Signalwimpel baumeln.
Es gibt viele Dinge und Dynamiken, die früher auch wichtig waren. Essen und schlafen müssen zum Beispiel. Doch heute hier und jetzt haben sie eine andere Bedeutung als damals und bilden damit Anlass zu neuen Wahrheiten, die in Abgrenzung und Vergleich zu den alten Wahrheiten stehen können, ohne richtiger oder falscher zu sein.

Auch Wahrheiten-Premiumspam kann so in seiner Flut eingedämmt werden.
“ES hört nie wieder auf.” kann von uns gut von Wahrheiten eingedämmt werden, die wir aus anderen Erlebensqualitäten ziehen. Zum Beispiel mit erst einmal banalen Wahrheiten wie: “Der Regen fällt immer von oben nach unten.” oder “Die Welt dreht sich weiter.” oder “Eine Sekunde ist der Abstand zwischen Tick und Tack” oder “Ich stehe hier in meiner Wohnung.” oder “Das ist NakNak*.”.
Es ist extrem anstrengend solche Dinge zu denken, wenn im Kopf diese Flut herrscht. Es ist – ohne das ganze jetzt noch mehr banalisieren zu wollen – tatsächlich so, wie die eine echte Email in einem Postfach hunderter Spammails zu finden, wenn es keine Filterfunktionen und nur teilweise dargestellte Betreffzeilen gibt.
Man hört hunderte Male auf zu suchen. Wird hunderte Male ertränkt. Sieht sich immer und immer wieder den alten Wahrheiten folgen und vermisst nicht mal die neuen, denn es lebt sich ja immer weiter. Mit egal welcher Wahrheit, die man hat und verfolgt.

Ich habe vor einer Weile mitten in einem unkontrollierten Erinnern gemerkt, wie stark die Wahrheit in mir war, das, was ich da fühlte, als wäre es hier und jetzt, würde niemals enden. Wie sehr es mir jeden Widerstand genommen hat. Jede innere Konsistenz. Jeden Horizont. Und auch jedes Maß für das, was tatsächlich mit mir passierte. Ja, ich hatte einen Schmerz, schreckliche Gefühle und die Art Angst, die im Kopf rauscht und die eigenen Ränder weiß macht – aber all das war plötzlich nicht mehr eine Reaktion auf etwas, sondern ich selbst. Ich selbst war der Schmerz, die Gefühle, die Angst und das, was irgendwie gar nicht mehr so richtig ganz ich war. Und ich war ewig. Ohne Anfang und ohne Ende. Ich war das traumatische Moment und ich war für immer.

Aber ich bin auch ein Alltagsinnen. Das heißt: irgendein Alltagsding, hat mich wieder ins Hier und Jetzt gebracht.
Eine Weile später war mir sehr bewusst, dass das nur ein Erinnern an einen Zustand inmitten einer traumatischen Situation war. Etwas, das vergangen ist. In zweierlei Hinsicht. Mein Erinnern war vorbei und das, was ich da erinnert hatte war vorbei. Auch das ist eine Wahrheit: “Mein Erinnern hatte ein Ende, wie das woran ich mich erinnerte eines hatte.”
Eine Wahrheit, die ich ganz dicht neben “Es hört nie wieder auf.” hängen kann. Vielleicht sogar so dicht, dass es die Wahrheit des Innens berührt, dessen Erfahrung ich erinnert hatte.
Es wird mir beim nächsten Mal (und ja, dieses nächste Mal mitzudenken ist Teil meiner Lebensrealität, die sich nicht dadurch verändert, dass ich das nicht tue) sehr banal erscheinen, an das Ende von Erinnern und Erfahren zu denken – aber es macht mir einen Zeitbezug. Einen, den das Innen zur ersten Wahrheit vielleicht auch spüren kann.

Das ist was gemeint ist, wenn Therapeut_innen davon sprechen, das man einander innen bekannt machen soll. Dass man miteinander in Kontakt gehen soll.
Das bedeutet nicht immer, dass man einander mit Namen und Alter vorstellt und aufschreibt wer “wofür zuständig ist” und sich darauf einigt, wer wieviel “Außenzeit kriegt. Bei uns hat das nie gut geendet so vorzugehen, denn diese Vorgehensweise war viel zu invasiv für uns.
Wir widmen uns dem, was wir voneinander mitkriegen.

Und manchmal ist es das so eine Wahrheit.

*Text als PDF zur freien Weitergabe

die Wolke

Am Morgen setzen wir uns auf und trinken unseren ersten Liter Wasser zu einer Runde Candy Crush.
Dann schalten wir den Wasserkocher an, denn wir trinken den Instantkaffeerest von der Tour. Wir gehen mit NakNak* raus und auf dem Rückweg schalten wir die Waschmaschine an, denn nun machen wir jeden Tag ein bisschen Sport und safteln ordentlich viele Sachen mit Schweiß ein.

Wir sind frei in unserem Rhythmus und glücklich damit. Wir frühstücken, machen unsere Schulwegtrainingsrunde, essen einen Schmusie, gehen in den Wald und joggen. Dann machen wir unsere Dinge. Wie Aufräumen oder Menschen treffen. Es ist die Zeit für die Teile der Welt, die uns wirklich anstrengen und es ist gut, dass wir uns ihnen widmen können, als würden wir ein Ausmalbild füllen, ohne über die Ränder zu geraten.

Wir kochen uns Gemüse und schneiden uns Salat. Vor dem Schlafengehen fahren wir noch einmal ein paar Kilometer mit dem Rad. Um zehn legen wir uns hin und schlafen einfach ein. Um an einem nächsten freien Tag mit klaren dicken Ausmalbogenrändern aufzuwachen und die Dinge einfach so zu machen und zu können. Wupf Wupf Wupf

Wir sind langsamer als vor der Tour. Haben noch lange nicht jede Email an uns beantwortet oder gelesen. Für die Schule haben wir nichts weiter vorbereitet, als uns selbst in Bezug auf die I-Kraft und den Schulweg, den wir zukünftig mit dem Rad zurücklegen wollen.
Wir tun andere Dinge. Sind mit etwas beschäftigt, das sich als enthusiastisch warmweich zartes Interesse um einen Menschen legt, der uns seine Stimme in den Alltag gibt und auf keiner Ebene etwas von uns fordert. Das ist neu. Das ist interessant.

Es ist so viel schöner als der Bafög-Bescheid, der seit 2 Monaten gestellt ist, aber erst im Oktober beschieden werden soll. So viel schöner als die Aussicht auf das viele nötige Reden, bevor die Schule wieder los geht und das viele nötige Reden, wenn sie wieder ein fester Alltagsteil ist.
Ach und all der Scheiß.

Ich will auf dieser Wolke bleiben. Inmitten dieser Tage mit Sonne, Luft und Bewegung um neuinteressante Dinge.
Sie ist schön. Diese Wolke.

Fundstücke #49

Unser Bücherregal hat Jahresringe. Lebensphasenringe.
Während ich Titel um Titel in die Momox-App scannte, zogen sie an mir vorbei. Die Phase, in der wir Romane lasen, weil das “Ich lese gerne” bedeutet. Die Phase, in der wir Lexika lasen, weil wir unbeobachtet von irgendjemandem lesen konnten. Die Phase, in der wir überlegten Hebamme zu werden. Die Phase in der wir Handwerkskills gelernt haben. Die Phase, in der wir dachten, wir könnten unser Traumading auch ohne irgendwen lösen, wenn wir nur das eine richtige Buch dazu lesen.

Drei volle und versandfertige Kisten später, sitze ich im kalten Garten hinter dem Haus und spüre, wie an mir hochklettert, worin ich versinke.
Versagensangst. Zuvielzuvielgefühle. Ohnmacht. Diesen Scheiß werde ich nie los. Diesen Traumascheiß. Diesen Scheißscheißscheiß, der in an und mit mir verwachsen ist und an so vielen Stellen noch immer keine Worte hat.

Wir hätten der Therapeutin nicht sagen sollen, dass es kein Problem für uns ist erst irgendwann im September wieder einen Termin zu haben, denke ich. Und dann denke ich: es ist auch kein Problem. Was soll das denn ändern? In Sachen Traumascheiß ist die Therapie seit Jahren, wie eine Wüste mit einem Teelöffel von A nach B zu tragen.
Ist ein Fetzen sortiert, quillt ein weiterer hoch. Ist ein Komplex verstanden, wird spürbar, wo er sich mit einem anderen beißt.

Manchmal denke ich, da sei ein Ende denkbar. Da könnte es etwas geben, was bleibt und keine weiteren Termine mehr braucht.
Und dann ist sie wieder da. Irgendeine Angst, die mir sämtliche Fähig- und Fertigkeiten nimmt. Irgendeine Erinnerung, die ich als solche nicht einmal wahrnehme, weil ihr Inhalt so dissoziiert von mir ist. Irgendwas, was mir die Haut vom Inneren reißt und nackt in einer Reißnagelwelt zurücklässt. Einfach so. Nicht, weil ich irgendwas hätte könnte würde wenn besser oder anders machen können. Einfach nur so. Zack. Bäng.
Weils geht.

Und ja verdammt. Ich will nicht noch mehr lernen, wie ich damit leben kann, ohne mir alle paar Tage zu überlegen, ob wir nicht vielleicht doch besser für immer gehen, statt jeden Tag damit konfrontiert zu sein.
Ich will das weg haben. Ich will diesen scheiß Kompromiss nicht mehr okay finden müssen. Denn mehr ist das nicht.
Es ist ein Kompromiss. Ein “Ja gut, man kann hier nix mehr heil kriegen, aber wir könnens nett gestalten”.
Wie konnten wir uns je auf so einen Zynismus einlassen?

Wobei – naja. Wie wir uns darauf einlassen konnten, weiß ich schon. Es ist ja nicht so, dass man viel Auswahl hat, wenn es um sowas geht. Entweder du kommst klar oder nicht. Zack. Bäng.
Beimnichtklarkommen bleibt man allein, zum Lernendamitklarzukommen kriegt man eine handvoll Therapiestunden und je nach Performance noch Applaus von Zaungäst_innen, die irgendwas von sich darin finden.
Das ist doch abstoßend.

In unserem Podstock-Workshop zum Thema Trauma hatte Martin uns gefragt, wie es kommt, dass wir so einfach darüber reden können.
Meine eigene Antwort bringt mich jetzt zum Heulen.
Weil es einfach nur reden ist. Erklären. Fachliteratur in Alltagssprache übersetzen. Für uns ist das nicht viel mehr als ein Übersetzer_innenjob. Ein Wörterspiel wenn man so will. Wir reden in Workshops nicht über uns. Wir reden über den Traumascheiß über den in der Fachliteratur geschrieben wurde und nehmen Teile unserer Erfahrungen als Beispiel.

Wir wiederholen uns. Wir erzählen und erklären, was wir in den letzten 15 Jahren ständig irgendwelchen Betreuer_innen, Begleiter_innen, Interessierten oder Befreundeten erklärt und bewortet haben. Wir sind ein Traumascheißerklärungspapagei.
Nichts weiter.

Da heißt nicht, dass wir nicht sehen können, dass wir damit etwas für andere Menschen sein können, das ihnen hilft. Da heißt nicht, dass wir uns und unsere Kenntnisse abwerten. Denk mal über dein Verhältnis zu Papageien nach, wenn du das denkt. Blink Blink Karnismus Blink Blink
Aber es heißt, dass wir wissen, dass wir da etwas können, das mit uns nicht so viel zu tun hat. Und genau deshalb überhaupt nur funktioniert.

Im Garten ist es still wie in unserer Wohnung und nur deshalb fällt es mir auf. Auch nicht zum ersten Mal und doch so, dass es mich wirklich traurig macht.
Wie getrennt wir von der Welt und ihrem Lauf der Dinge sind. Und wie getrennt wir daneben auch untereinander sind. Und nur deshalb noch funktionieren. Immernoch. Nach all dem Traumascheiß.

Daneben haben wir ein Fädchen in der Hand.
Die Wörter.
Unsere Brücke zu Menschen. Das Fenster in ein Irgendwann, das so viel sein kann.

Das hilft.
Es hilft zu wissen, auch das zu haben. Auch das zu können. Immernoch. Trotz allem.

von Maßstab und Spektrum, Krieg und Frieden

Vor nun 5 Wochen hatte ich meine Taschen gepackt. Eine Radtour über insgesamt 700 Kilometer sollte es werden und ich freute mich schon seit über einem Jahr darauf. Draußen sein. Unterwegs sein. Rad fahren. Essen. Schlafen. Repeat. Einmal die Vielfältigkeit eines anders immer gleichen Rhythmus er.leben.
Die Tour war toll.
Doch um die Tour soll es in diesem Text nicht gehen. Es soll um Frieden gehen. Und um Krieg.

Während meiner Tourvorbereitungen war es mir bereits aufgefallen. Der Krieg.
Der Krieg, der für manche Menschen scheinbar bereits dann beginnt, wenn man keinen Strom zur unendlich freien Verfügung hat und sich verschärft, wenn die eigenen 4 Wände aus Zeltplane bestehen.

Ich bin kein Survivaltourist. Suche nicht das Abenteuer. Will mir die Mitwelt nicht zu eigen machen, um mein Leben zu retten. Ich will nur draußen sein. Mittendrin sein, wenn es regnet, windet, sonnig ist. Ich will dort sein, wo die Natur ihre ganz eigenen Geräusche macht. Passieren und wachsen, wo alles andere auch passiert und wächst.
Für mich ist das Frieden. Dieses Da sein. Mit allem anderen sein. Ganz direkt und nah. Ohne Schmerz daran.

Mich hat es seltsam bewegt zu erfahren, dass anderen Menschen genau das Angst zu machen scheint. So viel Angst, dass sie sich für ihre Touren rüsten, als zögen sie in den Krieg. Sie kaufen sich Bundeswehrausrüstung, um 2 bis 3 Julinächte im Naturschutzgebiet zu schlafen. Ernähren sich von hochkalorischen Riegeln, um einen Körper vor dem Verhungern zu bewahren, der ein paar Stunden am Tag gewandert war.
Offensichtlich sind ihre und meine Maßstäbe einfach andere. Das passiert – aber wie kommt es, dass es so ein krasser Gegensatz ist?

Eine Antwort liegt für mich in ableistischer Sozialisation.
Der fest ins westliche Leben hineingewobenen Idee des gesicherten Überlebens aufgrund eines allseits fähigen Körpers und der Fertigkeit, diesen zu beherrschen.
Der Idee von makelloser Körperlichkeit. Perfekter Gesundheit. Optimaler Stärke – Masse- Verhältnisse. Wer nicht gesund™ (also: jung™, dünn™, anspruchslos™ ) ist, der wird sterben. Vor allem da, wo outdoor ist.

Einmal abgesehen davon, dass sterben nur sterben und dies nur das Ende eines Lebens ist, ist es doch interessant, wie perfekt ebenjenes ausgekleidet sein muss, um sich seiner Natur ohne Angst zu nähern. Ohne Gewalt. Ohne die Energie, die in Kriegen ihre ganze Wucht zeigt.

Gerade in den letzten ein zwei Jahren lese ich immer mehr Appelle sich doch endlich zu lieben. Liebe deinen Körper – dann wird alles gut.
Selbstliebe allein bietet aber keinen Schutz vor gewaltsamen Eingriffen von außen. Ich kann mich und meinen Körper lieben bis zum geht nicht mehr – wenn mir jemand vors Schienbein tritt und beschimpft, wird es weh tun und etwas in mir verändern – vielleicht sogar so sehr, dass es kaputt geht.
Um diesen Umstand in mein Thema zu übersetzen: Ich kann in Frieden mit mir und allem um mich herum sein – kommt jemand und haut mir eine rein, ist etwas davon beschädigt und eben nicht mehr “Frieden”.
Aber was genau ist das dann?
Ist das gleich Krieg?

Ist ein nicht ganz so rundum-alles-auf-100%-Komfort er.leben gleich der totale Notstand (und damit also irgendwie Krieg)?
Ist sich und seinen Körper nicht 100% zu lieben und ehren und zu stählen und zu heilen und fit zu halten, gleich Selbsthass?

In den letzten 5 Wochen habe ich viel erlebt. Ständig klamme Kleidung. Sengende Sonne. Muskeln, die sich vor Anstrengung wie Holzstangen auf den Knochen anfühlen. Schweiß, der in den Augen brennt. Vor Erschöpfung einschlafen, sobald man nicht mehr in Bewegung ist. All das war nicht sonderlich friedlich. Nicht angenehm. Nichts, was ich jeden Tag erleben wollte. Und doch gehörte es zu genau dem Frieden mit mir, den ich er.leben wollte.

Nach 2 Wochen unterwegs sein, hatte ich gemerkt, dass ich mich nur auf Extreme eingestellt hatte. Auf Kriegsextreme. Auf Lebensbedrohung. Ich hatte gedacht, tagelang keine Stromquelle zu finden. Kein sauberes Wasser zu finden. Bemerkte sehr schnell, wie ich nicht darüber nachgedacht hatte, dass zwischenmenschliche Fremdheit mit einem schlichten “Hallo” überwindbar ist. Ich konnte “Nacht” nur als “kalt” und “gefährlich” denken. Gewitter und Sturm als “tödlich”, sobald man sich außerhalb einer menschlichen Siedlung befindet. Regen oder krassen Sonnenschein als “krank machend” – wenn ich mich nicht vollständig davor versiegle.

Weg ist dieses Denken inzwischen nicht. Aber es ist etwas dazu gekommen.
Die Idee von Frieden als Spektrum. Gefahr als Spektrum.

Das ist grundsätzlich kein neues Denken für mich. Ähnliches habe ich in den letzten Jahren in der Traumatherapie schon mitgenommen.
Und doch ist es neu.

In der Therapie habe ich vor allem gelernt, dass meine permanente Bereitschaft zum Überlebensmodus weder als kontextuell passend anerkannt wahrgenommen wird, noch sich als inhaltlich weiterbringend auswirkt. Immer wenn ich mich bedroht und/oder verletzt fühle, ist dort jemand, di_er mir sagt, dass ich eigentlich (in Wahrheit) gar nicht bedroht bin oder keinen echten Anlass zu Gefühlen von Verletzung habe.
Nach vorne nicke ich und nach innen weiß ich: ich bin vielleicht nicht existenziell bedroht, doch meine Gefühle sind hier auch nicht erwünscht. Meine Gedanken sind wichtig. Die sollen sich um Themen und Inhalte kümmern. Relevant ist, was gesagt wird. Nicht, was gefühlt wird. Damit kann man nichts machen. Außer es aushalten. Wie einen Fehler, den man nicht mehr rückgängig machen kann.

Draußen ist das anders.
Da brauche ich meine Gefühle, denn sie geben mir viel mehr Anleitung als es Worte und Ideen können. Ich bin darauf angewiesen zu spüren, wenn ich verletzt bin und brauche eine genaue Wahrnehmung davon, wie bedroht ich bin. Nicht, weil mir mein Kopf sagen kann, wie viele Stunden ohne Wasser man auf freiem Feld in Mittagshitze bei 36°C überleben kann, sondern, weil ich fühlen kann, dass nicht Durst mein erstes Problem ist, sondern durchgehend geblendet zu sein und keine Erleichterung zu finden, wenn man aufhört in Bewegung zu sein.

Auf der Tour hatten meine Gefühle so viel mehr Platz als meine Gedanken, dass ich mich ein ums andere Mal dabei erlebte, keine Scham zu empfinden. Nicht als ich am Straßenrand saß und zu weinen anfing, weil meine Strecke über eine ansteigende Landstraße ging und auch nicht, als ich mir am Rand einer Fußgängerzone passendere Kleidung anzog. Es ist eine große Entdeckung für mich, wie viele Gedanken und Annahmen für Schamgefühle nötig sind. Wie andere Menschen und eine eigene Angewiesenheit auf selbige dafür nötig sind.

Ich hatte so viel Raum für mich und mein Fühlen, dass mir das Spektrum meines Fühlens und damit auch: meines Friedens fassbarer erschien.
Und seine Zartheit. Ich spürte deutlicher welche Innens, wo sind und welchen Schutz sie über das leben, was wir “das Inmitten” nennen. Spürte: mit unserer Therapeutin zu sprechen ist auch eine Bedrohung. Sich vom Joker tragen zu lassen, ist auch eine Gefahr.
Bemerkte, dass wir, wie wir sind und funktionieren, wenn alles von uns da ist, von jeder An.Be.Rührung verletzbar sind und dies doch nicht mehr so zum Ausdruck bringen, wie wir das früher noch viel mehr getan haben.

So ein Schnitt in die Haut, so reine Worte – das wirkt dramatisch. Mach das mal lieber nicht. So nimmt dich niemand ernst. Wenn du so kommunizierst, ist das zu krass. Achte auf deinen Ton.

Jetzt denke ich, dass das wenigstens ehrlich war.
Heute frage ich mich, ob wir uns eine Art zu lügen angewöhnt haben. Verschleiern. Vernebeln. Verflauschen. Unser Empfinden weichzeichnen, damit sich niemand daran stößt.
Ich frage mich, ob wir einen fremden Maßstab übernommen haben. Einen Kriegsmaßstab. Einen, der unsere Gefühle als Extrem einordnet, während sie auf unserem eigenen im üblichen Spektrum passieren. Als da und Teil von allem. Mal mehr und mal weniger erträglich, beeinflussbar, angenehm oder unangenehm. Als etwas, das in, an und mit uns wirkt und in einem kompliziertem Wechselspiel mit dem Außen passiert.

Oder ist das alles nur ein Missverständnis? Ergebnis der Notwendigkeit sich auf Gedanken und Annahmen zu konzentrieren, statt sich Gefühlen zu öffnen und ihnen zu folgen.
Oder geht es um Angst?

Lösen wir Angst in Menschen aus, wenn wir sind wie wir sind, weil wir sind, wie wir sind?
Todesangst, dessen Kompensation als grobe Worte, überfordernde Ansprüche oder ignorante Zurechtweisung bei uns ankommt?

Ist es das, was so viele Menschen an der Natur und ihrem Lauf der Dinge erschreckt?
Das sie ist wie sie ist und – gleichsam wie wir – nur das Leben, das Sein im Fokus hat, ohne vorher auf Hierarchie, auf Anstand und Sitte, auf diesen ganzen Normenkontext, der definiert, wann was wie okay sein darf und wann nicht, zu achten?

Tag 34: Ankommen

Um kurz vor 7 wache ich auf. Es ist still. Kein Wind, kein Blätterrascheln. Ein Taubengruugruu ist alles, was die Stille berührt.

Alles dauert länger. Mit NakNak* draußen zu sein. Kaffee zu trinken. Zu spüren, dass dieser Tag nutzbar ist. Zu überlegen, was wann wie warum zu tun ist.
Das Telefon klingelt und Adobe ruft an. Es gab Rechnungsprobleme. Zum Glück nicht an unserem Ende.
Ich rufe bei der Zahnärztin an. Urlaub. Eine Woche Gnadenfrist.

Dazwischen stehe ich mit blauen Säcken und will am liebsten alles, was mir in die Finger kommt, hineinschmeißen. In dieser Wohnung steht so viel Scheiß und Mist und altes Zeug. Überall stehen schlechte Angewohnheiten und lauernde Trigger in Erinnerungsprozesse. Ich will hier nicht sein. Ich bin hier falsch. Mein Handeln schallt in den Räumen, von draußen hört man so gut wie nichts. Außer Autos.

Gegen Mittag können wir in die Fahrradwerkstatt. Die Gangschaltung einstellen lassen. Dann bringen wir Müll weg. Schmeißen die alten Routinen raus aus dem Alltag, dessen Reste hier überall kleben. Die Routinen, in denen wir Kram ansammeln, der uns nichts bedeutet und Zeug behalten, das wir nicht benutzen, weil es zu viel bedeutet.

Ich sollte die Betreuerin anrufen. Sollte mich um den Schulkram kümmern. Heute morgen stellte ich fest, dass mein Schulprofil in der App zum Stundenplan einer anderen Schülerin zugeordnet wurde. Mir wird schon wieder schlecht, wenn ich daran denke, dass genau das bald wieder losgeht. Jeden Tag eine Tagesplanüberraschung. Anstrengung. Schularbeit. Menschenarbeit. Daneben Traumatherapie.arbeit. Immer wieder ausgleichen, dass andere Menschen da sind. Fordern. Erwarten. Re.Agieren.

Und nein. “Das Positive sehen” geht hier nicht. Nein. Ich kann nicht sagen: “Ach, es ist doch noch Zeit bis dahin.”. Kann nicht sagen: “Ach, das wird schon nicht so schlimm werden.”. Denn es wird schlimm und keine Zeitspanne der Welt kann mir die Überforderungs- und Angstgefühle daran nehmen. Und: Es hilft einen Scheiß zu wissen, wofür wir das machen. Wir werden danach keinen sicheren Job, keine güldene Zukunft, keine weniger anstrengende Lebenszeit haben. Wir werden nur einen Zettel haben auf dem steht, dass wir etwas können. Und das bedeutet gar nichts. Es ist nur ein weiteres Stück Kram in einem Ordner voll Kram, den wir nicht für uns behalten.

In den letzten Wochen haben uns so viele Menschen gesagt, dass sie das nicht könnten. Wochenlang unterwegs sein. Draußen. Bei Regen und Sturm. Im Zelt. Allein mit Hund und Rad.
Niemandem haben wir je geantwortet, dass wir in Wahrheit nicht können, was sie tun oder getan haben. Was es für eine Erleichterung für uns ist, nichts weiter zu tun zu haben, als uns zu versorgen und weiterzufahren. Und etwas aufzuschreiben, wenn die Kraft und die Lust dazu da war.

Nichts von dem, was uns jetzt behindert, ist weg da draußen. Aber wir brauchen nirgendwo zu bleiben, wo es uns besonders stört und leiden macht. Die Zukunft ist 3 Tage lang und kennt nur das Wetter als die Gewalt, die alles bestimmt. Der Rest ist konkret. Kein Wenn und Aber. Keine schwammigen Eventuellvielleichtaberaber.ängste. Nur Hier und Jetzt und wenn nicht jetzt, dann wenn es geht.

Niemandem mussten wir sagen, dass wir beschäftigt und angestrengt sind. Der große Rucksack und die Tour als momentanes Ist, haben gereicht, um das zu sagen. Jetzt geht der ganze Scheiß wieder los. Ja – ich stehe hier und man sieht es nicht, aber doch: wir sind eine verwundete Person. Da ist Schmerz. Da ist 24/7 Anstrengung damit umzugehen. Da ist Heilung, die nie ohne Anstrengung passiert. Da ist die Suche nach dem Sein mit wir okay sein können. Da sind Be.hindernisse und da ist der Umstand, dass diese viel zu selten gesehen und anerkannt werden.

Das heißt nicht, dass alles andere – Gute, Schöne, Aufregende – weg ist. Das heißt aber, dass diese anderen Dinge nun weniger Platz haben, um zu wirken. Dass wir weniger Platz haben, diese Wirkung in uns arbeiten zu lassen. Egal, was wir tun.

Und ja. Ich weiß wie das klingt. Das klingt, als würden wir zum Opfer unserer Umwelt. Hilflos und ohnmächtig etwas ausgeliefert, das man Alltag, Leben, Lauf der Dinge nennt. Das klingt übertrieben. Nach Opfermimimi. Nach einer Herausforderung uns zu sagen: Stell dich nicht so an. Übertreib nicht. Du dramatisierst.
Aber. So fühlt es sich doch an. Es fühlt sich an, als hätten wir hier nichts im Griff. Null. Als wären die meisten unserer Entscheidungen die Art Kompromiss, denen man zustimmt und doch weiß: eigentlich wollten wir das alles anders – und doch ist genau das für uns einfach nicht drin. Nicht jetzt. Und vielleicht nie.
Das ist etwas, dem wir ausgesetzt sind. Immer und überall. Und nein: einfach weggehen und woanders anders machen, geht nicht. Nicht jetzt. Nur hoffentlich: irgendwann.

Tag 33: Heimfahrt

Am Morgen wache ich mit Halsschmerzen auf. Trinke einen Kaffee. Packe. Fahre weiter. Finde es gut mich so schlecht zu fühlen. Ich fühle mich scheiße und weiß, dass ich auf Scheiße zu fahre. Und trete so fest ich kann in die Pedale.

In der Radstation haben sie die Gangschaltung nicht eingestellt. Danke ihr … Pfropfen.

Die Gegend ist sehr westfälisch. Alles sieht aus wie zu Hause. Provinziell städtisch. Mittelengagiert. Mittelinnovativ. Mittelkitschig. Mittelinteressant. Wir haben die langweiligste Gegend der Welt als zu Hause und irgendwie ist das für uns vermutlich immer schon genau das Richtige gewesen.

Ab Rheda tun mir die Knie weh, weil die Schaltung nur noch in den hohen Gängen greift. Ab Gütersloh der Arsch. In Bielefeld Quelle, merke ich einen Sonnenbrand auf den Schultern. In Bielefeld Dornberg fährt uns jemand in den Anhänger. Eine Stunde später schlucke ich Ibuprofen und Erkältungshelfer.

Zu Hause.
Wo der Anrufbeantworter blinkt und alles fremd erscheint.
Außer das Schreiben.

Tag 32: der große Sprung

Am Abend von Tag 31 war klar: Bonn wäre die Stadt, in der das Rad einmal in die Werkstatt muss.

Das Knacken im Tretbereich kannten wir schon von Pitti und die Gangschaltung musste auch neu eingestellt werden. Nix mit „genug Fett reicht“.

Wir starteten. Die Laune auf mittelmies. In Bonn angekommen, gab es eine erste Erleichterung. Kein Termin nötig – das Team in der Radstation schob uns dazwischen. Der Himmel zog sich zu. Die Luft drückte uns nieder. Auf der Suche nach freiem Internet, schauten wir flüchtig durch die Altstadt. Bethoven. Vereinte Nationen. Haribo. Aha. Nächstes Mal mehr.

Das Gewitter kam. Eine Asthmaattacke auch. Klein, aber ausreichend. Bis Solingen würden wir es nicht mehr schaffen. Vielleicht schafften wir auch gar nichts mehr. Das neue Rad ist nachwievor ein unsicheres Ding, das uns erst noch von seiner Zuverlässigkeit überzeugen muss.

Es hat nicht einmal einen Namen. Es kommt einfach nichts. Vielleicht, weil es so ein gutes Rad ist. Neu gekauft als erstes, das wir besitzen. Ein Trekkingrad mit 27 Gängen, Federgabeln und sehr leichtem Rahmen. Vielleicht ist es zu gut für uns.

Gegen Mittag ist es fertig repariert und hat sowohl ein neues Innenlager als auch neue Pedale. Wir haben ein Loch in unserem Budget und wissen, dass wir jetzt entweder 5 sehr geknappste Fahrtage oder 2 Tage wie bisher haben können. Und wählen die 2 Tage.

Wir steigen in einen Zug nach Köln. Dort steigen wir in einen nach Hamm. Von dort fahren wir weiter auf einen Campingplatz neben einer Autobahn. 19 Uhr schaue ich zuletzt auf die Uhr und schlafe bis 5 Uhr 35.

Wir haben 116 km übersprungen und noch einen Tag zu fahren.

Tag 30: Flauschglück

An Tag 30 ist es vorbei. Podstock.

Unser erstes Podcaster_innentreffen und die Veranstaltung auf die wir uns am meisten gefreut haben.

Es hatte uns auf dem Weg, der einen 500 Höhenmeteranstieg und eine gefährliche Radpanne mitten auf dem Berg enthielt, sehr durchgeregnet. Auf dem Gelände angekommen regnete es weiter. Doch ab da war es egal, denn es gab Planen und einen Trichter.

Die Stimmen zu gern gehörten Podcasts zu treffen, ist ein besonderes Ding. Zu merken, dass andere Menschen ganz ähnliche Begeisterungen an ihren Projekten haben wie man selbst, auch. Uns tat es gut. Zu sehen: andere wollen auch – alles – anders – schön – richtig – gut – besser machen. Und lernen und mit.teilen. Diese Offenheit und Herzlichkeit sind uns Flauschglück.

Für Zeiten in denen es nicht läuft, wie es soll und erst recht nicht, wie man will.

Danke an alle <3