wie man den Rosenblatts das Herz erfreut :3

Die Fotos, die wir an dem Tag gemacht haben, findet ihr in unserem Fotoblog.
Und ja: die Frau die da so wunderpeinlich „Oh G’tt oh G’tt“ stammelt waren wir.
Ähem.  Kurzer Professionalitätsausetzer.
DenihraberbestümmtalleverstehtweilHALLODASWAREINRIESENSEEADLER ^__^

viele_s sein

~ Fortsetzung ~

Oft ist es so, dass es Diagnosen braucht, um soziale, psychologische, psychiatrische Hilfen zu erhalten oder Unterstützungen zu beantragen. Manchmal reicht aber auch die Formulierung von Schwierigkeiten bzw. von Hilfe- /Unterstützungsbedarf. Dann machen die Köpfe der Verantwortlichen die Diagnose (im Sinne von: die Schublade) eben allein.

Für uns war die Formulierung von Hilfeplänen in der Jugendhilfe oft schwierig. Offensichtlich hatte die teilstationäre Jugendhilfe unsere Angaben zu Gewalterfahrungen, die aktuell stattfanden, genauso wenig bewusst, wie den Umstand, dass es uns immer wieder belastete, mit der Stadt aus der wir weggelaufen waren und auch mit der Familie* im weitesten Sinne in Kontakt zu kommen.
Aber ein Hilfeplan muss ja geschrieben werden. Und Extrawürste wie Amtshilfe, die Übertragung unseres Falls in die neue Stadt oder die Formulierung des Bedarfs und der Entwicklung, die stattfand, allein auf dem Papier, ach – wer hat denn die Zeit und das juristische Fachwissen, da hinterher zu sein?

Meine Betreuer_innen hatten das nie, obwohl ich später auch noch Betreuende kennenlernen durfte (und bis heute immer mal wieder darf) für die das eine Belastung ist und die sich immer wieder bemühen, Schlupflöcher, Mittel und Wege zu finden, ihre Klient_innen zu schützen und im Ganzen zu unterstützen.

Meine Jugendhilfebetreuung hatte diese Zeit auf jeden Fall nicht. Zwischen 24 und 29 Fachleistungstunden für unsere Betreuung wurden regelmäßig bewilligt – tatsächlich getroffen habe ich meine Betreuerin einmal in der Woche (zum Einkaufen – nicht jedoch um zu lernen und zu begreifen, wie ausgewogene Ernährung oder allgemeiner noch: ein ausgewogenes Geldkontingent aussehen könnte). Ganz zu Beginn der Betreuungszeit kamen auch Betreuer_innen zu uns, um Krisenmomente zu überstehen und irgendwann gegen Ende der Betreuungszeit mal hier mal da eine Stunde zum Kaffee trinken.
In Anbetracht der Tatsache, dass es sich um Eingliederungshilfen handelte: ein verdammter Witz, weil die Frage nach unserer Eingliederung einfach nie eine Rolle spielte.

Es war wichtig, dass wir einen Realschulabschluss machten und für uns schien ein Schulabschluss zwischendurch wie der heilige Gral, der unser Leben in der Zukunft sichern und verschönern würde.
Als ob.

Für viele Menschen ist das Wort “Täter_innenkontakt” zu abstrakt um zu begreifen, was sie eigentlich von Menschen, die damit zu tun haben, abverlangen, wenn sie ihnen das Agieren in einem System zur Bedingung machen, in dem so etwas nicht existiert.
Weil wir viele sind, konnten wir das und ja – das ist spezifisch fürs viele sein.

Wenn ich damals den gleichen Bewusstseinsgrad wie heute über die brachiale Gewalt, die wir in der Zeit erfuhren gehabt hätte, hätte ich keinen einzigen Schultag geschafft, geschweige denn die regelmäßige ambulante Therapie, in der wir zu der Zeit saßen und rückblickend nichts als Kriseninterventionen gemacht haben, um das eigene am Leben sein auszuhalten.

Für mich ist es gerade schwierig darüber schreiben, weil mir klar ist, was für ein Skandal da eigentlich passiert ist. Ich war betreut – da war eine Institution damit beauftragt, dass ich ins Leben und die Gesellschaft eingegliedert werde – letztlich eine staatlich bezahlte Instanz, die die sozialen Aufgaben einer Familie übernehmen sollte.
Und dann ist der wöchentliche Termin eine Fahrt zum Marktkauf um die Ecke und ein zwei mal im Monat ein Kaffee, statt die Auseinandersetzung damit, welche Auswirkungen der Täterkontakt und die Anpassung meines Selbst (und auch meines Körpers) auf meine Eingliederungsfähigkeit, meine Alltagsfunktionalität, meine (seelische) Gesundheit hat oder die Erprobung von Optionen zur Einbindung meiner Person in soziale Kontexte.

Mir ist bis heute ein Rätsel, was mein Anteil an dieser Katastrophe war. War ich nicht deutlich genug? Wäre das überhaupt meine Aufgabe gewesen? Wurde mir nicht geglaubt oder wurde viel mehr einfach nicht begriffen, was ich sagte? Hätte ich mehr fordern sollen? Von wem und wann?
War man überfordert? War der Eingliederungsauftrag der falsche Ansatz für mich? Hätte ich mich woanders betreuen lassen sollen?

Wir waren eine 18 Jahre alte Person – die aufgrund organisierter Gewalt einmal quer durchs Land gezogen war – die regelmäßig suizidal wurde, wenn es Hilfeplankontakt in die Herkunftsstadt gab – die angab regelmäßig misshandelt zu werden
Aber wichtig war der Realschulabschluss.

Die Amtshilfe wurde einmal beantragt und mit einem formlosen Schreiben vom Jugendamt unserer Herkunftsstadt abgelehnt, weil “darum”. Eine Anzeige zu erstatten hätte mehr psychische Stabilität und innere, wie äußere Sicherheit erfordert, die uns zum Einen die Betreuung nicht bieten konnte (selbst als bei uns eingebrochen wurde, um uns in der Wohnung aufzulauern, war die Alternative eine verwahrloste (wirklich fast Messie-) Wohnung dessen Vorbewohnerin rausgeflogen war) und zum Anderen vom Staat vermutlich gar nicht erst angeboten worden wäre.

Der Zeitmangel meiner Betreuungen und diverse unterlassene juristische Wegbeschreitungen hatten für mich die Konsequenz von (über die Jahre grob überschlagen) insgesamt etwa 4.500€ Schulden bei Behören wie der GEZ, der Stadt und dem Jobcenter, die ich allesamt von meiner Grundsicherung bis heute abbezahle.
Seit 9 Jahren erhalte ich nicht den vollen Satz Grundsicherungszahlung, weil meine Betreuenden weder juristisch aktiv sein durften bzw. mehr als einmal diversen Meldungspflichten nicht fristgerecht nachkamen, noch weil ich gründlich über die Handlungsoptionen innerhalb gesetzlicher Betreuungen aufgeklärt war.

Heute bin ich gesetzlich betreut und traue mich nach 6 Jahren endlich wieder ohne Kloß im Hals meinen Briefkasten aufzumachen, weil ich weiß, dass dort jemand gerichtlich verpflichtet ist, die Kapazitäten aufzubringen, die die Verwaltung meines Lebens erfordert.

Man machte uns in der Jugendhilfe oft den Vorwurf, wir würden ständig Schach-Matt-Situationen produzieren und ja eigentlich auch gar keine Hilfe wollen, denn sonst würden wir das ja nicht machen.
Dass wir reagierten und gerade in den ersten 3 Jahren eigentlich gar nichts anderes taten, als wie ein reaktives Hörnchen um unsere Leben zu kämpfen, spielte dabei keine Rolle. Schließlich traten wir vor diesen Menschen ja auch immer mit einem Anliegen im Gepäck auf – verlangten und forderten ja etwas, das sie nicht geben konnten.

Und können, können tatsächlich die wenigsten Helfer_innen, was sie gerne können würden.
Sozial(psychiatrische) Betreuungen boomen, weil sie weniger kostenintensiv als stationäre Dienste sind. Die Folge sind beschissene bis ausbeutende Arbeitsbedingungen für die Betreuenden, die wir dann später auch nicht mehr ausblenden konnten und danach auf die Möglichkeit verzichteten von jemandem beim “in das Leben nach der Gewalt gehen” begleitet zu werden.

Wie soll ich mich denn fühlen, wenn ich merke, dass meine Betreuerin in einem Team die Einzige ist, die weiß, was eine DIS ist, was komplexe Traumatisierungen bedeuten und worum es in der Folge in der Begleitung gehen muss? Wenn ich weiß, dass sie nicht streiken darf, obwohl sie so viele Überstunden macht, dass ihr Stundenlohn im Grunde der Mindestlohn, wenn nicht weniger ist? Wenn ich weiß, dass ihre Fortbildung mehr oder weniger eine gönnerhafte Ausnahme für einen riesigen Konzern darstellt, dem es in der Werbung so viel ums Miteinander und die Chancen im Leben geht, wie in der Realität um Gewinnoptimierung und Chancen auf Profit?

Wie soll ich mich fühlen, wenn mir so eine Person sagt, die Gewalt an mir sei vorbei, wenn sie doch selbst die gleichen Gewaltmuster jeden Tag an sich erlebt und sie nicht als gleich annimmt?

Es gibt so viele Betreuende da draußen, die sich in ihren Teams für ihr Bemühen um “hoffnungslose Fälle”, “übertreibende Hysterikerinnen” etc. rechtfertigen müssen. So viele Leute, die die Ignoranz ihrer Chefs, ihrer Mitarbeiter_innen und des Hilfesystems, das sie nicht aus eigener Kraft verändern können, ertragen müssen und sich trotzdem den Arsch aufreißen, um Menschen, denen nie irgendwas geschenkt wurde, die ihr Leben lang misshandelt und ausgebeutet wurden, beim Nach_Wachsen die Hand reichen.

Sicher verpissen sich viele irgendwann. Sicher verbittern viele. Sicher knicken so manche irgendwann ein. Und ganz sicher leiden ihre Betreuten darunter.
Aber ihre Arbeit darf gewürdigt und gewertschätzt werden.

Ich erinnere mich daran, dass die Gemögte, die uns damals in der Ausstiegszeit die Kotze aus den Haaren wischte und jedes einzelne desorientiert nach vorne fliegende Innen entsprechend seiner Fähigkeiten versorgte, irgendwann nur noch Verachtung für unsere Betreuerin übrig hatte. Im Anbetracht dessen, was wir gerade gemeinsam durchmachten, hatten wir selbst auch keine Antwort mehr darauf, wozu diese Betreuung überhaupt gut sein soll.

Heute denke ich, dass meine Betreuerin das zu der Zeit wahrscheinlich selbst nicht wusste und genau deshalb schlicht gar nichts tat.
Weder genau das zu kommunizieren, noch über andere Formen der Betreuung mit uns zu sprechen.
Wir verachten sie bis heute für dieses Schweigen, doch können wir auch sehen, dass sie keine Kapazität gehabt hätte, unsere komplexe Problematik in einer Art und Weise zu kommunizieren und an andere Stellen weiter zu geben, um eine Veränderung einzuleiten.

Bei dem Arbeitspensum, das eine einzige ambulant betreuende Person abzudecken hat, fällt alles, was über lineare Handlungs- und Transportwege hinausgeht hinten über.

Die Scheiße ist: wenn eine ganze Person und ihr Er-Leben komplex ist, fällt auch das hinten über.
Und das nicht zu kommunizieren, sondern durchgehend zu vermitteln, die Person selbst sei in sich allein das Problem, ist ein Ausläufer unserer gesamtgesellschaftlichen Gewaltkultur und damit unprofessionelle, gewaltvolle, Kackscheiße.

Heute wünsche ich mir eine Zwangsverpflichtung für alle (auch kirchlichen!) Sozialeinrichtungen zu Gewerkschaften für ihre Mitarbeiter.
Ich will verdammt noch mal bundesweite Streikmöglichkeiten, faire Löhne, berufliche Weiterentwicklungen für Betreuende und noch viel mehr.

Weil ich niemandem meine späte Jugend bis junge Erwachsenenzeit mit solchen Betreuungen wünsche.

~ Fortsetzung folgt ~

auf dem Weg ~ 1.2.

Über die Vlogs schreiben wir später mal ausführlicher.
Im Moment ist es einfach eine grobe Idee und der Wunsch zu machen, was uns gefällt.

P.S. viele Fotos vom Parkbesuch findet ihr in unserem Fotoblog „einfach mal angucken“

weiter_gehen

Es ist eine Frage des Atmens. Weil ich gegen den Strom atme und immer schön weiterknirschKRACHplapfschepperBÄNGsplitter…gehe, habe ich noch nicht geweint.
Weil die Welt doch so schön ist. Zum Niederknien und in der Luft zerfleddern schön. Reich. Voll.

Ich spare mir das Weinen auf, weil ich weiß, dass ich die Kraft, die es kostet mich in Tränen aufzulösen, noch brauche.
Für den Herztermin, einen Testtermin nächste Woche. Für zwei 4 Stunden Zugfahrten mit Hund. Für 4 themenintensive Arbeitsstunden in 6 Tagen.
Für die Foto- und Filmbearbeitung. Fürs nicht Loslassen. Fürs Aushalten dieses weiterkaputtgehens, ohne zu wissen wohin und wozu eigentlich.

Vielleicht geht man nur um zu gehen.
Ich weiß es nicht.

Unsere Therapeutin hat bald Urlaub und zum ersten Mal habe ich wirklich Angst davor den Sommer nicht zu überstehen, weil ich mir zu viel und zu wenig vorgenommen hab und nicht einmal weiß, ob ich irgendetwas davon wirklich schaffe.

Der Körper ist im Moment ein mitunter unaushaltbarer Ort, weil er auf vielen Ebenen als zu raumeinnehmend erlebt wird. Zum Einen, weil er seit Wochen, wenn nicht Monaten immer irgendwie irgendwo weh tut, versorgt werden will und doch dauernd den Dienst versagt und zum Anderen, weil die einzige Antwort, die mein Denken darauf hat, die MagersuchtBulimie ist, die nur auf der Verhaltensebene aktiv gedämpft werden kann.

Daneben rieselt es vom Inmitten bis zu mir, wie krass der Schmerz um soziale Verluste eigentlich ist und wie viel Untröstlichkeit um die Nichtlösung, die wir leben müssen. Es reicht nicht, dass sich weite Teile in ihrem Denken um die menschliche Natur bestätigt fühlen, es reicht nicht, dass andere Menschen uns in unserer Abgrenzung und Perspektive bestätigen, wenn ich doch eigentlich nur darauf warte auch mal positiv von Menschen überrascht zu werden.
Wenn ich eben doch darauf warte, dass das Telefon klingelt oder das Mailpostfach blinkt.

Da ist diese Versuchung loszulassen. Diesem Sog nachzugeben und einfach nicht zu denken. Mich eben nicht mehr an die Dinge zu erinnern, die ich machen willmusssollkannmöchte damit ich sie nicht aus Versehen dissoziiere. Da ist diese Idee, in den Zug nach Budapest zu steigen und einfach eine ganz wirklich Fremde unter Fremden zu sein. Ein Nichts. Ein Niemand. Ein ganz und gar richtig im Falschen und Unbekannten.
Und diese Hoffnung dann irgendwie okay weg zu sein.

Da ist der Wunsch nie ausgestiegen zu sein.
Da ist der Wunsch nie weggelaufen zu sein.
Da ist der verzweifelte Schrei ins Universum um 15 Jahre Fehlentscheidung.

Vielleicht lebt man nur, um zu leben.
Ich weiß es nicht.

ein Glas „Lebensfreude pur“ zum Abendbrot…

gab es bei uns heute.
Für euch gibts Fotos von diesem Tag.

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Morgen sprechen wir beim Lady*fest in Heidelberg über die Pathologisierung seelischer Belastung nach traumatisierenden Erfahrungen und über verschiedene Aspekte, die Antistigmatisierungsaktivismus schwierig machen.
Vielleicht treffen wir uns ja dort?

viel~e sein

~ Fortsetzung ~

Das Eine ist: da gibt es ein Wort – eine Diagnose. Das Andere ist: da gibt es etwas, das mit diesem Wort, dieser Diagnose benannt wird.

Wenn die Diagnose gestellt wurde, gibt es früher oder später dieses Moment, in dem man andere Menschen in unterschiedlichen Kontexten dieses Wort sagt. Und dieses Moment entscheidet darüber, wie sich der Kontakt entwickelt und auch, wie man selbst in der Zukunft damit umgeht, dieses Wort für sich zu haben, bzw. dass es Menschen gibt, dessen Selbst- und Umweltwahrnehmung mit einer Diagnose bezeichenbar ist.

Wir sind inzwischen ziemlich fatalistisch was das angeht. Da für uns nicht nur alle Züge in Richtung Zukunft abgefahren sind, sondern auch noch der Bahnhof dazu abgerissen wurde, ist es uns egal (weil es uns egal sein kann) wer weiß, dass wir viele sind.
Die Essenz unserer Erfahrungen, die Diagnose anderen Mensch mitzuteilen ist: Es ist scheiß egal, ob es jemand weiß oder nicht – denn das Wissen darum ist nicht entscheidend.

Wir haben unsere Diagnose Menschen mitgeteilt, damit sie uns helfen – sie haben uns nicht geholfen.
Wir haben unser Sein vor Menschen erklärt, von denen wir dachten, es gäbe den Wunsch mit uns in Beziehung zu sein – sie haben den Kontakt kaputt gemacht und Teile von uns gleich mit.
Wir haben die DIS als Behinderung angegeben, haben beim Jobcenter, bei Mediziner_innen und Betreuungspersonen die DIS erwähnt, erklärt, vermittelt – wie viel das gebracht hat, kann man ja sehen: 10 Jahre Hartz 4, ein GdB von 70 wegen “depressiven Störungen”, eine Allgemeinmedizinerin, die uns nach einer schwerwiegenden Diagnose alleine aus der Praxis torkeln lässt und Betreuungspersonen, die uns weder beim Ausstieg geholfen haben, noch in irgendeiner Form ihr Verhalten und seine Wirkung auf uns, reflektieren.

Am Ende geht es nicht darum, dass die wichtigen Menschen in einem Leben wissen, dass man viele ist, sondern darum, dass sie es begreifen und zwar nicht als eine Laune des Laufs der Dinge oder eine Entscheidung eines verwirrten Geistes, sondern als massive Entwicklungsstörungsproblematik und zwar auf die Entwicklungsstörung “massives, wiederholtes, komplexes Trauma in der frühen Kindheit”.

Wir haben letztes Jahr und dann auch noch dieses Jahr enge Kontakte zu Menschen beendet bzw. beenden müssen, weil nicht begriffen bzw. einem Begreifen folgend gehandelt wurde, was für eine massive, innerglobale Not das Verhalten dieser Menschen uns gegenüber ausgelöst hat.
Man erwartete von uns zum Beispiel Reaktionen, die existenzielle Bedrohungsgefühle, so wie kindliches Erleben von konkretem Überschwemmtwerden eigener Emotionen, Gedanken und Ängste, ausklammern, innerhalb von Konflikten, die genau das aber losgetreten haben.

Viele sein bedeutet einfach nicht nur: X hat einen Konflikt und Y weiß davon nichts.
Es bedeutet: X und Y plus eine unbekannte Anzahl anderer Innens versuchen verzweifelt A und B plus eine unbekannte Anzahl von Innens von dem Bewusstsein um einen Konflikt im Außen fern zu halten, damit der Alltag weiter läuft, während H I J K L M N plus noch wieder unbekannt viele andere schon längst in Wiedererleben stecken und das gesamte Inmitten lahmlegen – während die Umlaute einen Termin nach dem anderen abracken, und jederzeit irgendwo komplett neu anfangen können (und es in aller Regel auch tun).
Viele sein bedeutet: In einem Menschen passieren viele Prozesse gleichzeitig und autark nebeneinander her – und doch haben einzelne Ereignisse im Außen die Macht, sie alle mit einem Schlag zu beeinflussen, sobald es bestimmte Faktoren gibt, die mit existenzieller Bedrohung einhergehen bzw. so interpretiert werden.

Die Menschen zu denen wir den Kontakt beendet haben, haben vergessen oder vielleicht auch nie wirklich begriffen, wie wichtig es ist uns immer und immer und immer – auch nach vielen gemeinsamen Jahren und Erfahrungen – zu vermitteln, dass es sich bei einem Konflikt oder allgemeiner: Schwierigkeiten nicht um existenzielle Bedrohungen handelt.
Ja, so blöd das klingt: Wir müssen sehr oft hören, dass wir an Dingen, die für andere eine Kleinigkeit sind, nicht sterben oder in unserer psycho-physischen Integrität verletzt werden.

Für uns ist es ein Akt gewesen, das zu fühlen und wissen und zu lernen. Und das Ende dieses Prozesses ist für uns, zu lernen, dass wir uns das auch selbst nach innen bringen können und uns das von dort innen auch geglaubt wird. Soweit sind wir noch nicht.

Womit wir beim nächsten Aspekt wären. Uns Rosenblättern wird oft sehr viel mehr Belastbarkeit und Stabilität zugetraut, als tatsächlich da ist und manche Menschen sind zutiefst enttäuscht von uns, wenn wir das nicht bedienen können.
Was wiederum bei uns alles mögliche anmacht und letztlich dazu führt, dass wir uns nach außen noch mehr anstrengen, noch härter machen. Ich denke, das passiert vielen Menschen und ist nichts, was speziell mit unserem viele sein zu tun hat.
Das Problem ist: Wenn man viele ist und sich nach außen hart wie Stein macht, dann hat man, wenn die Tür hinter einem zu geht und kein Außen in dem Sinne mehr da ist, keine Kraft mehr für die unversorgte Hölle, die in einem drin brennt.

Wir haben gemerkt, dass alte Bekannte wie die Suizidalität, der Drang sich zu verletzen (kaputt bis tot zu machen), die Essstörung und hinten dran natürlich: die Täter_innenintrojekte mit ihrem Hass, auftauchen und es zusätzlich erschweren offen zu legen und zu erklären, worum es beim viele sein geht.

Viele sein bedeutet nämlich in dieser Welt auch: viel sein.
Es ist belastend, nervig, anstrengend, wenn eine Person immer und bei allem darum bittet, (bitten und betteln muss), dass manche Dinge einfach nicht gehen, weil sie Dinge auslösen, die dann wieder irgendwas abverlangen und und und

Ich habe seit der Diagnosestellung durchgehend das Gefühl eine Belastung zu sein. Ein Fehler, ein Mensch, dem man sich aus moralischen und nicht aus positivem “Einfach so” – Grund widmet und die Stimmen, die mir schon früher gesagt haben, dass ich anstrengend und nervig bin, bestätigen das natürlich.
Die Störung, der wir als Einsmensch ausgesetzt wurden, zieht sich bis heute durch unser Leben und hat sich mit uns selbst vermengt.

Heute stören wir, weil die Störung unserer Entwicklung nicht folgenlos endete.

Viele Personen, die von uns erfahren, dass wir viele sind und dass das so ist, weil wir 21 Jahre lang auf allen Ebenen miss-be-handelt wurden, übertragen die Verbindung “viele sein” = “misshandelt worden sein” auf uns “Rosenblätter sein” = “Gewaltthematik”.
Und was machen Menschen, die die Wahl haben, ob sie sich widmen oder nicht, mit Gewaltthematiken? Richtig: sie verpissen sich, machen den Kopf zu, fangen an die gesellschaftlich anerkannten Vermeidungstänze aufzuführen – und lassen uns stehen.
Im günstigsten Fall hängt nichts an dem Kontakt – da können wir dann selbst auch gehen und trösten uns mit dem Gedanken: “Naja, wenigstens hat sie Person jetzt mal davon gehört.”.

Schlimm wird es bei Personen, die nah sind. Oder nah geworden sind. Oder wo es um Abhängigkeiten geht.
Die letzte KJP in der wir waren, hatte die DIS-Diagnose zum Beispiel negiert und uns als Hysterikerin (jupp – die gibts noch als Diagnose) behandelt, was im Großen und Ganzen bedeutet auf nichts (und niemanden) von uns zu reagieren. Was für uns einen Raum aufmachte, in dem wir 24 Stunden am Tag spürten, dass wir alleine waren. In einem fremden Bundesland, mit dem Wohnort Kinder-und Jugendpsychiatrie, in der ein Pfleger seine Position ausnutzte.

Anderes Beispiel ist die Jugendhilfe, die wir teilstationär danach in Anspruch nahmen. Wir sagten, dass wir viele sind und, dass wir Gewalt erfahren.
Die Diagnose wurde von einer Klinik für Psychosomatik dann bestätigt und [Trommelwirbel] NICHTS passierte. [TUSCH]
Wir wurden in unserer Wohnung überfallen – das Schloss wurde 3 Wochen später ausgetauscht.
Ostersamstag 2007 riefen wir den Hintergrunddienst der Betreuung an, weil wir nach einem Spaziergang, verletzt in unserer Wohnung gelandet waren, obwohl wir eigentlich untergetaucht bei unserer damaligen Gemögten lebten. Wir baten um Begleitung ins Krankenhaus. Spurensicherung, Anzeigeerstattung – hatten wir (schweinemutig wie nie zu vor!) im Kopf – der Betreuer im Dienst, hatte aber die Stadt verlassen. Wollte so gerne ein ruhiges Wochenende. Er bat um Verständnis – wir nickten, legten auf, zersplitterten.

Viele bunte Schimpfwörter haben wir heute dazu im Kopf.

Vor allem, wenn wir heute in Veranstaltungen wie der Fachtagung “Wir sind viele” letztes Jahr in Mainz sitzen und hören, warum so viele Betreuer_innen so viel derbe Kackscheiße mit ihren Betreuten machen: Sie haben einfach keine Ahnung oder keine andere Wahl und nicht zuletzt sind manche auch einfach ignorante Arschlöcher, die, weil sie Gewalt selbst nicht erlebt haben, keinen Grund sehen davon auszugehen, dass es sie gibt und eben auch nicht folgenlos bleibt.

Was mir unter anderen Menschen, die viele sind, daneben begegnet ist eine mich traurig machende Bereitschaft zu glauben, dass Betreuungspersonen oft deshalb keine Ahnung vom Umgang mit komplex traumatisierten Menschen haben, weil sie nur Faker_innen vorher betreut haben.
Eine ähnliche Abwertung passiert meiner Ansicht nach, wenn Menschen sagen: “Ja in Klinik XY kriegen ja alle, die wollen eine DIS-Diagnose und deshalb machen die da nur Bullshit, weil da sind ja nur Fakes, die davon profitieren.”.
Leute: Scheiße entsteht, wenn Scheiße passiert und was in unserer Gesellschaft und in unserem Gesundheits- und Sozialleistungssystem passiert, ist so widerwärtig stinkende Scheiße, über die man sich genauso aufregen kann – nur komisch: das passiert ja gar nicht.

Haben wir da etwa einen blinden Fleck, weil es sich leichter in Richtung einer konstruierten Autorität motzen und abwerten lässt, als sich zu solidarisieren?

~ Fortsetzung folgt ~