bittersweet irony

Weingirlande“Oh the irony, oh bittersweet irony… “ in den letzten Tagen denke ich vor allem das.
Inzwischen habe ich vom Twitter Support die Nachricht erhalten, mein Account @theRosenblatts mit dem ich Termine, Hilfsanfragen von Einzelpersonen und Vereinen, Blog- und Zeitungsartikel verteilte, doch größtenteils über mich und meinen Alltagskram twitterte,  “was found to be violating the Twitter Rules, specifically […] rules around participating in targeted abuse” und würde nicht entsperrt werden.

Übers Handy kann ich noch die Mentions an diesen Account lesen und mag an dieser Stelle meinen Dank an alle richten, die sich über die Sperrung ärgern und das Signal in Bezug auf den Umgang mit teils juristisch strafbarer Gewalt via Twitter ausübende Personen, als so falsch markieren, wie es ist.
Ich finde es auch schön, dass nochmal mein Vortrag bei der Openmind Konferenz, aber auch Artikel, in denen ich mich für eine andere Sprachführung und meine Ideen zum Umgang mit Gewalt in ihren Formen ausdrücke, in diesem Kontext geteilt werden.

Es ist ironisch, weil ich nie in Wortgefechte mit den, in meiner Twitterbubble bekannten und so genannten, “(Masku- ) Trollen” gegangen bin, damit ich nie in die Versuchung komme jemanden über den Dienst zu beschimpfen. Als #Aufschrei lief, bin ich durch die Timelines der Menschen, die zu der Zeit massive Bedrohungen, Beleidigungen und sonstige Verletzungen, genauso ertragen mussten, wie das Herumreichen von Daten wie Telefonnummer, Adresse und Arbeitgeber, und habe prophylaktisch jeden geblockt, der nachweislich Gewalt ausübte oder Gewalt ausgeübt hatte.
Ich setze keine Spamblocks, nur weil mir das in meiner Timeline jemand empfiehlt und, ohne mich von der Notwendigkeit für mich allein überzeugt zu haben, setze ich auch keine sonstigen Blocks.

Gemeldet habe ich genau zwei Mal Personen, die einfach nicht aufgehört haben mich oder andere Menschen zu verletzen und zu demütigen.
Das Eine war ein Account der jemandes Telefonnummer und Adresse über Twitter verteilte und das Andere war “meine irgendwieStalkerin”.

Ich blocke für mich allein.
Und, dass das so ist, aber immer wieder anders wahrgenommen und/oder gedeutet wird, ist mir heute morgen aufgefallen, als ich sah, dass einer der Menschen, die zu Aufschreizeiten und bis heute, regelmäßig Gewalt über Twitter ausüben, mir nun im neuen Account folgt.

Ich blocke, weil ich an einer ruhigen Timeline interessiert bin. Für mich allein.
Und, weil mir die Personen bzw. ihre Inhalte, die ich blocke, egal sind. Es ist mir egal, was sie sagen, was sie meinen, was sie denken. Ich will ihnen nicht zuhören und muss das auch nicht. Sie haben kein Recht auf meine Aufmerksamkeit. Sie können denken, glauben, fühlen, was sie wollen – mir ist es egal.
Was mir nicht egal ist, ist, dass es nicht hingenommen wird, für mich inhaltlich irrelevant zu sein. Dort beginnt Gewalt und es gibt absolut keine Zwischentöne an dieser Stelle.

Das ist das Moment in dem jedes “man muss ja auch alle Seiten sehen” ebenfalls Teil der Ausübung von Gewalt ist, weil sie legitimiert, das ich belästigt werde und bagatellisiert, dass jemand ohne meine Zustimmung auf mich einredet.

Ich verstehe es sehr gut, wie frustrierend das ist, wenn man jemandem etwas sagen will und das eigene Thema so groß und wichtig erscheint, dass man das unbedingt vermitteln will.
Hey – ich bin eine Person, die nichts hat außer sich selbst, einen Arsch voll Schulden, ihre Fähigkeiten und halbseidene Nebelperspektiven auf einen Platz in dieser Gesellschaft – was denkt ihr, wie oft ich das Wort an Personen und Instanzen richte, um ungehört wieder gehen zu müssen? Trotzdem fange ich nicht an (verbale) Gewalt auszuüben, nachzustellen oder irgendwas von Meinungsfreiheit zu reden.

Meine Meinung kann ich überall äußern, wo ich will. Aber ich habe kein Recht darauf, dass sich alle Welt diese auch anhört. Ich kann mir das wünschen und mich dann darüber freuen, wenn ich Menschen finde, die mit mir übereinstimmen. Aber meine Meinung ist keine Mission.

Meinungen sind dann Meinungen, wenn es sich um Bilder und Perspektiven handelt, die sich wandeln können.
Soweit ich weiß, wandeln sich Hass und Gewalt nicht. Schon gar nicht, wenn sie zusammenkommen, weil diese Mischung immer wieder in Zerstörung und/oder Tod endet, was wiederum einen Zustand von Chaos nach sich zieht, welcher wiederum mit einer Phase von Re-Orientierung und Konstruktion endet und erst dann in die Phase kommt, in der sich mehr oder weniger bewusst für oder gegen Gewalt entschieden werden kann.

Auch das ist, was mich eine bittersüße Ironie sehen lässt.
Meine frühsten Erinnerungen sind die, mit meinem bloßen Sein nicht richtig zu sein. Nicht dazu zu gehören, eingesperrt zu gehören, ohne verbindliche und bedingungslose soziale Bezüge sein zu müssen. Gehört und doch missverstanden bleiben zu müssen.
Hass und Gewalt waren vor mir da, haben mich zerstört und in chaotischem Zustand zurückgelassen. Ich habe mich dafür entschieden zerstörender Gewalt keinen Platz mehr in meinem Leben zu lassen, um anderen Menschen in meiner Lage als Kind und Jugendliche gut helfen zu können.
Die Ironie beginnt an der Stelle, dass ich immer wieder sage: “Opferschaft ist nichts, was man wählen kann. Opferschaft ist an den Status der TäterInnen*schaft gebunden [welche wiederum an Aufrufungsdynamiken in Kontexten von Macht gebunden ist]. Opferschaft besteht nur so lange, wie TäterInnen*schaft besteht (also gebunden an konkrete Taten [und teils auch ihre Auswirkungen] ). “ und durch die Einschätzung des Twittersupports gerade zu einer Person erklärt wurde, die Gewalt ausgeübt bzw. begünstigt hat.
Allerdings ohne mir meine Opfer zu nennen oder einen entstanden Schaden zu nennen.
Bin ich eine Täterin* ohne Opfer oder Schaden geworden?
Bin ich Täterin*?
Bin ich böse?

Ironie des Schicksals ist, dass mich diese Frage schon seit über einem Jahr durchbohrt und umtreibt.
Bin ich böse? Habe ich etwas Böses in mir, das alle Gewalt an die ich mich brockenweise und immer mehr erinnere, dann irgendwie doch legitimiert? War es am Ende gut, ohne Zugang zu Menschenrecht und Gewährung von Menschenwürde eingesperrt zu sein und keinen Zugang zu staatlichem Opferschutz zu bekommen? Ist es vielleicht am Ende infam, dass ich anderen Menschen, die Opfer von Gewalt wurden, helfen möchte, weil ich “in Wahrheit” ein so böser Mensch bin, der es nicht verdient hat am Leben zu sein?
Sollte ich nicht vielleicht doch sterben, wie ich es als 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21… Jährige immer wieder versucht habe?

Ist am Ende doch wahr, was ich von Menschen, die ich in den letzten Jahren “die TäterInnen*” nannte, gehört habe? Und doch falsch, was mir PsychotherapeutInnen*, MedizinerInnen*, BeraterInnen*, Verbündete und Gemögte sagten?

Wem kann ich trauen, wenn doch alles in Frage steht?
An und mit wem kann ich mich reflektieren, wenn doch vielleicht mein bloßes Sein schlicht falsch und deshalb böse ist?

Ich versuche im Lauf der Dinge zu bleiben, nicht zu erstarren.
In unserer Kultur gibt es die Auffassung vom Zweifel. Es gibt den Raum dafür und ich versuche ihn in und an mir geltend zu machen.

Es kann sein, dass mein Twitteraccount gehackt wurde und tatsächlich irgendwo Schaden und Opfer produziert hat. Es kann genauso gut sein, dass es bei der Sperrung gar nicht um Inhalte oder Personen geht, sondern um technische Fehler. Die Möglichkeiten diese Gegebenheit zu erklären sind unendlich.

Meine Möglichkeiten mich zu engagieren und im Leben zu halten hingegen nicht.
Ich habe meinen ehemals geheimen Account geöffnet und twittere nun wie gewohnt unter @theFREEHannah weiter.

Und schicke meine Bewerbung zur Teilnahme am Betroffenenrat des “Fonds sexueller Missbrauch” ab.
Im Zweifel, ob es klappt. Im Zweifel, ob ich dieses Ehrenamt verdient hätte.
Im Zweifel, ob allem und jedem.
Aber da.

 

Immer noch.
Ist das nicht ironisch?

man blockt nicht, was weh tut

Kurz nach 1 Uhr morgens ist es und ich logge mich in mein Mailpostfach ein, um mir sämtliche Twitterkorrespondenz der letzten Monate durchzulesen.

Grund dafür: mein Account wurde gesperrt.
Der Grund dafür wurde mir nicht genannt- vielleicht ist Twitter zu cool für sowas, vielleicht wurde ich aber auch von jemandem als missbräuchliche/r/* UserIn* gemeldet und die Angabe dieser Person aus Schutzgründen nicht an mich weiter geleitet. What ever. Egal.
Ich warte, was kommt.
Da ich weder Menschen betrüge noch absichtliche irgendwelche Urheberrechte verletze oder illegale Software an Twitter benutze, sehe ich mich erst mal im grünen Bereich.

Das ist das Eine – ich mag meine Twittertimeline und jetzt darf ich sie nicht mehr lesen. Blöd. Aua. Krampf mimimi Jaulimauli. Warten.

Das Andere ist – ich bin so blöd.
Vor einiger Zeit (also mehr als “Wochen” aber schon noch näher als “vor Monaten”) habe ich jemanden bei Twitter geblockt und dann dem Support von Twitter gemeldet, weil diese auf mein “Lass mich in Ruhe” nicht damit reagierte mich in Ruhe zu lassen.
Blocken ist eine gute Akutlösung. Aber dann kommt es vielleicht doch mal, das man um kurz nach 1 Uhr morgens mittelmäßig angetrunken, traurig und im Dis_sens mit der ganzen Welt ins Mailfach schaut und diesen Accountnamen wieder sieht. Und natürlich alles wieder hochgedrückt wird, woran man einfach nicht denken wollte.

Es kotzt mich so an, dass ich mit diesem Opfer- Armut- Behindert- Stempel nicht einen einzigen verdammten Schritt tun und feiern kann in den Augen mancher Menschen. Ich darf mich nicht hängen lassen vor den einen- ich darf nicht aktiv sein vor den anderen. Ich darf nicht um Geld oder Förderung meines Tuns bitten. Ich darf auch kein Geld ausgeben, denn wenn ich sage: “Ich habe keins” dann bedeutet das für solche Menschen den Pappkarton unter einer Brücke.
Ich darf keine Vorträge halten, weil das gleichbedeutend mit Arbeit oder Weiterbildung ist. Und natürlich bin ich in Wahrheit reich. Ich kriege ja für jeden Furz mit Glitzer dran Geld hinterher geworfen und trage meine Jahre alten Kleider because of the edge.

Es verletzt.
Ich bin wütend, weil mich so etwas einfach nur verletzt.

Und ich bin wütend, weil es Twitter schafft meinen Account zu sperren – den von hunderten Maskus oder auch dieser Person aber nicht.

Doch das eigentlich Schlimmste ist der Raum, den sich diese Person in meinem Kopf stiehlt.
Ich schreibe von dieser Person als “meine irgendwie Stalkerin” oder “sogenannter Twittertroll” – dabei kenne ich sie überhaupt nicht und sie wäre mir egal, wenn sie nicht permanent das Wort an mich richtete. Ihren Blick auf mich und vermeintlich durch mich und mein Leben richtete.
Das ist so eine Masche von Personen, die zwischenmenschliche Gewalt ausüben: “Quatsch sie voll, bis sie [die Person, die gerade zum Opfer wird] reagiert und wenn sie reagiert, dann pack sie dir- wickle sie ein, verschnüre sie wie ein Paket und heb sie auf deine Schulter – so kannst du sie mitnehmen. So gehört sie dir.”.
Es ist nicht nur Häme, die da an mich heran getragen wird – da sind auch Tweets, die völlig harmlos klingen. Aber in dem Kontext sind sie alles andere als harmlos.

Ich bin damit aufgewachsen zu hören, man solle auf solche Menschen nicht reagieren. Das Ding ist: nicht zu reagieren, heißt nicht zeitgleich keine Impulse aufzunehmen.

Personen, die bei Twitter geblockt wurden, erhalten jedes Mal eine Meldung, dass sie geblockt wurden von der Person. Selbstverständlich macht es mir auch Angst, wenn ich sehe, das dort eine Person trotz der Meldung jedes Mal, dass sie von mir geblockt wurde, was gut erkennbar ist als “Ich möchte nicht mit dir in Kontakt treten”, immer weiter schreibt und das Wort an mich richtet.

Und da ist also dieser Raum, der sich in meinem Kopf geklaut wird; dann ist da der Anspruch und das Beharren auf einen Kontakt mit mir; dann ist da dieses Bild von mir, das nah an mir dran ist, aber doch mehr Ähnlichkeit mit einer Springerverlag-Karikatur von mir hat und dann, ist da die Ohnmacht, die bleibt und bleibt und bleibt. Und zwar bei mir. Obwohl ich aktiv für meinen Schutz gesorgt habe. Obwohl ich mich verweigert habe.

Es macht ohnmächtig, wenn man sagen kann, was man will – erklären, offenlegen, verständlich machen – aber nichts, wirklich gar nichts genauso bei jemandem ankommt, wie es ist.

Es ist Quälerei, wenn man Menschen immer wieder in die Lage versetzt, sich zu erklären, diese Erklärung aber nicht gelten zu lassen. Ich mag an der Stelle eigentlich auch Sadismus erwähnen, aber wie gesagt: ich kenne diese Person nicht. Vielleicht hat das Ganze gar keine Lustaspekte. Aber wenn: wundern würde es mich nicht.

Tja, und wieso schreibe ich das jetzt mitten in der Nacht?
Weil ich vorhin dachte: “Hoffentlich findet diese Person irgendwann jemand anderen, an dem sie sich austoben will.”

G’tt und ich schäme mich für solche Gedanken. Meine Moral verprügelt mich gerade, weil ich im Grunde meine Ohnmacht auf jemand anderen verschieben will. Meine Ratio sitzt unten vorm Haus, dreht sich eine Zigarette und grunzt: “Ey- auf was Anderes kann man einfach auch nicht warten.” und der ganze Haufen verletzter Seelendreck sitzt vor dem Laptop und schreibt gegen das Weinen an.

Ich brauche einfach immer noch eine ganze Weile bis ich selbst an den Punkt komme, an dem ich merke, was der Trigger ist.
Vielleicht ist es gerade gut zu merken, das mein Trigger einfach immer wieder der ist, global und absolut geschwächt von meinen Gewalterfahrungen sein zu sollen; gehindert von meiner Behinderung sein zu müssen und mindestens kurz vor dem Status „Sterntaler ohne Goldregen“ zu sein, wegen meines Hartz 4 Lebens.
Man soll ja auch immer das Positive sehen.
Was daran positiv sein soll zu merken, dass ein Anspruch, der aus Diskriminierungsstrukturen herauskommt, denen ich mich bis heute nicht entziehen kann- egal, wie sehr ich es versuche will könnte hätte müsste – auf mich massiv bedrohlich, weil an lebensbedrohliche Ohnmacht erinnernd, wirken, kann ich an der Stelle zwar auch noch nicht sehen, aber vielleicht geht es auch nicht darum, das zu sehen. What ever. Ich hab was Positives gesehen- dann darf ich ja jetzt den Finger auf die Kackscheiße richten und sagen, dass die weg soll.

In diesem Fall: diese Person.
Sie erinnert mich an jemanden mit dem ich mal in einem Forum zusammen war. Ich hatte das Forum ihretwegen verlassen. Ich. Nicht diese Person.
Warum?
Weil so ein Verhalten wundergut in die “Ich scheiß auf political correctness – ich bin so rebellisch und wild – ich lass mir von niemand etwas sagen because – Meinungsfreiheit !!11!!!!1 – die wollt ihr jawohl nicht verbieten! Grundgesetz!!!11!1!1!” Ecke passt.
Natürlich will niemand die Meinungsfreiheit unterdrücken – aber wenn die “Meinung” [meist es ist ja keine wirkliche Meinung, sondern einfach nur das Gegenteil der Überzeugung einer anderen Person, weil man ja „aus Prinzip“ so rebellisch ist, das man immer erst mal das Gegenteil vertritt, um nicht zuletzt, vor sich selbst weiterhin super rebellisch und antiirgendwas zu sein] andere Menschen verletzt, dann kann sie nicht einfach kommentarlos stehen bleiben. In dem Forum aber blieb das so stehen. Warum ist mir egal- ich konnte es nicht verändern und hätte mich nur dran kaputt gemacht, es zu verändern.

Aus einem Forum, das mir nicht gut tut weil eine Person darin sitzt, die giftig für mich ist, zu gehen war leicht.
Ich habe gelöscht, was mir wichtig zu löschen war und den Account in Gedanken angezündet.

Twitter ist kein Forum. Mein Blog ist kein Forum.
Das sind _meine_ Kanäle mich mitzuteilen. Neben Facebook, mein einzigen Kanäle mich mitzuteilen.

Ich lese von Menschen, die mir sympathisch sind, die ich gerne mit in mein Bett und meine Küche, zu Partys und anderen spannenden schönen, vielleicht auch beängstigenden und traurigen Ereignissen mitnehme. Ich darf Anteil an ihren Leben nehmen, ich kann Kritik in einen Raum geben, der diese hinterfragt und/oder bestätigt, ich darf so etwas wie soziale Teilhabe haben. Ich kann gehört werden.
Außerhalb des Internet kenne ich nicht so viele Menschen. Ich habe keine Arbeit, bei der ich von einer Gruppe umgeben bin oder Ähnliches.

Das wird immer wieder so belächelt, wenn jemand sagt, er könne ohne Internet nicht mehr gut sein.
Wenn man sich aber ansieht, was so ein einziger Kurznachrichtendienst für mich tut, braucht man nicht mehr lächeln. Dann kann man sich zum Heulen in die Ecke stellen, weil einem klar wird, wie groß der Einfluss von Personen sein kann, die auf solche Kanäle toxisch einwirken (wollen).

Mir geht es dabei nicht darum, dass ich meine Beiträge für wichtig halte, sondern darum, dass es mir wichtig ist, sie (mit) zu teilen.

Das kann ich nicht gut, wenn ich dann immer wieder solche Impulse bekomme, die mir genau das aber im Grunde verbieten wollen.

Es ist jetzt halb 4 Uhr morgens.
Ich fühle mich bestohlen an Zeit, Kraft und geistigem Raum.

Einfach nur durch die Erinnerung daran, dass ich diese Person gemeldet habe.

Und das ist genau, was man keinem Gericht klar machen kann. Diese Personen brauchen gar nichts Konkretes mehr zu tun. Das, was sie schon getan haben, wirkt und wirkt und wirkt nach.

Gewalt ist so.

als sich einmal Parallelen verbanden…

P6190068“Seit in mir alles durcheinander brüllt und weint und schreit und krampft und zappelt, gehts mir so gut, wie lange nicht. “, dachte ich heute morgennacht, als ich auf meine Betäubung wartend im Bett lag und dem Hund beim Atmen zuhörte.

Ich denke, “Ich muss doch mal wieder was ins Blog schreiben.” Und dann: “Ja was soll ich denn da rein schreiben?
Die lesen doch eh, was sie lesen wollen oder können oder dürfen oder müssen, what ever.
Darf ich da reinschreiben, dass ich meinen Selbsthass gerade gut finde und einfach gar nichts anderes machen will? Oder kommt dann ein großer Zeigefinger aus meinem Bildschirm und schimpft mich “Du du du- das geht aber nicht, das ist gar nicht positiv und heilsam!”?”.

Ich hab auch über diese “das Böse in mir”- Geschichte nachgedacht und gemerkt, dass sie die “falschen” Leute gefragt haben. Und, dass es in dieser Frage niemand “richtigen” gibt.
Was auch immer DAS DA innen ist, es kann nur sein, was die Menschen und Mächte zu sein haben wollen oder müssen oder brauchen oder what ever.

Mit uns und mir hat das aber nichts zu tun. Es ist schlicht nicht die Wahrheit, weil es so etwas wie Wahrheit und Wahrhaftigkeit nur auf klitzekleinen subjektiven Inselparadiesen des Bewussten geben kann.
Ich weiß gar nicht, wie sie und wir und alles im Innen darauf gekommen sind, diesem Wahrheitending hinterher zu hechten. Das war nie unser Kurs und es war und ist immer klar, dass Wahrheiten keinen so großen Einfluss auf das Leiden an oder mit oder unter etwas oder jemanden haben, dass es sich für uns lohnt, dem im Hoffen auf Entlastung nachzukommen.

Ich weiß, was mich entlastet und das ist akut sehr hilfreich.
Ich denke mir, dass Köpfe geschüttelt oder Hände über eben jenen zusammengeschlagen werden, wenn man von den superdupermegaweiten und ja schon fast fertigen Rosenblättern liest, dass sie sich gerade nicht mit Skills oder anderen positiven Ressourcen helfen, sondern damit, einfach gar nichts mehr davon zu machen, was ihnen andere Leute irgendwann mal beigebracht haben.
Das ist als würde ich Zähmung loszuwerden versuchen und ich fühle mich gerade sehr gut damit.

Ich habe den nächsten Therapietermin abgesagt – das heißt wir müssen da erst in 3 Wochen wieder hin bzw. nö – eigentlich ist erst 3 Wochen wieder ein Termin vereinbart. Müssen muss ich und müssen wir gar nichts. Ich will mir überlegen, was wir da eigentlich machen und wozu. Ob das überhaupt noch unser Kurs ist oder zu einem wurde der uns nicht gut tut.
Wir haben in den letzten Monaten so viel angefasst und durchgeschüttelt, aber Zeit zum Verarbeiten und Sortieren war nicht genug und ich denke, dass da irgendwas schief ist, wenn die Frontgängerin, die eigentlich NIE irgendwas merkt, mehrfach sagt: “Ich bin müde, ich bin kraftlos blablabla…” und man dann doch in der nächsten Stunde wieder etwas Heißes anpackt, weil das Gespräch einfach irgendwie so verläuft.
Ich mag diese Therapie sowieso auch nicht. Ich war schon von Anfang an dagegen mich fragen zu lassen “Wer sind sie? Mit wem spreche ich?”, zu Gunsten von Gefühlen von Kontrolle und damit Macht über die Situation und irgendwie auch mich als eine Uns, nur damit man am Ende irgendwas Fremdes zu denken bekommt und das in sich selbst finden soll, obwohls vielleicht gar nicht da ist und auch nie war.

Ich hab keinen Bedarf an Labeln von außen für das, was uns hat viele werden lassen. Mich interessiert nicht, was eine Gesellschaft zu etwas sagt, das sie, wie es ihr beliebt “Gewalt” nennt oder “Notwendigkeit”. Mich kotzt die Verlogenheit dieser unserer Umgebung in Bezug auf Verletzung, Demütigung und Unterdrückung schon an, aber richtig schmerzlich und unaushaltbar wird sie, wenn sie unreflektiert bei uns landet und dann Teil einer Norm wird, die, wenn sie als solche in anderen Kontexten benannt wird, abgelehnt werden würde.
Zum Beispiel wenn ich eine Email schreibe, dass ich den Therapietermin absagen will und die Therapeutin erst einmal schreibt, sie würde den Termin verbindlich gelten lassen. Was soll das denn? Wenn ich beim Zahnarzt einen Termin absage, sagt auch niemand: “Nee, sie kommen gefälligst her, because Termin ist Termin”.

Es interessiert mich nicht, was da für Intensionen hinterstehen. Es interessiert mich nicht, in wie vielen anderen Fällen so eine Rückfrage SCHON LEBEN GERETTET hat. Mein Leben ist nicht mehr bedroht als sonst. Überraschung- es ist in echt immer gleich scheiße, gleich belastet, gleich schwierig, gleich kompliziert, gleich nicht nachvollziehbar.
Ich glaube, für manch eine Person ist es wirklich eine Überraschung, wenn sich herausstellt, dass wir ein Mensch sind und dann auch noch einer, dem es beschissen geht, auch wenn Twitter, Facebook und diverse andere Spuren des Wirkens das gar nicht vermuten lassen.
Dann ist es plötzlich ganz verwunderlich, wie schnell man die Stigmatisierung von Krankheit und Behinderungen aufgrund psychischer Faktoren überwunden hat, als die gegenseitige Ähnlichkeit sichtbar und bewusst wurde.

Und plötzlich ist es peinlich, dass man Sätze wie “Es geht mir nicht gut” oder “Ich brauche eine Pause” oder “Ich muss langsam machen” irgendwie immer hat untergehen lassen, wie Sahne in heißem Kakao.
Es ist peinlich- nicht schmerzhaft, nicht überfordernd, nicht enttäuschend wie für mich und uns.

Und dann sollen alle Seiten machen, dass es wieder ins Lot kommt, obwohl es nur um eine Seite geht.
Es hat nichts mit uns zu tun, wenn andere Menschen uns nicht auf die Art zuhören, wie man jemandem zuhört, der gerade Bedürfnisse äußert oder Schwierigkeiten schildert oder Anteil an den Kämpfen in seinem ganz realen, ganz greifbar auch schmerzvollem Leben gibt.

Alles, was wir sagen können ist das, was wir schon seit Monaten sagen: Wir trauern, wir sind ungerächt, wir sind überarbeitet und froh um jeden Tag an dem sich etwas, was auch immer, erfühlen lässt, am Leben zu bleiben.
Für jetzt ist es ein Herbstcomic jeden Tag und ein Vortrag, der hoffentlich anderen Menschen hilft, in 3 Wochen.
Und eben nicht: ein Seelenarbeits-  Seelenoptimierungs-  Seelenseziertermin nächste Woche, der wieder neu in Frage stellt, was man gerade noch irgendwie in den Händen hatte. Und eben auch nicht: das Blog, in das so viel Arbeit, Zeit und Herzblut fließt und doch nicht das ist, was hilft, wenn es mir und uns so geht, wie es uns gerade geht.

ein weiterer Faden

Ich habe heute morgen gemerkt, dass ich gerade das 16-17-fast 18 jährige in mir betrauere und bemitleide. Nicht, weil es so lange in einer Klinik sein musste, sondern weshalb es dort sein musste.

Als ich meinen Artikel über die Wahl zum Suizid geschrieben habe, gab es einen Kommentar,  den ich nicht freischaltete, weil er mich angebrüllt hatte. Da ging es darum, was man denn meiner Ansicht nach machen sollte, wenn sich jemand suizidieren will und man damit konfrontiert ist (die von mir aufgeführten Vorschläge zählten offenbar nicht als Idee)
Heute würde ich antworten, dass man Menschen auch Gründe und Perspektiven für ein Leben geben
und dafür sorgen muss, dass sie diese Perspektiven auch verfolgen können, wenn man von ihnen zu leben verlangt. Ansonsten ist der Anspruch an suizidale Menschen, gefälligst am Leben zu bleiben, nichts weiter als ein reaktionärer, egoistischer Kackscheißanspruchhaufen, der nichts mit dem suizidalen Menschen zu tun hat.

Als ich Ende 2002 in diese Kinder- und Jugendpsychiatrie kam, hatte ich keinen Sinn frei für solche Dinge und auch das hatte Gründe, die ich bis heute gut nachvollziehen kann. Selbst heute habe ich in ähnlichgleichen Lagen noch immer eher Suizidgedanken, -pläne, -ideen , als die Selbst-Sicherheit und die Möglichkeit mich allein zum Weiterleben zu befähigen.
Dass Leben so wahnsinnig viel mit Befähigungen zu tun hat, die weit mehr als kognitive oder körperliche oder auch soziale Fähigkeiten, die man auf irgendeine Weise erlernen kann, meint, habe ich durch diese Reise und die Gespräche mit der Kliniktherapeutin und auch der Klinikschulenlehrerin aus der Zeit, einmal mehr verstanden.

Zu der Zeit _konnte_ ich nur noch nicht leben wollen.
Mir sind einige Situationen gefallen, in denen ich mich heute “reaktives Hörnchen” nenne. Oder “flattrig zittriges Espenblatt”.
Ich hatte ja keine Ahnung von Traumafolgen, von Stressphysiologie und der Mechanik des Grauens.
Wenn man 16 ist, dann ist man genau in dem Stück Entwicklung, in dem Geister als Unfug markiert sind – der Lauf der Dinge aber, vor allem an sich selbst, so voller Zauber, Magie, ungreifbarer Wunder ist, dass das eigene Wachsen und Erkennen nicht nur auf der sozialen Ebene absorbierend sein kann.

Ich hatte keine Worte dafür, weil ich dissoziierte, was da in mir waltet. Damals habe ich von einem Tag vielleicht 5 bis 10 % bewusst aufgenommen und vielleicht 1% als Idee von dem Hauch einer Ahnung der Essenz des Lebens als Lauf der Dinge, aktiv in mir gehalten. Ich war von Angst absorbiert und bin es bis heute in gewissem Maß.
Heute kenne ich die Graustufen meiner Angst – ich habe eine Skala von Panik & Knock out bis Unruhe & Anpfiff zum Vermeidungstanz.
Die Skala damals war von […Wortlos…] bis Tavor/Fixierung/Paniksymptome.

Sogar die Medikamente kann ich jetzt mehr als Hilfe stehen lassen.
Nach dem, was ich von den jugendlich kindlichen Innens hinter mir aus dem Gestern ins Heute schwingen fühlte, müssen sie sich oft als eine Insel dargestellt haben, was mir wiederum die Benzodiazepinabhängigkeit als junge Erwachsene noch besser erklärt.
Wenn es nichts und niemanden auf der Welt gibt, außer eine chemische Reaktion, die zum Atmen und Wahrnehmen befähigt, wie es “alle” verlangen – tja, dann eben chemische Reaktion und das Gefühl “alle” zu belügen in Sachen “sich keinen Schaden zufügen”.

“Die Umstände, in denen ich leben musste, waren oft lebensfeindlich.”
Das ist mir als Gedanke auch gekommen und erklärt mir die Selbst-Bilder einer Assel, einer Kakerlake, eines grüngesichtigen Mutanten unter einzelnen jugendlichen Innens. Auch da wieder: eigentlich wussten und wissen sie: “Ich bin ein Mensch” –  sie wussten und wissen aber auch: “Was ich damals zu leben – zu überleben gezwungen wurde, hatte nichts menschenwürdiges, nichts menschliches – erfordert aber bis heute zum Teil noch Fähigkeiten, die nicht mit Menschlichkeit benannt werden”.
Es bestärkt mich noch einmal mehr darin meine Armut auch Armut zu nennen. Diese Lebensumstände, in denen es eben doch noch existenzielle Angst und globales Ausgeliefertsein ganz real greifbar immer wieder gibt, nicht zu relativieren, weil irgendjemand anderes eine andere Sicht darauf hat. Es bestärkt mich in meiner eigenen Einschätzung über mein Leiden und auch Leben. Wenn ich es als furchtbar wahrnehme, dann ist es furchtbar. Wenn ich das Gefühl habe, es ist unaushaltbar, dann halte ich es nicht aus.

Ich erinnerte mich daran, wie es nach der Entlassung aus der Klinik dort war und ich umgeben von Menschen, die Forderungen an mich stellten, denen ich nicht gerecht werden _konnte_. Wie das war, als es plötzlich hieß, ich würde hysterische Rollenspiele abziehen, um betüddelt zu werden. Als “alle Welt” (und ja, so eine Welt kann auch nur eine kleine Kreisklapsenstation umfassen, wenn sich sonst niemand mehr nach einem erkundigt und die Welt hinter dem Klinikzaun endet) dachte, ich würde es nie raus schaffen. Als “alle” davon ausgingen, ich würde nie 19 Jahre alt werden.
Ich hatte mich in zurück in das reaktive Hörnchen verwandelt, das die Zeit vor dem langen Klinikaufenthalt so gut überstanden hatte.

Klar, brauchte es Jahre zu glauben, dass ich mich auch als Mensch wahrnehmen darf. Klar, habe ich mich an Menschen gehängt, die mir ihre Selbstzerstörung als selbstverständlich heldinnenhaft vorlebten und bis heute anderen hilflosen, verzweifelten Menschen vorleben. Klar, habe ich jahrelang versucht in Arbeit, Leben und Leben lassen zu kommen, wie es die Gesellschaft ™ verlangt.
Obwohl diese mein Fehlen nicht merken würde, wie sie das Fehlen aller, die ohne Stimme sind, nicht bemerkt.
Selbstverständlich verzweifle ich regelmäßig daran, dass Forderungen an mich gestellt werden, die eine Veränderung an oder in mir meinen und negieren, dass ich auch in Reaktion auf Dinge, die um mich herum verändert werden müssten, lebe.
War doch die Erkenntnis auf etwas zu reagieren so ein wichtiger Schritt zu verstehen, was mit mir passiert.

Das ist die Wahl, die die Menschen treffen, die mit mir zu tun haben.
Entweder erkennen sie die Mechanik des Grauens in mir an und sehen meine Reaktionen [das Symptomcluster das letztlich dann DIS heißt] oder bleiben bei einer Sicht auf mich, die einzig das Außen umfasst und implizieren einen Plan, einen Willen, eine Absicht.
Manche Menschen sind vielleicht auch mutig und trauen mir je nach Situation beides zu. Lassen beides in meinem Leben und meiner Er-Lebensrealität einen Platz haben und erkennen an, dass uns nicht sehr viel unterscheidet.

Ich bin traurig darüber, dass ich, die heute jungen Innens, damals so wahnsinnig viel Angst hatten und haben mussten, obwohl wir uns in relativer Sicherheit befunden haben.
Ich bin traurig darüber, dass ich eine Bewertungsdynamik von außen erst jetzt in mir merke. Nämlich, dass ich selbst so oft zwischen HelferInnen*seite und Seite derer, die Hilfe brauchen oder erbitten, trenne und auch werte.

So drücke ich auch deshalb den Wert meiner Arbeiten und verlange weder aktiv Honorare noch bestehe ich auf angemessene Beiträge zur Unterstützung, weil ich ja nur veröffentliche, was in meinem stinkenden Höllenloch des “Inmitten von mir” gereift ist und raus muss. Ich habe ja nichts gelernt, bin ja nur aus Versehen überhaupt noch da.

Zum ersten Mal bin ich auch traurig darüber, dass ich mich selbst noch immer so sehr hasse, widerlich finde und bis heute über Platz im Herzen anderer Menschen wundere, weil ich etwas anderes noch immer nicht _kann_ – obwohl ich inzwischen auch keine Gesten, die etwas mit Wertschätzung meiner Arbeit oder auch meiner Person zu tun haben, ablehne, weil ich sie zu (er)tragen gelernt habe.

Ich bin traurig, dass ich erst jetzt auch merke: mein Selbsthass war nie die Entscheidung, die mir unterstellt wurde mit jedem: “Du musst dich einfach mal toll finden- geh doch mal raus- der erste Freund macht das alles gut- du musst dich mal zurecht machen, dann siehst du wie schön du bist – du musst nur mal glauben, was andere Positives über dich sagen”.
Mein Selbsthass ist genauso sehr auch Reaktion auf den Hass, der in mich eingebracht wurde, wie eingeschliffenes Muster der Selbstbetrachtung.

Es ist traurig und bitter, Hass als Motiv neben Erklärungen wie “hat eben auf etwas Falsches von mir reagiert” , “ich bin eben…”, “ich hätte halt…”, “er/sie/* ist ein kranker Mensch, deshalb….”, “er/sie/* wusste es nicht besser…”, “er/sie/* hatte ja auch keine andere Wahl…”, “er/sie/* ist SadistIn* und deshalb…” und so viele mehr, die wie ein Karussell in mir herumkreiseln, zu stellen.

„Es ist okay zu trauern“, denke ich.
Und starre mich gleichzeitig fassungslos an.

„… dass ich sowas _kann_ …“

Zurück in die Vergangenheit

Heute vor 10 Jahren lebten wir in einer Wohngruppe, in der wir eigentlich nicht sein wollten, eigentlich gar nicht gewollt waren und, die für uns überhaupt nicht konzipiert war. Wir hatten einen dünnen Faden zu einer psychologischen Beraterin in der Hand, konsumierten permanent Kaffee oder Tabak. Hier und da fuhr man für ein zwei Stunden weg.
Ohne, dass es jemand merkte. Oder verhinderte. Oder sonst irgendwas.

In dem Jahr hatten wir so viele furchtbare (beziehungs)retraumatisierende Erfahrungen zu kompensieren, dass ich heute kaum noch Platz für Zweifel an einer massiven Fähigkeit zur Dissoziation in mir habe.
Nach 1,5 Jahren Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig Holstein, zogen wir für 3 Wochen nach NRW, wo man sich mit uns übernommen hatte. Falsche Versprechen, zu hohe Anforderungen an uns und letztlich Verrat und Verlassen waren die Folge.
Es folgten 5 Monate Kinder- und Jugendpsychiatrie unter der Diagnose “histrionische Persönlichkeitsstörung”.
Es grüßte die Jahrhundertwende und hakte sich bei struktureller Misogynie unter, um der Realität von systematischer Gewalt und Ausbeutung an einer minderjährigen, völlig isolierten und perspektivlosen Person, nicht begegnen zu müssen.
Auch nicht direkt nebenan. Auf Station.

Ja. Es war furchtbar.
Und ja, selbstverständlich glaubte ich allen “draußen”, die mir sagten, es gäbe ein Morgen und ich könne handeln.
Die Tatsache, dass ich mit meinen 17 Jahren als massiv gestörte kranke unglaubwürdige Irre, absolut gar nicht handeln konnte, haben diese Personen, von dort aus der Ferne, nicht im Blick gehabt.

“Ich darf nicht voraussetzen, dass irgendjemand parteiisch für mich ist und gleichzeitig auch so mächtig, über mein Leben in meinem Sinne zu entscheiden.” – Erkenntnis einer 15 Jährigen, die auf Bäumen schläft, um sicherer zu sein, die sich erneut bewahrheitete.

Irgendwann war dieses Jahr natürlich vorbei.
Ich wurde 18, 19, 20 … dieses Jahr, 28 Jahre alt.

In mir drin sitzen bis heute Innens, Jugendliche, wie einzelne Kinderinnens, die sich all das – all die Psychiatrieerfahrungen, all das Verlassen und Verratenwerden, die Gewalt durch Personen, von denen man abhängig war und vor denen man nicht fliehen konnte, sowie die Notwendigkeit von TäterInnen*kontakten und anderen Arten der Selbstzerstörung – mit “dem Bösen” in sich, unter uns, in mir als Einsmensch, erklären.

Morgen steigen wir in den Zug und machen eine Reise in die Vergangenheit, um ein paar Fäden ins Heute zu nehmen und damit am Morgen zu knüpfen.
Denn, wenn jemand „das Böse“ in uns gesehen hat, dann eine der Personen, die wir in den 3 einhalb Tagen dort treffen werden.

Es tut schon jetzt weh.
Lässt mich nachts aus Träumen von Kämpfen mit einer Fixierungsliege oder vielen Personen gleichzeitig hochschrecken. Ich muss immer wieder meine Anspannung runterschrauben. Das schrille Fiepen in meinem Kopf mit Watte und Federn einwickeln. Manchmal von NakNak* beruhigen lassen.
Ich schlafe ein und mir ist schwindelig. Ich wache auf und mir ist schwindelig.

Ich sehe keine andere Möglichkeit mich anzunähern.

 

 

 

Ich hoffe so sehr, dass wir das Meer sehen werden.
Und in den Zug zurück zu NakNak*, unseren neuen Herzmenschgemögten, unserer Therapeutin, unserer dreckigen Muchtelbude, den Mimosenbabys und all den Eulen, steigen.

was “Objektivität” mit Opferfeindlichkeit zu tun hat oder: Wovon die “false memory syndrome foundation” lebt

“Auch Jennifer Freyd hat ein wichtiges Buch zu diesem Thema geschrieben. Sie ist die Tochter der Eltern, welche die False Memory Syndrome Foundation gegründet haben, eine international sehr mächtige pressure group von angeblich zu Unrecht des Missbrauchs bezichtigten Eltern. Jennifer Freyd hat ihre Eltern nie öffentlich angeklagt. Die Eltern sind in die Offensive gegangen und haben eine Stiftung ins Leben gerufen, die ausschließlich mutmaßliche Täter verteidigt und mit sehr viel Geld eine pseudo-objektive, tatsächlich aber opfer-diffamierende Öffentlichkeitskampange finanziert.”
[aus “Wege der Traumabehandlung” v. Michaela Huber]

Im Blog von Paula und Co gibts heute einen Artikel zur FMSF, den ich wichtig finde, weil er sich an HelferInnen* und UnterstützerInnen* richtet, die sich mit der Frage befassen, ob denn wahr sein kann, was sie von Menschen erfahren, die von Gewalt berichten.

Es gibt wenig klar umrissene Punkte über die sich so offen (salonfähig, gesellschaftlich (heimlich) akzeptiert) opferfeindlich geäußert werden kann, wie mit der Frage nach der Wahrheit der Ereignisse, die jemanden offiziell zum Opfer erklären, denn Wahrheit, ist etwas, das zu definieren sehr schwer ist. Vor allem, weil sie etwas anderes als Fakten ist.

Die meisten Menschen, mit denen ich mich über rituelle und sexualisierte Gewalt unterhalten habe und, die selbst nicht diese Erfahrungen machen mussten, dachten, sie fragten sich: “Ist das denn wahr?”.
Sie würden diese Ereignisgewalten als wahrhaft anerkennen, wenn sie sie selbst (mit)erfahren hätten, oder wenn diese Ereignisse reproduzierbar wie Umstände wäre, die Fakten hervorbringen. Es sich also um etwas wie das Phänomen handelte, das Wasser zu Eis verwandelt, wenn man es in den Froster stellt.
Letzteres ist noch eine sehr junge Art Wahrheit zu betrachten und findet ihre Ursprünge darin, dass Wissenschaftler(Innen* –  es waren erst einmal nur Männer, was mit dem Patriarchat  in dem wir Menschen im Westen leben (bis heute!) zu tun hat ) als Personen gelten, die Wahrheiten erforschen und Glauben(sinhalte) widerlegen bzw. berichtigen. Darauf könne man sich verlassen, denn Wissenschaft sei objektiv.

Nun ist es aber so, das nichts objektiv ist. Objektiviert, ja. Objektifiziert, ja. Aber so etwas wie “die Objektivität” gibt es nicht. Kann es gar nicht geben, weil jeder Mensch auch Subjekt seiner eigenen Wahrheit, Ergebnis seiner eigenen Sozialisierung und gesellschaftlicher, wie auch kultureller Konvention ist.
RichterInnen* sprechen kein Recht, weil sie die Wahrheit objektiv erfasst haben, sondern weil es Gesetze gibt, für das, was die unparteilich richtende Person aus dem, was ihm die klagenden Parteien schildern, gemäß der eigenen Lebensrealität und daraus folgend: seiner eigenen Wahrheit, zu rezeptionieren fähig ist. Gleiches gilt für AnwältInnen* und nicht juristische FürsprecherInnen*.

Wenn ich mit Menschen über die Schilderung von Gewalt anderer Menschen spreche, dann sage ich, dass es sich immer und in jedem Fall um die Wahrheit der Menschen handelt und frage nach, ob sich die Frage nach der Wahrheit bzw. der Wahrhaftigkeit auf Fakten bezieht, oder darauf, vor etwas zu stehen, das nicht mit der eigenen Wahrheit (die sich aus einer bestimmten Lebensrealität speist) in Verbindung zu bringen ist.
Meistens sagen die Menschen dann, dass es tatsächlich mehr darum geht, dass für so furchtbare Ereignisse absolut kein Anknüpfungspunkt in der eigenen Lebensrealität gesehen wird und es deshalb schwierig ist, die Wahrheit anderer Menschen anzuerkennen.
Ich habe aber auch schon mit Menschen gesprochen, die nichts von eigenen Wahrheiten halten. Was für diese Menschen zählt ist “Objektivität”, was in aller Regel Fakten in Form von Studien- und Untersuchungsergebnissen meint und ganz eigentlich sogar nur eine Sicht meint: die es gut situierten, weißen, heterosexuellen Cis-Mannes (mittleren Alters), auf dessen Blick auf die Welt, sämtliche westliche Forschung aufbaut und aus dessen Wahrheit heraus sich die Mähr der Objektivität überhaupt erst hat entwickeln können.
Irgendwann ist es einfach passiert: aus der weißen männlichen Subjektivität, die mittels Wissenschaft hinterfragt und/oder bewertet werden sollte, wurde urmännliche Objektivität, die fortan zur Wahrheit im Gewand des Faktes auftreten sollte.

Es gibt diesen einen global blinden (obwohl heute oftmals schon einmal angeleuchteten) Fleck in der Wissenschaft und zwar Gewalt bzw. Diskriminierungen
Je kleiner und unfähiger zur Bildung einer allgemein wahrnehmbaren Masse, die zu untersuchende Gruppe ist, desto wahrscheinlicher wird diese nicht in den Genuss kommen, ihre Lebensrealität und die daraus entstehenden eigenen Wahrheiten in Form von Fakten abgebildet zu sehen.
So entstehen zum Beispiel gerade im Bereich der rituellen Gewalt, die mit explizit antichristlicher Ideologie durchzogen ist, einerseits Anerkennungsdynamiken in unserem christlich kultivierten Land, gleichzeitig aber genau auch nur daraus resultierende Blindheit für zum Beispiel christlich fundamentalistisch motivierte rituelle Gewalt, oder die Rezeption dieser Art Gewalt, als ein Angriff auf “die Grundwerte” Deutschlands. Da geht es in der Argumentation dann sehr schnell darum zum Beispiel satanistischen Kulten eine antidemokratische Haltung zuzusprechen, auch wenn solche Kulte sich selbst vorgeblich als lediglich antichristlich wahrnehmen und (zu recht) aufgrund der “Trennung” von Kirche und Staat in unserer Demokratie™ als nicht an staatliche (demokratische) Werte gebunden.

Das gleiche Muster ist in Bezug auf sexualisierte Gewalt (an Frauen und Kindern) zu finden.
Einerseits wird anerkannt, dass es Vergewaltigungen und Verletzungen von Personen aufgrund ihres Genitals und das daran geknüpfte soziale Geschlecht gibt- andererseits gebietet es die Abwertung dieses sozialen Geschlechtes “Frau” und der Adultismus, der sich auf Personen unter 14 ergießt, diese Verletzungen nicht selbst beurteilen zu können.
Die Definitionsmacht liegt in Bezug auf Personen, die als Frauen angesprochen werden darauf, das eine der Objektivität (und eben nicht dieser hysterischen Subjektivität) verpflichteten Person (am besten (cis-)männlich, mit Macht und Würde) diese physischen (genitalen) Verletzungen (etwas anderes zählt nicht, weil Psyche individuell und ergo nie mit 100%iger Sicherheit in objektive (wahrhaftige) Kategorien pressbar ist) als existent und ergo geschehen und ergo wahr markiert.
Bei Kindern ist es tendenziell jede Person, die erwachsen ist oder als erwachsen gelesen wird.

Gruppierungen wie die false memory syndrome foundation machen sich genau diese Diskriminierungsdynamiken zu eigen. Und zwar zum Einen, weil sie es (aus Gründen) wollen und zum Anderen, weil sie es können und zwar mit wenig Aufwand und unter Einbeziehung der gesamten westlichen Kultur, die die Wissenschaft als (einzigen) Wahrheitsträger, Wahrheitsfinder und Wahrheitsdefinierer anerkannt hat.
Interessenvertretungen wie die FMSF bilden keine pressure groups, weil sie basierend auf Fakten eine große Gruppe von Personen, die zu Unrecht angeklagt/ angezeigt werden darstellen [vgl. hierzu die polizeiliche Untersuchungskommission von New York, 1974 und die Untersuchungen zu Falschanzeigen von Vergewaltigungen in Deutschland von Volk, Hilgarth und Kolter 1979, die zu dem Schluss kommen, dass nur 2% falsche Anzeigen waren – ergo 98% aller Meldungen Anzeigen sexualisierter Gewalt tatsächlicher Taten sind], sondern, weil sie es schaffen die anzeigende Person nicht offen eine/n/* LügnerIn* zu nennen.

Das false memory syndrome wurde genau dazu erfunden, die Glaubwürdigkeit von Personen, die durch ihr soziales Geschlecht und/ oder ihre gesellschaftliche Position in ebendieser bereits als abhängig von der Definitionsmacht überlegener Personen stehen, herabsetzend darzustellen und zwar über das Mittel der Pathologisierung und/oder dem sehr wirksamen Mittel der Deutung und Bewertung der Kontexte, in denen sich diese abhängigen Personen befinden.
So wird vertreten, das Psychotherapie Misshandlungsideen kreiere und die PatientInnen zu krank/so kognitiv dissonant/ zu ungebildet/ zu verwirrt sind, diese vom eigenen Erleben (und ergo Erinnern) zu trennen oder zu (emotional) abhängig von ihren BehandlerInnen sind, um diese Ideen eben nicht offen von eigenem Erleben (und Erinnern) abzugrenzen.
Ich komme nicht umhin einen Puls durchs Dach und einmal um den Erdball kreisend zu haben, ob dieser Unverschämheit, sich über die Wahrnehmung (und das subjektive Selbst) von Personen zu stellen, die sich in psychotherapeutische Behandlung begeben, und dem Implizit, dass PsychotherapeutInnen sich gezielt, um anderen Menschen (die sie nicht einmal kennen oder von deren Leiden sie selbst in irgendeiner Form profitieren, außer in ihrer Fantasie- was aber auch ohne den Aufwand der PatientInnenmisshandlung funktionieren würde) zu schaden, die Mühe machen, ihren PatientInnen irgendwas einzureden.

Ich vertrete die steile These, dass Menschen, die tatsächlich zu krank/so kognitiv dissonant/zu verwirrt/zu ungebildet sind, um fremde Ideen nicht von sich selbst zu trennen sind, ebenfalls nicht in der Lage sind, das Unrecht an sich zu erkennen, eine juristische Vertretung für sich zu finden, Tathergänge zu schildern, Beweise zu liefern, Anzeigevernehmungen und Klageverfahren durchzustehen. Nicht alleine. Nicht ohne, dass noch eine unbeteiligte Person noch mal und noch mal auf die Beziehung in der Psychotherapie zu schauen wagt.
Vor allem an dieser Stelle zeigt sich die unterschiedliche Wahrnehmung von Vorgängen rund um Lebensrealitäten von diskriminierten Personen, die zu Opfern von Gewalt wurden.

Was für ein einfaches Leben muss jemand haben- wie viele Erfahrungen von “ich sage etwas- dann passiert auch etwas und in aller Regel genau das, was ich will”, eine Person gemacht haben muss, um zu dem Schluss zu kommen: “Es muss nur einziges Mal jemand sagen: “Ich wurde von XY misshandelt” und zack landet XY im Knast (und es hat genau die Auswirkungen, die dieses jemand wollte)” , kann ich mir nur aus der Ferne überlegen.

Einige Kritik an der FMSF wird meiner Ansicht nach auch fehladressiert.
Es ist natürlich zu kritisieren, dass diese Gruppe propagiert, Erinnerungen könnten produziert werden und es gäbe nicht so viele Fälle von sexualisierter Gewalt, wie immer und überall geschildert – andererseits gibt es auch für das öffentliche Bild keinerlei Entsprechung für das Gegenteil. Und es ist nun einmal das öffentliche Bild, welches die Subjekte produziert, die dann “objektiv” richten/werten sollen.

Natürlich taucht mit schöner Regelmäßigkeit eine Studie auf, die uns Alarme schlagen lässt. Selbstverständlich gibt es inzwischen neurophysiologische Belege für die Phänomene um Dissoziation, PTBS und komplexe wie chronische Traumatisierungen, aber welchen Effekt haben diese blitzblank objektivierten Ergebnisse auf die Lebensrealität der Menschen im Alltag?

Wenn ich mich als Opfer von Gewalt mit meiner Expertise als Opfer von Gewalt in Fachkreise einbringen will, gilt diese Expertise nicht. “Zu individuell” heißt es dann. “Wollen wir nicht, brauchen wir nicht. Nicht wissenschaftlich genug”.  Meine Gespräche mit HelferInnen*, JuristInnen*, RichterInnen*, BeraterInnen* und anderen Betroffenen gelten nicht etwa als fachliche Korrespondenz oder gar als Beratung.
Weil ich keine “objektive” Sicht habe, gilt sie nicht.
Sie gilt nur als Opferwahrheit und wird damit mehr oder weniger bewusst, abgewertet.

Als objektiv gilt, wer die Macht hat, seine subjektive Wahrnehmung um ein Objekt, als objektiv zu bezeichnen.

Deshalb ist auch der Anspruch an Menschen, die von anderen Menschen als FürsprecherInnen* oder BegleiterInnen* gewählt wurden, objektiv zu sein so falsch.
Dieser Anspruch zwingt MedizinerInnen*, JuristInnen*, (Psycho-) TherapeutInnen*, BeraterInnen*, Hebammen und überhaupt alle Menschen, die andere Menschen begleiten, in eine Position,in  der sie selbst unter Umständen, Menschen beistehen müssen, die sie aber selbst verachten, ablehnen, abwerten und von ihren zu Begleitenden nicht als verachtend, ablehnend, abwertend handelnd markieren können.

Objektivität ist also auch ein Wegbereiter in das silencing – ins Wort- und Stimmlos machen von Personen, die sich an Personen wenden, um durch ihre Stimme gehört zu werden, weil es die Abhängigkeit der Personen voneinander zementiert und immer wieder zu einem Schauspiel um (Definitions)Macht führt.

Personen, die Gruppen wie die FMSF unterstützen, begründen ihr Engagement damit, dass sie wollen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Dass niemand zu Unrecht einer Strafe zu geführt wird.
Das ist toll und etwas, was unser Rechtssystem und auch unsere Gesellschaft wünscht und ergo unterstützt. Zum Beispiel in dem man “False Memory Deutschland” eine Gemeinnützigkeit anerkennt, weil diese keine StraftäterInnen* unterstützt und/oder schützt.

Dass sie dieses aber auf dem Rücken von tausenden Personen, die es aufgrund der von dieser Gruppe verbreiteten Falschinformationen und Ausnutzung bestehender Diskriminierungsstrukturen, nie und nimmer nicht überhaupt jemals auch nur in die Nähe von Sichtbarkeit und Anerkennung ihrer Lebensrealität als zu Opfer von Gewalt gewordenen Menschen schaffen, ist verabscheuungswürdig und ein Skandal, wie er nur in Kulturen passieren kann, denen eben jene Lebensrealitäten mitsamt der damit einhergehenden Subjektivität wertlos sind.

zum Begriff “Überlebende”

Es war eine Frage bei der Openmind Konferenz. Wie ich zu dem Begriff “Überlebende” stünde.
Mich hat es noch ein bisschen beschäftigt und jetzt kommen nachträglich  ein paar Worte von mir dazu.

Ich habe mich von dem Begriff für mich gelöst. “Überlebende” ist keine Selbstbezeichnung mehr für mich.
Eine ganze Weile fand ich den Begriff gut, weil er mir als Alternative zum Wort “Opfer” erklärt wurde und er auch die Wucht dessen, was ich erfahren habe, damals irgendwie passend transportierte.
Ich hatte ein Wort gesucht, das nicht nach Passivität klingt oder darüber definiert wird.

Und dann hatte ich mich an etwas erinnert, das mir klar machte, wie profan Über- und Weiterleben eigentlich ist.

Es ist keine Leistung und auch keine Fähigkeit zu überleben oder überlebt zu haben.
Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber mich macht der Versuch des Empowerments mit dem Satz: “You are not a victim – you are a survivor” inzwischen richtig wütend, weil er sich der simpelsten aller Maschen bedient, die das Sprechen und Verdrängen um Gewalt und ihre Folgen an sich hat: Abwertung von Opferschaft und der Implizit diese wählen zu können.

Der Satz könnte besser heißen: “You were a victim and you survived”.

In meinem Vortrag sagte ich, dass es keinen einzigen Begriff gibt, der Menschen, die zu Opfern wurden, in ihrem Leben nach der Gewalterfahrung benennt, ohne sie immer wieder als eine Person, die akut etwas oder jemandem unterworfen ist, anzusprechen.
Das ist die “ganz oder gar nicht”- Logik, welche die Macht – Ohnmacht – Dynamik mit sich bringt: Einmal Opfer immer Opfer- oder es ist nie etwas passiert.
Genau daraus kommt aber eben auch die Notwendigkeit, immer wieder auf das Gewaltereignis hinweisen zu müssen, um es (mit) zu erwähnen, wenn man sich selbst als Mensch, der zum Opfer wurde, beschreiben möchte, oder seine Perspektive erklären will.

Mir ist es heute natürlich nicht unwichtig, dass ich zum Opfer von Gewalt wurde. Es ist mir aber nicht mehr für andere Menschen wichtig, die mich mitsamt meiner Erfahrungen und Wuchsrichtungen anerkennen sollen, sondern für mich, um meine Erfahrungen vor mir selbst zu bewerten und auch zu beworten.

Für mich war dieses Überleben, das so oft fast glorifiziert herausgestrichen wird, zum Teil fast schmerzhafter als die Nahtoderfahrung vorher.
Zugeschwollen und blutend zu sich zu kommen ist auch “überlebt haben”.
Das Moment in dem man seine Glieder einsammelt und an sich dranbewusstet; das sich fragen, ob man da ist, oder nur so tut, oder sich selbst gerade träumt. Das ist auch “überleben”.
Es tut weh. Es ist vielleicht mit dem größten Ekel, den man je empfunden hat, verbunden. Es ist ohne Hoffnung, ohne Gedanke … es ist so verdammt weit weg von einem warmen Licht am Ende eines Tunnels, der einen ins Überlebendenwunderland mit Bällebad und Zuckerwatte führt.

Ich war 21 Jahre lang genauso Opfer, wie Überlebende und keins der beiden Wörter reicht an das heran, was ich an mir in Bezug auf das, was diese Erfahrungen mit und an mir gemacht haben, wahrnehme.
Ich bin weder stärker geworden, noch zäher, noch bin ich davon gebrochen oder zerstört worden. Es war mein Leben. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich bin eine “damit lebende”. Manchmal bin ich auch eine “damit versuchen zu lebende”, eine “damit hadernde” und manchmal bin ich auch eine “darunter leidende” Person.
Aber ich bin eine “Eine”. Ich bin immer ein Mensch, der unter bestimmten Bedingungen gewachsen ist, wie jeder andere Mensch auch.

Ich bin nicht an der Reihe mich und die Gewalt sichtbar zu machen.
Die Welt ist an der Reihe mich und andere Menschen, die zu Opfern wurden, die Gewalt und das Leben mit ihren Folgen zu sehen, auch wenn wir das nicht immer wieder sagen.

Perspektive 5

SadistInnen* arbeiten mit Sichtbarkeit. Sie sind sehr gute BeobachterInnen* und haben ein Gespür für die Art, wie Menschen funktionieren. Wie ihre Opfer funktionieren. Wie, was und wann ihre Opfer fühlen, sehen, hören, bewusst und sicher wahrnehmen.
Man kann vor ihnen keine Geheimnisse, keine Privatheit, keinen Alleinbesitz haben. Kein Alleinbesitz sein. Manche machen einen zu ihrem Besitz und manche zu sich selbst.
In jedem Fall ist die Person nicht sie selbst. Sie kann gar nicht sie selbst sein, denn die sadistische Person bestimmt und reguliert alles Fühlen, Denken, Werten, Sein. Wie man es mit Puppen tut.

Der sadistische Mensch spielt mit den Reizen, die unwillkürlich sind, um (Lust)Befriedigung zu empfinden und im Kern seines Opfers sitzt etwas und spielt das “Kuckuck- Spiel”.
Eine Demütigung für SadistInnen* muss es sein, wenn ihre Opfer bewusst klar bekommen, dass sie für diese Menschen mehr Symbol als irgendetwas anderes sind. Wenn ihnen die Differenz zwischen dem, was die SadistInnen* sehen (wollen/müssen) und dem, was für sie aber eigentlich nur sichtbar sein kann, bewusst wird.

Wenn man Hunger hat, findet man Dinge, die man sich in den Mund stecken kann.
Irgendwann.
Aber egal, wie man sich bemüht, das zu verstecken, zu verschleiern…
“Es wird gesehen, wenn man keinen Hunger mehr hat.”,
sie macht sich hart, ohne Bedürfnis, ohne Sprache und hält die Hände vor das zugeschwollene Gesicht.

Kuckuck – Wo ist der Kern, der zu zerstören versucht wird?

Daaaaa ist er!
Weit hinter dem, was überhaupt versichtbart werden kann. Egal, wie weit gespreizt, gebohrt, gerissen, gefetzt, zur Anpassung gezwungen wird. Egal, wie sehr der Linsenfokus brennt. Egal, wie vernichtend Wertung, Demütigung und Sinngebung wirkt.
Dieser klitzekleine Kern spielt nicht für die sadistische Person das “Kuckuck-Spiel”, sondern allein für und vor sich selbst. Um sich zu schützen, sich zu bewahren, ohne es bewusst zu spüren oder zu wissen.

Ich glaube, ich verstehe, warum wir vorsichtshalber lieber kaum etwas sehen [die dissoziative Blindheit], unbeeinflusst hören [der Tinnitus] oder sicher wahrnehmen und bewegen [die Schwindelattacken], noch unkommentiert bewerten [das Rauschen der BÄMs].

Könnte ja sein, jemand sieht das.

Ende

Perspektive 4

“Wieso spreche ich hier?”. Sie hatte sich vorgenommen, sich jedes Mal diese Frage zu stellen, wenn sie irgendwann mal – in “einer Zillion Jahren” – eventuell vielleicht – die Gelegenheit dazu bekäme.

Es ist sinnlos sinnlos sinnlos
BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM

“Weil es Menschen verletzend ist.”

Unreehehehehehehehehehehecht
BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM

“Weil sonst niemand drüber redet.”

Und dass das so ist, sagt dir nichts du
BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM

“Weil es etwas verändern helfen könnte”

Das hier zu ändern, ist
BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM

“Weil ich Glück hatte. Weil die Menschen mich nicht kennen und keine Ahnung von mir haben und lieber im Nachhinein bereuen, als Angst vor ’nem Griff ins Klo zu haben”

Du bist so eine
BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM

ES IST SINNLOS
ALLES WAS DU TUST IST SINNLOS

ES HAT KEINEN WERT
ES GEHÖRT NICHT ZU DIR

ES HAT NICHTS MIT DIR ZU TUN
DU GEHÖRST NICHT DAZU

BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM BÄM

“Ich will nicht, dass die Sprache, das Leiden, die Gewalt so bleibt, wie sie ist. Für die, die es betrifft. Wir müssen nicht sie sein und hier hergehören, um Dinge verändern wollen zu dürfen.”

Und was es bringt siehst du … exaaaaakt….
jetzt

Nachrichtenportal
Fernsehen
Zeitung
Interviews
Expertentalk
Verbündetensprech

das riesige Loch
wo mal Solidarität mit ihr war
bevor sie mit allen anderen solidarisch wurde

Dort, wo sie sich sicher fühlt, gibt es kein Licht. Keine Notwendigkeit für Augen.
Um zu tun, was sie zu tun für wichtig hält, muss sie nichts und niemandem ins Gesicht schauen.
Sie spricht mit der Menschheit, dem Kontext.

es gibt keine “Mauer des Schweigens”

“Hinter den Mauern des Schweigens, passieren grauenhafte Taten” und das Auge erfasst eine Mauer.

Nein.
Ich mache die Augen zu, weil da keine Mauer ist. Nie war.  Da waren grauenhafte Taten. Da war Schweigen. Ist. Aber da war keine Mauer. Ist keine Mauer.

Wer spricht verhält sich. Wer sich verhält ist wahrnehmbar. Auslösend. Agierend.

Ich wollte verstehen. Will verstehen, was da passierte. Ich will die Dynamik verstehen. Nicht, um sie zu verändern oder eine Schuld genau erfassen zu können.
Es ist vorbei- ich habe nichts vom Schuldbegriff. Nie gehabt.

Ob ich .wir. jemals gesagt habe: “Ich will das nicht. Lass das.”, weiß ich nicht.
Ich erinnere eine Szene, in der ich wählen sollte, wie er mich bestraft. Ich hatte in ein Stück Käse gebissen und es wieder zurück in den Kühlschrank gelegt. Er sagte: “Links oder rechts?” Und ich fing an zu weinen, weil ich “gar nicht” dachte und wusste, dass das nicht seine Frage war. Nicht die Wahl, die ich zu treffen hatte. Ich wusste das. Wusste, dass jedes Wort von mir ein Agieren .Verhalten. gewesen wäre. Mein Weinen und nichts sagen, waren meine einzigen Mittel auszudrücken, dass ich nicht auf dieser Basis mit ihm interagieren wollte.

Schweigen ist keine Mauer. Schweigen ist einfach nichts. Ein Nichts, das da ist und nicht weggeht. Aber auch nichts, das auf nichts zeigt oder eine Hürde darstellt.

Mein .unser. Schweigen war nie absolut. Es gab .gibt. immer Körpersprache, Kunst, Geschichten.
Menschenkörper sind keine luftdichten Gefäße für die Seele, für Schmerz, für die Folgen von Gewalt.

“Das Schweigen der Opfer” gibt es nicht.
Es gibt zu wenig Raum, in dem sich Menschen, die Opfer geworden waren, verhalten dürfen.

Zu wenig Raum, in dem ihre Worte nicht nackt und klamm unter tausend Augen stehen, bereit seziert, analysiert, ausgewertet zu werden.

Zu wenig was neben ihren Worten stehen kann. Um sie zu schützen. Um ihre Anwesenheit zu markieren.

Mein Sprechen und Beworten wurde von je her von einem Werkzeug mich zu verhalten, zu einem Werkzeug mich zu verletzen, mit Schuld zu beladen und in Todesangst zu halten gemacht.
Von Menschen.

Die geschützt werden von der Auffassung mein Schweigen, mein Tatschweigen, sei eine Mauer.
Letztlich ist es diese Auffassung, die eine Mauer bildet, hinter der diese Menschen Grauenhaftes tun können.
Von dieser Mauer kommen die Steine, die mit jedem “Wenn sie nichts sagen…” auf die Menschen, die Opfer waren, geworfen werden.