zweitausend

“Kinder spielen
die Riesen sind geduldig
und die Welt flirrt bunt

gewickelt in Zipfeln aus Zeit ist ein Mädchen versteckt
und schläft und träumt- und wird gefunden.
im alten Garten, der keine Grenzen erbaut
von wilden Augen
die Hände tasten Haut, ganz rissig von all den Jahren

aus dem Körper gestoßen, fliegt es in den Himmel

dort tanzt es mit Elfen und träumt und träumt
und vergisst, dass es träumt
und, dass es wachte, als es dachte
es würde schlafen und träumen, wie jetzt”

 

#diaryslam
ca. 2001, Kladde, liniert, verschiedene Schriften, verschiedene Stile in spezifischen Formaten
Diagnose „Anpassungsstörung“

Dekonstruktion am dissoziierten Selbst? für mich problematisch

Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ich eine ganze Portion Dekonstruktion, Abgrenzung und Wut aus Gründen wahr- und mitgenommen habe.
Vielleicht ist mein Anspruch zu hoch, meine Forderung falsch oder ach- vielleicht gibt es eine Art “Fuck off”, das einfach über Dekonstruktion, Findung und Wahrung des eigenen Standpunktes hinausgeht.

Ich weiß gar nicht- bewege ich mich im Alltag in einer queeren Szene? in queeren Kontexten? Offenbar nicht.
Bin ich queer? Keine Ahnung. Aber ich mag queer als Label für mich. Neben anderen.

”Bin ich?”, ist meine Frage. Jeden Tag. Mehrfach. Und absolut ohne Ironie oder philosophische Intension.

Vielleicht war es ein Overload für mich, mich gleich mehrere Tage in eine soziale Umgebung zu bringen, in der vieles? alles? über Awareness (Bewusstsein) und Konsens laufen möchte.
Ich habe gemerkt, dass ich den Wunsch nach kollektivem Bewusstsein mit einer fremden und doch total vertrauten Sprachlosigkeit beantworte. Ich wurde reaktiv, habe öfter als nötig die Luft angehalten, hatte ständig Angst jemanden zu verletzen oder Gewalt unbemerkt zu perpetuieren und am Ende gab es diese Angst die soziale Luft zu berühren.
Natürlich habe ich weiter gesozialt – dafür war ich ja im Sommercamp und immer war es am Ende gut und bereichernd.

Aber die Angst war da und arbeitete in meinem Angstgehirn.

Leben triggert und so auch diese Art zu leben in diesem kleinen Zeitraum.
Ich habe mein Innenleben nicht mehr gefühlt und aufgefallen ist mir das erst, als mich jemand das über Twitter fragte, der auch Viele ist.

“Bin ich noch, wenn ich mein Innenleben nicht mehr fühle?” – eine Frage, die mir erst jetzt mit meinem Bewusstsein für mein Viele- sein möglich ist.
Früher habe ich mich das nie gefragt. Ich “war” einfach und all mein Bewusstsein war nach außen gerichtet. Niemanden wütend machen, Balance im Außen haben, Anpassen, einstellen, re-agieren. Es war egal, ob mein Innenleben schreit und ich mit meinem Da-sein wie eine Art Korken auf einem Vulkan sitze. Ich habe nicht gespürt, was ich mir damit antue und es erschreckt mich, nein- es tut mir leid, dass ich es irgendwann nicht mehr gemerkt habe.

Für mich sind die Politiken, mit denen sich die queere Szene ™ auseinanderfetzt; neben- wie durcheinander und gegenübersetzt eine Welt, die ich mit mehr Entfernung betrachte.
Vielleicht.
Ich hab keine Ahnung. Irgendwie ja, irgendwie nein und ganz irgendwie bin ich selbst doch weder Fisch noch Fleisch noch Sojabratling.

Ich bin bewusst für Diskriminierung, Ausschlüsse, Umstände und Gewalten, Gründe für Gefühle von Verletzung und Einschränkung.
Bilde ich mir ein.

Wenn jemand dekonstruiert oder einfach nur kaputtschlagen mag, was mich zusammensetzt, ist das kacke und ein Übergriff, der unbenennbar ist, weil Dekonstruiertes in der Regel noch nicht kollektiv einheitlich benannt und/ oder bekannt ist. Ergo stellt sich das gleiche Problem, wie ich das lange mit dem Körperteil “Vulva” hatte: Was keinen Namen hat, _ist_ nicht.

Besonders krass trifft  mich sowas, weil ich mein ICH als etwas, das ich konstruieren bzw. als Konstruktion wahrzunehmen zum Ziel habe.
Es ist nicht so, dass ich ein Bild von mir (als ein Ich) habe und das nur mal hier ein bisschen und mal da ein bisschen neu sortieren muss oder in einem Kontext neu oder anders positionieren muss.

Vielleicht liegts daran.
Ich hab keine Ahnung.

Ich bin viele Identitätswahrnehmungen- positionierungen- stati und – zustände gleichzeitig.
Vielleicht kam die Angst aus dem Viele gleichzeitig sein- dem alles gleichzeitig passen und genau deshalb wieder nicht passen- sein.

Ich habe den jugendlichen Anarchisten gefühlt, der sich zum ersten Mal irgendwie genau richtig zwischen den Trans*menschen gefühlt hat, und aber gleichzeitig scheiße, weil er meine lila Sneaker und den Jeansrock trug und null zu den Körperpolitiken, feministischer Theorie oder sonst irgendwas sagen oder denken oder meinen oder fragen konnte. Er ist ein Teenager mit Halfcut und selbstgedrehter Kippe im Mundwinkel, der gegen Atomkraft und Kapitalismus ist. Kein queer – feministischer Diskutant, der sich bereitwillig in ein Awarenesshaus setzen würde, um anzuhören, was konkret an seinem Sprachgebrauch oder Sozialverhalten problematisch sein könnte.
Ich hab die Frontfrau und die Hungerkünstlerin gefühlt, die über das vegane Essen und die Körperthemen gestolpert sind und sich inmitten all der Körperpolitik und Selbstbild vs. Fremdbild- Ding zerfaserten, um in Klumpen gegen meinem Frustkummermops am Bauch zu klatschen.
Ich hab mir mein Shabbatgebet verboten, nachdem ich den Aufdruck “GOD FREE YOUTH” unter den Merchartikeln gesehen hab. Er hat mir gefehlt, mein wöchentlicher Moment mit der Schöpfung und dem Ankommen bei mir, als Teil dessen.
Ach da waren so viele kurze Momente, die ich mir alle teils intuitiv und reaktiv runtergewürgt hab, weil klar war, dass sie mit mir allein und einzig meinem (Er-) Leben zu tun hatten und nicht mit der Szene, dem Raum, den Menschen, dem System oder irgendeiner Politik.

Vielleicht komme ich an mir und meinem Stückelselbst zu dem Schluss, dass alle Awareness und Einladung zum Dasein und Ausleben des Selbst nicht funktioniert, wenn keine Grundlage im Individuum selbst ist, auf der ein Standing passieren kann. Wenn ich mich noch so oft und so tiefgreifend fragen muss, ob es mich gibt, ob mein Sein eine Legitimierung fern des Außen hat, ja, dann ist vielleicht auch so ein offener aware-er Raum, einfach nicht der Raum, in dem ich funktioniere ohne in reaktives Unbewusstsein für mich selbst zu fallen.

Vielleicht.

getriggert

und manchmal erscheint es mir, dass die Welt wie ein Strom aus blubberndem Eiter kopf-über mich hinweg schleimt

dann eröffne ich einen Abszess in meinem Denken und ziehe ein sorgfältig beschriftetes Zettelchen heraus

Derealisation
Depersonalisation
Dissoziation
Reorientierung
Erwachsen mündig autonom

und dann halte ich ihn hoch und versuche mich wie Poseidon, Zeus oder wenigstens König Triton zu fühlen und Kraft meines Wissens die Situation zu beherrschen

In Wahrheit schwenke ich ein weißes Fähnchen aus Papier

mit dem großen Zeh zuerst

weißeRose Vielleicht brauchte es nur das. Ein einfaches “What the fuck?!” von jemandem, den ich nicht gut kenne, der auf etwas reagiert, was ich so ewig ohne ein Wörtchen an jemanden mit mir rumgeschleppt habe.
Einfach irgendwie eine spontane, ehrliche Mitfühlung eines WHAT THE FUCKING FUCK?!- Moments.

Ich habe wohl gemerkt, dass es mir schwerer als sonst fällt, diese Welt zu berühren und Kontakt mit ihr auszuhalten.
Einfach schon, weil sich in meinem Kopf die Optionen der Reaktionen stapeln. Er/Sie/ * könnte denken dass… könnte finden, dass… denkt bestimmt, dass… findet mich sicher… hasst mich in Wahrheit… sieht mich nicht… hält mich für unfähig… und überhaupt weiß ich doch sowieso, dass ich…
So ein Optionenstapel wächst, schmilzt, wird zu einem Brei in dem ich meine Tage verbringe und schweigend, einhaltend, warte und nur hier und da Dinge äußere, die mir “sicher” erscheinen.
“Dieses und jenes kann man sagen- hatten wir schon zusammen- geht… gerade so/gut/okay/sicher aushaltbar”. In meinem Kopfannahmenbrei ist das wie die Stange vom Bademeister.

Wenn man schon nicht unter Kontrolle hat, wer die Wohnung betritt; wer einen verlässt oder verlassen muss; den Lauf der Welt weder beeinflussen noch anhalten kann, dann ist still-halten im Kopfbrei, der sich immer realer, immer echter, immer wahrhafter anfühlt, je länger man ihn nicht der Überprüfung aussetzt, das, was ich eben kann.
Klappe halten, warten, atmen, so tun, als wäre nichts. Irgendwann ist auch sicher nichts. Irgendwann ist alles gewesen. Eine Episode. Vorbei und vergangen. Tüdelü.

Bis jemand “What the fuck” sagt.
Dann ist es immer noch vergangen und vorbei. Weit weg, vertan, versackt, dreimal verdunstet und als Augenregen in Kissen reingetropft.
Aber es ist dann _gewesen_
Kein Angstfreudealptraum, den man nur von sich weisen _kann_, weil Fähig- Mutig- Kräftigkeiten fehlen. Surrealität, Absurdität, das krass krass krass der potenziellen Eventualitätsoptionen soweit über den Kopf ragen, wie die drei Zauberbohnen.
Weil allein, verlassen, einsam. Weil Angst vor dem Leben. Dem Dann. Dem Wenn. Dem und dann und dann und dann und dann.
Diesem ganzen Lauf der Dinge, den man nur mitmachen oder ohnmächtig, still, stumm anstarren kann. Ohne Kontrolle, ohne Einfluss.

Vorhin ist mir aufgefallen, dass ich mir die ganzen Kontroll- und Sicherheitslosigkeiten in meinem Leben mit Hass, Ablehnung, Dummheit, Opportunismus, Ignoranz, Mitgefühlslosigkeit, Zwang und persönlichen Ohnmachten erkläre.
Die Menschen müssen mich ja hassen, mich verachten, zu dumm sein mich und meine Entscheidungen zu verstehen, nur auf sich selbst bedacht oder einer anderen Instanz unterworfen- sonst würden sie mich ja nicht verletzen, kränken, diskriminieren. Mich so ohnmächtig fühlen lassen.

War ja immer so.
Kann ja gar nicht anders sein.
Hast du das denn schon wieder vergessen Rosenblätterdummchen? Du bist einfach scheiße- was hast du denn gedacht, was sich ändern würde, wenn…?!
Alle sind mächtig und du nicht.
Alle anderen kriegen ihr Leben geschissen und du nicht.
Weil du kaputt bist. Verkorkst. Von Natur aus falsch. Du brauchst dir nichts auf deinen Phänotyp des homo sapiens sapiens einbilden.
Du bist nicht wie sie.

Und dann geht mein ganzer Kopfbreistapel kaputt, weil andere, die, wie ich sie sehe, alles richtig machen, gänzlich okay und in Ordnung sind, nicht mehr als ein “What the fuck” äußern, um dem was war zu begegnen. Genau wie ich, als ich damit konfrontiert war.

Was Gewalt und Überwältigendes kann, ist Trennungen zu verursachen.
Ich habe mich von Menschen abgetrennt, die mich lange und nah begleitet haben. Von Menschen, die mich lieber anschweigen als in die Konfrontation zu gehen.
Ich habe mich von meinem Körper abgetrennt. Von Mutreserven, die die Überprüfung meines Kopfbreis, meines Handelns, meines Seins im Hier und Jetzt ermöglicht hätten.

Ich war außer mir und hab vergessen wieder in mich zu gehen.
So macht man das. So hats klein Rosenblatt doch gelernt.
Wenn man außer sich bleibt, dann ist aller Hass, alle Gewalt, alle Abwertung okay. Man kann ja sowieso nichts daran ändern.
Alles was zu viel, zu nah, zu überwältigend war und in der Folge passierte, hab ich in meinen Brei aus erklärenden Annahmen geworfen und mich an meiner Bademeisterstange aus Äußerungskontrolle festgeklammert.

Ich hab mich räumlich, sozial, emotional getrennt gehalten und es war okay.
Und, weil es für mich okay ist, muss es für andere ja scheiße sein.
Für mich darf ja nichts okay sein.
Also Druck und noch mehr Isolation.
Noch weniger Atem.
Noch mehr Trennung.
Noch mehr Gewalt, die von mir allein ausgeht.
Noch mehr Selbsthass für genau diese Gewaltausübung.
Noch mehr Gedanken zu Sinnlosigkeit, Ohnmacht.
Noch mehr Stille.
Noch mehr um sich kreisen, statt in sich hinein fühlen.

Ich denke, es ist gut, wenn ich das so spüre und für mich ausdifferenziere.
Wenigstens meinem Kopfannahmenbrei wieder mehr Marker für seine Eventualität hinzufüge.
Ja, kann sein, dass mich alle Menschen hassen und das aus gutem Grund – kann aber auch sein, dass XYZ der Fall ist und der einzige echte Fehler von mir ist, meine Ängste zu Annahmen und meine Annahmen zu Wahrheiten werden zu lassen.

Ich kann immer noch Einsiedlerin werden.
Aber ich muss es nicht sein, weil ich Angst davor habe den Gefühlen und Handlungen anderer Menschen auf immer und ewig hilflos ausgeliefert zu sein, die ich dann irgendwie in meiner Kontrollstarre aushalte.

Reicht, wenn ich eine werde, weil mir Menschen sicher sagen, dass sie mich verletzen, kränken, zu Tode ängstigen, weil darum.

bis dahin könnte ich
mit dem großen Zeh zuerst
zurück in mich, an mich heran gehen

ich mache das, weil ich es kann – nicht weil ich bin

NakNak Ich verließ die Praxis meiner Therapeutin und sah mich wie eine Art frische Götterspeisenmasse. Irgendwas zwischen kochend verdampfen und flüssig erstarrend.
Es hatte mich angestrengt zu sprechen und dabei auch noch etwas zu sagen, aber es ging mir besser als vorher. Immerhin gut genug, um das Vorhaben neue leichte Schuhe zu kaufen und ein Fischbrötchen zu essen umzusetzen.

NakNak* hatte am Sonntag schlimmen Durchfall und fieberte ein bisschen. Ich dachte, sie würde sicher viel schlafen und nicht direkt merken, dass ich etwas länger als sonst weg bin. So aß ich meinen Backfisch, erinnerte mich ans Meer und überlegte, wie ich meine Schleswig Holsteiner Oktoberwoche wohl füllen könnte.

Als ich die Tür zu meiner Wohnung öffnete, schlug mir schon ein übler Geruch in die Nase.
NakNak* konnte es nicht halten, hatte lachenweise Blut und Schleim von sich gegeben und lag auf dem Boden der Küche. Mein Kommen mit einem Heben und wieder Ablegen des Kopfes quittierend.

Dissoziieren ist etwas Gutes.
So ein Umschalten auf den Handlungsmodus – hingehen, machen, wieder weggehen- das hält mich unabhängig. Ruhig. Sachlich.
Ich untersuchte sie kurz und wusste schon, dass sie nur dehydriert und zu schlapp vom Fieber war, um so viel zu trinken, wie sie gebraucht hätte.

Neu ist, dass ich unsere Gemögte anrief, weil ich wusste, dass es mindestens ein Innenkind gibt, das an diesem Anblick und NakNak*s Krankheit überhaupt mehr als nur “schwer zu tragen” hat. Ich hinterließ ihr eine Nachricht und zog dabei eine Probe aus einer Lache in meinem Schlafzimmer auf eine Spritze.
Irgendwann muss ich auch sauber gemacht haben, fällt mir gerade ein.

Es gab einen Moment, in dem ich dachte: “Wenn sie jetzt stirbt, dann bin ich allein” und in dem mir nur hängen blieb: “Ich bin allein”.
Ich weiß, was es mit mir macht, wenn Menschen in meiner Twittertimeline in Momenten wie diesen Tweets absetzen. Ich hab schon auch mal gedacht: “Woa, wie kannst du denn jetzt twittern?! Hallo?”, aber als ich an der Straßenbahnhaltestelle saß und meinen lethargischen Hund an mich drückte, war es einfach genau die Art Interaktion, die ich noch konnte, um meine Gefühle vom hoffnungslos verlassen und einsam sein zu regulieren.
Hätte jemand neben mir gesessen- wer weiß, ob ich die Kontrolle und meine mittelstarke Depersonalisation so noch weiter gehabt hätte, wie ich sie brauchte?

Wir können mit unserer Stadtbahn nicht direkt bis zum Tierarzt fahren. Man muss einmal umsteigen und genau dann musste NakNak* schon wieder etwas von sich geben.
Wie das für mich ist, wenn der eigene Hund mitten in die Betonwüste “Innenstadt” nichts als Blut aus sich herausdrückt, habe ich nicht einmal gemerkt. Ich habe nur gemerkt, wie mich die Blicke der Menschen gestresst haben, als ich meinen Hund dabei abstützen musste.

Wie mich die Blicke, Kommentare, Streichelfragen und das Kreischen der Straßenbahn auf den Gleisen gestresst haben. Das Geruckel, das Atmen von NakNak*, all die ganzen Reize, die mir, wie Granatsplitter, in den Kopf geknallt sind, obwohl ich eigentlich gar nicht richtig da war.

Die Tierarztpraxis, die wir immer aufsuchen ist aber toll.
Als der Spielunfall war, bei dem eine unserer ersten Pflegehündinnen ein gebrochenes Beinchen abbekam, waren das die ersten Menschen, die sich auch um mich gekümmert hatten. Wir waren damals so schlimm aufgelöst; konnten uns kaum beruhigen und uns wurde dort begegnet mit: “Frau Rosenblatt- setzen Sie sich mal hin- möchten Sie einen Tee oder Kaffee? Der Doktor kümmert sich jetzt.”.
Edna ist in der Praxis eingeschläfert worden und wir durften fühlen, wie ihr Herz zu schlagen aufgehört hatte. Sie war schon auf der Fahrt dorthin auf unserem Schoß den Hirntod gestorben. Mit dem ausbleibenden Pochen unter unseren Fingerspitzen wurde es begreiflich. Der Doktor, nennen wir ihn Hundefreund, hatte ein Klima entstehen lassen, in dem wir das abrupte Ende eines ganz jungen Hundelebens erfassen konnten.
Er sagt immer “Und jetzt trösten wir mal ganz viel und streicheln überall, wo der Pieks nicht ist…”, wenn er eine Spritze geben muss.

Weil wir dort auch mit Pfleglingen und Wildtieren immer mal wieder sind, bekommen wir deluxe Sozialtarifrechnungen. Oft genug mussten wir auch gar nichts bezahlen, oder durften in lachhaft kleinen Raten entlohnen. Er ist einer der wenigen AkademikerInnen*, die ein Gespür für klassistische Benachteiligungen haben und das macht ihn uns zusätzlich zu seiner Hundeaffinität auch persönlich sehr sympathisch.

Ich trug NakNak* in die Praxis und brauchte nur sagen, dass sie Flüssigkeit braucht- nix mit Etikette der Krankenanmeldung, dem Anspruch irgendwelche formalen Informationen unter dem Sorgenwust hervorzuwühlen. Die Helferin* nahm sie gleich mit und holte den Arzt.
Und dann saßen wir da erst einmal eine Weile rum. NakNak* auf dem Schoß und an einen Tropf angeschlossen. Ich ein Innenkind fühlend, eine Email tippend und doch langsam in eine dumpfe grauweiße Wolke fallend, die mich noch etwas mehr vom Hier und Jetzt abtrennte. Kurz war ich gar nicht da, glaube ich.

Wasser ist Leben und das war es auch für die kranke Mopsmaus.
Es dauerte wirklich nicht lange und schon konnte sie wieder sicher stehen, richtete ihre Fledermausohren in alle Ecken und Winkel und wollte die Kanüle aus dem Beinchen rupfen.
Doktor Hundefreund tastete NakNak*s Bauch ab, lauschte in sie hinein, nahm noch einmal die Temperatur. Er sagte, dass sie weder Würmer noch Giardien hätte, was mir echt Auftrieb gab. NakNak* ist jetzt etwas über 5 Jahre alt und seit wir sie barfen, hatte sie nie Darmparasiten oder Verdauungs- Haut- Sensitivitätsprobleme. In Anbetracht der Tatsache, dass wir sie halt auch Mäuse oder Vögel fressen lassen, wenn sie welche im Wald findet, kann ich sehr wohl davon ausgehen, dass sie auch Wurmeier und Larven aufnimmt – ihre Abwehrkräfte bzw. ihre Magensäure aber ausreichend ist, sich zu schützen. Logisch, ihr Organismus muss ja auch nicht permanent Getreide von dem sie nichts hat, aufspalten und verarbeiten.

Er gab ihr eine Spritze mit einem Mittel gegen das Fieber. Mit viel Tröstestreicheln.
Es ist nur ein Infekt, den ihr Körper mit aller Macht raus haben will, okay. Atmen.
Etwas später ging sie auch schon wieder allein zum Wassernapf um sich zu bewässern. Ausatmen.
Sie hat Antibiotikatabletten, einen Fastentag und ein von allen Border Collie- artigen heiß geliebtes: “Langsam” verordnet bekommen.

Es war inzwischen abends und die Straßenbahn etwas weniger voll. Ich spürte neben dem Reizfeuer langsam das Summen, Brummen, Wirbeln und Rasen von Innen, spürte erstmals seit der Therapiestunde 6 Stunden vorher meinen eigenen Durst und die Kühle der Abwärme, die meine Schweißflecken auf der Kleidung entstehen ließ.
Ich dachte darüber nach, wie gut es ist, dass wir wegen des Workshops den wir im August geben werden, noch keine Ferienwohnung- Urlaubsreisekostenausgaben gemacht haben. Wie gut, dass die Openmind-Konferenz für die wir auch schon einen Vortrag eingereicht haben, im September ist und wir deshalb erst im Oktober… wie gut, dass diese Katastrophe jetzt war, wo wir am Donnerstag noch einen Therapietermin haben und Raum für das Innenkind schaffen können, falls es nötig ist.
Ich dachte darüber nach, ob NakNak* wohl verdurstet wäre, würde sie nicht bei uns leben. Ich dachte darüber nach, wie unaushaltbar es gewesen wäre, unseren Hund zu verlieren, nachdem wir gerade so wichtige Menschen in unserem Leben verloren haben und manche der verbliebenen in ihrer Position für uns dekonstruieren und/oder noch einmal neu wahrnehmen und bewerten.

Und als ich dann noch etwas später in meiner Wohngebärmutter saß, fest eingemadet in Decken, mit einem Smoothie und Fischstäbchen mit Ketchup vor der Nase, dachte ich, wie surreal diese Normalität ist.
Es ist etwas passiert, das uns erschütterte und wieder in die Nähe von Tod und Lebenskraft brachte und jetzt aber vorbei ist und nichts mehr davon zeugt, außer 6 Tabletten und einer Rechnung. NakNak* hatte das mit dem Fasten nicht so ganz verstanden und kruschelte ihre Nase ständig in Richtung meines Essens, meine Twittertimeline interagierte irgendwie so normal und angemessen wie immer und die Sonne verschwand in einem hellen Apricot hinter dem Dach, auf das man aus dem Arbeitszimmer schaut.

Ich dachte daran, dass wir in der Therapie darüber geredet hatten, das mir noch niemand gesagt hatte, dass ich das Überleben gut gemacht habe.
Ich dachte, ich hätte vielleicht sagen sollen, dass mir viele Menschen mein Überleben als solches anerkennen und mir sagen: “Du hast überlebt und das ist gut- es hätte auch anders enden können”. Aber es hatte noch niemand gesagt, dass das, was ich dafür getan habe, gut gemacht habe.
Dass das, was wir seit unserem letzten Körpergeburtstag- dieses überleben eines gefühlt illegalen Lebens- gut machen. Dass es gut ist, was wir tun, um am Leben zu bleiben. Dass es mir und uns als über- lebenswichtig erscheint, was wir tun.
Dass und, weil wir es für uns tun und nicht für soziale Kekse oder Geld.
Dass es mir, wenn ich mir Anerkennung für unser Blog und allgemeines Wirken wünsche, nicht um mich als Ego geht, sondern darum, dass als gut anerkannt wird, dass wir etwas tun, obwohl und weil wir auch noch heute ständig irgendwie ein Überleben leben.

Ich erlebe meine Perspektive als Überlebende, Betroffene, zum Opfer gewordenen Menschen, auf so vielen Ebenen als unsichtbar und den öffentlichen Diskurs über Opferhilfen, Gewaltprävention, Gesundheits- und Sozialpolitik so sehr an meiner Realität vorbei. So sehr an der Stelle verhaftet, an der ausschließlich die Schwäche, die (erzwungene) Passivität, die Schuldverteilungsreflex-Verantwortungsimpulse und Gewaltwirkungen gesehen werden- aber alles Kämpfen, alle Aktivität- alles Leben im Überleben und alles Überleben des Lebens danach schlicht nicht da ist.
Es ist nicht gut gemacht, weil niemand sagt, dass es gut gemacht ist.

Und wenn es niemand sagt, es sichtbar macht und als Gedankengut in die Welt hinaus trägt, dann ist es nicht.
Und wenn es nicht ist, wie soll ich es dann als Fakt in mich integrieren? Wie soll ich, wenn meine Um- und Mitwelt es nicht sieht, sichtbar markiert, dann denken, dass ich es so gut gemacht habe, wie ich es konnte?

Ich bin aus der Therapiestunde rausgeschwabbelwanktropft, weil ich es gehört habe und mich plötzlich auf einer Ebene anwesend fühlte, die vorher nicht da war und die ich bisher in noch gar keiner Auseinandersetzung mit dem was ich erfahre und tue, wahrgenommen habe.
Wie gesagt- oft habe ich schon gehört, dass es gut ist überlebt zu haben und etwas zu tun. Aber, “Sie haben es gut gemacht, wie sie es gemacht haben” noch nicht.

Sehr viel später am Abend rief noch unsere Gemögte an.
Ich erzählte ihr von diesem Gefühl der Anerkennung von unserer Therapeutin und, dass es sich gut anfühlt. Und ich sagte ihr, dass ich, wo ich das so gesehen und bestätigt fühle, irgendwie auch denke, dass ich es gut und richtig gemacht habe, was ich für und mit NakNak* gemacht habe, als es ihr so schlecht ging.
Ich sagte: “Ich habe uns alle hier richtig gut durchgetragen”, wurde aber doch unsicher und schob ein “Oder?” hinterher. Sie sagte spontan “Ja, hast du!” und es war noch ein bisschen fester da.
Dieses Gefühl nicht nur schwach und opferig getriggert wie eine Maschine auf die Ereignisse reagiert zu haben, sondern so gut und unter Nutzung aller meiner Ressourcen (und das ist eben Gefühle wegzudissen und aktiv zu sein) wie ich es konnte.

Der Satz “ich mach das, weil ich das kann- nicht, weil ich bin” hat für mich noch einmal mehr an Begreifbarkeit gewonnen.
Ich mache nichts, weil ich ein Opfer bin und nur irgendwie reagiere um zu überleben, sondern weil ich etwas kann, das mein Überleben für mich ermöglicht.
Und das jeden Tag aufs Neue.

Und es ist okay, wenn ich das gesehen haben will.
Als ich den Artikel angefangen habe, dachte ich, dass es gut ist und vielleicht auch genug, wenn ich das von der Therapeutin gesehen bekomme.
Jetzt denke ich: “Nee, ist schon auch genau richtig, wenn ich das auch hier im Blog und überall und von allen gesehen haben will.”, einfach auch weil es die Art, wie wir hier oder sonstwo gelesen werden, vielleicht auch noch einmal ein bisschen verändert.

Ich fühle mich gut. Irgendwie stark, obwohl ich gerade nicht wütend bin, wie sonst.
Ich bin gut, weil ich Dinge gut machen kann. Nicht nur, weil ich sie gut überleben kann.

 

NakNak* geht es heute wohl schon etwas besser. Zumindest hat sie den Postboten, der ihr Fleisch brachte, neugierig in Empfang genommen und etwas weniger hohes Fieber.

eine multiple Persönlichkeit ansprechen ~ Teil 2 ~

Bärlauch “Ich bin keine multiple Persönlichkeit”, hatte ich der Rechtsanwältin gesagt. “Ich bin eine Persönlichkeit mit einer dissoziativen Identitäts(wahrnehmungs)struktur.”. Kurz wurde ich unsicher, weil ich Angst hatte, ob ich zu forsch war. War dieses Gespräch der richtige Moment, um Multimythen zu sortieren?
Jetzt, wo ein paar Wochen vergangen sind, kann ich denken: “Ja, und einen besseren hätte ich nicht finden können.”.
Es ging mir darum zu unterstreichen, was aus mir heraus kommt und was von außen in mir reagiert. Ich wollte nicht schon wieder eine rechtliche Vertretung, eine Betreuung, einen sozialen Kontakt mit Auftrag, der mich in sich selbst genauso zerfleddert, wie es meine Selbstwahrnehmung mit mir macht.

Es hat auch mit der Frage zu tun “Soll ich dich im Singular oder im Plural ansprechen?” – mit dem Unsicherheitswust, der sich in Menschen auftut, die Interaktionswünsche haben. Verstehen wollen, Futter möchten, um sich einfühlen zu können.
Schmunzeln kann vermutlich nur ich über die Fragestellung: “Soll ich dich im Plural ansprechen?” , vielleicht sind auch Kopfschütteln und inneres Zusammenkrampfen nur auf meiner Seite, wenn es um den Umgang mit mir als Vielheit geht.
Ich versuche immer wieder zu unterstreichen, dass ich, wenn ich mit einem Menschen zu tun habe, immer ich bin.
Dass ich nicht einfach umschalten kann. Dass das niemand kann und bei mir nicht anders ist, als bei allen anderen, außer in der Selbstwahrnehmung bzw. in der Folge in der Wahrnehmung meines Selbstes von anderen.

Es gibt Menschen, die mein Erklärungsmodell meiner Abhängigkeit vom äußeren Kontext, eigener Erregungslevel und angepasster Neurophysiologie ablehnen.
Manche denken, dass es so ein Marionettenleben gar nicht geben kann- und wenn doch, mein Bewusstsein darüber doch alles verändern müsste. Das ist das Pinocchio – Modell, das übersieht, dass auch ein Pinocchio eine Holzpuppe blieb, bis er von einer anderen (äußeren übergeordneten) Instanz verwandelt wurde.

Manche verwechseln meine Erklärung dazu auch mit Rechtfertigungsverhalten. Sie denken: “Aha, für sie sind immer alle anderen Schuld, wenn sie die Kontrolle verliert”, selbst wenn das Wort “Schuld” gar nicht in meiner Erklärung auftaucht, sondern meine eigenen reflexhaften Anpassungsreaktionen beschreibt.

Manche geraten auch in eine Übertragung und fühlen meine Ohnmacht vor dem, was Leben und Alltag, Interaktion und Entwicklung, Veränderung und Dynamik zwangsläufig für mich bedeutet, und schwanken zwischen Blaupausenübertragung auf ihre Erklärungsmodelle (das wird dann gerne das Modell der verschiedenen sozialen Rollen, die alle Menschen in unserer Gesellschaft inne haben und mehr oder weniger gut spielen, und daraus, dann die “Überzeugung”, dass alle Menschen multipel sein müssen) und Abwehrverhalten, das ebenfalls mit einer Verquerung meiner Angaben einher geht und in den meisten Fällen gesellschaftlich anerkannte Wege der Unterdrückung geht (“Du willst dich nur besonders machen”; “Du willst dich nur deiner Verantwortung entziehen”; “Du willst nur Mitleid/ Aufmerksamkeit/positiven Status”).

Ich hatte versucht der Anwältin klar zu machen, dass es ein spezifisches Reaktions- und Interaktionsmuster gibt, das sie an mir erleben würde, würde sie mich anwaltlich vertreten. Ich weiß inzwischen, was es für Situationen sind, die zum Beispiel kindliche oder handlungsunfähige Innens nach außen wirken lässt und versuchte ihr zu vermitteln, was ich brauche, damit solche Situationen nicht in unserem Kontakt entstehen.
Ich erlebe zum Beispiel als einen massiven Auslöser, dass es eine Nähe gibt, die mehr als eine Sachebene umfasst.

Wir haben zwischenmenschliche Gewalt erfahren- selbstverständlich ist menschliche Nähe ein Auslöser.
Keine andere Art der Gewalt hat so viele Kontextverknüpfungen, Querverweise und Knotenpunkte- so einen Mikrokosmos aus Interaktion aus Aktion und Reaktion, die sich sowohl in den Opfern als auch in den TäterInnen einfügen, verfestigen, weiterentwickeln, wieder ablösen und weitergetragen werden können.
Mein Problem ist einzig, dass ich oder/ und mein Gehirn oder/ und mein Bewusstsein keine Chance hatte, etwas vom Erlebten zu verknüpfen (assoziieren).

Wenn ich mit der Rechtsanwältin einen sachlichen, wenig persönlichen, nicht privat beeinflussten Kontakt gestalten und erhalten kann, dann gibt es dort auch keine Innens, die unsachlich, hochemotional, privatverquickend sowohl reagieren, als auch selbst agieren.
Es wird schwierig an der Stelle, an der ich ihr etwas hochgradig Persönliches, wie von der Struktur meiner Selbst- und Umweltwahrnehmung erzählen muss, damit sie die Problematik meines Falls versteht.
Sie muss begreifen, dass ich ihr das erzähle, damit sie Krankenakten, Amnesie für Gewaltabläufe und unterschiedliche Bewertungen (und entsprechend auch vielleicht widersprechende Angaben) einordnen kann- nicht, damit sie in ihrer Art und Weise mit mir umzugehen anders ist, als gegenüber anderen MandantInnen.
Würde sie das tun, wäre unsere Sachebene zerstört und damit das Spektrum, das es mir ermöglichen würde einen konstruktiven Interaktionsraum zu gestalten. Ich könnte dann nicht mehr zurück- egal, wie sehr ich es wollte.

Ich finde es wichtig, Menschen, mit denen ich mehr als “Hallo” und “Tschüss” wechsle, zu sagen, dass ich eine DIS habe, weil es dabei um meine Identität und meine Wahrnehmung von ihr geht. Schwierig erlebe ich dabei, dass es immer wieder so ist, dass Menschen sich gezwungen sehen darauf mit Selbstbezug zu reagieren und darauf aufbauend ihre Interaktion verändern, ohne sich zu überlegen, ob das überhaupt gewollt oder wirklich immer nötig ist.

Neulich hat meine Therapeutin angerufen. Ihre erste Frage war mit wem sie spricht- obwohl  es, selbst wenn jemand ans Telefon gegangen wäre, der sie nicht kennt (oder, den sie nicht kennt), irrelevant für den Umgang mit der Information und ihren Konsequenzen gewesen wäre.
Das “Wer ist da?” ist wichtig für Informationen, die aus uns herauskommen- nicht für Informationen, die in uns hineinkommen. Zumindest erlebe ich das so, weil mit dem Hintergrund des Innens, das Informationen äußert, auch bestimmte Bewertungen, Dynamiken, soziale etc. Kontexte bzw. die Annahme bestimmter Kontexte transportiert werden, die für die Sortierung des Gesagten wichtig sein können. Sowohl für mich, als auch für die Menschen, von denen ich auf meinem Weg begleitet werde.

Die Frage “Mit wem spreche ich?” ist ein Mittel der Versicherung und hat mit mir nichts zu tun, sondern nur mit dem Menschen, der sie stellt. Bei meiner Therapeutin oder auch bei BetreuerInnen, erlebe ich diesen Akt von Versicherung auf Kosten meines Gefühls von Sicherheit noch einigermaßen okay, wobei ich in der Hinsicht auch nicht unkritisch bin. Ich empfinde es manchmal, gerade in Zeiten, in denen ich mich sehr viel verletzbarer als sonst fühle, gut, nach Außen nicht sofort in meiner Identität lesbar und damit zusätzlich verletzlich zu sein. Wenn dann die Frage nach meinem Namen kommt, wird das schnell zu einem Abwägen in der Frage: “Gebe ich jetzt mein bisschen Schutz zu Gunsten eines Sicherheitsgefühls meiner Therapeutin/ Betreuerin auf? Was habe ich davon, wenn sie sich sicherer im Umgang fühlt?”

Während ich wunderbar eingewaltet bekommen habe, wie viele “Vorteile” (selbst)sichere HelferInnen, psychologisch/psychiatrisch/medizinische Deutungshoheiten für mich bieten, habe ich in Bezug auf Menschen, die mit mir auf einer Ebene stehen, bereits wechselnde Erfahrungen machen können.
Inzwischen interagiere ich flexibel mit anderen Menschen und erkläre Ihnen mein Modell der Ansprache:
Singular = Gegenwart
Bewertung, Selbstpositionierung entspringen einem Moment innerhalb eines spezifischen Kontextes- zu einem anderen Zeitpunkt und in einem anderen Kontext, kann es sein, dass mein Körper etwas anderes sagt
Plural = allgemeine, ganzheitliche Verortung in Zeit, Raum, Kontext

und erkläre ihnen meine “Faustregel”: je mehr (von mir wahrgenommene) Ebenen der Moment hat (Kontext, Anspruch und damit Druck an mich reagibel zu sein), desto höher die Wahrscheinlichkeit mit mehr als einem Innen zu tun zu haben, die nicht zwangsläufig nach außen erkennbar sind und noch weniger zwangläufig durch Veränderung von Ansprache, Haltung etc der InteraktionspartnerInnen in ihrem Wirken gehindert und/oder beeinflusst werden können
(Wichtig ist, dass mein Gehirn zulassen kann gegenwärtige Situationen als “auch anders als früher nötig zu begegnen” zu erkennen – dabei spielt natürlich auch eine Rolle, welche Reize es von den InteraktionspartnerInnen aufnimmt, doch sämtliche andere Faktoren (Erregungslevel, äußerer Kontext, klare “Beweise” für Selbstwirksamkeit zum Beispiel) spielen eine gleichrangige Rolle)

Ich versuche zu vermitteln, dass die Frage nach dem Namen eines Innens manchmal unverhältnismäßig für mich ist.
Nur weil klar ist, dass ich als Mensch viele Ichs, viele Leben und Erlebens in mir trage, heißt das nicht, dass andere Menschen ein Recht auf Kenntnis davon haben- schon gar nicht für die Beruhigung von Ängsten, die sie ohne dieses Wissen gar nicht hätten.
Ich weiß es nicht genau, aber ich denke mir, dass meine Therapeutin nichtmultiple KlientInnen “Wie siehts aus- passt der Anruf gerade?” fragt. Eine Frage, die ich erst gestellt bekomme, nachdem ich mich (für mein Gefühl) schutzlos gemacht habe.
Hm.
Manchmal finde ich es gut, weil ich dann lernen kann, dass mir von ihr nichts passiert, das Schutz nötig macht und manchmal ärgere ich mich darüber, dass ihre Hilfe oder der Kontakt mit ihr, sehr oft mit Gefühlen von Schutzlosigkeit auf meiner/ unserer Seite einhergeht.

Bei der Juristin war es mir auch wichtig, ihr den inneren Schluss (und damit ein Verantwortungsgefühl) zu lösen, sie hätte es mit vielen Menschen zu tun.
Auch wenn nur ein Mensch vor ihr steht, hätte sie sonst das Gefühl mit einer Gruppe zu interagieren, obwohl es keine Gruppe in dem Sinne ist und ergo auch nicht gut/richtig/passend auf ihre gruppenentsprechenden Interaktionsmuster reagieren wird, was wiederum nur Gefühle von Ohnmacht, Frust, Hilflosigkeit, Unsicherheit und damit ein unbefriedigendes Verhältnis zur Folge haben kann, was dann wiederum für mich schwierig wäre, weil ich mir dann eine andere Anwältin suchen muss.

Neulich hatte ich einen Emailaustausch mit einem Menschen, dessen Mensch an der Seite multipel ist. Er klagte darüber, dass die Innens sich nicht vorstellen und immer einfach so auftauchen und ihn mal nett behandeln und mal ablehnend. Mal tauche einfach so ein Kind auf und sage nicht, wie es heißt und was es hat und niemand von den anderen Innens käme dann, um ihm zu helfen.
Ob ich ihm nicht vielleicht ein paar Tipps geben könnte, wie er sie dazu bringen könnte, anders zu agieren und ihn nicht immer so allein zu lassen.

Vielleicht merkt man schon ein bisschen, wie eigentlich übergriffig, die Wünsche dieses Menschen sind, der sich eindeutig ohnmächtig, ausgeliefert hilflos und in der Position sieht, regulierend eingreifen zu müssen, weil er nicht multipel ist.
Er sieht sich gar nicht im Kontext aus dem heraus Wechsel passieren, sondern als Objekt des multiplen Menschen, das behandelt wird – nicht als Subjekt auf das reagiert – mit dem interagiert wird.

Ich fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, die Wechsel erst einmal zu verstehen, statt sie gleich irgendwie abzuschaffen, verändern oder zu seinem Gunsten beeinflussen zu wollen. Außerdem versuchte ich ihm ein bisschen zu vermitteln, dass die Wechsel eventuell aus einer anderen Perspektive sogar genau nur für das wofür er steht passieren. Nur eben nicht in unserer heutigen Gegenwart und aus der Sicht von Erwachsenen im konsensualen Verhältnis zueinander.

Und ich sagte ihm, dass Multiple keine Persönlichkeitssupermärkte sind.
Man geht nicht einfach zu jemandem hin und sagt ihm: “Jetzt wechsel sofort in den Zustand, in dem du warst als…”. Niemand macht das- außer die Menschen, die von Multiplen verlangen, jetzt mal mit Innen XY sprechen zu dürfen.
Ich sage nicht, dass das unmöglich ist. Aber eine Übergriffigkeit ist es alle mal- egal, ob nun im positiven Sinne für den betroffenen Menschen, etwa, weil man statt eines verängstigten Kinderinnens ein handlungsfähiges erwachsenes Innen sprechen will (einen unangenehmen Zustand beenden möchte) oder für sich selbst. Etwa, weil man keine Lust darauf hat, sich die x-te Schleife von Innen XY anzuhören und lieber mit Innen AB Spaß haben will.

Seit ich diese Grenze spüre, kann ich gut mit einem anderen Innen wechseln, dass sich jedes Mal (und das sehr zuverlässig) darüber aufregt, wenn es irgendwo hinter mir wabert und merkt, dass da jemand außen gerade meint, in unserer Persönlichkeit herumlatschen und Forderungen stellen zu dürfen, anstatt zu überlegen, warum eben gerade nicht das da ist, was er gerne haben möchte oder sich für uns als Einsmensch wünscht.
Dann kriegt das Außen einen Wechsel, wie verlangt (reaktives Muster: “Du musst machen, was andere verlangen”, das sich verschärft, wenn es eine Autorität verlangt) und trotzdem nicht das, was sie wollen (antherapiert wie ansozialisiertes Muster: Selbstschutz- sie kriegen die Feuerlöwin unter den Rosenblatts vor die Nase und sind froh, wenn sie weg ist –> Schutz durch Verhalten, das Menschen eher abstößt, als bindet).

Die Folge ist also eine verdeckte Spaltung und damit kein Umlernen von alten Spaltungsdynamiken, sondern eine weitere Spaltung, die sich an aktuellen Anforderungen orientiert. Und ja: Wer einmal so global dissoziiert, dass eine DIS entsteht, der kann immer und in allen Kontexten Dissoziationspotenzial freisetzen, um sich zu schützen.
Das Dissoziieren und Viele werden- mehr werden, endet nicht mit den traumatisierenden Gewalterfahrungen.
Die Spaltung passiert ja auch nicht wegen der Gewalt, sondern wegen dem, was die Gewalt bedeutet, nämlich: erzwungene Passivität, die das eigene Überleben massiv gefährdet und/oder das Individuum sein eigenes Überleben massiv gefährdet fühlen lässt.

Und “massiv gefährdet” ist als Grundgefühl eben genau das, was andere Menschen bis heute in uns auslösen. Wir haben Menschen als das gefährlichste Tier auf diesem Planeten verinnerlicht und freundliches Gebaren immer wieder an Bedingungen geknüpft erlebt.
Bedingungslose Annahme erfahren wir noch nicht lange und bis zum gegenwärtigen “mit einem skeptischen Blick aus einem Augenschlitz aus weiter Entfernung mal Angucken und Annehmen, dass es sich dabei nicht um einen Trick handeln könnte- eventuell vielleicht- hypothetisch!”, dauerte es Jahre.

Eine dissoziative Identitätsstruktur zu haben heißt in gewisser Weise, permanent eine Sektglaspyramide auf einem Tablett zu balancieren, während man, vielleicht auch noch mit einem erkrankten, geschädigten, gleichfalls immer wieder reagierenden Körper, einbeinig die Alpen überquert, wie dereinst Hannibal mit seinen Elefanten.
Man kann nicht einfach mal ein Glas verschieben, damit irgend ein Bergsteiger, der einem begegnet es im Kontakt vielleicht bequemer hat. Das Mittel der Wahl ist immer genau das Glas zu reichen, das abgetreten werden kann. Ist es nicht gut genug und wird gefordert ein anderes zu reichen, kann alles kippen- es muss nicht- es kann aber und jemand der schon 20- 30 Jahre lang eine Gläserpyramide balanciert hat, der wird einen Scheiß tun, das für irgendjemanden als Risiko auf sich zu nehmen.
Im Zweifelsfall wird ein neues Glas entstehen, ohne dass es jemand merkt.

Vielleicht ist es ein Paradoxon, wenn ich hier viele Punkte anbringe, die eigentlich jede Kontaktaufnahme, jede Interaktion als für mich extrem heikel und gefährlich markieren und zeitgleich aber darauf beharre, dass das keine Veränderungen im Verhalten der Menschen hervorbringen muss bzw. dass das kein Ziel von mir ist.

Mein Ziel ist, den Blickwinkel zu erweitern und Raum für Bewusstsein zu schaffen.
Im Grunde ist es eine Art zu sagen: “Du, weißt du was? Menschen machen mir Todesangst und ich reagiere so und so darauf – nur, dass du Bescheid weißt. Ich lerne noch, wie Leben ohne direkten Grund zur Todesangst geht und sicher passieren mir dabei „Fehler“. Ich sage dir das, weil du ein Teil meines Lebens und meiner Lebensumgebung bist und vielleicht meine „Fehler“ im Lernprozess bemerken könntest.”

Manchmal erlebe ich es als schwer den Menschen begreiflich zu machen, dass ich sowohl sie, als auch mich, als auch mein Leben als Einsmensch fragmentiert (dissoziiert) wahrnehme. Dass einfach niemand und nichts “mein Leben ist”, aber alles und jede/r * ein Teil davon ist, der mit einem Teil von einem “Gesamt- Ich” zu tun hat.

Manchen Multiplen hilft es, wenn jedes Innen mit Namen und Eigenschaft(en) bekannt ist und alle individuell, als ganz und gar abgetrennte Menschen behandelt werden.
Ich erlebe das als Kontrollverlust, weil es eine innere Spaltung nach außen holt (und also von meinem Innen ablöst), während mein Bemühen eigentlich ist, keine Spaltungen mehr entstehen zu lassen und Abgetrenntes näher aneinander heran zu führen.
Manchmal auch über einen Umweg nach Außen- etwa in der Therapie, doch in der Regel bevorzuge ich mittelbare Äußerungen, die ich nicht aus der Hand geben (anderer Menschen Wertung, Umgang, Machtausübung aussetzen) muss, um sie zu verändern und sachte und vorsichtig von selbst an die Stelle gleiten zu lassen, an der sie dann näher oder anders gut stehengelassen werden können.

Vielleicht ist meine Art des Umgangs falsch oder auch nicht für jeden Menschen passend.
Vielleicht haben wir hier den epischen Durchbruchartikel, der alle Einsamkeiten und Verlassenheiten in meinem Leben erklärt.

Vielleicht ist es aber auch etwas, das Menschen, wie dem Leser, der mir schrieb, weil er unsicher war, hilft, jemanden der Viele ist ein bisschen besser zu verstehen, oder mit ihm darüber ins Gespräch zu kommen, was für ihn selbst wichtig und wahrnehmbar ist.
Mir war es wichtig, meine Gedanken dazu noch einmal festzuhalten.

das warten

intuitiv2 irgendwann heute morgen ist mir eingefallen, dass ich aufgehört hatte zu warten
ich glaube nicht, dass da ein gedanke war, der mir sagte, es käme niemand. so denke ich erst seit ein paar jahren.
erst seit es kommende und gehende menschen in meinem leben gibt.

aktion und reaktion waren tragend. das weiß ich noch. aber irgendwann werden sich meine reaktionen auf eigene aktionen begrenzt haben. manchmal hat das rauschen in meinem kopf sich zu einem schrillen sirrenden faserig flirrenden ton verwandelt und ihn mir fast gesprengt. also schüttelte ich den kopf und ließ den ton aus meinen ohren herausfallen. ich bin im kreis gelaufen und hab das gitterbedeckte loch im boden ausgelassen.

heute morgen dachte ich, dass das aufhören eines wartens, das erste in sich hinein- und aus der welt herausfallen ist

wenn man nicht mehr wartet, dann ist es, als trenne man eine letzte verbindung, um neue wege des ich zu gehen
man lautet um etwas zu hören, greift sich alles außer sein selbst und steckt es sich in den mund, um zu fühlen und eine reaktion zu provozieren. und sei es das hochwürgen und erbrechen der eigenen fäkalien.

wenn das ende des wartens auf den reiz menschlicher existenz, zur reizung an sich selbst wird
das ist, als würde das leben versuchen, sich selbst zu reanimieren

eine art implosion, die denkt sie sei fähig zur explosion ist das

ich hab lange gedacht, dass mich das warten zermürbt hätte. diese ohnmacht vor der verschlossenen tür, die sich nicht auf schreien, treten, verhandlung, fragen, bitten, betteln, weinen, versprechen öffnete. die nur da war und irgendwann zu einem wandstück wurde, das anders schmeckte, als die anderen.

jetzt denke ich, vielleicht war das mürbende element viel mehr, dass es nach dem ende des wartens weiterging
dass selbst das ende der existenz des “außerhalb von mir” in meinem eigenen inneren kosmos nicht das ende von mir bedeutete

ich weiß nicht wieso ich nicht ausgewichen bin auf das warten auf den tod

wieso hab ich damals aufgehört zu warten
und wieso besteht heute, wo ich licht, nahrung, wärme, sauberkeit, luft, bewegungsfreiheit und ansprache habe, der großteil meiner alleinsamkeit daraus, alle reize von mir abzutrennen und

 

zu warten

Lückenmädchen

Lückengras Ich habe gedacht, dass mein Schritt in eine Welt, die mehr als Nichts von mir erwartet, nur schief gehen konnte
Ich habe gedacht, dass mein Schritt aus einer Welt, die alles bis auf das Nichts aus mir herausholt, nur falsch sein konnte

Da ist dieses Gefühl gar nicht zu sein und sich zu wundern, dass es doch möglich ist zu berühren und berührt zu werden
Tot zu sein und trotzdem gefressen werden zu können

Und dann ist da die Bestätigung nur zu sein, weil beide Welten sind
Unverbindbar, blind für einander und doch einander nährend

ich bin verrückt
weil ich mich ver-rückt habe

ich verstehe diese Existenz nicht
diesen Zwang des “und wo geht es jetzt hin?”

Ich bin doch schon da
bin doch schon gemacht
habe nichts mehr zu geben

ich würde gerne so ein _da_sein werden

da gibt es diese Auffassung nicht mehr, als all seine Erfahrungen zu sein
in dieser Welt der Forderungen, gibt es kaum etwas, was mehr abgelehnt wird, als das, was meine Erfahrungen sind
wie soll es mir hier gelingen, ein Dasein zu entwickeln?

mit meinem Schritt aus der Welt, die mich so aushöhlte, habe ich mich im Weltbild ver-rückt
mit meinem Schritt in diese Welt die Entsprechung von mir fordert, mache ich mich selbst verrückt

mein Lückenleben ist nicht
ich Lückenmädchen bin Nichts
Lückenmädchen lebt Lückenleben
ist nicht und Nichts zu gleich

wenigstens habe ich jetzt ein Wort zum Namen für mich
Am Anfang war das Wort.

inmitten der Gewalten

RosenachRegen Es hatte mir gefallen, wie viel Stärke und Leichtigkeit sie lebte. Wie viel Energie in ihr kreiste und Lasten klein werden ließ.
”So würde ich mir auch gut gefallen”, dachte ich. So groß und mächtig, dass es eine einfach gelebte Leichtigkeit im Sein geben kann, “Angst” zu “Respekt” verwandelt wird und das Recht auf Unversehrtheit von mir alleine durchgesetzt werden kann.

Und dann fiel mir auf, dass ihre Macht auf Missachtung … Dissoziation … beruht.
Sie ist stark, weil sie ihre Schwäche nicht spürt. Sie ist mutig, weil sie ihre Angst missachtet. Für sie ist alles ganz leicht, weil sie Hindernisse aus dem Fokus schiebt. Wenn sie verliert, dann verliert sie vor sich selbst nicht, weil sie Schmerz und Trauer tief in sich vergräbt und den Spaten dann wegschmeißt.

Wenn es einen Menschen gibt, in dessen Anwesenheit selbst das mächtigste Böse uns nicht verletzen könnte, dann ist sie es.
Nur darüber sprechen konnten wir nie mit ihr, ohne über ihre Missachtung zu stolpern und
verletzt zu werden.

“Eure Eltern!”, immer bewegt sie auf eine für sie so typische Art ihren Kopf und formt ihren Mund zu einem harten und doch feinem Lächeln. “Häuten und auf einen Ameisenhaufen binden! Mindestens! Eigentlich reicht das nicht mal!”.
Am Anfang hörten wir ihr noch zu und spürten den inneren Erdbeben nach, die sich aus ihrem Erzählen von sadistischen Fantasien ergaben. Lächelten schief. Zuckten mit den Schultern.
Warteten darauf, dass die Tür aufgeht und ein Inferno der Strafen über uns hereinbricht.

Irgendwann versuchten wir uns in kleinen Worten, die wie Kinderfüße das erste Eis auf dem See abtasten. “Ich weiß nicht…”.
“Hm, aber das ist ja auch nicht besser als…”
“Das macht Angst, wenn du so etwas sagst…”

und dann schob sich dieser große Schreibtisch zwischen unser beider Leben. Andere starke Sie’s, andere Verbündete, andere Gemögte, andere Menschen vor denen ES nicht verschwiegen blieb, traten in unser Leben und mit ihm weitere Sichten auf Lebens- und Wahrnehmungsrealitäten.

Und doch begegnet uns diese Art Gewalt und Ablehnungsdynamik immer wieder.
Es ist, als würde sich die Gewalt, allein schon dadurch, dass wir ihr Wortkorsette anzulegen versuchen, sie in Laute wickeln und anderen Menschen in die Köpfe stapeln, fortpflanzen und eigenständig erneut gebären.
Aus dem Anblick, den ich vom Erlebten habe, wird für andere Menschen immer wieder das Gesicht, der Name, die soziale Position, das Sein der TäterInnen.
Egal, wie ich mich ausdrücke und versuche meine eigene Sicht zu unterstreichen.

“Kannst du bitte..? Ich kann das- bitte das ist meine Familie!”, ich weiß noch, wie schwer mir das aus dem Hals gewürgt wurde, um dann unter einem achtlosen Schwall rechtschaffenden Gewaltens begraben zu werden.
“Darf ich denn gar nichts mehr behalten, sobald ich mich auch nur ein kleines bisschen geöffnet habe?!”, stand es im Tagebuch, nach dem Termin bei dem Rechtsanwalt.

Die traurige Wahrheit ist: nein
und der schmerzhafte Teil an dieser Wahrheit ist nicht, dass uns schon wieder die Definitionsmacht über etwas genommen wird und damit von anderen Menschen als uns eine Haltung zu etwas vorgegeben wird, sondern, dass es andere Menschen, als die Beteiligten sind.

Niemand außer uns und den Menschen, die uns verletzt haben, waren dabei. Niemand hat gefühlt, gesehen… erfahren und gelebt, was wir jeweils gelebt haben- aber alle haben eine Meinung dazu, sobald aus unserer Erfahrung Worte und Geschichten werden. Und niemand verbirgt sie.
Ein Innehalten, die Frage, ob die Äußerung erwünscht ist, passiert nicht.
Da passiert gar nicht die Rückversicherung: “Hast du gefühlt, gedacht, gesehen, was ich mir gerade vorstelle, dass du es gefühlt, gedacht, gesehen hast?”.
Dort wird das Aufwachsen mit Gewalt zu einem Grund der Normalisierung selbiger- nicht zum Marker, der daraus entstehen Un-Fähigkeiten. Anwesenheiten werden damit erklärt- Abwesenheiten bleiben unsichtbar, unergründet, ungewichtig.

“Ich kann natürlich nicht fühlen, was du fühlst- aber ich gehe davon aus, dass du die gleichen Internalisierungen hast, wie ich und wir deshalb eigentlich immer das gleiche fühlen.”, das nehme ich oft wahr.
“Selbstverständlich tut es dir weh, wenn dieses und jenes mit dir passiert.”
“Natürlich fühlst du dich ohnmächtig, wenn dir jemand Gewalt antut.”
“Natürlich hast du das Gefühl, deine Eltern nicht verachten zu dürfen- sie sind ja schließlich deine Eltern”
“Na klar, bist du täterInnenloyal, du bist ja schließlich ein Opfer (= abhängiges Kind)”

und was ist, wenn das nicht so ist?
Was ist, wenn ich einfach nie Schmerz gefühlt habe? Wenn mir meine Eltern einfach irgendwie egal sind, weil es für mich poplige kleine Wichte sind, die ich weder brauche noch will? Wenn ich mich nie in Abhängigkeiten von TäterInnen gesehen habe?
Was ist, wenn ich durchaus Macht- und Überlegenheitsgefühle hatte und diese auch ausgelebt habe?

Was dann ist, ist, dass ich andere Menschen in ihrem Maßstab ausheble. Sie und ihre Werte, Normen und Internalisierungen greifen dann nicht mehr. Sie müssten mir meine Sicht auf die Dinge lassen, müssten mir Raum zur autarken, selbstbestimmten Selbstpositionierung lassen.
Und damit ich genau das nicht tue, hat auch die Opferschublade einen doppelten Boden: “Sie hatte ja keine andere Wahl, als sich einzureden, dass sie das alles wollte/ selbst bestimmt/ aktiv und von sich aus so wollte.”
Es kann sein, dass es tatsächlich keine andere Wahl gab- aber die Wahl wurde von mir getroffen! Es gibt immer die Wahl etwas nicht zu tun- auch diese Wahl hätte ich verweigern können- es ist so leicht aus sich herauszugehen und im Universum zu verschwinden.

Die Aktivität, der im Vergleich Passiven, ist nicht Passivität!

Mir ist eingefallen, dass ich einmal versucht habe meinen Vater anzupinkeln, als er mich an einem Bein durch die Luft schleuderte.
Nicht, weil ich wütend war, oder ihn verachtete, oder mir vor Angst eh grad der Urin abging, sondern, weil ich einfach so den Impuls dazu hatte.
Ist das “typisch Opfer”?
Wohl eher nicht.
Es ist aber genau das Spektrum von Opferschaft, das von der Aktivität des Täters/ der Täterin überlagert und später von Unbeteiligten mehr oder weniger systematisch unsichtbar gehalten wird, in dem die (Straf-)Tat zum Maßstab von allem wird.
Ich fand die Vorstellung, dass mein Vater meinen Urin an sich dran hätte lustig und saß lachend in mir drin, während er sich an meinem Körper abarbeitete. Schön blöd von ihm- ich hatte das Lachen und er Arbeit mit meiner “Erziehung”.
Ich hab gewonnen, denn das Ziel seiner Tat war ein anderes.

Klar wird mir mein Gehirn auch Schmerzen angetragen haben, Angst zu sterben, Ohnmachtsgefühle und Wut auf ihn, dass er sowas mit mir macht. Aber das war nichts Neues, nichts was noch großartig eine Aktion von mir einfordern konnte und mich innerlich irgendwie anregt. Und zwar nicht, weil ich “verroht” bin oder “nie etwas anderes erlebt habe”, sondern, weil es eben so ist. Mich fordern andere Dinge, regen andere Dinge auf.

Ich betrachte das als unfassbar großes Privileg, an den Taten an meinem Körper vorbeigucken zu können und zu sehen, was für Mechanismen darin walten. Einfach auch zu wissen, dass die Taten allein einfach gar nicht wirklich die Gewalt sind, die mir (uns) passiert ist.
Sicher bin ich ein Opfer von der Gewalt geworden, die meine Familie* an mir ausgeübt hat. Ich bin aber mit ihr zusammen zum Opfer ganz anderer TäterInnen- ganz anderer Macht-Ohnmachtdynamiken geworden.
Ich leide heute nicht nur an den Folgen einer Dynamik in der Familie*, sondern an denen, die unsere ganze Welt durchzieht.

Das gehört mit zu den Eckpunkten inmitten derer ich mich verorten will.
Ich will mich mitten drin verorten und nicht abgetrennt- missachtend und damit dissoziierend, weil es mir nur um einen klitzekleinen Bereich- die Summe aus “X” mal “misshandelt worden sein”- geht.
Denn genau das produziert Gewalt und füttert sie.

Und macht blind.
Blind genug um die Überlebenden immer weiter, von Gewaltdynamik zu Gewaltdynamik zu drängen und nicht zu merken, dass man sie dabei immer passiv – immer in der Position hält, die “Opfer” heißt.

Wir haben uns jetzt endgültig gegen eine Strafanzeige entschieden.
Sie bzw. die Justiz stellt sich uns als Gewaltinstrument dar, das uns sowohl als Opfer braucht, als auch hält, als auch erneut zu einem machen wird.
Sie wird in sich drin sitzen und lachen, während wir uns an ihr abarbeiten und eigentlich etwas ganz anderes wollen.

Es geht uns eben nicht um die TäterInnen, nicht um die Taten.
Es geht uns um uns und das was wir selbst tun können möchten.

Gewalt wird uns nicht helfen.
Auch wenn wir uns ganz kurz… kurz kurz kurz so stark und mutig und aktiv fühlen und sehen könnten, wie ich meine ehemalige Sie früher einmal gesehen habe.