ein guter Ort

Sonnenlicht schwappt von draußen hinein und es ist eine Verheißung.
Die Nacht war lang und so schwer, dass es paradox erschien, wie ich sie überhaupt hatte aus.halten können.
Nicht weiter drüber nachdenken, denke ich. Einfach nur registrieren und dann weitergehen lassen.

Ich frage mich, ob sie Sonne kennt. Ob sie sie kennt, so wie ich: als warmes Licht, das vom Himmel runterstrahlt und ein Licht macht, das langsam kommt und geht.

NakNak* robbt an unseren Körper heran und legt ihren Kopf an unseren. Ihr Atem ist noch müde. Ihre Anwesenheit so wundergut fantastischlimm mittendrin in diesem Dasein, das sie mit uns teilt.
Gerade noch liege ich sicher und gut in diesem Gefühl, da reißt mich ihre Angst wieder raus.

Ich stelle mir mich vor, wie eine Piratenkapitänin, an die ich mich in diesem Moment, warum auch immer erinnere. Mit langem dunklem Haar, mit Wind von vorn und weißer Puffärmelbluse; rotem Bauchband und dunklem Rauscherock – ganz sicher und stabil auf diesem zittrigen Schiff, das sich durchs Hier und Jetzt bewegt.
Die Idee verfliegt mit ihrem Zittern. Vielleicht war es nie da?

Es ist kurz nach 8. Draußen zwitschern Vögel. NakNak* ist nun richtig wach und fordert mich zum Geikeln auf.

Nach einer mittelgroßen Weile, denke ich, dass ich mir das vielleicht nur einbilde. Eigentlich war da nichts. Also naja, nicht so richtig. Kaum der Rede wert.
Dann schmiert ein Bild an mir vorbei. Ein Gefühl von ihr treibt es weiter.
Ich bin da, bin weg, war vielleicht in Wahrheit gar nicht. Oder doch?
Nichts deutet auf mich hin. Nichts reagiert auf mich. Gibt es mich? Wieder stehe ich mit zwei Drittel in ihrer Konfusion, ihrem Schutzzaubertod – unser beider Dissoziation.

Mir fällt nur NakNak* ein, die sie nicht lesen und ich im Moment kaum ertragen kann.
Ich muss mich übergeben. Sie fängt an zu weinen und erschrickt sich zu Tode, als sie merkt, dass ich tue, was sie gleichermaßen tut, wie nie tun konnte.
Wir werden versorgt, jemand atmet und etwas, das älter und jünger ist als ich, legt Reihe um Reihe getrockneter Erbsen auf den Küchentisch.

Später steige ich aufs Rad und manifestiere mich von Minute zu Minute mehr zu mir selbst. Jeder Autofahrer, der auf Radwegen parkt und jeder Fußgänger, der mich als Gefahr ausblendet, entfacht mein Feuer. Und ich mag das. Ich lasse es nicht raus. Behalte es in mir drin und genieße meine ganze Kraft auf diesem Rad, in diesem Körper, ganz da wo ich bin.
Ich brenne mich einen Berg hinauf und explodiere ihn hinunter. Sicher. Gefestigt. Zielsicher in einer gleißenden Schneise.
Ich bin sowas von da und unberührbar.

Um mich herum ist keine Menschenseele.
Wo ich bin, ist eine Wiese, in der es hummelbrummelt und grasraschelt.
Die Halme reagieren auf meine Berührung.
Ich berühre mich, berühre sie. Wir reagieren aufeinander. Erschrecken. Erkennen. Warten. Finden uns im Wiesengeräusch.

Hier können wir gut sein.
Ich glaub, das ist ein guter Ort für uns.

10 Jahre später

10 Jahre sind seit unserem Ausstieg vergangen.
10 Jahre, die ein Drittel unseres Lebens sind.

Manchmal denke ich: “Ach das ist doch wie ein Rezept. Ein Teil Freiheit, ein Teil Gewalt und ein Teil Lauf der Dinge…” und stelle mir uns und unser heute-am-leben-sein, wie einen Hefeteig vor, der wächst und reift und sich entwickelt und … zu etwas wird, das man anders benennen kann.
Kuchen, Keks, Butterbrot – mir egal. Hauptsache irgendwie fertig.
Fertiger als jetzt.

Als wir uns damals dazu entschieden haben, der Selbstverständlichkeit unserer Verfügbarkeit etwas entgegenzusetzen, taten wir das ohne konkrete Vorstellungen oder Ideen davon, was dann so passieren würde.
Wir taten es nicht, wie es in zahlreichen Büchern zum Thema vorgeschlagen oder angeraten wird. Wir taten es nicht getragen von einer großen inneren Übereinkunft, dass der Ausstieg das Beste für uns sei. Wir taten es nicht einmal im Bewusstsein aller Innens.

Wir haben diesen neuen Lebensabschnitt angefangen, wie wir alle neuen Lebensabschnitte angefangen haben.
Überfordert, dissoziativ und letztlich: allein.

Das macht unseren Ausstieg nicht zu einem falschen Ausstieg oder zu einem, der nicht echt ist.
Es ist nur einer, der die Kluft zwischen außen und innen verstärkt hat.

Ausstieg, das klingt, als würde man eine Tür öffnen und von einem Raum in einen anderen treten.
Tatsächlich sind wir einfach in irgendeine Richtung gelaufen und merkten erst viele Jahre später, dass wir nicht mehr “im Ausstieg” waren, sondern mitten in einem Niemandsland aus Therapie, Selbstreflektion, klar kommen, wachsen, schrumpfen, verzerren, zerfallen, sich sammeln, erstarken, Hoffnung schöpfen, doch Bitterkeit schmecken.

Für uns war das eine Zeit, in der Stabilisierung wichtig war. In alle Richtungen.
Essen, trinken, schlafen, ausscheiden, interagieren, sicher sein – um nicht viel anderes haben sich diese ersten Jahre gedreht, denn nichts davon hat normgerecht funktioniert.

Wir haben nicht über das, was vor dem Ausstieg war, gesprochen.
Die, die vor dem Ausstieg waren, haben bis heute nicht gesprochen.

Aber gefunden haben wir sie. Wir sind uns ihrer inzwischen bewusst.
Haben verstanden, dass wir nur ihre Schutzschicht, ihr Beiwerk, eine Art funktionaler Alltagsschmuck sind.
Verstehen uns als ihre Dissoziation auf das Trauma, das unser Ausstieg für sie war.
Denn unser Ausstieg – unser ach so gutes uns selbst retten, war ihr Kontrollverlust, ihre Todesangst, ihre Vernichtungserfahrung ohne Hilfe oder Rettung von außen.

10 Jahre, das kann man so lesen und denken: “Boa das ist aber ganz schön viel Zeit.”.
Das kann man denken, wenn man erlebt, wie Tag und Nacht einander abwechseln, wie sich eine Woche in Tage hacken und hintereinander wegleben lässt und Zeiträume zwischen “Anfang” und “Ende” klemmen kann.
Wenn es diese Eindrücke des Selbst- und Umwelterlebens jedoch nicht gibt, sind 10 Jahre eine bloße Zahl in einem irrelevanten Kontext.

Gestern hatten wir Anlass darüber nachzudenken, ob es ein Zurück geben könnte.
Könnte man heute noch so auf uns zugreifen, wie vor 10 Jahren?
Könnten wir heute noch so funktionieren, wie es vor 10 Jahren wichtig war?
Was, wenn die letzten 10 Jahre nur eine Pause, ein Spiel, Teil eines Plans sind und das überbordende Gefühl der Innens, denen unser Ausstieg passiert ist, dass das alles einfach gar nicht wahr ist, stimmt?

Wir sind heute nicht mehr so allein wie vor 10 Jahren.
Wir sind heute auch nicht mehr so einsam und insgesamt dysfunktional wie damals.
In den Jahren seit dem Ausstieg haben wir uns so viel Bewusstsein erarbeitet, so viele dissoziative Brüche verschlossen – haben uns eingebracht und die Welt angefasst.
Aber ist das ein Schutzschild?

Wir wissen noch immer nicht, woraus wir da eigentlich ausgestiegen sind. Wissen nur, dass wir ausgestiegen sind, weil wir dachten, dass das unsere Aufgabe ist. Dass man so Therapie macht, wenn man viele ist und andere Menschen das ausnutzen.
Wir haben das nicht für uns gemacht.

Wir konnten es aber auch nie für uns machen.
Wir wussten damals noch gar nicht wer wir sind, was wir können und wollen.
Was wir wünschen und was wir empfinden.
Wovor wir Angst haben und was das überhaupt sein soll: Leben

Das hat sich inzwischen verändert.
Wir wissen umeinander. Wir wissen um unsere Vorstellungen und Ideen. Haben Ziele, die über akute Bedürfnisbefriedigung hinausgehen.
Wir haben ein Bild von uns als Körper, der re_agiert und auf den hin re_agiert wird.
Nichts davon ist in jeder Situation sicher abrufbar – aber es ist da und wird mal schneller, mal erst nach einiger Zeit als fehlend erkannt, wenn es nicht da ist.

Realistisch gesehen ist das kein Schutz vor Täter_innenzugriff. Wir wissen, dass wir als inneres System nur dann funktionieren, wenn wir auch “an” sind. Wird ein anderes System angesprochen, funktioniert dieses System. Das ist nachwievor so und wir würden uns bescheißen, würden wir das ausblenden.
Aber unsere Funktion und unsere Arbeit bisher ist ein Schutzfaktor.

Bewusstsein ist keine Einbahnstraße. Therapeutische Arbeit keine Punktlandung. Interaktion mit anderen Menschen keine Einzelaktion.
Wir können nicht wissen, was es mit bisher noch gar nicht oder wenig für das Heute bewussten Innens macht, wenn wir mehr von ihnen oder über uns verstehen. Wir können nie ausschließen, dass die Entwicklungsschritte, die wir machen, nicht auch die Entwicklungsoptionen der anderen Innensysteme begrenzen oder erweitern oder in ihrer Form modifizieren.

Aber das Risiko erneuter Übergriffe müssen wir als immer bestehend anerkennen und akzeptieren.
Das ist, was einfach nicht in unserer Verantwortung liegt.

Vielleicht liest sich das ernüchternd für andere (Viele), die im Ausstieg sind oder auf ihren Ausstieg, der schon eine Weile zurückliegt, schauen.
Vielleicht gibt es die Idee, dass 10 Jahre später ALLES vorbei ist, das Leben gut, alles verarbeitet – insgesamt einfach: alles tutti paletti – und dann schreiben wir so einen Text und alles steht wieder in Frage.

Dazu möchten wir Folgendes sagen: Herzlichen Glückwunsch zu der Idee an sich.
Es ist gut eine zu haben und wichtig sie sich zu bewahren – ganz egal, als wie realistisch umsetzbar sie sich später entpuppt.
Es gut alles verarbeiten zu wollen.
Es ist gut, eine Idee davon zu haben, wie “alles tutti palletti” konkret aussehen könnte.

Wir haben ungefähr 7-8 Jahre bis zu dieser Idee gebraucht. Und 9 bis wir verstanden haben, dass es weder falsch noch böse, noch zu viel verlangt, noch etwas, wofür man eine Erlaubnis braucht, ist, sie zu verfolgen und ihre Umsetzung im eigenen Leben zu wünschen. (Und wer weiß, wie lange wir noch brauchen, bis wir dieses Verstehen in eine echte innere Wahrheit, die für alle Innens passt, transformieren können.)

Aus Kontexten jeder Art auszusteigen (und das gilt für die, die gut tun genauso wie für die, die eher schädigen) bedeutet immer einen Weg zu gehen. Entwicklung zu machen. Manche machen das wie wir, indem sie einfach so vorwärts stolpern ohne nach links und rechts oder auf sich selbst zu schauen (also hoch dissoziativ und reaktiv auf äußere Impulse hin) und manche sehr bewusst, einen Schritt nach dem anderen. Manche verfolgen mit ihrem Ausstieg ein konkretes Ziel, manche verstehen das Ziel erst im Ausstieg selbst und manche begreifen erst am Ziel, was sie eigentlich erreichen wollten.

In der Literatur finde ich diese Varietät der Ausstiegsarten, bzw. der Wege an sich, nicht so vertreten. Schon gar nicht der Entwicklungsverläufe danach.
Das wird aber auch an der Literatur liegen. Beziehungsweise daran, dass wir dazu nur psychologische Fachliteratur gelesen haben.
Nicht alle Aussteiger_innen haben 10-20 Jahre nach dem Ausstieg noch die gleichen Behandler_innen wie zu Ausstiegszeiten und nicht alle Aussteiger_innen haben 10-20 Jahre nach dem Ausstieg noch Therapiebedarfe. Oder den Wunsch oder die Motivation oder den Mut oder irgendeinen Anlass, ihre Erfahrungen aufzuschreiben und zu teilen.

Darum schreiben wir unseren Weg und unsere Auseinandersetzung damit auf.

Wir können jetzt, gut 10 Jahre später, nicht zurückgelehnt in einer Hängematte sitzen und davon ausgehen, dass wirklich alles von dem ALLES vorbei ist.
Wir wissen noch nicht alles über ALLES.
Erinnern noch nicht alles – schon gar nicht als selbst erlebt.
Aber wir haben mit unserem Ausstieg einen Raum verlassen, in dem wir immer wieder darin gestört werden, uns damit auseinanderzusetzen.

Das hat unser Ausstieg uns ermöglicht und in diesem Stadium angekommen, können wir sehen, dass wir so etwas wollten bzw. dass die Personen um uns herum damals, genau das für uns wollten: eine Unterbrechung permanenter Reaktion auf Todesangst, Verletzung und konkrete Bedrohung.

Es ist bitter für uns, am Ende des Tages mit der Dankbarkeit für 10 Jahre freien Entwicklungszeitraum im Herzen, die Realität von wer weiß vielen Jahren, die da noch kommen werden, Unsicherheit darüber, ob ES wirklich ganz und gar vorbei ist, im Hinterkopf vereinen zu müssen.
Aber so ist es.

Genauso wie viele andere Dinge auch.

Samstag

Im morgendlichen Dunkel klettere ich aus einem Traum in mein Bett und aus ihm herab.

Klo, Kaffee, kaltes Wasser auf Haut und Haar. Aufwachen. Abwachen. 

Wachen – nicht flüchten.

Mein Morgen ist eine Suppe mit Stahlhaar drin. Ein Zug um halb 7, Dinge zu tun, Zeit des Lebens auf einem Büfett mit riesiger Auswahl.

Der Boden klebt, es stinkt nach Urin. Freitags Nachwehen werden vom warmen Streichelwind übers Gleis getragen. 

Wo nehmen Menschen die Kraft für so viel Zerstörung und Sein her?

Ich werde oft angeguckt. Wie ich am Gleis stehe, wie ich durch die andere Stadt laufe. Mein Traum gerinnt in mir zu einem flockigen Fetzenschleier. Scham drückt mir den Hals zu. Zerrt an meinem Fokus. 

Wie erwachsen ich bin. Will ich denken und laufe durch das trunkene Morgenmenschgewühl.

Ein Kind im Buggy. Angeschnallt. Windet sich, kann sich nicht entziehen. Bekommt eine Mütze auf dem Kopf gezogen und wird weggefahren. Was für eine Waffe es ist erwachsen zu sein. 

Ich laufe weiter. Versuche mich zu binden und finde eine Fratze in dem Spiegelbild, das ein Schaufenster vor Dutzenden Schuss- und Stichwaffen wirft.

Neben mir einer ohne Haar und breiten Schultern. Neben ihm einer mit dunklen Locken. Drei Schritte weiter ein stinkendes Bündel Existenz, das Münzen aus seinem abgegrabbelten Starbucksbecher zählt.

Es ist warm. Mein Schritt ein nach und nach.

Es ist Samstag und ich bin wach. ES ist vorbei und was passiert, passiert genau jetzt.

Fundstücke #45

Das hätt ich mir ja denken können, dachte ich und hatte es doch nicht gemacht.

“Ich fühle mich so ausgeliefert.”
“De facto sind Sie es auch.”

Das hätte ich mir ja denken können.
Hab ich aber nicht.

Weil das ja ist, was ich nicht soll. Denken, dass ich nichts tun kann, weil mir die Umwelt passiert.

Dass es ist wie es ist und, dass ich nichts tun kann, wenn es so ist.
Dass ich da bin, wo die Welt passiert, auch dann wenn es gar keinen Platz für sie an und schon gar nicht in mir gibt.

Obwohl und weil und außerdem und darum.

Dass hätt ich mir ja denken können und habs doch nicht gemacht.
Weil ich andere Dinge zu tun hatte.

Müde sein zum Beispiel. Nicht weinen außerdem.
Und sowieso

starr k
sein

Fundstücke #44

Sie hört sich fremd an. Unsere Gemögte, die ich anrufe, weil ich über den Text von vor 3 Jahren stolperte und plötzlich sehe, dass wahr wurde, was wir verhindern wollten: ein Kontakt, der ist, dann war und danach im Lauf der Dinge unterging, wie ein Boot aus Zeitungspapier.

“Wie geht es euch?”, fragt sie und es fühlt sich hohl an. Höflich.
Als nähme sie ein Stück Kuchen, das gerade verfügbar ist in die Hand und reiche es an uns, die gerade im Weg herumsteht.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Bin sowieso zurück in meinem dumpfen Brüten fern von allem, vor allem dem, was sie als “uns” kennt.
Ich frage mich, warum ich sie anrufe, wo ich die gleiche Kraft doch in Emails und Anrufe geben könnte, wo ich weniger erklären müsste.
Dann weint es Bäche aus mir heraus und ich denke: “Na gut, vielleicht dafür.” und warte bis es aufhört.

Sie sagt gar nichts. Vielleicht wartet sie auch.
Dann frage ich sie, ob ich zuerst fragen darf, weil doch ich es bin, die sich gefragt hat, wie es ihr geht. Was sie macht. Ob sie glücklich ist, oder wenigstens zufrieden.
Sie erzählt und ich höre zu.
Es ist ein fremder Alltag und doch ist sie es, die sich darin bewegt. Das merke ich und bin beruhigt.

Dann erzähle ich vom schwach sein, vom zum Opfer geworden sein und davon, was es mit mir macht, inzwischen einen Alltag zu leben, der für mich beinhaltet einmal ein Opfer gewesen zu sein, jedoch keinerlei Raum dafür in ihm zu haben.
Außer in der Therapie. Die ich im Moment aufgeben und kaputt machen will, gerade weil ich dort als Opfer gesehen werde.

Opfer-Talk – klar ist das das Einzige, was ich zu bieten habe. Nach gut einem Jahr, dass wir uns nicht gehört und gesehen haben, ist es das, was ich mit ihr teile und wieso ich mich noch gefragt habe, was unseren Kontakt hat austrocknen lassen, verstehe ich auch nicht mehr.
Ich ärgere mich schon wieder über mich selbst. Greife nach dem Wörterhahn, um ihn mir abzudrehen, denn what the fuck – es gibt doch so viel mehr als das.

Dann überrascht sie mich mit einem Dank und erzählt mir, dass es mein Opfer-Talk ist, der ihr heute immer wieder hilft Menschen zu verstehen, die früher mehr als ein Mal geschlagen, vergewaltigt, verkauft, ausgenutzt, verraten wurden.
Und plötzlich kann ich sie wieder fühlen. Spüren, wo sie steht und was es ist, was da so weit trennend zwischen mir und allem, was mich angucken kann, ist.

Es ist eben doch genau das. Das Opfer-Ding. Das Opfer-Ding, das schon so lange vorbei, aber doch in mir drin ist, wie in ihr das Vertrauen in Menschen, Welt und eigenes Wehe.

Ich werde es immer nur fühlen und anerkennen können. Selbst wenn mein Leben weiterhin so eine gute Wendung mit mir nimmt, werde ich immer wissen, woraus ich hervorgegangen bin. Auch dann, wenn ich mich dagegen entscheide, dem wie viel oder wie wenig Gewicht auch immer zu geben.

Meine Geschichte ist geschrieben. Und darin war ich Opfer.
Es gibt nichts, das ich dagegen tun kann.
Es gibt jedoch vieles, das ich dem hinzufügen kann.

Das Heute zum Beispiel. Und das, was ich über mich, uns und alle anderen in meiner Geschichte denke.
Was ich zunehmend erinnere. Und was ich mit mehr und mehr Erinnern über mich, uns und alle anderen denke.

Sie erinnert mich daran, dass ich nicht gezwungen bin, mich als Opfer zu sehen, nur weil ich eines war und wir lachen beide bitterlich, als wir wieder einmal merken, mit wie wenig Menschen man die Wahrheit, in dieser sich scheinbar widersprechenden Haltung, teilen kann, ohne Schaden zu nehmen.

Als wir uns von einander verabschieden, fühle ich mich anders. Ich fühle mein am Leben sein und spüre all die kleinen großen Quetschungen, die dieses unser neues Leben an mir macht, weil es mich darin nicht gibt. Nicht, weil man mich nicht will, sondern, weil es fremd ist so am Leben zu sein wie ich.

Ich sitze am Fenster und schaue auf ein Stückchen Welt, das mich nicht braucht und doch in sich trägt.
Das Heute bewegt sich ungerührt weiter.
Und ich bin immernoch da.

Fundstücke #43

Am Abend liege ich im Bett und komme nicht umhin zu spüren, dass es mich gibt.
Mich, meine Krise, mein Ge.Denken, meine Muskeln, die wie mit glühender Lava gefüllte Weintrauben an meinen Knochen hängen.

Ich liege da und denke darüber nach wie das so ist.
Wie weh es tut und doch kein Schmerz ist, den ich anderen zufügen kann.

Es ist dieser Punkt, den ich als turning point kenne und fürchte.
Ein Bein steht im Lauf der Dinge. Arbeitet. Funktioniert. Kreiert. Ist offen und reagibel.
Und ein Bein steht in der Stasis. Ist dumpf. Existiert. Nimmt für wahr, doch keinen Anteil an dem was passiert.

“Wir haben jetzt keine Zeit für eine suizidale Krise. Wir haben noch Hausaufgaben, eine Buchrezension und andere Dinge zu tun.”, sagt es im Innen und ich merke, wie sie versuchen sich aus dem Treibsand zu strampeln. Sie streiten sich über Freitod und ich bin froh, dass die Menschen um mich herum sie nicht hören, sehen, fühlen können wie ich.
Wie absurd das ist, denke ich und möchte lachen, aber es kommt nur weinen heraus, das mir noch absurder vorkommt.

Und wieder denke ich, dass die Linderung meines Leidens unter dem was ist, einem Eigentlich folgt, für das ich mich entscheiden kann. Muss. Soll. Darf.
Eigentlich geht es um Assoziationsprozesse dissoziierten Materials früherer Traumatisierungen.
Eigentlich geht es um Überforderung durch die Schule.
Eigentlich geht es um schwierige Lebensverhältnisse.
Eigentlich sind wir einfach nicht passend für diesen Lauf der Dinge.

Es gibt so viele Eigentlichs, die sein könnten, dass wir damit überfordert werden, überhaupt nur einen Schritt zu tun. Eine Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung zu treffen, sich zu entscheiden.

Es zieht in alle Richtungen.
Und wir ziehen uns in alle Richtungen.
Von mitten rein bis so weit raus, dass es uns nicht mehr gibt.

Jetzt in eine depressive Episode zu rutschen, ergibt so viel Sinn.
Neuronaler Selbstschutzkrisenüberlebensschlaf – ich kann ihn so nachvollziehen.

die dritte Arbeit

Am Ende des Halbjahres stelle ich wieder fest, dass wir es wirklich brauchen.
Das Schreiben, das Bloggen, das sich hier sammeln und finden.

Seit der Therapietermin nicht mehr die Hauptarbeitszeit ist, fasern wir wieder weiter auseinander.
Das ist wie auf einer Eisscholle wegzudriften oder langsam von einer hereinkommenden Flut umflossen zu werden.
Ich sitze nicht hier und merke in ein zwei Stunden: “So jetzt werde ich dissoziiert und jemand anderes.”. So ist es nicht. So war es auch noch nie.
Es ist viel mehr so, dass ich alles tue, was ich eben tue und mich eine Irritation dazu bringt zu bemerken, dass viel Zeit ohne mein aktives, bewusstes Dazutun vergangen ist.

Seit die Schule ist, merke ich es an neuen Schmerzen, die mir am Ende nur die Option lassen ins Bett zu gehen.
Da sind Rückenschmerzen vom unpassenden Schulmobiliar auf denen von der Bettsituation im Moment. Da ist der Schulbuckel über dem Stachelpanzerbuckel eines Innens, das flirrend zwischen Trauer und Angst in den Schulalltag gebunden ist.
Und Erschöpfung. Die Art Erschöpfung, die man hören kann, weil die milchsauren Muskeln unter der Haut aufquietschen.

Am Nachmittag schlafen wir. Am Abend ist manchmal noch genug wach da, um Emails zu lesen oder zu beantworten. Manchmal reicht es sogar für ein Essen und eine Serie.
Zum Bloggen reicht es nie.

Seit dem Klinikdings letztes Jahr denke ich oft, dass wir hier in Wahrheit doch nur selbstdarstellerischen Scheiß machen. Killefit ohne jede Konsistenz. Gedöns das weder anstrengend noch konstruktiv, wertvoll oder wichtig ist. Ich denke, dass es uns doch leicht fallen muss, unanstrengend sein muss, schließlich schreiben wir das Blog von Vielen schon seit 2008.

Inzwischen merke ich, wie es unsere Therapiearbeit ist. Auch ist. Es ist Therapiearbeit. Es ist, was uns liegt. Vielleicht: was das Talent ist, das uns eint.
Der Sprachknall und das Wort als Ist um alles Sein.
Es ist unsere dritte Arbeit.
Obwohl es keinen Auftrag gibt.

Ab sofort schreiben wir morgens. Zwischen Kaffee 1 und Hetzdusche, Hetzaniehen, Hetzkaffee 2 und Schulweg hetzantreten.

normal ha ha

Wichtig ist, dass man diesen Basic-Kram ja immer machen kann. Gut essen, gut schlafen, sich gut versorgen und dann schauen, ob und wenn ja wie sich etwas verbessert.
Die Falle ist nämlich zu glauben, nur weil man “unnormale” Dinge erlebt hat und “unnormale” Lebensrealitäten daraus hervorgegangen sind, würden „normale“ Dinge nicht mehr reichen oder helfen.
Es wird erst kompliziert, wenn es sowohl hilft als auch nicht reicht.
Wenn aus A + B nichtgleich C wird, sondern ein anderes C. Ein “unnormales” C.

Ich war gestern um kurz nach 19 Uhr im Bett und schlief durch bis der Wecker um 7 klingelte. Als ich mich aufrichtete und der Schmerz meinen noch immer tief erschöpften Oberkörper zusammenpresste, wurde mir erst richtig bewusst, dass ich seit Freitag nicht geschlafen hatte.
Unsere Matratzensituation ist einfach ungut. Wir schlafen im Moment nicht gern, weil es Schmerzen macht zu schlafen.
Wir schlafen auch nicht gerne, weil es Erinnern macht zu schlafen. Weil es erinnerte Schmerzen macht zu schlafen.

Aber. Es waren fast 12 Stunden Schlaf und doch schaffte ich den Weg zur Schule nicht.
Ich hatte Schmerzen und einen detailreichen Artikel zu sexualisierter Gewalt an Kindern angelesen. Zonk – solche Fehler passieren mir eben doch auch noch manchmal. Die Schule ist anstrengend und ich schaffe es nachwievor nicht mich hineinfließen zu lassen. Da sind dissoziative Sollbruchstellen im Innen, gegen die ich ankämpfe. Da ist das Problem, dass die 90er ein Mode-Comeback erleben und der Anblick mancher meiner Mitlernenden mitunter ein Dauertrigger ist. Da ist mein Leistungsanspruch an mich und mein Kampf gegen die eigenen Grenzen.

Der Witz ist, dass A + B eben nie nur A + B ist.
A und B sind immer die Summe von etwas. Es reicht nicht, nur zu tun was A und B sind, um es zu einem “normalen” C werden zu lassen.
“Gut essen” und “gut schlafen” sind das Ergebnis von “gutes Lebensmittel” + “genug essen” und “gute Schlafmenge” + “gute Schlafumgebung”.
Ein normales C ist “gute Kompensationsfähigkeit”, während ein “unnormales” C mehr so etwas wie ein Bewusstsein ist. Ein Bewusstsein mit dem ich manches nicht wegkompensieren kann. Jedenfalls nicht bis zum “normalen Funktionieren” hin.

Jetzt steht hier so viel “normal”, dass ich fast schon wieder lachen muss. Weil mein Normal und meine Normierung ja nicht als normal gelten.
Was mir den letzten Stoß versetzt.
Zurück ins Bett. Wo ich doch wieder nur liegen und starren würde. Wie in den Nächten von Freitag bis Sonntag.

Vielleicht versuche ich doch noch irgendetwas zu tun, was mir die normale Tagesstruktur aufrecht erhält.

haha “normal”

hahaha

Traumascheiß

Und dann hatte ich gezielt und abgedrückt.
Den Anblick eingefangen. Die grau-blaue Hand mit den dunklen Fingernägeln, die an mir dranhing, obwohl sie jemand anderem gehört.

“Geht das schon wieder los”, dachte ich und versuchte mit genervtem Ausatmen genug Abstand zu gewinnen. Für meinen jagenden Puls. Die Enge im Oberkörper. Diese Starre im Kiefer. Im Nacken. Den Impuls wegzulaufen. “Was soll denn dieser Scheiß?!”, dachte ich und richtete mein Unverständnis wie eine Mauer vor diesen Übergriff auf mich. Diese Ansteckung. Diesen Virus, der sich etwas von mir nehmen will, was ich ihm nicht geben will.
Meine Anerkennung. Meinen Glauben an so etwas wie eine eigene Beteiligung an DEM DA

Vor ein paar Jahren habe ich aufgehört Armbanduhren zu tragen. Armbänder zu tragen.
Mein Haargummi am Handgelenk dabei zu haben.
Ich hatte jedes Mal unaushaltbaren Brechreiz empfunden, wenn ich etwas an meinen Handgelenken spürte. An einem Tag war das einfach so da. Von jetzt auf gleich.
Dabei bin ich auf eine jederzeit verfügbare Uhr angewiesen.
Dabei finde ich Armbänder ganz hübsch.

Das hat sich nicht verändert in den letzten Jahren.

Seit ein paar Monaten werden meine Hände plötzlich kalt.
Dann grau-blau. Dann taub. Einfach so.
Manchmal schrumpeln sie auch zusammen. Dann bleibt meine Haut stehen, als hätte ich seit Tagen nicht getrunken oder gegessen.
Ich kann sie bewegen. Es tut nicht weh. Mir geht es gut.

Ich wollte mich gegen Wände schmeißen und an ihnen hinunter rutschen, als es wieder passierte.
Außer dieses eine wehrhafte “Nein.” fällt mir nichts dazu ein. Dieses “Nein.”, das in seiner langen Version die Abwehr von Anerkennung und Glaube; in seiner kurzen Version das Schmerzmoment, durch das ich mich hindurchkrampfe, ist.

Ich wollte mich nicht verletzen.
Wollte die Stille in meiner Wohnung nicht mit diesem Inferno in mir verdrecken.
Ich machte ein Foto und rannte in den Wald.
Stopfte mir das Leben ins Maul und pumpte mich damit auf.

Da verschwand er wieder.
Dieser Traumascheiß.