eine andere Antwort

Gendermarketing ist ein Ding. Ist klar, wurde und wird schon viel drüber geschrieben, da braucht es nicht noch einen weiteren Text von mir.
Aber.
Auch Kritik an Gendermarketing ist ein Ding.
Nämlich.
Was aus Gründen des Gendermarketing kritisiert wird und warum.

Anlass für diesen Text ist meine von den Kochrezeptblöcken in dem Buch “Hannahs 25 Raspberry Pi Server” ausgelöste Verwirrung.

Es ist ein Buch, das fundiert und klar beschreibt, wie man Server aufsetzt und wie sie funktionieren. Und in dem es Kochrezepte gibt.
In einigen Rezensionen wird dieser Umstand lächerlich gemacht und Gendermarketing zugeschrieben. Für manche Rezensent_innen ist dieser Umstand sogar das Sprungbrett zur Abwertung des gesamten Buchs.

Als peinlicher Versuch mehr Frauen an “die Technik” zu kriegen, landet das Buch in einer Ecke, die seinem Inhalt überhaupt nicht gerecht wird.
Warum? Weil “Kochen” und “Technik” im Gegensatz zu einander verfestigt werden, wie “Frauen” und “Technik”.

Wäre ich eine Umkehrfeministin würde ich mich fragen, ob ein Werk zum Thema “Grillen” und “Technik” von einer Person, die als Mann kategorisiert wird, die gleiche Abwertung erfahren würde. Und dann fallen sie mir ein: die automatisierten Grills (CN: YouTube-Video) und der fast wie ein Fetisch anmutende Hype um DEN GRILL für DEN MANN, der sich in der Sommerzeit jedes Mal neu in der Werbelandschaft austobt.
Ich komme zu dem Schluss, dass das gleiche Gendermarketing, das bei Produkten mit der Zielgruppe “Frau” zu Lächerlichkeit und Verfestigung von Unvereinbarkeitsempfinden führt, bei Produkten für die Zielgruppe “Mann” jedoch, zur Ergänzung dessen, was als “männlich” gilt.

So wird Gendermarketing für “Frauen” peinlich – für “Männer” jedoch nicht.
Und so wird auch nur Gendermarketing für “Frauen” kritikwürdig, da es als allgemein entwertend und stereotypisierend kategorisiert wird. Manche Kritik verstärkt diese Einordung sogar noch durch den Einsatz von Sarkasmus und Witzen, die ebenfalls nur als solche erkennbar sind, wenn man ihre Quellen kennt, was nicht in allen Fällen vorraussetzbar ist.

Ich persönlich halte es für wichtig, bewusst darum zu sein, dass es Gendermarketing gibt.
Und fertig.
Meine eigene Kaufkraft ist so niedrig, dass es in meinem Fall irrelevant ist, an wen wer was verkaufen will – ich kann nur kaufen, was ich kaufen kann und das ist in der Regel das, was ich brauche  und eher selten das, was ich am liebsten gerne hätte, unter anderem vielleicht auch, weil es speziell für “Leute, die eventuell so sind und leben, wie ich” gedacht und gemacht ist.

Eine Bewertung des Umstandes, dass es das überhaupt gibt, wurde bereits vorgenommen und wie gesagt fällt diese Bewertung nachwievor überwiegend (cis)feminitätsfeindlich aus. Manchmal sogar dann, wenn die Aufwertung von (Cis)Feminität als Intension angeführt wird.

So bleibt zum Beispiel in Bezug auf dieses Buch die umfassende Auseinandersetzung damit aus, warum ein Buch mit Anleitungen zur Technik überhaupt Kochrezepte enthält.
Die einfache Antwort ist: “Gendermarketing – die denken, dass Frauen das mehr kaufen, wenn was drin ist, was sie kennen und wenn es aussieht, wie etwas anderes, das für Frauen gemacht wird”.
Eine andere Antwort könnte jedoch auch sein: “Warum denn nicht? Warum nicht etwas machen, was sonst noch niemand gemacht hat? Warum nicht ein Buch schreiben, das ein bisschen neben der immer gleichen Type passiert?”

Die andere Antwort könnte einfach auch mal eine Autor_in und ein Verlag sein, die versuchen etwas anderes zu machen, als viele andere, weil sies können und wollen.

BÄM – da denkt man doch gleich ganz anders über dieses Buch.
Und darüber, wessen Bücher man eigentlich lesen will.

*in diesem Text schreibe ich von “Männern” und “Frauen”, weil Gendermarketing nur das binäre Geschlechtersystem verwendet
P.S. Meine Verwirrung über die Blöcke rührt von ihrer Überschrift „Hannahs“.
Es kann schon mal verwirren den eigenen Namen so unvermittelt zu lesen.

zum internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen

Was gut ist: ich lese immer seltener “die Behinderten” und auch journalistische Negativglanzleistungen wie “leidet an [medizinische Bezeichnung eines körper-seele-funktion Umstandes]”.
Das ist alles, was gut ist und das liegt wahrscheinlich an mir selbst.

Ich habe mich radikalisiert. Ich lese kaum noch Artikel über behinderte Menschen. Konsequent und so radikal, dass es meine Leseliste um 90% verschlankt hat, lese ich nur noch behinderte Menschen, die über, von und mit behinderten Menschen schreiben/filmen/anders berichten.
Das mache ich nicht, weil das der Journalismus ist, den ich mir wünsche, oder weil behinderte Menschen, die besseren Berichter_innen sind – ich mache das, weil für mich jeden Tag „internationaler Tag der Menschen mit Behinderung“ ist.

Ich habe lange geglaubt, die Gewalterfahrungen, die ich machen musste, hätten mich als schwerbehinderte, kaputte und damit weniger werte Person zurückgelassen.
Das war gut, um die Ungerechtigkeit der Gewalt an sich und ihrem Wirken an und in mir überhaupt erfassen zu können. Das war wichtig, um in einen Trauerprozess um all die Optionen zu kommen, die es für mich hätte würde wenn eventuell vielleicht hätte geben können, wenn nicht …

Leider war das auch ein Ausdruck der opferfeindlichen und ableistischen Kackscheiße, die ich internalisiert habe und als ich dann, vor etwas über einem Jahr so sicher wie es in meinem Fall sicher sein kann, erfuhr, dass es all dieses hätte würde wenn, mit großer Wahrscheinlichkeit selbst ohne die Gewalt, die mir in der eigenen Familie passiert ist, nicht für mich gegeben hätte, war es einer dieser Momente, die weh tun, weil sie von einem kaputten Selbstbild und dem Verlust der eigenen Positionierung in der Welt herrühren.

Ich bin keine behinderte Person, die danach strebt ihre Behinderungen “nicht so schlimm” zu finden oder “zu sein, wie alle anderen Menschen”.
Ich will normal sein.
Und nein, das ist kein Widerspruch – das ist eine Kampfansage an die Norm.

Vor inzwischen 9 Jahren habe ich mich dazu entschieden aus einem Kontext auszusteigen, der mich über kurz oder lang das Leben gekostet hätte.
Ich gab es auf, eine Familie zu haben und wurde zu einer Waise, deren Eltern noch leben. Ich gab es auf, einen Lebenslauf zu haben, den ich ohne kosmetische Totaloperation zu einer Bewerbung tackern kann. Ich akzeptierte, dass die bürokratischen Strukturen des Landes, in dem ich lebe, weder Biografien, noch daraus hervorgehende Bedürfnisse und Behinderungen kennen, noch angemessen zu behandeln in der Lage sind. Ich tat einen, zwei, drei Schritte von meinen mir per Gesetz zugesicherten Grundrechten zurück und spürte, wie ich endlich etwas richtig machte.
So soll das nämlich sein, wenn man aus etwas hervorgeht, das nicht vorgesehen ist.

So schwere organisierte und häusliche Gewalt zu überleben, ist nicht vorgesehen. In dieser so gestalteten Welt nicht so funktionieren zu können, wie die Mehrheit der Menschen, ist nicht vorgesehen. Plötzlich nicht mehr zu funktionieren, ist nicht vorgesehen. Plötzlich anders zu sein oder sich Stück für Stück anders zu entwickeln oder für immer und trotz allem anders zu bleiben und Worte, Gründe und eigene Werte daran zu haben, ist nicht vorgesehen.

Und was nicht vorgesehen ist, das gibt es nicht.
Und wenn es etwas nicht gibt, dann ist völlig klar, dass man sich damit weder gut noch schlecht fühlen kann. Dass man sich fern von allem (= der Norm) zu positionieren hat und ergo niemals von irgendetwas, das passiert, angesprochen und mitgemeint fühlen kann.

Behinderte Menschen sind nicht vorgesehen. Egal, um welche Art der Behinderung es sich handelt und, egal wie hoch das Maß des Funktionierens innerhalb normalisierter Umstände und Umgebungen ist.
Sämtliche Strukturen sind darauf ausgerichtet die Norm zu erkennen und mit ihr umzugehen. Für “den Rest” gibt es Sonderstrukturen und wir hier im Westen haben das Glück in einem Kapitalismus zu leben, der daraus noch Gewinn erzielen kann.
Es gäbe keine Pflegeheime, Förderzentren, Sonderschulen, Werkstätten und Spezialtechniken, würde man damit kein Geld machen können.
Es ist kein Akt der Menschlichkeit und schon gar nicht der gelebten Inklusion, Sonderstrukturen zu haben, zu nutzen oder mit Altruismus zu erklären (und zu legitimieren).

Behinderte Menschen werden durch die Option dieser Sonderstrukturen zu einer wirtschaftlichen Ressource.
Das ist wie mit Müll.
Niemand will ihn in der Wohnung haben – aber der Typ, dem die Müllabfuhr-, der Typ, dem die Halde-, der Typ, dem das Recyclingwerk- , der Typ, dem die Firma für aus recyceltem Material gemachtem Zeug — gehört (und seine vielen Angestellten, sowie der Staat, der deren Steuern bekommt), die finden Müll so richtig geil.

Diese Metapher ist schmerzhaft, ne? Es ist aber die Art schonungsloses Bespiel, das die Verachtung und Entmenschlichung, mit der behinderte Menschen jeden – wirklich jeden! – Tag umgehen müssen, am deutlichsten aufzeigt.
Und es ist die Metapher, die mir am meisten hilft für meine Grund- und Menschenrechte einzutreten.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.
“Würde” bedeutet: jeder Mensch ist wertvoll.
Auch dann, wenn er nicht mitbedacht, nicht vorgesehen ist.

Menschenrechte gelten universell und niemand braucht mehr als die eigene Menschlichkeit um zu dieser Party eingeladen zu sein.
Niemand braucht mehr als das, um ganz üblich in seiner Würde und seinem Wert unangetastet zu sein.

Wenn es jedoch um den normierten Alltag geht, wird eine andere Party gefeiert, denn hier muss niemand über die eigene Menschlichkeit nachdenken.
Hier sind alle Menschen, die nicht vor der Treppe am Eingang, der Beschaffenheit der näheren Umgebung oder dem sozialen Code zum Einladungserhalt (und vielem mehr) gescheitert sind.
Es ist schwierig sich als gleichartiger Mensch zu erleben, wenn man permanent gezwungen ist, eine Subparty vor der Haustür oder im Begegnungszentrum drei Blocks weiter zu veranstalten und sich selbiges auch noch schön zu reden, weil „es ja auch schlimmer sein könnte und man ja niemanden zwingen kann, die Party einfach grundsätzlich woanders zu starten“.

Es ist diese fatale Normalität des Ausschlusses und der Abgrenzung, die mich unnormal macht und mir aufbürdet mich einzugliedern und anzupassen, um als Mensch anerkannt zu werden.

Ich will nicht normal sein, um besser und wertvoller zu werden, als ich jetzt bin.
Ich will normal sein, um von Staat und Gesellschaft als Mensch anerkannt zu werden und den täglichen Kampf um Gleichberechtigung, Partizipation und Selbstbestimmung beenden zu können.

Am „internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen“, geht es darum, genau das deutlich zu machen.
Egal, ob jemand ausschließen will oder nicht – egal, ob jemand behinderte Menschen ausgrenzen will oder nicht – egal, ob jemand “nichts gegen Behinderte hat” oder vielleicht doch – egal, wie gut oder schlecht eine nicht dauerhaft und global behinderte Person einer behinderten Person das Leben ermöglicht – der Ausschluss und die Entmenschlichung behinderter Personen ist real und passiert jeden Tag.

Das aufzuzeigen und/oder in Erinnerung zu rufen, ist alles, was so ein spezieller Tag leisten kann.
Etwas dagegen zu tun und die Universalität der Menschenrechte in die Lebensrealität aller Menschen gleich zu implementieren, das ist etwas, das mehr braucht.

Man muss es aber gewähren wollen.
Ohne selbst etwas dafür zu verlangen.

Fundstücke #38

Es ist so eine Woche, in der wir Vielen Stück für Stück voneinander wegtreten, um all die vielen Dinge zu tun, zu tragen, zu stützen, zu manövrieren und so am Ende doch wieder zusammenzubringen.
Wir wissen, dass wir uns überladen, doch gleichzeitig wissen wir, dass wir im Moment besser nicht so viel allein mit uns und dem von der Therapie hochgewirbeltem Schlimmfetzen aus dem Früher sind. Und der Schule. Und der Arbeit. Und dem Ehrenamt. Und der bürokratischen Hölle.
Nicht, weil das alles schlimm ist , einfach nur, weil wir damit nie wieder allein sein wollen.

Am Montagabend nach der Therapiestunde, dachte ich noch eine Weile darüber nach, wie diffizil, zart und hochfragil wir vor diesem Leben stehen und doch immer wieder durchkommen. Überleben. Leben. Fühlen. Begreifen. In uns hineinlassen. Mit.Teilen.

Viele zu sein ist für uns nicht die perfekte Antwort auf die Lebenserfahrungen, die wir gemacht haben. Keine_r von uns ist entstanden, weil wir das so wollten, oder irgendjemand anders. Wir sind, weil es uns möglich war zu sein und werden.

Es ist schwierig für mich uns so zu sehen, denn so wirken wir passiv, reaktiv – wirkt das, was wir tun und erschaffen, wie eine Glückssache, die zufällig uns passiert (ist) und manchmal ist es auch nichts mehr als das.

Das muss man auch anerkennen.

Gleichzeitigkeiten

Zum Erinnern an frühere Gewalterfahrungen kommt für mich inzwischen auch Stück für Stück das Erinnern an das Inmitten_Erleben in diesen Situationen. Neben der Erkenntnis, dass ich die Ereignisse, die ich als verschwommenes Dämmern oder Erinnerungsgrollen in meinem Denken und Fühlen wahrnehme, tatsächlich durchlebt habe, ergibt sich in der Traumatherapie auch die wachsende Idee davon, kein 100% passives, dumpfes Wesen mit geistiger Nulllinie gewesen zu sein.

Ich will es nicht verklären – ich merke, wie fieberhaft manche Innens die Situationen zu berechnen und einzuschätzen versuchten. Ich merke, welche dissoziativen Phänomene jeweils überhaupt erst ermöglich(t)en, dass bestimmte Strategien sich in bestimmten Innens haben entwickeln können (und bis heute bestehen).
Ich will nicht sagen: „Obwohl die Welt gebrannt hat, blieben wir cool.“ – das wäre falsch.

Aber ich will sagen: „Während die Welt gebrannt hat, ist etwas in uns vorgegangen.“ und setze in Klammern hinzu: (das mir hilft).
Auch das will ich richtig verstanden wissen: Es hilft mir heute – und Punkt.
Es hat nicht geholfen zu überleben, es hat nichts erträglicher gemacht – es war einfach nur auch da und hilft mir heute.

Ein Beispiel hat mit einer Taube, deren Gefieder braun-weiß gesprenkelt war, zu tun.
Sie war auf dem Fensterbrett eines Zimmers gelandet, in dem andere Wir’s von uns verletzt wurden.
Alles was war, passierte – Schonhaltungen, Täter_innenfokus, der Sprint der Kognition hinter der körperlich-seelischen Überreizung her – und gleichzeitig auch eine Erinnerung an (einen erst weiß-braun gesprenkelten) Kakao in einem Topf, auf einem Herd, in einer Klinikküche, in einem Moment, in dem es eine Idee eines Okay-Gefühls gab.
Nicht lange – aber lange genug.
Wofür auch immer.

Das bedeutet nicht, dass ich oder diese Wir’s damals nicht gelitten haben. Oder diese Gedanken nur deshalb da waren, weil es so schlimm war.
Es fällt mir schwer an die Theorie zu glauben, nach der sich überreizte/gestresste Gehirne in eskapistische Schleifen verirren, um sich zu entlasten.
Je mehr ich erinnere, desto mehr komme ich an die Überzeugung, dass solcherart Gedanken da waren (und heute erinnerbar sind), weil sie Teil der Gleichzeitigkeit dieser Situation waren.

Für mich ist die permanente Gleichzeitigkeit von allem der Grund, weshalb mir der Alltag und verschiedene Tätigkeiten darin schwer fallen.
Für mich ist es zum Beispiel schwierig zu entscheiden, wann ich dran bin etwas zu sagen, weil ich nicht durchgehend sicher priorisieren kann, was für wen wie wo und warum relevant und überhaupt wahrnehmbar ist. Woher soll ich wissen, ob mein Gegenüber es nicht so schlimm wie ich, findet, wenn der Klang meiner Stimme asynchron und allgemein dissonant mit dem Klang des Lampentickens ist? Welche Parameter gibt es für so eine Entscheidung?

Gewaltsituationen sind für mich ein Stück Lauf der Dinge, in dem die übliche Gleichzeitigkeit in einem Zustand wahrgenommen wird, der im und am Körper mit Gleichzeitigkeiten zu tun hat und deshalb als überreizend, überbordend, unaushaltbar einzustufen ist.
Mit dem Erinnern heute kommt das Gefühl der Vertrautheit dessen, was schon früher schwierig war und sich bis heute kaum verändert hat – obwohl heute heute ist.

Ich dachte oft, die Menschen, mit denen ich über eine Gewalterfahrung sprach, nähmen mich nicht ernst, wenn sie sich auf bestimmte Aspekte oder Dynamiken innerhalb der Erfahrung konzentrierten und andere Dinge ausgeklammert ließen.
Heute verstehe ich, dass wir einfach anders erfassen und auch in Gewaltsituationen früher anders erfasst haben, was passierte. Für uns passierte schon damals immer alles (mal mehr mal weniger gut voneinander abgrenzbar) gleichzeitig und ein Großteil unserer kognitiven Ressourcen ging (und geht) in die Vereinzelung der Dinge, obwohl wir allen Dingen den gleichen Wert in Raum, Zeit, Ist, zuschreiben, um mit anderen Menschen darüber sprechen zu können.

Aus einer Situation, in der ein Tagesplan kaputt geht, eine Heizung rauscht, eine Uhr tickt, Kleidung raschelt, 5 verschiedene Menschengeräuschdynamiken passieren, die Haare zwischen Kopf und Boden reiben,  meine Haut andere Haut fühlt, Schmerz passiert, nicht klar ist, welche Bewegung oder Handlung erwartet/gefordert ist, Ekel passiert, Angst passiert, das faszinierende Webmuster eines Stoffs vor Augen tausend Fragen in den Kopf schüttet, ein Kühlschrank pfeift, der Geruch von Büchern und Holz von Menschenkörpergerüchen bedrängt wird, eine Enge im Hals nicht zum Geräusch passt, das aus ihm kommt, eine Sockennaht schmerzhaft auf den kleinen rechten Zeh drückt … muss ein Satz werden, der nur noch die Informationen erhält, die für andere Menschen in etwa nachempfindbar sind, sonst verstehen sie die Schlimmheit des Moments für mich nicht.

Ich muss vereinzeln, reduzieren und damit auch meine Erfahrung kleiner_reden.
Manchmal passiert es dann, dass ich darüber bei scheinbar neutralen Sätzen wie: “Eine Person hat eine andere verletzt” lande, während für mich bereits die Benennung meiner Selbst als “Person” (also “Mensch” oder auch “Individuum” aus den Räumen “Menschenrechte” und “Seele”) für mich bereits hochgradig aufgeladen erscheint. Die Dichte unserer Vereinzelungen wird häufig nicht wahrgenommen. Der Umstand, wie stark wir vereinzeln und wie viel Energie wir daran verlieren diese Sortierungen vorzunehmen, wird häufig nicht wahrgenommen.
Heute erlebe ich es als wichtig mir das klar zu machen, wenn ich mich nicht ernstgenommen fühle.

Es ist wichtig, weil es auch die eigene Sortierung des erinnerten Inmitten_Erlebens betrifft.
Für uns ist ein Gedanke an Hausaufgaben während einer Vergewaltigung nie ein random Brainfart gewesen, der vernachlässigbar ist, weil der Kontext wichtiger ist oder die Bedeutung des Ereignisses oder seine Auswirkungen im Heute.

Ich merke, dass wir unseren Auftrag an die Traumatherapie verändern müssen, weil unser Zugang ein anderer ist.
Merke, wie sehr für uns selbst weder relevant ist, wie oder warum moralisch falsch oder justiziabel, noch wie schlimm oder zwingend wieder gutmachbar war, was wir erfahren haben.
Es geht nicht darum bestimmte schmerzhafte, quälende Handlungen an unserem Innern und seinem Körper zu erinnern oder bestimmte Kränkungen oder Zwänge, oder Ängste, denen wir ausgeliefert wurden. Es geht auch nicht darum zu ergründen, warum und für wen das passiert ist.
Für uns ist das, egal in Bezug worauf, nicht das Einzige, was uns dazu bringt über eine Gewalterfahrung zu sagen: “Das war so schlimm, dass wir das nicht verarbeiten konnten” oder auch “Das war so schlimm – ich kann mich gar nicht konkret erinnern.”.

Deshalb hilft mir die Erinnerung an auch solche Gedanken in Gewalterfahrungssituationen.
Und auch: deshalb tröstet mich die Erinnerung an solche Gedanken, denn sie zeigen mir, dass meine Annahme von Gewalt als alles abtötendes Gift in einem Menschen vielleicht falsch ist.
Sicher ist sie schlecht für die Entwicklung eines Menschen. Sicher ist sie schlecht für achtsam respektvolles Miteinander. Sicher kann sie töten.

Aber daneben ist sie dennoch immer auch nur ein Anteil einer Gleichzeitigkeit.
Und wir tragen mit unserer Anpassung an Menschen mit anderem Wahrnehmen als wir dazu bei, dass genau das aus dem Blick gerät – obwohl wir das gar nicht wollen. Wir vereinzeln unser Erfahren solcher Situationen – und wundern uns, warum wir im Innen so vereinzeln bleiben. Wir verdichten unsere Worte dafür – und wundern uns über Miss- und Unverständnis oder fühlen uns umgeben von Menschen, die scheinbar gar kein Erfahren mit uns teilen.

Hm.

Tag mit Macke

Es ist 6 Uhr 38 als ich an der Straßenbahnhaltestelle stehe, um zur Schule zu fahren. Unser Unterricht beginnt um 7 Uhr 30 und ich bin beschwingt es geschafft zu haben, in die perfekte Bahn steigen zu können. Sie ist fast leer, ich setze mich mit NakNak* auf “unseren” Platz, verstaue Ranzen und Sportbeutel unter mir.
Der Morgen lief glatt, der Tagesplan scheint einhaltbar.

Bis wir an der Umsteigehaltestelle aussteigen und sehen, dass die Bahnen in falscher Reihenfolge abgefahren sind. Wir müssen 10 Minuten warten, bis wir erfahren, dass unsere nächste Bahn 20 Minuten verspätet ist.

Der Bahnsteig wird voller. Jetzt strömen die Schulkinder durch die Halle, von zweien kann ich die in NakNak*s Richtung schießenden Hände umlenken, ein drittes spreche ich bereits an, als es uns viel zu nah kommt.

Ich könnte heulen, weil mir der ganze Tag durch die Finger rinnt und ich nichts tun kann, als auszuhalten. In der Schule zu fehlen, macht mir Stress – völlig egal, wie ich die Gründe dafür bewerte. Es stresst mich, weil es Mehrarbeit bedeutet. Weil ich nicht unzuverlässig sein will. Weil mich interessiert, was wir da machen und wissen will, was wir dort zu wissen erfahren dürfen. Weil es einfach der Plan in der Woche ist, zur Schule zu gehen.
Es ärgert mich, wie schlecht der Bahnbetreiber auf solche Fälle zu reagieren in der Lage ist. Ich ärgere mich darüber, wie ich wegen NakNak*s Unterstützung von weitem angeguckt werde, während ich so einen Druck erlebe und in getriggerte Gefühle rutsche.

Als ich trotz der Ohrstöpsel alles noch lauter wahrzunehmen beginne, raffe ich meine Sachen und wechsle das Gleis. Steige in die Bahn zurück nach Hause.
Komme in der Wohnung an und zerfalle zu einem Bündel Krampf und Tränen, als die Tür hinter mir zu ist.
Und merke wie groß der Hass für mich selbst in diesem Moment ist.

Weil es doch nur so eine kleine Macke im Tag ist. Weil ich mich doch an x vielen anderen Tagen erfolgreich durch solche Situationen kämpfen konnte. Weil ich nicht verstehe, wie mir solche Ereignisse so einfach den Boden unter den Füßen wegreißen können und mich in einem Zustand zurück lassen, in dem es mir nicht mehr möglich ist, mich als “Ich”, geschweige denn als ein Wesen mit “Selbst” zu erleben.
Es erschreckt mich so tief und unerwartet – obwohl ich es fast jeden Tag erlebe.
Obwohl ich weiß, dass es Gründe mit Wörtern dafür gibt, die in sich erklären, warum es an manchen Tagen kein Problem ist und an manchen jedoch sehr stark.

In unserem Umfeld ist niemand, di_er uns sagt, dass wir irgendwas schaffen müssen oder sollen.
Immer wieder sagen uns Menschen, dass wir uns mit oder wegen der Schule keinen Stress machen sollen und manchmal erlebe ich mich dabei gekränkt. Denn ich will schon auch jemand sein, an die_n man Erwartungen richtet, wie an alle anderen Menschen auch.
Ich will nicht, dass man davor kapituliert dysfunktionale Strukturen (wie zum Beispiel ein all morgendlich wackeliges Verkehrskonzept) zu verändern oder sich verkneift mir zu sagen, welche Teile meiner Strukturen ich zu verändern mal überlegen sollte, weil man sich von vorherein überlegt, keine Erwartungen zu haben.

Mein Schulbesuch ist nicht so etwas wie dieses Blog hier oder das Podcast oder das Nachwachshaus, wo wir enorm viel Zeit, Kraft und Arbeit investieren, weil wir das um das Projekt selbst willen gerne möchten. Es ist etwas, was durchzuziehen sehr schwer wird, wenn man von allen Seiten den Eindruck bekommt, dass es seltsam pseudoirrelevanter Quatsch ist, den wir wider besseren Wissens so angefangen haben, wie wir ihn angefangen haben.

Jedes Mal, wenn uns – und ja tut mir leid, vielleicht ist die Trennung jetzt blöd – nicht autistische/behinderte/traumatisierte Menschen sagen, ihre Ausbildung/ihr Alltag/ihr Leben sei ja auch nicht einfach, aber wir hätten uns ja dazu entschieden das jetzt zu machen, sagen uns damit gleichzeitig auch: “Dann mach es doch einfach nicht. Mach dir keinen Stress, lass es einfach bleiben. (Ist doch sowieso Quatsch – du kannst das doch schon alles.)”.
und lassen uns mit einem Gefühl zurück, das wir niemandem wünschen.

Wenig von dem, was uns im Moment begegnet ist etwas, womit wir rechnen konnten.
Wir sind zuletzt in Zeiten zur Schule gegangen, in denen wir weder Hunger noch Durst, noch Schlafbedürfnisse kannten. Wir saßen teils massiv verletzt in Klassenzimmern und kompensierten dabei eine Behinderung von der wir nicht einmal wussten, dass es eine ist.

Wir kennen die Welt außerhalb von Hartz 4 und der entsprechenden Isolation nur in diesem Modus und sind jetzt nicht nur in der Situation etwas Neues zu erleben und neue Dinge zu lernen. Wir selbst sind anders und neu für uns in dieser Situation und erleben es im Moment oft so, dass unser Außen es nicht schafft, diesen Komplex aus mehreren Ebenen der Unsicherheiten gepaart mit dem überall passierenden Ableismus und unserem Komplex in uns selbst zu erfassen und zu sehen.

Das heißt nicht, dass wir uns in unserer Belastung ungesehen fühlen oder, dass wir finden, alle müssten viel mehr für uns da sein – es heißt einfach nur, dass wir uns allein mit einer komplexen Situation erleben, die wir weder so mitteilen können, wie sie in allen Einzelheiten für uns ist, noch für uns selbst in irgendeiner Form sortieren und verarbeiten können.
Das ist nicht damit lösbar, dass uns unsere Leute flauschen oder sagen, dass sie uns verstehen. Vielleicht macht genau der Umstand, dass unsere Leute das tun, es sogar noch schlimmer, weil Flausch und Verständnis nicht sind, was wir brauchen, um uns mutiger, kräftiger, selbst_sicherer vor dem Er_Leben fühlen, das uns begegnet und in uns wirkt.

Es ist 8 Uhr 30, als ich mit einer Tasse Tee am Fenster stehe und darüber nachdenke, was wir heute noch schaffen können.
Ich setze mich hin, fange an zu schreiben und merke, wie dieser Tag mit Macke von Wort zu Wort zu einem anderen Tag wird.

Zu einem Tag mit Macke, an dem wir eine Freundin besuchen, in die Bücherei gehen und das Wochenende am Nachmittag beginnen lassen.

Das Wort ist das Ziel – Rosenblatt’s No-Alibi-NoWriMo

NaNoWriMo ist ursprünglich die Abkürzung für “National Novel Writing Month”, aber das ist eine problematische Abkürzung, wie es viel Problematisches allgemein an der Sache gibt – aber! – es ist November, das Wetter wird schwierig und die Kernidee ist prima:
Nimm dir einen Monat eine Auszeit von deinem inneren Lektor und schreibe eine Geschichte auf.

Wir haben in den letzten beiden Jahren versucht das zu tun und sind jeweils kläglich gescheitert.
Die Gründe dafür waren Schaffensdruck und das Gefühl es bei vielen NaNoWriter’s mit reinen Wörterproduzent_innen zu tun zu haben und weniger mit Menschen, die etwas erzählen/mit_teilen wollten.
Wir haben uns entsprechend eigene Regeln gemacht, um zu schauen, wie wir diesen Monat dazu kommen, eine Geschichte zu erzählen.

1. Das Wort ist das Ziel – der Weg dorthin darf auch über Farben, Klänge, bewegte Bilder beschritten werden
2. Das Ergebnis darf jede mögliche Länge haben.
3. Es dürfen bestehende Projekte beendet bzw. weitergeführt werden, wenn es mit dem NaNoWriMo-Projekt stockt – es gilt jede Arbeit am und mit dem Wort, als Anteil des NaNoWriMo-Projekts (also auch das Lesen anderer Geschichten, als der eigenen)
4. die Geschichte ist fertig, wenn der Monat fertig ist

Ob wir unsere fertige Geschichte hier veröffentlichen, wissen wir noch nicht. Aber da ja jede Auseinandersetzung mit dem Wort gilt, sind unsere Artikel in diesem Monat ja bereits ein Teil davon.

Wie ist das bei dir/euch? Macht ihr bei dieser Aktion mit? Wie sind deine/eure Erfahrungen? Was hilft dir/euch beim Schaffen und wie organisierst du/organisiert ihr euch dazu?

die erste Woche nach den Ferien oder: Was alle verstehen

Ich wollte diesen Artikel gerade  mit: “Es gibt nicht viele Momente, in denen mir bewusst ist, dass ich es in der Schule zu 90% mit Menschen zu tun habe, die bis zu 15 Jahre jünger sind als ich.” einleiten und bemerkte, wie unsinnig diese Aussage ist, wenn ich doch ein paar Absätze später erzählen will, dass ich sie schon wieder angemeckert habe.

Aber ich muss ein bisschen ausholen. Eine Woche weit muss ich ausholen. Mir einen diffusverwolkten Lautklumpen auf die Werkbank donnern und die Wortfeile zücken. (Vielleicht stellen sie sich jetzt ein Werkstattgeräusch vor – das verstärkt den Effekt meiner hier hingeschriebenen Bilder)

Es ist die erste Woche nach den Ferien gewesen. Alle waren mehr oder weniger voll von zu teilenden Geschichten – der Abstand hatte sich verringert – Grenzen und Fassungen aufgeweicht. Nicht nur in unserer Klasse, die sich so viel zu erzählen hatte, dass die 15 Minuten der Unterrichtspausen und die vielen anderen Minuten des Tages, an denen kein Unterricht passiert, nicht reichten.

In den letzten 5 Tagen gab es keine Pause für uns in der Schule. Einmal gab es eine für NakNak* – das war am Donnerstag als wir 8 Stunden hatten und in der Mittagspause in den Wald gegangen sind. Ansonsten huschten wir durch die Schulflure auf der Suche nach einer Ecke ohne Hall und Durchgangsverkehr, um uns über den Tages- und Arbeitsabläufe zu versichern, Testinhalte durchzugehen und etwas zu essen.
Auf den Schulhof zu gehen ist jetzt schwierig. Kalt und nass findet unsere Blase in der Regel scheiße. Da wir uns auf selbige und ihre Signale nicht zuverlässig verlassen können, wäre draußen zu sitzen jetzt zwar erheblich ruhiger, aber im Nachhinein vielleicht das Letzte, was wir brauchen.
So gingen wir also durch die Schulflure, wie alle anderen Schüler_innen auch.

Und wurden angeguckt und begafft.
Wir kennen das und merken trotzdem, wie es uns zertriggert, wenn das passiert. Wir wissen alles darüber, warum Menschen das tun und dass das nichts mit uns zu tun hat – jatta jatta – es ist trotzdem schwierig für uns, damit umzugehen. Denn immer wieder aufs Neue passiert das. Als würde diese Schule jeden Tag neue Schüler bilden, wie der Körper seine roten Blutkörperchen.

In dieser Woche wurde NakNak* hinter mir her angelockt, angefasst, gestreichelt. Wir wurden angepfiffen, um die Aufmerksamkeit des Hundes auf sich zu ziehen. Und auch hier: Wir wissen, warum Menschen das tun. Wir wissen, wie normal solche Grenzüberschreitungen unter Menschen sind. Und trotzdem machen sie mich unheimlich wütend, unfassbar traurig und letztlich: müde –  müde für andere Menschen.
Diese Menschen. Die nicht verstehen, wenn es ihnen niemand sagt und erklärt. Die einfach noch so jung und spontan, unbedacht und an manchen Stellen anders gereift sind, als ich.

NakNak* hat in ihrer Ausbildung gelernt, sich nicht ablenken zu lassen. Das ist jetzt etwa 5 Jahre und viele Millionen beschissen gelaufener Grenzüberschreitungen her. Sie funktioniert nicht mehr ganz genauso wie damals und wir wissen das. Wir trainieren jeden Tag und verlieren das nie aus den Augen – und doch. Jede Zeit unter Menschen, die nicht mit ihr und uns im Training sind, grätscht uns mit ihrer Normalität in ebenjenes Training rein.

Um so ärgerlicher wird es für uns, wenn wir dann in solchen Situationen dezidiert ausgegrenzt werden – NakNak* jedoch nicht.
Ja ups- da passiert Ausgrenzung. Wir werden nicht etwa angesprochen, ob der Hund gestreichelt werden darf. Warum wir mit dem Hund da sind. Was “Assistenzhund” bedeutet. Häufig wird sich nicht einmal unser Gesicht angeschaut. Wir sind nur der kopf(seele-geist)lose Körper zu dem, worauf die Aufschrift auf der Decke dieses niedlichen Assistenzhundes hindeutet. Wir sind die Hülle um das Fremde, das Unheimliche, das irrational Aversive. Der Hund ist okay. Der ist ja nur ein Hund.

Am Mittwoch stand ich morgens in der vollen Bahn mitten im Gang und wartete darauf, dass der Platz für behinderte Menschen frei wurde. Ich hielt mich mit beiden Händen in Balance an den Haltestangen über meinem Kopf. Währenddessen griff ein neben mir sitzender Mensch meinen Oberschenkel streifend an mir vorbei, um die vor mir sitzende NakNak* zu streicheln. Das Gesicht weich und selig lächelnd.
Wie hätte ich da reinboxen können?

Es war diesem Menschen nicht klar, dass seine Berührung etwas in mir an Situationen in Todesängsten erinnerte. Wahrscheinlich hatte er sie nicht einmal bemerkt, denn mich hatte er von dem Hund wegdissoziiert. Abgespalten und weggemacht.

Keine drei Stunden später ging ich durch einen Flur an einem Schülergrüppchen vorbei aus der sich ein Schüler löste und NakNak* im Vorbeigehen zu streicheln versuchte.

Am Donnerstagmorgen wartete ich zusammen mit Schüler_innen meiner Klasse vor einem Raum auf die Lehrerin. Aus einer der Schülergruppen um uns schallten Pfiffe zu uns. Übliche Lockpiffe, die ich für mich durch den Raumhall des Flurs nicht orten konnte. Ich wurde unruhig – NakNak* wurde unruhig. Noch ein Pfiff. Und noch einer. Inzwischen schauten uns alle Umstehenden an. Ich verlor die Beherrschung und rief in irgendeine Richtung: “Hör auf mit dem Scheiß!”. Antwortendes Lachen aus der Halle.
Trigger Trigger Trigger
Wir hätten gehen sollen. Hätten gehen können.

Alle hätten das verstanden.
Aber genau das ist das Problem.

Alle verstehen, wie problematisch so ein Verhalten für uns ist – doch genauso verstehen alle, warum dieses Verhalten passiert.
Und alle geben sie mir an die Hand, dass ich mich damit abfinden soll, weil es ja nicht zu ändern ist. Sie geben mir das Problem in die Hand.
Ich – wir sind die Person, die sich damit arrangieren soll, dass Menschen auf das beste Hilfsmittel, das unter Anderem dabei hilft, in Kontakt mit Menschen zu gehen und zu bleiben, so reagieren, dass ich am liebsten nie wieder mit Menschen zu haben haben will.

Wir wollen nicht jedes Mal alles von uns und unseren Problemen preisgeben müssen, um Menschen zu erklären, was ein Assistenzhund ist und was NakNak* genau tut.
Wir wollen unsere Grenzen sowohl als Mensch, als auch als Mensch-Assistenzhund-Team gewahrt erfahren dürfen, ohne uns auf eine Art zu öffnen, die für andere Menschen vor Fremden nie in frage käme. Es ist unser gutes Recht das einzufordern – selbst vor jenen, die meinen, weil wir offen zugänglich ins Internet schreiben, würden wir doch genau so etwas ganz toll finden!

Wir können nichts dafür, dass die Umgebung, in der wir uns bewegen (wollen) müssen so gemacht ist, dass wir am Besten mit einer hundischen Assistenz an der Seite darin funktionieren. Wir können nichts dafür, dass die Lebensumgebungen der selbsternannten “Normalen” oder “Nichtbehinderten” so frei von Menschen sind, die behindert sind und/oder werden, dass wir einen seltenen Anblick bieten.

Wir können nichts für all die Hindernisse zwischen den auftauchenden Fragen an uns als behinderte Person und dem Mut, sie auch zu stellen.
Wir sind nicht verpflichtet, die Kompensation unserer Behinderungen zu erklären. Wir sind nur verpflichtet die Kompensationsmöglichkeiten für andere Menschen nicht mit unseren Kompensationsmitteln- und wegen einzuschränken.

Es ist – und ja jetzt lasse ich mich hinreißen, man möge es mir verzeihen – ein verdammt netter Service und manchmal auch das undankbarste Ehrenamt, dass wir jeden Tag neu versuchen, freundlich, offen, besonnen und ruhig auf Menschen zuzugehen, für die wir fremd und beunruhigende Gefühle auslösend wirken.
Dieser  Aspekt wird nicht oft benannt in der Inklusionsblase – das scheißnette Immerlieb und Dauergelächel, dass sich für manche behinderte Menschen zu Recht wie ein viel zu enges Kostüm anfühlt und doch immer wieder nötig und wichtig ist.

Denn klar: für uns fühlt es sich immer gleich an, wenn sich irgendwelche Menschen irgendeinen dieser Makro-Mikro-Megafails an uns und unserer Menschenwürde erlaubt – doch es sind eben doch immer wieder andere Menschen. Mit anderen Hintergründen, mit eigenen Geschichten und Arten zu er_leben.

Das macht die Anstrengung nicht geringer. Das macht es nicht weniger frustrierend. Doch es ist wichtig.
Menschen, die mit uns umgehen, zu sehen und als eigene Individuen anzuerkennen, ist vielleicht nicht direkt funktional in dem Sinne, dass es etwas für uns macht, doch es ist wichtig für das, was wir diesen Menschen entgegenbringen: Respekt und den Raum gemeinsam mit uns zu sein, wie sie sind – nicht wie wir sie haben wollen und vielleicht auch manchmal brauchen.

Ich habe heute – nach einem Test, einer frustrierend anstrengend verwirrenden Unterrichtseinheit “Kommunikation” und zwei weiteren Pausen, in denen NakNak* und ich angegafft wurden, unseren Lehrer bequatscht, einen angekündigten Test doch heute bitte nicht mehr zu schreiben und stattdessen nochmal lieber die Aufzeichnungen durchzugehen und Erklärungen zu bekommen.
Das tat ich für mich (die auf dem letzten Loch pfiff und den Test, wegen vieler Fehlzeiten schlicht versemmelt hätte) und die Klasse, die sich in den letzten Tagen noch versuchte gegenseitig zu helfen, es jedoch nicht schaffte, weil niemand wirklich verstanden hatte, worum es ging.
Der Lehrer ließ sich drauf ein, die Schüler fanden es gut und schafften es sogar, sich einen ganzen Teil der Stunde nicht wie eine umgekehrte Stille Post – Filiale zu verhalten.

Bis ein neues Arbeitsblatt ausgeteilt wurde.

Nach 3 Minuten erinnerte ich mich daran, dass sie erst 15, 16, 17 … sind. Nach 5 Minuten sagte ich mir, dass der Lehrer bestimmt – ganz bestimmt bitte gleich was sagt. Nach 10 Minuten brüllte ich sie an. Fragte sie, ob sie überhaupt merken, wie unfair sie sich gerade mir gegenüber verhalten.
Ja und plötzlich konnte der Lehrer etwas sagen. Plötzlich konnte es still sein.
Die Stunde wurde beendet – ich hatte weder den Arbeitsauftrag noch die Wege zur Bearbeitung mitbekommen. Die Klasse tobte aus dem Gebäude – ich brauchte noch 20 Minuten obendrauf.

Ich weiß alles das, was man mir spontan dazu sagen will, um zu verstehen, was da passiert ist. Ich will aber keine spontan gesagten Zumirschiebephrasen mehr über solche Situationen. Ich will nicht verstehen müssen, was da passiert ist.
Manchmal – und gerade nach so einer Woche – will ich, dass mich jemand fragt, ob der Krach, das Viel der Klasse schlimm weh getan hat. Ob ich damit umgehen kann. Ob ich okay bin. Wie ich es in mein Bild von uns verarbeite, einen Overload nach dem anderen nicht wegkompensieren zu können.

Dann will ich, dass mir jemand sagt, ob ich mich verständlich ausgedrückt oder alles komplett falsch gemacht habe. Weil: laut sein und meckern, ist ja auch irgendwie nicht “normal” (und wieso genau das eigentlich alle™ so normal finden – ich werde das wahrscheinlich nie verstehen!)

Ich hätte gern anerkannt, dass ich nicht 24/7 als vermittelnde Auf- oder Erklärer_in oder Öffentlichkeitsarbeiter_in unterwegs bin, sondern immer nur dann, wenn ich das auch leisten kann.

Wenn wir in der Schule sind, sind wir privat unterwegs.
Da brauchen wir selbst Hilfe.
Jedoch nicht, weil wir andere/mehr Behinderungen kompensieren müssen, als andere oder, trotz unseres höheren Alters, sondern, weil wir nicht alleine dort sind.

Alleine muss man nur dann alles schaffen, wenn man alleine ist.
Wir sind nicht mehr alleine.
Wir sind Schüler_in.
Zusammen mit den über 20 Schüler_innen in unserer Klasse.
Zusammen mit den über 1000 Schüler_innen an der Schule.

Es kann nicht nur unsere Aufgabe sein, zu verstehen und zu akzeptieren, was da passiert, nur weil es uns (scheinbar) allein behindert und weh tut.

gestern

Auf Drogen durch die Welt zu gehen, macht den Alltag zu einer Schmetterlingsjagd.

Heute morgen haben wir nicht verschlafen. Das lag daran, dass wir gar nicht erst aufgewacht sind.
Jedenfalls nicht richtig. Wir sind auferstanden als Ruine und evolutionierten uns zum Zombie auf der Bahnfahrt zum Englischnachschreibetest, während die Klasse im Nebenraum den Unterricht weitermachte.

Wir spannten uns das in den letzten zwei Wochen geknüpfte Seil aus gelernten Vokabeln über das Murmeln aus dem Klassenraum und dem dumpfen Brei im Kopf. Zeile für Zeile runter, einmal quer drüber, Lücken befüllen, Ungewusstes bleibt Ungewusstes – bimm bamm bumm – forget forgot forgotten

Wir gingen zurück und griffen nach dem an-die-Leinwand-Projiziertem. Brauchten nicht abschreiben, aber können. Was jetzt? Wir schrieben ab – die Führung des Grammatikheftes ist doch so wichtig. Die Klasse begann eine Übung im Buch. Wir brauchten nicht mitmachen. Wir sollten uns keinen Stress machen. Aber die Übung brauchen wir doch genauso wie die Klasse? Wir hetzten hinterher. Dann ein Zeitstrahl. Dann ein neues Thema. Neue Übungen.
Ich verschwamm und schmolz. Merkte wie schon längst wieder irgendein Teenagerinnen in die Umgebungsreize griff, um sich zu spüren.

In der Pause baute ich mich an der Kälte wieder zusammen. Teilte mir mit NakNak* eine Birne und dachte an die Wandertour, die ich nächstes Jahr mit ihr machen will. Ich war vollgestopft und beladen mit dieser Matschwatte im Kopf und dem Gefühl dieser hektischen Springerei um mich herum nichts entgegen setzen zu können.
Zwischendurch fragte ich mich, ob meine Mitschüler_innen das Gleiche empfinden, wenn sie auf jedwede Frage mit “Keine Ahnung…” antworten.

Später am Tag fällt mir ein, dass ich Kekse für jemanden backen, ein Paket für jemanden wegschicken, einen prägnanten Satz für jemanden schreiben, dicke Socken und neue Unterwäsche für uns kaufen wollte.

Und dann doch im Käfig unter Decken und Kissen liegen musste.
Weil das gerade wichtig ist.

heute

Und dann ist es Abend und in der Schüssel in meiner Hand ist nur noch eine kleine Lache freier Zeit.
Verrückt kommt mir das vor, denn mitunter taumelte ich durch den Tag wie das große weiße Kaninchen aus “Alice im Wunderland”.

“Zu spät zu spät – keine Zeit keine Zeit – zu spät viel zu spät!”, glaube ich gedacht zu haben, doch je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass es nur ein Hetzgefühl war. Ein zu langsam, zu träge, zu lahm zu lahm!, das durch das Ruckeln und Zuckeln des Laufs der Dinge aufgescheucht, zu Tode erschreckt, herausgerissen aus Plan und Selbst, weder denken noch in Worte gebracht werden konnte.

Ich hatte den Wecker überschlafen und durch den spontanen Sprung von der Schlafstelle hoch gegen die Kante des Hochbettgestells mit einem fiesen Schmerz am Kopf dafür bezahlt.
Ich fluchte auf die scheiß Chemie in meinem Blut, griff irgendwelche Kleidung und schrubbte mir die Zähne, während ich die Kaffeemaschine anschaltete. Meine Morgenroutine im Schnelldurchlauf während der Überlegungen, wie wir am Schnellsten zur Schule kommen könnten, purzelten zusammen mit der Seife auf Haut und Haaren an mir herunter und um mich herum.
Mit der Bahn brauchen wir zwischen 47 und 57 Minuten. Unvorhergesehene Hundesperenzchen durch irgendwelche Leute nicht mit eingeplant.

Die Uhr tickte, die Frau in der Taxizentrale fragte komisches Zeugs und irgendwas stimmte mit dem Frühstück nicht.
Erst in der Schule fiel mir auf, dass ich mein Müsli getrunken hatte, statt es zu essen.

Am Schuleingang war mir aufgefallen, das NakNak* noch den Dreck am Ohr kleben hatte, den ich ihr am Morgen in aller Ruhe rauswaschen wollte. Der Dreck entpuppte sich als Scheiße. Als Scheiße, die immun ist gegen Schulkloseife.
Schön.

Es war aber auch wirklich schön. HTML ist schön. Schöne Sprache. Much Logik. Very Liebe. Aber man darf sich nicht in Ruhe damit befassen. Es donnert ein Gong und fetzt alle Gedanken wieder auseinander. Dann gehts zum Basteln in die Werkstatt und in einen Zeitstrom hinein, der alles Denken und Fühlen in sich aufsaugt.
Und zum Alleine-Unterricht wieder auskotzt. Wo wir uns awkward vorkommen, wie wir da mit unseren Karteikarten sitzen und “forget forgot forgotten” sagen und anfangen zu heulen, ohne zu wissen wieso. Das Schultagsende rotzt uns in eine überfüllte Bahn und Herbstregenwetter.

Plötzlich ist es 15 Uhr 10 und ich zwinge mich dazu nicht einzuschlafen. Um 17 Uhr wollten wir doch Dinge tun. In der Stadt. Mit Freunden.

Und jetzt ist es 21 Uhr irgendwas.

Es ist Stasis.
Meine Zeit ist leer.

Wenn man sich verschläft, kann das schon mal vorkommen.