Selbst- Bilder

Es begann damit, dass die Therapeutin ihren Satz sagte. “Vielleicht ist es eigentlich kein Satz, sondern ein Sinnsubstitut. Ein Platzhalter, der hervorgeholt wird, weil er eigentlich eine Krücke über eine Eselsbrücke ist”, dachte ich.
Immer wieder diese Frage danach, wer die Verantwortung trägt.
Obwohl doch eine/r der VerantwortungsträgerInnen vor ihr saß.

Ich weiß, dass es bei den Bildern um Sichtbarkeit/ Klarheit geht. Vielleicht auch und immer mehr, seit die Themen konkreter werden, manche Dynamiken und auch Innens schärfer konturiert in klareren- logischen Kontexten wahrzunehmen sind. Die Logik der Mechanismen langsam logisch erscheint.
Ich weiß, dass es auch darum geht, zu sehen, dass es immer ein Körper ist.

Das Innen hatte sich fotografiert. Man sieht Wut und auch, wie offensiv und zeitgleich im Dunkeln zu bleiben bemüht es agiert. Es ist sichtbar.
Plötzlich erschien die Frage der Therapeutin nicht mehr kontextunabhängig, sondern nachvollziehbar. Auf den Fotos ist der Blick abgewendet, der Mund verschlossen, der Körper frei und dem Licht zugeneigt. Der Kopf ist zu, der Rest des Körpers bar jeder Verletzlichkeit.
Es gibt keinen äußeren Anhaltspunkt für das, was es für uns trägt.

Ich hatte mir einen großen Spiegel gewünscht und wollte sehen, was zu sehen ist.
Was heil geblieben ist. Was einen Wert hat. Wo keine Sollbruchreisslinien in meinen Hand-und Schulter, Hüft- und Fußgelenken sind, obwohl ich sie im Moment stetig knirschend oder grell aufreißend wahrnehme. Ich wollte sehen, wie es aussieht, wenn ich die Füße auf den Boden stelle. Ob ich meine Füße sehe.

Dann kam die Kunst als Möglichkeit Entlastung zu schaffen. Das Grafiktablet zog ein und mit ihm die Möglichkeit auch unter Schmerzen malen zu können, weil weniger Bewegung gebraucht wird.

Zwei andere Innens machten Fotos von sich. Das eine blitzt verschmitzt an der Kamera vorbei- so wie es immer an Menschen und ihren Augen, auch ihren künstlichen, vorbei blitzt. Das andere macht Quatsch. Kennt die Kamera genau, benutzt sie jeden Tag.
Und ich?

Die sich die ganze Zeit ansehen wollte; vielleicht sich sehen, in und an sich einen Wert sehen will; ein “das Leben wert sein” finden muss- Ich, die das “Sie wissen, sie wurden schwer missbraucht” mit sich in Verbindung zu bringen noch immer scheitert-
Ich schäme mich und halte dennoch gnadenlos drauf.

Ich wunderte mich, dass das Bild am Ende nicht unscharf war. Dass ich es ansehen konnte, nachdem ich wusste, dass ich mich gequält- mich verletzt hatte dafür.

Gestern Abend malte es dann jemand ab. Ich erinnere das Streichen des Stiftes, später auch der Finger über dem Tablet, so als würde ganz vorsichtig über meinen Kopf gestrichen. So als hätte ich mich berührt, obwohl nicht ich die Bewegung dazu ausführte.

Irgendwie war es ein Akt, ein Stück Nichtecht und doch real.
Als hätte das Innen, das mich malte mich gesehen. Nicht nur als das Foto, das dann doch eigentlich nur Haare zeigt, sondern ganz mich in meiner Scham, meinem Selbsthass, in all dem: “Ich will das, aber ich… ich bin so scheiße.”.

Es ist Kontakt.
eine Art Berührung, mit dem MirIchSelbstSein, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Das da bin ich, wie ich etwas auf genau meine Art tun will und daran scheitere. Das bin ich, wie ich mich beim Scheitern, beim mich selbst hassen fotografiere, um im Nachhinein so etwas, wie ein Michzeigen und Michsehen möglich zu machen.

Selbst-Bild2

Ich verstehe jetzt, warum ich noch immer keinen großen Spiegel habe.

the Piano Guys in Düsseldorf- ein Fangirlbericht

Sie beginnen als “ two middleaged Dads, with a piano and a cello“ und landen direkt am Nerv vieler Menschen.

Neugierig, kreativ, leidenschaftlich, sensibel und Note für Note glühend: the Piano Guys.

Man muss weder Cello noch Piano als top of all instruments bei der Lieblingsmusik haben, um diese beiden virtuosen Musiker gern spielen zu hören.
Ihre harmonischen Ensembles und die in Haut, Haar und jede andere Zelle im Körper übergehende Rhythmen, lassen kaum Platz für Ablehnung.

Am Samstag den 7.12. 2013, spielten der Sohn deutscher Immigranten, Jon Schmidt und Steven Sharp Nelson, ein Pionier des „cello percussion“ und allgemeines Multitalent in „Ich spiele Cello, Footdrum und hier habe ich noch ein paar andere Knöpfe…“ im Düsseldorfer Robert Schuhmann Saal.

Es ist mein erstes Konzert überhaupt gewesen und ich denke, dass es besser hätte gar nicht sein können. (Obwohl doch- immer hin hätte ich ja auch einfach ein paar Reihen nach vorn gehen können und mit ihnen abklatschen können- so von Spinner zu Spinnerin).

Zu Beginn spielten sie Kommentare von YouTube-UserInnen zu ihren Videos ein, was mich sehr berührt hat.
Sie begannen ihre Karriere dort und hätten ohne die vielen Likes und Videosshares nicht so schnell mal eben ein Piano auf die große chinesische Mauer stellen lassen können, um ein Stück wie „Kung-Fu-Piano“ zu spielen- ein Stück über das zu hören ich mich sehr gefreut habe, weil die GEMA (YouTube’s zuverlässigster Spaßkiller- dicht gefolgt von Datenkrake Google), die Verlagsrechte für Deutschland nicht eingeräumt hat und deutsche Fans des Duos vor krisselndem Bildschirm hocken müssen.
Unter den Kommentaren waren Sätze wie: „Believe in humanity- restored“; „Your music helps me, to become a better man“; „ice cream to my tears“.
Ich hätte gleich losheulen können- sind das doch genau die Art Komplimentkommentare, die mir verschämt sachte per Email seit über einem Jahr WordPress-Bloggen angereicht werden und mir gleichsam immer wieder neu das Gefühl geben: „Ja, was ich hier tue gefällt nicht nur mir.“; doch die Guys begannen sofort mit „Rolling in the deep“ und glitten in einen anderen Popsong, der mir nicht mehr einfällt, aber nahtlos im Fluss der Melodie lag.

Das Tempo blieb insgesamt im oberen Bereich, was die beiden mit technischer Perfektion und Herzblut scheinbar mühelos halten konnten.
Mühelos, erschien so vieles.
Immer wieder sprenkelten die beiden Showelemente ein. Ob Jon mit seinem Restdeutsch oder im Wechsel mit Steven, die kleinen Sprüche zum Thema „Wieso heißen sie Piano Guys, wenn ein Cellist dabei ist?!“.
Kleine Improvisationseinlagen- unter anderem eine sehr lustige Darstellung der Eintönigkeit der Celloline in Pachebels Canon D und eine kleine Transponierungsreise rund um den Globus.

thePianoGuysDass man auch als Pianist mit dem Hintern wackeln und ach überhaupt sehr körperlich werden kann, bewies der Tastenklopper Jon eindrucksvoll, was ihm ein johlendes Publikum dankte.
Apropos Körperlichkeit und Instrument- wer sich fragt was man alles Coolgeniales mit seinem Instrument anstellen könnte, kann sich die zwei ruhig mal anschauen.
Von Stevens Percussions zu Jons Klavierspiel mit Fuß, Unterarmen, Kopf… (welche Gliedmaßen hatte er noch auf der Klaviatur…?)- alles ist möglich!

Und, dass neben allem, was die beiden alleine machen, zusammen mit ihrem Songwriter und Songproducer Al van der Beek und ihrem Produzenten, der auch die Videos für die beiden macht, noch sehr viel mehr gehen kann, durfte das restlos begeisterte Publikum auch noch erleben.
Sie spielten zwei Stücke zusammen „am Klavier“- auf PianoGuy- Art unter anderem und als Zugabe „Angels we have heard on high“:

Es war ein superklasseobertollfeingrandioswundergutes YEAH!- Konzert, das mich mit einem Ohrwurm und hopsendem Innenleben hinausschweben ließ.

(Als Edit: Die Musiker sind Mormonen- ich mag die Musik und die Lebensfreude die ihre Musik transportiert, teile aber nicht ihre religiösen Intensionen.).

and when the rain begins to fall..

„Wart ihr schon mit NakNak* draußen?“, fragt sie mich durchs Handy.
Irgendwie schaffen es ihre Worte, die Härchen in meinen Ohren zu überspringen und sich in meinem Kopf zu verlaufen, ohne eine Schnur zu spannen.
„Ich komme gerade aus einer denkmerkwürdigen Therapiestunde mit dickem Zeitüberzug- ich bin gerade froh zu wissen, wie alt ich bin.“. Ich stolpere den Weg zur Wohnung entlang und hoffe einfach mal, dass sie die Frage noch mal wiederholt- mehr als das Fragezeichen kam gar nicht bei mir an.

„Wollt ihr alleine sein oder wollen wir mit NakNak* rausgehen? Ich hab die ganze Woche an Schreibtischen gesessen.“. Klingt sie genervt? Meine Sensoren krabbeln durch die Leitung und umklammern jede Silbe, bis wir uns dann doch verabreden.

Wir stapfen auf nassen Trampelpfaden über Wiesen und Felder. Üben mit NakNak* neuen Quatsch ein, was sie mit breitem Grinsen und Sambatänzchen begleitet.

Irgendwo zwischen Herumalbern, Mensch- und Hunderaufen, bunte Blätter bestaunen und Fotos machen, ploppt etwas von der Stunde heute und der von gestern auf und spannt einen seidenen Faden.
Ich muss lachen. Wieder nur so ein Seidenfaden. Damit kann ich keinen Anker an mir befestigen.

Ich lache immer noch, als es anfängt zu regnen und alberne Kinderinnens ein Wettrennen zum Auto anstrengen.
Keuchend fallen wir auf die Sitze, während NakNak* auf die Rückbank klettert.
„Das war was!“. Sie grinst mich an und schaut auf das hechelnde Wesen, das etwa 5 Kilo Acker- und Wildlosungsgemisch mit seinem Fell verbunden hat. „Du stinkst…“, sie lacht: „nach dreckiger Hund!“.

Kurze Zeit später muss ich das Radio aufdrehen.
„Das!!!“
„Was?“, mit geweiteten Augen starrt sie an den Scheibenwischern vorbei, auf die graunass eingetrübte Landschaft.

„And when the rain begins to fall you’ll ride my rainbow in the sky
and I will catch you if you fall you’ll never have to ask me why
and when the rain begins to fall I’ll be the sunshine in your life
you know that we can have it all and everything will be alright“

Das flutscht einfach aus meinem Hals. Einfach so. Ganz leicht.
Wann habe ich das letzte Mal gesungen? Wir hatten gestern darüber gesprochen in der Therapie. Diese Biographiestunde, vor der wir uns eigentlich ein Jahr erfolgreich zu drücken geschafft hatten. Ich hatte gesagt, dass ich gut singen kann und, dass das auch das Einzige ist, das ich wirklich als von mir gemacht erinnere.

Sie stimmt mit ein, trommelt mit den Fingern aufs Lenkrad, während mir die Augen auslaufen.
Das ist das „sozial“, das ich aus Versehen gut kann.

Und mit dem ich zufällig genau das schaffe, was das Kinderinnen, das mir seit Tagen in den Rücken tritt, von mir verlangt: Ihm zu versichern, dass ich es auffangen werde, wenn es fällt. Ohne, dass es sich fragen muss, warum ich das tue. Als Licht in seinem dunklen Moment.
Ihm zu vermitteln, dass es nicht mehr schreien muss, um zu bekommen, was es haben muss.
Deutlich zu machen, dass alles wirklich in Ordnung ist.

Der Radiomoderator lässt das Lied ausklingen.
„Taschentücher sind im Handschuhfach- obwohl- eigentlich wärs jetzt auch ne Gelegenheit laufen zu lassen. Bist ja eh schon nass.“. Wir lachen, als sie ins Bullergeddo einbiegt.

Ich glühe bereits seit einer Stunde vor mich hin und bin ganz froh, dass wir jetzt da sind.
Sie macht es uns beiden gemütlich und kocht Lakritztee.

„Für mich ist es auch wichtig aufgefangen zu werden, wenn ich falle.“, denke ich.
„Ohne darum bitten oder mich dessen versichern zu müssen. Ohne im Dunkeln zu bleiben.
Einfach um zu spüren, dass auch für mich alles in Ordnung ist. Und sei es nur, damit ich dies ehrlich zu den Kinderinnens sagen kann, die es hören und spüren müssen.

Egal, ob es nun wirklich regnet oder nicht.“

Perlen, wie diese…

heißen Maru und retten uns über Tage, wie diesen.

Der Kanal von Marus Besitzern besteht schon seit 4 Jahren- jede Menge Videos der kernigen Katze also.
Schaut einfach mal rein, wenn es euch nicht gut geht.

Wenn HeldInnen reisen

…dann treffen sie auf andere HeldInnen.
Ob nun im Gewand einer jungen Frau, die gleichzeitig 3 Smartphones benutzt; der Mutter, die es schafft ihre 4 kleinen Kinder mit Malbüchern und den beiseitig sitzenden Reisenden zu unterhalten oder, der alte Held, der bereits im Zug die Blumen für seine Gastgeberin in der Hand hält.

Meine Heldinnenhaftigkeit bestand darin, überhaupt in dieses ratternde laute Gefährt zu steigen, noch während ich obendrein NakNak* dabei hatte, eine Fahrt von über 600km vor mir lag und ich den Menschen, dem ich dort begegnen wollte, noch nie real getroffen hatte. Vollbepackt mitten in den Butterfahrtenwaggon der grau-beigen Gesellschaft für „Also nee- die jungen Leute von heute“. Wunderbar.

Ich hätte gern mein Cape flattern hören, als mir der empörte Gegenwind in Gesicht und Hirn blies. Doch alles was kam, war das Rascheln meines Berechtigungszettels für den Sitzbereich, der für Menschen mit Behinderung reserviert ist. Hat auch gereicht.
NakNak*s Box aufzubauen ging leicht, denn wie jeder vernünftige Held, hatte ich das Auf- und Abbauen, die ganze Nacht in meiner Bäthöhle geübt. Jeder Held ist nur so gut, wie seine Fähigkeiten. Grundkurs Heldenschule.

Sie haben alle geguckt. Haben alle mich und den Hund angeguckt.
Mein Hirn endschied sich für die Dissoziation. Wir spielten eine Runde: „dieser Film wird ihnen präsentiert von der „Das Leben einer Anderen“- Gruppe.“.

Umsteigen in Köln? Kein Problem. In diesem Film ist nichts ein Problem. Alles läuft automatisch und in einem wirren Mix aus Zeitlupe und Highspeed: Box abbauen, Rucksack auf den Rücken, Handtasche links, Boxtragetasche rechts umhängen, Trolleyreisetasche links, Hundeleine rechts festhalten. Aussteigen, Bahngleis suchen, warten, einsteigen, Platz suchen, Box aufbauen, Gepäck verstauen.
Diesmal ein Doppelsitz mit Sichtschutz. Film Ende.

Aaaaah. Okay- ist alles von mir mitgekommen? Wart mal- ich? Ach- Hallo Körper! Bist ja auch da- schön, dich mal wieder zu fühlen! So, jetzt eine SMS und dann in NakNak*s Ohrenfell verkriechen. Jetzt kommt der Teil Deutschlands, den wir noch nie zuvor gesehen haben.

„Dürre, Wüste, Afrika… ach fuck BLASE!“, die tollste Landschaft kann nicht anstinken gegen die Macht von 3 Liter Kaffee, der nötig war, um die Therapiestunde vom Vormittag erlebbar zu machen. Nächste HeldInnentat also: Bahnklo mit Hund. „Schade, dass wir zwar die Ausmaße des 00 Elefanten haben, aber nicht seine reinigenden Superkräfte“, dachte ich mir so, als ich mich über das WC zirkelte- mit einem Zeigefinger an der Wand abstützend, mit der anderen Hand NakNak* fühlen müssend. Aufs Händewaschen verzichtend, weil die Desinfektionstücher aus der Erste Hilfetasche des Hundes irgendwie nötiger erschienen.

Aber dann… frisch entleert und entkeimt, haben wir die für uns höchsten Berge ever gesehen. Man guckte aus dem Fenster links und schwusch! Nordwand Zugspitze- mindestens! Rechts dann alles etwas entfernter und schöner. Weinberge noch und nöcher, schöne Fachwerkhäuser wie sie M. so gerne später mal zimmern wollte, schöne aufwendig gebaute Kirchen, Burgen oder Schlösser? vielleicht auch einfach nur große Gutshäuser, die wie Kulissengeber von „Der Name der Rose“ auf den Bergen klebten. Das alles im tollen 18 Uhr Abendlicht der langsam untergehenden Sonne. Einfach toll!

NakNak* lag inzwischen auf unserem Bauch und hielt ihre Nase in die Lüftungsschlitze am Fenster. Die Zugbegleiterheldin dazu: „Ach lassens doch liegen. Für den Kleinen ist das doch alles auch ganz viel“. Barbiegesicht. Jetzt bloß nicht losheulen vor Dankbarkeit- Heldinnen weinen erst in ihrer Bäthöhle!

Mannheim. Höllenschlund von einem Bahnhof. Die 10 Minuten Umsteigezeit, verbrachten wir in diesem vollen dunklen dröhnend lauten Tunnel, auf der Suche nach dem richtigen Gleis. Wer ist die Heldin? NakNak*!
Souverän, wie ich sie noch nie erlebt habe, ging sie neben uns her, achtete auf jedes „Warte“, „Sitz“, „Links“, „Rechts“ und „Voran“, das vom Roboter des nun panisch hin und her fliegenden Rosenblättersalates kam.

Gleis gefunden, ICE steht, knallvoll- selbstverständlich.
Dankbar für die Erfindung von Inkontinenzvorlagen, und das Glück den richtigen Zug erwischt zu haben, legten wir im Ein- und Ausstiegsbereich der Bahn ab. Hundebox? Wohin?! Gepäck? Wohin?! Bin ich eigentlich überhaupt selbst da?
Noch zwei Stunden und draußen gräute uns das Unwetter aus dem Breisgau, von dem unsere GastgeberInnen erzählten schon entgegen. „Ja- weißte Bescheid wie du sterben wirst, wenn sich Eschede jetzt wiederholt, ne? Wirst n hübsch beregnetes Zieharmonikakörperchen- is doch gut, dann wird das mit der Beerdigung nicht so teuer, weil Sarg ja unnötig“. Toll. Danke Kopf, du Blödmann.

Zugbegleiterheldin 1 hat einen Anruf. „Ah Isch musch da jetz roangehn, weil desch is meine Tochder. Die isch heude das oarste Mal bei ihrer Tagesmudda und geht jetze ins Bett.“ Ach Herzi- du feiner Mensch! Sie stimmte mir zu, dass die Hundebox jetzt nirgendwohin kann und NakNak* durfte auf dem Schoß sitzen. Ihr ruhiger Heldinnenatem übertrug sich sowieso gerade so gut auf mein ZNS und verhinderte ein unkontrolliertes Wechselfeuer der Innens. Barbiegesicht, Weinen wird erneut verschoben.

Eine Stunde später wurde ein Platz frei.
Trotzdem kein Platz für die Hundebox und das Gepäck.
Ich sitze im teuersten Zugangebot der deutschen Bahn und fühle mich doch, wie in einem Viehtransport. Entsprechend wurde ich auch von Zugbegleiterheldin 2 behandelt. „Das ist egal, dass sie hier keinen Platz haben, wenn der Hund kein eigenes Ticket hat, dann hat er in einer Box zu sein und zwar die ganze Zeit!“ Sie guckte von oben auf mich runter und hat mit Sicherheit nicht die ganzen Kinder gesehen, die darauf warteten, dass die ersten Schläge auf sie einprasseln. Barbiegesicht. Federrascheln des Schwans im Innen, verkrümeln in den weichen Haaren an NakNak*s Ohren. Aushalten. Dissoziieren. Ich bin gar nicht da.

Und dann, nach einer halben Stunde, klopfte etwas ans Frontalhirn.
„Wir sind gleich da! Wir habens fast geschafft. Gleich sehen wir die HeldInnen und dann fahren wir zu ihnen nach Hause und dann ist das hier vorbei.“ Vorfreude! Endlich! Ich hatte schon gedacht, dass wir gar nicht mehr dazu kommen. Zu groß waren die Ängste und das Heldentraining der letzten Tage und Wochen, der Reisevorbereitung und Planung.

Positive Flashbacks. Obwohl wir uns nun gegenüberstanden, war es wie die sichere Umgebung zu Hause, während wir eines unserer 4 Stundentelefongespräche führen. Getragen von einem Gefühl von Erwachsenenfreiheit und Heldenhaftigkeit einander etwas Großes ermöglicht zu haben.

Wir trafen auf eine Heldin des Berufsalltags, der Selbstversorgung unter erschwerten Bedingungen und des Gastgeberin- seins. Letzte Vorbereitungen für die Phoenix AG Sitzung, eine PC-Aufräumaktion, Umgebungserkundung mit NakNak*.
Wir haben gesehen wie Wolken geboren werden.
wie Wolken geboren werden

Wir haben einen Tauschaufschub mit dem dunkelbunten Imperium vereinbart. Essen, schlafen, keine Schmerzen. Am Sonntag, haben sie einen Freifahrtschein.
Wir haben geschlafen. Pizza gegessen und keine Strafe aushalten müssen. Was für ein seltsames Gefühl. Wie ein Stau in einem durchgehend reißenden Strom, der uns seit über 9 Monaten hin- und herschmeißt.

5 Uhr morgens aufstehen und nach Frankfurt fahren. Eine weitere Phoenixheldin mitnehmen. „Ihr Heldinnen“, kam per SMS.
Göttingen hatte Sonne und Wärme, die der Rosenblätterhäckselsalat zwischen sich nahm, wie Seelenkleber.
Die AG selbst, verschwand mir irgendwo im Frontallappen. Auch gut. Ich kann das ja alles nachfragen. Helden dürfen das, wenn sie unter Helden sind, die Heldenhaftes tun. Schließlich ist so ein Seminarraum ja auch sowas, wie eine Bäthöhle, wo gerade die Heldentat erarbeitet wird.

Dann eine Stunde Abendsonnenbad vorm Hauptbahnhof mit der schlafenden NakNak* an der Seite. Zum ersten Mal saß ich an einem Bahnhof und fühlte mich nicht verlassen und allein. Ich spürte den Wegegänger und seine apokalyptische Wahrnehmung der Umgebung, doch nicht wie sonst im wirren Tanz aus blinder Panik und stumpfem Sein, sondern eher tastend über die Stellen des Körpers, die von der Sonne berührt wurden.
„Du bist auch ein Held, nicht wahr?“. Keine Antwort, aber auch kein unartikuliertes Buchstabengewirr.

„Entschuldigung? Darf ich euren Platz okkupieren? Ich muss den Hund in eine Box setzen und in den Reihen ist kein Platz dafür.“. Mein Heldencape musste nicht flattern. Eine ruhige Stunde bis Hannover. NakNak* legte sich zum ersten Mal richtig ab in der Box und schlief.
Eine halbe Stunde in Hannover und dann die Restfahrt bis nach Hause inmitten von an- bis vollgetrunkenen Menschen. Aus dem Innen das anbrandende Grollen des dunkelbunten Imperiums. Zeit für eine Runde Dissoziation. Ich bin gar nicht da.

In der dunklen Bäthöhle den Hund füttern und dann der Zerfall.
Hier wohnen die Helden. Sie legen Cape und Maske ab und sind nur der Mensch, der seine Hölle in sich trägt und über sich ergießt, egal, was er gerade vorher getan hat. Ihre letzten 2 Stunden Vakuum nutzen sie, um einen Artikel zu schreiben, der ihrer Heldenhaftigkeit zumindest in Worten eine Würdigung ermöglichen soll.
Was dann kommt, ist eine Heldenhaftigkeit, die sie nicht verstehen, nicht annehmen und eigentlich nur deshalb aushalten können, weil sie nicht daran sterben.

Jede/r Held/in hat ein Geheimnis.
Welches sie haben, werden wir hoffentlich bald erfahren.

Heute ist Heute

Die dichte feuchte Wärme liegt, wie ein dicker Mantel auf ihrem Sein.
Die Zeiten rauschen um sie herum und irgendwo in ihrem Kopf schreit es verzweifelt ins Leere.

NakNak* hopst um sie herum, rempelt und stupst die Oberschenkel eines Körpers an, der irgendwo meterweit hinter ihr her über den Boden schleift.

Vogelzwitschern dringt gedämpft aus einer fernen Welt um sie herum, ab und an sacht streichend um ihr Gehör.

Kleine Hände befreien ihre Füße von den Schuhen. Ziehen die Strumpfhose von den Beinen.

Es ist ein Bachlauf im Wald. P5190130
Flach, steinig, eiskalt und doch so wunderbar.

Hier
Jetzt
Echt
Körperlich
Wahr

und so herrlich real.

Das Schreien verebbt, verschwindet wieder in den weißen weichen Tiefen des Schwans.
„Heute ist heute?“
– „Ja mein Herz, heute ist heute.“

Übrigens…

Nach über 10 Jahren in denen wir betreut wurden, sind wir nun bereits 5 Tage ganz frei!

Kein gesetzlich aufgezwungener Kontakt in die Vergangenheit mehr!

Offiziell sind wir jetzt autonom.

 

Cool, hm?

(Ähm und ja: es ist auch beängstigend und auch in keinster Weise so frei-fühlig wie gehofft. Aber es ist so wie es ist- egal wie es sich anfühlt.)