Erzähl mal

P1010093Es fiel mir schwer wieder reinzukommen.
Mich zu erinnern, womit ich mich zuletzt befasst hatte; wie der Plan war.

Dann fiel mir ein, dass es gar keinen Plan gegeben hatte.
Die Reise- das Fliegen- das Filmprojekt- die Gemögte, das war wie ein Knoten am Ende des Fadens, den ich in der ganzen Zeit vorher festhalten musste.
Ein „und dann… “ gab es nicht.

Jedenfalls nicht so fest und ohne Option daneben wie das Ende, auf das man sich hier eingelassen hatte.
Vom Himmel zu fallen und so das Böse auf die Erde prasseln zu lassen, erschien klarer und fester, als kindlich zart und empfindsam durchgeschüttelt und überreizt in der Wohnung zu sein und Angst vor dem Leben zu haben. Durch die Tage zu torkeln und als einzig festen Punkt den Hund und das Schreiben zu haben, während sich das Internet und langes Telefonieren wie Abstandsmarker zur echten Panik ausmachen.
In der Therapie zu sitzen und zu denken: „Können sie grad mal aufhören so rumzuwackeln und mich hier einfach mal überhaupt ankommen lassen?“

Irgendwann später am Donnerstag hatte ich es dann klar.
Es ging nicht nur ums Ankommen, zurück in Deutschland; in Hartz 4, wo es eben nicht darum geht, wie „es mir wohl ist“; zurück im Breisumpf auf Zukunfts- und Perspektiv- , Schaffenskraft- und Annäherungsängsten. Es ging auch darum nach etwas zurück zu kommen, das sich wie ein kleines eigenes Universum um uns herum ausgemacht hatte.

Wenn wir Kinder Blödsinn gemacht haben, war klar, dass etwas passiert. Zu dritt standen wir im Flur und jedes Kind wurde einzeln in das Zimmer gerufen. Das Warten vorher und die Gewalt im Zimmer selbst- so etwas passiert einfach. Da gibt es weder vor noch zurück.
Man hat Scheiße gebaut, also muss man dazu stehen. Ganz einfach und klar. Also bleibt man da stehen.

Übertragen aufs Heute war es: Ich/wir habe/n überlegt, was ich/wir beitragen könnte/n, überlegt, was ich/wir davon beitragen will/ wollen, wie ich/wir das anstellen kann/ können und dann zugesagt zu kommen. Also begannen wir die Reise und standen zu unserem Wort.

Doch in dem Moment in dem ich zu etwas stehe, passiert etwas. Damals wie heute, komme ich nicht gleich wieder zurück. Das Gefühl der Entrückung und der Problematik Anschluss an jene Lebenswelten der Menschen, die nicht dabei waren, zu finden, ist die Gleiche. Gewaltuniversum oder Erlebnisuniversum- beides ist völlig anders als der Alltag. Ist ein Knoten im Faden.

In der Nacht zu Donnerstag hatte ich mich an eine Situation erinnert, in der es genau darum ging, so eine Frage nicht zu beantworten. Nicht antworten zu wollen. Selbstbestimmt antworten zu wollen.
In der es um die fest begründete Angst ging, Schmerz zu erfahren, wenn man seinem Willen nachkommt.
Mir wurde noch ein Mal mehr klar, warum es wichtig war, den Reisebericht so aufzuschreiben, wie ich/wir das gemacht haben. Häppchenweise, zeit-räumlich sortiert und nur hier im Blog.
Alles andere im Kontakt mit Menschen, die die Selbstbestimmung im Erzählen und Teilen, schätzen und wahren. Diese Ermächtigung über die eigene Antwort auch als solche erkennen und mich durch ihr nicht wertendes Zuhören in gewisser Weise vor mir selbst schützen.

Mir war ein Unterschied aufgefallen in den Situationen.
In der Einen fragt niemand „Wie wars?“, sondern versucht es stumm an den Geräuschen, die aus dem Zimmer dringen oder aus dem leeren Gesicht des Geschwists, im Moment des aus dem Zimmer Rauskommens, zu lesen; wird aber definitiv erfahren, wie es für ihn selbst sein wird. Die Welt- die Menschen da draußen fragen auch hinterher nicht: „Magst du davon erzählen?“
(Wenn überhaupt wird man dazu BEfragt und auch dann spielen die emotionalen und allgemein ebenso zu verarbeitenden Reize und Empfindungen eine untergeordnete Rolle)
In der Anderen haben wir etwas mit anderen Menschen zusammen erlebt- haben eine Situation gemeinsam gestaltet und er-(ge)- lebt und werden gefragt: „Magst du davon erzählen?“.
Andere Menschen haben von unserer Reise erfahren, weil wir nicht allein waren, weil wir andere Menschen brauchten, um sie erlebbar zu machen. Das fing mit der Hundsitterin an, ging weiter über die Menschen, die wir begleiten und denen wir sagen mussten, dass wir nicht erreichbar sein würden und endete nicht einmal bei den Menschen, die uns in der Nacht des Reisebeginns den Hausflur runterpoltern hörten.

Diese Reise war (über?)fordernd, wenn auch nicht gleich allumfassend zerstörend, wie es Gewaltsituationen waren, was wir in den ersten Tagen über das Aufschreiben der Erlebnisse und das Bemerken, dass wir von ganz alleine grobe Sortierung von „Raum und Zeit“ und „schön/ nicht so schön“, sogar einiger Details schreiben konnten, wahrzunehmen schafften.

Doch dann kam da die Frage; „Wie wars?- Erzähl mal!“, und entpuppte sich als etwas, das sonst immer fehlte.
Früher hats niemand sonst gewusst- also nie gefragt- also wurde auch nie etwas gesagt (unabhängig davon, ob etwas hätte gesagt werden dürfen oder nicht).

Und so gesehen kommt mir diese Welle, die mir aus dem Kopf lief, diese anhaltenden Überforderungsgefühle, diese Unsicherheit und kindliche Zartheit in mir so logisch vor.
Dieses Kind hat nie jemand aufgefordert zu erzählen, was ihm gerade Großes (Überforderndes) passiert ist und plötzlich stehen da Menschen und wissen schon davon und fragen TROTZDEM noch (noch obendrauf auf alles!) wie es denn für UNS war- nicht nur so im groben Ablauf.

Jetzt haben wir viel darüber weinen müssen. Über alles irgendwie. Und wenn ich mich entspanne kommt noch mehr Weinen aus mir raus.
Aber es hilft.

Langsam kann ich wieder die Fäden meines Lebens vor der Reise aufnehmen.
So langsam komme ich wieder rein.

die eigentliche HeldInnentat

„Phu und jetzt noch zum Zürichsee und Bahnhofstraße?“. Draußen dunkelte es und die Anspannung floss langsam zu einem See unter unseren Plätzen im Zug zusammen.

Wir verzichteten. Irgendwann kommt man sicher noch einmal nach Zürich und sei es um diesen eigenartig bildungsspießbürgerungetümlichen Drang der Rosenblätter nach Wissen um die Geschichte eines Landes mit mehreren anerkannten Sprachen zu befriedigen.

Am Gleis des Hauptbahnhofs, an dem wir umsteigen müssen, sehen wir ein Kind seine Harfe schieben, einen öffentlichen Trinkbrunnen und kleine dicke Spatzen die im Sandbett zwischen den Zügen baden.
Viele Menschen, mehrsprachige Hinweisschilder und Züge, die anders aussehen als die in Deutschland.

Der Flughafen ist heimlich eine eigene Stadt, durch die ein eigener Strom fließt. Mal laut murmelnd, mal sachte ebbend, dann wieder sprudelnd und pulsend.
In einem kleinen Schrunzladen finden wir kleine Aufziehfiguren, im Zeitungskiosk eine NZZ. Wir bezahlen mit Euro und bekommen schweizer Franken zurück.
(Zu Hause stellt sich heraus, dass das Rückgeld zurück getauscht mehr Euros rein bringt, als ausgegeben wurden… so viel zum Thema „Ich habe mich nach vorne verarmt, weil ich schweizer Franken getauscht habe“- jetzt bin ich nach hinten reich geworden.)

„Habe ich schon mal „Menschen gucken“ gemacht?“, frage ich mich und schaue in den stetigen Strom von Personen über mein Wocheneinkauf- Star Buckskaffee und Snackdings hinweg.
Wir sprechen jetzt anders miteinander, meine Gemögte und ich. ´
Dort wie wir da sitzen geht mir das Grenzgefühl flöten.
Raum, Zeit, Körper und Selbstdichte matscht sich zu einer fließenden Masse.
Nicht brockig, nicht stockend, nicht zäh. Alles ist da, aber es ist unbegrenzt.

Wir machen Fotos von Flugzeugen auf dem Rollfeld draußen, finden einen kostenlosen Internetzugang und winken wild in die Twitterbubble, die uns fröhlich zurückwinkt.

Die Ausrichtung auf Konsum und der immer wieder auftauchende (plakative) Klassismus stößt mich ab. Irgendwie tut es weh und ist doch so nah, dass mein Blick dazu nicht besonders ist.
Im Duty Free Shop nehme ich die Tobleroneverpackung auf der „Zürich“ steht mit und nicht die Schokolade. Meine Gemögten bekommen alle welche- ich möchte nur diese glänzende Pappe in mein Bücherregal stellen und angucken.
Ich will das alles nur angucken. Nicht haben, wie es doch das Ziel zu sein scheint.
Dort in dem Flughafen gibt es Luxusgeschäfte. Echte Luxusgeschäfte wie „Tiffanys“, wo wir auch kurz drin sind um diese hauchzarten Schmuckstücke hinter Glas zu betrachten. Obwohl meine Gemögte logische Argumente für diese Einrichtung hat, fehlt mir der Haken um es zu begreifen.

Beim Einchecken werden die Passagiere in „Economy“ (drei Terminals rechts) und „first class“ (zwei links) aufgeteilt- um nach dem Lesen ihres Codes auf dem Ticket doch wieder nebeneinander zu stehen.
Beim Durchlaufen zum Sicherheitscheck das Gleiche.
„Alles, wie es mir wohl ist“ ist jetzt vorbei.
Hallo Hartz 4 – wie konnte ich dich vergessen?

„Wie siehst du deine Perspektivchancen in der Zukunft?“, war eine Frage am Samstag im Interview.
„Düster…“, ein Wort, das in meiner Antwort vorkam.

Wir fahren eine Roll-Nichttreppe zum Terminal an dem unser Flugzeug starten wird. Wieder sehe ich ein Raucheraquarium und bin froh noch immer (wieder) rauchfrei zu sein.
Meine altneue Jacke riecht noch so schön nach Waschmittel und dem Parfum, das wir uns zum Lebenstag schenken konnten.
Alles geht plötzlich schnell- die Zeit war doch ganz schön gehuscht am Ende.

Diesmal finde ich den Start nur schön.
Wie es mich in den Sitz drückt und für eine kleine Weile wieder ganz von allem entfernt. Alles was da unten ist, alles was war, was sein und/oder eventuell vielleicht werden könnte/ wollte/ sollte und gemusst werden müsste…
es ist weg.
Das Gefühl ist das Gefühl von Benzos nach 4 Tagen aus Angst nicht schlafen können und bei jedem Dösen ins Erinnern rutschen. Weich, weit, warm und doch irgendwie begrenzt an einer Stelle.

Ich fliege und es ist gar nicht mehr so groß. Wie lautes Zugfahren mit Ohrenknacken und zwischendurch auch Zahnschmerzen.
Draußen machen sich die hellen Wolken wie Schnee aus und an den Lichtern der Tragfläche, an welcher wir sitzen, sehe ich, dass es zwischen durch sogar kurz regnet. „Wir fliegen durch Wetter“, sagt meine Gemögte.

P1010240Als wir einen ohrenknisterknackigen Sinkflug anfangen mache ich Fotos.
Wir sind schneller gewesen, als angenommen.
„Ob der Pilot eine Abkürzung geflogen ist?“
– „Oder wir hatten Rückenwind.“
Wir sind sogar so viel zu früh, dass wir aus Versehen mit der Bahn schwarz fahren. Zugbindung fideralalalaaa

Es ist Mitternacht zu Montag, als wir uns am Bahnhof trennen und in Taxis zu unseren Heimathäfen steigen.
Vorher fragte ich, ob ich sie umarmen darf.
Ich habs gemacht und sie war echt. Immer noch.

Vielleicht ist die eigentliche HeldInnentat, dass ich nicht ein einziges Mal über die Tatsache geweint hab, dass ja jemand ist, der so etwas mit mir erlebt hat und erleben wollte; der mich- uns er-ge-tragen hat. So richtig fest und da. Immer noch.
Auch nicht über die Angst, die mir das macht. Nicht über die Sorge, die mir das macht. Nicht über die Bewunderung für den Menschen, die ich hab. Nicht ein Mal.

Bis jetzt.
Wo ich keine Heldin mehr bin und das das Einzige ist, das niemand von mir erwartet.

Ende

Klick hier, für den Anfang des Reiseberichtes.

Aufwachen und frei sein…

Zwischendrin war ich aus etwas wach geworden, das ich Mischtraum nenne.
Hatte Angst gehabt und war verwirrt, bis die Gemögte vom Bett nebenan gefragt hat, ob sie etwas tun soll.
Da hatte es dann aber schon zu klickern angefangen.
Auch und obwohl der Angstmotor etwas später noch einmal hustend loszustottern Anlauf nahm, als laute Stimmen von im Hotel ankommenden GästInnen vom Flur her schallten.
Aber sie war ja da. Nicht allein ist gut.

Es ist kurz nach 8 Uhr morgens, als wir beide richtig aufwachen und beschließen doch zum Frühstück runterzugehen.
Das ist schon wieder so außenstrukturiertes Essen und im Innen äugt es misstrauisch, ob irgendwelcher Essenspläne und Klinikmarker.
Ich finds toll. Es ist ein Buffet und die Menschen, die im Hotel arbeiten, fragen, was wir trinken möchten.
Ich kann meinen ganzen Platz vollmüllen und jemand anders räumt es weg. Ich kann vieles durcheinander essen und einfach irgendwie testerisch wirken (nicht etwa so, als wenn ich mich in den Wünschen von innen nicht einschränke). Also gibt es Brötchen mit Honig und Schweizer Käse, Schokocornflakes, Kaffee und Saft gleichzeitig. Sonntagsfrühstück, wie im Fernsehen finde ich. Ich wollte schon immer mal Frühstücksfernsehen leben. Zack!

Dann drehen wir eine Runde durch Brugg bei Tageslicht und machen viele Fotos, die nun in unserem Fotoblog „Einfach mal angucken“ zu finden sind.

Wir laufen und reden. Zeigen einander Dinge. Lachen.
Es ist irgendwie nah mit Abstand ohne Markierung.
Sie fragt, was es heißt: „Sie weiß ja nicht, was sie tut.“.
Ob sie die Metapher vom fröhlich in die laufende Kreissäge hopsenden Hoppelhäschen verstanden hat, weiß ich nicht. Ich will sie nicht draufstoßen. Denke kurz, es könnte ein Moment sein, in dem ich es könnte.
Zeigen könnte, was ich meine; die Worte dazu, die ich in den 4 Jahren, die wir uns kennen, wie Steine immer wieder in meinem Mund hin- und her bewege, hervorhole.
Und dann bleibt es doch eingewolkt, wenn auch vielleicht etwas klarer in der Luft hängen.

Jetzt- ausgerechnet jetzt- so deutlich zu werden, dass sich bei ihr Platz für Angst und Bewusstsein über mich und mein Innenleben, ausbreiten könnten, wäre, wenn nicht ein Schuss ins eigene Knie, so doch einer ins eigene Fleisch. Von innen beruhigt es mich, sagt mir ihre Worte vom Nichtmüssen nochmal.

P1010262Gegen Mittag kommt unser Mensch und lädt uns zum Kaffee ein, nachdem wir Touristenschokolade gekauft haben.
Ich habe am Frühstückskaffee gemerkt, dass der Kaffee in der Schweiz nichts mit dem zu tun hat, was ich mir zu Hause literweise in den Bauch schütte. Also trinke ich eine Schokolade mit X. Eine Xocolate oder so ähnlich. Sie ist großartig. Einerseits, weil es halt Schokolade oder „Schoggi“, wie es hier heißt, ist und andererseits, weil dieses Getränk genauso intensiv schmeckt, wie das Koffeeinkonzentrat, das sie Kaffee nennen. Es ist wirklich flüssige Schokolade.
Ach, dieses Café ist schön.
Es heißt Café „Frei“, ich sitze hier und mache Freiheitspraxis, neben uns sitzen zwei kleine Kinder, deren Schweizer Dialekt so klingt, wie der Dialekt, den alle Kinder in dem Alter haben und für einen Moment ist es einfach nur gut.

Dann gehen wir in Richtung Hotel, wo wir auch schon die beiden Filmer treffen und uns zum zweiten Teil richten.
An meinem Schal wird ein Mikrophon mit Puschel befestigt und an der Rocktasche ein Funkdingsi.
Diesmal steht das Reden aber nicht so im Vordergrund.
Erst einmal sollen meine Gemögte und ich nebeneinander hergehen. Gässchen rauf und runter, Treppen rauf und runter, von links nach rechts, stehenbleiben, gehen.
Sie findets toll. Sagt, sie geht jetzt zum Film, weil es ihr Spaß macht.
Ich schnappe mir den Fotoapparat und filme sie alle für 30 Sekunden. Ha!

Die Fotos von der Stunde im Park sind, die Schönsten, die wir je gemacht haben, finde ich. Es sind lauter Detailaufnahmen in der Natur. „Nach und nach werde ich sie im Fotoblog veröffentlichen“, verspreche ich dem Innen, das schweigend fotografiert, während Aufnahmen ohne uns gemacht werden.

Worüber wir dann sprechen ist schwieriger.
An den Bereich tasten wir uns gerade selbst erst heran und haben noch nicht die ganz genau passenden Worte gefunden. Wissen noch nicht genau, was wichtig ist, wo das Gewicht liegt und was helfen könnte.
Die Kälte, das aufgelockerte Miteinander, das Sitzen hier unterm Himmel in auch räumlicher Freiheit ist gut.
Ich glaube, drinnen ginge das nicht. All die Innens, die mich beim Reden stützen und mit mir auf Signale der BÄÄÄMs achten; meine Gemögte und das Fünkchen G’tt, das ich um Anwesenheit gebeten habe- wir hätten doch gar nicht alle in den Raum gepasst, wo wir gestern gedreht haben!

Dann sind wir fertig.
Bereit alle zusammen noch etwas Warmes zu uns zu nehmen, bevor meine Gemögte und ich die Heimreise antreten.
Wir gehen in ein italienisches Restaurant, wo es Stoffservietten und Toilettenbeschriftungen mit „Uomo“ und „Donna“ gibt. „Uomo“ bedeutet „Männer“- ich hab das mal für euch erkundet.

Die Filmmenschen schenken uns Berge auf einer DVD  und unser Mensch ein geheimnisvolles Geschenk, worüber ich mich freue
Wirklich schade, dass das Wetter so war, wie es war. Richtige Berge haben wir nicht gesehen. Aber „Hügel“, wie unser Mensch und meine Gemögte die kleinen Bergli’s, die wir sehen konnten nennen, waren das jetzt auch nicht.

Als wir beide im Zug in Richtung Zürich sitzen und so langsam alles von uns abfällt, denke ich immer noch an den Namen des Cafés.
Was wir heute gemacht haben ging alles nur, weil wir frei sind.

P1010183Weil uns niemand mehr abpasst, anspricht und mit Versprechungen in gewaltvolle Situationen bringt.
Weil wir nicht mehr so funktionieren, wie früher.
Weil wir nicht mehr allein sind.

Fortsetzung folgt  

…bis zum Ende des ersten Tages

Inzwischen ist es Mittag. Und immer noch Samstag.
Wir laufen auf glänzendem Steinboden zur Gepäckausgabe auf dessen Laufband der kleine Koffer unserer Gemögten einsam seine letzte Runde dreht.

Der Gedanke, dass mein Magen und meine Gefühle in mir, etwa die gleiche Strecke zurückgelegt haben könnten, wie der Körper als Ganzes, streift mich und geht in einem unwirklichem Flimmergefühl unter.
In den Ohren knistert es und ganz schwach ist da die Erinnerung daran, dass die Trommelfelle nicht so heil sind, wie die anderer Menschen. Vielleicht sind sie etwas in der Fähigkeit zu schwingen eingeschränkt.

In der Halle laufen wir „unserem Menschen“ fast in die Arme.
Und plötzlich eine seltsame Stille. Was soll man jetzt sagen?
Ich habe mir keine Worte überlegt.
Wieso nicht?
Achja- da war ja diese Kleinigkeit des ersten Fliegens, die mich absorbiert hatte.

Der Mensch holt zwei Granatäpfel aus der Tasche.
Ich spüre, dass ich viel ehrfürchtiger oder vielleicht auf eine andere Art dankbar oder anerkennend vor dieser Geste stehen sollte. Meine Fühler sagen mir: „Das bedeutet etwas.“.
Und zwar etwas Anderes als: „Hier hast du eine Frucht von mir.“.

„Eigentlich“, so denke ich, als wir durch einen Abschnitt mit einer Baustelle zur Bahnhaltestelle des Flughafens laufen und ich diese fremde Frucht in den Händen wiege, „weiß ich doch schon so, ohne jede andere Bedeutung, die an diese Frucht geheftet ist, dass es viel zu viel ist. Der Mensch hat an uns gedacht, als der sie in den Händen hielt und sie mir geschenkt. Und jetzt habe ich sie hier und weiß nicht einmal was genau es ist.“.

Irgendwann zwischendrin sage ich zu meiner Gemögten, dass es eine Frucht ist, die komisch guckt.
Wie die Avocado, die mir Frau Shehadistan geschenkt hatte und der kleine Hokaidokürbis, der irgendwann mal von einer anderen Gemögten kam.
Solche Früchte liegen in der Regel vorwurfsvoll schauend im Supermarkt, weil wir sie nie mitnehmen. Meistens, weil schlicht nicht klar ist, was wir damit anfangen sollen.

Wir fahren mit Fahrkarten, die Billets heißen, in einem Zug der schön riecht und gemütlich ist.
Sprechen und lassen unsere Fühler der Reihe nach übereinander gleiten. Ich soll alles sagen und machen, „wie es mir wohl ist.“. Dabei weiß ich doch gerade nicht einmal so wirklich, ob ich überhaupt gerade bin.

Wie schräg die Möglichkeit des Schlafens ausschlagen zu müssen.
Es war die dritte Nacht, mit knapp 3 Stunden Schlaf drin, in Folge. Hätte ich mich hingelegt, wäre ich eingeschlafen und nicht wieder richtig wach geworden. Doch bereits am Nachmittag soll der erste Teil stattfinden.
Wir besprechen also das Mittagessen und schauen auf die schöne Landschaft zwischen Zürich und Brugg, der Stadt, in der wir übernachten und für das Filmprojekt drehen.
Wie schräg übers Essen zu sprechen, Essen auszuwählen, wenn der Magen noch Flügel hat und zwischen den im Wind flatternden Adern unter der Haut, Schweinebammel macht.
Wie schräg durch eine Stadt zu laufen, die fast auch Gütersloh oder Minden sein könnte.
Wie schräg, dass hier keine Einhörner auf der Straße herumlaufen und ihre güldenen Hufe auf den Bonbonboden klicken lassen!

Mit vollen Bäuchen und einem groben Ablaufplan landen wir in unserem Hotelzimmer mit Blick aus den Eisiplatz. Es ist nicht das erste i am Ende eines Wortes, das uns für die nächste Zeit vor Lachkichergiggel die Gesichtsmuskeln und ach überhaupt alles entspannt.

Wir reden lauter Quatsch und stöhnen uns unsere Müdigkeiten vor, als wir nebeneinander auf den Betten liegen und die eisbecherförmigen Wandlampen angucken.
Meine Gemögte sieht aus, als wenn sie jeden Moment einschläft. Das darf sie aber nicht.

Einschlafen, das wäre jetzt wie weggehen.
Nach vorn machen wir Quatsch, aber nach hinten ist wachsende Fassungslosigkeit, dass sie immer noch da ist. Immer noch nicht die Schnauze voll hat von uns, von dem was wir sagen und machen, was das ganze Ding hier ist.
Es ist ein Spannungsfeld sie beim Dösen zu stören, weil es die Kinderinnens beunruhigt, obwohl es die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie wirklich von uns genervt ist und uns dann verlässt.

Um 14 Uhr 30 klopft es an der Tür und wir beginnen mit dem ersten Teil.
Es ist eine erst aufgeregte Atmosphäre, die sich aber nach und nach lockert. Das was ich sage, habe ich so oder so ähnlich schon vor vielen TherapeutInnen gesagt, im Blog geschrieben und sonst wie abgebildet. Alles was stört, ist die Müdigkeit und nach 2 Stunden ist der Kopfofen auch völlig aus.

Es ist okay. „Alles, wie es mir wohl ist.“.
Und an der Stelle merke ich ganz deutlich, dass es mir wohler ist, die letzten beiden großen Fragen auf ein Morgen nach viel Schlaf zu verlegen.
Später sagt mir meine Gemögte, die hinter uns saß, dass meine Konzentration spürbar war und es wie ein Energiestaubsauger gewirkt hatte. Ich glaube ihr das. Irgendwo in mir hatte sich auch etwas an alles und jeden in der Umgebung geheftet, um Kraft in meine Worte zu leiten, ohne welche von Innen abzweigen zu müssen.

P1010015Kurz nach 17 Uhr laufen wir durch die Altstadt von Brugg.
Die Aare ist der größte Nebenfluss des Rheins und wir stehen fast direkt daneben. Im Sommer, so denke ich, kann man hier bestimmt schön sitzen. Vielleicht angeln, schnulzige Gedichte schreiben und Leben essen.
Es rauscht schön, dieses schwarz goldene Strömen.

Dann gehen wir wieder ins Hotel und ziehen uns die Schuhe aus. Uffzen uns auf die Betten und atmen für eine Weile vor uns hin.
Ein bisschen Quatsch machen wir auch.
Ich merke, dass meine Ohren nicht mehr knistern.

Als unser Mensch mit bestelltem Abendessen zu uns kommt und wir im Bett (!) sitzend essen, hat es fast etwas von einem Hanni und Nanni- Mitternachtsfestessen.
Obwohl wir schon zur Seniorenzeit- also irgendwas um 21- 22 Uhr herum- in unsere Hüpfburgmatratzen hineinsinken und von Kirchengeläut begleitet einschlafen.

Fortsetzung folgt

geguckt

Sie stehen vor dem hellgrauen Gebäude und schauen in den Himmel.
„Hümm, also das ja mal ne Nebelsuppe, die heut zu uns serviert is, ne?“, sie dreht sich halb nach innen. Versichert sich mit dem blinden Auge. „Das ist nich so gut zum Fotos machen. Dann sieht das aus wie ne Fischfabrik und nich wie ein Erwachsenenhogwarts.“.
Unter ihrem Gesicht arbeitet es in Richtung Enttäuschungsflunsch.

„Du kannst alles fotografieren, was du willst. Das ist deine Stadtführung, mein Herz.“.
Sie atmet ein und lässt meine Federn wieder los.

„Ist gar keiner da der sagt: „Pfoten weg“. Das ist schön.“, sie schaut sich um, lässt ihre wurzelfeinen Antennen wie Schneckenfühler aus ihrer Stirn wachsen und tastet das Umsieherum ab.
„Hab ja ehwieso gar keine Pfoten, ne? Ich bin ein Mensch mit Händen mit 8 Fingern und 2 Daumen… ne?“, noch ein kurzes Versichern zu mir. Ich nicke bestätigend: „Ja mein Herz, du bist ein Mensch.“ und hoffe, dass unser Gespräch noch ein Stück tiefer als bis hier hin sickert.

Diese Fläche hier ist vergleichsweise tot.
Es gibt Beton, Gras, eine hier offenbar obligatorische Baustelle, ein bisschen umher fliegender Müll und Herbstlaub.
Sie hat Recht. Ohne die Sonne, die gestern so schön schien, kann man die Universität, in der wir in den nächsten Tagen noch öfter sein werden, nicht ins rechte Licht rücken.

„Guck maaaal!“

BielefelderFeder2
Sie macht ein paar Aufnahmen, hält den Finger fest auf dem Auslöser, hat den Mund offen.
Behält die Pfoten bei sich.
Niemals würde sie die Objekte anfassen.

„Eigentlich will ichs ja wieso nicht anfassen. Ist schön so…“.
Ich nehme sie zwischen meine Federn um sie zu beruhigen. Sie hält sich fest, pulst flirrend.

Wir schweigen. Gehen weiter.
Irgendwann ist es kurz vor 16 Uhr. Wir müssen rein, wenn wir etwas lernen wollen.

named

benannt2Es gibt Dinge, über die mache ich mir erst Gedanken, wenn so etwas wie vor ein paar Tagen passiert.
Wir liefen mit unserer Gemögten durch den Wald und irgendwo in unserem Gespräch mischte sich ein anderes Innen hinein.
Das ist etwas, das oft passiert und in der Regel ist das für mein Gegenüber nicht so zu spüren. Wir erwachsenen Innens, die viel Alltag leben, sind nicht so wahnsinnig unterschiedlich nach Außen bis auf Kleinigkeiten, die erst dann zum Merkmal für „Oh- das ist jetzt aber jemand anders“ werden, wenn jemand von unserem Viele-sein weiß.

Wir kennen diese Gemögte jetzt seit ungefähr 3 Jahren. Dass wir ein Mensch mit „Wir- Gefühl“ sind, haben wir ihr nach einem dreiviertel Jahr erzählt. Wie das alles so ist, haben wir ihr mit Bücherbergen und Wortgebirgen erklärt und den Rest einfach miteinander gelebt.

Als wir im Wald standen, fragte sie das Innen an der Front, ob es ihr ihren Namen sagen könne und ja, das hat mich geplättet.
Das ist eine Art Interesse, das so tief geht, dass ich nicht sicher bin, ob klar ist, wie tief. Was diese Frage mit Offenheit zu tun hat und nicht zuletzt einer Art gelebter Unlogik, die einerseits ein Selbstgefühl stärkt, andererseits die Funktionsweise der Einigkeit von Namen für Menschen ad absurdum führt.

Menschen werden geboren und es wird ein Name vergeben.
Das ist so, weil darum.
Anstatt weiterhin zu warten, welche Eigenschaften die kleinen Menschen entwickeln und sie anhand dessen zu benennen, wie es lange Zeit in Europa noch Normalität war (Stichwort: Kindersterblichkeit), gab es irgendwann einen Umschwung zur Namensvergabepraxis. Ob es daran lag, das auch kleinen Menschen eine Seele und ein Selbst zugestanden wurde, das benannt werden wollte oder, ob es einfach so war, dass es üblicher wurde, wenn ein Kind das 5te Lebensjahr erreichte, weiß ich nicht.
Trotzdem finde ich den Ansatz, den Namen nach den Fähigkeiten oder auch Eigenschaften des Menschen auszusuchen, an sich clever.

So in etwa, habe ich auch meine erste innere Landkarte gestaltet. Ich wusste nicht, wie sich die Innens selbst benennen und hatte nur die Beschreibungen von Außen. So gab ich ihnen Namen, um in der Therapie über sie sprechen können und so wiederum irgendwann auch mit ihnen sprechen zu können.

So wurde mein eigenschaftsbezogener Name für sie zum Werkzeug, mich an ihr Sein, das einen anderen Namen hat, anzunähern.

Im Therapieverlauf habe ich dann die Namen ergänzt bis irgendwann so ein Punkt war, an dem klar wurde, wie privat die Namen der Innens sind und was für eine Nähe mit dieser Privatheit einhergeht.
Ich muss niemandem besonders nah sein, um zu sagen, dass ich Hannah heiße. Es gibt aber auch Innens die sich schutzlos und vielleicht auch wie enttarnt fühlen, wenn sie benannt werden.
Das war für mich ein Moment, in dem mir auch ein Stück weit klar wurde, was damit gemeint ist, wenn es heißt: „Du bist dazu da, andere Innens zu schützen.“. Ich bin nicht nur dazu da, Teile des Lebens für sie zu leben, die sie überfordern, ängstigen oder für die sie einfach nicht gemacht sind, sondern eben auch, um einen Abstand zu anderen Menschen zu generieren.
Was sich hier gezielt „gemacht“ anhört ist etwas, das sich einfach so entwickelt hat, weil es nötig war. Das ist, was sich hinter dem Begriff „struktureller Dissoziation“ befindet. Es ist nicht: „Wir bringen mal System (Funktion nach Schema) in dieses wirre Dissoziieren“, sondern: „Oh- da ist Struktur im scheinbar wirren Dissoziieren“.
Auch im Hinblick darauf, dass es Menschen gibt, die trotz Bewusstsein um Trauma und die Folgen- vielleicht auch Wissen um Dissoziation und ihr Spektrum-  von außen versuchen „Ordnung reinzubringen“, ist es vielleicht sinnig nochmal zu sagen, dass die Namen, die dort hin- und hergeschoben werden; eingeordnet und sortiert werden, ein „jemand“ sind, das einfach -ist-.
Die Ordnung ist schon da- sie muss nicht reingebracht werden. Sie muss nur verstanden werden.

Das ist die Übergriffigkeit, die für mein Gefühl viele Menschen nicht auf dem Schirm haben, wenn sie so etwas sagen wie: „Ja dann sag dem Innen doch, dass es dies und das nicht mehr machen soll“ oder (Bullshitbingo:) „Dann macht das doch so: der macht das, der macht das und der macht das…“.

Da beginnt der Bereich der gelebten Unlogik, den ich eingangs erwähnte.
Wir sind alle Eine- doch jede/r/s von uns ist Eine/r/s.

Ich habe nie darüber nachgedacht, warum ich auf den Körpernamen reagiere- für mich, vor mir selbst, aber Hannah heiße. Ich weiß nicht, woher ich immer genau wusste, dass mein Name etwas ist, das nur meins ganz allein ist. Heute weiß ich, dass ich in einem Moment „geboren“ wurde, in dem „ich“ eben nicht -war-. Weder Name, noch Identität; in meinem Fall eben nur noch Eigenschaft mit Kompatibilitätsoption nach außen.
Es gibt Innens bei denen nicht einmal mehr das da war.
[Von außen wird das gern als der Moment der Selbst- entfernung/trennung (Dissoziation) bezeichnet- für uns ist dies allerdings ein Zustand- darum das „-war-“ und „-ist-„]

Sich selbst zu benennen ist eine Art der Aneignung seiner Selbst, die unfassbar viel sein kann, wenn eben das eigene Sein nach Außen so nicht mehr -ist-, vielleicht auch nie anerkannt oder auch gewahrt wird.
In der Hinsicht haben zum Beispiel auch Menschen mit Transidentität oder auch Intersexualität meine volle Solidarität, wenn sie sich für einen anderen Namen entscheiden. Es geht darum sich an sich selbst- sein eigenes Selbstsein  anzunähern- innerlich, wie äußerlich.
Es fällt mir nicht schwer zu sehen, dass eine „Maria“, deren Körper mit „Martin“ benannt wird, mit jeder Körpernamenserwähnung missachtet und ja, so auch gequält wird- also Gewalt erfährt.

Die innere Namensgebung fällt so auch in einen Bereich, der nach außen oft übersehen wird, wenn es um Gewaltleben und -überleben geht.
Gewalt ist all (selbst-) umfassend, doch etwas vom „Vorher“ (auch dann wenn selbst dieses „Vorher“ eines voller Gewalt ist) bleibt immer. Irgendetwas bleibt und entwickelt sich unter den gegebenen Umständen weiter.
So betrachte ich unsere Namensgebung im Innen als Fähigkeit zwischen innen und außen doch sehr wohl unterscheiden zu können- obwohl die Anpassung (bei manchen Innens bis zur Verschmelzung) immer wieder nötig war, um zu überleben.
So bildet die Selbstbezeichnung bereits eine Art Schutz vor Zerfall, denn benannt wird nichts, was nicht ist. Der Moment des Nichts-sein- des „nicht -seins-“ ist der, den es zu umgehen gilt.
Wenn etwas -ist-, kann es nicht -nicht sein- .

Übersehen wird manchmal, dass Aneignung etwas ist, das so lange funktioniert, wie Anzueignendes da ist und sei es eben jenes kleine -ist-, das noch ist, wenn sonst nichts mehr -ist-.

Ich denke nun ist erkennbar wie kostbar das ist, was unsere Namen bezeichnen?

Für das Miteinander mit dem Außen bedeutet das Folgendes:
Ich bin da, wie gesagt, nicht so. Ich finds schön, wenn Menschen mich mit „Hannah“ ansprechen und nicht mit „Körpername“ oder noch schlimmer „Frau Körperfamilienname“.
Ich kann das aber erst haben oder in der Folge logisch nachvollziehbar einfordern, wenn das Außen
a) weiß, dass ich als Einsmensch multipel bin, aber gerade als Einzelinnen – da bin-,
b) weiß, was das bedeutet
c) mir das glaubt
und d) wenn dann noch so viel Wertschätzung für mich/uns da ist, dass mir zugestanden wird, mich wohl zu fühlen, wenn ich angesprochen werde.

Manches Außen fragt vielleicht nun, ob es jedes Innen erkennen und mit „seinem/ihrem/deren Namen ansprechen muss.
Bei uns ist das nicht der Fall. Es gibt als gesamtinneren Konsens, dass der Körper(familien)name nicht passt und jeder Name besser ist, als dieser. So lassen sich auch viele andere Innens eben „Hannah“ oder eben wie hier im Blogkontext „Hannah Cecile“ oder nur „C(ecile)“ Rosenblatt nennen.
Da ist jeder Mensch (mit DIS) anders. Ich habe schon von Menschen mit DIS gehört, die von ihren Mitmenschen gewünscht haben, jeweils mit den „richtigen Namen“ angesprochen zu werden und von Menschen mit DIS, bei denen die Innens nicht so eine Aversion gegen den Körpernamen hatten und sich auch so nennen ließen.

Das Namensgefühl verändert sich auch.
Die Selbstbenennung schwankt bei mir auch mit dem inneren Beieinander.
So ist es dann manchmal so, dass ich in der Therapiestunde sitze und die Therapeutin mich fragt, mit wem sie gerade spricht. Manchmal fühle ich niemand anderen und antworte dann: „Hannah“ und manchmal fühle ich ganz deutlich- fast organisch mit mir zusammengeschmolzen ein anderes Innen und antworte: „Hannah und…“. Es gibt bei uns einige Innens die, nachdem sie auf Dauer verschmolzen waren, eine ganz andere Selbstbezeichnung für sich hatten.

Benannt wird immer, was ist- nicht was sein könnte oder sein soll, wie das eben im Außen passiert, wenn ein Neugeborenes direkt einen Namen zuschreibender Bedeutung bekommt.

In der Situation im Wald kippte das Innen auf die Frage weg.
Vermutlich genau über die Kante, über die ich stolperte und die mich bäuchlings vor die Füße unserer Gemögten fallen ließ.
Es war zu nah, obwohl als Frage an sich völlig in Ordnung und folgerichtig im Annäherungsprozess an uns als Vielheit.

Aber unsere Namen sind das, was wir uns ganz allein gemacht haben. Unsere Namen haben uns – jede/n/s für sich allein, -sein- lassen, als gar kein -Sein- mehr war.
Der Name ist das bisschen Selbst, welches alles im Innen benannte und über alles hinweg gerettet werden konnte. In unserem Fall, ohne bewusste Überlegung, sondern einfach so. Vielleicht, weil das etwas war, was noch ging. Trotz und wegen allem, was war und was eben nicht war.

Das wird eben nicht von allen mit allen geteilt.

ein Mensch sein?

Hast du vergessen, dass du ein Mensch bist?

Da ist dieser Moment, in dem es wieder hochwallt. Das Gefühl ein Es zu sein, ein „da mit Eigenschaft“ oder „eine Fähigkeit mit Kompatibilitätsoption“.
Keine Seele, kein Kürschnörkel, der in den Himmel lacht und Gräserspitzen unter seinen Fingerkuppen fühlt.

Dumpf und sprachlos, der Atem eine feine Linie nah über dem Boden und doch da. Es geht immer weiter gerade aus, in einem starren System, inmitten von Begrenzungen, die allein dem gelten, was schon längst zur fernen Idee einer Idee eines Wunsches zur Erfüllung eines dieser Kürschnörkelbedürfnisse verblasst ist.

Du darfst das

Irgendwann mal habe ich gelernt, warum sich Pupillen vergrößern und verkleinern. Lange dachte ich, dass es etwas damit zu tun hat, das Leben in seinen Kopf zu saugen. Das Licht in sich hineinzusaugen.
Es ist kein religiöses Denken, das Leben für das Licht zu halten.

Wenn es erst hell wird, wenn jemand kommt, um Wasser auf den Flächenbrand von Hunger und Durst zu schütten, dann wird das Leben zum Licht.

Wenn Schmerz sich lohnt, weil es hell wird, etwas bewirkt ist; man ein „da mit Fähigkeit“ wird und am Ende eine Art Rettung steht,
dann ist das Leben Licht.
Und kurz sogar Energie.

Du bist
am Leben

Vielleicht ist der Nebel, den ich die ganze Zeit mit herum trage und, der, wie mein Atmen, nah über den Boden wabert, die Antidichte zur Stille um mich gewesen.

Ich sehe sie da stehen. In der Mitte. Genau ausgerechnet mit dem unveränderlichen Maß ihrer Füße. Das Album von Britney Spears singend.
Bis sie zerdrückt war und ihre Scherben zu den Hürden wurden, über die andere hinwegrobbten, um an Wände, Widerstand und Grenzgefühl zu kommen.
Im Kino gibt es zu solchen Momenten epische Hintergrundmusik.

Den Momenten, in denen man vergessen hat, ein Mensch zu sein.

„Hab ichs geschafft?“ eine Luftblasenfrage.
„Ja, mein Herz, du und wir alle, haben es geschafft.“ ein einzelner Stein an dem sie zerplatzt.

Sperrkunst2

Tag mit Zahnschmerzen

Plätschern„Ich glaub, die Kariusse und Baktusse graben einen Tunnel aus ihrem Zahnhaus raus.“, sie sitzt im Schlafanzug in der Höhle, streichelt NakNak* über den Kopf und spricht ins Telefon.
Sie erzählt der Gemögten die Geschichte von dem Bullergeddo, das Karius und Baktus, wie dereinst die Siedler von Catan, in unserem Mund errichtet haben. „Mit Spielplätzen und Gärten, wo Gemüse wächst für die ganzen Kinder auch noch!“.

Übertreiben kann sie. Ihre Vermeidungstänze sind immer so besonders kreativ aufgebläht. Haarscharf an der Grenze zwischen ehrlich und tonnenschwer aufgelockert weg, von dem was ist.

Zahnschmerz ist ein Schmerz am Kopfinneren. Einer, der nicht von Schonhaltung oder Anpassungsverhalten weggeht.
Das ist ein Schmerz, der uns mit Leichtigkeit in Ohnmachtsgefühle schmeißt und dort auch hält, bis er weg ist.
Aber Ideen sähen und Welten pflücken kann sie noch.

„Konntet ihr ein bisschen schlafen letzte Nacht?“, fragt die Gemögte. Aus meiner Ecke, etwas von ihr entfernt, schaue ich die Kleine fragend an. Sie schüttelt mir den Kopf zu und sagt: „Ich weiß nicht genau.“.
Sie schweigen.

Im Dunkeln hocken Augen und Schreie, die rausquellen, wenn man sie zu lange anguckt.
NakNak*s Herzchen puckert unter der Hand der Kleinen.

Sie will raus. Stößt sich den Kopf. Hat vergessen, dass sie auf einem Auge blind ist. Taumelt kurz gegen den Schmerzschatten, fängt sich kurz vorm Fall und hopst auf einem Bein weiter. „Wie ein Clown“, denke ich. „Das soll so.“, sagt mir ihr ernster Blick.

„Wann geht ihr wieder zur Frau Doktor?“
– „Üüüühmmmmm ich glaub, ich weiß nicht genau aber vielleicht in 2 Stunden?“

Kurze komme ich mir vor wie einer dieser unförmigen Teletubbies, der ein qieksiges „OhOooh!“ in die Kamera quäkt, als mir klar wird, wie lange ich jetzt gerade schon nebenaußer mir herumschwebe, ohne etwas dagegen zu tun.
„Seid ihr schon angezogen?“
„Schon mit NakNak* unten gewesen?“
„Haben schon alle ihre Wachmacher gehabt?“
„Zähne geputzt, Haare gekämmt und Gesicht gewaschen?“

Jetzt prasseln ihre Fragen, überfordern die Kleine und ziehen an mir wie eine Angelschnur. Ich überlege, ob es sinnig ist zur Schmerzprüfung (harrharr) zur Zahnärztin zu gehen und mir vorher die Höchstdosis Ibuprofen in den Kopf zu schmeißen. Es ist erst morgens- der Tag wird sicher sehr lang… Mir fällt die Junkiedenke auf und ich schwanke schon wieder.

„Hey- äh- kannst du mir grad mal bitte sagen, dass ich auch wenn ich heute Abend noch richtig schlimme Schmerzen haben sollte, eine Möglichkeit habe irgendwas dagegen machen zu können?“
Sie sagts. Verspricht mit uns in die Notaufnahme zu fahren, wenn es gar nicht anders geht. Sagt, dass es okay ist. Sagt, dass ich okay bin.

Sagt, dass ich die Hufe schwingen muss, wenn ich nicht zu spät kommen will.
Wir verabschieden uns.
Verabreden uns für den späten Abend.

Ich springe von einem Punkt zum Nächsten. Bin so bewusst wie möglich, bei dem was ich tue. Keine Schmerzen. Nur Handlung. Nicht ohnmächtig.

14 Stunden später bin ich ein Schemen im Schatten der Höhle, der Fetzen des Gesprächs hört und sich fragt, wie der Tag nun abgelaufen ist.
Dieser Ende- Oktober- Tag mit Zahnschmerzen.

mit Stein zur Zahnärztin

P1010475Ich war gerade hier in dieser Stadt gelandet, da lernte ich meine Zahnärztin kennen.
Eine der ersten Fragen von ihr war, obs denn nicht wahnsinnig weh täte.
Fast 3 Jahre konnte ich das immer verneinen und ließ sie ohne Betäubungen an und in meinem Kiefer herummachen.

Bis ich ihr dann einmal halb vom Stuhl springen musste, weil ich etwas spürte. Und wie!
Warum auch immer griff die Dissoziation von Schmerz plötzlich nicht mehr und sie durfte mir fortan jedes Mal eine ihrer „zärtlichen Betäubungen“ setzen. Sie sagt wirklich „zärtliche Betäubungen“ und das ist auch richtig gesagt. Ich habe den Einstich noch nie gespürt.

Mein Zahnstatus ist unterirdisch. Das weiß ich genauso, wie sie.
Ich habe kein Zahnarztbonusheft und auch nicht die Ernährungs- und Zahnreinigungsweise, die zu Zahngesundheit beitragen könnte. Niemand kann erwarten mehr Zahn als Loch im Mund zu haben, wenn mehr als 13 Jahre lang Essstörungen, Fremdkörperaversionen und Armut herrschen.

Lange kam ich mir in der Zahnarztpraxis wie eine Patientin letzter Klasse vor, weil ich sogar für kleinste Zuzahlungen um Raten bitten musste. Meine Zahnärztin verwendet kein Amalgam und das finde ich gut.
Mein Geldbeutel hingegen ächzt schwer auf- vor allem, weil nicht nur eine Füllung gebraucht wird, sondern bereits seit Jahren mehrere.
Ich komme zu ihr, wenn ich Schmerzen oder Geld habe. Vorsorge und sonstiger Schnickschnack ist fern ab.

Mir gefällt es bei ihr eigentlich ganz gut.
Dort arbeiten nur Frauen und es angenehm kühl, was mir hilft nicht ins Dissoziieren zu rutschen, wenn sie etwas Schwieriges macht. Außerdem hat sie Kunst mit Donald Duck in den Räumen und seit einigen Jahren eine Hipsterbrille auf der Nase.

Allerdings hat sie einen Liegestuhl und macht manchmal doch Dinge, die weh tun oder so gruselig sind, dass ich schon mal vorsorglich Schmerzen spüre.

Alles das verbindet sie mit Geschwindigkeit und einer Art wenig Worte zu verschwenden. Wenn sie spricht, muss ich keine Füllwörter oder Wiederholungen herausfiltern und wenn sie Untersuchungen macht, macht sie nur die Nötigsten. Einmal Karies dauert nur wenige Minuten und die meiste Zeit davon beansprucht die Betäubung.

Heute war ich wegen meiner vor Monaten verlorenen Wurzelfüllung und Druck im Zahn daneben da.
Wir haben ein reiches Jahr 2013 und ich konnte ihr das auch sagen. Sie freute sich für mich und meine Müdigkeit trat noch mehr in den Hintergrund.
Es machte mir nicht mehr viel aus zu hören, dass der Kurs nun lautet „Wurzelbehandlung und neue Füllungen in beiden Zähnen“. Aber das kurze Ziepen dazu hatte gereicht, um mich aus meiner Imaginationsübung zu reißen und eine andere Bildabfolge vor Augen zu haben.

„Sich einkriegen“ ist das Eine.
„Sich überhaupt erst mal zu kriegen“ (es sind flatternde Rosenblätter von denen ich spreche) eine Andere.

Ich machte ein Zeichen und sie stoppte. Ich bat um etwas zum Festhalten und sie bot ihre Hand an.
Eines dieser komischen Spucktücher hätte ich auch genommen.
Ihre Menschenhand…
Die fasse ich nicht einfach so an.
Ob sie dann einfach meine genommen hatte oder nicht, weiß ich nicht mehr. Ich war dabei mich zu entschuldigen und zu versuchen mein Innenleben und meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen, als ich bemerkte, dass ich den Handschuh um ihre Hand spürte.

Meine Zahnärztin ist klein und präzise. Sie wirkt technisch und sachlich.
So deplatziert mein Fastwegdriften wirken kann, so seltsam wirkte es auf mich, dass sie plötzlich so Sachen sagte wie: „Ist ja jetzt vorbei.“ und mich in meine Sicherungsketten aus: „ich bin groß, ich bin stark, ich kann das, ich will das, ich mach das jetzt“ brachte.
Es war dann auch schnell vorbei. Aber, ob das jetzt meinen wundertollen Reorierentierungskünsten lag, oder daran, dass sie mich damit total verwirrt hat, weiß ich nicht.

In den nächsten Wochen werden wir uns öfter sehen.
Vielleicht schaffen wir das Ziel von vor 10 Jahren ja doch irgendwann mal noch: „einmal alle Karies weg und dann ein Bonusheft anfangen“.

Zum Festhalten nehme ich aber in Zukunft doch lieber wieder meinem Stein mit, den ich heute morgen vergessen hatte.

Schweigen verwortlichen

… und als ich ein Wort hatte, war es greifbar genug, es aus der Hand zu legen…
~ H. C. Rosenblatt ~

Es heißt Gesprächstherapie und hat etwas mit Sprache zu tun.
Es ist eine Art seine Seelenwarzen zu besprechen.

Seit einer ganzen Weile kämpfe ich mit einer Sprachlosigkeit, die alle mir bekannten Ebenen überschreitet und erlebe die Therapie als Gespräch, wie eine Art wöchentliche Kampfarena in der ich als gnadenlos niedergeschlagene Verliererin in den Sand gestampft werde.
Nie habe ich darüber nachgedacht, ob irgendwo Worte bleiben. Ob Worte von mir etwas bedeuten, obwohl ich verloren habe und einzig das Schweigen, als Obrigkeit meiner selbst, seine strahlende Rüstung zeigt.

Ich hatte in einem Emailaustausch mit einer Verbündeten etwas um diese Sprachlosigkeit verstanden. Sagte der Therapeutin: „Ich kann ihnen nicht helfen, mir zu helfen“ und dachte: „Weil ich es nicht sagen kann“.

Sie war aufgestanden und hatte ausgedruckte Artikel aus ihrem Büro geholt. Worte aus meinem Innen. Mein in Worte gewickeltes Schweigen, ein Stückchen auf ihrem Schoß.
Ich bin berührt von diesem Blick auf mich.
Nicht hindurch oder an mir vorbei wabernd.

Meine Therapeutin hat einen Freifahrtschein den Blog zu lesen oder auch nicht. Ich weiß, dass Zeit und Raum für Menschen kostbar sind. Gerade, wenn man sich mit Menschen auseinandersetzt und ein Stück miteinander geht. Nie habe ich von ihr erwartet, das zu tun. Wenn der Wunsch da war, wurden Artikel ausgedruckt und zu ihr gebracht.
In meiner Welt bin ich das Stück Dreck mit dem sie sich einmal in der Woche befasst und dafür Geld bekommen muss. Als Entschädigungslohn vielleicht.

Und als sie einfach weiter sprach und mein Schweigen im Wortgewand eines anderen Innens als Wort galt, konnte ich etwas sagen und es loslassen.

Nichts ist weg oder anders als vorher.
Aber es quält mich nicht mehr mit dem Gefühl selbst verschwiegen zu sein.
Es gibt Beweise für meinen Kampf.
Auf einer Ebene, ganz für mich, habe ich etwas über mein Schweigen verwortlichen können, ohne etwas sagen zu müssen. Ohne etwas können zu müssen, das ich nicht kann.

P1010059Und plötzlich ist es kein Kampf mehr, den ich als Verlorene betrachten muss.
Für den ich mich hassen muss, weil ich es falsch mache und damit den wahren Entschädigungslohn an meine Therapeutin in die Höhe treibe

Am Sonntag war da diese Welle von innen, die mir sagte, dass ich schon ganz richtig sei.
Gestern kam sie von der Therapeutin.

Jetzt streichelt sie ein bisschen an meinem Sein entlang und berührt mich.

Ich bin dankbar.