weirdgute Post

Wie sehr wir daran gewöhnt sind, anstrengende, schlimme, ängstigende Post zu bekommen, haben wir vorgestern gemerkt.
Da lag der Brief vom “Fonds sexueller Missbrauch” im Briefkasten.
Eigentlich hätte er an unsere gesetzliche Betreuerin geschickt werden sollen. Wurde er auch. Aber an die, die uns nicht mehr betreut und ihn deshalb an uns weitergeleitet hat.

So wurde ein Brief, auf den wir 2 Jahre gewartet haben, zu etwas mit dem wir alleine waren. Den wir alleine aufmachen mussten. Dessen Auswirkungen auf uns nicht von jemandem im Außen aufgefangen werden konnten.

Wir fanden ihn morgens im Briefkasten und ließen ihn da liegen. Gingen mit NakNak* raus. Fuhren 40 Kilometer auf dem Rad.
Wir haben da nichts beantragt, wovon unser Lebens abhängt. Eine Ablehnung hätten wir also genauso hinnehmen können, wie all die anderen Anträge auf Assistenzleistungen und finanzielle Unterstützungen, die mit der Schule zusammenhängen.

Aber eine Nichtanerkennung dessen, worauf wir unseren Antrag begründet haben, hätten wir nicht ertragen.
Nicht mehr.

Ich will es nicht so dramatisch aufschreiben, aber es ist eben doch unser Helferding. Das “Hilfetrauma” mit dem wir leben und umgehen müssen.
Da war der Therapeut, der uns sagte, seine Misshandlung wäre therapeutisch zwingend notwendig. Da waren die Betreuer_innen, die uns nicht geglaubt haben. Da waren die Psycholog_innen, die uns wieder nach Hause zurückgeschickt haben. Da waren die Berater_innen, all die ganzen Erwachsenen, die weder die Gewalt an uns anerkannt haben, noch ihre Auswirkungen auf uns. Und da war all ihre Macht auch strukturell auf uns einzuwirken.

Für uns ist es nachwievor schwierig damit umzugehen, dass wir nicht autark sind. Dass wir für so viele Dinge andere Menschen brauchen, die uns mit ihrer Zeit, ihrem Geld, ihren Fach.Kenntnissen helfen. Das bedeutet einfach immer wieder ein Aufreißen dieser Helferwunden. Jedes Mal, wenn wir jemanden um etwas bitten müssen. Jedes Mal wenn wir merken, dass wir alleine etwas nicht schaffen.
Da kommen uns ihre Sätze ins Gedächtnis, unsere Gefühle von Ohnmacht, Auslieferung, Panik, dass es das Ende für uns bedeutet.
Jedes. verdammte. Mal.

Und zwar nicht, weil die Täter_innen uns das irgendwie so eingepflanzt haben, dass wir uns immer nur an solche Helfer_innen erinnern oder, weil wir uns nur auf diese Aspekte von Zusammenarbeiten mit Helfer_innen konzentriert haben.
Ihr Handeln hat uns traumatisiert und in der Regel allein unter Fremden oder Täter_innen mit dieser Traumatisierung zurückgelassen.

Das klingt dramatisch und das ist es auch.
Es ist, was es meint, wenn irgendwo steht, dass ein misshandeltes Kind bis zu 7 Erwachsene ansprechen muss, um Hilfe zu erhalten.
Und das ist, was von so vielen Kampagnen ausgeblendet wird: Dass Hilfe zu bekommen eben nicht automatisch bedeutet sicher vor Gewalt und Re_Traumatisierung zu sein oder unbeschadet aus etwas herauszugehen, das im allgemeinen (oder von den Verantwortlichen) als “Hilfe” bezeichnet wird.

Dieses “Helferding” hat unter anderem dazu beigetragen, dass wir bis heute Innens haben, die Stein und Bein und alles, was sie haben, beschwören, dass sie niemals zum Opfer von Gewalt wurden. Dass sie keine Hilfe brauchen. Keine verdient haben. Und die natürlich alles das nachplappern, was schlechte, inkompetente, narzisstische, arrogante, ignorante, ihre Dinger auf uns projizierende Helfer_innen jeder Profession uns reingegeben haben.
Nämlich “in Wahrheit”, “eigentlich” und “im Grunde” nicht das Problem, die Not, das Leiden zu haben, was wir geäußert haben, sondern irgendwas völlig anderes, an dem wir selbst schuld und Ursache sind.

Als wir vor 2 Jahren den Antrag beim Fonds gestellt haben, war noch so vieles anders als heute.
Und im Nachhinein war es Glück, ihn vor dem letzten Klinikaufenthalt gestellt zu haben.

Wir haben damals so sehr daran gebrannt, dass die Autismusdiagnose nicht früher gestellt wurde, eben weil auch das wieder so ein offensichtliches Helferversagen war. Ohne dieses Brennen und den Schmerz, der damit einher ging, hätten wir den Antrag nicht gestellt. Schon gar nicht nach der demütigenden und re.traumatisierenden Erfahrung, die der letzte Klinikaufenthalt für uns geworden ist.

Ich hab mich damals damit beruhigt, dass keine Pfeifen in der Clearingstelle des Fonds sitzen. Wir wissen von manchen, die da arbeiten und wissen, dass das Menschen sind, die keine Entscheidungen für sich treffen oder überhaupt diese Art der Arbeit für sich selbst machen.
Ich dachte, dass sie die Arbeit vielleicht gar nicht mal immer zu 100% für die Antragsteller_innen machen, sondern auch für die Gerechtigkeit.

Damals hatte ich auch nicht dieses innere Wissen meiner, unserer Opferschaft wie heute. Für mich war klar: Ich habe eine komplexe PTBS, die kann man nur von einem Trauma haben. Und, dass ich mich in Bezug auf meine Eltern einfach immer scheiße fühle, wird sicher seinen Grund haben.

Und heute weiß ich mehr darüber. Wir haben viel Therapiearbeit gemacht und ich bin nah genug an anderen Innens gewesen um zu wissen, dass ES auch mir passiert ist.
Das ist ein Gewinn.
Aber auch ein Risiko.

Denn wir hantieren seit der Ausbildung mit so vielen Schriftstücken und Anträgen und Kram, haben neben Jobcenter und hier und da mal Sozialamt nun auch noch das Bafög-Amt im L eben. Ich habe ständig Angst etwas zu vergessen, zu übersehen, mich nicht auf die gesetzliche Betreuerin verlassen zu können. Jeder Brief im Briefkasten bedeutet im Moment noch eine Schaufel drauf.  Immer wieder erklären wir uns und immer wieder werden wir in Aspekten unserer Unterstützungsbedarfe nicht anerkannt.

Und der Brief vom Fonds?
Den fand ich weirdgut.
Ich fühlte mich merkwürdig gut, weil das der erste Brief in irgendeinem Belang ist, der anerkennend mit uns als Person umgeht. Zwischen Struktur und Intension trennt, ohne intransparent zu sein. Einfach mal nicht etwas ist, was be- sondern entlastet.

Was jetzt kommen kann ist Hoffnung und Mut machend.
Obwohl es Hilfe ist.

“Aber ich quäl sie nich.”

“Es wird immer schlimmer”, sagt sie und schleicht, das Tier an der komplett eingezogenen Flexi-Leine haltend, auf uns zu. “Jetzt kommt schon Blut aus dem Auge.”
Die mittelgroße Hündin neben ihr versucht den Grünstreifen zu erreichen. Sie zieht sie wieder zu sich ans Bein.
”Besonders nachts. Da weint sie viel. Da muss ich immer hingehen. Wird immer schlimmer.”

Bei mir wird auch alles immer schlimmer.
Da ist eine Wut und sie ist so dicht, so nah, so eng, dass ich merke, dass es auch meine ist.

“Aber Tierarzt sagt, geht noch. Sie is ja so jung. Is ja erst 10.”. Sie hält die Hündin weiter fest neben sich. Diese versucht mich aus der Ferne zu wittern. “Neulich hats auch neben der Nase geblutet.”

„Meine Nase blutet auch gleich“, denke ich. Wir haben eine Neigung zu Nasenbluten, wenn wir sehr aufgeregt sind.
Diese Situation regt uns sehr auf.

Wir wissen ja, dass viele Dinge, die Menschen tun manchmal einfach irrational sind. Wissen auch: mehr als feststellen können wir das nicht, denn es liegt weder in unserer Macht, noch in uns selbst als Ziel, das immer und bei allen irgendwie zu verändern. Aber ach.
Manchmal eben doch. Manchmal ist es eben doch ein Ziel. Oder besser gesagt: ein Wunsch.

“Aber ich quäl sie nich. Mal sehen, wie lang ich sie noch hab.”

Ich denke, dass sie sich selbst nicht so hört, wie ich sie höre, würde mir aber wünschen, dass sie das täte.
Mir tut der Anblick des Tieres, ihre Worte und alles, was sie da gerade macht so unglaublich weh. Es macht mich traurig zu merken, wie sehr sie sich an das Tier hängt, als wäre es ein Objekt ohne eigenen Seelenkosmos. Wie sehr sie glaubt aus Liebe zu handeln und einzuschätzen, während sie das Tier, das bereits sichtbar Schmerzen hat, für sich am Leben hält.

Die Hündin hat maligne Tumore. Sie wird nicht mehr lange leben. Und das, was sie noch leben wird, wird nicht schön, nicht gut, nicht bedeuten, dass sie einfach immer alles darf, was sie selbst möchte. Schnüffeln, wo sie mag, liegen, so lange sie mag, so viele andere Hunde begrüßen oder nicht begrüßen, wie sie mag.

“Lass sie doch wenigstens etwas von dir weggehen”, denke ich und merke, wie ich heulen würde, würde ich nicht vor ihr stehen. “Muss sie denn erst sterben, um frei von dem, was du Liebe nennst, zu sein?!”, denke ich und sagte zu ihr: “Und wo ist die Grenze? Hast du überlegt, wann der Punkt ist, dass du sie einschläfern lässt?”

Hat sie nicht. Natürlich nicht.
Sie kann dem Tier keine persönlichen Grenzen zugestehen, wieso sollte sie welche in dessen Leiden anerkennen.

Später überwiegt wieder die Wut.
Nachdem wir uns verabschiedet haben, denke ich wieder einmal an alles das, was “uns Hundehalter_innen” so beschäftigt ein Hundeleben lang.

Da gibt es  Leinenpflicht so gut wie überall in der Stadt und auf dem Land, läuft der freie Hund Gefahr von Jäger_innen erschossen oder von Autofahrenden getötet zu werden. Immer wieder Sorge, wenn er etwas aus dem Gebüsch frisst, weil man nie weiß, ob es ein Köder mit Rasierklingen oder Gift drin ist oder doch nur ein an Feinstaub erstickter Singvogel.
Das beste Futter, das wertvollste Spielzeug. Hundesport, weil das aktive Raubtier sonst im Wohnzimmer Amok läuft. Schicke Leine, gutes Halsband. Zecken, Durchfall, nie genug Mülleimer für die Pflichtplastitüte. Klar, dürfen die Kinder auch mal streicheln. Alle dürfen streicheln. Immer. Das ganze Fell, der schöne Flausch, das lädt ja richtig dazu ein. Und der mag das ja, der feine beste Freund des Menschen.

Und wenn man alles das nicht mitmacht – macht man es dann überhaupt richtig?

Wir wissen, dass NakNak* uns nicht liebt. Wir lieben sie auch nicht.
Sie ist nicht unsere beste Freundin. Sie ist sie und wir wohnen zusammen.
Wir freiwillig mit ihr, sie unfreiwillig beimit uns.

Wir leben in einer ausbeuterischen Beziehung miteinander, in der ich sie zu 100% unterdrücke.
Aber kein_e Hundepsycholog_in der Welt würde ihr raten, sich von uns zu trennen.

So normal ist die Gewalt, die man Haustieren antut.

Es ist nicht nur das „immer und überall zu wenig Auslauf“, die so oft nicht gegebene Rudelhaltung oder die Welpenproduktion in Vemehrerhaushalten – es ist der ganze Menschenscheiß, den Hunde in ihrem Leben haben.

Das ganze “Liebesding”, das ganze “Retterding” – die ganze menschzentrierte Scheiße, für die Hunde – Haustiere – herhalten müssen.
Diese merkwürdigen Übertragungsdinger, wo sich Personen, wie die mit der krebserkrankten Hündin, wie gnadenvolle Wohltäter_innen fühlen, wenn sie bestehendes Leiden so lange aufrechterhalten, wie es geht, damit sie es lindern können bis es nicht mehr linderbar ist. Lindern heißt nicht wegmachen. Das Tier leidet immer noch. Aber der Mensch fühlt sich gut, weil sie_r ja lindern kann.

“Aber ich quäl sie nich”, hat sie gesagt.
Ich glaub, das ist der Auslöser für mich.

Weil: wir quälen NakNak* – und die hat keinen Krebs.
Wir hauen sie nicht, wir füttern sie gut, wir laufen am Tag um 10km durch Wald und Wiesen. Sie hat ihre Kumpel, sie hat ihr Bett (unser Bett).
Aber machen was sie will, leben wie sie will, lassen wir sie nicht.

Würde das jemand mit uns machen, würden wir uns gequält fühlen. Eingesperrt, gefangen.
Vielleicht auch nicht – man gewöhnt sich an alles und so lange es nicht körperlich weh tut…

Es ist ein Dilemma.
Uns war das alles nicht bewusst, als wir uns dafür entschieden NakNak* zu behalten.
Jetzt bleibt uns nur, das bewusst zu behalten und das ist weder leicht, noch findet man Tipps und Tricks zum Umgang damit so einfach, wie unnötige Konsumgüter für Haustiere.

Jemanden zu treffen, die_r nicht so bewusst damit ist, fällt schwer. Macht wütend. Traurig.
Aber ist auch ein Moment für Demut.
Für: sich zu selbst zurücknehmen, innehalten und atmen.

Anerkennen, dass das gerade das ist, wie die Gesellschaft und damit die Mehrheit der Menschen um uns herum damit umgeht, dass man sich daran gewöhnt hat, Raubtiere zu unterwerfen, zu halten, zu züchten, abzurichten und für die eigenen Zwecke auszubeuten.

Anerkennen, dass das die Ebene über dem individuellen Leiden eines Menschen ist, der zusehen muss, wie sein Hund an einer unheilbaren Krankheit verstirbt.

Überforderung

“So ein kleines Zeltpäckchen hatten wir noch nie im Arm”, dachte ich und wappnete mich für den Weg nach Hause.
Das nächste, was ich wirklich erinnere, ist ein Sanitäter, der mich anspricht. Ich bin nicht weit weg von zu Hause, bin bei mir, bin ganz da. Ich bin da und lebe. Ich könnte zurück auf mein Rad klettern und zu meinem Abendessen fahren. Es wäre okay für mich. Das, was gerade passiert, ergibt keinen Sinn für mich. Die Fragen, die Zahlen, das Piepen des Sauerstoff-Pulsdings an meinem Finger.

Wir fahren ins Krankenhaus und warten eine Weile. Dann kommt ein Arzt und fragt, wie es mir geht. Ich sage “Besser, danke.”, obwohl ich mich frage, was er denn meint. Was von all dem, was in mir vor sich geht, geht denn gerade mit mir?

Ich würde gerne jemanden anrufen und lass es dann bleiben. Jemand hat F. abgesagt. Das Smartphone ist plötzlich nichts weiter als ein Hafen, der von niemandem benutzt wird.

Haben Sie das öfter – Ja
Kennen Sie die Auslöser – Ja
Oh hm. Ja gut. Können Sie denn jetzt nach Hause – Ja

Ich werde entlassen und fahre zu NakNak*, die auf ihr Abendessen wartet.

Als mich das scharfe heiße Curry endlich richtig aus der Dissoziation reißt, ärgere ich mich darüber, dass ich dem Arzt den Auslöser nicht genannt habe. Es ist legitim unter Überforderung zusammenzubrechen. Scheiß egal, ob es eine emotionale oder physische Überforderung ist. Irgendwann bricht auch der stabilste Balken.

Wir brauchen Urlaub. Und emotionale Entlastung.
Die Freiheit und den Mut manchen Menschen in unserem Leben zu sagen, dass wir sie nicht länger tragen können. Dass wir im Moment ein zerbrochener Balken sind.

Fundstücke #63

Ich erinnere mich an einen Urlaub mit den Großeltern in Dänemark.
Wir waren im Legoland und nach einigen Runden in kleinen Autos wurde dem Geschwist und mir ein Kinderführerschein ausgestellt. Darin gab es freie Zeilen für den Namen, die Adresse, Allergien und sonstige Empfindlichkeiten.
Ich erinnerbeobachte mich, wie ich mit dem Füller reinschrieb, dass ich empfindlich bei Weh Wehchen sei.
Der Grundschulschwung der W’s in diesem Wort ist mir nachwievor deutlich vor Augen.

Weh Wehchen.

Meine Fresse.

Hoffnung

“Sag mal K. – worum geht es dir eigentlich?”, fragt sie mich aus einem zusammengedrückten Gesicht. Das Schleimpfeifen aus meiner Lunge führt meinen rasselnden Atem an wie eine unbeirrbare Vorhut. Dieser Spaziergang ist schon viel zu lang für mich. Die Luft zu dicht, um die Flügel in meinem Oberkörper anzuheben.
Hinter uns grollt ein Wärmegewitter den Berg hinauf, den wir gerade bestiegen haben.

Ich drücke mein Gesicht zusammen, wie ihres und frage, was sie denn mit “eigentlich” meint. Frage sie, was sie denn glaubt für wie viele Eigentlichs ich neben dem, was ich, was wir, so mühsam rausbringen, noch Kraft aufbringen würde.
Wieder bin ich da, wo ich mich frage, ob sie mich für dumm hält, oder heimlich doch nicht glaubt, dass es schwer für mich ist zu sprechen, obwohl ich es tue. Ärgere mich darüber, weil es ineffizient und doch wieder eine Etappe ist.

“Brauchst du jetzt ein Eigentlich von mir, weil dir nicht klar ist, was ich dir gesagt hab oder willst du “den einen schlimmen Aspekt” wissen?” Ich bleibe stehen, hebe die Arme über den Kopf und versuche mich zu weiten.
Sie beobachtet mich. Ich merke, wie ihr jemand ins Gesicht springen will.
Sie fragt: “Gibt es denn mehr als einen schlimmen Aspekt?” und es ist als würde sie mich mit einem Fingerpieks einen Abgrund runterschubsen.

Antworten, die Fragen sind. Sie weiß das. Ich hab ihr das schon so oft gesagt. Warum macht sie das trotzdem.

Ich wühle nach meinem Notfallspray und dem Wasser in meinem Rucksack. Sage nichts mehr, bis wir zu Hause sind. Das Cortison treibt uns an, wir werden schneller als sie. NakNak* läuft voraus. Hält bei jedem Donner inne.
Ich fühle mein Trauma unter meiner Haut. Merke, wie da etwas wühlt, kämpfen will, doch nicht durch meine Haut aus Stein kommt. Das schnelle Gehen fühlt sich falsch an. Die Bewegung ist jetzt, aber nicht in Einklang zu bringen mit dem, was ich wie eine Hülle den Berg hinunter trage.

Unsere Gemögte spricht weiter auf mich ein, doch es kommt mir eher vor, als würde sich mich mit Wörtern abduschen, als mit mir zu kommunizieren. Sie perlen von mir ab, bedeuten nichts außer sich selbst. Versickern spurlos in der Zeit, brauchen weder mich noch sie.

Als wir in der Küche sitzen und dem Donner über dem Haus zuhören, fragt sie, ob es immer noch um die Akzeptanz geht, DAS DA erlebt zu haben. Ich sage “Nein” und denke: “Aber vielleicht doch.”

“Ich verlier die Hoffnung, M.”, sage ich. “Darum gehts mir.”
Sie streichelt NakNak* die Ohren. “Die Hoffnung worauf?”. “Dass wir alles aufgelöst kriegen.”
Es donnert. Draußen raschelt Birkengeblätt im Gewitterwind.

“Ich will Frieden machen mit dem ganzen Scheiß. Ich will es leichter haben. Ich will, dass sich alles auflöst und kein Problem mehr ist.”. Ich nerve mich selbst mit dem was ich sage. Höre auf zu reden. Es kommt mir sinnlos vor.

M., die uns schon lange, mich immerhin seit ein paar Jahren kennt, schweigt mit mir den Moment in die Breite.
Mit einem langen Schluck trinkt sie ihr Glas aus.

“Ich hab noch keine Klientin gehabt, deren Wunden von Hoffnung allein geheilt wurden.”

Fundstücke #62

“Werde, wer du wirklich bist”, heißt ein Buch von Alison Miller, in dem es um rituelle Gewalt und die Überwindung von Mind Control geht.
Es ist ein Selbsthilfebuch für Betroffene und steht bei uns auf der Liste der Bücher, die wir irgendwann vielleicht eventuell mal lesen wollen. Dann, wenn wir wissen, wer wir denn wirklich sind.

Diese Lücke ist mir gestern noch einmal bewusst geworden, als ich einen Artikel über narzisstische Menschen, die mit einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation leben, las.
Seit wir als narzisstisch persönlichkeitsgestört “diagnostiziert” wurden, stolpern wir öfter über solche und ähnliche Texte. Und natürlich versuchen wir uns darin zu finden. Immer noch. Obwohl wir wissen, dass wir keine so gelagerte Persönlichkeits”störung” haben.

Aber es entstehen interessante Gedanken und Fragen.
Zum Beispiel die danach, wer wir denn nun sind. Wie es denn nun wirklich um unser Selbstwertgefühl steht. Ob, und wenn ja, inwiefern und wozu wir Menschen ausbeuten. Ob, und wenn ja, wir Kritik fürchten. Ob, und wenn ja, für wie großartig wir uns denn halten. Ob, und wenn ja, wie überzogen unsere Ansprüche und Anforderungen an unsere direkte und indirekte Umwelt denn wirklich sind.

Tatsächlich finden wir uns in Schilderungen von Menschen mit sogenannter “narzisstischer Persönlichkeitsstörung” nicht wieder. Aber wir verstehen, weshalb die Ärztin damals Anlass hatte das in uns zu sehen. Und obwohl uns das nachwievor belastet, weil wir nichts daran ändern, geschweige denn andere Patient_innen vor ihr schützen können, können wir uns daraus ableiten, für wen es (im Kontext der Traumatherapie) wichtig ist, an so etwas wie ein “wahres Ich” oder “wahres Selbst” zu glauben. Und warum.

Die dissoziative Identitätsstruktur wird nachwievor oft und überwiegend durch eine psychoanalytische Brille betrachtet und behandelt. Danach gibt es eine Persönlichkeit, die “Stellvertreterpersönlichkeiten” entwickelt, weil das erlebte Trauma zu schrecklich ist um weiter am Leben zu bleiben bzw. das soziale Umfeld zu ertragen, in dem das Trauma erlitten wurde.

Für grundsätzlich falsch halte ich das nicht, aber diese Sichtweise legt die Vorannahme einer Persönlichkeit, die da ist und etwas erschafft, das neben sich steht und passiert, fest.
In diesem Modell wird häufig dann auch Hierarchie eingebettet und Kämpfe um “gut” oder “böse”, “stark” oder “schwach”, “männlich” oder “weiblich”, “erwachsen” oder “kindlich” verortet.
Die therapeutische Arbeit ist dann eine Art “kontinuierliche Demaskierung” der “Stellvertreterpersönlichkeiten”, als Selbstschutzmechanismen oder eben auch verselbstständigte narzisstische Reflexe.
(Like: “Du hast es nicht ertragen, dass die Person dich, die du dich für so großartig/wichtig/besonders hältst/gehalten hast (weil dir das so eingeredet/vermittelt wurde), behandelt wie ein Stück Scheiße, also hast du jemanden erfunden, der ein Stück Scheiße ist, damit dich das nicht erreicht”).
Daneben kommen noch Aspekte der Reorientierung als erwachsene Person, die helfen sollen, die “Stellvertreterpersönlichkeiten” nicht mehr als etwas zu sehen, das fremd ist, sondern eigen und er.tragbar von der “eigentlichen Persönlichkeit”.

Wir haben schon Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur getroffen, bei denen diese Herangehensweise geholfen hat und insgesamt auch passt: Menschen sekundärer struktureller Dissoziation. Menschen mit DDNOS.
Also Personen mit einer “Kernpersönlichkeit” und mehreren Alter Egos, die zu bestimmten Zeiten oder bestimmten Aspekten im Leben der Person aktiv waren oder sind.
In der Serie “United States of Tara” ist so eine Person (filmkünstlerisch und kapitalistisch verwertbar aufbereitet) dargestellt.

Weniger passt diese Herangehensweise bei uns.
Bei uns gibts es durchaus auch “Stellvertreter”, allerdings sind das keine autarken Innens, also “Persönlichkeiten”, sondern Zustände, auch “States” genannt, die innerhalb eines Systems verortbar sind und nur dort überhaupt funktionieren.

Als wir die Diagnose als Jugendliche gestellt bekamen, hatten wir uns bereits daran abgearbeitet unseren “ursprünglichen Kern” zu finden. Sahen uns immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen “das eigentliche Problem”, den “wahren Ursprung” von uns Innens “als Ganzes” sehen, finden, behandeln wollten.
Und als wir an dem Punkt waren zu merken, dass es den bei uns nicht gibt – samt aller Implikationen, die das für uns hat und hatte – begann für uns eine Forschungsreise, an deren Ende wir in dem Buch „Das verfolgte Selbst“ auf unsere Struktur stießen: das Modell der tertiären strukturellen Dissoziation.

Darin gibt es einen solchen Kern nicht, wohl aber Funktionssysteme, die zu bestimmten Lebenszeiten, sozialen Kontexten und Anforderungen aktiv werden bzw. sind und durch dissoziative Barrieren nicht oder kaum mit den anderen Systemen in Kontakt sind.

Hier funktionieren therapeutische Ansätze von “Demaskierung” und Reorientierung nur teilweise, nämlich nur in ebenjenen Systemen, die in der Therapiestunde aktiv sind (oder für die Therapie entstanden sind) oder aktiv sein müssen oder aktiv sein dürfen oder die Fähigkeit haben in der Therapie aktiv sein zu können.

Das heißt bei uns: Wenn wir Rosenblätter in der Therapiestunde sind und erkennen, dass wir untereinander funktionale Stellvertreter sind, um mit den Anforderungen von interpersoneller Kommunikation (in zum Beispiel Psychotherapie, Behörden, Blogkommentarspalten, ehrenamtlicher Tätigkeit usw.) zurecht zu kommen, weil unser Gesamtsystem (unserer Ansicht nach ist das unser Gehirn bzw. unser Körper) eben dies als potenziell lebensgefährliche Bedrohung missinterpretiert, dann können wir das nur so akzeptieren und in unser „Rosenblätter-Leben“ integrieren.

Nicht aber in eine “Kernpersönlichkeit”, die dadurch mehr Kraft oder allgemeine Integrität erhält.
Bei uns wird mit so einer Art therapeutischen Arbeit am Ende also nichts und niemand “ganzer” oder “echter”, außer wir selbst als System, neben anderen Systemen.

Diese Kernpersönlichkeitsidee, ihre Implikationen und der Anspruch das als Therapieziel zu verfolgen, werden aber immer das sein, was uns dazu zwingt eine “Stellvertreterpersönlichkeit” aufrecht zu erhalten – nämlich so etwas wie eine Hannah C. Rosenblatt, die es gibt, um als eine Persönlichkeit gelesen und angesprochen werden zu können, obwohl man keine ist.

Nach der Lektüre des Borderline-Narzissmus-Textes habe ich verstanden, wie praktisch so ein Kernpersönlichkeitsmodell ist.
Gerade dann, wenn man selbst nicht dissoziativ funktioniert, aber selbst sehr verschiedene soziale Rollen erfüllen muss oder will. Dann kann man etwas von sich selbst in der anderen Person finden und man kann ähnliche, wenn nicht gleiche Maßstäbe an sie anlegen.

Das funktioniert genauso wie in der Sparte des Inklusionsaktivismus, in der die Person, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, “eigentlich ja gar nicht so anders ist, als die Person, die keinen braucht”.
„Da ist ja nur eine kleine Unterschiedlichkeit, welche die Person, die keinen Rollstuhl braucht ja sogar an sich selbst simulieren kann, um der anderen Person zu gleichen.“

Was dabei das Problem ist, ist das Gleiche wie bei der Identifikation nicht dissoziativ strukturierter Menschen mit Menschen, bei denen diese Struktur vorliegt:

Wie es ist, eben nicht und niemals wählen zu können so zu er_leben; wie das ist, damit 24/7, vielleicht bis zum Lebensende so zu leben; wie das ist, damit umgehen zu müssen, dass andere Menschen glauben, dieser Unterschied wäre “eigentlich” nichtig – diese Erfahrung ist exklusiv. Und zwar nicht, weil das so geil ist und eine Aufwertung vor anderen Menschen bedeutet, sondern, weil der Unterschied eben alles andere als “eigentlich nichtig” ist, sondern fundamental.

Es ist eine andere Er_Lebensform. Ein anderes in der Welt sein.
Nicht besser, nicht schlechter – einfach nur fundamental anders.

Mit “dem anderen” umzugehen ist niemandes Job. Interessanterweise gehen mit “dem anderen” nur jene um, die anders sind. Und zwar, indem sie leben und sind, wie sie sind.
Psycholog_innen, Mediziner_innen und was weiß ich nicht so alles, sind nicht damit beauftragt menschlich, individuell damit umzugehen, dass es das gibt. Sie sind für wissenschaftliche, gesellschaftliche, individuelle Einordnung und die Sicherstellung sozialer Kontrolle durch Diagnosen und Behandlungen zuständig.

Davon auszugehen, dass “das Andere” “eigentlich” gar nicht anders ist, ist also auch eine Art positiver Diskriminierung, um realen gesellschaftlichen Ausschluss aufgrund von Andersartigkeit zu verschleiern.
Und damit natürlich auch der eigenen Beteiligung daran.

Mir ist dieser Gedanke nur deshalb gekommen, weil wir merken, wie sehr das Kernpersönlichkeiten-Modell bei uns nicht greift und wie schwierig es ist, an Erfahrungsberichte zu kommen, wo jemand nicht auf der Grundlage dieses Modells gearbeitet hat.

Erst recht haben wir noch kein Material gefunden, in dem die Lebensumgebung der betreffenden Personen gleichermaßen ausgeleuchtet wurde, wie ihre inneren Landschaften.
Damit wird sich in der Praxis einfach nie beschäftigt. Die Person und ihr Verhalten in diesem einen speziellen Setting einer Behandlung wird angeschaut, ähnlich bis gleich gemacht mit Menschen, die sich nicht in diesem Setting befinden und das wars.

Mich würde sehr interessieren, wie oft Menschen, die mit offensiv mit ihren Unterstützungsbedarfen umgehen und keine Schamperformance machen, als Person, die mit ihrer Rolle kokettieren, wahrgenommen werden und vielleicht sogar aufgrund dessen pathologisiert werden.
Genauso interessiert mich – besonders bei Menschen, die viele und über den akuten Krisenstatus hinaus sind – wie oft es vorkommt, das durch Therapie entwickelte Resilienzen und Abgrenzungsfähigkeiten, irgendwann (Wann genau?) als Arroganz oder Hochmütigkeit gelesen werden.
Wann werden Selbstschutzmechanismen als Noncompliance, wann die Nutzung von positiven Ressourcen als kritisch eingeordnet?

Geht es um die verwendeten Modelle, die einer Diagnose zugrunde liegen, oder um die Personen, die diese Modelle wählen, um sich selbst in der Beziehung zu der Person leichter zu verorten?

Oder geht es darum, wer wer „eigentlich“ ist und wessen “wahres Selbst” wann wie wo als das legitimiert ist, was es ist?

 

Vielleicht werden wir “Werde wer du wirklich bist” nie lesen, denke ich gerade.
Wir machen unsere Therapie nicht, um wirklich zu werden.
Wir sind schon wirklich da. Uns gibt es schon so wie wir sind.

Unser Ziel ist, das auch genau so selbst wahrnehmen zu können, ohne aufgrund dissoziativer Selbst- und Umweltwahrnehmung darin behindert zu werden. Ich weiß nicht, inwiefern sich dafür unser Selbstsein verändern muss?

note on: der Polizei die Bilder der eigenen Gewalterfahrung zugänglich machen?

Die Dokumentation von sexualisierter Gewalt am eigenen Körper, an der eigenen Seele, der Polizei übergeben, um in geschlossene Foren einzudringen und Mit.Täter_innen so ausfindig zu machen.
Das ist ein Vorschlag, den Ingo Fock, Vorsitzender von “ gegen Missbrauch e.V. ” kürzlich in einer Live-Diskussion mit der hessischen Justizministerin Eva Kühne-Hörmann aufbrachte und auch in einem Interview im Infoportal Rituelle Gewalt besprach.
Im Folgenden möchte ich beschreiben, wie ich das sehe.

Grundsätzlich: Auch Menschen, deren Gewalterfahrungen gefilmt, fotografiert, schriftlich beschrieben oder sonst wie dokumentiert wurden, haben Persönlichkeitsrechte an dem Material. Schon deshalb ist die Verbreitung von solchen Medien ein weiterer Gewaltakt, der den Gewalterfahrenen angetan wird.
Für mich: Völlig unabhängig davon, wer sie dann zu sehen bekommt.

Es stellt mich bereits vor eine enorme Hürde damit umzugehen, dass sich in meiner Therapeutin unweigerlich Bilder von mir in diesem Körper, in der von mir geschilderten Situation, entwickeln. So funktionieren Gehirne und weder ich noch sie können etwas dagegen tun.
Was wir tun können ist, diese Bilder zu entfernen und als das nehmen, was sie sind: die Art, wie Gehirne Aufgenommenes (Erfahrenes) verarbeiten.
Das heißt: Wir können einen Umgang damit finden, dass es sie gibt und, dass sie verschwinden, sobald sie verarbeitet sind.

Genau das passiert mit Gewaltdokumentationen, die von Mit.Täter_innen und Konsument_innen sexualisiert und benutzt werden, nicht. Auch nicht, wenn die Polizei sich das Material angesehen hat und die_n Täter_in.nen gefunden und evtl. (!) verurteilt wurden.
Da stellt sich mir die Frage: Wozu sollte ich das Material, von dem ich weiß, dass es das von mir gibt und kursiert, zur Verfügung stellen, wenn es doch weiterhin existieren muss/soll (und also potenziell immer wieder angesehen werden kann)?

Viele Mit.Täter_innen benutzen solches Material nicht als Ersatz für tatsächliche Handlungen, sondern als Erinnerungsstück oder auch als Trophäe. In Bezug auf Tauschplattformen und Foren auch als Währung, als Statussymbol, als wirtschaftliche Anlage.

Das ist wichtig zu wissen: Es geht nicht um die Personen, die abgebildet sind.
Es geht um Besitz. Um Macht. Um die Mit.Täter_innen und um Verewigung.

In dem SternTV-Beitrag wird vorgeschlagen, computergeneriertes Material zu erstellen, um in geschlossene Foren, in denen Material getauscht wird, einzudringen.
Für mich ist das ehrlich gesagt blanker Zynismus und wieder ein Punkt, auf den ich als Aktivist_in zeige und sage: Auf genau so eine Idee kann nur kommen, wer sich nie mit den Gewaltüberlebenden, Gewalterfahrenen, Gewalthinterbliebenen, Gewaltausübenden und Konsument_innen von Gewaltdokumentation auseinandergesetzt hat.

Denn: den Ersteller_innen, den Täter_innen, den Konsument_innen, den Verbreiter_innen, den Wegbereiter_innen ist es egal, ob da eine Animation abläuft oder ein echter Mensch gequält wird.
Auch digital erstelltes Material, das Gewalt an Menschen darstellt, ist Material, das Gewalt an Menschen darstellt.
Es wird Konsument_innen finden. Einen Fetisch gibts für alles und ja, auch animierter Gewaltsex* gehört dazu.
Es verhindert nichts, nur weil es keine reale Szene zeigt. Die Szene wird durch den Film real und das ist, was zu verhindern ist.

Meiner Ansicht nach, ist es die Aufgabe der Polizei die Produktion und die Umstände, durch die diese möglich wird, sowie die Verbreitung solchen Materials zu verhindern. Für mich auch: egal, ob real oder digital animiert oder in Form von “so tun als ob” (zum Beispiel Material, das zeigt, wie Menschen Puppen, die Kindern nachempfunden sind, “sexualisiert misshandeln”).
Was die Polizei aber tatsächlich tut ist: ermitteln, wenn es bereits passiert ist.

Das ist ein altes Dilemma der Strafverfolgungsbehörden, das weiß ich – es ändert aber nichts daran, dass der Staat Deutschland sich einen, was die Straftatsprävention- und –intervention, die “Sicherheitsherstellung- und aufrechterhaltung” angeht, doch eher dysfunktionalen Apparat hält, um sich nach innen und außen zu sichern und zu schützen.

Hinzu kommt ein Aspekt den Herr Fock im Interview mit dem Infoportal Rituelle Gewalt aufbringt: Irgendwann sieht eine digitale Figur einem real existierendem Menschen sehr ähnlich – und was macht das für ein Fass auf? Und wer kommt für daraus entstehende Schäden und Schwierigkeiten auf?

Fock betont wie Wichtigkeit der Freiwilligkeit, wenn es um die Frage nach der Zurverfügungstellung des Materials von eigenen Gewalterfahrungen geht. Er sagt auch, bei den Ermittlungsbehörden brauche es eine Anlaufstelle für Menschen, die sich das vorstellen können oder darüber nachdenken oder auch: sich fragen, ob es Material von ihnen im Internet gibt.

Die Gedankenkreisel um genau diese Ungewissheit ob oder ob nicht irgendwas im Netz gelandet ist, kenne ich auch.
Heute bin ich jedoch an einem Punkt, an dem mir das die Weiterentwicklung und Aufarbeitung der Gewalterfahrungen nicht mehr erschwert oder verwehrt. Ich gehe pauschal davon aus, dass es Material von meinen Gewalterfahrungen im Internet gibt, einfach, weil es in den Kontexten, in denen definitiv welche produziert wurden, eine logische Verwertungsinstanz darstellt.

So sehr das Außenstehende vielleicht auch erschüttert: Mir hilft es heute zu wissen, dass es bei all dem nie um mich ging, sondern um diese Menschen und ihre Interessen. Es hat meinen Körper getroffen, aber das Ziel war und ist bis heute (mindestens im Welt- und Selbstbild der Mit.Täter_innen) etwas anderes.
Und genau das kann man Mit.Täter_innen und Konsument_innen meiner Ansicht nach nehmen.

Zum Beispiel, indem Material jeder Art gelöscht bzw. unzugänglich bis zur polizeilichen Bearbeitung gemacht wird oder, indem Forenbetreiber_innen zur Zusammenarbeit mit Ermittlungsbehörden gezwungen werden können, sobald diese auch nur den begründeten Verdacht hat, dass es sich um eine Plattform zum Tausch von illegalem Material handelt.

Daneben aber auch, indem man Mit.Täter_innen mit den Überlebenden und Hinterbliebenen ihrer Tat.en konfrontiert.
In Konkreten natürlich nur, wenn diese dem auch zustimmen, im Allgemeinen jedoch mit einer verbesserten Präsenz von Gewalterfahrenen, –überlebenden, – hinterbliebenen in der Öffentlichkeit.

Vielen Menschen ist nicht klar, dass aus vielen Kindern im Wort “Kinderpornografie”, irgendwann Erwachsene werden bzw. geworden sind.
Genauso, wie manche von der Gewalt traumatisierte Menschen, sich immer wieder hilflos, ausgeliefert, misshandelt und gedemütigt wie ein Kind erleben, weil sie mit Flashbacks und anderen Traumafolgen umgehen müssen, so haben die Täter_innen ihre Opfer für immer als Opfer, als kindlichen Körper, als unterlegenes Objekt in Erinnerung, auf Band oder Fotopapier.

Und genauso wie es für Gewalterfahrene wichtig ist, sich als mündiges Subjekt, als selbstbestimmte erwachsene Person zu begreifen und erleben, um zu heilen, Abstand zu gewinnen, zu verarbeiten, halte ich es für wichtig auch Mit.Täter_innen diesem Realitätscheck zu unterziehen und ihr Material als etwas zu enttarnen, dessen Sinn und Zweck ganz allein in ihnen passiert.

Nicht, damit sie begreifen, was sie getan haben, sondern, dass sie es einem Jemand angetan haben. Einem Jemand, das heute erwachsen ist, wie sie es damals waren und heute sind.
Und damit sie begreifen, dass sie sich selbst mit etwas umgeben, dass nur deshalb ewig bleibt – ihnen “nicht genommen werden kann” – weil sie sich selbst nur in dieser Vergangenheitsform erleben können/wollen.
Und nicht, weil das, was sie ihren damaligen Opfern angetan haben, auf ewig so geblieben ist, wie sie es angerichtet haben.

Natürlich ist besonders Letzteres etwas, das wenig mit der Strafverfolgung zu tun hat oder damit, was man machen kann, um Foren und Plattformen aufzulösen. Ich glaube jedoch, dass es wichtig ist, solche Aspekte und Möglichkeiten nicht außer Acht zu lassen, denn sie formen die gesellschaftlichen Kontexte, in denen man über den strafrechtlichen Umgang mit solchen Straftatbeständen nachdenkt.

Einen Schritt in diese Richtung hat Ingo Fock mit seinem Beitrag geleistet.
Gewalterfahrene als Personen zu markieren, die Rechte an den Materialien haben, die sie jedoch selbst nicht einfordern können, ist eine neue Art auf die Problematik der Gewaltdokumentation zu schauen.

Es wird deutlich: für diese Herangehensweise gibt es keine Strukturen. Gäbe es Strukturen, ergäben sich neue Mittel und Wege, wie mit dem Problem, wie mit dem Umstand, dass diese Gewalt passiert, umgegangen werden kann. Es zeigt auf: an erwachsene ehemalige Opfer und ihre Rechtsansprüche über das Unrecht, das ihnen mit der dokumentierten Gewalt geschah, hinaus, hat man bisher noch nicht gedacht.

Wie denn auch, spricht man doch nachwievor überwiegend von Kindern, die zu Opfern werden, statt von Erwachsenen, die Kinder waren, als sie zu Opfern gemacht wurden.

kreiseln

Gestern Abend bekamen wir eine Email zur Scholarship-Aktion von Ironhack und Kleiderkreisel.
Gute Nachrichten. Irgendwie.
Wir haben 2000€ zugesprochen bekommen – für ein Bootcamp, das 6500€ kostet.

Klassischer LOL-Shit, also.
Irgendwie ist es super – doch ganz praktisch kein echter Gewinn.
Außer für die Firma – bei der dürften nun einige Absagen eintrudeln und am Ende dafür sorgen, dass von den ursprünglich geplanten 100.000€ gar nicht mehr so viel ausgegeben werden muss. Kann.

Mich nervt das.
Ich bin seit Wochen genervt von genau den Gedankenkreiseln, mit denen ich mich beschäftige. Nichts ist eindeutig. Nichts ist fest. Nichts ist klar. Alles besteht nur aus Chancen auf Chancen und eventuell ja vielleicht mal sehen, kommt Zeit kommt Rat, alles bisschen Ja bisschen Nein.
Nach unserem Abschneiden für die Aktion war ja schon klar, dass wir keine Kandidatin für das Vollstipendium sind – umso schlimmer trifft es dann irgendwie keine richtige Absage zu bekommen, sondern eine, die keine ist, aber doch wie eine funktioniert, weil unsere Lebensumstände nicht passig sind.

Ich mach mir Sorgen über das nächste Jahr und das, was danach kommt. Abschluss, Studium – oder doch noch eine Ausbildung? Kriegen wir dann noch Bafög? Was wenn nicht? War dann alles umsonst? Einfach bewerben und gucken? Was kommt da auf uns zu? Hach wär schon geil so ein duales Studium – aber was wenn wir wieder mehr Inklusionsversuchskaninchen als üblich Lernende_r sind? Geht sowas überhaupt in Teilzeit? Und wenn wir doch erstmal aussetzen und wie geplanwünscht den AT wandern? Aber das ist doch Wasser auf die Ablehnungsmühlen vom Bafög-Amt. Nein, diesmal geben wir der Müdigkeit nicht nach – diesmal machen wir weiter. Diesmal machen wirs fertig. Fertiger Beruf. Am Besten einer, der Geld einbringt und nicht für eine Fingerübung eines web/pc-affinen Millenials gehalten wird. Irgendwas Geiles. IT, Elektrotechnik, Medieninformatik, Maschinenbau… Aber was wenn … Aber man könnte ja … Und wenn..?

Das kann ich gerade nicht abschalten, kann es seit Monaten nicht abschalten.
Einerseits – Andererseits – Hoffnung – Realität – Erfahrung – mutiges Vorwärtsspinnen – Enttäuschung – Aufklärung – Einerseits – Andererseits
So geht mir das den ganzen Tag. Und manchmal, wenn ich müde davon bin und mich ohnmächtig, scheiße, unwürdig und weltballastofflich fühle, dann kommt der Traumaschleim hoch.

Ich würde gerne etwas entscheiden, damit wir etwas verfolgen können, statt uns wieder einmal so aufzufasern wie immer, wenn es nicht genug Halt, nicht genug Richtung und Klarheit gibt.
Die Einen machen Bücher, die Anderen lernen Dinge wie Programmieren und Roboterbau, die nächsten recherchieren duale Studiengänge – ich mach mir Sorgen, überesse mich an 7 von 7 Tagen, finde mich in diesem Körper inzwischen so abstoßend, wie meine Gefühle von Überforderung an all dem gutbeschissenem, das uns passiert, wir erleben und haben und und und

Vielleicht brauche ich nur längere Pausen.

Mehr Nichtsmüssen, mehr Zeit die Zeit zu fühlen und mich wieder mit ihr zu verbinden.
Vielleicht muss ich auch einfach nur wieder jeden Tag 20-30km Fahrrad fahren.

Manchmal hilft es ja, wenn man sich kleine neue Routinen in den Alltag einbaut.

Schritte

Wieder ist es ein Jahr länger her und wieder ist eine neue Schicht der Wahrnehmung entstanden.
Vielleicht auch Selbst_Bewusstsein.

Diesmal hat es sich nicht nach feiern wollen angefühlt. Oder danach, sich durch andere Menschen darin zu vergewissern, dass es eine gute Entscheidung war.
Diesmal ging es darum uns zu spüren. Heuteuns zu spüren und dabei so weit, so frei, so sicher und losgelöst von dem zu sein, was unser Heutehierundjetztalltag ist.

Nachwievor sind da 12, 13, 14 … 3, 4, 5 jährige Innens, die wirklich glauben, wir hätten es noch länger „probieren“ sollen. MÜSSEN. Können. Junge Erwachsene, die auf die Löcher, die wir mit unseren Unterstützer_innen zu umflicken versuchen, deuten und sagen: Guck dir das an – hierfür sind Eltern gut. Hierfür braucht man eine Familie. Siehste und auch das hier gibt es nicht für Leute, die keine Familie mehr haben.

Sie sind nicht orientiert, ihr Heutebegriff ist Früher.
Und in unserer Differenz ist Jetzt.
Wo sie sind und wir leben und wachsen und werden. Immer weiter.

In diesem Jahr dachte ich zum ersten Mal, dass es vielleicht auch wichtig ist, dem Gefühl, dass es okay ist, wie es jetzt ist, Raum zu lassen. Dass nach dem Weggehen noch ganz viele Dinge passiert sind. Dass die Zeit damals wie heute ganz von allein vergeht und das an sich nichts weiter bedeutet, als dass alles und alles immer in Bewegung ist, Entwicklung macht, Dynamiken entstehen, Prozess passiert.

Unser Weggehen damals war nur ein ganz kleiner Schritt.
Und der war nicht einmal relevant. Relevant war die Richtung.

Das war, was wir heute und in den letzten Tagen während unseres Besuchs bei J. bis heute wahr.ge.nommen haben. Dass wir uns für Richtungen entscheiden können und dann nichts weiter machen müssen, als einen Schritt nach dem anderen.

Die Zweifel sind im Lauf des Tages leiser geworden. Die Trauer um ein verlorenes, unwiederbringliches Familienleben, das es so oder so nie gegeben hat oder hätte geben können, ist wieder das feine weiße Rauschen, in dem wir uns verlieren wie wieder.finden können.

Wir sind erwachsen und tun Dinge.
Dinge wie Autofahren auf einem Verkehrsübungsplatz, Frühstücken mit Aufstrichverkostung, große schwarze Hunde streicheln und Gespräche führen, an denen man wächst und neue Stücke der Welt versteht.

Leben ist so viele Schritte.
Sie mit den richtigen Menschen machen zu können, das größte Glück.

Flügel spüren

Am Abend liege ich im Bett und denke, dass es sich nach Flügelspitzen anfühlt.

Vielleicht geht genau so „frei sein“, „eigene Entscheidungen treffen“, „eigene Ziele verfolgen“, „eigene Zukunftsideen wollen, wünschen, vertreten“, denke ich und finde, dass das schon ziemlich geil ist. Wir verbrachten den Tag im Zug nach und von Berlin und in Berlin selbst, denn Ironhack und Kleiderkreisel haben eine Scholarship-Aktion gestartet um mehr Frauen* in die Tech-Branche zu bringen.

Wir haben einen Schnellkurs in Javascript gestellt bekommen, um uns auf ein technisches Interview vorzubereiten, bei dem es auch ein 5 minütiges persönliches Interview gibt. Und dann wurden wir mit +150 anderen Bewerberinnen* zusammen eingeladen.

Wir konnten viele Aufgaben nicht lösen, aber das ist uns inzwischen fast egal – man braucht einfach mehr und vielleicht auch andere Hintergrundbildung und Lernmethoden als wir, um sich in 14 Tagen auf rein schriftlicher Basis (bzw in unserem Fall: einen Sololearnkurs, den man in der Straßenbahn auf dem Schulweg absolviert hat) sowas beizubringen. Hatte ich mir vorher schon gedacht und bin jetzt darin bestätigt.

Im persönlichen Interview kam dann die Angstfrage schlechthin: „Wo siehst du dich in der Zukunft?“

Es ist keine Angstfrage, weil wir Angst vor der Zukunft haben. Es ist eine, weil unsere Gegenwart so verwurschtelt und dezentral ist, dass die Antwort, die wir daraus ableiten eine ist, die von anderen Menschen oft als unrealistisch oder gesponnen eingeordnet wird.

Ich kann uns sehen, wie wir eine Arbeit in der IT~~irgendwas mit Medien~~technik-Branche haben, wie wir das Nachwachshaus umgesetzt haben und erhalten. Ich kann sehen, wie wir die Fotos machen, die wir machen wollen und die Dinge aufschreiben, die wir aufschreiben wollen. Alles in einem Leben, das näher an dem Heutejetzt ist, als das Früherdamals.

Wir werden es nie schaffen uns nach Außen zu verengen. Dafür sind wir einfach zu viele und unsere innere Bauweise so tiefgreifend darauf aufgebaut, dass wir uns von Kontext zu Kontext einengen, um durchzukommen.

Vielleicht ist das aber entgegen der Ratschläge, die wir so bekommen, wenn es um unsere nächsten Jahre geht, auch gar nicht schlimm. Vielleicht sind wir einfach eine „multipotentialite person„, die von allem ein bisschen und nichts ganz und gar macht. Das ist nicht Schlechtes – es ist nur nicht das, was verlangt wird.

Als der technische Teil des Termins vorbei ist, fragen wir andere Personen, wie es bei ihnen gelaufen ist. Bei manchen lief es wie bei uns, bei manchen sehr viel besser.
Was das für die Vergabe der Gelder bedeutet, weiß niemand von uns. Bei über 400 Bewerberinnen* kann es am Ende vielleicht nur darum gehen, wer am schnellsten genau so lernt, wie vorgegeben, um später auch von dem Bootcamp zu profitieren.

Es ist der Charakter des Zusätzlichen an der ganzen Sache, der mich entspannt und glücklich macht, obwohl es nicht so fehlerlos gelaufen ist, wie ich gehofft hatte.
Wir mussten nicht die Beste sein, nichts außer eine Chance auf eine Chance stand auf dem Spiel und am Ende haben wir so oder so gewonnen. Mit zwei Frauen* wollen wir in Kontakt bleiben – was ein Grad an Socialising ist, den wir bisher nur auf Tagungen zu Gewalt und Trauma erreicht haben.

Wir haben dank NachwachshausAG-Mitpersonenbegleitung einen Nachmittag in Berlins S- und U-Bahnen überstanden und als wir zu Hause ankamen, haben wir noch das Konzept für ein Redesign geschrieben, das heute eine Deadline hat.
Mit Schulschluss heute, werden wir zerschossen und k.o. sein, aber wir haben gemacht, was wir wirklich und genau so wollten, einfach, weil wir das für uns allein wollten und konnten. Weil wir so frei und gleichzeitig auch so unterstützt sind, dass das geht.

Dieses Gefühl habe ich so noch bewusst nicht gelebt und das ist be.merk_würdig.
Ich denke mir zwei kleine Federn, die mir aus der Haut gewachsen sind und vielleicht für länger bleiben.