Akut oder nicht? oder: Hilfe schmerzt

Wir stehen vor der Frage ob wir einen Mediziner aufsuchen oder nicht. Und wenn ja- wie wir die Frage beantworten, ob es akut ist oder nicht. Ob (schnelle) Behandlung nötig ist oder nicht.

Und stehen damit sofort schon wieder vor dem Problem, die Themenfelder darum herum nicht sortiert zu bekommen, um die Frage richtig zu beantworten. Wieder klaffen innen und außen komplett auseinander und erscheinen kaum vereinbar.

Das Schmerzempfinden ist die meiste Zeit des Tages “abgeschaltet”. Die Alltagsinnens empfinden entweder schlicht keinen, schweben die meist Zeit eher neben dem Körper oder sind einfach nur Kopf/ Muskel/ Bewegung/ Reizempfänger- nicht der Rest des Körpers bzw. mit ihm verbunden.

Das war früher sinnig und in Anbetracht der Selbstverletzung bis jetzt, ist es das auch noch heute.

Das Problem ist, dass man so auch schnell blind für ein Leiden wird. Nicht weil man unaufmerksam ist oder weil man keine Heilung will- sondern weil ein grundlegendes Definitionsmerkmal fehlt: eine Belastung oder Einschränkung (durch Schmerzen in diesem Fall) derer man sich bewusst ist.

Wir haben es bis heute nicht geschafft, auch nur eine Erkrankung dann wahrzunehmen, wenn sie nicht schon dramatisch ist. Von der Blasenentzündung bis zum Ohrinfekt, Zahnprobleme die “plötzlich” zu Kieferproblemen wurden und “so komisch abstehende Zehen”, die sich als gebrochen herausstellten. Alles schon gehabt. Nie provoziert oder selbst zugefügt. Einfach nur mitgenommen, so wie jeder Mensch mal einen Infekt oder eine Verletzung mitnimmt und dann, einfach nicht bemerkt. Und erst dann eine Belastung erfahren, als es bedrohlich wurde.

Ja, man wundert sich zwischendurch mal, warum das Innen instabil ist. Natürlich fragt man sich, wieso dieses oder jenes Innen plötzlich öfter im Alltag auftaucht oder einfach näher unter der Oberfläche fliegt. Und ja, kurz denkt man auch darüber nach, dass eine körperliche Erkrankung der Grund sein könnte. Doch der automatische Selbstcheck sagt ja “Nö- hier ist alles tutti”, also schreitet man auch nicht zur Überprüfung- zumal selbige auch schon wieder nur dann funktioniert, wenn es einen Wechsel gibt zu denen, die das überhaupt so aushalten mit dem Körper konfrontiert zu sein. Und das schaffen wir nicht ohne Bedrohung.  (Sidestep: Sinn der DIS- Wechsel aufgrund von Notwendigkeit- nicht von Bequemlichkeit oder aus Gründen der Praktikabilität)

Für uns ist es also schon ein Akt bis es ein breites Bewusstsein um Erkrankungen oder Verletzungen gibt. Das gilt auch für die Folgen von Selbstverletzungen, bei denen inzwischen noch andere Dinge mit hineinspielen.

Viele Aspekte des selbstverletzenden Verhaltens hier, sind längst nicht mehr wie früher dem Unterbrechen von Depersonalisation oder dem Zeigen von Verletzlichkeit und dem “Verletzt worden sein” dienlich. Diese Funktion erfüllen nun Sprache und Skills, die wir so gut es geht einsetzen und nutzen. 63965_web_R_by_stefane_pixelio.de

Inzwischen geht es ausschließlich um Wiederholungen und das als zwingend wahrgenommene Weiterführen von Handlungen, um Verhaltensmuster und/ oder Funktionen innerhalb früherer Sozialbezüge zu sichern und aufrecht zu erhalten. Und sei es als Absicherungs/Stabilisierungselement für Innens [BÄÄÄMs] die sich abhängig davon sehen.
Diese Verletzungen dürfen- gemäß der Werte jener Sozialbezüge oder auch im Rahmen des Zwangs- gar nicht als belastend empfunden werden, sondern als Warnung, als Auszeichnung, als Bestätigung einer Demütigung oder als Zeichen der Macht welche den (inneren) Tätern nachwievor obliegt.

Wenn man zum Arzt geht hingegen, dann tut man das nicht, weil man unter einer Auszeichnung  oder einer “zu Recht” empfangenen Strafe leidet, sondern, weil man unter einer Belastung/ Einschränkung leidet.
Das heißt, man muss seine Versehrung umdeuten.
Man muss verleugnen, was war und sagen, dass man eine Belastung erfährt- obwohl  man es vielleicht gar nicht tut. Oder unter der Konfrontation mit der Leidensdefinition des Arztes zu zerfallen befürchtet.

Für uns heißt das gleich wieder mehrere Punkte
– Lügnerin (eigentlich schon wieder Rechtfertigung für alles)
– Abtrünnige (ja- stimmt- was soll man dem entgegensetzen?!)
– Weichpitti (schon klar- nur die harten , die sich nicht anstellen…jattata jattata…)
– Diebin (nimmst Hilfe, die du nicht haben darfst)

Großartig.
Und wieso sehen wir uns gezwungen überhaupt zum Arzt zu gehen?

Da ist zum einen die Ärztin in der Ambulanz, die auf mich eingeredet hat, als könnte ich meine Organe eigentlich schon jetzt zur pathologischen Begutachtung da lassen und zum Anderen die Vereinbarung mit der Therapeutin, ärztliche Hilfen in Anspruch zu nehmen, sobald diese nötig erscheinen.

Über das Stadium in dem wir uns aus solchen Absprachen herausschlängeln, in dem wir die Frage aufwerfen: “Sobald diese nach wessen Definition notwendig erscheinen?”, sind wir eigentlich schon mal hinweggewesen.

Aber jetzt ist es wieder da.
Vielleicht nicht mal nur so als Vermeidungstanzelement, weil wir Angst vor der Bewertung der Ärztin haben und dem Moment der Scham entgehen wollen, sondern tatsächlich als tiefe Frage.

Die aktuelle Selbstverletzung zentriert sich auf einen Punkt, an dem Vergangenheit und Zukunft Hand in Hand gehen. Da geht es um unglaublich viel Macht und viel Druck diese zu behalten und zu nutzen.
Genauso aber, wie es auch noch immer ein bisschen in der Therapie darum geht.

Es ist eine Synchronizität, die so nicht gezielt passiert ist, sondern sich jetzt eben so darstellt und es ist die gleiche wundergut-fantastischlimme Grätsche der Hilfen.
Es ist gut, dass wir sie annehmen könnten. Dass, das in “der Welt der Anderen” einfach annehmbar wäre und auch die Schamgefühle und so weiter erlaubt und akzeptiert wären bzw. man eine Erlaubnis und eine Akzeptanz selbiger einfordern dürfte. Ja, das ist toll.

Doch wo sind wir?
Unsere Welt von früher- die in uns nachwievor weiterlebt und genauso grausam, wie doch aber logisch nachvollziehbar ist, passt so überhaupt nicht dazu.
Und wo- außer in mir selbst- werde ich jemanden finden, der mich davor bewahrt an meiner Versehrung zu sterben, ohne einen Frevel zu begehen?

Das ist als würde ich einen Arzt suchen, der meinen Körper behandelt und mir anschließend ein Bein absägt.

Oder eben eine Therapeutin, die hinnimmt, dass ich an einer Sepsis sterbe, noch während sie mir hilft, die ursächlichen Verletzungen zu verhindern.

Es ist ein Patt.
Und eigentlich gibt es wieder keine Gewinner.

Es ist klar, dass der Arztbesuch in jedem Fall furchtbar für uns wird. Egal, wie gut wir uns vorbereiten oder lieb begleitet werden und auch egal, welche Diagnose oder Behandlung am Ende vor uns steht.

Und es ist klar, dass allein der Umstand diese Hilfe an Anspruch genommen zu haben- obwohl es noch nicht einmal von uns aus und wirklich freiwillig passierte, erneut eine Selbstverletzung zur Folge haben wird.

Genau wie in Bezug zur Psychotherapie.

Manchmal denke ich, wir laufen durch ein Spiegelkabinett. Es sind immer die gleichen Dinge. Immer ist eigentlich schon alles glas-klar. Doch dann schaut man genauer hin, nimmt die Unterschiede wahr und jedes Wissen wird abhängig von einer Übereinstimmung der Definitionen.

Oder Chance eines Konsens der so utopisch erscheint, dass er zum heiligen Gral wird.
Zum Therapieziel.

Vielleicht
zum einzigen Grund des Überlebens derzeit.

von dem Wunsch ein Chamäleon zu sein

“Ich mag so gern ein Chamäleon sein. Dann säh ich immer gleich unter Gleichen aus und 133375_web_R_by_Elsa_pixelio.denichts an mir ist falsch, ungenügend, zu viel…”
– ”Aber…”, ich beuge mich herab, lasse sie mich spüren, “mein Herz, du wärst trotzdem noch immer ein Chamäleon.”

Sie tritt einen Schritt von der inneren Klippe zurück, lehnt sich enger an meinen Flügel.
”Aber ich könnte ein bisschen mehr so sein, wie sie mich wollen.”
– “Vielleicht, ja. Und dann wollen sie dich. Weil du dann aussiehst, wie das was sie sich vielleicht wünschen. Aber schau, du und wir alle tun schon fast immer, was sich die Menschen wünschen, weißt du?”

Sie schaut mich an, fährt mit den Fingern über die Linien meines Federkleides.
“Hm.. ein bisschen denke ich das manchmal, ja.”
– “Wir sind gut darin herauszufinden, was andere Menschen wollen und wenn wir das wissen, dann ist immer da, wer es am Besten geben kann. Nicht wahr?”

Ich fühle wie sie sich an meine Seite hockt, den Kopf auf den Knien, den Rücken an mich gedrückt.

“Ja, eigentlich sind wir schon immer wie ein Chamäleon, richtig?”
– “Ja. Ich finde schon.”

Da kommt er vorbei. Seine wilden Locken in alle Richtungen stehend, der Trotz trieft aus allen seinen Poren. “Er ist ziemlich breitschultrig”, denke ich schon wieder, als ich sehe, wieviele kleine Herzen er auf ihnen trägt.
”Ich find- N. hat Recht. Ist voll krass, wie wir uns immer voll alles rausreißen, damit uns welche draussen was so wie ne Audienz erlauben oder so halt- dass die uns helfen oder einfach nur nett zu uns sind und uns keine reinhaun. Das is so als wärs voll unsere Schuld alles. Dabei könn wir ja jawohl nich immer für alles Schuld sein, ne?”.

Er schaut mich an, wartet auf mein bestätigendes Nicken. Als ich es tue, nickt er bekräftigend und fährt fort: “Eigentlich, ne- die ganze Zeit haben wir uns so als ganze Eine… halt so als Einsmensch, immer voll verstückelt und warn voll nie ganz so wie man halt so ist. So ne- guck ma H. zum Beispiel- die is nich immer nur voll krass so mutig oder so. Die heult auch ma und so. Und wir? Voll krass ey- du kannst nich mal heuln, weil dus halt gar nich kannst. Das wurd irgendwann ma abgeschafft, weil das aussen einer nich wollte. HALLO?! Wie abartig is das bitte?! Das is doch irgendwie so krank wie Chihuahuahs zu züchten die in ne Teetasse passen, weils noch süßer is für so Tussis, die sich nich ma Mühe machen zu denken, wies dem Vieh dann geht, wenns so mini is!”

Er spuckt den Abgrund runter und schaut uns an.
”Ihr habt gesagt, dass die Seelenfrau weiß wie das is mit Viele-Leuten.”
Wir nicken stumm.
”Na also- vielleicht sagt sie ja auch einfach nich was sie von uns will, weil sie welche alle von uns ma wissen will? Vielleicht is sie ja sowas wie so ne komische Einfach- mal- drauf- zu- Seele oder so. Wenn sie gecheckt hat was Viele- Sein is, dann weiß die doch ehwieso, dass welche immer so machen was sie will. Aber wir gehn doch dahin damit wir machen was wir alle so wollen. Also naja- so mit erstmal merken was wir eigentlich wollen und so und dann bereden und dann eben auch machen. Wär doch voll Affenscheiß wenn wir dann immer nur machen was sie will.”

“Ja vielleicht! Du sagst vielleicht! Und aber was ist, wenn es nicht so ist?”

Über uns knallen die Ahnungsdonner und unter uns zittert der Boden. Wir verstummen.
Unter diesen Schreien, die aus den kleinen Herzen auf meinem Rücken kommen, kann man, selbst wenn man selbst zum Schrei würde, einander nicht mehr hören.

Die beiden krabbeln unter meine Flügel, während ich versuche eine schlimme Gegenwart, als sichere Gegenwart darzustellen und zwischen meine Federn zu bringen.

Vor den Horden die das Vielleicht noch ausschmücken und uns Beweise für ihr Wissen vorhalten wollen, gibt es leider keinen Schutz.
Noch nicht.

Die Erde über die sie stampfen ist bereits ausgedörrt und rissig.
Es ist lediglich eine Frage der Zeit, wann es zu Spalten kommt.

Das ist Gefangenschaft in Freiheit

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Heute war der 100ste Tag, nach Befreiung von täterunterstützender Kontrolle.

Wir sind enttäuscht, dass sich dieser Teil Freiheit nicht besonderer anfühlt.
Dass wir dennoch gefangen sind.

Man sieht- es ist kein gebackener Kuchen. “Anxiety” und die BÄÄÄMs haben es geschafft, dass wir uns keinen richtig echten Kuchen zugestehen konnten.
Hart erkämpft und schmerzhaft teuer bezahlt haben wir diesen Keks, die kleine Kerze und die Zuckerschrift.

Wir sind frei und doch haben uns unsere Geschichte und alle Folgen von ihr noch immer in ihrem Käfig.

Das ist keine Freiheit.
Das ist
Gefangenschaft in Freiheit.

Und doch hören wir nicht auf an den Käfiggittern zu rütteln und zu kämpfen.
Das hier ist noch lange nicht das Ende.
Wir sind erschöpft, fühlen uns schwach und klein.
Aber wir wissen, dass dies bald auch wieder zu Ende geht. Dass dies eine dieser schmerzhaften Phasen ist, durch die man manchmal gehen muss. Und, dass wir bis jetzt immer an irgendeiner Stelle gestärkt wieder aus solchen Phasen heraus gekommen sind.

Es fühlt sich nicht so an. Nein es fühlt sich überhaupt gar nicht so an.
Jetzt sind wir im Tal der Tränen. Betteln die Gefängniswärter an, uns freizugeben.

Aber bald können die Tränen wieder trocknen.
Und dann werden wir Stein für Stein weiter diese Gefängnismauern abtragen.
Wir wissen, dass wir das können. Wir wissen, dass wir dabei Hilfe bekommen werden.

Bald.

[P.S. Ja- wir sind echt so spießig und häkeln uns Tischdeckchen haha]

hilflose Helfer

Es gibt Tage, da kann man nicht gewinnen. Ist aber gezwungen weiterzuspielen.

So ist das Leben- es geht immer weiter und es geht um des Lebens selbst Willen.
An sich bin ich sehr dankbar für diese Einstellung des Lebens zu sich. Es ist wertbefreit und geht einfach nur darum prinzipiell existent zu sein. Ausgestaltung und Befindlichkeit ist sekundär.

Wenn es sich doch bitte nicht gleich immer so ganz fürchterlich anfühlen würde, wenn es mal “untoll” ist! Und wenn doch bitte auch nicht immer gleich meine ganze Welt wackeln würde.
Himmel noch eins!

Es geht uns nicht gut. Es geht uns überhaupt nicht gut, schon seit wir “den letzten Tanz “ getanzt hatten nicht. Diese riesengroßen Warum?´s haben nachwievor keine neue Bleibe. Sie wachsen und wachsen nachwievor und es gibt immernoch keine Antwort. Keine Sprache und keine Worte um zu erklären oder in Kommunikation zu kommen. Der schriftliche Ausdruck ist das einzige Ventil und dieses ist noch nicht einmal so entlastend wie sonst. Fast eher das Gegenteil.
Wir fühlen uns von dieser sonst so zuverlässigen Ressource verlassen. Und dieses Verlassenheitsgefühl ist noch wieder Nahrungsgrundlage für diese Warum?´s.

Aber wir sind ja nicht mehr klein und darauf angewiesen, dass andere uns sagen, dass wir uns Hilfe holen können und dürfen.
Wir haben versucht es in der Therapie zu besprechen und sind in eine Kette gerutscht. Total ärgerlich! Klar- sowas kann passieren und gerade wenn man neu anfängt mit jemandem und allgemein eher krisig ist- aber bei diesem Thema war es super mega scheiße, dass es passiert ist. Diese Stunde vor dem Urlaub im größten Teil mit Reorientierung zu vergeuden, war einfach nicht gut.
Und selbst an dem Punkt hielten wir uns vor: “Okay wir sind groß, wir haben viel gelernt- ja wir machen dies und das und dann das und das und dann nutzen wir dies und jenes…” Ja- eine Woche Therapeutenurlaub, bekommt man so auch noch hin. Davon geht die Welt nicht unter. Das Leben geht ja weiter- egal, ob man gewinnt oder nicht. Ob beschissene Feiertage, die noch wieder ganz andere Sachen in Wallung bringen, dazwischen liegen und man gleich mal noch DIE Sinnkrise ever dazwischen schiebt, oder nicht. Es lebt und lebt und lebt.
Wie dieses bekloppte Energizerhäschen (ehrlich- derjenige der sich diese Werbung ausgedacht hat, muss doch inzwischen reich sein, oder? Wann gabs die im Fernsehen? Und immernoch wirds als DER Vegleich für Langlebigkeit herangezogen.. Bombe!) gehts immer weiter- vielleicht auch in pink und plüschig mit irrem Grinsen?

Doch das Leben ist ja auch Entwicklung und Mutation. In unserem Fall haben sich mal eben die Warum?´s mit einem weiteren Aspekt, der gerne mal in Bezug auf überlebte Gewalt auftaucht, gepaart. Herausgekommen ist ein ekelhaft ohnmächtig machendes: “Ist das wirklich passiert?! WARUM hab ich dann kein Wort dafür?! Ich hab doch sonst immer Worte! Weil ich jetzt keins hab, kanns ja auch gar nicht passiert sein.”
Dieses fliederfarbene kratzig inkonsitente Ding legt alles lahm.

Und das ganz offensichtlich auch bei Helfern und Gemögten.
Es tauchte auf, nahm uns in Besitz und wir sind trotzdem immernoch groß und sorgen gut für uns- obwohl es sich inzwischen so anfühlt, als wäre es sowas von falsch und verboten (Weil: “Es ist ja nichts passiert- man kann es ja nicht benennen- also darf man auch keine Hilfsressourcen fressen”) und dann: Versagt das Hilfsnetzwerk.

Großartig.
Ja. Menschen dürfen krank sein. Ja. Menschen dürfen arbeiten. Ja. Menschen dürfen mich nicht verstehen. Ja. Niemand ist verpflichtet mir zu schreiben, mich anzurufen oder überhaupt Kontakt mit mir zu machen. Ja. Alles richtig und okay.
Aber ich brauche doch Hilfe!
Und jeder sagt mir doch, dass ich sie haben darf.
Und sogar wo ich sie bekommen kann.

Also riefen wir bei der Telefonseelsorge an. Und hatten eine Frau am Telefon die einerseits Verständis hatte und bemüht war zu helfen (“Wenn sie es nicht so sagen können, schreiben sie es doch auf und rufen mich nochmal an. So in einer Stunde. Vielleicht geht es dann”) aber andererseits absolut nicht in der Lage mehr zu tun, als uns zu sagen “Sie brauchen professionelle Hilfe”. Ja Sorry- aber auf diese Glanzidee waren wir auch schon gekommen?!
Also zweite Email an die Frauenberatungsstelle. Keine Antwort. “ Findet sie uns doch scheiße? Hat sie jetzt doch für sich erkannt, wie schlecht wir sind und sie will sich schützen?! Krankheit? Tod?! PC kaputt? Darf man nicht so fragen? Was hab ich falsch gemacht? G’tt- hat sie Ärger gekriegt?!” rasen die Ideen und Gedanken wie ein D-Zug durch Kopf und Seelen- obwohl man eigentlich weiß, dass das Meiste dieser Gedanken Quark ist.
Also bestimmt der 20ste Anruf an eine der Stellen an der wir unsere Gemögten vermuten. Handys angeklingelt. Keine Antwort.
Wie ein Krake die Arme ausgefahren.
Letzte Station: sozialpsychiatrischer Krisendienst. “Wo wohnen sie- ich denke es ist besser wenn sie jetzt nicht allein sind. Wir können uns über eine Krisenintervention in unserem Hause unterhalten” Prima!!! Jetzt gleich noch ein paar Klapsenerinnerungsflashs und ich denke:
“Maaaan- ich will eure Hilflosigkeit nicht sehen! Ich will jetzt einen der mir einfach nur ein Wort gibt! Ich will das jetzt hier einfach nur mit einem Stempel versehen können und nichts weiter als es so verpackt auf meine Müllkippe schmeißen! Jetzt zeigt mir doch nicht, dass ihr diesem schlimmen Ding auch so hilflos ausgeliefert seid wie ich! Ihr seid doch die Anderen! Ihr seid doch die, an die ich mich wenden soll, wenn ich Hilfe brauche! Ihr seid doch die, die Macht haben das alles ein bisschen von mir zu nehmen!”

Nein, das sind sie alles nicht. Keiner ist das. Mal wieder wackelt unser (total junges und mühsam ins Innen gebrachte!) Bild davon, dass man Hilfe bekommt, wenn man sie braucht. Mal wieder sind wir in einer Position, in der wir Innenkinder die ihre Gefühle von abgrundtiefer Einsamkeit, Verzweiflung, Ohnmacht, Hilflosigkeit und einem gewissen Ausgeliefert sein in sich tragen, nicht so einfach “ruhig” bekommen. Wo wir nichts aber auch gar nichts einbringen können um Entlastung, Linderung oder schlicht “Ja… ich bin da” erschaffen zu können.

Dann klingelte das Telefon und eine Gemögte war dran. Sie kennt uns. Sie weiß um unser sein. Und schafft es doch auch nur wieder noch weitere Risse reinzubringen.
So schaltet es um auf diesen “Ja ich nehme an was da ist und lasse sie nicht spüren, wie es in mir schreiht”- Modus.
Der beste Aspekt an dem Anruf ist noch, dass wir wissen, dass sie überhaupt noch lebt. Dass sie da ist- immerhin diese Angst kann man in dem Moment schon mal abhaken.

Und der Rest?
Es liegen jetzt etwa 165 einhalb Stunden vor uns, die wir irgendwie leben müssen.
Klein und schwach und verletzt- fühlend, obwohl wir doch groß sind. Und obwohl wir doch wissen, dass wir eigentlich Hilfe bekommen könnten. Und doch ist es einfach schlicht die falsche Hilfe.

Warum gibt es keine Telefonseelsorge für traumatisierte Menschen?
Warum werden die Menschen bei der Telefonseelsorge so schlecht auf solche Themen vorbereitet?
Warum sind sie Funktionen der öffentlichen und kostenlosen Beratungsmöglichkeiten so exakt auf: “Entweder sie kommen klar oder sie müssen in die Psychiatrie” ausgerichtet?

Warum sind denn alle so hilflos und gaukeln mir aber vor, sie wären es nicht?

Warum sitze ich hier jetzt allein in meiner Wohnung, hab Angst, fühl mich schlecht und keiner ist bei mir, wenn ich doch so groß bin und eigentlich alle Hilfe ranholen kann, die ich brauche? Ich muss doch nicht mehr allein sein. Ich kann doch jetzt für mich eintreten. Ich bin doch jetzt auch groß und mächtig!

Warum soll dann die einzige Hilfe ausgerechnet die sein, die mich klein und schwach macht?
Fühlen sich dann alle Helfer weniger hilflos?
Warum soll ich mich denn dafür opfern?

Ich hab euch doch nichts getan!

Schmerz

“Wenn man ein eigenes Blog oder eine eigene Website hat, ist der Wunsch nach Anerkennung des Geschaffenen permanent vorhanden; zumindest latent”, ereichte mich heute ein Kommentar.

Oh man- will ich Anerkennung? Gesetzt den Fall, es gäbe welche- wäre sie erlaubt? Nein- natürlich nicht! Aber ich brauche es ja auch nicht zu befürchten. Kommt ja keine.
Und wenn doch, dann wird sie mir gleich wieder weggenohmmen von den “BÄÄÄM”s (oder von der allgemeinen Dissoziation- eigentlich braucht man diese Anerkennung ja nur einem Innen zu sagen, zu dem ich (noch) keinen Kontakt habe. So oder so bin ich also (vorerst) sicher davor, Anerkennung oder Lob aushalten zu müssen.
Phu! Na, dem Himmel sei Dank!

Trotzdem schleicht sich nach dem Kommentar die Frage ein, was ich hier (im Leben, in dieser Welt) eigentlich treibe. Gut- das frage ich mich jeden Tag und selten bekomme ich wirklich eine Antwort darauf. Meistens habe ich sowieso nicht genug Kapazität dann darüber ins Grübeln oder vielleicht ins Bedauern zu kommen, dass ich keine Ahnung habe.
Heute aber ist ein Feiertag, es regnet, ist grau und trüb, ich habe Schmerzen und fühle mich ganz grundsätzlich schlecht. Perfekte Bedingungen also mal so richtig nachzudenken.

Ergebnis bis jetzt: Ich lebe einen Alptraum und will das perfekte Leben.

Liebe Nichtbetroffenen: So stelle ich mir eure Welt vor:

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Die Gefahr im Rücken- aber wenn man nicht hinguckt, dann ist alles gut (und hey seien wir mal ehrlich- soooo groß und schlimm ist die Gefahr wohl auch nicht, oder?). Niemand ist allein. Die Sonne scheint, Blumen blühen und in der Nähe ist das sichere Zuhause.

So sieht meine Welt aus:

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Es gibt kein Entkommen. Kein Schutz. Nichts und niemanden ausser sich selbst und das große gefährliche böse Ding, das jeden Moment über einen herfällt.
Meine Tage vergehen damit vorsichtig- unmerklich- langsam- klammheimlich zu versuchen an diesem riesengroßen Ding vorbei zu kommen. Ich habe ja schliesslich ein Ziel! Ich will auch so leben wie ihr. So schön eben wie ich mir das ausmale.

Aber dieses Ding ist das, was sich Leben schreiht. Mein (Er-)Leben.
Realität nach einer Kindheit wie man sie, würde man sie verfilmen, nicht mal im Splattergenre verkauft bekommt (oder gerade da- was weiß ich).

Wie anmaßend ist es eigentlich von mir zu denken, mein Schreiben könnte auch nur im Entferntesten dazu in der Lage sein diese Kluft zu überbrücken? Eine Schnur für ein Büchsentelefon zu spannen, den Morsecode zu übermitteln… hach es gibt so viele Metaphern.

Was denke ich mir eigentlich? Was zum Geier treibe ich hier?
Komm wir nehmen einfach wieder die alte Schleife: ”Dich hört eh keiner, dir hilft eh keiner, dir steht eh keiner bei- is nicht schlimm- guck mal tut ja gar nicht weh. Du bist ja eh… [BÄÄÄM]”, möchte mir an dieser Stelle mein Innenleben helfen.
Ja, diese alten Schleifen sind so éinfach. Manchmal sogar tröstlich, weil es alles das in einen Kontext bringt, was ich von mir aus sonst nicht in einen Zusammenhang bekomme.
Ich dachte immer, man hätte nur nicht laut genug NEIN gesagt. Hätte sich einfach nicht genug gewehrt. Ich dachte immer meine Sprache wäre unverständlich. Dass mich niemand versteht, weil ich unverständlich kommuniziere und deshalb auch unverstehbar bin.
Dann höre ich immer wieder und wieder, dass meine Sprache gut ist. Dass es vielen Menschen leichter fällt zu verstehen, wenn sie von mir etwas erklärt bekommen. Dass meine Worte etwas in den Menschen bewegen, auch wenn sie selbst nicht in meiner Art alptraumhaftem Leben leben müssen oder mussten.
Und dann? Dann bin ich so mutig- und frech- so einen riesengroßen superfrevelhaften (und sehr teuren) Schritt auf dieses so unglaublich beängstigende Ding zugegangen und muss feststellen, dass es doch sehr viel schwerer ist, als gedacht. Dass ich doch unverständlich bin.

Und, dass die Folgen meiner extremen Qualen eben doch sehr einsam machen. Und kommunizieren kann wie ich will- dass mich doch niemand hört. Hören will? Hören kann? Verstehen kann? Verstehen will?
Dass, also nicht nur mein früheres Leiden mich von anderen Menschen isoliert hat, sondern auch noch das, was mir dadurch entstanden ist:
ein Leben, das nachwievor aus zwei Dritteln Todesangst und Todeserwartung (mit allen dissoziativen Bewältigungsmechanismen selbiger) und einem Drittel Hoffnung auf dieses schöne, hoffentlich leichtere und vermutlich hemmunglos überidealisierte Leben „der Anderen“ besteht.

Das tut weh.

Und es gibt keine Worte, die euch- die ihr da draussen seid und keine Ahnung habt- diesen Schmerz näher bringen oder gar erklären können.

Ich schreibe dies Blog hier, weil ich denke- fest davon überzeugt bin (und es verdammt nochmal sein MUSS), dass Menschen, die Elend sehen und verstehen, selbiges verhindern möchten. Einfach aus Menschlichkeit und einer Art Mitgefühl heraus.

Es geht hier um mich, weil ich nicht für andere sprechen kann und will. Es geht nicht um mich oder mein Leben, weil ich es für so besonders spannend halte oder für besonders exemplarisch. Oder weil ich mich so toll finde. Oder weil ich von der grauen Masse da draussen gelobt werden will. Das wäre für meine inneren Narzissten sicher schön und vielleicht gibt es Winkel in mir, die sich über Anerkennung freuen würden- aber treibende Kraft war hier und ist hier immer der Wunsch nach Hilfe und Kontakt gewesen.

Ich zitiere einmal aus einem Brief,den ich vor ein paar Wochen schrieb.

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„Wir wollen, dass sich andere Multiple, Ärzte,Therapeuten, Angehörige, Freunde und vielleicht auch Menschen mit ein bisschen Einflussmöglicheit da [hier im Blog] wieder finden. Impulse in sich finden.
Mutig werden ihre Gedanken und Zweifel zu kommunizieren.
Ich will dass die Menschen da draussen zu Querulanten werden. Dass logisch gedacht wird. Ich will das Hilfe keine Wareneinheit mehr ist.
Ich will dass es irgendwann so ist, dass ich in einer Therapie ohne Zeitdruck sitzen kann und alles ausbreiten kann, was ich immer mehr spüre (und immer weniger aushalten kann).

Ja, das ist egoistisch und deshalb tarne ich es in in einer Querulantenbildungsmission. Weil es andere dann einfordern für Menschen wie mich und damit implizieren, dass es okay und gerechtfertigt ist, wenn Menschen wie ich viel Raum, viel Zeit, viel Nähe und viel Menschlichkeit wollen und bekommen müssen.Weil ich dann aussen habe was ich innen so dringend brauche: Eine Erlaubnis für mein Sein.
Weil ich die Haltung „Wie immer: Ich höre zu“ so dringend brauche.“

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Und nun entlasse ich den Leser dieses Artikels.
Wie immer mit der Hoffnung ein bisschen gesehen und gehört worden zu sein.
Wenn schon nicht direkt für mich oder um meinetwillen, so doch für alle anderen, denen es auch so geht und sich (noch) gar nicht ausdrücken können.

Sonnenscheintag 4 oder: Armut, Demut, Unmut

Wir haben den 16. des Monats und noch 22,43€ zur Verfügung.

Wir sind nicht drogensüchtig, haben kein Geld zum Fenster herausgeworfen und wurden auch nicht ausgeraubt. Wir haben einfach nur Rechnungen bezahlt und versucht auszusehen, wie ein normaler Mensch (was bedeutet: wir haben das Unsägliche getan und uns endlich Wäsche für 5 Tage in Größe 40 gekauft, statt immer noch weiter in Größe 48 herumzulaufen- zum unglaublichen frevelhaften Preis von 7,98€)

Tja, wat nu?

Entgegen der Meinung der Intelligenzbestien, die sich ihre Meinung zum Thema Hartz 4  mit Hilfe von RTL und Co zusammenschustern, ist es NICHT so, dass man als Mensch in so einer Situation wirklich und echt Hilfe bekommt die einfach und unkompliziert angenohmmen werden kann.

Zumindest nicht von uns. Ich habe jetzt einige Texte und Schilderungen zu dem Thema gelesen, aber noch niemand hat es aus der Sicht eines (früh)traumatisierten- allein stehenden- Menschen geschrieben. Also dann (man hilft ja wo man kann haha)

Was ist das Wichtigste? – Nahrung! (alles Andere hab ich ja schon bezahlt- deshalb ist ja nix mehr übrig)

Wo kann man Nahrung bekommen, wenn man sie nicht bezahlen kann? Bei der Armenspeisung. Weil es politisch korrekter ist, nennt man sie inzwischen “die Tafeln”, “der Lebensmittelkorb”, “der Tisch” und wer weiß wie  noch.

Okay. Alles klar- hier haben wir Problem und Lösung. Tadaaa!

So. Und jetzt komme ich mal mit meinen Problemen und allen laufenden Prozessen dazu.

Ich bin essgestört, leide unter dem Reizdarmsyndrom (ganz interessant: ca. 30% aller Reizdarmsyndrompatienten sind Missbrauchsopfer und die Mehrheit der Erkrankten sind Frauen… ), halte keine Menschenansammlungen aus, halte mich sowieso schon für den Dreck der noch unterm Abschaum aller anderen Menschen steht und bin durch die Unfähigkeit unseres Staates Kinder vernünftig vor Gewalt zu schützen und selbige als Erwachsene heilen zu lassen, arm und (zumindest derzeit) absolut ohne Perspektive, dass sich das schnell (je?!) ändert.

Grundsätzlich bin ich ein Freund davon verzehrbare Lebensmittel nicht einfach wegzuschmeißen und sie an jene kostenlos bzw. für reinen “Ranschaff/Zusammenraff und Verteil-Aufwandspreis” abzugeben, die sonst hungern müssten.

Aber ich komme mir vor wie ein Bittsteller. Und nicht wie jemand der keine direkte Schuld an seiner Not trägt und einfach davon profitiert, dass viel zu viel produziert wird.

Und es erinnert. Es ist ein Gleichnis “Du bist Dreck- Du bekommst nur Dreck- Du bekommst nur das was sonst keiner will und dafür hast du gefälligst dankbar zu sein- sonst musst du sterben (verhungern)”. Es ist das Gleiche. Es ist das Gleiche das Gleiche das Gleiche!

Und dabei soll und will ich doch richtig annehmen, dass ich mehr wert bin, als ich denke. Dieser Gedankengang begleitet mich also als Schleife. “Ich bin wertvoll ich bin wertvoll ich bin wertvoll- obwohl ich grad nicht wirklich so behandelt werde. Bitte Innenleben hör doch auf zu weinen. Es ist zwar das Gleiche- aber es gilt nicht als das Gleiche.” (Also- eigentlich verarsche ich mich, damit es nicht so weh tut.)

Kommen wir zur Verwaltung der Lebensmittelausgabe.

Hier läuft das so: Freitags um 10 Uhr werden Nummern verteilt (jaja wegen Datenschutz und so und weil ja jeder die gleiche Chance haben soll- nicht, dass der Erste das Beste bekommt und so weiter). Okay- kann man hinnehmen- wir sind in Deutschland- hier steht man auf Ordnung und verteilt dafür hübsch laminierte Karten mit einer Ziffer drauf.

Meine Ziffer beim letzten Mal war die 10. Und ich war total dankbar. Diese Dankbarkeit steigerte sich, als ich die Ziffer 132 bei einer Frau die dort ebenfalls wartete in der Hand aufblinken sah.

Um 13 Uhr beginnt die Ausgabe der Lebensmittel.

Solange sitzen viele der Menschen dort in der Kirche herum. (Gecheckt? In der Kirche. Für mich Horror. Schlicht und einfach. Allein die Panik (die noch nicht mal meine ist und die ich nur gedämpft durch zig innere Filter wahrnehme) dieses Gebäude zu betreten, ist etwas, dass mich normalerweise dazu brächte, gar nicht erst dort aufzutauchen. Allein dieser Umstand zieht unglaublich viel Kraft) Wir fahren dann immer nochmal wieder nach Hause (4km hin- 4km zurück bei jedem Wetter) um Kraft zu sparen und zu schöpfen- obwohl der Körper eigentlich nicht genug “Treibstoff” für zweimal 8km radeln und dann nachmittags noch die von NakNak* geforderten 7km laufen, bekommt.

Dann die Ausgabe. Inzwischen ist es richtig voll. Es wird gedrängelt und geredet, Einkauftrolleys und Bollerwagen nehmen noch zusätzlichen Platz weg. Alle Sprachen werden gesprochen- auch jene die mich triggert und direkt mal in einen Zustand jenseits von Gut und Böse befördert. Also stehe ich draussen herum, werde ein paar Mal fast umgerannt und krümme mich halb vor (alten) Schmerzen und spitze die Ohren um meine scheiß Nummer zu hören- die ich aber natürlich nicht höre- die Sprache die mich antriggert aber dafür um so besser.

Die Frau in der Ausgabe wird sich wohl gedacht haben: “Ach komm Scheiß auf Datenschutz- es muss vorwärts gehen” und schrieh meinen Namen über die Gespräche hinweg. Hmpf. Danke sehr.

Naja, also ich mich durchgekämpft. (Und ja: Ich hatte zwischen drin die Assoziation von mir im Camouflageanzug mitten in der Schlacht um Stalingrad bzw auch kurz von Aladin dem Meisterdieb der sich durch den Basar schlängelt)

Endlich angekommen bei der guten Frau. Ich habe zu dem Zeitpunkt schon den 4ten Tag in Folge nichts gegessen. Mir geht es richtig richtig dreckig und eigentlich ist zu diesem Zeitpunkt weder denken, noch mitdenken, noch planen, noch irgendwas anderes als das schiere Überleben wirklich möglich. Ich brauche, dass jetzt jemand einen Plan hat und weiß was er tut. Diesen Anspruch hat die Frau anscheinend leider nicht und zerrt mich von Station zu Station.

Vorbei an Bergen von Brot (das ich nicht mehr vertrage bei meinem Stresslevel in Kombination mit dem Reizdarm), an Kuuuuuchen (großes Heulen innen), an Nudeln (die ich auch nicht essen sollte- von denen ich aber doch ein Paket mitnehme, weil es sonst gar nichts Haltbareres zu geben scheint- was ich aber dann 4 Tage später bitter bereue, weil mich mein Bauch zu zerreissen droht) und dann zum Obst und Gemüse. Ich gehe hinaus mit

1 Paket Nudeln, 5 Möhren, 1 Blumenkohl, 3 Tomaten, 1 Gurke, 100gr Putenwurst, 1 Liter laktosefreier Milch (okay dafür war ich supermega oberdankbar- die ist so teuer), 1 Zitrone und 5 Kartoffeln.

Um um mehr zu bitten, bin ich zu diesem Zeitpunkt viel zu geschwächt (mal abgesehen davon ist hier für mich noch die Frage: Wann würde ICH jemals um Essen betteln? Wieder! Ich bzw. mein Innen kennt doch die Antwort längst: “Du bekommst nichts mehr!”. Mir tanzen Punkte vor den Augen, der Kopf dröhnt und Erinnerungen rütteln an ihren Käfigtüren. Mein Organismus belebt die alte Zeit wieder und niemand steht mir bei. Weder mein Geist, noch die Frau die mir doch an die Seite gestellt wurde, um mir zu helfen. Sieht sie denn nicht, wie wenig das ist?!

[Nein- das ist viel zu viel- du darfst das alles gar nicht haben! Ich krieg Ärger dafür! Legs weg- bitte gibts zurück!!!- Ja los legs zurück du fettes Schwein!- Du bist es nicht wert!- Ich bin es wert ich bin es wert ich bin es wert… ]

Ich sehe zu, dass ich verschwinde und komme irgendwie wieder nach Hause. Um mich dort angekommen ohrfeigen zu können. Wieder 7 Tage vor uns und praktisch nur für 2- vielleicht 3 Tage Essen zum satt werden. Und was machen wir? Wir denken, dass es uns nicht zusteht, doch noch die anderen Lebensmittelausgaben abzuklappern, um mehr abzugreifen. Wir strecken diese paar Sachen über 7 Tage hinweg. Und wundern uns dann, weshalb das System komplett in den reinen Überlebensmodus schaltet. Weshalb es uns so schlecht geht.

Jetzt gehts uns noch gut.  In 11 Tagen dürfen wir realistisch das Kindergeld erwarten. Heißt wir können pro Tag jetzt noch 2€ ausgeben um etwas zu essen zu kaufen. 1,60€ sind es, wenn wir Pech haben und das Geld erst am 29 sten bekommen. Von einer Ernährung die uns gut tut sind wir weit entfernt. Von Lebensumständen die uns heilen lassen könnten, fange ich gar nicht erst an zu reden.

Aber ich muss nicht zu dieser Armenspeisung gehen. Wenigstens in diesem Punkt darf und kann ich diesen Monat gut für mich sorgen.

[Wer weniger als umgerechnet 1,25$ pro Tag zum Leben hat, gilt als arm. 1,25$ sind 0,96484€. Man bin ich reich. Was stell ich mich eigentlich so an?]