Dekonstruktion am dissoziierten Selbst? für mich problematisch

Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ich eine ganze Portion Dekonstruktion, Abgrenzung und Wut aus Gründen wahr- und mitgenommen habe.
Vielleicht ist mein Anspruch zu hoch, meine Forderung falsch oder ach- vielleicht gibt es eine Art “Fuck off”, das einfach über Dekonstruktion, Findung und Wahrung des eigenen Standpunktes hinausgeht.

Ich weiß gar nicht- bewege ich mich im Alltag in einer queeren Szene? in queeren Kontexten? Offenbar nicht.
Bin ich queer? Keine Ahnung. Aber ich mag queer als Label für mich. Neben anderen.

”Bin ich?”, ist meine Frage. Jeden Tag. Mehrfach. Und absolut ohne Ironie oder philosophische Intension.

Vielleicht war es ein Overload für mich, mich gleich mehrere Tage in eine soziale Umgebung zu bringen, in der vieles? alles? über Awareness (Bewusstsein) und Konsens laufen möchte.
Ich habe gemerkt, dass ich den Wunsch nach kollektivem Bewusstsein mit einer fremden und doch total vertrauten Sprachlosigkeit beantworte. Ich wurde reaktiv, habe öfter als nötig die Luft angehalten, hatte ständig Angst jemanden zu verletzen oder Gewalt unbemerkt zu perpetuieren und am Ende gab es diese Angst die soziale Luft zu berühren.
Natürlich habe ich weiter gesozialt – dafür war ich ja im Sommercamp und immer war es am Ende gut und bereichernd.

Aber die Angst war da und arbeitete in meinem Angstgehirn.

Leben triggert und so auch diese Art zu leben in diesem kleinen Zeitraum.
Ich habe mein Innenleben nicht mehr gefühlt und aufgefallen ist mir das erst, als mich jemand das über Twitter fragte, der auch Viele ist.

“Bin ich noch, wenn ich mein Innenleben nicht mehr fühle?” – eine Frage, die mir erst jetzt mit meinem Bewusstsein für mein Viele- sein möglich ist.
Früher habe ich mich das nie gefragt. Ich “war” einfach und all mein Bewusstsein war nach außen gerichtet. Niemanden wütend machen, Balance im Außen haben, Anpassen, einstellen, re-agieren. Es war egal, ob mein Innenleben schreit und ich mit meinem Da-sein wie eine Art Korken auf einem Vulkan sitze. Ich habe nicht gespürt, was ich mir damit antue und es erschreckt mich, nein- es tut mir leid, dass ich es irgendwann nicht mehr gemerkt habe.

Für mich sind die Politiken, mit denen sich die queere Szene ™ auseinanderfetzt; neben- wie durcheinander und gegenübersetzt eine Welt, die ich mit mehr Entfernung betrachte.
Vielleicht.
Ich hab keine Ahnung. Irgendwie ja, irgendwie nein und ganz irgendwie bin ich selbst doch weder Fisch noch Fleisch noch Sojabratling.

Ich bin bewusst für Diskriminierung, Ausschlüsse, Umstände und Gewalten, Gründe für Gefühle von Verletzung und Einschränkung.
Bilde ich mir ein.

Wenn jemand dekonstruiert oder einfach nur kaputtschlagen mag, was mich zusammensetzt, ist das kacke und ein Übergriff, der unbenennbar ist, weil Dekonstruiertes in der Regel noch nicht kollektiv einheitlich benannt und/ oder bekannt ist. Ergo stellt sich das gleiche Problem, wie ich das lange mit dem Körperteil “Vulva” hatte: Was keinen Namen hat, _ist_ nicht.

Besonders krass trifft  mich sowas, weil ich mein ICH als etwas, das ich konstruieren bzw. als Konstruktion wahrzunehmen zum Ziel habe.
Es ist nicht so, dass ich ein Bild von mir (als ein Ich) habe und das nur mal hier ein bisschen und mal da ein bisschen neu sortieren muss oder in einem Kontext neu oder anders positionieren muss.

Vielleicht liegts daran.
Ich hab keine Ahnung.

Ich bin viele Identitätswahrnehmungen- positionierungen- stati und – zustände gleichzeitig.
Vielleicht kam die Angst aus dem Viele gleichzeitig sein- dem alles gleichzeitig passen und genau deshalb wieder nicht passen- sein.

Ich habe den jugendlichen Anarchisten gefühlt, der sich zum ersten Mal irgendwie genau richtig zwischen den Trans*menschen gefühlt hat, und aber gleichzeitig scheiße, weil er meine lila Sneaker und den Jeansrock trug und null zu den Körperpolitiken, feministischer Theorie oder sonst irgendwas sagen oder denken oder meinen oder fragen konnte. Er ist ein Teenager mit Halfcut und selbstgedrehter Kippe im Mundwinkel, der gegen Atomkraft und Kapitalismus ist. Kein queer – feministischer Diskutant, der sich bereitwillig in ein Awarenesshaus setzen würde, um anzuhören, was konkret an seinem Sprachgebrauch oder Sozialverhalten problematisch sein könnte.
Ich hab die Frontfrau und die Hungerkünstlerin gefühlt, die über das vegane Essen und die Körperthemen gestolpert sind und sich inmitten all der Körperpolitik und Selbstbild vs. Fremdbild- Ding zerfaserten, um in Klumpen gegen meinem Frustkummermops am Bauch zu klatschen.
Ich hab mir mein Shabbatgebet verboten, nachdem ich den Aufdruck “GOD FREE YOUTH” unter den Merchartikeln gesehen hab. Er hat mir gefehlt, mein wöchentlicher Moment mit der Schöpfung und dem Ankommen bei mir, als Teil dessen.
Ach da waren so viele kurze Momente, die ich mir alle teils intuitiv und reaktiv runtergewürgt hab, weil klar war, dass sie mit mir allein und einzig meinem (Er-) Leben zu tun hatten und nicht mit der Szene, dem Raum, den Menschen, dem System oder irgendeiner Politik.

Vielleicht komme ich an mir und meinem Stückelselbst zu dem Schluss, dass alle Awareness und Einladung zum Dasein und Ausleben des Selbst nicht funktioniert, wenn keine Grundlage im Individuum selbst ist, auf der ein Standing passieren kann. Wenn ich mich noch so oft und so tiefgreifend fragen muss, ob es mich gibt, ob mein Sein eine Legitimierung fern des Außen hat, ja, dann ist vielleicht auch so ein offener aware-er Raum, einfach nicht der Raum, in dem ich funktioniere ohne in reaktives Unbewusstsein für mich selbst zu fallen.

Vielleicht.

ein Häppchen Sommercamp

Ich würde gerne von der Reise zum Workshop und dem queerfeministischen Sommercamp und den Gedanken, die mir gekommen sind erzählen, merke aber, dass es mir an manchen Stellen zu aufwendig ist Twitter, Instagram, Blogartikel und alles irgendwie zu verbinden.

Deshalb gibts für jetzt ein hingeklatschtes Storify mit ein paar Fotos und viel Twitterdings – ohne ausführliche Kommentare oder Erklärungen. Alles Andere wird als das eine oder andere Rhizomärmchen in gewohnter „ein Blog von Vielen“-Manier nach und nach erscheinen.

Klinikgedanken

Mohnund dann sind sie da, die Klinikunterlagen.
Wartezeit: ein Jahr – vermutlich ab Bewilligung, die in meinem Fall von einer Einzelfallentscheidung einer Rentenkasse, in die ich noch nie einzahlen konnte, abhängt

Ich stand am Fenster, spielte mit dem Umschlag herum und dachte darüber nach, ob ich mir mit den Gedanken an einen Aufenthalt nicht doch irgendwie eher eine reinhaue, als mir eine Hand zu reichen.
Vor 5 Jahren glaube ich, war ich das letzte Mal angebunden an eine Klinik für Psychotherapie und fand es mittelhilfreich.
Wenn ich mich für diese andere Klinik entschiede und das bewilligt würde und die Klinik sagte: “Ja”, dann wäre ich nicht nur “angebunden an eine Klinik” – ich wäre mittendrin. Vollstationär, “Zillionen Kilometers weit weg!” und dann auch noch ohne NakNak* und so wie ich halt bin.

Ich habe von der Klinik von anderen Menschen mit DIS gehört, die sich allerdings alle in anderen Lebenssituationen als ich befanden.
Wo es noch viel darum geht: “Oh G’tt multipel und was- wo wie –äh hümm ich bin vielleicht eigentlich gar nicht da aber uhääää *strampel* “ oder auch TäterInnen*kontakte, Symptome verstehen, Stabilisierung und so weiter. Ich würde jetzt nicht von mir behaupten, dass ich schon fertig bin mit meinen Vermeidungstänzen oder, dass ich immer jedes Symptom sofort einordnen und regulieren kann, aber es ist als Thema nicht mehr so groß und ich bin davon weg MedizinerInnen* und PsychotherapeutInnen* zu idealisieren, ohne es zu merken.

Ich glaube am Anfang war es wichtig für mich meine HelferInnen und TherapeutInnen so hochzuheben und ihnen viel Macht zuzuschreiben, um meine eigene Ohnmacht vor dem was mit und in mir passiert als wahrhaftig anzuerkennen. In der Hinsicht hat mir die Pathologisierung meines Leidens schon auch nicht nur geschadet. Gegen Krankheit kann man sich halt schlecht wehren- da ist man eben ohnmächtig und krank und das Thema “Schuld” kann gut beiseite gestellt werden.
Aus der Klinik habe ich bisher nur höchste Lobestöne gehört und das macht mich gleich mal misstrauisch hoch zehn.

Und dann, selbst wenn die BehandlerInnen* gut sind…
dann bin ich Patientin. In einer Klinik. Drin. Mit Hausordnung, Pflegedienst, MedizinerInnen, Fremdbeguckung und anderen PatientInnen*.
Dann heißt es “Guck in dich rein- ich guck dich dabei an” , was ich schon im Rhythmus von einmal in der Woche jetzt schwierig finde.

Und es gibt Quasselgruppen. Also eine Quasselgruppe für Menschen mit DIS. Find ich gut.
Noch.
Wahrscheinlich finde ich das exakt so lange gut, bis ich das erste Mal ungeduldig werde. Oder “zu politisch drauf komme” was, wie ich ja inzwischen auch gelernt habe, auch mal total doof ist, wenn man Viele ist. Dann hat man ja größere Leiden als seine Umwelt.
Und ganz eigentlich erzählt man sich in Gruppen doch eh immer vor allem, dass man kennt, wovon die anderen erzählen. Mir ist das in der Regel voll egal, ob andere Menschen kennen, was ich kenne. Wobei soll mir das Wissen darum denn auch helfen? Oh wait- is there any political thing…?

Und- FakerInnen*
Es gibt keine Orte neben Internetforen, wo man häufiger auf FakerInnen* trifft und gleichsam ohnmächtig davor ist, es sei denn man ist eine gute Admine.
Ich habe schon Menschen unter dem Label DIS kennengelernt, die dreist ohne Ende und eigentlich für alle nachvollziehbar, die inneren Landkarten von anderen PatientInnen* kopiert haben, Verhaltensweisen übernommen und Geschichten erfunden haben und trotzdem nicht damit konfrontiert wurden von ihren BehandlerInnen*.
Und das inmitten der üblichen Klinikdynamiken, in denen Zuwendung und Aufmerksamkeit eine Währung ist, die kongruent zu Personalmangel und Bürokratie in ihrem Alltagshandelswert sinkt oder steigt.

In jeder Klinikgruppe gibt’s die Klapsmami, die für alle alles macht und immer für alle da ist- außer für sich selbst.  Es gibt das Huschi frisch drin und so voller Verwirrung und Angst, dass es eigentlich gar nicht da ist, es sei denn, jemand ist bei ihm. Der Großteil der Gruppe ist schweigend wenn’s drauf ankommt und leicht hin- und herschiebbar- perfektes Futter für den Spaltpilz, der ebenfalls immer mindestens einmal da ist und alle kontrollieren muss, um sich selbst nicht zu verlieren. Und in so eine Gruppe komme ich dann und es ist so “Heeemenememjemääääh mmmm gehweg!”
Wenn ich was sage, ist das nicht falsch- aber passend irgendwie nie. Wenn ich was mache, ist das weder super noch grotte, hat für mich aber einen Rattenschwanz, den ich einigermaßen fühle, aber nicht weiter benenne. Ich brauche niemanden und will das auch nicht und irgendwie ist das ein Umstand, der in Kliniken immer irgendwie komisch kommt.

Zum Einen wirkt das immer so, als würde ich sagen: “Ich brauche diese Hilfe hier nicht” (obwohl ich in der Regel sagen will: “Ich will nicht gerettet werden bitteschön- kann ich auch alleine”) und zum Anderen als würde ich denken “ihr seid alle zu [… irgendwas…] für mich” (obwohl ich in aller Regel nur sage, dass ich lieber für mich rummache, anstatt zu sagen “Hallo du bist ein Mensch- Menschen sind gruselig!”)

Und dann: meine Klapsenjugend und das Innen, das bis heute nur darauf wartet, dass die Therapeutin es “reinlegt”, wie “es alle diese Leute (TherapeutInnen) tun”.
Es ist ein Thema sich in äußere Strukturen reinfallen zu lassen und nicht wieder raus zu gehen oder raus zu wollen. Es gibt Innens, die nichts anderes, als das kennen. Die nicht geschockt sind von um sich beißenden sabbernden, wirr redenden oder anderen irgendwie aus der Welt gefallenen Menschen. Die arbeiten an ihrer Selbstzerstörung und sind dumpf für ein “Außen”, ein “Morgen” oder eine “Heilung”.
Wie viel Zeit werde ich damit verbringen, da Orientierung rein zu bringen und wie viel Arbeitskraft wird dafür drauf gehen diese zu halten?

Und daaaaahaaaann das, weshalb ich ja eigentlich darüber nachdenke, ob es mir hilft da zu sein.
Ich hab nicht so richtig das Gefühl, dass wir ambulant da so dran kommen. Entweder grätscht uns der Alltag in den Strang rein oder wir kommen erst kurz vor Ende der Stunde überhaupt nah genug dran, um kurz zu gucken und dann wieder zuzumachen. Das reicht um ein gewisses Level zu halten und ist deshalb gut und wichtig, aber so richtig den Dreh, den es braucht, gab es bis jetzt nicht.
Würden wir den hinkriegen, wenn wir mit einer total fremden Therapeutin* reden? 2 Mal in der Woche?
Ich habe keine Ahnung und das nervt mich.

Vor 10 – 11 Jahren etwa kostete ein Klapstag angeblich 500€.  Sollte ich nicht ein bisschen sicherer in meiner Einschätzung sein, wenn ich gedenke etwa 60 Tage lang um die 500€ aus der Krankenkasse rauszuziehen?
Sollte ich nicht weniger “Gnah Menschen…” in mir fühlen? Sollte ich nicht mehr “Wohooo Heilung juppie eiyo!” – Drive drauf haben? Sollte ich nicht ehrfürchtiger vor der Rettungsenergie von BehandlerInnen* und HelferInnen* stehen? Weniger Angst vor der Trennung vom Hund haben? Weniger Angst vor der räumlichen Entfernung von meinem Bullergeddo, meiner Therapeutin, meinen Gemögten, meiner Muchtelbutze mit all ihrem Dreck und Schrunz haben?

Es ist doch auch alles gut.
Morgen fahre ich zum queer-feministischen Sommercamp und gebe einen Workshop. Ich hab Vortragstermine und mit ein bisschen Glück hab ich gerade etwas produziert, was anderen Menschen mit PTBS hilft. NakNak* und ich sind ein gutes Team, ich hab Gemögte, ich habe sogar die letzten Tage in meinem Bett geschlafen. Ich hab Geburtstag gefeiert, Pflanzen nicht umgebracht und meine Zukunftsvisionen entwickeln gerade rudimentäre Arme und Beine. Ist doch alles prima.
Ist doch nur… also, es ist ja …

 

[… insert kakophones Grunzstöhnen vor dem Hintergrund eines anhaltenden Kopf —> Tisch – Geräuschs…]

(orrrwiesobinichsoeinwankelmuckschesHörnchenverdammt?!)

#aufdieTische #RIPRobinWilliams

Robin Williams ist gestern gestorben.
Jetzt gibt es den Hashtag #aufdieTische als Tribut an ihn.

Ich hoffe, es hätte ihm gefallen, wenn man nach seinem Tod nicht über ihn spricht wie über einen Kranken, der einen harten, tragisch ungerechten Kampf verloren hat, sondern wie über jemanden, der mal einen Film machte, an den man sich am Tag nach seinem Tod so erinnerte, wie das die Menschen bei Twitter gerade tun.
Denn letztlich ist er einfach nur gestorben.
Wie wir wissen endet jedes Leben tödlich und kaum ein anderer Schauspieler hat dem Tod, wie auch dem Leben als Ereignis so eine spezifische Note in seiner Arbeit verliehen, wie er.

also
auf die Tische!

#aufdieTische

und wenn ich älter bin?

Vielleicht liegt es auch an meinem Alter, dass ich es als heuchlerische Kackscheiße empfinde, wenn sich meine HoffnungsträgerInnen* und vielleicht auch Vorbilder als elitäre Scheinbilder entpuppen.

Ich bin ja eine von denen, die nicht genau weiß, wie das so läuft, wenn man sich zu einem Status hingearbeitet hat.
Konnte ja noch nie arbeiten.

Ich hab keine Ahnung, wie man sich richtig verkauft.
Obwohl schon genug Menschen für ein Stück von mir bezahlt haben.

Immer wieder lese ich davon, dass Maßnahmen zur Inklusion meiner Person mit Kosten verbunden sei.
Aber wenn ich an Gruppen, Verbände, Gesellschaften, Organisationen und Vereine, Universitäten und sonstwie engagierte Menschen herantrete und mich einbringen will, um etwas zurückzugeben, bleibt die Tür zu.

Ich bin so jung und naiv- ich glaube tatsächlich noch, dass die Welt und ihr Funktionieren nicht festgeschrieben ist.

Wie lange wird das noch so bleiben?
Neulich habe ich mich daran erinnert, wie mir mal ein Mensch auf einer Antikriegsdemo an den Kopf warf, ich solle mir einen Job suchen. Als wäre Arbeit das beste Mittel, um mir all mein Aufbegehren abzuschmirgeln.
Klar, habe ich mir in den letzten Jahren unfassbar oft die Chance auf ein Studium gewünscht. Hatte mir überlegt, wie ich es schaffen könnte die Anforderungen zu erfüllen, die an mich gestellt werden, um das zu dürfen.
Mir ist langweilig. Verdammt mir ist so _langweilig_  Mein Kopf hat Hunger. Meine Augen sind durstig. Ich will Dinge lernen und kennen und wissen und verstehen. Ich will alles Wissenswerte auffressen und dafür Belohnungszettel haben. Und dann will ich mit meinem Stapel Belohnungszettel zur Kasse gehen und meinen Sammelbonus haben: Teilhabe an der Gemeinschaft derer, die in diesem System auch tatsächlich etwas von ihrem Wissen weitertragen können um Veränderungen anzustoßen. Klar denke ich: “Ich will richtig in echt anerkannt studieren”, “ich will einen Job”, “Ich will mein eigenes Geld verdienen” und so weiter und so fort.

Doch Fakt ist: Ist nicht, weil kann nicht “richtig”
Ich darf um Berechtigungszettel betteln. Ich darf kriechen und dankbar sein, dass wir nicht in einem Staat ohne Sozialleistungen leben, wo mein Leben noch einmal um ein paar Stufen schwieriger wäre.
Ich darf draußen bleiben, damit sich die Exklusiven exklusiv fühlen. Damit die, die drinnen sind, jemanden haben, den sie als draußen wahrnehmen können.
Ich bleibe eine Inklusionswürdige, damit weiter über Inklusion gesprochen werden kann, weil das so verdammt viel mehr Gelder und Statusbestätigung einbringt, als real greifbare Veränderungen.
Ich darf mich defizitär fühlen, weil sämtliche Schablonen auf die Füllung von Defiziten ausgelegt sind, statt auf die Angleichung der Gegebenheiten.

Noch kann ich mir Wasser aus dem Kopf laufen lassen, wenn es mal wieder so weit ist und das Maß an Enttäuschung gegenüber meinen Bemühungen, irgendwo einfach mal wenigstens einen Zeh in die Tür zu kriegen, voll ist. Doch was ist, wenn ich die 30 hinter mir habe? Die 40? Die 50? Werde ich eine goldene Mitte- einen zweiten Frühling haben und immer noch Enttäuschung fühlen können, wenn ich von einer Hoffnung auf Annäherung an ein Ideal getäuscht werde?

Ich habe mich selbst dazu erzogen keine Opferidentität zu entwickeln.
Ich sehe an mir so viel mehr als das, was ich überlebt habe und will mehr von mir als das eigene Überleben. Ich kann mehr als das und weiß das auch. Der Hunger in meinem Kopf ist nicht just for fun da.

Aber was soll ich sonst sein, wenn mir nur das zugestanden und anerkannt wird, weil ich dafür einen Beweiszettelberg habe?

Ich habe Angst davor, dass mein Kampf um Anerkennung als Mensch, der auch aufgrund seiner Erfahrungen Dinge bedenkt und sieht, die andere Menschen nicht sehen und bedenken, zu der Arbeit wird, die mir mein Aufbegehren abschmirgelt. Ich will mich nicht damit aufhalten. Ich will damit keine Zeit, keine Kraft verschwenden, die so viel konstruktiver und besser genutzt werden kann.

Das System stinkt- es ist Zeit Türen und Fenster aufzumachen.
Den Mief raus zu lassen und auch Menschen wie mich reinzulassen.

Ich rieche nicht nach dem neuesten Parfum von Betty Barcley und trage keine modische Kleidung. Ich duze zu schnell und kenne viele Fremdwörter nicht. Ich habe zu viel Respekt vor Krawatten und Pumps.  Ich schaffe keine 8 Stunden Arbeitstage- manchmal nicht mal meine eigene Existenz.

Aber ich bin noch nicht abgeschmirgelt und habe einen Hunger, den so viele andere Menschen nicht haben, weil sie eigentlich längst satt sind.
Wie wertvoll das ist, kann doch nicht nur eine  Schnapsideenseifenblase aus dem Geist einer Irren sein.

 

kann doch nicht…

wie ich einmal begriff, dass ich auch ein Körper bin

orchideeSeit 7 Jahren liefere ich mir Gefechte mit der Sprache, Worten und dem Schweigen.
Ich schweige viel, weil ich es muss, weil ich es soll und aber auch, weil mir gründlich und oft die Sprache verschlagen wurde.

Das Bloggen, das freie Schreiben allgemein, war und ist für mich die krasseste Aneignung meiner Macht und Freiheit als Überlebende von sexualisierter Gewalt, als Sinn- und Bestimmungssuchende, als Frau, als Liebende, als sinnlich lebendiges Wesen. Mir ist es wichtig mich ausdrücken zu können und dafür verwende ich natürlich auch noch andere Kanäle, wie die Kunst zum Beispiel.
Doch das Wort… – am Anfang von Allem war das Wort.

Was nicht benannt ist, existiert nur als Geist, als Idee, als Hauch, als Atem, als Odem. Es ist da, doch nicht als Objekt.
Was nie Objekt ist, kann auch nicht Subjekt sein.

Es ist ein Verdienst meiner Twittertimeline  und ihrem Gespür und Geschmack für feministische Literatur, Webseiten und Projekte, dass ich mir den Begriff “Vulva” angenommen habe, ihn verwende, wenn ich es kann und mich darüber an das eigene zum Opfer geworden sein herantasten konnte.
Wieso ich so einen Begriff brauchte, wird mir klar, seit ich mich mehr mit biologischer Weiblichkeit (und Sexualität) befasse, anstatt bei der sozial (und darüber politisch) konstruierten Weiblichkeit zu bleiben, die mir gerade wegen ihrer scharfen Abgrenzung zu meiner Körper- meiner Fleischlichkeit (Objekt-ivität) immer irgendwie sicherer erschien. Kühl, sachlich, logisch.
Hübsche, schnurgerade Spaltung durch einen Themenkomplex, der unfassbar eng verwoben ist.

Wie die Ebenen “Körper”, “Geist” und “Seele”.
Seit ich meine Selbstzerstörung offenlegte, wurde ich mit meinem Erleben auf die Ebene “Seele” reduziert und darüber um die Ebene “Geist” betrogen.
Verrückte Menschen können sagen, was sie wollen und warum sie es wollen – sie sind verrückt auch wenn (vielleicht für einige Menschen auch gerade, weil) ihr IQ alle Grenzen sprengt. So funktioniert Stigmatisierung und genau darauf basiert die Solidarität, die unter Ex- Klapsis, ehemaligen MitpatientInnen* und Menschen mit Diagnose doch auch herrscht bzw. als herrschend gewünscht wird. Man ist eine Einheit durch die Diskriminierungen, die mit Pathologisierung und Stigma von (Er-) Lebensweisen einhergehen.
Das Problem dabei: Man verbleibt in genau dem Bereich, weil man sich nur dort sicher, verbunden, verstanden fühlt und wird zum Gruppen_körper.

Die ureigenste innere Ebene “Körper” bleibt draußen (abgespalten) und kann es auch ruhig.
Der ist ja sowieso ein ekelhafter Verräter, Versager, hässlich, unvollkommen, unbrauchbar, einzig nützlich zur Manipulation für Gefühle von Kontrolle, Gewalt(re)inszenierung, Projektionsfläche für alles und alle, jede, jeden … eine Liste, die beliebig erweiterbar ist, jedoch in diesen Kontexten selten als ein integrierter Bestandteil des Selbst-Seins auftaucht.
Ich habe in Selbsthilfeforen von und für Menschen mit Misshandlungserfahrungen, glaube ich, immer nur dann über meinen Körper gesprochen, wenn er mal wieder krank oder verletzt war oder von mir traktiert wurde. Alle ™ haben es verstanden und die Ablehnung meines Körpers- den Hass, der sich oft genug von TäterInnenintrojekten und täterInnenloyalen Innens reinszeniert an meinem Körper entlud (und bis heute entlädt), damit auf eine Art legitimiert, die mir den Druck nahm, mich für meine Selbstzerstörung schämen zu müssen. Was mir natürlich oft geholfen hat und meiner Meinung nach auch wichtig ist.

Ich kann mich spontan aber auch an keinen einzigen Thread erinnern, in dem jemand davon erzählte, sich einmal genau angeschaut zu haben und es okay/gut/toll/befriedigend/ sich seiner selbst (seinem eigenen Selbst) versichernd erlebt zu haben.

Sexuelle Gewalt ist nicht nur deshalb so schlimm, weil sie beschämend ist oder mit Schande und Schuld an der falschen Stelle belegt, sondern, weil sie die “Körper Geist und Seelen-  Integrität” von allen Menschen verletzt bis vielleicht an manchen Stellen auch zerstört.
Scham, Schuld und Schande sind es, die diese Spaltung nach der Traumatisierung aufrecht erhält, wenn nicht sogar überhaupt erst als “nötig abgespalten zu werden” markiert.

Und damit sind wir bei Scham und damit beim Auslöser dieses Artikels.
Mein Körper kämpft seit Juni gegen eine heftige Vaginalinfektion und ich bemühe mich souverän- kühl, sachlich und logisch damit auseinanderzusetzen.

Ich sorge dafür, dass meine Kinderinnens viel vom Heute durch meine feste Verankerung hier fühlen können. Ich kommentiere nach innen alles, was ich im Außen tue. Jeden Tag neu und immer wieder. Und immer wieder neu und fest und ruhig. Ich bin so aufrichtig wie ich kann dabei und äußere sowohl meine Sicherheiten, wie Unsicherheiten und wie ich womit umzugehen gedenke.
Das ist für mich ein bisschen wie in der Wohngruppe für Menschen, die mehr Hilfe beim Lernen und Begreifen brauchten, in der wir früher einmal gelebt haben, aber ich merke wie sehr das nötig ist.
Darüber komme ich langsam in die Richtung, in der mir klar wird, wie viel (eigentlich irgendwie alles) mein kindliches Innenleben überhaupt nicht einordnen kann, weil es gar nicht meine Ebene verwendet.  Für viele von ihnen ist alles “Körper” und ein bisschen “Seele” (im Sinne von “das mag ich/ das tut mir gut, weil es sich körperlich gut/wohlig/schön anfühlt”).

Und dann tut es auch noch DA weh. Und dann brennt auch noch DAS DA und dann ist man alleine mit einem Menschen (meiner Gynäkologin) in einem Zimmer (ihrem Behandlungsraum) und es gibt die klassischen Tänze des Schweigewörterpaars (“da” und “dort”) und ich Heldin Eis-enherz mit Wörterwaffen zur Selbst-Erhaltung mitten drin.
Ich hab mich so gefeiert, wie ich da saß.
Bis an die Frisur meiner Zähne bewaffnet und voll da- Schlaglicht- Superstarosenblatt- und benutzte die korrekten Wörter für meine Genitalien, während ich meine Symptome schilderte. Ich bin bisher nie über Schweigewörter wie “da” und “dort” und “zwischen meinen Beinen” und “im Schritt” hinausgekommen.
Und dann: Schweigen auf medizinisch vor angehaltenem Atmen hinter riesigen Innenaugen.

Alle meine Waffen sind auf einmal kaputt gegangen und ohne Mist- _ich_ habe gemerkt, wie der Trigger griff und ich anfing mich zu schämen für meine Wortwahl, meine Aneignung. Mit jeder Minute mutierte mein so so so toller Schritt in Richtung “sich-selbst- bewusst-werden/sein/bleiben-weil-Selbst- selbst-benennen” (seine Körperteile zum Objekt machen um ihr Subjekt (gewesen) sein anzuerkennen) zu einem Fehler, einer Frechheit, einer Schande, einer Straftat…
und als sie mir dann beim Entnehmen einer Laborprobe auch noch weh tat, war für mein Innen (und ein bisschen auch für mich) alles klar. Klar musste das jetzt weh tun (und dann doch nicht richtig gelaufen sein), klar war es Schwachsinn so zu reden- “Guck die Frau ist Ärztin und sagt auch immer nur “da” und irgendwas mit “Scham”! Das würd nich was mit Scham heißen, wenns nix Peinliches wär- ist besser nur “da”. “Da” könnt ja alles sein- dann weiß es keiner und alles ist sicher.”.
Ein zwei drei Schritte zurück.

#Mau

Ich versuchte mich zu sortieren und zu orientieren. Irgendwie Ruhe zu finden und meine Sicherheit wieder aufzubauen und merkte, dass ich wiederum nach innen verzagte und selbst wieder Schweigewörter verwendete. Ich sagte nicht: “Meine Vulva tut weh, weil da eine Infektion ist”, sondern “da ist was, aber das hat nichts mit Gewalt zu tun”.
Natürlich hatte das so überhaupt keine Klarheit mehr und war einfach das typisch wabernde Wortschwallen, mit dem ich mich für mein Innenleben bewusst-los mache, um zu funktionieren.

Als ich dann aus der Praxis ging, kam aber auch Ärger über die Ärztin auf.
Dass ich keine einfache Patientin bin weiß ich- ich bin ja auch nicht nur Eine.
Ich fordere inzwischen schon ein zu erfahren, was genau in und an und um meinen Körper passiert, einfach um genau diese Spaltung zu überbrücken und bestehende Brücken zu stabilisieren.
Wenn mir jemand erklärt, wie mein Körper versorgt wird, visualisiere ich mir das (mache mir ein Bild- eine Idee- einen Hauch) und lege diese Idee auf die Körperstelle, die betroffen ist (verbinde Idee und Objekt und erfasse so die Stelle als Subjekt der BehandlerIn bzw. der Umgebung oder auch des sozialen Kontextes). So wird für mich viel besser begreifbar, dass ICH in Behandlung bin und zwar auf eine spezifische Art und Weise, die in bestimmten aktuell nachvollziehbaren Kontexten beeinflussbar ist. Das versichert mich, beruhigt mich und das Lernen durch Begreifen bekommt eine Chance (ich und mein abgespaltenes Innenleben rücken näher zusammen).

Ich fühle den Körper nicht konstant. Wenn etwas weh tut oder “irgendwie nicht richtig ist”, dann erfahre ich das über die Ebene “Geist”: als Notizzettel neben einem Termin bei einer/ einem MedizinerIn und kann mir so diverse Wellen aus der Ebene “Seele” erklären. Wenn meine BehandlerInnen* dann genau meine Spaltungen kopieren (etwa mein Schwimmen, meine Unsicherheit und auch mein Schweigen spiegeln oder übernehmen), weil sie denken, das wäre leichter für mich, kann ich das wohl verstehen. Es ist auch leichter für mich, weil es ist, was ich kenne. Es hilft mir aber weder dabei ein Wachsen anzubahnen noch bestehendes Wachstum zu stabilisieren oder auch in Verbindung zu bringen mit dem “Außerhalb von mir”.

Ich habe gemerkt, dass in mir Wut auf das Schweigen war.
Schweigen ist ansteckend und ich bin der perfekte Nährboden für Wortlosigkeit.

Ich feiere den Begriff “Vulva” nicht, weil ich Feministin bin und denke, dieser Körperteil gehört auf Altare gehoben.
Aber es ist der Körperteil, der von außen zu sehen ist- der allen Augen ein Objekt ist, was es für mich jahrelang eben nicht war, sein konnte und vielleicht nicht sein durfte. Ich hatte kein Wort dafür und habe andere Begriffe immer schwierig empfunden. Es gibt genug Frauen und Frauen* deren Vulva Namen, wie die von Haustieren tragen oder letztlich doch fälschlicherweise sagen “ist was zum was reintun”.
Das Schweigen, jedes “das da” und “dort” meiner ansonsten wirklich aufmerksamen und guten Gynäkologin, hat mir etwas von mir weggemacht und ich bin in meiner Berechtigung dort in der Praxis zu sein, der Legitimation einer Schmerzäußerung, der Forderung nach dem Verstehen, was passiert und auch gleich selbst  mit verschwunden.

Früher habe ich mich weggemacht, weil ich die Überreizung durch die Gewalt nicht tragen konnte oder auch, weil die Gewalt nicht mehr als mein Mich übrig gelassen hatte.
Heute erlebe ich mich weggemacht, nicht da und inexistent, wenn meine Präsenz als Reiz(auslösend)- los, weil Körper(benennungs)los belegt wird. Etwa, indem nicht (korrekt) benannt wird, was von mir kommt, an mir dran oder drin ist.

Es hat mich geflasht zu spüren, dass die Wichtigkeit von Worten auch für etwas an meinem Körper als Ganzes besteht.
In den ganzen letzten Jahren habe ich Sprache, Worte und die Art, wie sie miteinander arbeiten, seziert und mir Stück für Stück angenommen, um das, was ich auf meiner Ebene von “Geist”, die immer wieder zu Todesnähe erschrocken wird, von der Ebene “Seele” erlebe, zu einem Objekt werden zu lassen, um das “zum Subjekt der TäterInnen geworden sein” nach Außen zu bringen.

Diese Infektion zum jetzigen Zeitpunkt, der noch immer noch Trauer, Schmerz und einem Wachsen, auf das sich so sehr verbotener Stolz regt, bestimmt ist, bringt mich näher an die Ebenen “Seele” und “Körper” und lässt mich sehen, dass meine “Körper- Geist und Seelen- Integrität” nicht gänzlich zerstört sein kann.
Kann man sich denken, mit was für einer Freude dieser Gedanke für mich belegt ist?
Da ist noch etwas in mir heil oder heil geworden!
Wie schön!

Vielleicht darf man dann auch wütend auf ÄrztInnen sein, wenn sie das durch Schweigewörter anders darstellen.
Denn Letztlich brauche ich auch nach Jahren voller Selbstwahrnehmung, Selbstreflektion und Selbsterkenntnis, die Rückmeldung, dass es mich gibt. Dass ich physisch korrekt benennbar bin, weil ich eben nicht nur ein Geist bin, der Angst davor hat, seine Seele zu fühlen.
Wie jeder andere Mensch auch.

der “Tochter geboren Tag” meiner Mutter

Rosenwirbelvielleicht war meine Geburt doch ein bisschen wie in “Alien” – immerhin war ich 3 Tage “zu spät” und meine Mutter bekam, glaube ich, Wehenmittel, um mich abzusondern rauszuschieben auszuscheiden zu extrahieren
Vielleicht
mich zu dissoziieren?

Ich hab heute Geburtstag. Meine Mutter hat “Tochter geboren Tag”.

Es gibt diese Geschichte von der alten Frau, die inmitten ihrer Familie am Tisch sitzt und übers ganze Gesicht grinst. Auf die Frage, was sie so glücklich macht, sagt sie: “Ich dachte gerade daran, dass ihr alle irgendwie auf eine Art aus meiner Vagina gekommen seid.”.

In den letzten Wochen, seit dem Artikel über die Menstruation, seit ach seit FRAUENLEBEN as a thing of mine lerne ich, entdecke neu und fange an etwas zu spüren, das weit weit weit darüber hinaus geht, dass ich meine Familie verlassen habe – mich extrahiert und auf eine gewisse Art wieder_selbst_geboren habe.

Ich glaube nicht, dass ich diesen Weg, diese Art Bewusstsein für mich entwickelt hätte, würde ich noch im Schoß meiner Familie* leben.
Aber ich spüre gerade einmal mehr, dass da einfach auch Trauer ist. Nicht nur, dass ich jetzt hier sitze und meine Babymimosen als einzig lebenden Beweis für meine Potenz habe – die Tatsache, dass ich das so wahrnehme und auch noch “Potenz” nenne und eigentlich schon wieder davon zurückzucken will, weil niemand feminine Frauen* mit einem (ur)weiblichen Weiblichkeitsbegriff mag und lieber für abgedreht, übertrieben, unnötig, eingebildet und ach was weiß ich, hält

das macht mich traurig.

Es ist nicht nur, dass jetzt nicht die Tür aufgeht und sich meine Mutter zu mir ins Bett legt und mir von meiner Geburt und ihrem Erleben dessen erzählt.
Es ist nicht nur, dass jetzt nicht die Tür aufgeht und jemand mit einem Yestörtchen mit Kerze drin kommt und mich in den Arm nimmt.

Es ist, weil da etwas fehlt und vielleicht egal, wie mein Leben früher später irgendwann gelaufen wäre, in Bezug auf meine Mutter immer fehlen wird: Verbundenheit

Ja ja wir Menschen sind ja so autark und so tolle Egoinseln. Soziale SelbstversorgerInnen*, die Freiheit für erreicht halten, wenn sie frei von etwas sind und genau nur das haben, was sie gerne wollen.
Wir gebären nicht – das machen alles die Zellen.
Wir produzieren nicht- das machen alles die Arbeitsabläufe.

Wir schweben irgendwo im Nirgendwo und Essen, Schlafen, Ausscheiden und ein bisschen Wohlgefühl, das uns das Zittern aus den kalten Herzen treibt, das ist was uns ausmacht. Der Rest passiert einfach irgendwie so. Hupps! Kann ja alles mal passieren. Und nochmal. Und nochmal. Ist ja kein Drama. Es geht immer weiter. Wunderwerk Schöpfung. Geht irgendwie immer weiter, obwohl wir gar nix damit zu tun haben.

 

Ich hatte als 14 Jährige angefangen zu rauchen, weil meine Mutter raucht.
Die Verbundenheitsgefühle, die ich mir gewünscht hatte, stellten sich nicht ein. Ich erinnere kein einziges Mal, das wir entspannt und positiv belegt zusammen geraucht haben.

Sie hat jetzt ein Haus. Da hat sie ein Beet im Garten. Das kann man sogar bei Google Earth sehen.
Ich hab keine Ahnung, ob sie sich über die Pflanzen und ihr Gedeihen potent vorkommt oder nur denkt, sie wäre ein guter Gärtner (sigh).

Wenn ich mit ihr darüber reden würde… könnte ich es? Ich werde es vermutlich niemals.
Ob sie meine Geburt als einen Akt ihrer Potenz, ihrer Fähigkeiten als Frau wahrgenommen hat?
Ich warte seit Jahren darauf, dass ich ein bestimmtes Gefühl an meinem Geborenwordentag spüre. Eine Art Erinnerung meines Körpers, meiner Zellkerne daran, wie es war, als ich “hübsches Baby- du warst das hübscheste Baby im ganzen Krankenhaus. Du hattest so schöne Haare.” ganz neu, ganz ganz ganz ohne irgendeinen anderen Grund als den EINFACH NUR SO am Leben zu sein, diese Welt berührte.

In meiner Vorstellung ist es ein Vibrieren oder eine Art Druck, der als das Gegenstück zu einem Druck oder Vibrieren in ihrem Körper spürbar ist.
Ich meine… ja alles schief und krumm und schwer und jaaa Gewalt böse ja ja ja – aber es ist auch: ein Mensch, der aus einem anderen Menschen heraus gekommen ist, auch Mutter und Tochter auch Täterin und Opfer auch Macht und Ohnmacht auch potenzierte Kraft, die sich bis zu mir erstreckt hat- in mich hinein, in meine Zellen in mein physisches Dasein.
Ich bin nicht mehr da bei ihr, mit ihr, für sie – aber mich gibt es trotzdem. Ich bin ja trotzdem noch _da_ und hier. Ich existiere nicht kontextlos.

Wir sind trotzdem nicht verbunden.
Wir sind genau jetzt nicht verbunden, obwohl wir uns eigentlich genau jetzt verbinden könnten, um zusammen einfach mal kurz einzuatmen und unserem Dasein und unserer Kraft Raum zu geben. Sie zu würdigen. Einander Wissen, Unwissen, Fragen, Mut und Zweifel zu überreichen.
Wozu sonst sollte man eigentlich überhaupt Geburtstage feiern, wenn nicht dafür, das Wunder des Lebens in all seinen Facetten zu erspüren?

Wir sollten die Mütter an den Geburtstagen ihrer Kinder feiern und nicht am Muttertag, der sowieso by the way ursprünglich ein Tag war, an dem Mütter (Frauen*, die lebende Kinder geboren haben) dagegen demonstrierten, dass ihre Kinder und Ehemänner* in den Krieg ziehen sollten. Wir erinnern uns an die alte Frau oben im Text?

Ich lese gerade ein Buch, das die Vaporisierung – das Verschwinden der Frau aus dem kollektiven Gedächtnis aufgreift. Die Autorin nennt es “patriarchale Amnesie”.
Eine Lektüre, die mir das Gehirn nicht nur anstößt, sondern regelrecht an die Wände knallen lässt, um erlösend dran kaputt zu gehen.
Es tut weh das zu lesen, aber es heilt auch irgendwas in mir. Es macht meine Trauer um die fehlende Verbundenheit zu meiner Mutter und deren Mutter und deren Mutter und deren Mutter und deren Mutter und deren Mutter und deren Mutter und deren Mutter…. legitim und nachvollziehbar.
Es erscheint mir klarer und logischer, wieso mich Menschen fragen, ob Sexualität überhaupt so nötig ist, wie ich das wahrnehme. Oder warum Frauen, die von der großen Göttin sprechen und wissen, wie ihr Menstruationsblut schmeckt, als ganz besonders durchgeknallt und “nicht ganz in der Realität” bezeichnet und dargestellt werden “müssen”. Warum es so verdammt unsicher, schrecklich und nur abratbar ist, eine (feminine Cis)Frau* zu sein, die stolz auf ihre Biologie, ihre Leidenschaft, ihre Kraft, ihre sexuelle Potenz ist und sich weder dafür schämt, noch einen Hehl (im Sinne eines Verkaufs) für andere Menschen daraus macht.

Warum es in unserer Gesellschaft so wichtig sein kann – so existenziell hochnot nötig – die eigene Tochter nicht nur physisch auszuscheiden, sondern auch auf allen anderen Ebenen zum Frei von heits- Begriff zu erziehen.

Ich würde dieses Verstehen, dieses Erkennen und bewusst werden über diese Dinge so gern mit meiner Mutter und ihrer Mutter und deren Mutter und deren Mutter und und und
einem riesengroßen Haufen Frauen und Frauen* durchlaufen.
Ich mag es, wie sich auf politischer Ebene feministisch auseinandergesetzt wird. Wirklich.
Aber 50% Frauen im Bundestag, mehr Väter in Elternzeit und Werbung mit angezogenen Frauen, werden mich nicht mit meiner Mutter und der weiblichen Linie, deren gesamte Kraft ich in mir drin habe verbinden.
Was es erreichen kann ist, dass die Kraft, die ich weitergebe, wenn ich es denn kann und _ kann_ und im letzten Schritt auch will und _will_ einen weniger ausgedorrten Boden zur Entfaltung und Entwicklung vorfindet. Und ich werde dankbar dafür sein. Meine Kinder- unser aller Kinder werden uns dafür so dankbar sein, wie sie es können.

Ich habe heute morgen noch über die Nähe der Worte “Mode” – “Moder” – “modern” nachgedacht und jetzt tröstet es mich irgendwie einmal mehr.
Ja, da ist ein Loch, da ist keine Verbindung, da ist Moder und Rotte von etwas, was hätte sein können. Aber, wie auch die Schreiberin des Buches schreibt: nichts ist bunter als Kompost.

Vielleicht ist die Trauer auch Teil einer Art Verwesung, eine Art geistige Menstruation und ist da, weil sie da sein kann.
Jetzt.
Heute.

Endlich.
Nachdem ich mich daran erinnert hatte, dass ich eigentlich mal besser darin war, meinen Geburtstag unsichtbar zu machen.

Nachher esse ich Kuchen mit einer Gemögten.

Ich glaube, ich schenke meiner Mutter zu ihrem “Tochter geboren Tag” ein Licht an unserem Tisch.
Zum Gedenken.

der “fast nur Tiere”- Film

Wir sind mal wieder über Stock, Stein, Distelbüschel und Mückenparadies gestolpert um ein Video zu drehen.

Mindestens die Mücken und Bremsen geben mir dafür ein “like” haha

 

Ich hoffe, es gefällt euch.

getriggert

und manchmal erscheint es mir, dass die Welt wie ein Strom aus blubberndem Eiter kopf-über mich hinweg schleimt

dann eröffne ich einen Abszess in meinem Denken und ziehe ein sorgfältig beschriftetes Zettelchen heraus

Derealisation
Depersonalisation
Dissoziation
Reorientierung
Erwachsen mündig autonom

und dann halte ich ihn hoch und versuche mich wie Poseidon, Zeus oder wenigstens König Triton zu fühlen und Kraft meines Wissens die Situation zu beherrschen

In Wahrheit schwenke ich ein weißes Fähnchen aus Papier