Wände streicheln oder: Wissen ist Kontext

Ich habe am Wochenende stundenlang Wände angestrichen (“Wände gestreichelt”) und die köstliche Kombination aus Streichgeräusch und Cellomusik in meinem Mund hin und her bewegt.

Was unseren Gemochten, die wir gedenken zukünftig “Freunde” zu nennen, eine nervig lästige Arbeit war, die sie lange vor sich herschoben, war uns ein stundenlanges Schwelgen in Erbsenmoment und endlichem Vakuum. Endlich, weil klar war, dass wir irgendwann fertig sein werden – Vakuum, weil wir in weiten Teilen nicht in der Arbeit waren, sondern irgendwo dort, wo wir so mit uns sind, dass wir diesen Zustand als Idee der Ein.s.igkeit bezeichnen.
Dafür sind Erbsenmomente gut. Um uns an diese Idee zu bringen. Uns in einen Raum zu erweitern, der irgendwo zwischen den Rändern von “assoziiert” und “dissoziiert” ist, doch nie bleibt.

Meditation? Trance?
Oder ein Reflex des Gehirns äußere Monotonie mit innerem Budenzauber zu füllen?

Wir mögen diesen Zustand.
Deshalb streichen wir gerne, laufen lange (langweilige Hunderunden), fahren vorzugsweise Fahrrad, drehen Kreisel, drehen uns selbst, sortieren, symetrietesieren.
Ich fühle mich dann sicher. Die Welt ist mir dann ein guter Ort, weil sie sowas kann und uns in dem Zustand kaum noch hat.

Was andere Menschen so an uns nervt, reizt, stört, als ungewöhnlich und nicht einfach im Kontakt wahrnehmen lässt, sind die tausend scheinbar offensichtlichen Fragen und In-Fragestellungen, die aus heraus kullern. Selbst Menschen, die wache, kritische, neugierige Menschen mögen, mögen es nicht an Grenzen des eigenen Wissens und Erklären.Könnens geführt zu werden. Das ist so, weil es eine kaputte Haltung zu Unwissen und Unerklärbarkeit gibt.
Für viele Menschen ist Wissen gleich Macht. Für uns ist Wissen gleich Kontext.

Kontext ist Orientierung. Kontext ist das Oben und Unten, das für so viele Menschen ganz selbstverständlich da ist, nie infrage steht, nie tückisch, erschreckend, unerträglich wirkt. Kontext ist, von wo wir uns in immer weiteren Kreisen entfernen und so die Menschen mit ihrer Welt von uns befreien können.

Wir sind ein Mensch, der aufwacht und um Kontext ringt. An manchen Tagen vielleicht auch einzig, um sich aus allem entfernen zu können, weil nicht aushaltbar ist, was ist und war und vielleicht auch immer sein wird.
Und das ist, was für uns den Kern unserer dissoziativen Identitätsstruktur darstellt und das Drama um die Autismusdiagnose erklärt.

Ich bin nie sicher, ob ich die Nacht, den Morgen, die Mittagszeit, den Abend überlebe. Ob ich die ganz alltäglichen Handlungen wie Aufstehen, Zähne putzen, sich waschen, die Kaffeemaschine anmachen, mit NakNak* rausgehen usw usw usw überhaupt erinnere. Wer mich kennt und wer nicht, ob und wenn ja wessen Tagesplan und Tagesplan B, C oder D dem Lauf der Dinge standhält, ob meine Haut schmerzt, als würde sie verbrennen oder mich eine überbordende Schmerz-Reiz-Reaktion zerfetzt– das ist Zufall für mich. Immer und immer und immer wieder. Schon immer.

Und immer wieder ist es entweder die weiße Wattewand oder das tiefschwarze All zwischen mir und der Welt, was mich beruhigt und aus dem Kämpfen entlässt. Immer wieder ist es der letzte, äußerste Rand dessen, was ein Mensch empfinden kann, der uns verortet und mir den gröbsten aller Kontexte produziert: Ich (bin)

Neulich blieb von einem Wortschwall, der an uns gerichtet war, der Satz “Sie machen immer alles mit dem Kopf.” bei mir kleben.
Es klang wie ein Vorwurf. Die Kenntnis eines Defizits.
Und nicht wie die Anerkennung eines von uns autonom steuerbaren Handelns, uns irgendwie zu orientieren. Uns selbst zu sichern. Uns selbst zu verorten. Diese Welt für uns er.greifbar zu machen. Kontakt herzustellen, den wir er.tragen und pflegen, gestalten und entwickeln können.

Vielleicht haben wir keine Intuition oder diesen einen special emotionalen Punkt innerer Sicherheit um das Bewusstsein des Selbst.seins, der immer wieder über diverse Therapieansätze anzusprechen versucht wird.
Sehr wohl aber haben wir Massen von Wissensclustern im Kopf, deren Anwesenheit für uns niemals je infrage stand oder fehlte oder uns im Stich gelassen hat. Sicher ist das kein Ausgleich für eine Ebene des menschlichen sich-selbst-bewusst-seins, doch ganz sicher ist es weder Defizit oder etwas, das uns daran hindert, am Leben teilhaben zu können.

Es macht unsere Art das Leben auszuhalten und immer weiter zu versuchen es zu be.leben, einfach nur sehr viel anders, als das sehr vieler anderer Menschen, die versuchen das Leben auszuhalten und immer weiter zu versuchen es zu be.leben.
Nicht mehr, nicht weniger.

Schmalzischmalz und Wahrhaftigkeit

Wir sitzen auf unserem Baumstamm im Nirgendwo des Irgendwo im Wald und starren auf das zarte Grün um uns herum.

“Es hat alles irgendwie mit Wahrhaftigkeit zu tun, glaube ich. Also, dass ich, weil ich da bin, der lebende Beweis dafür bin, dass es die anderen vor mir auch gibt. Mit allem, was sie haben, brauchen, können oder auch nicht können, brauchen oder haben. Und eben ganz wahrhaftig.”.

“Hmmm”, macht die Gemögte ins Telefon und es hört sich nach Zustimmung an. “Also ist es deine Selbstannahme als ein Innen, das für andere Innens entstanden ist, die macht, dass du die Anderen, als wahrhaft existierend bewiesen siehst?”
”Ja! – Danke – das ist viel knackiger formuliert.”, sie lacht und wickelt sich den Satz in ein blaues Erinnermich-Tuch.

“Und das Andere ist: Okay – ich habe die anderen und ihre Bedürftigkeiten und Schwierigkeiten als wahrhaft anerkannt. Ich denke: “Okay – ich habe keine Ahnung, wie ich dem begegnen kann. Wie ich auf sie Rücksicht nehmen kann oder wie unser Leben vielleicht gestaltet sein könnte, damit die Dissoziation zwischen uns vielleicht aufgelöst werden kann. Wie ich mit unkontrolliertem Erinnern umgehen kann und vielleicht auch schauen kann, was für Leben sie gelebt haben.
Es ist das Eine dieses Leben zu führen, in dem der intimste Kontakt zu anderen Menschen der ist, in dem man die Fragmente, die wir als Blogtexte teilen, dem Lauf der Dinge überlässt, in dem sich widmet, wer sich die Zeit, den Raum, die Kraft nimmt, sich zu widmen. Mit allen Konsequenzen, Risiken und Aus_Wirkungen, die möglich sind. Dieses Leben, in dem ich gut funktioniere, weil ich das kann. Weil ich dazu da bin, das zu können.”.

Es wird dunkel hinter mir. Ich fühle, wie sich etwas verdichtet und als Tränen aus ihren Augen herauskommt.
NakNak* schiebt sich auf ihren Schoß und leckt an ihrer Handinnenfläche. Drückt den Kopf an ihre Brust und wartet auf die Schmusegeste, die wir immer mit ihr machen.

Ich lege meine Hände auf ihre Schultern, obwohl ich schon weiß, dass sie mich nicht wahrnimmt.
Vielleicht tröste ich mich mit dieser Geste mehr als sie.

Sie schnieft ein bisschen und atmet durch.
“Es ist aber etwas anderes, den Lauf der Dinge selbst und aktiv zu beeinflussen und zu gestalten. Ganz bewusst und mit Absicht – obwohl man weder weiß, was man dazu genau tun muss, noch wirklich sicher weiß, welche Fehler okay sind und welche nicht. Oder – was heißt Fehler? – welche Abweichungen von “normal” wie in “nicht störend” oder “nicht unangenehm auffallend” okay sind.”.
“Also geht es auch noch um Anpassung, ne?”. Die Stimme der Gemögten klingt warm und erinnert mich an den Schwan. “Das ist ja auch oft ein Thema bei euch, die Frage, wie okay ihr seid, wenn ihr nicht passt oder den Anpassungserwartungen nicht entsprechen könnt.”.

Es klingt, als würde sie sich bequemer hinsetzen. “Kann es sein, dass das jetzt auch gerade das Problem ist? Also nicht nur das Dilemma, dass man eure Schwierigkeiten nicht sieht und als wahrhaft anzuerkennen scheint, sondern auch, dass ihr gerade merkt, dass ihr euch nicht an Vorgaben anpassen könnt, ohne so stark zu dissoziieren, dass ihr Zeit verliert oder sowas?”.
Hannah nickt und streichelt den Hund. “Ich glaube schon.”, antworte ich.
“Was ist wenn das immer und immer so bleibt?”, fahre ich fort, “Für immer. Was, wenn uns die Klinik gerade zeigt, wie falsch wir sind und wie wenig anpassungsfähig wir an das echte Leben sind?”.

“Die Klinik ist nicht das echte Leben, M. . Von dort werdet ihr vielleicht viele Dinge mitnehmen, die euch im echten Leben helfen – ja. Aber irgendwas darüber, wie das echte Leben als behinderte und queere Person mit eurem Überlebenshintergrund ist, werdet ihr dort nicht lernen.”.
Ich merke, dass wir ein bisschen über ihre plötzliche Festigkeit erschrecken und hart werden. “Bitte verwechselt Kliniken und Hilfsangebote nicht mit dem echten Leben. Ihr hattet so wenig echtes Leben in eurem Leben – woher sollt ihr wissen, wie man damit umgeht? Ihr werdet Fehler machen und ihr werdet noch ganz oft nicht in die hübschen kleinen Hilfe-Lebens- und Revolutionskonzepte anderer Menschen hineinpassen, aber ihr werdet nie selbst der Fehler sein.
Verstanden? – Oder wenigstens gehört?”.

“Hmmm.”, mache ich und weiß nicht mehr so richtig, was ich sagen soll.
“Ist Hannah noch da?”, fragt sie und klingt wieder so weich wie immer. “Ja”, antworte ich, “sie steht neben mir.”.

“Ich kenne euch jetzt schon sehr viele Jahre und mich haut es selbst regelmäßig aus den Latschen, wenn ich merke, wie eigentlich doch wenig ich davon weiß, wer ihr eigentlich seid und wie ihr es überhaupt schafft am Leben zu bleiben. Aber ich kann das reflektieren, weil ihr mich daran erinnert, wie nötig das ist, um euch kennenzulernen. Immer noch und immer wieder neu.”.

“- Äh – wird das jetzt eine Schmalzischmalzansage?”, frage ich ein bisschen angeekelt dazwischen, “Wir hatten heute schon sowas ähnlich awkwardes mit dem Begleitermenschen am Telefon.”.
Sie lacht. “Nee, kein Schmalz – ernsthafter call out. Ihr seid viele und das bedeutet für mich auch jedes Mal neu gucken zu müssen: “Wer ist da? – Was kann die Person? – Was bringt sie mit? – Worum geht es jetzt und hier? – Was wird gebraucht?.” Das ist meine wahrhafte Normalität im Kontakt mit euch und ich merke selber, dass mich das einerseits manchmal anstrengt, weil ich bei anderen Menschen da viel fauler sein kann – andererseits seh ich aber auch, wie klasse das ist, wenn ihr euch diese Fragen mehr und mehr auch selbst stellen und beantworten könnt. Und die Antworten auch aushalten könnt, ohne in Todesangst oder anderen Stress zu geraten.”, sie kichert. “Oder wie J. sagen würde: “Ich feier’ das hart, wie ihr vorwärts kommt!”.

Wir lachen und reiben uns die Hitze aus dem Gesicht.
Sie sprechen noch ein bisschen über das echte Leben, das Vielesein, das Behindertsein, die Angst und darüber, wie krass es manchmal ist, überhaupt zu existieren.
Ich merke, wie es Hannah zum Trost wird und uns zur Kraftquelle.

Und irgendwann glaube ich fast, dass wir wirklich nicht mehr tun müssen, als wir im Moment tun, um das Beste zu machen, was wir können.

böse Mädchen

Wir griffen nach zeitlichen Folgen, versuchten ein Nacheinander zu finden und zu fühlen, warfen uns dann aber doch wieder nur in den Lauf der Dinge.
Hörten einer Person zu, die über Essen sprach und rannten wieder zurück zum nächsten Termin.
Sammelten uns. Sprachen aus, woran wir seit dem Aufnahmetag in der Klinik kauen: Wir fühlen uns nicht erwünscht. Nicht gehört, nicht gesehen, nicht verstanden – und schrägerweise ist dieses Gefühl genau dort präsenter, wo man sich voll und ganz auf uns konzentriert. Beziehungsweise, voll und ganz darauf konzentriert ist, uns Dinge zu sagen. Egal, was das mit uns macht, für uns bedeutet oder wie es von uns aufgenommen wird oder werden kann.

In anderen Settings ist das Gefühl nicht da. Wir gehen angenehm anonym unter in den Gruppen. Machen unsere Übungen, spüren nach, fragen rein, schwingen mit, versuchen uns zu bewahren, was sich an guten Empfindungen einen Weg sucht. Alles läuft okay und genau so, wie wir uns das erhofft hatten.
Doch wehe wir haben einen Einzeltermin oder wir werden durch als hilfreich intendiertes Verhalten ins Erinnern getriggert.
Dann bricht die Hölle los.

Und es ist eine Hölle.
Eine, die wir schon mal erlebt haben. Mehrfach. Über Jahre.
Und die, außer für uns, den Begleitermenschen, unsere Therapeutin und die Flauscherzen in unserer Twittertimeline scheinbar für niemanden sonst real ist. Denkbar ist. Möglich ist. Wahrhaft ist.

Nach dem Termin fahren wir nach Hause und rupfen uns und sie aus der Zeit heraus.
Wir machen uns weit, weich und warm. Gehen zur Seite und lassen sie fertig weinen im Tausch gegen einen Schnitt vom Hals bis in die Scham. Wir streicheln NakNak*, streicheln unsere Nerven. Lassen Seifenblasen durchs Bullergeddo fliegen und lauschen dem Tanz der vielen geschenkten Kreisel auf unserem Laminatfußboden.
Wir schenken uns einen Erbsenmoment, der eine Stunde dauert. Schenken einem Fast-noch-ein-Kind den Trost, den es braucht und erfahren, dass sich für sie etwas wiederholt.

Irgendwann kann auch ich den Schmerz in der verletzten Hand fühlen und denke darüber nach, ob wir noch Kraft für den verwaltungsrelevanten Überweisungsquatsch von der Klinikärztin zur Ambulanz im anderen Krankenhaus haben, damit sich ein special Körperarzt die Hand ansieht.
Und dann muss ich lachen.

Dann lache ich bis ich weine und das Mittagessen erbreche.
Weil ich mich “behandlungsbedürftig selbst verletzt” habe, während unsere Behandler_innen im Raum saßen und sich vermutlich genauso vor dem, was da aus uns herausgebrochen ist, erschreckt haben, wie wir selbst. Was ein den gemeinsamen Absprachen entsprechender Grund wäre uns zu entlassen.

Das 14 jährige fast-noch-ein-Kind beobachtet mich und mein Lachweinkotzen. Und ich merke ihre Verwirrung. Merke, wie gut es wäre, würde ich mich selbst dort in diesem Klinikrahmen so sicher und geschützt fühlen, wie es unsere Behandler_innen tun.
Ich sage dem fast-noch-ein-Kind nicht, dass alles okay wird. Ich verspreche ihr nicht, dass ich sie schützen werde.
Ich schaue nach innen. Suche nach einer Wahrheit, die ich mit gutem Gewissen an ihr Herz legen kann.

Und verspreche ihr, dass sie für mich niemals das böse Mädchen sein wird, für das sie sich hält.

Meilensteinchen

Die Onlineumfrage zur Erfassung der Erfahrungen und Wünsche komplex traumatisierter Menschen, in Bezug auf Betreuungen in unterschiedlichen Settings wurde geöffnet
Hier geht es zum Informationstext und dem Umfragelink.

Freude über den ersten Film, ganz ohne ungewollte Unschärfen, Über- oder Unterbelichtungen.
Nach gut einem Jahr üben, testen, scheitern, zweifeln… weiter üben.

Sonntag

Am 30. 4. stellen wir unsere fotografische Auseinandersetzung mit Wahrnehmungs_Fragmenten, Differenzierung, Unterbewusstsein und der Perfektion des Ist im Rahmen der “Nachtansichten” aus.

Außerdem produzierten wir die erste Episode “Viele-Sein”, aus der wir selbst etwas über uns verstanden haben.

auf Hoch_Tour

“Ich habe keine Angst daran zu verbrennen.”, dachte ich und stemmte meine Füße gegen die Fahrradpedale.
Den Berg, auf dem das Bullergeddo steht, rauf, ohne dem Aufjaulen der Beinmuskulatur mehr als zufriedenes Nicken zu widmen.

“Ich … habe … keine …”, eine Amsel segelte vor mir flach über die Straße und landete am Rinnstein, “Angst.”.
10 Kilometer später, habe ich wirklich keine Angst mehr. Genieße den Schmerz im Oberkörper, in den Händen, in den Beinen.

Ich merke, wie wunderbar ich mir einen Schnitt von dem wummernden Pochen im Hals bis zum Bauchnabel vorstelle und untersuche die Vorstellung auf ihre Konsistenz. Als sie mir durch die Finger rinnt, rede ich auf mich ein, wie sehr ich alles im Griff habe. Meine Pläne, meine Termine, meine Aufgaben und Frei_Zeiten.
Ich sage sie mir auf und trete weiter in die Pedale.

Irgendwas am Rad quietscht und stört mich. Macht mich unruhig und schmeckt nach Kapern. Als ich den MP3-Player einschalte, vermischt sich der Geschmack mit dem, was die Musik mit sich bringt. Meine Gedanken wickeln sich die Idee, wie gut es wäre im eigenen warmen Blut zu liegen. Warm weich weit. Ein bisschen flüssig, aber eigentlich auch wie Gelee. Ein bisschen eklig, aber so warm wie ich selbst.
Zwischen meinen Schulterblättern rinnt ein Schweißtropfen herunter.

Ich biege ab und steuere direkt auf die längste und letzte Steigung der Runde zu. Hoffe, dass der dritte Gang schnell einrastet und hinter mir niemand irgendein Überholmanöver versucht.

Als ich oben bin, drückt mir der ungeschickt umher polternde Puls den Hals so eng zusammen, dass ich meine Angst wieder spüre. Ich bin zu erschöpft für eine Selbstbeschwörung. Ich lasse los und stehe da und weine und atme und denke, wie erbärmlich bescheuert das alles ist. Will meine Rasierklingen haben. Will einfach schnell alles in Ordnung bringen. Will abschneiden, was schief gelaufen ist. Will das kaputte Stück abschneiden und ein heiles nachwachsen lassen.

Steige dann aber zurück aufs Rad. Erinnere mich daran, wofür wir jeden Tag mehr und mehr Kilometer zu fahren versuchen.
Ich atme durch und fahre weiter.

Es wär so viel bescheuert erbärmlicher so zu tun, als könnten Dinge nicht auch schief gehen und trotzdem irgendwie heil weiterwachsen.

und die Sonne scheint

Während hinter ihr ein langer Vortrag über eine aufregende Situation, die planvolles Handeln erschwert, doch nötig macht, vom Schlauberg herunterkullert wie geronnene Milch, scannt sie den Bildschirm und verfolgt das Bild der Podcasttonspur. Es ist eine Episode in Flieder mit einem sachte schwingenden Faden in Orange.
“Ich muss was tun, wenn wir hier durch sind.”, legt sie langsam und bedächtig neben die Hand an der Laptopmaus, “Ich glaub, sonst überreize ich.”.
Mit einem letzten Klick werden die Spuren zusammengelegt und gespeichert.

“Ich will was Schnelles und Wuchtiges.”, kräht es dicht neben ihrem Denken in den gemeinsamen Äther. “Ich will… ACHTERBAHN FAAAAAAAHN”.
“Is klar. Wer kennt sie nicht – die Achterbahn in der Nachbarschaft?”, lächelt sie und pickt dem Kerlchen neben sich auf die Stirn. “Such dir was anderes, Kleiner.”.

Sie entfaltet den Körper und schaut in das aprilhafte Wetter hinaus.
Unter der Haut summt es und das linke Augenlid zuckt unangenehm.

“Hör auf zu kratzen.”. Von hinten greift eine Hand in ihr gedankenverlorenes Pulen an einem neuen Pickel.

Am Türrahmen steht jemand mit dem linken Fuß auf dem rechten und zählt  auf: “Jacke, Schal, Mütze, Stulpen, Schuhe, Keksbeutel für NakNak*, Mittagessenbüchse, Handy, Portemonnaie”. Sie setzt Haken an jedes Stück und beobachtet das Jemand heimlich aus den Augenwinkeln.
“Guck weg.”, antwortet es mit einem Stachel in der Stimme.

“Äh kennst du das da wo so ne Rutsche is mit som Karuselldings und so?.”
“Kennst du deutsche Sprache?”
“Kennst du die Geschichte von dem Innen, das sich nicht bemüht hat ein bisschen offener und rücksichtsvoller zu sein?”, fragt es in ihren Hinterkopf hinein und kruschelt dem Kleinen durch die Haare. “Ist nicht so gut ausgegangen, weißt du?”.
Sie gehen spitzmäulig lächelnd auseinander.

“Ich weiß wo das ist, aber das ist ganz schön weit. Bis wir da sind haben wir vielleicht keine Kraft mehr für den Rückweg und den Abend.”. Sie schaut in die Runde und fummelt nervös am Jackenreißverschluss herum. Als niemand antwortet, beugt sie sich zu dem Jungen herunter und sagt: “Aber ich kenne noch einen Spielplatz mit Reifenschaukel. Das ist nicht schnell und wuchtig, aber wenn man die Augen zumacht ist es ein klitzebisschen wie Achterbahn.”, sie kneift die Augen zusammen. “Also jedenfalls wird mir da immer ein bisschen schwummerig.”.

Die Grummelsie grummelt und zappelt an der Tür herum. “Okay okay dann los jetzt.”.

Sie gehen schaukeln und sich schwummerig machen. Laufen 30 Kilometer zu Fuß. Weg.
Vorm Denken. Angst haben. Sorgen machen. Erinnern. Aufgeregt sein.

Und die Sonne scheint.

gute Sätze

Vielleicht war es die beste Idee, die uns bisher je gekommen ist, wenn wir darüber nachdenken mussten, was uns hilft, wenn wir mit unseren Aktivitäten zur Selbsthilfe nicht weiterkommen.

Die Frage: Was genau soll sich warum verändern? Worum genau geht es?

Wir haben irgendwann gemerkt, dass die ersten Kognitionen in schwierigen Zuständen die gleichen Kognitionen sind, die es in einer traumatischen Situation gab: Es soll aufhören. Bitte mach, das es aufhört. Jemand soll machen, dass es aufhört. Ich kann nicht mehr. Ich bin ausgeliefert.
In der Reihenfolge.

Wir haben aufgehört “Es soll aufhören” als Erstes festzuhalten, nur weil es ein klarer und fester Gedanke und Wille  inmitten von Ohrensausen, Flirren vor den Augen, einem Puls der mit seinem Wummern den Hals verengt und diesen Wahrheiten, die die Sprache verschlagen, ist.
“Es soll aufhören” ist ein Reflex. Sinnlos, wie die Arme schützend vor den Kopf zu heben und die inneren Stahlwände zuknallen zu lassen, wenn nur ein Erinnern an eine Bedrohung passiert.

“Es soll nicht mehr weh tun.” ist ein guter Satz.
Weil man sich fragen muss, was denn weh tut. Und ob es das wirklich tut. Und wenn ja, was die konkrete Lage ist. Was genau ist da, jetzt und hier, wo es weh tut?

”Es soll mich nicht mehr ängstigen.”, ist ein guter Satz.
Weil man sich fragen muss, wovor man Angst hat. Oder Furcht. Und dann kann man ein Rechenspiel machen. Eine riesengroße Wahrscheinlichkeitenmatrix kann man sich dann bauen. Und ist erstmal beschäftigt. Weil Rechnen hinter der Stirn passiert und Furcht in der unteren Mitte des Kopfinneren.

“Es soll nicht mehr verwirrend/verunsichernd sein.”, ist ein guter Satz.
Weil man sich erinnern kann, dass alles einen Anfang und ein Ende hat. Und hatte.
Dass die Welt ein Oben und ein Unten kennt, ein Gestern und ein Heute.

Irgendwann kam die Idee auf, von der Therapeutin versichert zu werden, ohne, dass wir länger mit ihr telefonieren oder um einen Krisentermin bitten müssen. Es entstand das Vorgehen, ihr einen Stein zu geben und ihn in der darauf folgenden Stunde wieder abzuholen.
Wir rufen an, sagen, dass wir das gern tun würden, sie sagt, wann das geht und wir fahren entsprechend los. Durch die bekannte Stadt, vorbei an bekannten Geschäften, umgeben von vielen kleinen Alltagswundern. Gehen zur Praxis, klingeln und sagen “Hallo”. Geben ihr den Eulenstein, sagen “Tschüss” und gehen durch den bekannten Wald zurück nach Hause. Wir atmen, wir teilen unsere Blicke und wuchern mit jeder vergehenden Minute mehr zurück in die Sicherheit des Augenblicks.
Weil sie uns sagen würde, wäre das Heute kaputt. Sie wäre nicht da, gäbe es das Jetzt nicht. Die Stadt würde anders aussehen, wäre es nicht diese Stadt.
Den Wald gibt es nur hier.

Es war die perfekte Idee um dem schlimmsten guten Satz zu begegnen.
“Ich will nicht allein sein mit dem Horror (nicht sicher zu wissen, ob er je aufgehört hat).”

die Zeitreise ~ Teil 11 ~

Wir segelten auf eine Sandstrandküste vor einem kleinen Wäldchen zu und ließen die salzige Luft auf unserer Haut kribbeln.
Ein köstlicher Geruch von Algen, vergehendem Holz und Seewasser ließ mich die Augen schließen, als ich von der Schleiereule geklettert war und meine Füße in den Sand gestellt hatte.

Kurt nahm ihr das Zaumzeug ab und ich streichelte ihre Brust, während ich mich für ihren langen Flug mit uns bedankte. Sie knibbelte, fast als wollte sie antworten, über meinem Kopf und flog in das kleine Wäldchen.  Unser Zeitreiseleiter stakste durch die Sanddünen. Wir betrachteten die nun riesengroß vor uns aus dem Boden ragenden Muschelstückchen und Steine.

“Ich hab vergessen, dass wir nun so winzig sind. Das macht das am-Strand-sein nicht so schön, wie ich mir gedacht hatte. Könnten Sie uns wieder vergrößern bitte?”, fragte ich Kurt und strich mit einer Hand über die Kante einer Miesmuschelschale neben mir. Dieser nickte und hob wieder einmal seine Arme, um in die Luft zu schnipsen und einen Glitzerstaubzauber zu machen.

Mir war ein bisschen schwindelig so schnell war ich wieder zu meiner alten Größe aufgeschossen. Kurt schien es nicht anders zu gehen, denn er schüttelte den Kopf und fixierte einen Punkt vor sich.
Ich schaute aufs Meer hinaus, dessen Horizont eine gerade Schnur zwischen oben und unten legte und die Welt so klar verteilte, wie es nur dort geht.

“Ich frage mich, wann du mir eigentlich sagst, was genau dich dazu bringt, mich als zweifelnde Blogger_in zu sehen.”, sagte ich zu Kurt, der sich auf ein Stück Treibholz gesetzt hatte und in der Landschaft umherschaute. Ich setzte mich neben ihn in den Sand und grub meine Finger in gewohnter Wischelwuschelbewegung neben mir ein. Kurt antwortete: “Nicht “zweifelnde Blogger_in” – “von Selbstzweifeln zerfressene Blogger_in”.”.
Er schaute mich spitzmäulig an und hob die Augenbrauen.

“Sie haben über 1000 Artikel aus der Perspektive eines Menschen mit DIS geschrieben. Ohne äußeren Auftrag. Ohne, dass sie in irgendeiner Form abgesichert sind. Sie arbeiten nicht mit Mediziner_innen oder Psycholog_innen zusammen und pochen immer wieder auf ihre Selbstvertretung., während viele andere, genau das nicht tun oder für unvorstellbar halten.”.
Der kleine Anzugträger stach mit seinem Finger durch die Luft vor meiner Nase und schaute mich sehr direkt an. “Sie haben keine Zweifel, an dem was sie tun – sie haben Zweifel daran, ob sie daran keine Zweifel haben dürfen.”.
Ich fühlte ich ertappt und schämte mich dafür. Ich dachte: „Wie praktisch es ist, am Meer zu sein und wieder normal groß. Ich könnte jetzt aufstehen, von diesem kleinen Scheißer weggehen und einfach für immer hier bleiben.“.

“Sie sollten sitzen bleiben.”, sagte Kurt ruhig und gelassen in meine Gedanken hinein und fuhr fort. “Der Zweifel ist wichtig. Wir Zeitreiseleiter haben nicht den Auftrag, zweifelnde Blogger_innen davon zu überzeugen, dass ihre Zweifel Quatsch sind oder unnötig. Wir sind nur Begleiter in der Rückblende und geben Ihnen die Möglichkeit zu gucken, woher ihre Zweifel kommen, um dann selbst zu entscheiden, wie viel mehr von sich Sie dem Zweifel zu Fressen geben.”.
Das kleine Wesen hob vielsagend eine Augenbraue und schloss seine Ansprache. “Sie werden dieses Konzept der Auseinandersetzung kennen.”.

Ich lachte. “Also sind sie doch so eine Art verkappter Psychoanalytiker.”. Kurt neigte den Kopf hin und her. “Na, ich denke, selbst Ihr Kopfinneres sagt Ihnen gerade, dass jedes Wesen mit dem man kommunizieren kann, auch kann, was ein Psychoanalytiker kann. Von daher …”. Er zuckte gleichmütig mit den Schultern und lächelte.

“Jedenfalls haben Sie Recht mit dem Zweifel darüber gut und richtig finden zu dürfen, was wir hier tun.”, sagte ich und schaute den Wellen und Wogen des Meeres vor mir zu. “Wir merken, dass es uns gut tut zu schreiben und uns, genau so, wie wir es tun auseinanderzusetzen. Wir merken aber auch die Bewertungen dessen von außen. Oft sind es positive Bewertungen – ganz klar.
Aber oft merken wir eben auch Missachtung und nicht wertschätzende Haltung.
Viele Menschen verstehen weder das Konzept “Blog” noch das Konzept “Selbstvertretung” – obwohl genau das die logischste Konsequenz des derzeitigen Anspruches an Menschen, die zu Opfern wurden und Menschen die psychisch belastet sind, ist. Immer wieder heißt es, man solle DAS DA privat lösen. Man solle doch lieber für sich allein damit zurecht kommen und ach am Besten dann Gewehr bei Fuß stehen, wenn irgendein glänzender Heilungsweg für irgendeine Öffentlichkeitsarbeit benötigt wird.
Und wenn das nicht passiert, dann hat man wenigstens unter sich zu bleiben. Gutes Opfer – Böses Opfer mitspielen, sich darum bemühen nie eines von “diesen Opfern” zu zu sein und grundsätzlich überhaupt und hauptsächlich an einer gesellschaftskonformen Leidensperformance zu arbeiten.”.

Ich erinnerte mich an die Tagungen, die wir besucht hatten und an den Zukunftskongress.
Einerseits die Freude da sein zu dürfen und zu merken: “Es wird sich Gedanken gemacht” und “Da sehen Menschen, was es bedeuten kann viele zu sein, bestimmte Gewalt erfahren zu haben bzw. behindert zu sein und bestimmte Ausgrenzungserfahrungen immer wieder machen zu müssen.”.
Und andererseits die Enttäuschung über das Geschäft mit der Inklusion und die noch immer ausbleibende Debatte um Deutungs- und Definitionsmacht von Psychologie und Medizin im Kontext von neuerlichen Gewaltdynamiken, wenn es um Opferhilfen und Versuche des Vermittelns geht.

“Immer wieder ist das, was wir tun “in Wahrheit” nicht gut für uns. Oder richtig. Oder was bilden wir uns eigentlich ein, wie wichtig wir sind, dass wir uns hier hinsetzen und einfach schreiben. Und wie sehr wollen wir eigentlich bemitleidet werden, wenn wir uns hier so zeigen. Oder schlimmer noch: wie verschoben ist eigentlich unsere Selbstwahrnehmung, dass wir nicht merken was wir hier “eigentlich” und “in Wahrheit” machen?”.

Ich hielt inne und schaute Kurt an. “Also falls sie das grad nicht merken: ich zähle hier gerade die Stigmatisierungen auf, die in den letzten Jahren an uns herangetragen wurden und sich alle mehr oder weniger darin begründeten, dass wir selbst auf gar keinen Fall in irgendeiner Form ein “richtiges” oder “wahrhaftes” Urteil über uns selbst fällen können, weil wir ja krank, behindert, verdisst, falsch sozialisiert, eine Frau, eine Feministin, eine linke Randikaloweltverbesserin sind, deren Ohrenrückwände noch grün, weil feucht sind. Oder schlicht: weil wir “in Wahrheit” ein mieses Stück Scheiße sind, das anderen Menschen schaden will, weil wir eine Täterin sind.”.

Ich stand auf und deutete Kurt mitzukommen.
“Lassen Sie uns ein bisschen am Wasser entlang laufen.”.

Das kleine Wesen im Tweedanzug mit Zauberjacke und grüner Haut hüpfte von seinem Platz und kam mit.
“Bis heute ist es selten, dass uns Menschen glauben, wenn wir ihnen sagen, dass wir einen Unterschied machen zwischen einem öffentlichen Auftritt, der sich darum bemüht so viele Menschen wie möglich zu erreichen und einer von der Öffentlichkeit wahrnehmbaren Präsenz, die ist, egal ob es jemanden erreicht oder nicht.”.
Die weißen Schaumkrönchen der Wellen leckten über unsere Schuhe und ich zog sie aus, um noch mehr davon zu fühlen.

“Wir hätten das ganze Programm haben können, wenn wir gewollt hätten und wirklich irgendwie einfach in die Welt rausrufen wollten: “Ich war mal Opfer und jetzt bin ich kaputt und die Welt sollte …”. Dann hätten wir jetzt einen mehrstelligen Kontosaldo, ein Buch von Vielen, einen Kinofilm von Vielen und den Ausverkauf unserer Geschichte, den wir als “Öffentlichkeitsarbeit” vor uns rechtfertigen, wann immer wir zu einer Märtyrerin gemacht werden, die wir weder jetzt sind, noch je waren.”.
Meine Stimme stolperte ein bisschen ungelenk hinter meinen Gedanken her. “Verstehen Sie – unsere Zweifel kommen nicht aus uns allein, sie kommen aus der Diskrepanz zwischen unserer Befriedigung und dem Wohlgefühl uns selbst irgendwo sein lassen zu können wie wir sind und auch unsere Entwicklung zu dokumentieren und dem was aufgrund dessen bzw. dem, was daraus gedeutet wird, an uns herangetragen wird. Aus dem Grund haben wir auch die Kommentare geschlossen.
Oft dachten wir von Kommentaren, da würde von uns erwartet, dass wir bereuen, was wir hier tun, oder dass wir uns dafür schämen oder dass wir auf keinen Fall glauben sollen, man könne uns ernstnehmen, wenn wir “das SO machen” – und das verwirrt mich, weil es bedeutet, wir sollten weder ganz eigene Befriedigung noch alleiniges Wohlgefühl daran haben.
Mal abgesehen davon, dass sie die netten und schönen Wortmeldungen anderer Leser_innen völlig überstrahlt haben, so dass wir ein mögliches Mit-anderen-Menschen-mitfreuen oft gar nicht haben konnten.”.

Der kalte nasse Sand unter meinen Füßen fühlte sich an wie ein weiches Glas. Das Meerwasser wie ein kleiner Schock, der mich mit jeder Welle neu erfasste.

“Haben Sie mal darüber nachgedacht aufzuhören?”, fragte Kurt zwischen zwei Schritten und bückte sich, um einen Stein aufzuheben.
“Wir denken jeden Tag darüber nach.”, antwortete ich und hob ebenfalls einen Stein auf. “Mit jedem neuen Text ist da der Gedanke: “Der könnte genauso gut in einen Ordner geheftet werden. Der braucht keine verunstofflichte Form.”. Und daneben das Wissen: “Würden wir es nicht verunstofflichen, wäre es nach ein paar Tagen oder Wochen verschwunden.”. Ich stellte mich schief und versuchte den Stein über die Oberfläche springen zu lassen.  Er platschte gegen eine Woge und tauchte direkt ab.

“Wir würden die Texte wegschmeißen, wie wir unsere Texte als Kind und Jugendliche weggeschmissen haben, bevor sie von anderen verschwunden gemacht werden können. Und wir würden uns damit unsere Chance auf die Möglichkeit bringen, unser Leben als Einsmensch an einem einzigen Zeitstrahl entlang sortierbar zu empfinden. Irgendwann. Vielleicht.”, ich lächelte ihn schief an, “Falls wir mal so etwas wie ein gemeinsames Empfinden für Zeit, Raum und uns als ein Selbst entwickeln.”.

Ich reckte mich und streckte die Arme in die Luft. Atmete so weit wie meine Lunge ging und hörte die Anderen neben mir und um mich herum seufzen.
“Ich zweifle manchmal daran, wie lange und wem gegenüber wir es schaffen unsere Selbstvertretung hier als gerechtfertigt und okay, und als “auch wir” aufrecht zu erhalten.  Wir sind unser ganzes Leben lang immer wieder irgendwann vor anderen Menschen eingeknickt, wenn es darum ging wie viel wir wie und wo sind oder nicht sind. Und immer wieder haben wir “Kompromisse” gemacht, wo eigentlich Zwang war. ”. Ich hob einen flachen Stein auf und versuchte erneut einen Sprungwurf.
“Das klingt, als würden Sie sich nicht zutrauen, auch außerhalb des Blogs für sich selbst zu stehen und sich selbst vertreten zu können.”, sagte Kurt und schaute mich an.

Ich nickte knapp und schaute meinem Stein nach, der nach drei Sprüngen ohne Platsch in eine Wasserfalte glitt.
“Außerhalb des Blogs können wir uns auch vertreten. Aber sich irgendwo  hinstellen und und es so zu tun, wie es für gut und richtig ist: nämlich in circa fünfhundertausend Worten inklusive aller für uns relevanten Ebenen und Ichs, die mitreden wollen – das funktioniert dort nicht und haben noch keine Wahrheit darüber, warum das so ist.”.  Wieder lenkte ich meinen Blick über die Weite des Meeres und hörte dem Rufen der Möwen zu.

Ich schloss meine Augen und lächelte.
“Vielleicht haben wir aber eine wenn …”, langsam öffnete ich sie wieder und erstarrte, als ich registrierte, dass ich in meinem Bett lag und offenbar gerade aufgewacht war. “… wir die nächsten 1000 Artikel geschrieben haben.”, beendete ich meinen Satz und ließ meine Finger durch eine kleine Lache violetten Glitzerstaubes auf dem Boden gleiten.

// Ende //