die Wut einer behinderten Person auf ~die Leute~, ein Corona-Rant

Throwback zu meinem Text über die kollektive Trauer in der Pandemie.
Ich war traurig. Ich war im Zweifel mit den Veränderungen umzugehen, die meine Strukturen und Stützen so schnell und so umfassend wegrissen. Ich habe nicht verhandelt, ich war nicht wütend. Ich war deprimiert und bereit die Situation zu akzeptieren, denn so habe ich, haben wir, immer überlebt.
Das ist wohl einer dieser Vorteile des ZumOpferGewordenseins. Und auch des Lebens mit Behinderung. Wir sind fit, wenn es darum geht, uns selbst als zu klein für Verhandlung, Wut, Veränderung des Ist aus uns selbst heraus zu sehen.

Jetzt sind wir in 2 Wochen wieder in der Stadt gewesen, um mit unserer Therapeutin direkt zu sprechen. Es geht uns schlecht, Videotelefonie reicht nicht. Ich weiß, dass Suizidalität und Selbstverletzung und damit unser Leben mit in der Waagschale liegt, wenn wir uns damit befassen, ob wir unser Ansteckungsrisiko derart erhöhen oder nicht.
Wir wägen ab zwischen bekanntem Leiden und unbekanntem Leiden. Suizidale Krise, Gefangenschaft in der eigenen Sprachlosigkeit oder Covid-19 und alles, was das für den Freund mitbedeutet.
In beiden Fällen geht es um unser Leben und in beiden Fällen müssen wir trennen. Ist es ein Kampf um unser Leben? Sind wir direkt akut bedroht zu sterben? Ist es wie früher oder gibt es Aspekte, die uns aufzeigen, dass Jetzt auch Heute ist?
Wir dürfen keine Todesangst kriegen. Wir müssen rational ver_handeln. Was kann ich tun, damit es mir besser geht? Was hat bisher immer geholfen und was muss gegeben sein, damit wir das auch jetzt tun können, wo alle angehalten sind, bestimmte Dinge zu tun und zu lassen, um das Ansteckungsrisiko für alle zu verringern?

Als behinderte Person wissen wir sehr genau um unsere Grenzen und wann welcher Schritt zu viel aus absolut egal welchen Gründen zu viel und verhängnisvoll, gefährlich, problematisch ist.
Ich weiß, wie schnell aus einem „Ach komm, ich mach jetzt hier noch schnell“ eine Beule am Kopf und ein Ausflug in die Notaufnahme wird. Ich weiß, was es für mich neben der Möglichkeit mit der Therapeutin direkt zu sprechen bedeutet, zweimal hintereinander länger Zug fahren zu müssen, in der Stadt zu sein und wieder den Großteil der Zeit maskieren und kompensieren zu müssen.
Ich weiß, dass mein Anteil dessen, was ich von mir aus einbringe und leiste, um mir Gutes zu tun bzw. an meiner Erleichterung zu arbeiten oder auch einfach nur Spaß und Alleinzeit neben der Therapie zu haben, kaum im Verhältnis zu dem steht, was es mich kostet. Schon vor der Pandemie.

Himmel, so eine lange Vorrede. Please hold the line.

Also. Jetzt waren wir in Bielefeld. Diesen Montag und letzten Montag.
Und ich bin wütend. Jetzt bin ich endlich wütend.
Nicht auf die Pandemie. Auf „die Leute“. Und wie. Jede_n, die_r die Maske unter der Nase trägt, jede_n, die_r rumlabert, dass sich die Desinfektionsmittelhersteller ja jetzt schön in Kohle wälzen, alle, die keine Maske tragen und alle, die immer noch behaupten, das wäre ja im Grunde nur ne Grippe und ach, überhaupt, das Leben endet tödlich – allen denen will ich ins Gesicht springen und zuschlagen. Ich will sie schütteln, ich will sie anschreien, ich will, dass sie damit aufhören und anfangen rational(er) zu denken. Ich will, dass sie aufhören zu glauben, diese Situation sei eine, in der individuelle Entscheidungen möglich sind. Ich will, dass sie meine Not fühlen, die mit meiner Wahl zwischen zwei Nöten entsteht. Ich bin so unfassbar wütend, weil ich die Ohnmacht nicht ertragen kann. Ich kanns einfach nicht. Und ich weiß, dass es nicht fair ist. Es ist einfach nicht gerecht, wie Leute, die schon vor der Pandemie so viel mehr Wahlmöglichkeiten und Freiheiten hatten, sich gegenüber anderen Personen unsolidarisch zu verhalten, auch jetzt massiv problematisch agieren.

Meine Bereitschaft zur Akzeptanz war nicht bedingungslos, das merke ich jetzt. Ich war bedingungslos dafür bereit zu akzeptieren, dass so viele Dinge für mich schwieriger, anstrengender und völlig verändert sein werden, weil nicht nur ich davon betroffen bin. Alle müssen sich an die gleichen neuen Regeln halten, für alle ist es jetzt schwierig, alle müssen wir jetzt neue Prioritäten setzen. Alle müssen ihre Kapazitäten neu austarieren und mitunter Entscheidungen treffen, die sie vorher anders getroffen hätten. Mit allen Konsequenzen.
Endlich leben wir alle mit der gleichen Behinderung.

Jetzt endlich haben wir die perfekten Bedingungen, um auch noch den Letzten, das soziale Modell von Behinderung klarzumachen. Aufzuzeigen: Nein, es geht nicht darum, dass eine Person etwas nicht machen kann, es geht darum, dass ihr Umfeld nicht so ist, dass sie machen kann, was sie kann und wie sie es kann.

Ich war und bin so bereit dafür. So sehr. Weil ich denke: Wenn wir das reingekriegt haben – hallo jetzt ist der Zeitraum dafür – dann kommt die Veränderung, die es langfristig braucht.
Wenn wir es jetzt normalisiert kriegen, dass Leute sagen: „Boa, ich kann keine 6 bis 8 Stunden mit einer Maske auf durcharbeiten“, wie normal wird es dann, wenn Leute sagen: „Boa ich kann keine 6 bis 8 Stunden mit improvisierter Barrierefreiheit/nicht vorhandener Anpassung der Umgebung für mich/Specialmachung meiner Art zu sein durcharbeiten.“

Und was passiert?
Abwehr. Negierung. Verhandeln. Trauer. Wut.
Der nächste Trauerprozess.

Ich hätte das kommen sehen müssen. Selbstverständlich nimmt niemand einfach so eine Behinderung hin. „Die Leute“ können ja nicht mal einfach auf die Beseitigung eines Hindernisses auf der Straße warten, sondern müssen dran vorbeifahren und sei es, dass sie die Fahrbahn dabei verlassen.
Nein, sie verhandeln, statt die Alternativlosigkeit anzuerkennen. Sie tragen die Maske unter der Nase damit sie atmen können – obwohl inzwischen erforscht (Studie) ist, dass das Virus spezialisiert auf Zellen ist, die in Nase mit am häufigsten vorkommen (eher laienverständlicher Artikel) – damit sie mit weniger Anstrengung unterwegs in Bus und Bahn sein können. Sie desinfizieren für 10 Sekunden die Griffe der Einkaufswagen und halten sich für safe. Sie laufen in 30 Zentimeter Abstand an sitzenden Leuten vorbei und glauben, das wär kein Problem, weil sie ja nur kurz … wie die ganzen anderen Leute… (ihre Partikel um eine Person ausschütten, die vielleicht nur da sitzt, weil sie eine vom Maskentragen ausgelöste Asthmaattacke beruhigt)

Und natürlich finden sie das alles voll okay so. Auch gegenseitig. Klar, wie komme ich denn auch dazu zu glauben, dass Leute, die ihre Behinderungen im Leben bisher immer mit Individualentscheidungen haben kompensieren können, sofort das Mindset drauf haben, das ihnen die Abhängigkeit vom sozialen Umfeld und aller Infrastruktur bewusst macht.
Maximal naiv war ich da.

Es ist ihnen nicht bewusst, dass sie für alle mitentscheiden, wenn sie die allgemeinen Anweisungen zur Eindämmung der Virusverbreitung umgehen oder bis zur Unwirksamkeit dehnen. Wie soll es ihnen denn aber auch bewusst sein, bemerkten sie ja auch vorher schon nicht, dass zum Beispiel jede Entscheidung für das Abstellen von Leihfahrrädern oder E-Rollern auf dem Gehsteig, eine Entscheidung gegen alle Leute ist, die freie Wege brauchen, um überhaupt safe von A nach B zu kommen.
Es fehlt einfach das Bewusstsein dafür, dass man oft für das eigene aktuelle und von sich selbst angenommene Set der Fähig- und Fertigkeiten entscheidet und nicht für das reale eigene Set, das sich in einer Bandbreite verändern kann, die man sich wirklich und echt nicht vorstellen kann, wenn man es vorher noch nicht gelebt hat.

Selbst ich als behinderte Person denke bei der Einrichtung meiner Wohnung zum Beispiel nicht als Erstes daran, ob ich sie so auch noch gut bewohnen kann, wenn ich alt bin und einige Dinge nicht mehr so kann wie jetzt.
Das ist normal und eigentlich gar kein Problem – ich bin ja keine Insel. Ich kann andere Menschen beobachten. Ich kann von anderen Menschen mit anderen Befähigungssets lernen.
Das ist eine Bereitschaft, die ich in der Auseinandersetzung mit meiner Behinderung als zu entwickeln zwingend empfunden habe. Für mich gab es da nie eine Alternative, nie die Möglichkeit mich irgendwie rauszuwinden oder Umwege zu beschreiten.

Es war die gleiche Bedingungslosigkeit mit der das Virus heute wirkt.
Dem Virus ist egal, warum man die Maske abnimmt oder erst gar keine trägt. Es ist der Erkrankung egal, ob man eine wichtige Person für andere Personen ist. Die Infektion kann uns alle jederzeit und jederorts passieren. Wir alle können über Tage hinweg alle Menschen um uns herum anstecken auch dann, wenn wir das gar nicht wollen und uns nicht böswillig oder aus bewusster Ignoranz nicht an die Anweisungen halten. Es ist egal.
Es geht nicht um uns als Individuen. Das geht es nie und jetzt ganz besonders nicht.

 

 

Text mit einer weirden Metapher zum Vielesein

Zwischen dem Haupttrieb einer Tomatenpflanze und ihren Austrieben entwickeln sich im Lauf der Zeit Geiztriebe. Wenn man viele Früchte ernten will, dann soll man seine Tomatenpflanze zur Eintriebigkeit erziehen und diese Geiztriebe abknipsen.

Unsere Vielheit kam mir immer so vor. Wir sind einfach viele, schießen und sprießen aus allen Leerstellen, verbuschen und stabilisieren das, was wir sind. Viel von dem was wir tun und uns erarbeiten ist, zulassen zu können, dass es Leerräume und einen starken Haupttrieb gibt. Wir erziehen uns zur Wenigertriebigkeit.

Ich merke selber, dass dieser Texteinstieg irgendwie beknackt ist, aber
Ja, doch so ist es.

So ist Überleben und am Leben sein und so ist Funktionieren in einer Welt, in der das eigene Amlebensein längst nicht reicht, um darin gesichert zu sein. Alle werden wir hier und da ausgegeizt, zurechtgestutzt und immer wieder neu verpflanzt. Krippe, Kindergarten, Grundschule, weiterführende, Beruf oder Uni – einpflanzen, umpflanzen, ernten, wieder neu einpflanzen…
Wir werden alle dazu gezwungen zu produzieren, wir selbst sind das Produkt. Das ist kein negatives Weltbild, das ist Kapitalismus, das ist die Welt, die Gesellschaft, in der unser aller Leben passiert.

Wir arbeiten uns gerade an Erinnerungen ab, die mit einem Kontext zu tun haben, den wir in der Therapie bisher nie besprechen konnten. Sehr frühe Traumatisierungen, die systembildende Auswirkungen hatten und damit auch Basis von uns allen sind.
Für mich fühlt sich das nicht nach einer Sache an, für die ich viel Mut aufbringe und dann besser im Leben klarkomme. Diesmal werde ich nichts ernten könnten, das mich in einen Beruf bringt, in Produktivität, in schützende Unauffälligkeit, in eine Perspektive auf mich und mein, unser Leben, die mich von Kraft und Zuversicht erfüllt.

Diesmal ist es schlimm und ich merke, in welchem Ausmaß ich nicht genug dafür bin. Obwohl ich schon alles weiß. Weiß, dass man das schaffen kann. Weiß, dass das geht. Weiß, dass es auch nötig ist, um unser Amlebensein so selbstbestimmt zu gestalten, wie wir das wollen. Ich weiß aber auch, dass ich kein Wissen darüber habe, wie man Geiztriebe, die genauso stabil, genauso kraftvoll, genauso produktiv wie der Hauptrieb sind, abknipst, ohne eine Wunde zu hinterlassen, die nicht mehr heilen kann.

in der Stadt

In der Stadt ist man alleiner.
Als ich aus der Therapiepraxis gehe, kann ich im Getöse der Bahn, dem Rauschen der Straße verschwinden. Mich im Flackern der Lichter verstecken, meine Bröseligkeit lassen wie sie ist.

Dass es nicht ist wie immer, wie vorher, wie vor der Pandemie, merke ich an der Schließungszeit des Supermarkts. 20 Uhr. Das ist knapp, nicht genug Zeit zu wählen, zu prüfen, noch ein bisschen länger in dem Gefühl zu sein, dass alles da ist. Auf einem Haufen. Fußläufig, straßenbahnfahrig zu erreichen. Die Welt ist kleiner in der Stadt. Ich kann überall hin. Alles und alle sind erreichbar. Alle sind da und ich stehe allein an einer roten Ampel, links den Einkauf, rechts das Trauma in der Hand.
Es ist kongruent. Das macht viel. Ich will niemanden bei mir haben. Will und muss allein sein. Aber wahrnehmen will ich sie. Will die Gewissheit spüren, dass sie alle da sind. Fußläufig, straßenbahnfahrig erreichbar. Von mir allein. Wenn ich will. Und sie.

Der Krach scheppert an mir vorbei, so verdisst bin ich also wirklich. In mir schreit ein Kind, ich laufe im Kreis durch die Altstadt, vorbei an Kneipen, wo Fußball und Bier schon wieder auf 30 Zentimeter verbindet. Ich betrachte neue Graffitis und einen neuen Fitnesspark, schlucke Tränen runter an einer Gedenkstelle für die Menschen, die in Hanau getötet wurden. Scheiß auf meine weißen Tränen, denke ich und laufe weiter.
Mit jedem Schritt ist es besser. Der Boden unter mir, der Lärm um mich herum. Hallo Welt, ich kann dich fühlen. In der Stadt ist Inputseeking nicht stundenlang im Garten racken oder nur noch unter 25kg Quarzsand schlafen können. Es ist 45 Minuten in Stadtgetümmel baden bis die Nervenbahnen aufgeweicht und die eigenen Schritte, der eigene Atem, die alten anders als die gegenwärtigen Schmerzen spürbar sind.
War uns auch noch nie so klar.

Ich schlafe sofort, schlafe 6 Stunden. Das erste Mal seit einiger Zeit.

“gut gemeint” schützt nicht

Die Betreuerin will nicht mehr unsere Betreuerin sein.
Die Mail, in der sie mit uns Schluss macht, kommt nach einer Nacht, die von Angst und Flashbackrestschmerzen geprägt war. Wir sind nicht arbeitsfähig, hängen mit dem Freund auf dem Sofa, spielen später Phase 10. Während er mischt, lese ich, dass sie am Abend lange darüber nachgedacht hat und es nicht für sinnvoll hält.

Ich verstehe nicht, was sie nicht für sinnvoll hält. Die Arbeit mit und in meinen Angelegenheiten? Den Kontakt, der von viel Anstrengung in der Kommunikation für uns beide geprägt ist? Den Versuch zu verstehen und sich für mich verständlich zu machen? Oder zu kompensieren, dass mir egal ist, von wie viel Gutgemeint ihre Interaktion und Kommunikation angetrieben ist?

Wir wurden oft genug von Helfer_innen verlassen, um nicht weiter dran festzuhalten. Das würde wehtun. Altes mit Gegenwärtigem vermischen. Es ist okay loszulassen. Ausatmen und gehen lassen.
Wir gewinnen Phase 10 und rufen beim Gericht an, um zu erfahren, wie viel wir im weiteren Verlauf der Betreuer_innensuche jetzt bestimmen können. Es gibt keine Liste von Betreuer_innen, die rausgegeben werden darf. Wir werden Besuch bekommen und mit dem Mitarbeiter sprechen. Wir legen auf und schlucken mit Presslufthammerkraft die Furcht runter, einen Marathon der Sozialkontakte vor uns zu haben, bei dem wir immer wieder uns, unseren Fall, unsere Angelegenheiten ausbreiten müssen. Ins Leere raten müssen, ob die Person es packt oder nicht, ob sie viel oder wenig Eiei von uns abverlangt, um bei Laune zu bleiben. Ob sie flexibel oder starr ist, ob sie fähig ist, im richtigen Moment zu schalten, um unseren Schutz aufrechtzuerhalten oder nicht.

Dann kommt die Mail der Betreuerin, dass sie zufällig den Gerichtsmitarbeiter in der Stadt getroffen hat und ja jetzt alles klar ist. In mir öffnet sich eine Klappe und lässt mich ins Bodenlose fallen.
Klar, sie hat keine Peilung. Sie hat es in 10 Monaten nicht gerafft. Und wir haben ihr 10 Monate lang wichtige Aspekte unseres Schutzes anvertraut. Sie meint es gut und macht gleichzeitig sowas. Deshalb liebe Kinder, ist es manchmal scheiß egal, wie intensiv das Gutgemeint ist. Es schützt nicht.

Worte und Taten gut zu meinen, ist nichts Besonderes. Immer, wenn wir nicht schaden wollen, meinen wir es gut. Und wann will man schon schaden? Das ist sehr selten und noch seltener bewusst der Fall. Man muss also nicht permanent sagen, dass man irgendetwas gut meint, es sei denn, man braucht die Versicherung von außen darüber. Braucht zu hören: “Ja, ich sehe, dass du mir gut gesonnen bist und mir ohne böse Absicht begegnest.” oder braucht vielleicht sogar: “Ja, ich sehe, dass du ein guter Mensch bist.” Als würde das bei Anwesenheit von etwa 7,8 Milliarden anderen guten Menschen auf der Welt irgendetwas bedeuten.

Ich werde oft als misstrauisch und aggressiv wahrgenommen, weil ich nicht ständig sage, dass ich die guten Absichten anderer Menschen wahrnehme. Ich, wir können sie nicht ablesen, oder uns aus irgendwelchen Signalen ableiten – ich nehme sie einfach nicht wahr und lüge Menschen nicht an. Also sage ich, sagen wir, nicht ständig: “Ja, du meinst es ja gut. Du bist ja ein guter Mensch.” oder machen automatisch die sozialen Gesten und Gebräuche, um das verknörgelt auszudrücken.
Ich habe irgendwann verstanden, dass jeder Mensch so gut ist, wie er das für sich selbst, das direkte Umfeld und die gesamte Mitwelt ist. Mehr Information brauchte ich nie, um zu verstehen, dass die Gewalt an mir und uns, nicht im Kontext von Gut- oder Bösegemeint besprochen und die Welt mit ihrem sozialen Geschehen auch nicht daran beurteilt werden sollte. Selbst Menschen, die mir schaden oder geschadet haben, können gute Menschen sein und mir nicht geschadet haben wollen. So ist das, Punkt.

In der Betreuung war das noch nie ein Problem. Bis jetzt. Sie war die erste Betreuerin, die es so gut gemeint hat und gleichzeitig so einen Fehler machte.
Rechtliche Betreuung ist keine soziale Betreuung. Es geht nicht darum, wie ich mich mit Dingen fühle. Meine Anträge ans Jobcenter, an Ämter und Behörden müssen korrekt sein und im Bearbeitungsverlauf für mich erklärt werden, auch wenn ich keinen Dank kommuniziere oder sage: ”Hey, ich habe nicht verstanden, du erklärst nicht gut genug für mich.” Das bedeutet keinen „Arschlochfreifahrtschein“, wie viele Menschen bei so einer Aussage vermuten. Es bedeutet für mich, für uns, dass wir in unserer Kommunikation und Interaktion so sein können, wie wir sind, um nicht enorm viel Kraft auf Kompensationsverhalten verwenden zu müssen und so mehr Kraft haben zu verstehen, was uns erklärt wird. Uns zu erlauben diese Ebene so rauszulassen, wie sie für uns draußen ist, ermöglicht es uns zu Wissen und Kompetenzen zu kommen, die eine Unterstützung langfristig obsolet macht. Und wenn sie obsolet ist, dann haben wir auch die Kapazitäten uns dieser Ebene für die Leute, denen sie sehr wichtig ist, zu widmen.

Der Begleitermensch hat uns mal gesagt, dass er schätzt, dass wir uns diese Mühe für andere Menschen machen, obwohl es für uns keine Rolle spielt. Für mich hat sich das gut angefühlt. Es war das erste Mal, dass ich mich getraut hatte das „zuzugeben“, denn ich habe es immer wieder verleugnet, weil die meisten Menschen uns deshalb für gefühlskalt, sozio- oder psychopathisch oder bis in die soziale Verkrüppelung gefoltert halten, was alles nicht wahr ist.
Es hat sich auch deshalb gut angefühlt, weil ich so wusste, dass er meine, unsere, Mühe bemerkt und als solche anerkennt und, weil er Wertschätzung für dieses Verhalten geäußert hat. Etwas, das die meisten Menschen nicht tun, weil es für sie weder Mühe noch (bewusstes) aktives Handeln ist. Etwas, das ihnen erst dann als Ausnahme vorkommt, wenn sie es ganz bewusst tun, um anderen ein gutes Gefühl zu machen.
Für viele Leute, mit denen wir bisher in egal welchen Kontexten zu tun hatten, sind wir die erste Person gewesen, die diese Ebene rauslässt. Wenn wir nicht als aggressiv und misstrauisch gelten, dann als erfrischend direkt, witzig naiv, schockierend ehrlich, entwaffnend analytisch oder schlicht einschüchternd “klug”.
Wir sind nie lieb. Nie “ein_e Gute_r”. Kein Kumpeltyp, kein “herzlicher Mensch”. Unsere Wärme zu erkennen ist Arbeit. Unsere liebevolle Zuneigung zu sehen, zwingt die Einnahme einer – unserer – Perspektive ab. Und zwar immer wieder und immer wieder mit genau der Mühe, die wir uns für andere Menschen machen. On the go. Jeden Tag. Egal, wie es uns geht. Egal, ob es uns “etwas bringt” oder nicht.

Ich will darüber nicht heroisch wirken – das zu machen ist unser Alltag und wir sind oft genug völlig überlastet damit, weshalb wir auch vertreten, das Autismus eine Behinderung ist.
In unserer Betreuung erst recht, denn dort gibt es nichts, was einfach ist oder wenig Mühe bedeutet. Nicht mal auf der sachlichen Ebene.
Wir sind vom Gesetz nicht gut geschützt, wir sind gleichzeitig arbeitsunfähig und chronisch erkrankt und schwerbehindert und arbeiten 2 bis 3 Stunden am Tag, wovon manches vergütet ist und manches nicht und manches über Aufwandsentschädigung und manches über Honorar und ach obendrauf trifft diese Lage auf eine Behördenlandschaft, die flexibel ist wie Stahlbeton.
Wer uns betreut, macht mehr als Formulare auszufüllen, die immer gleichen Verlängerungsanträge zu formulieren und uns in groben Zügen zu umreißen, was da läuft. Wir stellen Fragen, wir wollen mit_bestimmen, wir wollen verstehen, um später selbst zu können.
Wir sprengen.
Ob wir wollen oder nicht, ob wir lieblieb machen oder nicht, ob wir hudeln und mudeln oder nicht.

Ich glaube, dass unsere letzte Betreuerin uns nicht geglaubt hat, als wir ihr das gesagt haben. Als wir sie vorgewarnt haben. Ich glaube, dass sie sich das nicht vorstellen konnte. Und dass sie geglaubt hat, es würde reichen, wenn wir gut miteinander können.
Ich, wir können aber nicht gut mit anderen Menschen. Wir können angestrengt, wir können achtsam, wir können analytisch herleitend, wir können bemüht, wir können so gut wie wir können und das ist anders als bei den meisten anderen Menschen. Ja, auch wenn sie das nicht glauben, weil sie den Unterschied bei uns in aller Regel weder sehen, noch hören, riechen, schmecken oder fühlen können.

Deshalb braucht es mehr Bewusstsein, mehr Aufklärung, mehr Zeigen, was Autismus ist, was er aus_macht und was es bedeutet. Auch bei Leuten, die ganz viel mit behinderten Menschen zu tun haben.
Uns normal finden und alles immer gut meinen reicht einfach nicht.

es ist falsch, “unvorstellbare Gewalt” zu sagen

Und wieder ist es “unvorstellbar”. Wieder sorgt ein Fall organisierter sexualisierter Ausbeutung von Kindern für Schlagzeilen und wieder wird, ohne jedes Bewusstsein dafür, das Privileg der “Ungeschlagenen” präsentiert.
Ja, Unvorstellbarkeit von Gewalt ist ein Privileg.
Es ist ein Privileg, sich Gewalt nicht vorstellen zu können und nie aufgefordert zu sein, es zu müssen. Es ist ein Privileg so selbstverständlich zu vermeiden und damit alle Opfer und zu Opfern gemachten zu dissoziieren.

Es ist falsch, von “unvorstellbarer Gewalt” zu sprechen, wenn es um Gewalt_taten geht, die mit Gesetzestexten einzuordnen sind. „Unvorstellbare Gewalt“ kann nicht geahndet werden, denn sie ist nicht erkennbar. Jede Vorstellung (von Gewalt) beruht auf Erfahrungen, Beobachtungen, Lerninhalten. Man kann sich nur vorstellen, was man kennt. Selbst das fantastischste Wesen, das man sich ausdenken kann, wird immer aus Elementen des eigenen Wissensschatzes und der inneren Bereitschaft zu neuen Verbindungen entstehen. Was unvorstellbar ist, das ist noch nie geschehen. Wurde noch nie gesehen. Wurde noch nie erfahren.
Gewalt aber haben wir alle schon gesehen. Gewalt geschieht jeden Tag und wir alle er_leben sie in unterschiedlichen Aspekten und Auswirkungen. Einzig unser Bewusstsein und unsere Offenheit zur Wahr_nehmung dafür ist unterschiedlich.

Wer glaubt, es gäbe Menschen, für die manche Gewaltform durchaus “unvorstellbar” ist, spürt das Ziel der Vermeidung und trägt dazu bei, das Privileg der Ungeschlagenen zu erhalten.
Denn wozu dient die Formulierung “unvorstellbare Gewalt”? Vielleicht denken wir erst einmal: “Oh, da gehts um super krasse Gewalt – etwas, das man nicht alle Tage sieht.” – verarbeitet wird daneben aber auch: “Aha, unvorstellbar krass, deshalb ist es vermutlich ganz besonders schwierig, da jetzt irgendwas gegen zu machen – vielleicht sogar viel zu viel. Und, naja, wenn es sogar für die Polizei unvorstellbare Gewalt ist, die jeden Tag richtig viel mit Gewalt zu tun hat, – und es für die vielleicht viel zu viel ist – ja dann ist das ja erst recht nichts für mich. Da kann ich ja nun mal wirklich echt gar nichts machen. Und wenn es für die Profis unvorstellbar ist, dann ist es das für mich vermutlich erst recht.” Und 2 Monate später kommt der nächste bundesweit aufgedeckte Fall und man fasst sich wieder an die Brust.

Es ist bemerkenswert, wie sich – speziell bei Gewalt an Kindern und Gewalt in Kontexten, in denen gleichermaßen ein gesellschaftlicher Konsens über ein Schadenzufügungsverbot besteht, diese Sprachführung als Vehikel zur Beweisanbringung der totalen Überforderung benutzen lässt.
Man drückt damit nicht nur aus: “die Gewalt ist krass”, sondern auch: “der Umstand, dass sie (hier, in Kontexten, wo “wir” uns doch alle einige sind, dass sie dort nicht passieren und Personengruppe XY ganz besonders nicht treffen soll) passiert, ist krass”.
Damit baut man ein Bild von Machtlosigkeit auf. Man tut so, als hätte man gar keine andere Wahl gehabt, als im Nachhinein Spuren zu sichern, Beweise zu sammeln und aufgrund dessen zu verurteilen und evtl. zu bestrafen – es war ja so unvorstellbar – man konnte das ja vorher oder im Moment des Geschehens gar nicht erfassen, begreifen, verstehen und ergo gar nichts tun.
Man sagt, dass eigentlich ja immer alles okay ist, aber diesmal nicht und niemand konnte was dafür – das war ja vorher nie gesehen, nie geschehen, nie erlebt. Von niemandem. Jemals.

Außerdem verstärkt es die Annahme, dass es das nicht gibt. Diese wirklich mega krasse Gewalt, die man den Menschen einfach nicht zutraut. Man kommuniziert damit ein Level der Gewalt, das zutraubar ist – das zu fassen, und zu kontrollieren ist und ein Level, das alle Normen sprengt und ergo keinen Bezug zur Realität (und darin verortet Menschlichkeit) hat. Deshalb fällt es auch dem Ermittlungsleiter Poll so leicht über die Täter_innen so etwas zu sagen wie: „Diese Menschen, wenn man sie überhaupt so nennen kann“.

Die Formulierung “unvorstellbare Gewalt” ist eine Verteidigung all derer, die niemals mal mehr als eine_n „relatable“ Gewaltüberlebende_n angehört haben.
Weil sie nicht müssen. Weil es einfacher ist, weil es mehr heil lässt, weil es ein Privileg ist, für sich im eigenen Bild von der Welt, als jemand zu leben, die_r nie nie niemals irgendwas ~damit~ zu tun hat. Es erhält die Normen innerhalb derer Opferschaft revidierbar, aufhebbar ist und es erhält die Normen innerhalb derer man Gewalt als real (in unserer Gesellschaft) passierend akzeptiert oder auch nicht.

„Wir Gewaltüb.erlebende.n“ werden davon definiert. Wir sind froh, wenn unsere Erfahrungen vorstellbar sind, denn das bedeutet, dass unsere Erfahrungen und damit auch wir, trotz der Erfahrung noch Teil der Gesellschaft sind.
Ist sie es nicht – gelten unsere Erfahrungen als „zu krass um wahr zu sein“, als “unvorstellbar” – haben wir diesen Zugang praktisch verloren. Und das auch – und das ist das Furchtbare für uns immer wieder – wenn Menschen diese Formulierung nicht in dieser Absicht verwenden, sondern nur, um ihre Fassungslosigkeit auszudrücken. Man verhandelt in diesem Vokabular immer automatisch auch den Konsens über die gemeinsame Realität. Und die ist einfach extrem unterschiedlich zwischen “Ungeschlagenen” und “Geschlagenen”.

Ich möchte diesen Beitrag damit beenden, zu sagen, dass das nicht fair ist.
Es ist noch viele andere Dinge für mich persönlich, die_r damit umgehen muss, dass es ist, wie es ist.
Doch alles Persönliche entfernt, ist es einfach nicht fair.

Es ist nicht fair.

der neue Lebenstag

Vor einem Jahr hat die Standesbeamtin unsere Namensurkunde erstellt. Diesen Tag feiern wir nun als unseren Geburtstag.

Man kann eine Geburt an vielem festmachen und vielleicht ist es merkwürdig, einen bürokratischen Akt damit zu verbinden, doch ist es die Bürokratie, die uns immer wieder an die Herkunftsfamilie gebunden hat und immer wieder zu binden versucht.
Seit einem Jahr haben wir unsere Geburtsurkunde, haben wir eine Namensänderungsurkunde. Den Grundstock für das eigene bürokratische Ich, das erste Blatt im eigenen Familienstammbuch.
Jetzt gibt es nicht mehr die Person, die von den Eltern benannt wurde, sondern uns, die wir uns selber benennen, die ihre Kinder benennt, die ihren Ehestatus beurkundet, die irgendwann stirbt und dann vielleicht noch jemanden hat, die_r die Sterbeurkunde dazuheftet. Es ist nicht die Scheidung von der Familie, die wir für uns wollen und vom Staat fordern, aber immerhin ein signifikanter Abbruch vom Familien°stammbaum. Ein Ableger, der sich die Umgebung zur Weiterentwicklung selbst ausgesucht hat.

Manchmal kommt mir das auch wie ein Verrat an dem Kind der Eltern vor. Als hätten wir es verlassen und aufgegeben. Wir versuchen gar nicht erst, uns dieses Empfinden zu beruhigen oder wegzumachen. Es stimmt ja. Es ist ja ganz real nie eine echte Lösung aus und von dem, was unseren Geburtsnamen so problematisch für uns (ge)macht (hat) gewesen, sondern ein Kompromiss, eine Möglichkeit, für die wir uns entscheiden konnten, um die Lösungs- und Er_Lebenswege zu erschließen, die sich ergeben, wenn man sich nicht mit jeder Ansprache direkt in Verbotsdruck oder dem Gefühl der absoluten Grenzübertretung befindet.

Wir sind heute nicht frank und frei, glücklich und zufrieden mit allem, was die Namensänderung bedeutet. Aber franker und freier, glücklicher und zufriedener als wir es vorher waren.
Wir haben das Gefühl, eine Entwicklung angestoßen zu haben, die vorher nicht möglich war. Das Begreifen, dass wir nichts mehr für das Kind tun können, sondern nur noch für die erwachsene Person, die es geworden ist.

internationaler Kindertag

Heute ist internationaler Kindertag.
Ich habe darüber nachgedacht, wie man Kinder sieht. Und, wie man sich selbst als Kind sieht.

In dem außerordentlich guten Film „The Tale“ wird deutlich, welche Erzählung die erwachsene Person, die von ihrem Reitlehrer sexualisiert misshandelt wurde, von sich selbst in dieser ihrer Kindheit hatte.
Sie beginnt die Geschichte von sich als „reife junge Frau“, die gewollt (begehrt?) war und kann erst durch ein Foto von sich in dem Alter erkennen, wie jung sie noch war. Wie kind_lich.

Ich habe dieses Bild von mir nicht. Ich war nie jünger als 16 und nie anders als so beladen mit Alleinverantwortung, Pflichten und Anforderungen an „angemessenes Verhalten“, wie ich das heute bin. Kind waren und sind immer die anderen. Es gibt aus meinen Lebensjahren 16 bis 18 nur die Porträts, die man in meine Klapsakten gelegt hat, damit die Polizei mich finden kann, wenn ich „abgängig“ sein sollte. Da bin ich blass und habe rötliches Haar. Ich sehe weder so aus, wie ich mich gefühlt habe, noch jugendlich, geschweige denn kindlich.
Meine Kindlichkeit damals, kann ich heute am ehesten noch aus meiner Un_Reife ableiten. Aus der Unerfahrenheit im Leben nach der Gewalt in der Herkunftsfamilie. Es war ein neues Leben. Ich war dieses neue Leben.

Vor einiger Zeit haben wir uns mit der Therapeutin zusammen Fotos aus unserer Einsmensch-Kindheit angeschaut. Die Therapeutin sagte, man könne schon in den Babyfotos sehen, dass wir das sind. Für mich ist das ein unaushaltbarer Gedanke. Dieses Baby soll ich geworden sein, ich soll dieses Baby gewesen sein. Nein, nein, das kann nicht sein – das würde ja bedeuten, dass ich irgendwann mal global abhängig war und sich gefälligst mal richtig anzustrengen ein völliges Quatschkonzept ist, vor dem man logischerweise überfordert zusammenbrechen muss. Dass ich mal weder sprechen, noch laufen, noch kauen konnte, noch für Dinge verantwortlich war, weil man mir keine Macht über Dinge zusprach. Das würde ja bedeuten, dass es mal eine Zeit in meinem Leben gab, in dem ich nicht an allem (selber) schuld war, nicht krank, durchgeknallt und der Gesellschaft tendenziell eher unzumutbar.

Ich glaube, dass man immer das eigene Kind ist und alle Menschen immer die Kinder ihrer Zeit bleiben, was ihren Blick auf andere Kinder beeinflusst. Dass ich mich selbst als Jugendliche geboren erlebe, bedeutet, dass ich eine Offenheit für Kinder habe, die ihnen viel Raum lässt, sie selbst zu sein. Ich sehe nicht mich in ihnen, sondern sie. Und dafür brauche ich keine spezielle Spezialhaltung und pädagogisches Fachwissen oder irgendeinen esoterischen Dreh, nach dem sich meine Seele für ihre Seele öffnet und trallalala. Es ist mir einfach eigen und macht es mir sehr leicht, respektvoll und achtsam mit Kindern zu sein.
Und das, obwohl ich so eine bekloppte Irre bin. So eine gefährliche „psychisch kranke“ Person. So jemand, „bei der_m man ja nie sicher sein kann“. So jemand, „wo man ganz genau gucken muss“.

Ah Mist – in die Falle getappt – nicht „obwohl“.
Weil.

die Katze

In unserer Scheune hat eine rote Tigerkatze 3 Kätzchen geboren.
Jetzt besuchen wir sie jeden Morgen mit etwas Fleisch und machen Fotos.

Ich atme nach wie vor gegen Tierschutz-Stress-Flashbacks an. Die Erschöpfung in dem Sommer mit den 7 Flaschenkätzchen. Die Atemnot, die sich beim Schleppen des Dosenfutters und Katzenstreus entwickelte. Der Freudenschmerz bei jeder Vermittlung. Das bodenlose Traurigsein über jedes gequälte Tier und jedes Mal, bei dem wir nicht mehr helfen konnten.
Es war auch schön, Pflegestelle zu sein. Wir haben uns wertvoll gefühlt und manchmal auch anderen Menschen überlegen, weil wir Dinge ganz viel genauer wussten als sie. Wir haben unsere Schlaflosigkeit heroisch vor uns hergetragen und haben es gleichermaßen gehasst, niemandem sagen zu können, wie das ist, wegen der Schlaflosigkeit mehr Krampfanfälle zu haben und ergo noch weniger aus dem Haus zu können als eh schon. Und die Angst. Die 24/7 Angst und Anspannung, dass die Pfleglinge abhauen, uns beißen; wir die Flöhe/Würmer/Giardien/Milben nicht tot kriegen; wir uns Toxoplasmose oder irgendetwas anderes einfangen; wir nicht genug oder zu viel füttern und, dass andere Menschen uns zu hassen anfangen, weil wir ihre Meinung nicht hören wollen und uns auch kackegal ist, wie Omma Prütt ihre Katzen anno 1970 gefüttert und gepflegt hat.

Wir haben nie Geld für unsere Arbeit bekommen. Wurden am Ende nur noch ausgenutzt. Konnten uns abgrenzen, aber wieviel Härte eigener Grenzen ist aufrechtzuerhalten, wenn die Not und die Ignoranz anderer Menschen scheinbar grenzenlos ist?

Und dann kam NaNak* und wir hatten unsere Absprungchance. Von Katzen zu Hunden und von da aus in die Assistenzhundeausbildung. „Sorry, jetzt bin ich dran, dieser Hund ist so ein Glück, es wäre nicht klug, das nicht zu machen.“ Im Nachhinein widerlich, dass uns das zu sagen leichter gefallen ist, als zu sagen: „Hey, ich kann nicht mehr.“
Wir haben uns dem Tierschutz gegenüber verhärtet. Sind sehr kritisch geworden, auch durch die Auseinandersetzung mit Veganismus als politische Haltung. Wir sehen keine Liebe mehr in Katzenhäusern, Tierheimen und Tierrettungshöfen, sondern Menschen, die die Wahrnehmung der Konsequenzen ihrer anthropozentrischen Wünsche und Allmachtsansprüche vermeiden wollen.
Auch NakNak* wird unser letztes ‚gehaltenes‘ eigenes Haustier sein, denn art_gerecht ist nur die Freiheit und für uns echter Tierschutz ist, die Freiheit von Tieren zu ermöglichen, zu fördern und sicherzustellen.

Wir zerfließen also nicht nur vor den Katzenkindern und ihrer offenbar noch sehr jungen Mutter in der Scheune, sondern denken auch: „Jetzt bloß nicht zu sehr an uns binden.“
Und verdammt, das geht so schnell und ist so mächtig.

Fundstücke #75

Manche Traurigkeit ist Murmeln in den Augenwinkeln, ist dichter, zäher Kloß im Hals. Wortlos und unendlich, weil man schon alles gesagt, aber noch längst nicht alles erfasst hat.
Und manche Traurigkeit ist ein wollener Faden, der unter der Zunge liegt, um jedem Wort ein Jäckchen anzuziehen.

Ich weiß nicht mehr, wohin ich mit dem Texteinstieg wollte. Zu viel Wolle auf den Gedanken. Vielleicht. Es ist viel los im Moment. Viel anderes als Fühlen und Denken. Es ist viel Machen. Viel den eigenen Körper zur Murmelbahn machen.
Kompensation, WeiterWeiterWeiter-Ent_Wollfädchen_Wicklung und lose liegen lassen. Nicht anfassen, nicht hinfühlen. Sein lassen, das ist schon viel. Auch das – nicht anfassen. Lassen. Da. Woanders als bei uns. Einatmen, liegen lassen, ausatmen, weiterweiterweiter hacken, zupfen, schreiben, nähen, kochen, arbeiten, sägen, bohren, schrauben, gießen und spüren, dass es geht. Das eine und das andere. Und wir. Hier, Heute, Jetzt.