die Wut einer behinderten Person auf ~die Leute~, ein Corona-Rant

Throwback zu meinem Text über die kollektive Trauer in der Pandemie.
Ich war traurig. Ich war im Zweifel mit den Veränderungen umzugehen, die meine Strukturen und Stützen so schnell und so umfassend wegrissen. Ich habe nicht verhandelt, ich war nicht wütend. Ich war deprimiert und bereit die Situation zu akzeptieren, denn so habe ich, haben wir, immer überlebt.
Das ist wohl einer dieser Vorteile des ZumOpferGewordenseins. Und auch des Lebens mit Behinderung. Wir sind fit, wenn es darum geht, uns selbst als zu klein für Verhandlung, Wut, Veränderung des Ist aus uns selbst heraus zu sehen.

Jetzt sind wir in 2 Wochen wieder in der Stadt gewesen, um mit unserer Therapeutin direkt zu sprechen. Es geht uns schlecht, Videotelefonie reicht nicht. Ich weiß, dass Suizidalität und Selbstverletzung und damit unser Leben mit in der Waagschale liegt, wenn wir uns damit befassen, ob wir unser Ansteckungsrisiko derart erhöhen oder nicht.
Wir wägen ab zwischen bekanntem Leiden und unbekanntem Leiden. Suizidale Krise, Gefangenschaft in der eigenen Sprachlosigkeit oder Covid-19 und alles, was das für den Freund mitbedeutet.
In beiden Fällen geht es um unser Leben und in beiden Fällen müssen wir trennen. Ist es ein Kampf um unser Leben? Sind wir direkt akut bedroht zu sterben? Ist es wie früher oder gibt es Aspekte, die uns aufzeigen, dass Jetzt auch Heute ist?
Wir dürfen keine Todesangst kriegen. Wir müssen rational ver_handeln. Was kann ich tun, damit es mir besser geht? Was hat bisher immer geholfen und was muss gegeben sein, damit wir das auch jetzt tun können, wo alle angehalten sind, bestimmte Dinge zu tun und zu lassen, um das Ansteckungsrisiko für alle zu verringern?

Als behinderte Person wissen wir sehr genau um unsere Grenzen und wann welcher Schritt zu viel aus absolut egal welchen Gründen zu viel und verhängnisvoll, gefährlich, problematisch ist.
Ich weiß, wie schnell aus einem „Ach komm, ich mach jetzt hier noch schnell“ eine Beule am Kopf und ein Ausflug in die Notaufnahme wird. Ich weiß, was es für mich neben der Möglichkeit mit der Therapeutin direkt zu sprechen bedeutet, zweimal hintereinander länger Zug fahren zu müssen, in der Stadt zu sein und wieder den Großteil der Zeit maskieren und kompensieren zu müssen.
Ich weiß, dass mein Anteil dessen, was ich von mir aus einbringe und leiste, um mir Gutes zu tun bzw. an meiner Erleichterung zu arbeiten oder auch einfach nur Spaß und Alleinzeit neben der Therapie zu haben, kaum im Verhältnis zu dem steht, was es mich kostet. Schon vor der Pandemie.

Himmel, so eine lange Vorrede. Please hold the line.

Also. Jetzt waren wir in Bielefeld. Diesen Montag und letzten Montag.
Und ich bin wütend. Jetzt bin ich endlich wütend.
Nicht auf die Pandemie. Auf „die Leute“. Und wie. Jede_n, die_r die Maske unter der Nase trägt, jede_n, die_r rumlabert, dass sich die Desinfektionsmittelhersteller ja jetzt schön in Kohle wälzen, alle, die keine Maske tragen und alle, die immer noch behaupten, das wäre ja im Grunde nur ne Grippe und ach, überhaupt, das Leben endet tödlich – allen denen will ich ins Gesicht springen und zuschlagen. Ich will sie schütteln, ich will sie anschreien, ich will, dass sie damit aufhören und anfangen rational(er) zu denken. Ich will, dass sie aufhören zu glauben, diese Situation sei eine, in der individuelle Entscheidungen möglich sind. Ich will, dass sie meine Not fühlen, die mit meiner Wahl zwischen zwei Nöten entsteht. Ich bin so unfassbar wütend, weil ich die Ohnmacht nicht ertragen kann. Ich kanns einfach nicht. Und ich weiß, dass es nicht fair ist. Es ist einfach nicht gerecht, wie Leute, die schon vor der Pandemie so viel mehr Wahlmöglichkeiten und Freiheiten hatten, sich gegenüber anderen Personen unsolidarisch zu verhalten, auch jetzt massiv problematisch agieren.

Meine Bereitschaft zur Akzeptanz war nicht bedingungslos, das merke ich jetzt. Ich war bedingungslos dafür bereit zu akzeptieren, dass so viele Dinge für mich schwieriger, anstrengender und völlig verändert sein werden, weil nicht nur ich davon betroffen bin. Alle müssen sich an die gleichen neuen Regeln halten, für alle ist es jetzt schwierig, alle müssen wir jetzt neue Prioritäten setzen. Alle müssen ihre Kapazitäten neu austarieren und mitunter Entscheidungen treffen, die sie vorher anders getroffen hätten. Mit allen Konsequenzen.
Endlich leben wir alle mit der gleichen Behinderung.

Jetzt endlich haben wir die perfekten Bedingungen, um auch noch den Letzten, das soziale Modell von Behinderung klarzumachen. Aufzuzeigen: Nein, es geht nicht darum, dass eine Person etwas nicht machen kann, es geht darum, dass ihr Umfeld nicht so ist, dass sie machen kann, was sie kann und wie sie es kann.

Ich war und bin so bereit dafür. So sehr. Weil ich denke: Wenn wir das reingekriegt haben – hallo jetzt ist der Zeitraum dafür – dann kommt die Veränderung, die es langfristig braucht.
Wenn wir es jetzt normalisiert kriegen, dass Leute sagen: „Boa, ich kann keine 6 bis 8 Stunden mit einer Maske auf durcharbeiten“, wie normal wird es dann, wenn Leute sagen: „Boa ich kann keine 6 bis 8 Stunden mit improvisierter Barrierefreiheit/nicht vorhandener Anpassung der Umgebung für mich/Specialmachung meiner Art zu sein durcharbeiten.“

Und was passiert?
Abwehr. Negierung. Verhandeln. Trauer. Wut.
Der nächste Trauerprozess.

Ich hätte das kommen sehen müssen. Selbstverständlich nimmt niemand einfach so eine Behinderung hin. „Die Leute“ können ja nicht mal einfach auf die Beseitigung eines Hindernisses auf der Straße warten, sondern müssen dran vorbeifahren und sei es, dass sie die Fahrbahn dabei verlassen.
Nein, sie verhandeln, statt die Alternativlosigkeit anzuerkennen. Sie tragen die Maske unter der Nase damit sie atmen können – obwohl inzwischen erforscht (Studie) ist, dass das Virus spezialisiert auf Zellen ist, die in Nase mit am häufigsten vorkommen (eher laienverständlicher Artikel) – damit sie mit weniger Anstrengung unterwegs in Bus und Bahn sein können. Sie desinfizieren für 10 Sekunden die Griffe der Einkaufswagen und halten sich für safe. Sie laufen in 30 Zentimeter Abstand an sitzenden Leuten vorbei und glauben, das wär kein Problem, weil sie ja nur kurz … wie die ganzen anderen Leute… (ihre Partikel um eine Person ausschütten, die vielleicht nur da sitzt, weil sie eine vom Maskentragen ausgelöste Asthmaattacke beruhigt)

Und natürlich finden sie das alles voll okay so. Auch gegenseitig. Klar, wie komme ich denn auch dazu zu glauben, dass Leute, die ihre Behinderungen im Leben bisher immer mit Individualentscheidungen haben kompensieren können, sofort das Mindset drauf haben, das ihnen die Abhängigkeit vom sozialen Umfeld und aller Infrastruktur bewusst macht.
Maximal naiv war ich da.

Es ist ihnen nicht bewusst, dass sie für alle mitentscheiden, wenn sie die allgemeinen Anweisungen zur Eindämmung der Virusverbreitung umgehen oder bis zur Unwirksamkeit dehnen. Wie soll es ihnen denn aber auch bewusst sein, bemerkten sie ja auch vorher schon nicht, dass zum Beispiel jede Entscheidung für das Abstellen von Leihfahrrädern oder E-Rollern auf dem Gehsteig, eine Entscheidung gegen alle Leute ist, die freie Wege brauchen, um überhaupt safe von A nach B zu kommen.
Es fehlt einfach das Bewusstsein dafür, dass man oft für das eigene aktuelle und von sich selbst angenommene Set der Fähig- und Fertigkeiten entscheidet und nicht für das reale eigene Set, das sich in einer Bandbreite verändern kann, die man sich wirklich und echt nicht vorstellen kann, wenn man es vorher noch nicht gelebt hat.

Selbst ich als behinderte Person denke bei der Einrichtung meiner Wohnung zum Beispiel nicht als Erstes daran, ob ich sie so auch noch gut bewohnen kann, wenn ich alt bin und einige Dinge nicht mehr so kann wie jetzt.
Das ist normal und eigentlich gar kein Problem – ich bin ja keine Insel. Ich kann andere Menschen beobachten. Ich kann von anderen Menschen mit anderen Befähigungssets lernen.
Das ist eine Bereitschaft, die ich in der Auseinandersetzung mit meiner Behinderung als zu entwickeln zwingend empfunden habe. Für mich gab es da nie eine Alternative, nie die Möglichkeit mich irgendwie rauszuwinden oder Umwege zu beschreiten.

Es war die gleiche Bedingungslosigkeit mit der das Virus heute wirkt.
Dem Virus ist egal, warum man die Maske abnimmt oder erst gar keine trägt. Es ist der Erkrankung egal, ob man eine wichtige Person für andere Personen ist. Die Infektion kann uns alle jederzeit und jederorts passieren. Wir alle können über Tage hinweg alle Menschen um uns herum anstecken auch dann, wenn wir das gar nicht wollen und uns nicht böswillig oder aus bewusster Ignoranz nicht an die Anweisungen halten. Es ist egal.
Es geht nicht um uns als Individuen. Das geht es nie und jetzt ganz besonders nicht.