06072020

Ich sitze im Zug. Die Fahrt geht nach Bielefeld, wo meine Psychotherapeutin ihre Praxis hat.
Gut 120 Kilometer sind zu überwinden. Eineinhalb Stunden fahre ich Zug, 20 Minuten fährt der Freund mich vorher zum Bahnhof, manchmal hat er dabei selbst Arbeitstermine vor oder hinter sich.
Ich übernachte bei einer Freundin. Zwei Mal am Tag so eine Fahrt würde mich so erschöpfen, dass ich den Rest der Woche zur Erholung brauche. So dauert es nur 2 Tage bis ich wieder auf meine ganze Arbeitsfähigkeit von 3 Stunden am Tag komme.

Die Therapeutin und ich arbeiten seit 8 Jahren zusammen. Die Krankenkasse hat vielleicht 2 oder 3 davon bezahlt.
Sie ist keine DIS-Spezialistin und auch keine Autismus-Spezialistin. Sie ist eine gute Psychotherapeutin, die sich regelmäßig fortbildet, Supervision in Anspruch nimmt und in den Urlaub geht, wie sie ihn braucht. Wie selten das unter Psychotherapeut_innen ist, habe ich in aller Schmerzlichkeit erleben müssen.

Es gibt für die Psychotherapie der dissoziativen Identitätsstörung noch keinen einheitlichen Behandlungsstandard. Es gibt fundierte Empfehlungen, Behandlungserfahrungen, eine Leitlinie. Und die Behandlung, die jedes Arbeitsteam durch mühsames “Trial-and-Error” entwickelt.

Es gibt keinerlei Erwähnung von autistischen Menschen mit komplexer Traumafolgestörung in der Fachliteratur.
Bei Wirksamkeitsstudien werden Menschen mit ASS aufgrund ihrer Behinderung praktisch prinzipiell ausgeschlossen.

Wenn ich die Stufen zur Praxis hochlaufe, ist mein linker Fuß „Ich lass mich drauf ein“ und mein rechter Fuß „Ich lass mich nicht drauf ein“. In den letzten 8 Jahren endete ich immer auf dem linken Fuß vor der Tür mit ihrem Namen am Klingelschild. Die Praxis ist einige Male umgezogen. Jedes Mal hatte ich Panik, was passieren würde, wäre es eine Stufenanzahl, die mich auf rechts landen lässt.

Ich habe ihr nie davon erzählt.

05072020

Wir sitzen beim Frühstück. Es ist Sonntag und es kommt mir vor, als hätten wir ewig nicht so zusammengesessen. So richtig. So „Sonntag 11 Uhr Frühstück in unserer Küche“- richtig.
Ich mag das. Ich mag die Tischdecke unter unserem schönen Geschirr, ich mag unser Besteck, ich mag, dass alles so aufgeräumt ist, dass ich alles finden kann, weil ich mich auskenne. Wenn wir so frühstücken, kann ich mich entspannen und wirklich so richtig ganz da sein. Beim Freund, bei unseren Gesprächen, ich habe sogar Kapazitäten dafür, dass Kleckerunfälle auf den Stoff oder Abfallschlachten auf dem Teller des Freundes passieren und sich alles mit den Brotkrümeln vermischt.

„Wie viele Autist_innen gibt es denn so?“, fragt der Freund. Viele, finden wir heraus. Aber weniger als Menschen mit (komplexen) dissoziativen Störungen. Und sehr viel weniger als traumatisierte Menschen.
„Und das ist genetisch ~irgendwas~?“, fragt der Freund. „Ja“, sage ich, „das nimmt man neben vielen anderen Faktoren an. Eine möglicherweise vererbbare Prädisposition.“ Ich presse Luft gegen den Druck um mein Zwerchfell. Das Kinderthema. Für mich sofort da, in Worten nicht im Raum.

Ich sage, dass ich froh bin, möglicherweise nur den Autismus und nicht das Vielesein zu vererben. Merke, wie ich für einen Bruchteil einer Sekunde in Tränen zerfließen könnte, aber doch nichts passiert.

wie wir einmal ein Schleiereulenküken in der Hand hielten

Mit dem Umzug aufs Land war für uns klar, dass wir, um neue Sozialkontakte zu knüpfen, mehr tun müssen, als dann und wann mal Hallo zu den Nachbar_innen zu sagen und herauszufinden, welche Smalltalk-Sätze sie mögen.
Wir schlossen uns dem Kreisverband des NABU in der Gegend an und wurden Teil der Eulen-AG.

Jetzt ist die Zeit, in der die Schleiereulen Küken haben und also auch Zeit sie zu beringen.
Die Beringung dient der Verfolgbarkeit der Tiere, um ihr Zugverhalten (bei Zugvögeln), ihre Lebensdauer, aber auch ihr Fortpflanzungs- und Ernährungsverhalten zu untersuchen.
Bei gefährdeten Arten und Hausvögeln dient die Beringung auch dem Schutz durch Transparenz und (Zurück-)Verfolgbarkeit zum Beispiel bei ansteckenden Krankheiten.

Der NABU hat an vielen verschiedenen Stellen Nistkästen aufgestellt. Sie stehen oft bei Privatpersonen, es gibt aber auch ganz eigene Standorte. So haben wir gestern zwei „Wildtierhotels“ besucht. Das sind ausgediente Trafotürme, an denen man Nistkästen an – und Schleiereulen-Nistkästen unterbringen kann.  Ein Trafoturm ist hoch und schmal. Und entsprechend gestaltete sich auch der Aufstieg zu den Kästen. Über eine Leiter ging es hoch auf ein Bretterplateau im ersten Turm, wo es einen Kasten gab, in dem drei Küken waren.

Es war sehr warm und hat speziell gerochen. Zu zweit hatten wir dort oben kaum Platz. Hätten wir einen Schritt zurück gemacht, wären wir einige Meter tief gefallen. Durch die Maske mit FFP2-Filter drin, fiel das Atmen reichlich schwer, aber das war es wert.
Wir waren wegen der Enge etwas später als die anderen gekommen. Entsprechend waren die Küken schon beringt und wir fuhren bald weiter zum zweiten Turm, wo etwas mehr Platz war und wir genug Abstand voneinander halten konnten.
In diesem zweiten Turm gab es eine Leiter, die direkt an der Wand angebracht war. Träumchen.
Auch hier ging es wieder einige Meter in die Höhe auf ein Plateau. Von dort aus hatte man sehr guten Zugriff auf zwei Schleiereulen-Nistkästen. Schleiereulen setzen ihre Küken gern in einen Kasten, in dem sie selbst aber nicht mit drinsitzen. Diesmal trafen wir zwei Küken an. Sie wurden beringt und fotografiert. Bei der Gelegenheit haben wir auch Fotos gemacht.

Illustration

 

 

 

Eines der Küken hatte bereits einige Schwungfedern. Ich durfte das Küken halten und es wurde versucht ein Foto davon zu machen. Allerdings gilt bei allen Vögeln: je Feder, desto älter. Und wenn die Küken älter sind, wehren sie sich auch mit Geflatter und reflexhaft anmutenden Krallengriffen. In dem Fall in die Hand der Person, die auch beringt hat. Man muss aushalten und warten, dann lockert sich der Griff so, dass man sich befreien kann. Bei einem adulten Tier ginge das gar nicht ohne eine Verletzung. Hier kam es glücklicherweise nicht dazu und eine Person hat schon vorher ein Foto von uns mit dem Küken in der Hand gemacht.

Es war sehr leicht und warm. Ich habe sein Herz schlagen gefühlt und wie es atmete. Natürlich ist es eine bedrohliche Situation für das Küken gewesen, deshalb glauben wir nicht, dass es sich immer so anfühlt.
Sie haben auch insgesamt (bis zur Flügelfoto-Situation) gar keine großen Regungen gemacht. Nicht geschrien, den Kopf nicht bewegt und auch keine Drohgebärden gemacht. Das ist also dieser das Überleben sichernde Freeze-Zustand und ja, er wird auch dann ausgelöst, wenn extrem lieb gemeinte Schutzgesten getan werden.

Eulenflaum zu berühren, fühlt sich an wie eine Depersonalisationserfahrung: Man muss sehen und glauben, dass man wirklich etwas berührt, sonst weiß man es nicht.

Es war ein extrem beeindruckendes Erlebnis.

sich im Schmerz zu Hause fühlen

Tag 4 mit einem Körper-Gefühl-Flashback, der nicht aufhört.
Wenn ich einschlafe oder zur Ruhe komme, wird es schlimmer. Will ich einen Gedanken konstruieren oder gar festhalten, zerreißt etwas in mir.

Die Sonne scheint, der Wind fährt mal sachte mal ordentlich über die Haut. Die Kätzchen sind zuweilen so aktiv, dass es aus der Scheune rumpelt. Gisela und/oder Bert sitzen mit großer Ausdauer in ihrem Nest. Die Hunde kommen und gehen, zum Schmusen oder zum Spielen. Die Pflanzen wachsen, blühen, tragen Früchte oder Samenkapseln. Eine der Staudenbestellungen im Frühling ist jetzt angekommen. Kleine Babystrubbel, die am Wochenende ihre Füße in unseren Garten stecken können. Heute Nachmittag werden wir zusehen, wie jemand junge Schleiereulen beringt. Alles ist so toll.

Und alles ist so furchtbar, denn mein Körper signalisiert mir akut bedrohlichen Schmerz. Und Schmerz. Und Schmerz. Er ist so durch_dringend, dass es mich verwirrt, wie einfach ich mich gleichzeitig aber bewegen kann. Wie ich doch lebe, wie doch alles geht und niemand da ist, der mir das antut. Wie es keine Quelle für dieses Empfinden gibt, außer meiner Erinnerung bzw. “Erinnerung”. Wohler würde ich mich damit fühlen es “Gedanken” zu nennen, aber ja blabla Vermeidungstanz nein, das machen wir jetzt nicht, aber doch, es fühlt sich stimmiger an.

Ich habe noch nicht viel gemacht, um den Flashback zu beenden, aber das heißt nicht, dass ich es nicht anders will.
Auf eine verwirrend fremde Art fühlt es sich kongruent an, diesen Schmerz zu erleben. In all seiner Furchtbarkeit und in aller Not, die er bedeutet. Ich weiß, dass ich ihn nicht verdient habe, weiß auch, dass stimmt, was die Therapeutin an Tag 0 des Flashbacks sagte: “Schmerz ist Schmerz”.
Er ist eine Konstante.
In all dem, was dieser Flashback mit sich bringt – Bilder, Gedankenfetzen, Impulse, Informationsbrocken, die mir wie zufällig in den Sinn kommen und ab und zu sogar Sinn ergeben – ist er da und ein eindeutiger Ausgangspunkt. Viel eindeutiger als HeuteHierjetzt, obwohl – ja, mega merkwürdig – wir da durchaus einige andere starke Ausgangspunkte haben. Aber die tun nicht weh, die sind nur da.

Andererseits ist genau das die Tücke. Sich im Schmerz zu Hause fühlen, sich darin sicher und klar fühlen, ist so alt. Übersetzt: so früh(kindlich).

die Wut einer behinderten Person auf ~die Leute~, ein Corona-Rant

Throwback zu meinem Text über die kollektive Trauer in der Pandemie.
Ich war traurig. Ich war im Zweifel mit den Veränderungen umzugehen, die meine Strukturen und Stützen so schnell und so umfassend wegrissen. Ich habe nicht verhandelt, ich war nicht wütend. Ich war deprimiert und bereit die Situation zu akzeptieren, denn so habe ich, haben wir, immer überlebt.
Das ist wohl einer dieser Vorteile des ZumOpferGewordenseins. Und auch des Lebens mit Behinderung. Wir sind fit, wenn es darum geht, uns selbst als zu klein für Verhandlung, Wut, Veränderung des Ist aus uns selbst heraus zu sehen.

Jetzt sind wir in 2 Wochen wieder in der Stadt gewesen, um mit unserer Therapeutin direkt zu sprechen. Es geht uns schlecht, Videotelefonie reicht nicht. Ich weiß, dass Suizidalität und Selbstverletzung und damit unser Leben mit in der Waagschale liegt, wenn wir uns damit befassen, ob wir unser Ansteckungsrisiko derart erhöhen oder nicht.
Wir wägen ab zwischen bekanntem Leiden und unbekanntem Leiden. Suizidale Krise, Gefangenschaft in der eigenen Sprachlosigkeit oder Covid-19 und alles, was das für den Freund mitbedeutet.
In beiden Fällen geht es um unser Leben und in beiden Fällen müssen wir trennen. Ist es ein Kampf um unser Leben? Sind wir direkt akut bedroht zu sterben? Ist es wie früher oder gibt es Aspekte, die uns aufzeigen, dass Jetzt auch Heute ist?
Wir dürfen keine Todesangst kriegen. Wir müssen rational ver_handeln. Was kann ich tun, damit es mir besser geht? Was hat bisher immer geholfen und was muss gegeben sein, damit wir das auch jetzt tun können, wo alle angehalten sind, bestimmte Dinge zu tun und zu lassen, um das Ansteckungsrisiko für alle zu verringern?

Als behinderte Person wissen wir sehr genau um unsere Grenzen und wann welcher Schritt zu viel aus absolut egal welchen Gründen zu viel und verhängnisvoll, gefährlich, problematisch ist.
Ich weiß, wie schnell aus einem „Ach komm, ich mach jetzt hier noch schnell“ eine Beule am Kopf und ein Ausflug in die Notaufnahme wird. Ich weiß, was es für mich neben der Möglichkeit mit der Therapeutin direkt zu sprechen bedeutet, zweimal hintereinander länger Zug fahren zu müssen, in der Stadt zu sein und wieder den Großteil der Zeit maskieren und kompensieren zu müssen.
Ich weiß, dass mein Anteil dessen, was ich von mir aus einbringe und leiste, um mir Gutes zu tun bzw. an meiner Erleichterung zu arbeiten oder auch einfach nur Spaß und Alleinzeit neben der Therapie zu haben, kaum im Verhältnis zu dem steht, was es mich kostet. Schon vor der Pandemie.

Himmel, so eine lange Vorrede. Please hold the line.

Also. Jetzt waren wir in Bielefeld. Diesen Montag und letzten Montag.
Und ich bin wütend. Jetzt bin ich endlich wütend.
Nicht auf die Pandemie. Auf „die Leute“. Und wie. Jede_n, die_r die Maske unter der Nase trägt, jede_n, die_r rumlabert, dass sich die Desinfektionsmittelhersteller ja jetzt schön in Kohle wälzen, alle, die keine Maske tragen und alle, die immer noch behaupten, das wäre ja im Grunde nur ne Grippe und ach, überhaupt, das Leben endet tödlich – allen denen will ich ins Gesicht springen und zuschlagen. Ich will sie schütteln, ich will sie anschreien, ich will, dass sie damit aufhören und anfangen rational(er) zu denken. Ich will, dass sie aufhören zu glauben, diese Situation sei eine, in der individuelle Entscheidungen möglich sind. Ich will, dass sie meine Not fühlen, die mit meiner Wahl zwischen zwei Nöten entsteht. Ich bin so unfassbar wütend, weil ich die Ohnmacht nicht ertragen kann. Ich kanns einfach nicht. Und ich weiß, dass es nicht fair ist. Es ist einfach nicht gerecht, wie Leute, die schon vor der Pandemie so viel mehr Wahlmöglichkeiten und Freiheiten hatten, sich gegenüber anderen Personen unsolidarisch zu verhalten, auch jetzt massiv problematisch agieren.

Meine Bereitschaft zur Akzeptanz war nicht bedingungslos, das merke ich jetzt. Ich war bedingungslos dafür bereit zu akzeptieren, dass so viele Dinge für mich schwieriger, anstrengender und völlig verändert sein werden, weil nicht nur ich davon betroffen bin. Alle müssen sich an die gleichen neuen Regeln halten, für alle ist es jetzt schwierig, alle müssen wir jetzt neue Prioritäten setzen. Alle müssen ihre Kapazitäten neu austarieren und mitunter Entscheidungen treffen, die sie vorher anders getroffen hätten. Mit allen Konsequenzen.
Endlich leben wir alle mit der gleichen Behinderung.

Jetzt endlich haben wir die perfekten Bedingungen, um auch noch den Letzten, das soziale Modell von Behinderung klarzumachen. Aufzuzeigen: Nein, es geht nicht darum, dass eine Person etwas nicht machen kann, es geht darum, dass ihr Umfeld nicht so ist, dass sie machen kann, was sie kann und wie sie es kann.

Ich war und bin so bereit dafür. So sehr. Weil ich denke: Wenn wir das reingekriegt haben – hallo jetzt ist der Zeitraum dafür – dann kommt die Veränderung, die es langfristig braucht.
Wenn wir es jetzt normalisiert kriegen, dass Leute sagen: „Boa, ich kann keine 6 bis 8 Stunden mit einer Maske auf durcharbeiten“, wie normal wird es dann, wenn Leute sagen: „Boa ich kann keine 6 bis 8 Stunden mit improvisierter Barrierefreiheit/nicht vorhandener Anpassung der Umgebung für mich/Specialmachung meiner Art zu sein durcharbeiten.“

Und was passiert?
Abwehr. Negierung. Verhandeln. Trauer. Wut.
Der nächste Trauerprozess.

Ich hätte das kommen sehen müssen. Selbstverständlich nimmt niemand einfach so eine Behinderung hin. „Die Leute“ können ja nicht mal einfach auf die Beseitigung eines Hindernisses auf der Straße warten, sondern müssen dran vorbeifahren und sei es, dass sie die Fahrbahn dabei verlassen.
Nein, sie verhandeln, statt die Alternativlosigkeit anzuerkennen. Sie tragen die Maske unter der Nase damit sie atmen können – obwohl inzwischen erforscht (Studie) ist, dass das Virus spezialisiert auf Zellen ist, die in Nase mit am häufigsten vorkommen (eher laienverständlicher Artikel) – damit sie mit weniger Anstrengung unterwegs in Bus und Bahn sein können. Sie desinfizieren für 10 Sekunden die Griffe der Einkaufswagen und halten sich für safe. Sie laufen in 30 Zentimeter Abstand an sitzenden Leuten vorbei und glauben, das wär kein Problem, weil sie ja nur kurz … wie die ganzen anderen Leute… (ihre Partikel um eine Person ausschütten, die vielleicht nur da sitzt, weil sie eine vom Maskentragen ausgelöste Asthmaattacke beruhigt)

Und natürlich finden sie das alles voll okay so. Auch gegenseitig. Klar, wie komme ich denn auch dazu zu glauben, dass Leute, die ihre Behinderungen im Leben bisher immer mit Individualentscheidungen haben kompensieren können, sofort das Mindset drauf haben, das ihnen die Abhängigkeit vom sozialen Umfeld und aller Infrastruktur bewusst macht.
Maximal naiv war ich da.

Es ist ihnen nicht bewusst, dass sie für alle mitentscheiden, wenn sie die allgemeinen Anweisungen zur Eindämmung der Virusverbreitung umgehen oder bis zur Unwirksamkeit dehnen. Wie soll es ihnen denn aber auch bewusst sein, bemerkten sie ja auch vorher schon nicht, dass zum Beispiel jede Entscheidung für das Abstellen von Leihfahrrädern oder E-Rollern auf dem Gehsteig, eine Entscheidung gegen alle Leute ist, die freie Wege brauchen, um überhaupt safe von A nach B zu kommen.
Es fehlt einfach das Bewusstsein dafür, dass man oft für das eigene aktuelle und von sich selbst angenommene Set der Fähig- und Fertigkeiten entscheidet und nicht für das reale eigene Set, das sich in einer Bandbreite verändern kann, die man sich wirklich und echt nicht vorstellen kann, wenn man es vorher noch nicht gelebt hat.

Selbst ich als behinderte Person denke bei der Einrichtung meiner Wohnung zum Beispiel nicht als Erstes daran, ob ich sie so auch noch gut bewohnen kann, wenn ich alt bin und einige Dinge nicht mehr so kann wie jetzt.
Das ist normal und eigentlich gar kein Problem – ich bin ja keine Insel. Ich kann andere Menschen beobachten. Ich kann von anderen Menschen mit anderen Befähigungssets lernen.
Das ist eine Bereitschaft, die ich in der Auseinandersetzung mit meiner Behinderung als zu entwickeln zwingend empfunden habe. Für mich gab es da nie eine Alternative, nie die Möglichkeit mich irgendwie rauszuwinden oder Umwege zu beschreiten.

Es war die gleiche Bedingungslosigkeit mit der das Virus heute wirkt.
Dem Virus ist egal, warum man die Maske abnimmt oder erst gar keine trägt. Es ist der Erkrankung egal, ob man eine wichtige Person für andere Personen ist. Die Infektion kann uns alle jederzeit und jederorts passieren. Wir alle können über Tage hinweg alle Menschen um uns herum anstecken auch dann, wenn wir das gar nicht wollen und uns nicht böswillig oder aus bewusster Ignoranz nicht an die Anweisungen halten. Es ist egal.
Es geht nicht um uns als Individuen. Das geht es nie und jetzt ganz besonders nicht.

 

 

Text mit einer weirden Metapher zum Vielesein

Zwischen dem Haupttrieb einer Tomatenpflanze und ihren Austrieben entwickeln sich im Lauf der Zeit Geiztriebe. Wenn man viele Früchte ernten will, dann soll man seine Tomatenpflanze zur Eintriebigkeit erziehen und diese Geiztriebe abknipsen.

Unsere Vielheit kam mir immer so vor. Wir sind einfach viele, schießen und sprießen aus allen Leerstellen, verbuschen und stabilisieren das, was wir sind. Viel von dem was wir tun und uns erarbeiten ist, zulassen zu können, dass es Leerräume und einen starken Haupttrieb gibt. Wir erziehen uns zur Wenigertriebigkeit.

Ich merke selber, dass dieser Texteinstieg irgendwie beknackt ist, aber
Ja, doch so ist es.

So ist Überleben und am Leben sein und so ist Funktionieren in einer Welt, in der das eigene Amlebensein längst nicht reicht, um darin gesichert zu sein. Alle werden wir hier und da ausgegeizt, zurechtgestutzt und immer wieder neu verpflanzt. Krippe, Kindergarten, Grundschule, weiterführende, Beruf oder Uni – einpflanzen, umpflanzen, ernten, wieder neu einpflanzen…
Wir werden alle dazu gezwungen zu produzieren, wir selbst sind das Produkt. Das ist kein negatives Weltbild, das ist Kapitalismus, das ist die Welt, die Gesellschaft, in der unser aller Leben passiert.

Wir arbeiten uns gerade an Erinnerungen ab, die mit einem Kontext zu tun haben, den wir in der Therapie bisher nie besprechen konnten. Sehr frühe Traumatisierungen, die systembildende Auswirkungen hatten und damit auch Basis von uns allen sind.
Für mich fühlt sich das nicht nach einer Sache an, für die ich viel Mut aufbringe und dann besser im Leben klarkomme. Diesmal werde ich nichts ernten könnten, das mich in einen Beruf bringt, in Produktivität, in schützende Unauffälligkeit, in eine Perspektive auf mich und mein, unser Leben, die mich von Kraft und Zuversicht erfüllt.

Diesmal ist es schlimm und ich merke, in welchem Ausmaß ich nicht genug dafür bin. Obwohl ich schon alles weiß. Weiß, dass man das schaffen kann. Weiß, dass das geht. Weiß, dass es auch nötig ist, um unser Amlebensein so selbstbestimmt zu gestalten, wie wir das wollen. Ich weiß aber auch, dass ich kein Wissen darüber habe, wie man Geiztriebe, die genauso stabil, genauso kraftvoll, genauso produktiv wie der Hauptrieb sind, abknipst, ohne eine Wunde zu hinterlassen, die nicht mehr heilen kann.

in der Stadt

In der Stadt ist man alleiner.
Als ich aus der Therapiepraxis gehe, kann ich im Getöse der Bahn, dem Rauschen der Straße verschwinden. Mich im Flackern der Lichter verstecken, meine Bröseligkeit lassen wie sie ist.

Dass es nicht ist wie immer, wie vorher, wie vor der Pandemie, merke ich an der Schließungszeit des Supermarkts. 20 Uhr. Das ist knapp, nicht genug Zeit zu wählen, zu prüfen, noch ein bisschen länger in dem Gefühl zu sein, dass alles da ist. Auf einem Haufen. Fußläufig, straßenbahnfahrig zu erreichen. Die Welt ist kleiner in der Stadt. Ich kann überall hin. Alles und alle sind erreichbar. Alle sind da und ich stehe allein an einer roten Ampel, links den Einkauf, rechts das Trauma in der Hand.
Es ist kongruent. Das macht viel. Ich will niemanden bei mir haben. Will und muss allein sein. Aber wahrnehmen will ich sie. Will die Gewissheit spüren, dass sie alle da sind. Fußläufig, straßenbahnfahrig erreichbar. Von mir allein. Wenn ich will. Und sie.

Der Krach scheppert an mir vorbei, so verdisst bin ich also wirklich. In mir schreit ein Kind, ich laufe im Kreis durch die Altstadt, vorbei an Kneipen, wo Fußball und Bier schon wieder auf 30 Zentimeter verbindet. Ich betrachte neue Graffitis und einen neuen Fitnesspark, schlucke Tränen runter an einer Gedenkstelle für die Menschen, die in Hanau getötet wurden. Scheiß auf meine weißen Tränen, denke ich und laufe weiter.
Mit jedem Schritt ist es besser. Der Boden unter mir, der Lärm um mich herum. Hallo Welt, ich kann dich fühlen. In der Stadt ist Inputseeking nicht stundenlang im Garten racken oder nur noch unter 25kg Quarzsand schlafen können. Es ist 45 Minuten in Stadtgetümmel baden bis die Nervenbahnen aufgeweicht und die eigenen Schritte, der eigene Atem, die alten anders als die gegenwärtigen Schmerzen spürbar sind.
War uns auch noch nie so klar.

Ich schlafe sofort, schlafe 6 Stunden. Das erste Mal seit einiger Zeit.

“gut gemeint” schützt nicht

Die Betreuerin will nicht mehr unsere Betreuerin sein.
Die Mail, in der sie mit uns Schluss macht, kommt nach einer Nacht, die von Angst und Flashbackrestschmerzen geprägt war. Wir sind nicht arbeitsfähig, hängen mit dem Freund auf dem Sofa, spielen später Phase 10. Während er mischt, lese ich, dass sie am Abend lange darüber nachgedacht hat und es nicht für sinnvoll hält.

Ich verstehe nicht, was sie nicht für sinnvoll hält. Die Arbeit mit und in meinen Angelegenheiten? Den Kontakt, der von viel Anstrengung in der Kommunikation für uns beide geprägt ist? Den Versuch zu verstehen und sich für mich verständlich zu machen? Oder zu kompensieren, dass mir egal ist, von wie viel Gutgemeint ihre Interaktion und Kommunikation angetrieben ist?

Wir wurden oft genug von Helfer_innen verlassen, um nicht weiter dran festzuhalten. Das würde wehtun. Altes mit Gegenwärtigem vermischen. Es ist okay loszulassen. Ausatmen und gehen lassen.
Wir gewinnen Phase 10 und rufen beim Gericht an, um zu erfahren, wie viel wir im weiteren Verlauf der Betreuer_innensuche jetzt bestimmen können. Es gibt keine Liste von Betreuer_innen, die rausgegeben werden darf. Wir werden Besuch bekommen und mit dem Mitarbeiter sprechen. Wir legen auf und schlucken mit Presslufthammerkraft die Furcht runter, einen Marathon der Sozialkontakte vor uns zu haben, bei dem wir immer wieder uns, unseren Fall, unsere Angelegenheiten ausbreiten müssen. Ins Leere raten müssen, ob die Person es packt oder nicht, ob sie viel oder wenig Eiei von uns abverlangt, um bei Laune zu bleiben. Ob sie flexibel oder starr ist, ob sie fähig ist, im richtigen Moment zu schalten, um unseren Schutz aufrechtzuerhalten oder nicht.

Dann kommt die Mail der Betreuerin, dass sie zufällig den Gerichtsmitarbeiter in der Stadt getroffen hat und ja jetzt alles klar ist. In mir öffnet sich eine Klappe und lässt mich ins Bodenlose fallen.
Klar, sie hat keine Peilung. Sie hat es in 10 Monaten nicht gerafft. Und wir haben ihr 10 Monate lang wichtige Aspekte unseres Schutzes anvertraut. Sie meint es gut und macht gleichzeitig sowas. Deshalb liebe Kinder, ist es manchmal scheiß egal, wie intensiv das Gutgemeint ist. Es schützt nicht.

Worte und Taten gut zu meinen, ist nichts Besonderes. Immer, wenn wir nicht schaden wollen, meinen wir es gut. Und wann will man schon schaden? Das ist sehr selten und noch seltener bewusst der Fall. Man muss also nicht permanent sagen, dass man irgendetwas gut meint, es sei denn, man braucht die Versicherung von außen darüber. Braucht zu hören: “Ja, ich sehe, dass du mir gut gesonnen bist und mir ohne böse Absicht begegnest.” oder braucht vielleicht sogar: “Ja, ich sehe, dass du ein guter Mensch bist.” Als würde das bei Anwesenheit von etwa 7,8 Milliarden anderen guten Menschen auf der Welt irgendetwas bedeuten.

Ich werde oft als misstrauisch und aggressiv wahrgenommen, weil ich nicht ständig sage, dass ich die guten Absichten anderer Menschen wahrnehme. Ich, wir können sie nicht ablesen, oder uns aus irgendwelchen Signalen ableiten – ich nehme sie einfach nicht wahr und lüge Menschen nicht an. Also sage ich, sagen wir, nicht ständig: “Ja, du meinst es ja gut. Du bist ja ein guter Mensch.” oder machen automatisch die sozialen Gesten und Gebräuche, um das verknörgelt auszudrücken.
Ich habe irgendwann verstanden, dass jeder Mensch so gut ist, wie er das für sich selbst, das direkte Umfeld und die gesamte Mitwelt ist. Mehr Information brauchte ich nie, um zu verstehen, dass die Gewalt an mir und uns, nicht im Kontext von Gut- oder Bösegemeint besprochen und die Welt mit ihrem sozialen Geschehen auch nicht daran beurteilt werden sollte. Selbst Menschen, die mir schaden oder geschadet haben, können gute Menschen sein und mir nicht geschadet haben wollen. So ist das, Punkt.

In der Betreuung war das noch nie ein Problem. Bis jetzt. Sie war die erste Betreuerin, die es so gut gemeint hat und gleichzeitig so einen Fehler machte.
Rechtliche Betreuung ist keine soziale Betreuung. Es geht nicht darum, wie ich mich mit Dingen fühle. Meine Anträge ans Jobcenter, an Ämter und Behörden müssen korrekt sein und im Bearbeitungsverlauf für mich erklärt werden, auch wenn ich keinen Dank kommuniziere oder sage: ”Hey, ich habe nicht verstanden, du erklärst nicht gut genug für mich.” Das bedeutet keinen „Arschlochfreifahrtschein“, wie viele Menschen bei so einer Aussage vermuten. Es bedeutet für mich, für uns, dass wir in unserer Kommunikation und Interaktion so sein können, wie wir sind, um nicht enorm viel Kraft auf Kompensationsverhalten verwenden zu müssen und so mehr Kraft haben zu verstehen, was uns erklärt wird. Uns zu erlauben diese Ebene so rauszulassen, wie sie für uns draußen ist, ermöglicht es uns zu Wissen und Kompetenzen zu kommen, die eine Unterstützung langfristig obsolet macht. Und wenn sie obsolet ist, dann haben wir auch die Kapazitäten uns dieser Ebene für die Leute, denen sie sehr wichtig ist, zu widmen.

Der Begleitermensch hat uns mal gesagt, dass er schätzt, dass wir uns diese Mühe für andere Menschen machen, obwohl es für uns keine Rolle spielt. Für mich hat sich das gut angefühlt. Es war das erste Mal, dass ich mich getraut hatte das „zuzugeben“, denn ich habe es immer wieder verleugnet, weil die meisten Menschen uns deshalb für gefühlskalt, sozio- oder psychopathisch oder bis in die soziale Verkrüppelung gefoltert halten, was alles nicht wahr ist.
Es hat sich auch deshalb gut angefühlt, weil ich so wusste, dass er meine, unsere, Mühe bemerkt und als solche anerkennt und, weil er Wertschätzung für dieses Verhalten geäußert hat. Etwas, das die meisten Menschen nicht tun, weil es für sie weder Mühe noch (bewusstes) aktives Handeln ist. Etwas, das ihnen erst dann als Ausnahme vorkommt, wenn sie es ganz bewusst tun, um anderen ein gutes Gefühl zu machen.
Für viele Leute, mit denen wir bisher in egal welchen Kontexten zu tun hatten, sind wir die erste Person gewesen, die diese Ebene rauslässt. Wenn wir nicht als aggressiv und misstrauisch gelten, dann als erfrischend direkt, witzig naiv, schockierend ehrlich, entwaffnend analytisch oder schlicht einschüchternd “klug”.
Wir sind nie lieb. Nie “ein_e Gute_r”. Kein Kumpeltyp, kein “herzlicher Mensch”. Unsere Wärme zu erkennen ist Arbeit. Unsere liebevolle Zuneigung zu sehen, zwingt die Einnahme einer – unserer – Perspektive ab. Und zwar immer wieder und immer wieder mit genau der Mühe, die wir uns für andere Menschen machen. On the go. Jeden Tag. Egal, wie es uns geht. Egal, ob es uns “etwas bringt” oder nicht.

Ich will darüber nicht heroisch wirken – das zu machen ist unser Alltag und wir sind oft genug völlig überlastet damit, weshalb wir auch vertreten, das Autismus eine Behinderung ist.
In unserer Betreuung erst recht, denn dort gibt es nichts, was einfach ist oder wenig Mühe bedeutet. Nicht mal auf der sachlichen Ebene.
Wir sind vom Gesetz nicht gut geschützt, wir sind gleichzeitig arbeitsunfähig und chronisch erkrankt und schwerbehindert und arbeiten 2 bis 3 Stunden am Tag, wovon manches vergütet ist und manches nicht und manches über Aufwandsentschädigung und manches über Honorar und ach obendrauf trifft diese Lage auf eine Behördenlandschaft, die flexibel ist wie Stahlbeton.
Wer uns betreut, macht mehr als Formulare auszufüllen, die immer gleichen Verlängerungsanträge zu formulieren und uns in groben Zügen zu umreißen, was da läuft. Wir stellen Fragen, wir wollen mit_bestimmen, wir wollen verstehen, um später selbst zu können.
Wir sprengen.
Ob wir wollen oder nicht, ob wir lieblieb machen oder nicht, ob wir hudeln und mudeln oder nicht.

Ich glaube, dass unsere letzte Betreuerin uns nicht geglaubt hat, als wir ihr das gesagt haben. Als wir sie vorgewarnt haben. Ich glaube, dass sie sich das nicht vorstellen konnte. Und dass sie geglaubt hat, es würde reichen, wenn wir gut miteinander können.
Ich, wir können aber nicht gut mit anderen Menschen. Wir können angestrengt, wir können achtsam, wir können analytisch herleitend, wir können bemüht, wir können so gut wie wir können und das ist anders als bei den meisten anderen Menschen. Ja, auch wenn sie das nicht glauben, weil sie den Unterschied bei uns in aller Regel weder sehen, noch hören, riechen, schmecken oder fühlen können.

Deshalb braucht es mehr Bewusstsein, mehr Aufklärung, mehr Zeigen, was Autismus ist, was er aus_macht und was es bedeutet. Auch bei Leuten, die ganz viel mit behinderten Menschen zu tun haben.
Uns normal finden und alles immer gut meinen reicht einfach nicht.