Autismus, Trauma, Kommunikation #8

Ich hing gestern gut 6 Stunden im Support meines Webhosters, um die E-Mail-Adresse, die ich hier seit Jahren verwende, um über Blog, Podcast und darüber hinaus erreichbar zu sein, zu retten.
Es war das Ende einer langen Kette von Miss- und Unverständnissen, die ich in diesem Text nicht weiter ausbreiten will, unter anderem, weil sie nicht sind, die mich belasten oder jetzt, einen Tag später endlich meine Erschöpfung von allem spürend, auch unfassbar schmerzlich berühren.

Worüber ich hier schreiben will ist, warum es mich so schmerzt. Warum es ein Trigger für uns ist. Was genau der Punkt ist, wo sich Autismus und Trauma bei uns so vermischen, das die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion in jeder Situation eine retraumatisierende sein kann.

Im Blog von Vielen haben wir die Textkategorie „Die Helfer_innen und die Hilfe“.
Entstanden ist sie aus der Erkenntnis, dass Helfer_innen und Hilfe schaden können. Aber auch aus dem Wunsch zu erfassen, was uns hilft und wieso. In dieser Kategorie finden sich auch Texte aus der Zeit vor der Autismusdiagnose, in der wir dachten, dass wir einfach unverständlich sind. In der wir dachten: „Wir machen das halt einfach immer falsch mit dieser Hilfe. Wir müssen die richtigen Worte finden, wir müssen uns genau abgucken, wie andere sich verhalten, damit sie Hilfe bekommen und wir müssen das nachmachen (, um dann zu merken, dass wir selbst das noch falsch machen, weil unser Blick auf Menschen dazu führt, dass wir die falschen Verhaltensweisen in falschen Reihenfolgen kopieren).“

Missverständnisse zu vermeiden, den richtigen Eindruck zu vermitteln, das Richtige im richtigen Moment zu sagen, oder zu verschweigen, war in meiner Kindheit über.lebenswichtig. Dabei  außerhalb der familiären Gewaltkontexte immer wieder zu scheitern, zum Beispiel in der Schule, im Hort, im Sportverein, in Chor und Band und was wir nicht alles noch besuchten, ist das Eine.
Es bestätigte die Traumawahrheit, dass niemand hilft, niemand glaubt und auch niemand versteht. Das AußerhalbderFamilie wurde mir immer wieder als unwürdig, falsch, schlecht, dumm dargestellt und so erschien die Botschaft auch valide.
Diese Dynamik beschreiben viele Menschen, die als Kinder in gewaltvollen Familien, in Sekten und organisierten Gewaltkontexten, auswachsen mussten. Es gibt ein Außen auf das du nicht zählen kannst und es gibt ein Innen, das immer für dich da ist – die Familie/Sekte/Gruppe/die Anderen.

Als autistisches Kind hatte ich das nicht.
Autismus greift in jede Interaktion und in jede Kommunikation hinein. Die gleichen Miss- und Unverständnisse, die ich im Außen erlebte, erlebte ich auch im Innen. Nur dort in seinen Auswirkungen erheblich brutaler, einfach schon, weil ich ein Kind war. Abhängig auf allen Ebenen und dadurch schlicht nicht in der Lage, überhaupt meiner Sicht auf die Dinge die Be_Achtung einzufordern, die nötig ist, um Miss- und Unverständnisse aufzuzeigen oder zu klären.

Wer durch ein Minenfeld laufen muss, aber nicht, wie alle anderen Leute auf Merkmale der Minen achtet, wird verletzt. Ganz zwangsläufig. Und so – auf diese Art gehen wir durchs Leben. Immer wieder und wieder und wieder und wieder. Ohne, dass unsere Gesprächpartner_innen das merken. Ohne, dass wir ihnen das immer so begreiflich machen können, dass sie sich nicht als Person gekränkt, bedrängt, abgewertet oder irritiert erleben. Ohne, dass sie uns den Schmerz nehmen oder uns trösten können. Ohne, dass sie ~ einfach mal eben so, ohne jede Anleitung und Herumprobieren und der dazu nötigen Konsequenz ~ etwas dagegen tun können.

Nun ist die Metapher natürlich nicht ganz passend. Die Merkmale einer einzelnen Mine kann man auswendig lernen. Man kann sich zwingen, sich selbst gegenüber brutal restriktiv dazu bringen immer, zu jeder Zeit auf den Boden zu schauen und auf Minen zu achten. Zwischenmenschlichkeit ist aber kein fester Gegenstand. Kommunikation verläuft nicht immer gleich, nicht immer vorhersehbar. Interaktion wird von so einer großen Zahl von Faktoren beeinflusst, dass sie einfach nicht in allem immer berechnet oder angenommen werden kann. Schon gar nicht von einem Kind, das zusätzlich dazu noch in einem sozialen Umfeld aufwächst, das unvorhersehbar und immer unnachvollziehbar in Gründen und möglichen Konsequenzen absichtlich irreführend kommuniziert.

Was sich für uns aus diesem Umstand (und vielleicht noch anderen, bisher nicht bekannten Faktoren) entwickelt hat, ist, dass es für uns ein Außerhalbvonuns, ein AußerhalbderFamilie und das InderFamilie gibt.
„Autismus“ als Wort kommt laut Wikipedia von altgriechisch „autós“ – also „selbst“. Die meisten Autist_innen, die ich bisher kennenlernen durfte, kennen diese Trennung von sich. Es gibt sie und gibt alle anderen. Und immer stehen dahinter ähnlich schwierige Kommunikations- und Interaktionserfahrungen. Ich persönlich sehe das nicht darin begründet, dass alle Menschen speziell autistischen Menschen gern das Leben zur Hölle machen wollen, sondern darin, dass die meisten Menschen eben nicht autistisch sind oder die autistische Wahrnehmung und Einordnung nicht von sich selbst kennen und also nicht nachvollziehen und also nicht beachten können.
Das macht Autismus für mich zu einer Behinderung, die noch einmal mehr als bei anderen Behinderungen, nicht als etwas Individuelles angenommen und behandelt werden darf, da auch nicht autistische oder anders neurodivergente Menschen in ihrer Kommunikation mit autistischen Menschen die Barrieren der Kommunikation und Interaktion zu kompensieren gezwungen sind.

Die im wahrsten Sinne des Wortes herrschende Ansicht ist allerdings eine andere und so ergibt sich für mich eine immer wieder auftauchende Dynamik der Traumatisierung (s. „seelische Verwundung“) in meinem Alltag, die sich auch noch einmal verschärft hat, seit ich weiß, dass ich autistisch bin.
Meine Bemühungen um Verstehen und Verstandenwerden passieren in aller Regel einseitig, weil mein autistisch sein als meine Behinderung angenommen wird. Etwas, das ich überwinden muss, um mit nicht autistischen und anders als ich neurodivergenten Menschen in einander verstehender Kommunikation „richtig“ zu funktionieren. Ich werde da mit etwas auf eine Art allein gelassen, die im Umfang ihrer Implikationen für mich unermesslich ist. Die Welt – das Außerhalbvonmir – ist damit eine nie versiegende Quelle von Schmerz, von Überforderung, von Not, von Ohnmacht und Hilflosigkeit und gleich meiner mich jahrelang quälenden Misshandlungsfamilie in ihrer Anmutung.

Und das tut weh.
Das tut wirklich weh und ist im Ausmaß nicht zu beschreiben.

Denn auch wenn ich weiß, dass ich am glücklichsten allein bin; dass ich weiß, dass ich mir selbst am meisten Vergnügen bereite und auch sonst immer und immer alles irgendwie auch allein schaffe (mich durch alles durch dissoziieren kann) so will ich doch auch vertrauen können, andere Perspektiven als meine er_leben, von anderen lernen, meine Kräfte schonen, indem ich Herausforderungen mit Unterstützung anderer Menschen bewältige und so weiter und so fort. Ich will leben. Nicht überleben.

Missverständnisse bedeuten für mich oft, von jetzt auf gleich völlig auf mich allein gestellt über_leben zu müssen. Sie sind mir Trigger für Erinnerungen an Vergangenes und reales Jetztgeschehen gleichzeitig und weil das so ist, hat dieser Text keine Punchline am Ende, die zu einem Like oder einem Klick auf den Share-Button führt, sodass mehr autistische traumatisierte Leute davon lesen können. Es ist wieder einfach nur gesagt. Aufgeschrieben. Ums zu sagen. Zu erklären. Zu zeigen, dass es passiert und dass es weh tut und ich nichts dagegen tun kann, weil grad einfach alles so ist, wie es ist und ich mittendrin bin und nichts und niemand – weder mein Wissen zu Trauma, Autismus, Menschen und ihrem Ableismus, noch irgendjemand, der helfen will, helfen kann.
Denn der Schmerz passiert in mir allein und alles andere ist Außerhalbvonmir.

R.

Erstaunlich ist, wie klar sie ist.
Ganz eindeutig ist Verzweiflung, die als Aggression gelesen wird, ihr Motor. Ohne Umschweife sagt sie, was sie aus_sagen will. Da ist kein Zögern, keine Pause, um die (soziale) Lage zu prüfen.
Wir sitzen der Therapeutin gegenüber, bis sie sich rausschält und sagt was ist, während ich noch nach Gedanken fingere, beobachte und überlege, mich in alle Richtungen absichere, keine Situation zu produzieren.

Ich habe schon oft gedacht, dass es merkwürdig ist, wie schief die frühen Hilfen gegangen sind. Sie hat nie irgendwas verschwiegen, hat nie irgendwas versteckt. Nie irgendwas verklausuliert oder anders gesagt, als sie das meint.

„Wie gut können Sie denn GoogleMaps – ich dacht, vielleicht brauchen Sie ewig, um da was einzugeben“. Während sie mit der Therapeutin über frühere gute Orte spricht, berührt mich das Trauma, das mich, uns Rosenblätter, hervorgebracht hat. Ich merke, dass ich ein Pflaster über viele von R.s Wunden bin. Dass sie es ohne mich nicht einmal ertragen könnte, ganz bewusst zu spüren, dass sie gerade mit „einem dieser Therapiemenschen“ spricht.

Zwischen unseren Leben liegen ungefähr 8 Jahre. 1, wenn ich mich nur auf die Rosenblätter als kompensatorisches System beziehe. Und doch ist es eine ganze Welt. Für sie ist jede Hoffnung auf Verstehen und Verstandenwerden tot. Sie sucht keine Freund_innen mehr, sie hat abgehakt, jemals nicht mehr (verlassen) alleinverantwortlich zu sein. Es ist gesetzt, dass nichts, was von ihrem „uns“ kommt, außen okay ist. Weder sie noch andere sind erwünscht, sie weiß das und spuckt auf die schmerzende Stelle. Sie kommt klar.

Wieder denke ich, dass es viel mit Performance zu tun hatte. Aggressiv gelesene Opfer sind schwerer als solche anzuerkennen. Es bietet keinerlei Raum für Mitleid oder Mit-Schmerz-Empfinden, wenn ein Opfer auf Rettung und Hilfe besteht, anstatt darum zu bitten und betteln.
Die Enttäuschung über den Entzug einer Unterstützung oder Hilfe und die folgende Überforderung und ihr Trigger in die Todesangst, bleibt viel eher unbemerkt. Jedes Helferversagen ist eine bestätigte Traumawahrheit mehr. Und zwar eine, die genauso nicht reflektiert und aufgelöst werden kann, wie jene, die in der ursprünglich traumatischen Situation nicht reflektiert und aufgelöst werden kann.

Die Erwachsenen haben an R. versagt. Das Hilfesystem hat an R. und ihren Schatten versagt. Jede Instanz außer sie selbst.

Die Therapeutin fragt, wie R. zu ihrem Ort kam und diese sagt, dass sie einfach über die Straße gelaufen ist. Die vierspurige Bundesstraße in der Nähe ihres damaligen Wohnortes. Und dass das ja das Ding war. Nach links war die Straße, nach rechts Bahngleise. Niemand außer ihr, war jemals da. Und würde jemand kommen, dann … – ich denke das nicht weiter, mir reicht es zu spüren, wie grundlegend gut sich diese Möglichkeit für sie anfühlt. Wie sicher.
Die Therapeutin sagt Dinge, die R. überfordern, da ihr Erfahrungswerte zur Analyse fehlen. Ich merke wie R. ihren, meinen, unseren Autismus nicht kompensieren kann. Sie nimmt, was die Therapeutin sagt, kann nichts damit anfangen und weiß sofort, dass es mal wieder nichts war, von ihr mal wieder nichts kam, was okay ist, weil es hilfreich ist. Ich kann keine Übersetzung zaubern, die ihr diesen Aspekt erleichtert. Weiß auch nicht genau, was die Therapeutin jetzt sagen wollte und was wir machen sollen. Die Stunde ist um, wir gehen nach Hause.

R. kommt klar, ich komme nicht mit. Merke, wie ich wieder als einzige Option übrig bleibe.
Sie ist weg und mit ihr alle Erinnerungen an die Gegend damals.

Autismus und Trauma(therapie)

Unsere Form der Orientierung passiert am Handeln anderer Menschen.
Die Traumakomponente dabei ist die Furcht vor dem Fehler, da der Fehler als Ursache von Gewalt und damit Schmerz, (Lebens)Gefahr und Mangel erlernt wurde.
Die Autismuskomponente ist, dass zu Handeln für uns aktiv und bewusst eingeübtes Copy & Paste ist. Immer noch. Während die meisten Menschen diese Strategie anwenden, wenn sie neue Dinge lernen und einüben, wenden wir das bei praktisch allen Tätigkeiten an. Dabei geht es – besonders heute, wo keine akute Gewalt mehr droht – nicht um den Versuch ein „richtiges“ oder „perfektes“ Ergebnis zu erreichen, sondern darum, es richtig zu machen. Denn auch mit der Art, wie man handelt kommuniziert man mit anderen Menschen. Aus unserer Sicht kommuniziert man darüber besonders Zugehörigkeit und Anerkennung, manchmal sogar Wertschätzung, für den Umstand der Zugehörigkeit oder auch der Notwendigkeit von Zugehörigkeit in diesem Kontext.

Die fragmentierte Selbst- und Umweltwahrnehmung mit der wir leben, stellt bei diesem Unterfangen oftmals die eigentliche Behinderung dar. Wir brauchen länger als andere Menschen, um komplette Handlungsstränge zu erfassen, zu prozessieren, mit unseren Fähig- und Fertigkeiten abzugleichen und sie 1 zu 1 zu kopieren. Sich selbst nicht kontinuierlich spüren, erfassen und reflektieren zu können, bedeutet zusätzliche Zeit- und Raumaufwendung. Noch mehr, wenn es um Aktivitäten geht, die kritischer Prüfung bedürfen, weil sie MIssbrauchspotenziale enthalten oder zu direkten und indirekten Schäden an uns oder anderen führen.

Anpassung ist ein Vorteil in evolutionären Prozessen. Anpassung geht über „Unauffälligkeit“ weit hinaus.
Anpassung kann auch bedeuten so auffällig zu sein, wie andere eine_n haben wollen oder (für ihr Gewaltkonzept) brauchen. Anpassung kann auch bedeuten, immer weiter leben, überleben zu wollen und Sterben zu verhindern, weil sonst niemand anderes in der direkten Umgebung sterben will, sterben erlaubt oder Suizid duldet.
Es ist nicht zu unterschätzen, an wie vielen Punkten Zugehörigkeit und dazu nötige Anpassungsleistungen zutiefst menschliche Instinkte überblenden. Vor allem dann nicht, wenn man es mit Opfern von (organisierter) Gruppengewalt zu tun hat.

Auch hier müssen wir uns mit zwei Seiten befassen.
Auf der Traumaseite steht ein abhängiges Kind, das instinktiv (aber vielleicht doch auch sehr sehr früh bewusst) weiß, dass es Bezugspersonen braucht, um zu üb.er_leben und sich an die Gruppengewalt (die Familiengewalt)-Kontexte anpasst, um das eigene Leben zu schützen und auf der Autismusseite steht ein Kind, das diese Anpassung nicht schafft, weil es nicht alle sozialen Hinweise, nicht jede Ebene der Kommunikation und Interaktion so erfasst, dass die Anpassung zufriedenstellend (im Sinne von umfassend, „nahtlos“) passiert.

Man darf nicht vergessen, dass Anpassung an soziale Kontexte, zwischenmenschliche Interaktionsmuster und -praktiken die Zugehörigkeit kommuniziert. Und auch, ob man diese Zugehörigkeit stärken, wertschätzen oder herausfordern will. Zugehörigkeit trägt in nicht unerheblichem Maße zur Identitätsentwicklung bei. Wer zur Familie gehört, ist Familie. Wer zur Gruppe gehört, ist Gruppe.

Zugehörigkeit kann man gut vorzeigen. Vor allem mit einem umfassenden Repertoire von verbalen Skripten und Handlungsabfolgen in einem sozialen Kontext, dessen Kommunikation von Unschärfe und Ungenauigkeit geprägt ist. Häufig reichen nachgemachte Gesten ohne jede eigene, innere, emotionale Verbindung, damit sie ihre Funktion bei anderen Menschen (unbewusst) erfüllen. In der Regel reicht eine bestimmte Begrifflichkeit zu verwenden, um etwas zu beschreiben und dem Gegenüber damit zu sagen: „gleicher Kontext“, „gleiches Thema“, „Ich weiß, was du meinst“, „Ich weiß, wo du (inhaltlich) bist.“

Die Einsamkeit, die wir oft empfinden, speist sich aus genau diesem Umstand.
Wir fühlen uns nicht zugehörig. Wir fühlen uns wenn überhaupt verbunden. Und diese Verbundenheit produzieren wir über Kognition.
Die Person hat mich geboren – sie ist meine Mutter. Diese Person hat meine Mutter schwanger gemacht – das ist mein Vater. Diese Personen dürfen Dinge über mich bestimmen, die ganz konkret und direkt meine Er_Lebensqualität auf einem Spektrum von angenehm, gut, nährend bis unangenehm, schlecht, mangelnd beeinflussen und das ist (in wechselndem Rahmen) ausschließlich über folgende Gesten, Worte, Wortabfolgen, Mimiken steuerbar.

Als Kind und Jugendliche mussten wir mehr leisten als heute, weil wir mehr Autoritäten unterworfen waren. Die ganze Welt bestand für uns aus Menschen, die wir in ihrem Bezug zu uns erfassen und ertragen mussten. Heute als erwachsene Person dürfen wir Unverbundenheit mit Fremdheit synonym verwenden und unsere Energien in den Ausbau unserer Kontakte und Bindungen fließen lassen.

Das erscheint uns an manchen Stellen, wie ein Entwicklungsschritt, den andere Menschen in der Zeit zwischen 10 und 20 Jahren machen. „Hier bin ich, ich bin so, ich gehöre zu dem und dem und das das und das nicht.“.
Wir sind in einigen (psychischen) Entwicklungsschritten erheblich verzögert. Schon der Umstand erst mit 21 zu erfassen und zu begreifen, dass jeder Mensch einen eigenen inneren Kosmos hat, der bei allen anders ist und es entsprechend gar nicht unser Ziel sein muss, unseren zu verändern, um weniger einsam und fremd mit ihnen zu sein, deutet darauf hin.
Die Trauma-Erklärung dafür ist: „Abgrenzung – ihr habt gelernt, dass ihr nichts eigenes haben dürft und deshalb habt ihr nie eine Grenze zugelassen (durftet keine Grenzen entwickeln) zwischen euch und denen, die euch überlegen waren (also allen/der ganzen Welt)“
Unsere Erklärung damals: „Da ist ein Unterschied, der uns trennt, was uns gefährdet und wo wir, egal was wir mit welchem Drive versuchen, nicht drüber kommen, sondern nur überdecken können. Wir gehören nicht dazu, aber alle Kognition sagt, dass wir es tun. Hier passiert ein unaushaltbarer Widerspruch, den wir weder kommunizieren noch auflösen können.“ blieb unverstanden, weil sie immer wieder von „autistisch“ zu „neurotypisch“ zu „traumatisiert“ übersetzt wurde.
Bibel-religiöse Menschen können verstehen, was für fatale Probleme dadurch entstehen, wenn etwas zu oft in zu weit auseinanderliegende Sprachen übersetzt wurde.

Unsere Geschichte enthält lange Abschnitte psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Es hat nicht geholfen die eigene Alexithymie niemals ausdrücken zu dürfen bzw. nicht als solche anerkannt zu wissen, weil die allgemeine Übersetzung ausschließlich „Bedrohung für andere“ (krasser Fall von Psychopathie/ verletzt ohne Mit_Gefühle/ wurde auf Gefühlskälte programmiert (traumatisiert)) oder „absolute Zerstörung des Eigenen“ (armes traumatisiertes Huschi ist völlig zerstört/dissoziiert von den eigenen Gefühlen/darf (durfte) nicht mal was empfinden) für ihre Auswirkungen bereithält.

Die Anpassung an die Lebensumstände der Psychiatrie und der Behandlungskontexte der Psychotherapie decken wir noch heute an unerwarteten Stellen auf.
Zuletzt am Begriff der Reorientierung.
Da wir schon so lange in Therapie sind, schon so viele Fremdwörter benutzen, um bestimmte Themen zu umreißen und Gespräche schneller an ihren Punkt zu bringen, wird schnell vergessen, dass wir in der Regel skripten, wenn wir Lautsprache verwenden. Das bedeutet, dass wir (Fremd)Wörter verwenden und das auch inhaltlich angemessen, sie aber mitnichten auch immer mit uns in Verbindung bringen können, wo die Verbindung auch wirklich ist.

Am Beispiel der Reorientierung ist das meiner Ansicht nach besonders fatal, macht doch die Re_Orientierung einen erheblichen Teil dessen aus, was nötig ist, um erfahrene Traumatisierungen zu verarbeiten und zu integrieren.
Erst nach bald 18 Jahren Traumatherapie zu verstehen, dass Re_Orientierung nicht nur meint, dass alle von uns wissen, welches Datum wir haben und, dass wir der Familie*° nicht mehr ausgeliefert sind – als Information! – ist eine solche unerwartete Stelle.
Eine mit erheblichen Auswirkungen und Krisenpotenzial.

Fundstücke #73

WhatsApp auf, “Entschuldige dich, Arschloch”, löschen, schließen. Augen zu. Atmen. Zittern. Vor Angst vor Wut vor dem Kontrollverlust, den ich entlang meiner Knochen von mir weggieße. Heiß glühend, weiß, bis alles wieder starr und steif ist.  Ich schließe die Tür zu meinem Büro, kühle mich mit Tränen ab, die hinter meinen Augen bleiben.

“Andererseits – für so einen kleinen Zettel mal eben 200€ kriegen. Andere arbeiten dafür einen halben Tag.” Wichser Arschloch verpiss dich aus meinem Leben Was bist du für ne miese Sau ich box dir die Fresse weich

Ich bin geblieben. Kontrolliert. Sachlich. Konnte nicht deutlicher sagen, dass es nicht vergleichbar ist. Weil: offensichtlich war es das ja doch. Einen Folgeantrag an den Fonds sexueller Missbrauch zu schreiben und ein halber Arbeitstag. Fuck you shithead. Fuck you very much. Du hast keine Ahnung.

Du hast sowas von keine Ahnung.

 

 

Und warum hab ich überhaupt was davon gesagt.

die Reibe, die Schule, die Selbst_Verletzung

Es gab Reibekuchen. Das Reiberaspelding steht neben der Spüle. Bereit abgewaschen und wieder in die letzte Ecke gestellt zu werden. Weit weg. Aus dem Blick. Aus dem Sinn.
Als meine Narben noch hart waren, hatte ich beim Rüberstreichen manchmal gedacht, dass ich sie mal als Reiberaspel benutzen könnte. Oder als Waschbrett. Waschbrettbauch, Waschbrettarme, Wäsche würde nie ein Problem für mich sein.
Heute sitze ich in der Küche und denke darüber nach, ob ich mir den Traumascheiß runterratschen könnte, wie das Außen einer Karotte.

Wir sind seit mehr als einer Woche zu Hause. Alleine. Wir haben zu oft weder gesprochen, noch in Worten gedacht. Nicht mal beim Schreiben ehrlich gesagt.
Es tut uns nicht gut. Nicht so. Das alleinsam sein, obwohl man in der Schule sein oder wenigstens etwas für die Schule tun müsste. Wir würden mehr für die Schule machen, müssten wir nicht mehr dahin. Komisch, aber isso.

Heute sind wir in der Schule verabredet, um zur Schule zu gehen, aber keine Schule zu haben. Nur lernen. Keine Schule. Das geht. Glaub ich. Die Starre ist noch nicht wieder da. Ich habe keine Angst, fühle mich nur bedrängt. Unsicher, weil ich nicht weiß, was ich erwarten kann. Neben dem, was ich erwarten muss und mir schon beim Gedanken daran die Überforderungsübelkeit in den Bauch rauschen lässt.

Hätt ich eine Mutti würd ich sie fragen, ob sie mit mir kommt. Mir die Hand hält, mir das Gefühl gibt sicher zu sein. Ganz generisch. Hab ich aber nicht. Nicht mehr und eh nie so. Wär meine Mutter hier, wüsste von all dem, sie würde sagen “Nu komm.” oder “Nu mach” und ihren Kopf in einer vagen Bewegung durch die Luft schwenken wie so ein Weihrauchdings in der katholischen Kirche.

Ich weiß nicht mal wovor ich Angst habe. Niemand da sieht mich so jung und nichtig, hilflos, ohnmächtig, wie ich mich fühle. Sie sehen mich als Erwachsene und gehen entsprechend mit mir um. Sie wissen nicht, dass sie mich damit überfordern. Nicht, weil ich in Wahrheit ein Kind bin, sondern weil mich von einem Kind in vielen Dingen nur das Alter unterscheidet.

Wie oft habe ich mich früher nach solchen Schulverquerungen verletzt, um mich selbst davon zu überzeugen, wie wirklich schwach, verletzbar, grundfest unsicher ich tatsächlich bin. Wie wirklich unerträglich die Dissonanz, die Inkongruenz zwischen dem ist, wie ich auf andere Menschen wirke und dem, wie ich bin.
Komisch, wie ich heute vor allem diese Gefühle von Verletzlichkeit und profunder Eigentlichgarnichtsicherheit aus mir rausschneiden will.

9 Uhr 22. Der Heizungsmensch war da. Die Wohnung wird wieder warm.
In einer halben Stunde muss ich los.
Die Reibe bleibt wo sie ist.

24

In dem Fach mit ~dem~ Lehrer wird es eine 3 zum Halbjahresende. Meinen Frust darüber merke ich, wie durch dickes Eis. Ich bin müde. Hatte gestern einen Durchfall-Bauch- und Magenschmerztag mit viel liegen, etwas arbeiten, etwas dissen. Heute morgen kam ich zur Schule und dachte nur: Der kann mich nicht mal, so sehr will ich mir die Probleme mit ihm egal sein lassen.
Es soll mich nicht berühren. Nicht so. Nicht dafür. Es ist so egal.
Er wird es einfach nicht mehr raffen. Ich behalte meine Kraft.

“… Das, was du da hast … diese ~Krankheit ..?” Ich bin eiskalt. Es berührt mich nicht. Es trifft mich. Ich bin kalt kalt kalt. An meinen Rändern stapeln sich die Eiskristalle zu langen spitzen Stacheln, um die Entfernung zwischen ihm und mir zu füllen. “Behinderung” denke ich. “Sag doch einfach Behinderung, meine Fresse, das ist kein böses Wort, bedeutet nichts schlechtes, ist nicht ansteckend. Nenn es einfach beim Namen.”

Nichts. Ich lasse das wegplätschern. Ist egal. So egal.

Die Lehrerin in dem Fach hat mir heute gesagt, dass wir die praktische Prüfung von 6 Stunden in einem Rutsch, in 2 Teile von je 3 Stunden aufteilen. Enthinderung. Wunderbar.
Nachteilsausgleich, was bist du für ne geile Scheiße.

13

Ein Aspekt, der in solchen Situationen auch immer wieder untergeht ist, weshalb wir überhaupt ständig so ein Kanarienvogel werden. Es gibt Menschen, die uns immer wieder antragen, dann doch einfach nichts zu sagen. Und es gibt Menschen, die glauben, dass wir dann immer etwas sagen, weil wir so mutig und stark sind. Oder weil wir ein bisschen Stunk machen wollen. Weil wir Regeln ablehnen und generell keine Autorität anerkennen wollen.

Alles Quatsch und tragisch schlimme Missachtung dessen, was wirklich bei uns vorgeht.

Würden wir keine Verantwortung tragen müssen (aka Würden wir zu anderen Zeiten leben), würden wir keinerlei direkten Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen. Selbst dann nicht, wenn wir sehr krank wären oder in irgendeiner anderen Not.

Wir gehen zur Schule, weil wir müssen. Weil man sich die Grundversorgung in unserer Gesellschaft erarbeiten und also verdienen muss. Wir waren in Betreuung, weil wir mussten. Weil man Verantwortung für sich und die eigene Bürokratie begleitet erlernen muss, will man zukünftige Entwicklungen selbst schaffen. Wir haben erste Freund_innenschaften geknüpft, weil wir mussten. Wir brauchten Leute, die bemerkt hätten, wenn man uns wie immer wieder angedroht, getötet hätte.

Heute haben wir Freund_innen, die damit zurecht kommen, überwiegend über dieses Blog, Twitter und Messenger mit uns in Kontakt zu sein. Indirekt also. Sehr selten und meist sehr konkret über eine Sache verbunden auch direkt.

Was uns in unseren heutigen Menschenkontakten immer wieder zum Verhängnis wird ist, dass wir aufrichtig daran interessiert sind die Dinge zu tun, die uns aneinander binden. Wir gehen nicht zur Schule, weil man uns zwingt und dann sitzen wir da unsere Zeit ab und alles ist uns egal. Wir gehen dahin, weil wir gezwungen sind, mit etwas da raus zu gehen. Und um das zu kriegen, müssen wir Lehrer_innen gut zuhören, ihren Anweisungen folgen und in uns so transformieren, dass wir am Ende auch kriegen können, was wir wollen. Den Abschluss.
Wir hören ihnen also zu. Wir sind also aufrichtig daran interessiert, was sie uns sagen. Und wir machen auch wirklich so gut wir können das, was sie uns sagen.

Das ist an sich schon mal irritierend für die meisten Berufschullehrer_innen. So hohe Eigenmotivation und Interesse an der Sache erleben sie nicht oft. Bei manchen habe ich auch den Eindruck, dass sie überhaupt keinen Umgang damit haben, einfach so anerkannt zu sein als jemand, die_r etwas beibringen kann und also auch soll. Dass sie wirklich und echt einfach so anerkannt werden – auch ohne soziales Rumgebuckel, Geschleime oder andere soziale Täuschungsmanvöver – und angesprochen werden wie Leute, an die man ganz selbstverständlich auch Dinge wie bessere, konkretere Erklärungen abverlangt, gerade, weil das ihr Job ist.

Einerseits ist das total traurig und andererseits total normalisiert.
Eine der üblichen Alltagsdissonanzen, die wir wir bis heute nicht verstehen. Status wird über Fähigkeit und Funktion definiert, aber Funktion und Fähigkeit zu fordern, gerade, weil das so ist, ist falsch, gilt als stark und mutig, frech, machtkritisch … manchmal aber auch als naiv und zu belächeln.

Wir kommen über dieses Nichtverstehen nicht hinweg. Vor allem nicht, weil das so besteht und es niemanden stört bzw. von niemandem sonst auch als Dissonanz eingeordnet wird.

Wir geraten immer wieder in solche Momente, weil wir zu spät merken, dass wir wieder mitten drin sind.
Das Klinikding vor inzwischen bald 3 Jahren war so ein Ding. Sehr viele Probleme mit Lehrer_innen, Behördenpersonen und ehemalig als Freund_innen und Gemögte eingeordnete Personen gehen darauf zurück.
Darauf, dass wir sie und ihre Funktionen, ihre Rollen und alles, was sie uns sagen – dass wir unsere gemeinsame Verbindung so ernst nehmen, wie wir denken, dass man sie ernstnehmen muss und also nicht einfach sagen darf: “Ja ok mir egal/Ja ok will ne Autorität sein, obwohl sie_r sagt sie_r will ne Partner_in sein – scheiß egal/Ja ach scheiß was drauf, sind halt Lehrer_innen/Chefs_innen, is halt scheiß Schule/Arbeit…”.

Unser Fehler ist einfach diese Verbindung einzugehen und aufrichtig in dieser Verbindung zu sein.
Wir machen das nie halb oder nur ein bisschen oder mit Intensionen, die wir dann nicht offen aussprechen, weil man dann vielleicht nicht mehr mit uns verbunden sein will. Wenn wir Kontakte eingehen, dann gehen wir richtig rein.

Heute denke ich, dass wir aufgrund dieser Eigenschaft auch nur in den Ausstieg und die Ablösung von der Familie*° gehen konnten. Wir können Dissonanzen nicht ausblenden und weil wir gleichzeitig so sehr in Verbindung mit Menschen gehen, sagen wir ihnen auch, wenn so eine Dissonanz da ist. Nicht, weil wir so hammer mutig sind oder immer Kraft für die Konsequenzen haben, sondern, weil die Dissonanz da ist und es keine geben sollte, wenn alles richtig läuft. Beziehungsweise, alles richtig ist. Und dass alles richtig ist bzw. richtig läuft: das sollte in einer Beziehung/Verbindung doch im Interesse aller sein, sonst hätte sie keinen Sinn. Jedenfalls nicht für uns.

Wir benennen Dissonanzen/Unlogiken/Unstimmigkeiten, weil es solche Dissonanzen sind, die uns quälen, absorbieren und bis heute spalten, wenn wir alleine damit sein müssen. Und, weil wir einfach unser Leben lang genau damit immer allein sind.
Auch dann, und das ist, was uns regelmäßig in depressive Einbrüche bringt, wenn wir anderen Menschen davon erzählen und sie versuchen zu verstehen. In der Regel verstehen sie nämlich nicht oder kommunizieren uns ihr Verständnis immer wieder so, dass wir zu dem Schluss kommen, sie verstünden gar nichts und für uns eine weitere Runde soziale Flauschigkeit für andere Leute eingeläutet wird, damit sie ihre Intension für genug gewertschätzt empfinden plus Alleinigkeit mit dem, worum es eigentlich geht.

Das ist Spaltung. Das ist eine Dissonanz in uns. Denn nach außen flauschen wir, damit wenigstens eine Person okay aus der Situation kommt und nach innen leiden wir und prozessieren etwas, was niemand versteht, niemand sieht und niemand als anstrengende Nebenherarbeit im Alltag mitdenkt.
Wenn wir sagen, dass uns soziale Interaktion über alle Maße anstrengt, dann liegt das auch an genau solchen Nebenherprozessen, die Kapazitäten für Einfühlen, Mitdenken, Sprechen, passende Mimik und Gestik machen, Sinnbilder und Memes erkennen und decodieren, Kontakt zum Eigenen behalten, rauben.

Und wofür das alles?
Ganz runtergedampft und alle soziale Konnotation rausgestrichen: Um in einer Welt zu überleben, die so ist, wie die, in der wir gerade leben.

In früheren Menschenszeiten wären wir ein_e Einzelgänger_in geworden, sobald wir uns die groben Basics zum Überleben angeeignet hätten. Wir brauchen andere Menschen nicht, um uns draußen in der Natur/Wildnis sicher zu fühlen. Wir brauchen andere Menschen nicht, um uns selbst zu spüren. Irgendwie funktionieren wir an der Stelle einfach anders und spüren genauso sicher, dass dieser Wahrnehmung keine traumabedingte Begründung hintersteht.
Wir hassen Menschen nicht. Wir misstrauen ihnen in der Regel, wenn sie auf uns zukommen und so tun, als würden sie uns niemals schaden können oder wollen. Wir sind in dem Misstrauen bestätigt, wenn sie die Möglichkeit, dass das irgendwann, warum auch immer, mal der Fall sein könnte, vehement abstreiten. Aber das ist nicht der Grund weshalb wir von uns annehmen, eigentlich als Einzelgänger_in glücklicher, entspannter, ungespaltener zu sein.

Wir müssten einfach keine Dissoanz mehr ertragen. Und wir müssten damit nicht mehr allein sein, obwohl die Chance auf Mehrsamkeit scheinbar so so so nah ist. Wir würden unsere Dinge machen und wenn wir etwas außerhalb von uns wünschen, dann würden wir es aufschreiben.

Es gäbe keine Verbindungen mit Sollbruchstelle am gegenseitigen Verstehen mehr. Kein “So-tun-als-ob-man sie eigentlich-in-Wahrheit-ja-auch-umgehen-kann-wenn-man-nur… “

Wir wären in Kongruenz mit unserer inneren Aufrichtigkeit über den Kontakt mit anderen Menschen.
Und ja, nein, das sind wir im Moment nicht und waren es noch nie.
Einfach, weil wir in heutigen Menschenzeiten leben und wir uns dafür entschieden haben. Für die Verbindung dazu. Für das Leben. Unser Leben.

Vielleicht hätten wir das nicht machen sollen. Aber jetzt ist es so und vielleicht ist das einfach die Aufgabe, die wir haben. Mit allen Konsequenzen für uns und die Menschen in unserem Leben.

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12

“Mach dir nicht so viele Gedanken.”, “Mach dir keinen Stress.”, “Reg dich nicht darüber auf.”.
Das sind die Dinge, die uns Menschen zu dem Problem mit dem Lehrer sagen. Und generell zu vielen, den meisten der Probleme, die wir im Leben sehen. Beruf, Zukunft, Lebensausrichtung, die Ordnung unserer Dinge und Handlungen.

So etwas macht einen Schmerz, der immer wieder neu weh tut einerseits und andererseits kaum richtig “echter Schmerz” im Sinne einer emotionalen Verwundung ist. Es ist eher eine, die!, schmerzliche Erinnerung daran, wo die Grenzen zu anderen Leuten verlaufen. Sie verlaufen für uns genau dort, wo Leute annehmen, wir würden uns Gedanken zu Dingen machen, wie man Kuchen backt oder sich selbst eine Frisur macht: zielgerichtet, eine Absicht verfolgend, vielleicht, weil man etwas anderes gerade weder will noch kann oder mag.

Unser Ausdruck von Stress über Dinge entsteht in der Regel erst dann, wenn wir durch die Kommunikation unserer Gedanken zu Dingen als etwas, das frei wählbar und vermutlich die Folge von Vermeidung anderer Optionen sei, merken, dass wir allein mit dem Problem sind. Sicher nicht, weil die Menschen sich dafür entscheiden uns damit allein zu lassen. In der Regel wollen sie ja alle das Beste für uns. Sie sind uns zugewandt und sehen, dass es uns nicht gut geht. Aber sie verstehen uns nicht. Und, sie sehen die Dissonanz zwischen dem, was sie an uns herantragen und dem, was sie sich für uns wünschen nicht. Auch damit sind wir meistens allein.

Wir sind nicht gut in der Lösung von zwischenmenschlichen Problemen. Wir wissen das. Wir merken das. Wir leben schon einige Jahre mit dieser Unfähigkeit und trotz vieler Hilfsmittel und Krücken, die für die andere Partei in der Regel ermöglicht, gute Lösungen zu finden, bleiben wir oft mit dem Wissen zurück, dass wir ein Problem lösen, bei dem wir nichts weiter als ein Kanarienvogel in der Kohlenmine waren.

Wir geraten nie „einfach nur so“ in Schwierigkeiten. Wir zeigen sie auf und werden deshalb als die Problemursache verortet. Schlicht deshalb, weil wir unsere Gedanken nicht „machen“, sondern sie durch all die Fragezeichen und Unstimmigkeiten in der Zwischenmenschlichkeit und der Unmöglichkeit, die Zukunft vorherzusehen, zwangsläufig entstehen.

In ultra autoriären Kontexten hatten wir nie Probleme damit. Darin hatten wir unsere Gedanken und die Spaltung zwischen innen und außen. Wir haben nicht gesagt, was wir denken, haben nie geäußert, was wir uns fragen. Wir haben gehört und gefolgt und am Ende war das Ende. Es gab keine Zukunft, es gab ein Ziel, das ein weiteres Ende sein würde, über das weder nachzudenken, nachzufragen oder sich zu sorgen erlaubt nötig möglich war.

In Momenten wie dem, in dem unsere Therapeutin aus der Sache mit dem Lehrer zum Beispiel etwas macht, das in uns begründet ist; unser Klassenlehrer, dem wir von der Sache erzählten, weil er sagte, wir sollten bei Problemen immer sofort zu ihm kommen und davon erzählen, uns sagt, wir sollen uns weder aufregen noch sorgen; der Begleitermensch schon wieder nicht erreichbar ist, obwohl er uns zugesichert hatte, dass wir in der Schulzeit nicht allein mit solchen Situationen sein müssten,

da ist der Wunsch nach so einem ultra autoritären Kontext wieder da
und ich kann’s verstehen
ja, sogar nachfühlen.

Nicht, weil die Aussicht auf die globale Unterwerfung und Lossagung solcher Problemlagen so toll ist, sondern, weil es weder die real entstehenden zwischenmenschlichen Probleme, noch den Schmerz der Alleinigkeit damit, noch das Spüren der weiterreichenden Konsequenzen dieses Schmerzes gibt.

Es geht ja nicht nur um dieses eine Problem. Sondern auch um die, die da noch kommen werden. Es geht auch darum, immer Kraft für sowas bereit haben zu müssen und niemals vergessen zu dürfen, dass das ein Kraftvorrat ist, der dazu da ist, immer einsetzbar zu sein – egal, wie anstrengend der ganze Rest ist.

Es geht auch um das Gefühl der Isolation. Es gibt Menschen, die mit unserer Selbstbezogenheit wenig mehr als Pathologisierung und Negativbewertung anfangen können. Die meisten brauchen entweder lange oder schaffen es nie zu verstehen, dass wir uns nicht wie sie oder die meisten Leute, über andere Menschen oder die Interaktion mit ihnen spüren. Wir also keinen Wert für uns darin sehen, mit ihnen zu tun zu haben, sondern darin, was konkret wir mit ihnen zu tun haben. Um das etwas näher zu erklären, ein Beispiel.

Eine Person mit der wir befreundet sind, fragt uns, ob wir mit ihr Zeit verbringen. Sagen wir, wir machen eine kleine Radtour. Wir werden uns gut fühlen, weil wir radfahren und sie auch. Weil wir beide das Gleiche tun und einander erzählen können, wie es für uns war. Uns macht daran glücklich, dass wir Rad gefahren sind und, dass wir beide die gleiche Erfahrung gemacht haben und, dass wir einander davon erzählen können. Auch wenn die andere Person es vielleicht nicht so toll fand, so steht für uns nicht das im Vordergrund, sondern die Schönheit der Kongruenz, über die wir uns verbinden können. Wir sind dann nicht glücklich, weil eben genau diese Person da war. Oder weil wir besondere Momente miteinander erlebt haben. Die Gleichheit der Handlung (die planbar, machbar, schaffbar war) erfüllt uns mit Zufriedenheit.

Übertragen auf soziale Problemlagen, wie dem mit dem Lehrer, ist für uns irrelevant, wie er sich fühlt, wenn wir uns schlecht fühlen. Für uns ist seine emotionale oder soziale Bewertung der Situation auch egal. Wir brauchen für uns auch nicht zu wissen, wie es ihm geht, denn uns geht es um das Ergebnis seiner Handlung bzw. einen faktisch existenten Umstand.
Beschäftigen werden wir uns in den nächsten Tagen aber vor allem damit, ihm das klar zu machen, ohne, dass er sich tödlich beleidigt oder missachtet fühlt. Und erst dann können wir vielleicht eventuell zu dem kommen, was für uns eigentlich relevant ist. Ein Problem, das wir nur durch achtsame und sachbezogene, also sehr konkrete, Kommunikation lösen und in der Zukunft verhindern können. Obwohl Schulalltag um uns herum ist, obwohl es für ihn irrelevant ist, obwohl es unbezahlte Mehrarbeit für ihn ist und obwohl es eine Veränderung in seiner Kommunikation bedeutet, von der erst einmal nur wir etwas haben (aber später könnte sich herausstellen, dass alle etwas davon haben – auch er).

Was in der Reihenfolge einfach kräftezehrend für uns ist und auch wieder ganz eigene Unfairheiten mit sich bringt. Denn ihm wird niemand sagen, er solle sich nicht aufregen, sich Gedanken machen, keinen Stress damit haben.
Ihn wird man eher noch bedauern, jemanden wie mich unterrichten zu müssen, obwohl man als Lehrer_in doch so gar nicht darauf vorbereitet wird. Ihm würde man eher noch das Fehlen von eigenen Gedanken dazu entschuldigen, denn, wie hätte er denn je darauf kommen sollen. Niemand würde ihm sagen, er solle sich keinen Stress damit machen, weil man weiß: Er hat eh schon genug unverhinderbaren Stress, weil Lehrer_in zu sein, einfach als stressreicher Job mit enorm vielen Aufgaben gedacht und akzeptiert wird. Und sollte er sich doch Gedanken und Stress machen, dann wird ihm das als Merkmal guten Lehrerseins angetan – nicht als unnötige Selbstsabotage oder Merkmal einer Pathologie der Psyche, wie bei uns.

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„Was passiert, wenn der neue Lehrer nicht das gleiche Autismus-Briefing kriegt, wie die anderen Lehrer?
Richtig – er unterstellt Täuschung und Lüge für eine bessere Note, wenn man auf Kommunikationsprobleme und Missverständnisse hindeutet, die zu schlechten Noten führen.

Das macht so viele Gefühle gleichzeitig in mir, dass ich obendrauf noch frustriert über mich bin, die_r diese ganzen Gefühle hat und nicht abstellen kann.
Und dann klopfts an der Tür und der ganze Selbsthass steht wieder da.

Und die Müdigkeit. Die auch. Schon in so einer Art vorauseilendem Gehorsam, weil klar ist, wer das klären muss, klar ist, wer wieder länger bleiben, mehr reden, mehr erklären muss.
Und das wofür?

Fundstücke #67

Das Jahr geht zu Ende und es fühlt sich nicht danach an.
Alles ist anders, neu, komisch, schön, anstrengend. 2018 hat viel mit sich gebracht. Vieles verändert. Auch mich. Uns.
Wir hatten zu wenig Zeit für uns allein, mit uns allein, um alles zu integrieren, alles zu er.fassen und zu halten. Und vielleicht ist das die Essenz von Reichtum.

Das nächste Jahr steht bereits zur Hälfte fest und so beruhigend wie das ist, so sehr setzt es uns unter Druck.
Es ist keine Planung, die uns strukturiert und vorbereitet, um weniger Angst zu haben. Es ist der Versuch zu greifen, was da kommt. Das ist etwas anderes als sonst und so schwer zu kommunizieren in seiner gesamten Belastung.

Wir bemühen uns darum glücklich zu sein, dankbar, demütig und merken doch: Glück und Zufriedenheit ist Arbeit und irgendwann ist man einfach müde. Denn Energie ist begrenzt und wir ziehen unsere Kraft nicht aus Glück und Zufriedenheit, sondern aus Schlaf, guter Ernährung, Sport, Alleinzeit, der Möglichkeit zu schreiben, um sich selbst zu verstehen, zu verorten, zu spüren.

Das müssen wir 2019 wieder mehr machen. Egal wie egoistisch das wirkt, egal, wer sich das anders wünscht und warum.
Das ist auch eine Erkenntnis, die bestätigt. Wir sind nicht selbstbezogen, weil wir daraus einen sozialen Vorteil haben. Wir sind es, weil es für uns der Weg zu anderen Menschen und dem Leben selbst ist.

Ich glaube, dass das etwas ist, das wir den Menschen in unserem Leben zumuten müssen. Glaube, dass wir uns in einem Zutrauen üben müssen, in dem wir annehmen, dass die Menschen uns vertrauen. Was merkwürdig ist, denn das haben wir noch nie gemacht: Geglaubt, dass man uns glaubt; darauf vertraut, dass man uns vertraut.

Mal sehen wie das wird.
Im Jahr 2019.