Dissoziation ist kein One-Size-Pullover – Ostern, 13 Jahre später

Im ersten Jahr, war es, als würde ich wie eine Fliege gegen die Fensterscheiben dotzen, ohne wissen, wieso überhaupt. Wieso ich so viel Energie aufbrachte, wo ich hinwollte, was ich erwartete. Erst einige Zeit später bemerkte ich überhaupt, dass ich das getan hatte.
Wir lebten damals in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es gab Schokoeier und mehr ruhige Alleinzeit mit den Pflegepersonen. Alles Dunkelbunte brummte von innen gegen meine Haut an.

Nach unserem Entschluss, es nicht „Ausstieg“ zu nennen, sondern „nicht hingehen – nicht mitmachen – DAS DA stumm schalten und weggucken“ zu machen, war es in den ganzen letzten Jahren auch immer genau so. Als liefe ein stumm geschalteter Fernseher in unserem Rücken. Dunkelbunt-TV, wenn man so will. Und mit jeder Distanzierungsübung ihrer Inhalte, rückten auch sie weiter weg. Und weiter. Und weiter. Bis wir sie auch nicht mehr als etwas fühlten, auf das man wirklich mal achten muss, anstatt es als irreal platt zu machen, zu bügeln und in einen Schrank am Anfang des Nirgendwo zu stecken.

In Wahrheit gibt es sie, aber in Wahrheit kann und will niemand etwas mit ihnen zu tun haben. In Wahrheit haben sie unsere Solidarität, unsere Kraft und alle Ressourcen der Welt verdient, aber in Wahrheit brauchen sie sie überhaupt nicht. In Wahrheit brauchen wir endlich wirkliche Ausstiegsbegleitung, aber in Wahrheit sind wir schon seit inzwischen 13 Jahren ausgestiegen.

Durch die aktuelle Situation können wir gut erkennen, dass es wirklich so ist, dass man immer der jeweiligen Situation angepasst dissoziiert. Die Dissoziation funktioniert bei uns nicht wie ein One-Size-Pullover. Hier einmal um die Dunkelbunten rum und fertig ist der Lack für immer und ewig. Es ist mehr wie eine Kaugummiblase, die man sich dann und wann wieder von der Haut puhlen muss, um eine noch größere zu machen, damit alles reinpasst.
Denn, es ist ja auch nicht so, dass diejenigen in der Blase sich nicht bewegen. Dass sie nicht reagieren.
Es ist ja so, dass wir diejenigen sind, die gelernt haben, dass sie und ihre Reaktionen in dieser unserer jetzigen Lebensrealität weder für uns, noch für andere okay sind. Dass sie uns gefährden und dass das, was sie mitbringen so etwas wie das goldene Ticket ins Balla-Land ist.
Wir sind die, die seit 13 Jahren Kaugummi fressen und schon längst automatisiert haben, Löcher zu stopfen, bevor sie die Blase zum Platzen bringen.

Und jetzt? Jetzt brummt es nicht. Jetzt bewegt sich nichts. Es schneit panische Schreie wie Pollenschirmchen ins Innere.
Was machen wir jetzt Was mache ich jetzt Was ist jetzt los Was bedeutet das jetzt Was mach ich jetzt Was machen wir jetzt Was bedeutet das jetzt Was machen wir jetzt Was mache ich jetzt Was ist jetzt los Was bedeutet das jetzt Was mach ich jetzt Was machen wir jetzt Was bedeutet das jetzt

Und ich pflanze Radieschen. Und ich baue einen Schutzwall für die Radieschen, damit die Spatzen sie nicht fressen, wie sie die Salatpflänzchen gefressen haben.
Was machen wir jetzt Jetzt pflanze ich kleine Kräuterpflanzen ein. Was ist jetzt los Jetzt pflanze ich das Bäumchen ein. Was bedeutet das jetzt Ich kann einen Käfer sehen, der durch die Blütendolde krabbelt. Was mache ich jetzt Jetzt rolle ich 50 Meter verknörgelten Gartenschlauch auf, um ihn morgen wieder abzuwickeln, denn ich habe ein Anschlussstück zu kaufen vergessen. Kaugummi Kaugummi Kaugummi

Es ist keine Verankerung im Außen oder in der Gegenwart, es ist die konsequente Verankerung in mir, die_r das Früher, das Alte überhaupt nicht kennt und Zeit spürt, statt sie zu berühren. In Wahrheit mache ich das hier also eigentlich konsequent falsch, in Wahrheit ist es das Einzige, das funktioniert und Funktion wird belohnt.

Was bedeutet das jetzt
Es ist und wird.
Heute säe ich Erbsen aus.

4 thoughts on “Dissoziation ist kein One-Size-Pullover – Ostern, 13 Jahre später

  1. Guten Morgen,
    danke für die Gedanken und den Einblick in dein-euer Sein aktuell… spannend, doch an einer Stelle haben wir ne Frage (oder ich verstehe da etwas nicht, das kann auch sein): „Es ist keine Verankerung im Außen oder in der Gegenwart, es ist die konsequente Verankerung in mir, die_r das Früher, das Alte überhaupt nicht kennt (…). In Wahrheit mache ich das hier also eigentlich konsequent falsch.“… Das klingt so abwertend, urteilend. Dabei finde ich das, was ihr beschreibt so wunderbar… dem Innen erklärend, was du tust: „Ich pflanze Radieschen. Und ich baue einen Schutzwall für die Radieschen“… Geht Kontakt, Orientierung und „in die Gegenwart orientieren“ nicht auch genau so?? immer wieder erklärend, was ich-wir-außen tun?… Wenn das falsch ist für dich, wie würde es dann richtig sein? Wie würde eine Verankerung im Außen für dich aussehen?…
    Liebe Grüße Lia-Lani

    1. Guten Morgen
      Da ist eine Fehlannahme, deshalb ist es verwirrend. Ich erkläre dem Inneren nichts. Ich sage, was ich mache, um mich präsent zu halten. Mich – nicht sie.
      Mein Anker bin ich und ich kann überall sein. Heute, gestern, hier, da. Mein Bezug zu Zeit und Raum ist nicht so starr und begrenzt.
      Jetzt etwas eindeutiger?

      Viele Grüße

      1. Danke. Ja okay, jetzt verstehe ich es besser. Es klang für mich so, dass du dein Tun dem Innen erklärst. Ich kenne ähnliches, sage dann auch in Sätzen, am besten laut, was ich tue und was als nächstes dann kommt, habe dabei aber den Eindruck, ich gebe dem Innen wie ein Geländer…

  2. Im Garten vermischt sich das alles so völlig selbstverständlich und natürlich stirbt man nicht daran und es ist zwischendurch wie beim Autoscooter. Etwas donnert aufeinander und es fühlt sich kurz vor Schleudertrauma an, aber man distanziert sich wieder und fährt eine neue Runde. Sweat, A la la la la long…
    Und in Wahrheit will ich schreiben: Ich glaube, es geht mir gerade ähnlich wie Dir und Euch. Danke für Eure Worte, die für mich so passend innere und äußere Momente und Bilder beschreiben.

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