Autismus, Trauma, Kommunikation #1

Vor einigen Jahren haben wir eine Artikelreihe zum Thema Schweigen und Reden geschrieben.
In diesem Text, der vielleicht auch eine Reihe wird, wird es um Kommunikation gehen, denn das ist unser eigentlicher Dreh- und Angelpunkt, wie wir heute wissen.

Wir haben schon immer das Problem positiver Diskriminierung, unserer Ausdruckweise und sprachlichen Fähigkeiten betreffend, weil es das Missverständnis „Sprache“ = „Kommunikation“ gibt.

Wir sind sehr gut mit Sprache. Unser Wortschatz ist groß, unsere Metaphersammlung beeindruckend für viele Menschen. Wir lernen gerne und schnell Sprachen. Sprechen flüssig, moduliert und lang.
Wir sind allerdings eher mittelprächtig in der Kommunikation dessen, was wir eigentlich aussprechen wollen und eher untermittelprächtig gut in der Rezeption dessen, was uns andere Menschen kommunizieren wollen.

Denn Sprache ist Muster. Also: Grammatik und Wörter. Sprache ist lernbar. Das kann man sich einprägen, einüben. Sprache findet sich überall.
Kommunikation allerdings, erfordert auch das, was als Intuition bezeichnet wird, weil der Lernprozess unbewusst und basierend auf neurologischem Feedback passiert. Menschen bringen einander Kommunikation bei, ohne zu wissen, dass sie das tun oder wie genau sie das tun.

Besonders in unserer Ausbildung mit dem Schwerpunkt auf Medien und Kommunikation merken wir: den Kernpunkt einer kommunikativ intendierten Aktion, kann uns niemand erklären.
Man kann uns sagen, was was macht und wie was wirkt, aber wieso und woran sich das jeweils festmacht nicht. Eben, weil es hier um so tief verinnerlichte und durch die alltäglich bestätigte Funktion als nicht nötig zu hinterfragende Dinge geht, dass dort oft ein Ende der Selbstreflektion beginnt.

Unser Problem liegt an genau dem Punkt.

Während wir lange dachten, die Lösung aller Kommunikationsprobleme wäre eine Perfektion von Sprache und Timing, trugen wir durch diese Bemühungen immer weiter dazu bei, dass Menschen uns nicht glauben, dass wir sie oft nicht verstehen und uns nicht richtig ausdrücken können.
Zusätzlich gehen wir mir traumabedingter Sprachlosigkeit um.

Unsere Fragestellung an andere Menschen ist also oft: Wie müssen wir etwas sagen, damit du uns verstehst?
Und so viele Menschen können darauf keine Antwort geben, denn sie selbst sehen die eigenen Kommunikationstechniken nicht. Sie wissen nicht, worauf sie wie reagieren, weil sie sich das nie fragen mussten oder gefragt wurden. Selbst Menschen, die mit studiertem Blick auf Kommunikation schauen, könnten den für uns fraglichen Punkt nicht benennen.

Und während viele Menschen an der Stelle annehmen, dass wir uns darüber erhöhen und überlegen fühlen, weil wir einen sogenannten „blinden Fleck“ bei vielen Menschen gefunden haben, sind wir tatsächlich oft einfach nur verzweifelt und zuweilen auch zutiefst hoffnungslos, jemals ganz und gar erkannt und verstanden zu werden.

Früher waren wir in der Theorie verhaftet, wir würden Menschen einfach nicht genug vertrauen, um sie nah genug an uns heran zu lassen, um eine intime, im Sinne von vertraute oder innige, Kommunikation aufzubauen. Jedes unserer Sprech-, Sprach-, und Kommunikationsprobleme lag damit allein bei uns. Wir sind die mit dem traumatisierten Gehirn, mit den zu schlecht entwickelten Abgrenzungs- und Reorientierungsfähigkeiten – wir sind die, die nicht zwischen Bedrohung und zugeneigtem Miteinander unterscheiden können.

Die Rolle anderer Menschen beschränkte sich damit auf den „Sei lieb zu mir-Imperativ“ und damit auch den Anspruch, für uns bitte niemals auch als Bedrohung verstehbar oder sichtbar zu sein.
Eine fiese, aber leider übliche Falle, in die Menschen tappen, die versuchen mit traumatisierten Menschen umzugehen.

Man möchte den traumatisierten, vielleicht auch leidenden, Menschen nicht noch mehr leiden machen und schon gar nicht immer wieder an die Traumatisierung erinnern. Sobald das Konzept von Triggern verstanden ist, will man Trigger nicht mehr. Man will sie um jeden Preis verhindern, obwohl alles – das komplette Leben von Anfang bis Ende – komplett triggerbasiert ist.
Das Leben ist eine einzige Kette von Reiz-Reaktionsmustern. Sich Triggern zu verwehren, heißt sich dem Leben zu verwehren. Sich dem Leben zu öffnen, bedeutet sich für Umgangs- und Reaktionsmöglichkeiten zu öffnen.

Obwohl wir uns immer wieder dagegen gesperrt haben von anderen Menschen auf diese Art „geschont“ zu werden, waren wir da immer wieder drin. Und immer wieder waren es unsere Kommunikationsrezeptionsprobleme, die am Ende dafür gesorgt haben, dass wir Menschen nicht verstanden haben, die so mit uns umgegangen sind. Für uns haben sie einfach dauernd Dinge gesagt und gemacht, die für uns völlig irrational, unbegründet und unlogisch waren. Wir konnten sie nie durchschauen, konnten sie nie einschätzen. Egal, wie oft sie uns nicht miss.be.handelt oder ausgebeutet haben – in diesem Faktor haben sie sich einfach nicht von den Menschen unterschieden, die das mit uns gemacht haben und damit waren sie für uns eben doch nie „ganz anders als die Täter_innen“.

Je mehr wir an die Grenzen unserer kommunikativen Fähigkeiten kamen, desto mehr gewann die Psychosomatik als Kommunikationsmittel an Bedeutung. Und je mehr dagegen antherapiert wurde, desto stärker wurde der Druck auf uns, doch endlich die richtige Sprache, das richtig Timing, die richtige Sozialperformance herauszufinden, um dann die_r richtige_r Patient_in, die_r richtige_r Klient_in zu werden, um dann als Belohnung nicht mehr zu sterben zu wollen, weil das Leiden so unaushaltbar war.

Wir konnten das nicht lösen und heute merken wir, was für ein großer Anteil das für uns an der Traumatisierung durch Helfer_innen war und potenziell immer noch ist. Denn die wenigsten Behandler_innen und Helfer_innen kennen sich mit Autismus aus oder trauen autistischen Menschen so viel Innenleben zu, dass sie traumatisiert werden könnten.
Obendrauf kommt noch der Ausschluss von autistischen Menschen in der neurologischen Traumaforschung, aufgrund ihrer Neurodivergenz. Also: (möglichen) Aspekten ihrer Behinderung.

Inzwischen gehen wir ins dritte Jahr mit der Autismusdiagnose und skyrocken seitdem auf der Entwicklungskurve.
Wir sind in einer glücklichen Beziehung, sind auf dem Weg in eine passende Arbeitsform, können unsere Gesprächtherapie zu 95% nutzen und haben das Gefühl, dass der Boden auf dem wir stehen einer ist, der uns trägt. An 4 von 7 Tagen einer Woche gehen wir mit Grundglückszufriedenheit ins Bett und können Traumascheiße vor der Haustür bündeln.
Das wäre nicht der Fall, wenn wir nicht den Hang dazu hätten, Menschen so zuzuhören, wie wir das tun.

Für viele Menschen sind Sätze wie: „Tun Sie, was Ihnen gut tut.“, „Wir arbeiten hier so lange zusammen, wie es hilfreich ist.“ oder „Vertrauen Sie auf ihre Einschätzungen. Sie sind die_r Expert_in für sich selbst.“ nichts mehr als Phrasen.
Besonders dann, wenn das Verzweiflungslevel so hoch ist, dass Behandler_innen oder Helfer_innen zu Retter_innen in der Not werden. Also eine gewisse Abhängigkeit aufgebaut wird.

Für uns konnten solche Sätze als Jugendliche auch nur dumpfer Blablascheiß sein, denn selbst wenn wir nach unseren Einschätzungen gegangen wären, was wär dann passiert? Wunderheilung? Spontanrettung? Wer hätte uns genommen als chronisch suizidale Jugendliche? Das Heim hatte uns schon abgeschoben und in der geschlossenen Psychiatrie sagt man uns dann sowas, obwohl so so klar ist, dass man am Ende der Fahnenstange angekommen ist und mehr als das Ende aller Alternativen – und damit auch des eigenen Lebens (unter Menschen und relativer Nähe der Gesellschaft) – nicht mehr da ist.

Und auch an der Stelle: Wenn man schon nicht kongruent kommunizieren kann, was belastet und schwierig ist – wie soll man kommunizieren, was man sich entlastender und einfacher vorstellt? Insbesondere dann, wenn man als ultraintelligent und deshalb als befähigt und deshalb als stark (mächtig!) und deshalb auch gerne mal als frech, anmaßend, arrogant eingeordnet (und gemaßregelt) wird.

Unsere Therapeutin sagt keine Dinge, auf die wir nicht in irgendeiner Form auch mit einer Frage zurück kommen können. Wir müssen uns nicht an ihr orientieren, sondern an den Themen, die wir besprechen. Nicht jede.s abwesende oder undefinierbare Gefühl, Wort oder Idee ist gleich unsere Traumavermeidungsstrategie oder dissoziiertes Trauma. Nicht jede Unfähigkeit ist gleich eine traumabedingte Unfähigkeit.
Im Nachhinein denken wir manchmal, dass sie die erste Therapuetin ist, die uns nicht einfach nur predigt doch endlich mal Trauma von Welt zu differenzieren, sondern sich auch für unsere Differenzierungen interessiert.

Denn die sind ja immer schon da gewesen. Zum Einen in uns selbst – viele sein ist das Ergebnis von Differenz durch Unverbindung (also Dissoziation statt Assoziation) – und zum Anderen in dem, wie wir den Lauf der Dinge und seine Bestandteile wahrnehmen – denn wir nehmen mehr Details und breitere Komplexe als klare (bewusste) Informationen auf (was mit unserer Neurodivergenz zu tun haben kann, und durch die unter verschiedenen Bedingungen reproduzierbare Bewusstheit und Benennbarkeit von traumabedingter Hyperviglianz zu unterscheiden ist).

Wir hätten eine weitere Verzweiflungsrunde über die von uns angenommene Sprechunfähigkeit gedreht, hätten wir mit der Therapeutin damals, zum Zeitpunkt der ersten Autismusüberlegungen, nicht schon über 2 Jahre lang gemerkt, dass wir grundsätzlich total gut miteinander arbeiten können, aber da immer noch diese eine Stelle des Unverständnisses blieb.
Die sich ja dann auch noch einmal in der Musik- und Kunstschule wiederholte.

Fortsetzung folgt

Fundstücke #65

„Diese Stadt…“, denke ich und laufe durch den Berliner Hauptbahnhof. Das Klo stinkt nach Scheiße und Putzmitteln, draußen stinkts nach Pisse und Abgasen. Es ist Sonntag, doch diese Stadt kann nicht anders als ums Überleben zu pulsen. Neben mir wird Busladung um Busladung Tourismus angekarrt, der sich einer Umgebung nähert, die dann doch irgendwie unerfassbar bleibt.

Wir sind auf dem Weg zu Programmratstreffen des Verlags, in dem wir gerade arbeiten und unser erstes Buch veröffentlichen werden. Merkwürdig ist das alles. Cool. Und be.merk_würdig.
Da fahren wir hin und treffen Leute, die Dinge machen und toll sind und Bücher schreiben und wer hätte das je gedacht. Das alles.

Wie ruhig wir im Zug nach Berlin sitzen und nicht völlig fertig mit der Welt herauspurzeln. Wie wir die Invalidenstraße hochlaufen und den Boden unter den Füßen als gegeben nehmen, um unsere Betonplattenrillen-Musik-Schritte zu tanzen.
Wer hätte gedacht, dass wir unser Lebensglück mal auch dann noch fühlen können, wenn wir in so einer insgesamt sensorisch überkrassen Situation sind.

Und irgendwann später am Tag und kurz vor Erschöpfungsnulllinie im Kopf, stellen wir unsere Novelle vor, obwohl es sich anfühlt wie ein Film, der durch unseren Kopf projiziert wird. Als die Gruppe applaudiert, drehen sich die Dinge in uns ineinander. Wir werden ein Buch veröffentlichen und es wird so sein wie wir sind. Es darf sein, wie wir unter diesen Menschen sein dürfen und alles ist okay.

„Jeg er glad“, denke ich am Abend, als wir in Hannover aus dem Zug klettern und uns eine weiche Schicht davor schützt das nackte Bündel aufgeschürfter Nervenenden zu sein, das wir früher nach solchen Touren gewesen wären. Früher, vor zwei, drei Jahren. Wir sind müde, deshalb kullern uns die Gedanken in den Sprachen, die wir können durch den Kopf und manchmal müssen wir zwei Mal hinschauen, um sie zu begreifen.

„Ich bin glücklich“, das kann ich dann fühlen. Als warmer Schauer, weil J. uns am Bahnhof abholt und als kurzer Moment, in dem ich ein Freudengefuchtel unterdrücke, weil er sich mit uns über alles freut, was uns freut.
Und weil es okay ist.

Besonders, weil all das okay ist.

note on: Nazis boxen

Irgendwo zwischen dem 14ten und 15ten, vielleicht auch noch 16tem Lebensjahr war ich ein Naziklatscher.
Das war nichts Besonderes. Da, wo ich gelebt hab, hängen die NPD-Plakate auch heute noch kilometerweit und über 3 Meter hoch an den Straßenlaternen.
Nazis klatschen war wichtig und richtig. Egal, ob man nun in irgendeiner Form politisiert war oder nicht.

Ich saß mit den Leuten aus der örtlichen sozialistischen Jugendorganisation zusammen, rauchte meine ersten Zigaretten und versuchte mich in dem ganzen Ding zu finden, obwohl nicht mal wusste, wer ich bin.
Dann ist mein Leben zerbrochen in Vorher und Nachher.

10 Jahre später saß ich in einem Leben, in dem Nazis klatschen keine Rolle mehr spielte.
Wir wohnen in einer Stadt, in der es normal ist, wenn Leute nicht in Deutschland geboren wurden oder deren Eltern gerade neu nach Deutschland gezogen sind. Hier ist die MLPD radikal, die Sticker der Identitären eine jugendliche Verirrung und die Antifa die Leute, mit denen man sich verbündet, wenn eine Demo für mehr Vielfalt passieren soll.

In den 10 Jahren, die mir mehr oder weniger fehlen, hat sich das, was in meinem Leben eine total banale Rolle gespielt hat, zu etwas entwickelt, was alles andere als banal ist: Gewalt
Keine Panik, das wird jetzt hier kein “früher hab ich draufgehauen, heute bin ich Pazifist und deshalb find ich Nazis klatschen scheiße- Text”, aber es wird eine mit.geteilte Perspektive.

Ich konnte Nazis gut klatschen, weil ich es kannte geklatscht zu werden und mir kein Leben vorstellen konnte, in dem diese permanente Drohung nicht da war. Die Ungerechtigkeit mit der die Gewalt an mir passiert ist, konnte ich niemals 1 zu 1 zurückgeben, umwandeln oder in irgendeiner Form überhaupt mehr als nur wahrnehmen.
Da war mir jemand total überlegen und das war nie anders.

Nazis gegenüber hab ich mich überlegen gefühlt. Ihr Hass, ihre Menschenverachtung erscheint mir noch heute wie eine Schwäche, für die sie sich schämen sollten. Ihre Selbstdarstellung als tiefgekränktes Wesen, das sich nur selbst verteidigt, erscheint mir erbärmlich und manipulativ. Ich verachte sie dafür so zu denken, zu sein und alles das als Wahrheit zu kommunizieren.
Für den Fall, dass das nicht offensichtlich ist: Ich verachte Nazis für das was sie tun. Was sie glauben und wie sie sich selbst präsentieren. Sie selbst als Personen sind davon nicht komplett getrennt, aber doch: da sind Dinge an Menschen, die Nazis sind, die ich nicht verachten will, weil ich sie für mich als universell erarbeitet habe.

Für mich, als Teil eines uns, ist es nämlich so:
Um zu verarbeiten, dass das, was uns passiert ist, Gewalt war und damit nicht banal oder okay, mussten wir uns erst einmal als etwas annehmen, das ein Mensch ist. Ein Mensch, für den so etwas wie Würde und Menschenrechte ein Ding ist auf dem beruhend für sich selbst eingefordert werden darf, gefälligst nicht geschlagen, getreten, geboxt, geklatscht, ausgenutzt und verwertet zu werden.

Für uns ist das eine echt massive Stütze heute. Das ist nichts, was wir mal eben zur Seite tun können oder von dem wir sagen: “Och ja, mal hier oder da brauchen wir das nicht so ernst zu nehmen.”. Es gibt für uns absolut keine Ausnahme von diesem Grundsatz mehr. Vor niemandem.

Das bedeutet auch, dass wir selbst von uns abverlangen, niemanden mehr nicht auch als Mensch zu sehen und zu begegnen. Es bedeutet für uns, dass wir niemanden mehr schlagen, klatschen, boxen, treten, ausnutzen oder verwerten, nur weil wir das können. Denn, dass es so ein Miteinander braucht, um für sich selbst an diese Selbstverortung zu kommen, haben wir selbst gelernt.

Wir verstehen Antifas und bPoc und natürlich auch alle anderen Personengruppen, die sich unter all der Gewalt, die ihnen von Nazis entgegengebracht wird, aufrichten und darüber empowern, dass Nazis alle Schweine sind und geboxt gehören. Ich verstehe diesen Dreh echt so gut.

Aber für mich, für uns, ist das vorbei, weils vorbei sein muss.
Ich hab keine Ahnung, wie man Nazimobs, wie zuletzt groß in Chemnitz, stoppen soll, ohne sie k.o. zu boxen oder noch mehr Bullen zu fordern. Man kriegt diese Leute nicht weggekuschelt oder durch symbolische Gesten von der Irrationalität ihres Hasses überzeugt. Das ist mir total klar und ich sehe es auch nicht als sinnhaft an, sich das als Linke_r einzureden.

Gleichzeitig denk ich manchmal aber auch, was für ne Scheiße das ist, wie oft ich mich deshalb oft nur noch schweigend und scheinbar genau zwischen links und rechts wiederfinde.
Aus den linken Reihen werd ich fürs nicht boxen und Menschlichkeit nicht außer Acht lassen wollen, verhöhnt, kritisiert und zuweilen ausgeschlossen und von den Rechten für meine Ablehnung von Menschenhass und Nazitum bedroht. Ja geil – hier wollt ich niemals hin: in diese stumme starre Mitte, die tumb und plump zu nichts zu gebrauchen ist.

Und was für mich noch dazukommt, ist die Erfahrung sowieso nie für irgendeine Seite (wenn man überhaupt von Seiten sprechen kann – links und rechts sind einfach mal keine zwei Pole der Politik, sondern Punkte eines Spektrums) “zu gebrauchen” zu sein.
Es ist ja nicht so, dass die Linke so hammer offen ist für traumatisierte, behinderte Leute, die als Frau gelesen werden, aber doch nonbinary sind. Die deutsche Linke ist so so oft überhaupt 0 die Speerspitze für Menschenrechte, Gleichberechtigung und hastenichgesehn, für die sich selbst hält. Manche linkspolitischen Gruppen sind an der Stelle nicht besser oder anders, als jede beliebige als “unpolitisch” bezeichnete Gruppe, die sie so verachten.

Überhaupt geht mir die Verachtung von Linken, für die “gegen Nazis sein” das Kernding des Antifaschismus ist, dermaßen auf den Sack.

Du bist kein Antifaschist, wenn Nazis klatschen alles ist, was du machst.

Faschismus ist ein Herrschaftsbegriff. Da gehts um Strukturen, um Herrschaft, um Machtfragen.
Natürlich kannst du deine Machtfragen mit der Faust klären oder über Autoritätsgebaren wie der Ausübung von Definitionsmacht oder Deutungshoheiten über diverse Dinge lösen. Keine Frage.
Aber alternative Strukturen werden darüber nicht auch wachsen.
Ich mein – mal ganz pragmatisch – du hast einen Nazi geklatscht und dann?
Ist dann die Gesetzgebung eine andere? Sind Waffen made in Germany nicht mehr in das Ausland ausgeliefert, aus dem Millionen von Menschen jetzt flüchten müssen? Sind Geflüchtete, bPoc und alle anderen marginalisierten Gruppen, die du mit deinem Naziboxen schützen, retten, empowern willst dadurch in ihrer Selbstvertretung gestärkt? Also bei mir läuft hier kein Zähler, der mir sagt: “Noch 200 geklatschte Nazis und dann gibts echten Schutz für Leute, die welchen brauchen”.

Ich hatte vor ein paar Tagen einen Twitteraustausch mit jemandem, die_r @kriegundfreitag für seine Strichmännchen-Aktion kritisiert hatte. Der Cartoonzeichner hatte angekündigt, für jede 5€, die gespendet werden, ein Strichmännchen in einer Kette zu zeichnen. Die Spenden gehen an den Sächsischen Flüchtlingsrat.
Wir unterstützen die Aktion, weil sie einer Organisation Geld einbringt, die für die Selbst_Vertretung einer Gruppe da ist, die sonst keine Lobby hat. Nicht, weil ich Strichmännchen oder den Künstler so toll antifaschistisch finde oder glaube, dass diese Aktion irgendwas gegen Nazis macht.

In dieser Auseinandersetzung formulierte ich: Diese klar linke Aktion tut etwas für etwas, wogegen Nazis sind und das ist meine Art heute links zu sein und links handeln: linksalternative Strukturen aufbauen und stärken, linksalternatives Verhalten einüben und vor_leben.
Das mag zuweilen bürgerlich wirken, weil Bürgerliche sich da oft auch schön drankuscheln können, aber fuck it – was solls. Es trägt vielleicht zur Stärkung auf einer Ebene bei, die von Geboxe und physischen Straßenkämpfen nicht berührt wird. Mir sind linkskuschelnde Bürgerliche lieber, als rechtskuschelnde.

Als Letztes will ich noch sagen, dass ich Linke, die gerne Nazis boxen möchten, nicht davon abhalte, das zu tun.
Ich würde einen mich oder andere Leute boxenden Nazi auch zurückboxen, wenn ich das in dem Moment auf die Kette kriege.
Aber ich suche keine Situationen mehr auf, in denen das der Fall sein könnte.
Und das muss meiner Ansicht nach legitim sein und als Teil des linken Aktivismus anerkannt werden.

über reine Nervensachen, Traumastille und gedrückt werden

“Alles Nervensache”, denke ich und schiebe uns durch den Verkehr.
Ich habe Schmerzen und das, was Alltags ist, strömt zäh_flüssig mit mir wie einem Korken draufdrin dem Tick-Tack nach.

Später zu Hause eingeklemmt zwischen Schrank und Wand denke ich: “Ja, alles Nervensache” und erinnere mich an die eine Gruppentherapie vor was weiß ich nicht wie vielen Jahren. Wo eine Person versucht hatte zu erklären, wie sehr es weh tun kann, depressiv zu sein und die Therapeutin fragte, was genau denn da weh tun würde.

Das ist mein Schmerz im Alltag, denk ich. Das ist der gleiche Schmerz, wie der, der mich quält, wenn ich so runter bin – weil der Zug rumpelt, Leute reden, atmen, Kleidung bewegen, Zeitungen, Handtaschen oder Rucksäcke durchkruscheln, weil sich alles bewegt, Aufmerksamkeit, Reaktion und Einordnung verlangt. Wenn einfach nur die Welt passiert und der Platz dafür in sich drin, nicht mehr gepolstert ist.

Nachdem wir in Biologie etwas über Zellkerne gelernt hatten, hab ich sie mir dann manchmal in das Wortbild vom “Laufen auf dem Zahnfleisch” eingebaut und mir gedacht, dass es vielleicht deshalb wehtut, weil die Zellkerne wie Legosteine da liegen und es dann natürlich weh tun muss, wenn man drauftritt.

Ich bin im Moment nicht depressiv. Eigentlich gehts mir und uns sogar ganz gut.
Was es irgendwie noch schlimmer macht, dennoch mit diesem Schmerz konfrontiert zu sein und einen Umgang haben zu müssen. Wäre da eine Depression, dann würde die Kraft für mehr als die Wahrnehmung dessen fehlen. Wir würden liegen, schlafen und wenn wir erwachen, die Augen zuhalten und uns in einem weißen Nebel bewegen, der neben der Zeit passiert.

Ich habe gelesen, dass es dem Schmerzgedächtnis scheiß egal ist, welcher Ursache ein Schmerz ist.
Und habe mich an den Schmerz erinnert, den ich mit Traumastille verbinde. Das ist die Stille, die sich ausbreitete, wenn der letzte Schlag, der letzte Stoß, der letzte Druck auf den Körper zum Ende kam und dann nichts mehr passierte. Die Zeit zwischen dem Moment, in dem die gewaltausübende Person ihren Verdrängungsschängel zu einem Spruch, einer Anweisung, irgendeinem weiteren groben Über_Griff machte und dem, in dem sie ihn machte.

Manchmal habe ich einen Schmerz als überkrasses Geräusch oder geblendet oder verbrannt werden wahrgenommen. Auch diese Art von Schmerz ist Traumastille für mich.
Ich kann bis heute nicht sagen, was genau da weh getan hat. Oder wie sich dieses überkrasse Geräusch für mich angehört hat oder welchen Ursprungs die Blendung war, die ich da empfunden habe.

Heute weiß ich, dass das eine Nervensache ist. War.
Das Nervensystem von Klein_Kindern ist nicht das von Erwachsenen. Gerade vor ein paar Tagen konnten wir das bei der anderthalb Jahre alten Tochter von Freund_innen miterleben. Sie stolperte, tat sich weh – doch drückte den Schmerz als Schmerz erst fast 10 Sekunden später aus.
Was war es in den 10 Sekunden, bevor sie zu weinen begann und bei ihrer Mutter Erleichterung davon suchte?
Ich glaube, da war es noch Nervensache. Also: alles mögliche. Alles Nervenmögliche.
Es hätte auch geblendet werden oder auditiv überflutet werden sein können. Das Gehirn prüfte noch nach Einordnungsmöglichkeiten, während das Empfinden schon längst da war.

Manchmal denke ich, dass das vielleicht mein, unser chronisches Schmerzproblem heute ist.
Die Nervensache ist so oft nur rudimentär eingeordnet worden, dass sie bis heute eine Nervensache ist.

Als die Gewalt passiert ist, war ja mehr als nur Schmerz da. Es tut eben nicht nur weh, miss.be.handelt zu werden. Es ist auch einfach nur grob, dumpf, vielleicht auch mal mit einer Quetschung oder einem Druck verbunden. Manchmal sind da auch noch Komponenten die körperliche Resonanzen mit sich bringen, wie Angst, Horror, Ekel, Beschämung oder Demütigung. Der peinsame Cringe, den man hat, wenn man vor anderen bloßgestellt wird, kann das gleiche Reißen im Zwerchfell sein, das entsteht, wenn man mit aller Macht gegen einen Brechreiz, ein panisches Erstickungsgefühl oder schlichtes Schock-raus-schreien angehen soll muss.

Manchmal hilft es uns, Anspannung zu veratmen. Dann denke ich mir, dass meine Nerven zittern und wackeln, weil sie so unter Spannung stehen, dass auch das banalste kleinste sie ganz zwangsläufig berühren muss – und mir dann einmal mehr Schmerzen bereitet.
Ich atme den Bauch raus und drücke mit dem Daumennagel in die Rille zwischen Oberlippe und Nase.
Die Geschichte mit dem Gedanken ein Baum zu sein, ist auch gut dafür.

Noch mehr hilft es uns Druck zu fühlen. Schwere Decken oder zwischen Wand und Schrank gedrückt sein. Oder NakNak* auf dem Schoß haben. Oder NakNak*, die sich an unseren Oberkörper drückt.
Das ist scheinbar eindeutig genug für unser Gehirn. Es dauert keine zwei Sekunden bis das Schmerzempfinden nachlässt, wenn wir so “gedrückt” werden. Aus Nervensache wird Drucksache. Wird Wort, wird Zeit und Raum, wird eigener Körper und damit Entlastung.

Ich finde das erstaunlich.
Auch, weil ich dann manchmal einfach anfangen muss zu weinen und nicht weiß, ob ich vielleicht schon vorher hätte einfach zu weinen versuchen sollen oder nicht. Ob mir die Welt und ihre Reize vielleicht eigentlich gar nicht wehgetan haben, sondern sie mich traurig gemacht hat. Oder, ob sich da gerade noch ein Traumafizzel mit verarbeitet hat und es als eine Art nachträgliche Affektabfuhr passiert.

“Alles reine Nervensache”, das wird oft gesagt, wenn man meint, etwas sei nichts Ernstes, Dringendes gar Be_Drängendes und daher beherrschbar oder auch kontrollierbar. Manche Menschen sagen so etwas, um andere Menschen mit ihren Empfindungen allein zu lassen, denn die eigenen Nerven hat man eben nun einmal nur für sich.

Auch das ist etwas, das in mir Traumastille-Schmerz macht.
Denn es erfordert schon etwas jemandem von so unbestimmten Dingen zu erzählen. Vertrautheit, Nähe und die Annahme im Schmerz an.erkannt und verstanden zu werden.
Mir kommt das wie eine Anbahnung vor.

So wie wir es brauchen zu wissen, dass wir nach der Arbeit oder der Schule nichts mehr machen müssen, das Handy greifbar ist und der Schrank stabil steht, um uns in den wohltuenden Druck zu begeben, brauchen manche anderen Menschen, eben diese sozialen Flauschigkeiten, um gedrückt zu werden und das auszuhalten.

Für uns werden reine Nervensachen erst dadurch zu etwas, das beeinflusst werden kann.
Für andere sind es andere Menschen.

Irritierend wie sich je die Annahme entwickeln konnte, Menschen mit Schmerzen jeder Art unberührt (ungedrückt) zu lassen (außer sie wünschen sich das so), sei eine gute Idee.

gelb, weiß, lila, schwarz / lila, weiß, grün

Vor einiger Zeit erhielt ich immer wieder Emails, in denen wir als “Herr Rosenblatt” angeschrieben wurden.
Es ging um eines dieser unsinnigen Marketing/Verkaufs… irgendwas mit kapitalistischer Verwertungslogik-Dinger. Kennen wir. Machen wir nicht. Ignorieren wir.
Aber das “Herr Rosenblatt” saß.
Nicht nur, weil es mal wieder eine Anfrage an uns als Blogger_in ist, der so offensichtlich anzusehen ist, dass man sich absolut gar nicht damit befasst hat, was das hier ist, sondern, weil man obendrein nicht eine Sekunde überlegt hat, was für eine Person diese Inhalte produziert hat. Sowas nervt.

Und schmerzt.
Misgendering ist, neben unausweichlicher Reizkakophonie und der ständigen Konfrontation mit dem, was unsere Traumatisierungen ausmacht, der tägliche Schmerz mit dem wir umgehen. Die Welt um uns herum ist entlang von Männern und Frauen strukturiert, die sich selbst übereinstimmend mit dieser Einordnung empfinden (also cis sind) und wir werden dort mit hineingequetscht, ganz egal, wie wir das finden, ob wir passen oder nicht. Und völlig gleich, wie wir selbst uns sehen. Denn jemand, die_r so empfindet, gibt es schlicht nicht in dieser Welt.

Wir selbst erleben uns oft machtlos davor.
Wir haben Freund_innen und Verbündete, die wissen, das wir viele und nonbinary/genderqueer sind  – vor denen wir uns vor Jahren damit schon geoutet haben! – und uns trotzdem vor anderen als Frau ansprechen, weil wir Uterus und Brüste haben.

Dass wir diese Menschen trotzdem noch als Freund_innen und Verbündete betrachten, verstehen wir selbst manchmal nicht. Aber was sollen wir denn auch machen? Sie fallen lassen, weil sie versuchen uns in dieser Welt irgendwo einzuordnen, was an sich doch total gut ist – das wollen wir doch? Was können sie denn für die Binärität unserer westlichen Kultur?

Und was ist mit jenen, die weitaus weniger mit uns zu tun haben, aber doch freundlich eingestellt sind, weil bestimmte Dinge verbinden? Sollen wir sie hauen, weil sie mit dem Namen “Hannah”, der für die Mehrheit der Menschen einfach mal ein “weiblicher” Vorname ist, eine Frau verbinden? Das kommt für uns nicht in Frage – aber was genau denn “weiblich” und was “männlich” sein soll, das wollen wir auch nicht immer mit allen diskutieren. Denn am Ende landet man immer entweder an schlichtem Transhass oder an kognitiver Dissonanz, bei der man einerseits total klar hat, dass Namen, Dinge, Körper an sich erst mal gar kein Geschlecht haben, aber irgendwie doch alles eins hat, weil … kulturelle Realität?

Und dann kommen noch Terf (trans exclusive radical feminist)-Argumentationen wie “Nonbinary sein zu wollen ist internalisierter Frauenhass” oder “Wenn sich jemand nicht mit seinem Körpergeschlecht (zing da ist sie wieder, die Idee Körper könnten ein Geschlecht haben) übereinstimmend erlebt, ist psychisch krank, womöglich sogar tief traumatisiert und muss in einer Psychotherapie umgepolt repariert normalisiert cis gemacht behandelt werden.”.

Tja und wer ist komplex traumatisiert und erlebt sich nicht als Frau, obwohl der eigene Uterus seiner Pflicht als alleiniges Frauenerkennungsmerkmal zuverlässig nachkommt? Richtig – wir.

Das eigene Gender zu erforschen, sich damit auseinanderzusetzen, wer man auf dieser Achse ist, das ist und bleibt einer unserer krassesten Therapiefortschritte.
Dazu gehörte die Etablierung von einer Grenze zwischen dem, wie man angesprochen wird und ob das etwas ist, das in sich resoniert. Dieser ganze Abgrenzung-ist-so-wichtig-Zauber, den wir in der Klinik lernen sollten, den haben wir gelernt und peng kommt raus: Hier resoniert so gar nichts außer einer alten “Fuck meine Mutter ist hier?!”-Panik, wenn uns jemand mit “Frau Herkunftsfamiliennachname” anspricht – hier resoniert aber auch nichts, wenn uns jemand mit “Herr Herkunftsfamiliennachname” anspräche.

Angesprochen fühlen wir uns von dem Namen “Hannah”. Der ist irgendwann gewachsen. Aus uns heraus und aus einer aufrichtig innigen Affinität zur Namensbedeutung, nämlich “Gnade” oder auch “Barmherzigkeit”. So wollen wir sein und im Miteinander in dieser Welt wirken. Barmherzig- herzig, herzlich im weitesten Sinn. Warm, weich, weit, fürsorglich, für andere da, die jemanden brauchen, der da ist.

Dass das Eigenschaften sind, die als weiblich eingeordnet werden, weil wir in einem Patriarchat leben und in einem solchen niemals ein Mann ein Mann sein kanndarfsoll, der auch nur den Hauch von Gnade, Barmherzig- oder gar Fürsorglichkeit am Leib hat, war uns damals scheiß egal. Wir wissen ja, das so ziemliche jede Eigenschaft universell ist. Und wir sind ja unter anderem genau deshalb feministisch aktiv, damit sich genau diese Universalität niederschlagen kann.

Der Name “Hannah (Cecile) Rosenblatt” hat sich ursprünglich aus der Notwendigkeit eines Autor_innennamen, bzw. eines ernstzunehmenden Pseudonyms, ergeben.
Wir wollten einfach nicht als “kleine Wattewölkchen” oder “Donnerschlag22” ins Internet schreiben. Wir wollten als Person, mit Namen und anderen mehr oder weniger unverwechselbaren Eigenschaften auftreten und gesehen werden, wenn uns schon jemand anguckt bzw. wir einfach sichtbar sind. Wir wollten uns kongruent erleben und darin ernstgenommen werden.

Wir wollten nicht als “weibliche Bloggerin” oder “weibliche Autorin” verstanden werden.
Doch das werden wir. Immer wieder, ganz selbstverständlich und automatisch. Ohne Zweifel, Hinterfragen – selbst dann, wenn man unsere Arbeiten schon seit Jahren verfolgt und also auch irgendwie – und sei es subtil durch die Art, wie wir gendern – mitbekommen muss, dass wir uns seit inzwischen 6 Jahren offen als nonbinary/genderqueer einordnen oder mindestens mal selbst die Haltung vertreten, dass es mehr als zwei Gender gibt.

Wir sind mit dem Blog von Vielen auf verschiedenen Listen von “Blogs, die von Frauen gemacht werden”. Das Podcast ist auf der Liste der Podcasts, in denen Frauen sprechen.
Und warum lassen wir das so?
Weil es keine Listen gibt, die Angebote von Personen anderer Gender auflistet.
Weil so eine Liste für genau diese Menschen zum Teil Lebensgefahr bedeutet.

Denn man soll ja nicht glauben, dass so eine emotionale Watsche, die die Ablehnung des Nichtfraunichtmannseins jeden Tag mit sich bringt, das Einzige ist, was Menschen mit eben jener Identität begegnet. Schaut mal in die Twittermentions von offen (aktivistischen) Transpersonen, Nonbinarys und Queers, schaut bei hatr.org in die Sammlung des Hate Speech. Es gibt Menschen, die Menschen verletzten, vergewaltigen, töten wollen, einzig weil sie nicht das Geschlecht haben, das ihnen aufgrund von nicht mehr als Machtgewohnheiten und (patriarchaler) Gewaltkultur zugeordnet wird.

Manche Menschen denken, das sei nicht vergleichbar. “Uns als Frau denken und ansprechen” versus “Uns aufgrund des nonbinary/genderqueer seins verletzen”, aber letztlich ist beides Gewalt. Beides verletzt. Beides weist uns einen Platz in der Gesellschaft zu, an dem wir nicht als respektable, in ihrer Verortung zu achtende Person behandelt werden.

Jan Phillip Reemstma schreibt, dass jede Gewalt einen Körper trifft und auch hier an dieser Stelle stimmt das. Es trifft immer uns und immer verkörpern wir uns. Uns als Frau aufgrund bestimmter körperlicher Merkmale einzuordnen, verkörpert nichts außer das biologistische Konzept, nachdem aufgrund von (als unveränderlich angenommener) Merkmale eingeordnet und klassifiziert wird.

Auch hier berühren wir einen Therapiefortschritt.
Nämlich den zu begreifen und es als kongruent zu erleben, dass wir selbst uns auch verkörpern. Und zwar mit diesem Körper, der bestimmte Grenzen der Belastung, ein bestimmtes Aussehen, der bestimmte Eigenschaften und Funktionen hat.
Dazu kommt das Gefühl sich selbst zu gehören. Selbst zu sein, weil man selbst neben sich auch Körper ist.

Wir mussten das alles erst mal haben und können und stabil erleben, damit wir überhaupt an den Punkt kommen konnten, an dem wir merkten, dass wir in unserer Körper-Seele-Geist-Einheit durchaus passieren und sind – dass diese jedoch genau in nichts mit Männlichkeit oder Weiblichkeit kongruent ist, sondern in eben genau dem, wer und was wir sind: viele_s und alle_s.

Sich selbst einem Gender zuzuordnen ist kein Vermeidungstanz. Jedenfalls nicht bei uns und bei noch niemandem, di_en wir kennengelernt haben.

Aber das Trauma. Das hat doch bestimmt was mit uns gemacht. BESTIMMT, oder?
Ja klar hat es was mit uns gemacht. Vor allem die Erkenntnis, dass sich Männer und Frauen – und auch Leute, die etwas anderes sind – in nichts unterscheiden, was die Formen von Gewalt angeht, wenn sie welche ausüben.
Uns haben nicht nur Männer und ab und an mal Frauen miss.be.handelt. In dem Umfeld, in dem wir Gewalt erfahren haben, gab es x verschiedene Leute, die nur wegen einem da waren. Nämlich Macht empfinden. Manchmal auch: Selbst_Bestätigung fühlen. Oder: sich abreagieren von all dem, was sie als persönliche Kränkung im Alltag empfinden.

Dieser von uns üb.erlebte Kontext organsierter Gewalt ist genderlos, denn er funktioniert über so abstrakte Dinge wie Geld, Macht und soziale Verbünde, in denen nicht nur als männlich oder weiblich eingeordnete Eigenschaften relevant sind, um fortexistieren zu können. Es geht um Performance und die ist, im Gegensatz zum tatsächlich vorhandenen Gender, wandelbar.

Wir können überhaupt nur aufgrund unserer Traumatisierung davon sprechen, dass es keine eindeutig einem Gender zuzuordnende Eigenschaften gibt. Unsere Gewalterfahrungen sind insofern also durchaus ein Grund für unsere Einordnung als nonbinary/genderqueer – wir haben selbst erlebt, was für ein Stuss das “der aktive Vergewaltiger”, “die passiv Vergewaltigte”, “die durch Dinge wie BDSM oder ähnliches entstehende Transperson” – Narrativ ist.

Heute planen wir unsere Vor- und Nachnamens- und Personenstandsänderung.
Im September startet nämlich die Aktion Standesamt 2018, über die ihr euch mit einem Klick auf das Bild zur dritten Option informieren könnt und im Zuge dessen es Antragsformulierungen auf der Webseite zu finden gibt.

Ob wir auch bei der Aktion mit dabei sind, wissen wir jedoch noch nicht.
Denn, obwohl ein dritter Geschlechtseintrag vom Gesetzgeber bis Ende diesen Jahres ermöglicht werden soll, sehen die Umsetzungsvorschläge und Zugänglichkeiten bisher nicht auch für uns passend aus.
Die Aktion soll ein Zeichen dafür setzen, welche vielen verschiedenen Bedarfe es für diese dritte Option gibt. Deshalb beantragt man, den Eintrag, der mit dem eigenen Geschlecht kongruent ist (das wäre in unserem Fall nonbinary/genderqueer) zu bekommen, obwohl es diesen Eintrag jetzt noch nicht gibt.

Das heißt, man stellt einen Antrag, der von Anfang an nicht bewilligt werden kann und möglicherweise auch später nicht, wenn die dritte Option an sich dann etabliert ist, aber vielleicht ausschließlich für Interpersonen.

Wir können uns so etwas nicht leisten.
Allein für eine Vor- und Nachnamensänderung muss man mit Kosten zwischen 2,50€ und 2500 € rechnen, je nachdem, was da alles auf eine_n zukommt und wo man wohnt.
Bei uns kommt noch die Kraftrechnung dazu.
Wir müssen für Fremde erklären, dass wir Opfer organisierter Gewalt waren und uns von einem neuen Namen, und einem entsprechenden Sperrvermerk in den Archiven erhoffen, schwerer auffindbar zu sein und dadurch etwas mehr geschützt zu sein als jetzt.
Das ist ein Ding für uns und steht völlig neben unserer Geschlechtsidentität.

Und doch. Wäre es ein all-in-one-Abwasch, könnten wir alles gleichzeitig beantragen.
Ein dritter Geschlechtseintrag, den wir auch nutzen könnten, würde uns weniger zu jemandem machen, die_r sich irgendwie besonders machen will und allein auf weiter Heide steht, weil es ja in der offizöslichen Welt keinerlei Entsprechung gibt. Wir hätten autoritäre Stützen auf unserer Seite, die uns validieren.

Auch wieder etwas, das Kraft frisst: Autoritätendenken und ihre Auswirkungen.
Wir wissen schon jetzt, wer und was wir sind. Wir brauchen nicht für uns, dass der Staat sich hinstellt und sagt: Leute, die keine Frau bzw. kein Mann sind, gibt es wirklich und alle haben das zu akzeptieren. Wir brauchen es für Leute, die nur so zu respektvollem, achtsam anerkennendem Verhalten gegenüber Menschen, die nicht Frau und auch nicht Mann sind, gebracht werden können. Oder an die Idee, dass das was sein könnte, was von ihnen verlangt wird.

Das ist wovor wir uns immer wieder machtlos fühlen.
Dass wir immer nur uns haben, wenn es darum geht als die Person anerkannt zu werden, die wir sind.
Die Leute können uns an der Stelle verletzen, ausgrenzen und manchmal auch demütigen, wie sie wollen, sie sind eindeutig, sie sind strukturell anerkannt, sie sind in ihrem Geschlecht normalisiert und etabliert. Sie können mit uns umgehen, wie sie wollen und wenn sie uns verletzen wollen, indem sie uns in ihre dyacissexistische Einordnung reindrücken, dann gibt es nichts außer der Bitte, das nicht zu tun, was wir dem entgegenstellen können. Rein gar nichts.

Außer vielleicht noch dem Appell an Moral, nachdem man andere Menschen bitte einfach nicht verletzt.
Aber wieviel Wert hat das, wenn es keinen Anlass gibt anzuerkennen, dass es überhaupt wirklich und echt verletzt, wenn man falsch eingeordnet wird.

Wir können verstehen, wenn es anderen Menschen schwer fällt oder erst mal komisch vorkommt, mit uns als Person umzugehen, die nicht okay damit ist als “Frau Rosenblatt/Herkunftsfamilienname” angesprochen oder vorgestellt zu werden. Vielleicht sind wir die erste Person, die das von ihnen abverlangt, vielleicht fühlt man sich selbst irgendwie aussätzig vor anderen, wenn man über eine andere Form der Kommunikation offenlegt, dass man mit so jemand wie uns überhaupt Kontakt hat.
Aber mehr als Verständnis wollen wir zunehmend nicht mehr aufbringen.

Denn Verständnis für die Anstrengung neue Formen der mitmenschlichen Kommunikation anzuwenden, bedeutet nicht, dass wir okay damit sind, wenn Gewohnheit oder die persönliche Einordnung unserer Bezeichnung als irrelevant, am Ende doch bestimmt, wie die Ansprache oder Darstellung vor anderen ist.

Besonders die persönliche Einordnung der Relevanz oder Wichtigkeit über unsere Relevanz oder Wichtigkeit zu stellen, ist eine Form der zwischenmenschlichen Gewalt.
Und damit etwas, das wir einfach nicht mehr in unserem Leben haben wollen.
Auch ein Therapiefortschritt übrigens.

Falls du ein_e Freund_in, Verbündete oder anders mit uns Bekannte bist, die das hier liest:
Nenn uns Hannah (C. Rosenblatt) oder Rosenblätter, benutz den Plural, wenn du über und mit uns sprichst, den Singular, wenn du gezielt mit jemand von uns sprichst.
Wenn es dir unangenehm ist oder es für dich (oder uns) gefährlich sein könnte, uns als viele und nonbinary/genderqueer zu besprechen, dann nenne einfach nur unseren Namen und vermeide Pronomen.

Wir gehen mit unseren Verletzungen aus Misgendering in der Regel nicht offen um.
Und gestern Abend, nachdem wieder so etwas war, dachten wir, wie eigentlich ungut das ist. Es sollte kein üblicher Bestandteil von unseren Kontakten sein, damit leben zu müssen, zum Einen nicht gänzlich anerkannt zu sein und zum Anderen mit Verletzung und Übergriffigkeit rechnen zu müssen.

Vielleicht ist die Arbeit daran das, was später einmal zu einem weiteren Therapiefortschritt wird:
Selber Grenzen setzen und halten. Egal vor wem.

 

Mehr Themen, die aus der binären Einordnung herausfallen, könnt ihr im großartigen Nichtbinär-Wiki nachlesen.

Sternschnuppenwünsche

„Schlafen“, denke ich und schaue dem kleinen Flitz am Nachthimmel nach. „Schlafen.“ Nächster Flitz.
Irgendwann höre ich auf, mir Schlaf zu wünschen und setze mich an den Schreibtisch.

Wieso das alles schon wieder so zäh ist, möcht ich mal wissen. Was um alles in der Welt ist denn jetzt schon wieder nicht richtig, irgendwie kaputt, schief gerutscht, angetickt?
Wir schlafen schlecht ein, sind früh wach, aber nicht ausgeschlafen. Manchmal fühle ich mich, als hätten wir die meiste Zeit irgendwie doch mehr der Dunkelheit ins offene Maul geglotzt, als wirklich geschlafen.

Gut, da war der Geburtstag, da ist das Praktikum, da ist J. und das ganze ungewohnte Gute an ihm, da sind die Projekte, die wir jetzt irgendwie halbwegs stabil anfangen, damit wir sie übers nächste Schuljahr locker fertigstellen können. Das ist alles nicht wenig, aber außer dem Umstand, dass wir noch ein Monsterschuljahr vor uns haben und gleichzeitig gerade denken, dass wir am Ende doch eigentlich so gar nichts davon haben, belastet uns nichts.

Ich klemme mich wieder aus dem Klofenster, um den Perseiden nachzuschauen.
„Schlafen“, denke ich. Diesmal ist da kein Flitz am Himmel, aber ein Schwusch von irgendwo weit hinter mir. MIr steigt ein Weinen hoch, kriecht in die Mitte meines Gesichts und lungert unentschlossen da herum, als würde es sich nicht trauen, einfach so rauszulaufen.

„Vielleicht ist es die Müdigkeit, die uns belastet“, denke ich und gehe zurück in unsere letzte Therapiestunde, in der es um Familienwünsche und Zukunftsgedanken ging. Und darum, dass wir uns Sorgen darüber machen, zu all den Kämpfen, wie wir heute schon haben, in Zukunft noch einige mehr kommen. Und darum, dass wir Dinge durchaus können. Auch jene, die uns nicht so zugetraut werden. Darum, dass das für uns nur einfach sehr anstrengend ist. Vielleicht auch: anstrengender als für andere Menschen.

Es ist schwer sich einzugestehen, wie das ist zwischen der Realität und Legitimität eigener Wünsche zu stehen und die Realität der Traumafolgen und Behinderungen darin einbinden zu müssen, weil alles andere der pure Selbstbeschiss und ein Problem für alle Beteiligten werden würde.

Die Müdigkeit ist ein Teil unseres Heute-Lebens und wir müssen sie als Teil des Morgen-Lebens mitdenken. Nicht nur, weil es jetzt schon wieder kurz vor halb 2 ist, sondern weil es immer irgendetwas geben wird, das irgendwie gerade in Bewegung ist, gerade heilt oder unerwartet nochmal weh tut.

Ein letztes Mal schaue ich über den Himmel, um einem letzten Flitz einen Wunsch an den Schwanz zu hängen. Als keiner kommt, wünsche ich mir einfach so, dass ich morgen das Weinenwollen verstehen und jetzt okay im Bett ruhend liegen bleiben kann.
Am Ende muss ja eh immer alles auch einfach mal so gehen.

das zweite „längstmöglicher Umweg nach Hause“-Abenteuer

Und dann standen wir da, in der Stille von Vechtas Bahnhof.
20 Personen, über die Hälfte mit Problemen Deutsch zu verstehen, ein Kind unter 6, eins unter 2, ich und NakNak*, die, obwohl sie zuletzt vor 6 Stunden die Möglichkeit hatte etwas für ihre Blase zu tun, dann doch nicht in die Rabatten vorm Bahnhof machen wollte.

Der Zugführer hatte uns, keine 5 Minuten vorher ohne jede Begründung, auf der Fahrt nach Bremen Hauptbahnhof hier abgesetzt mit den Worten: „Bus kommt“.
Während wir also dort standen und einander mit Händen und Füßen erklärten, dass man auch nicht wisse was los sei und wann wir in Bremen ankämen, kroch mein Schmerzempfinden aus dem diffusen Gekrizzel hinter meinen Augen.

8 Stunden außerplanmäßiges Zugfahren begannen sich nun endlich spürbar zu machen. Nachdem wir in der letzten Nacht etwa 3 Stunden geschlafen, am Tag eine Art Vortrag im Verlag gehalten und einen Facharzttermin abgesagt hatten, k_ein Wunder.

Immer wieder schauten wir bei Twitter rein, ob sich eine Mitfahrgelegenheit ergeben hatte, ob irgendwer irgendwas für uns übrig hatte und sei es Mitleid dafür, so überraschend von dem Unwetter betroffen zu sein. Eh – Twitter – In den letzten Wochen anstrengend schmerzlicher Quell von schlechten und bedrückenden Nachrichten, heute wieder das, was uns damals gehalten hat: fremde Menschen, die fremden Menschen helfen, sie trösten und aufmuntern, an die Idee bringen, dass die Welt woanders noch funktioniert, obwohl es die eigene gerade überhaupt nicht tut.

Der Bus kam wie versprochen und rumpelte über Stock und Stein von Dorf zu Dorf.
Wir hielten NakNak* auf dem Schoß, pressten uns gegen alles, worauf wir geworfen werden würden, würde die nächste Kurve, die nächste Bremsung, der nächste unerwartete Halt kommen.

Ich dachte, wie witzig das ist, dass jedes unserer „längstmöglicher Umweg nach Hause“-Abenteuer etwas mit Bremen zu tun hat. Und wie bemerkenswert es ist, dass wir heute nicht mehr unsichtbar weinend und verzweifelt in der Wörtersuppe wühlend irgendwo stehen und alle Menschen um uns herum überfordern mit dem, was „die Behinderung“ am Ende manchmal dann eben doch bedeutet: maximale Hilflosigkeit, die nicht sieht, wer nicht von ihr weiß

In Hamm hatte ich kurz geweint. Denn der Arzttermin war wichtig für das Triggermanagment, das wir für den Umgang mit dem Problem fahren müssen. Ich hatte geweint, weil alles schief ging und die Durchsagen immer wieder von „Sperrungen auf unbestimmte Zeit“ sprachen. Meine ganze Welt zerbricht, wenn Dinge auf unbestimmte Zeit schlimm, falsch, anders, fremd, neu sein sollen. Und sie zerfällt zu Feinstaub, wenn niemand näheres weiß, eine Erklärung oder mögliche Aussichten geben kann.

Wir gingen in die Halle, wo die Schlange vor Reisezentrum und Informationsschalter lang und länger, die Wärme dort immer drückender, die Stimmung immer gereizter wurde.
Vor dem Bahnhof brüllte sich ein offensichtlich von Alkohol und Prekariat getragener Familienclan an. Raucher pufften ihren Qualm rücksichtslos in die Menschenmenge. Keine Taxen, keine Busse, keinerlei Optionen irgendwie von hier wegzukommen. Das Unwetter war gerade noch hier, doch seine Pfützen verdampften bereits.

Wir telefonierten mit J., kauften uns und NakNak* ein Abendbrot, tranken etwas und gingen gestärkt zurück zum Bahnhof. Das hat geholfen. Im Sprechen bleiben, essen, Pläne machen. All die Gesprächskreisel über alle kopfkatastrophalen Hättewürdewenns, die wir mit dem Begleitermenschen besprochen haben, trugen uns jetzt ins Weitermachen und Durchhalten.

Wir dachten, dass wir über Osnabrück vielleicht nach Hause kämen. Doch dort angekommen, wurden die Züge in unsere Richtung als ausgefallen angezeigt. Zwei Minuten später würde einer nach Bremen fahren. In der Nähe von Bremen wohnt J. Also rein da.
Es war 20.45 Uhr, der Zug sollte eine Stunde und 10 Minuten nach Bremen fahren.
22.19 Uhr waren wir in Vechta und dachten darüber nach, wie auch irre das ist, worauf wir Menschen uns heute hier so verlassen.

Wir steigen in Blechkisten und erwarten lebend wieder rauszusteigen, nachdem wir in absurden Geschwindigkeiten umhergefahren wurden. Wir klettern in Züge und denken, dass sie uns schon dahin bringen, wo wir hinwollen. Pünktlich, sicher, halbwegs bequem.
Und dann braucht es nur ein Unwetter und ein paar umgestürzte Bäume, um alles in sich zusammen fallen zu lassen.

„Nichts ist verlässlich“, dachte es hinter mir. „Alles ist verlässlich, wenn man an alles denkt“, dachte es daneben. „Nacher bei J. können wir schlafen, alles wird sicher sein, alles wird seinen Gang gehen. Das ist verlässlich.“, dachte ich und ließ meinen Gefühlsglitzer soweit wie möglich nach innen reinregnen, bis ich auf seiner Couch einschlief.

1 Uhr morgens.

der Mond ist aufgegangen

Damals hatte ich gedacht, ich hätte mir das Wort “Blutmond” ausgedacht.
Für mich ging es damals viel um Blut, Tod, Verderben, Schluss Aus Ende. Ein blutverschmierter Mond in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag, der Nacht in der ich sterben würde, das erschien mir so passend, dass ich es als schicksalhaftes Zeichen verstand. Wann kommen denn die Dinge schon mal so zueinander?
Ich saß im Hafen, drückte unzählige Tabletten aus den Blistern, schaute den Mond an und dachte dann darüber nach, wo ich es am Besten tue.
Dann fasert meine Erinnerung auf.
Aus einem Suizid unterm Blutmond wurde ein Abend voller Schmerz, Gewalt und Not an der Stille, die man nur auf Intensivstationen spürt.

Jahre später las ich im Kontext von Menstruation vom Blutmond.
Und in dieser Woche von der längsten Mondfinsternis in diesem Jahrhundert.
Der Mond würde sehr lange rot – blutrot – zu sehen sein und für die meisten Menschen, die jetzt leben, würde genau dies ein einmaliges Erlebnis werden.

Als wir am Abend dann unsere Kamera einpackten und darüber nachdachten, wie wir den Mond gut fotografieren könnten, fragte ich mich, ob ich jetzt froh darum bin, es damals nicht geschafft zu haben. Es gibt genug Menschen, die so mit Menschen sprechen, die schon einmal versucht haben das eigene Leben zu beenden. “Na ist das nicht toll? Jetzt bist du doch froh, dass du noch lebst, oder?”

Die Dysfunktionalität des Todes zu verstehen, fällt auch erwachsenen Menschen mitunter schwer. Das zu wissen, erleichtert mir solche Situationen, nimmt den Schmerz aber natürlich kaum.
Damals wie heute erleben wir Dinge, die einmalig, einzig, exklusiv sind. Mond- und Sonnenfinsternisse, Kometen und Sternschnuppen, ein extrem naher Mond, Raumstationen, die als kleiner Punkt von der Erde aus zu sehen sind. Flüssiges Wasser auf dem Mars, Plastikinseln auf der Erde.
Alles Dinge, die auch dann passieren, wenn wir tot sind. Man muss nicht am Leben sein, um dabei zu sein. Man muss es sein, um etwas daraus zu machen. Und sei es eine Erfahrung.

Um kurz nach 9 saßen wir dann auf dem einzigen Hügel in der Gegend, auf dem kein Baum wächst.
Eine halbe Stunde später saßen noch gut 50 andere Menschen um uns herum. Leise miteinander sprechend. Zuweilen darüber philosophierend, wie krass das alles ist. Himmel und Erde, Planeten, Universum, Licht und Schatten. Das Leben.
Und als der Mond als hauchzart rosarotes Scheibchen aus dem hellgraublauem Sommerdunst am Horizont auftauchte, da hätten wir ihn fast übersehen, wenn nicht eine Person ihre Beobachtung mit uns geteilt hätte.

Wir schauten in den Himmel, auf den Mond und fühlten uns verbunden mit allen, die jetzt das gleiche taten wie wir.
So nah komme ich anderen Menschen sonst nicht. Weder sitze ich mit ihnen auf einem Berg, noch beachten andere, was ich beachte.

Eine einzigartige Erfahrung.

Menschen, die im Gegenlicht eines hell beleuchteten Gebäudekomplexes sitzen. Unscharf ist der noch halbverdeckte Mond mit extras Rot drin zu erkennen.

Fundstücke #64

Es ist die dritte Woche unseres Praktikums und das erste weinschreiende Kleinkind, das mit uns im Zug fährt.

NakNak* und ich sitzen in Sichtweite, doch nicht direkt in der Szene. Dafür bin ich dankbar, denn mit dem Hund an der Seite ist der Kontakt zu fremden Menschen allgemein und Kindern im Besonderen zwar leichter möglich, aber nicht immer auch stressfreier.

Das Kind windet sich in der Karre, will aussteigen, will selber essen, will selbst den Trinkbecher halten, drückt und drückt sich gegen die Gurte, die es in der Karre halten.

Das Elter sagt Dinge, die nicht an das Kind, sondern die Umsitzenden im Mehrzweckabteil gerichtet sind. Macht mich wütend als es irgendwas mit „Fesselspielen“ sagt und uneindeutig lächelnd in die Runde guckt.
Die Runde drumrum sagt nichts. Später kommt eine ältere Person, die versucht das Kind, das inzwischen in einem Frustschreikreisel rotiert, abzulenken.

Dass wir uns selbst in irgendetwas eingekreiselt haben, merke ich erst, als Elter und Kind aussteigen. NakNak* schleckt unseren Unterarm an, drückt sich gegen unsere Brust. Wir schauen auf die gelbgrünen Wiesen und Felder draußen und lassen unsere Anspannung wie Steinschlag auf den Abteilboden rieseln.

Wir verbieten uns irgendwelche weiteren Gedanken über das Elter, das Kind, die Erziehungsmethoden. Es ist nicht unser Kosmos, wir haben keine Ahnung. Nur die Annahmen, die unser getriggertes Nervensystem generiert.

Dennoch denken wir darüber nach, was für ein Mechanismus das ist, wenn ein Elter auf so eine Art kommuniziert. So als wäre es in einer Mangege zur Darstellung eigener Überlegenheit oder in einer Art Show der Kompetenzbeweise. Und what the fuck- was ist das für ein Sprung von „Eeeh sorry“ zu „Hehe Fesselspiele“?

Das ist doch kein Ausdruck von Kompentenz, da geht es doch nur um Überlegenheitsdemonstration.

Ich komme zu keinem Schluss, dann fährt der Zug in unseren Zielbahnhof ein. Am Abend schaue ich ein YouTube-Video an, in dem ein Kind unter 5 einen Bikini trägt. Was ist das für eine merkwürdige Situation, in der ein Kleinkinderkörper wie ein Erwachsenenkörper sexualisiert und entsprechend bekleidet (oder wie im Zug: geframed) wird?

Geht es dabei um Macht oder um Machtpotenzial? Um die Legitimation einer Kontrolle oder um die Angst vor einem kleinen Tyrannen, dessen größte Tyrannei darin besteht, sich zusehens zu etwas zu entwickeln, das den Eltern gleicht?

Was auch immer es ist, denke Ich, als ich das Video ausschalte, kein Kind kann sich dagegen wehren.
Es gibt keinen Schutz vor geistigen Übergriffen durch sexualisiertes Framing.

note on: “Viele-Sein, Episode 6: “Wahrheit, Glaube und Diskurs””

Es ist das erste Mal, dass ich einen Blogartikel schreibe, statt etwas im Podcast weiter auszuführen.
Warum, frage ich mich jetzt, wo wir die Folge produziert haben und dem Uploadbalken beim Wachsen zu schauen.

In dieser Folge (Episode 6) geht darum, was es mit uns macht, wenn Menschen auf eine Bühne treten und verkünden organisierte rituelle Gewalt sei Quatsch, man solle aufhören davon zu reden und “Ach übrigens diese hier nicht persönlich anwesenden Personen sind im Grunde genommen nicht zurechnungsfähig.”

Also ja, es geht um das YouTube-Video, das vor Kurzem durch einige Verteiler ging, in dem ein Vortrag auf der „Skepkon“ gezeigt wurde, der sich “kritisch™” und “wissenschaftlich™ fundiert™” mit ritueller Gewalt beschäftigt hat.
Weil wir uns an dem Umstand, dass es diese Bühnen und Positionen überhaupt gibt nicht aufrauchen wollten, war das Ziel sich damit zu befassen, was es für uns bedeutet und ausmacht, was dort “diskutiert™” wurde.

Am Ende zeigt sich für uns in der Aufnahme, dass es vielleicht aber doch ein Gespräch darüber wurde, dass es diese Menschen und Positionen gibt. Und dass der Diskurs einer ist, der so scharfe Kanten hat, dass es nur allzu leicht ist in eine “ganz oder gar nicht”-Haltung zu geraten.

Während Renée beschreiben, welche Rolle die Wahrheit für sie spielt und die eigene Glaubwürdigkeit wichtig ist, kamen wir für uns nicht so richtig dazu unsere Position nachvollziehbar darzulegen und zu begründen.
Das wollen hier nachholen und in Bezug setzen.

Zu Beginn sei gesagt, dass wir in dem “Bitte glaub mir”-Kreisel glücklicherweise nie wirklich drin waren. Wir hatten andere Gründe als die Art unserer Gewalterfahrungen, zu denken, dass man uns nicht glaubt, dass man uns für verrückt hält und entsprechend demütigt, ausgrenzt, ohnmächtig macht und hält.

Heute wissen wir, dass wir Autismus bedingt völlig anders wahrnehmen und denken, als viele andere Menschen. Damals dachten wir, wir seien natürlicherweise durchgeknallt, verrückt, wertlos, würden permanent Dinge sehen, finden, wahrnehmen, die nicht real sind. So war es für uns kein Schock oder die Art schlimme Belastung, wie es für andere Menschen ist, als wir erstmals damit konfrontiert waren, dass Menschen uns nicht glaubten irgendwelche Gewalterfahrungen gemacht zu haben.

Wir sind diese Rolle gewöhnt und bis heute hält sich dadurch unser Anspruch in Grenzen von anderen Menschen für voll genommen zu werden. Das heißt nicht, dass wir keinen Stolz haben, oder einen Scheiß auf unsere Menschenwürde geben. Aber es heißt eine Fokusverschiebung.
Wir müssen nicht immer und bei allem Recht haben, wir brauchen nicht immer und von allen Menschen 100% ihrer Zustimmung oder Bestätigung. Was wir wollen, brauchen und auch immer wieder fordern ist Klarheit, konkrete Ergebnisse und eine Auseinandersetzung, die auf eine Zielsetzung im Umgang miteinander hat.

In der False Memory, “Skeptiker™”, Maskulisten und hastenichgesehen-Bewegung geht es ums Recht haben. Um Macht. Um Deutungshoheit. Um nichts sonst.
Eine Debatte mit ihnen hat keinen Wert für uns, denn es fehlen Diskursziele genauso wie ein aufrichtiges Interesse an einem konstruktiven, respektvollen, achtsamen Miteinander.

Der Glaube anderer Menschen an uns als Einsmensch und das, was wir als gemachte Gewalterfahrung teilen, ist für uns ebenfalls nicht wichtig.
Und zwar, weil wir “Santa Claus – eine schöne Bescherung” mit Tim Allen gesehen haben.
Ein Film, in dem er den echten Santa Claus vom Dach schubst und damit automatisch zum Ersatz für diesen wird. Und das, obwohl er gar nicht an den Weihnachtsmann glaubt. Genauso wenig wie seine Ex-Frau, deren Psychiaterfreund und überhaupt alle Menschen um ihn herum.

Das ist unser Punkt in Sachen “Glaube oder Nichtglaube”:
Es ist scheiß egal, ob und wer woran glaubt, Dinge passieren völlig unabhängig davon und erfordern einen Umgang. Das haben wir in einem anderen Text bereits beschrieben.

Nun passiert der False-Memory-Maskulisten-Skeptiker™ vs. Betroffenenvertreter_innenvereinigungen klassischerweise im natürlichen Milieu des Gewalt/Machtdiskurses.
Die Einen sagen den Anderen, dass sie falsch liegen, weil es für sie wichtig ist, Recht zu haben.
Beide mit unterschiedlichen Intensionen, moralischen Regelwerken und auch Zielvorstellungen.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bewerte weder die Einen noch die Anderen in diesem Text.
Ich lege meine, unsere Position in der Dynamik dar.
Und die ist zum Kotzen.

Denn eine “gute, kluge, mutige, starke betroffene Person” für die eine Seite, ist eine “gestörte, unzurechnungsfähige, unglaubhafte und falsch diagnostizierte Person” für die andere.
Zweifel, Hinterfragen, Reflektieren, selbst_kritisch zu sein, ist in keinem Lager wirklich so aufrichtig erwünscht wie – aufgrund der Machtrangelei natürlich zwangsläufig nötig – vor sich hergetragen.

Auch Paulines schreiben das in ihrem Text über das Video und bringen diesen Punkt immer wieder auf.
Als konkret Betroffene steht man immer zwischen Stühlen und wird als Diskursobjekt benutzt bis miss.ge.braucht.

Wir wissen, was uns passiert ist, bzw. sind wir in der Auseinandersetzung damit, was wir erlebt haben.
Völlig unerheblich, ob jemand Drittes sagt, was genau es denn nun war. Satanistenvergewaltiger oder Snufffilmproduzenten, Weltverschwörungen oder Budenzauber – das ist scheiß egal, denn es hat wehgetan, es hat Todesangst gemacht und wirkt bis heute nach, egal, ob uns jemand glaubt oder nicht, ob wir uns gegen das Leiden entscheiden oder nicht, ob wir gegen Selbstmitleid und Bitterkeit ankämpfen oder nicht.

Weshalb wir die wissenschaftliche Definition dieser Form der Gewalt begrüßen und auch eine strafrechtliche Anerkennung für wichtig halten, ergibt sich aus den Kontexten, die genau das verlangen.
Es ist der gleiche Kacketanz, wie um die Diagnose der DIS und anderer Diagnosen, die mit posttraumatischer Stressverarbeitungsproblematik zu tun haben. Es ist egal, ob wir es Blümchenneurose oder Hasenbartkringel nennen. Wichtig ist die Benennung und Einordnung dessen was passiert, weil Hilfe und Unterstützung auf eine solche Einordnung und Benennung bestehen.

Das heißt: auch da sind wir als konkret betroffene Person nicht mit unserer Glaubhaftigkeit relevant sondern damit, dass uns mit Macht befähigte Menschen in eben dieser Glaubhaftigkeit würdigen.
Und das ist, worüber niemand in dieser ganzen Suppe redet.

Wir werden nicht gewürdigt als die die wir sind, sondern als die, die gerade gut gebraucht werden, um die eigene These, politische Haltung, wissenschaftliche Überzeugung, weltbildliche Ansicht zu bestätigen.
So geht man mit Minoritäten um. Mit diskursiv Unterlegenen. Mit Opfern.

Es ist eine verbreitete Art die eigenen Thesen in einer Auseinandersetzung oder auch in einer Diagnosefindung oder einer wissenschaftlichen Studie einzig mit Beweisen dafür zu belegen. Das geht schnell, dafür ist der Wissenschaftsbetrieb, der Krankenhausbetrieb ja da. Schnell, sauber, ohne Widerredemöglichkeit in der Argumentation, weil sich dort nur Positivbeweise finden lassen.
Der Weg den Carl Popper beschrieben hat, findet bis heute noch viel zu wenig Anhänger.
Er sagt: eine These hat nur dann Bestand, wenn alles was dagegen zu sagen ist, nicht dazu führt, dass sie in sich zusammen fällt.

Warum wird das zu wenig gemacht?
Weil es zu wenigen Menschen um die Sache selbst geht.
Denn es gibt viel zu verteidigen.
Hilfe, Solidarität, Unterstützung ist Krieg in unserer Gesellschaft und das ist doch das eigentliche Absurdikum.

Einfach hingehen und unterstützen – nein das geht nicht, wir müssen erst Aufmerksamkeit, dann Glauben schenken wollen, können, dürfen. Denn genau das ist die Ware mit der gehandelt wird, als sei es keine nachwachsende Ressource der zwischenmenschlichen Interaktion, sondern das, woraus man sich Deutungshoheit, Macht und Sicherheiten zusammenbaut.

Einfach kritisch sein, nachfragen, forschen und erkunden – nein das geht nicht, wir müssen erst sicher sein, das weder wir selbst als Person noch unser sozialer Status und alles, was daran gebunden ist, dadurch nicht in Gefahr gerät.

Man nimmt sich selbst so viel damit und wir kommen bis heute nicht daran, was es ist, das Menschen dazu bringt so zu sein, zu denken, zu handeln und: zu fürchten.

Vielleicht ist das ein Auseinandersetzungskreis. Denn wir fürchten solche sozialen Statusverluste nicht und sind reich an Aufmerksamkeit für so ziemlich alle Dinge, die uns angetragen werden.
Ob wir belogen werden, merken wir selbst in der Regel als letzte Person im ganzen Raum und können selbst dann noch anerkennen, dass wir deshalb nichts verloren haben, was für uns wirklich und richtig und ehrlich echt von Bedeutung ist.

Und das ist, was wir nicht verstehen.
Warum das bei anderen Menschen nicht auch so ist.

Und das ist der Grund, weshalb wir uns hier nicht anders positionieren.
Es geht dabei nicht um Ignoranz der Debatte oder darum sich dem aus Selbstschutz nicht zu widmen.

Es geht darum nicht erneut zum Opfer zu werden und anzuerkennen, dass es in diesem Diskurs absolut 0 um uns, unsere Erfahrungen und die Frage, wie wir damit in Bezug auf die Realität, in der wir jetzt leben, zusammen mit anderen Menschen und den gegebenen Strukturen umgehen.

Wir haben weder die Gewalt überlebt, noch die prekäre Lebenssituation, in der wir bis heute sind, um uns für solche “Debatten™” herzugeben. Dafür nicht.
Niemals.

Wir haben unser Päckchen, wir haben unsere Zweifel.
Wir schmeißen jeden Tag immer wieder aus reinem Eigeninteresse Gegenthesen und Alternativen auf das, was wir uns erarbeiten und manchmal in extrem fragmentierter Form erinnern.
Und damit sind wir scheiße nochmal seit Jahren alleine.

Das ist was weh tut. Das ist was uns an der Aufmerksamkeit, die solche Veranstaltungen und „Debatten™“ ziehen, wirklich zeckt. Und das ist, was wir kommenden Generationen nicht mehr zumuten wollen.
Wir wollen, dass sich die Verhältnisse ändern.